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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 32
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Einunddreißigstes Kapitel.

Es ist der Abend des Bürgermeisterballs. Die Gäste finden sich rasch zusammen. Auf zwölf Meilen in die Runde sind die Familien des County, dazu alle die angeseheneren aus der Stadt, eingeladen. Sämmtliche Anwesenden ziehen, ehe sie sich nach dem zum Tanz hergerichteten Saal begeben, in Procession durch das Museum, um vor dem Vergnügen der Wissenschaft ihre Huldigung darzubringen.

Das Gebäude war prachtvoll beleuchtet und die Wirkung schlagend, vielleicht gerade, weil sich das Ganze so auffallend und phantastisch ausnahm. Mitten unter Blumen und immergrünen Pflanzen, die mit farbigen Lampen erhellt waren, gruppirten sich die todten Repräsentanten der dem Menschen untergeordneten, bisweilen mit todbringender Waffe versehenen Thierwelt. Die Glasaugen des Tigers funkelten aus künstlichem Gestrüpp wie aus der heimathlichen Dschengel hervor, und der gräuliche weiße Bär saß auf einem mimischen Eisberg. Dort vorne stand der kluge Elephant einem häßlichen Nilpferd gegenüber, während eine Anaconda ihre Ringe um den Stamm eines tropischen Baumes aus Zink wand. In Glaskästen eingeschlossen und durch Lampenguirlanden voll ins Licht gebracht, präsentirten sich dem Auge die gefürchteten Arten des schlimmen Gezüchts – Scorpion, Vampyr, die Brillenschlange, Insekten von prächtiger Färbung, nicht selten aber auch mit giftigem Stachel versehen.

Der Hauptstolz der Sammlung aber war die reiche Abwechslung in dem Genus Simia – Paviane und Affen, Schimpansen mit ihrem menschenähnlichen Gesicht, Spottbilder des Menschen, vom Zwergaffen an, hockend auf den Zweigen, die man von den Strauchbosketen im Garten des Bürgermeisters gebrochen hatte, bis zu dem schrecklichen, auf seine mächtige Keule gestützten Orang-Utan.

Männiglich gab gegen den Bürgermeister sein Vergnügen, gegen Andere seinen Abscheu über die so ungewohnte und etwas unheimliche, wenn gleich belehrende Zugabe zu dem Prunk eines Ballsaals zu erkennen.

Margrave war natürlich auch zugegen und schien sich ganz heimisch zu fühlen; er bewegte sich unter den prächtig gekleideten Damen von Gruppe zu Gruppe und versah mit ungemein ansprechendem kindlichem Eifer den Dienst eines Auslegers. Mit vielen von den grimmigen Gestalten wollte er gespielt oder gekämpft haben, und von jeder wußte er etwas Wahres oder etwas Falsches zu sagen. In seiner Aufgeräumtheit ließ er sogar den Tiger Bewegungen machen und ahmte das Zischen der schrecklichen Abgottschlange nach. Alles, was er that, war voll Reiz und Anmuth, so daß ihm auf allen seinen Tritten das bewundernde Flüstern und der schmeichelhafte Blick der Damen folgte.

Gleichwohl fühlte sich Alles erleichtert, als der Bürgermeister den Zug aus dem Museum nach dem Ballsaal eröffnete. Zu den Belustigungsgesellschaften der Provinz treffen die Gäste so ziemlich in derselben Stunde ein, und da nur wenige, weiche einmal den Affen und Schlangen, dem Tiger und dem Nilpferd ihren Respekt bezeugt hatten, geneigt waren, den Besuch zu wiederholen, so konnte man noch vor elf Uhr das Museum so frei finden von menschlicher Behelligung, wie die Wildniß, in welcher seine todte Bevölkerung geboren worden.

Ich hatte meine Runde durch die Zimmer gemacht, und da ich mich wenig zur Geselligkeit aufgelegt fühlte, so schlüpfte ich in den Schirm einer Fensternische, durch deren Vorhänge ich sicher verborgen zu sein glaubte – nicht daß ich schwermüthig gewesen wäre, im Gegentheil; denn der Brief, den ich am Morgen von Lilian erhalten, hatte mich so glücklich gestimmt, daß ich mich hoch erhaben fühlte über die Lust des vergnügensüchtigen jungen Volks, dessen fröhliche Stimmen sich in die Töne der sehr ordinären Musik mischten.

Um ihren Brief wieder zu lesen, hatte ich mich in mich in meinen Versteck geschlichen, und nachdem ich ihn, überzeugt, daß mich Niemand belauschte, an die Lippen gedrückt, verwahrte ich ihn wieder in meiner Brust. Ein Blick durch die Theilung des Vorhangs ließ mich bemerken, daß das Gemach verhältnißmäßig leer war; nur durch die offenen Flügelthüren wurde ich des bunten Wogens der Tanzenden ansichtig, und in einem rechten Winkel davon that sich mir den Corridor entlang auf eine Vista, die mir in dem verlassenen Museum den Anblick des großen Elephanten gewährte.

Da hörte ich mit einemmal dicht neben mir die Stimme meines Wirths.

»Hier ist ein kühles Winkelchen und ein bequemer Sopha, den Sie ganz für sich haben können. Welche Ehre, Sie unter meinem Dach bewillkommnen zu dürfen, und noch obendrein bei einer so interessanten Gelegenheit! Ja, Sie haben Recht, wenn Sie sagen, es seien in Ihrer Abwesenheit hier große Veränderungen vorgegangen. Die Gesellschaft hat einen Aufschwung genommen. Ich muß mich umsehen, ob ich nicht einige Personen finde, die ich Ihnen vorstellen kann – natürlich geistvolle Leute, denn ich kenne Ihren Geschmack. Wir haben hier einen ausgezeichneten Mann – einen neuen Doktor. Reißt Alles hin – dazu ein trefflicher Charakter – gute alte Familie – und allgemein geschätzt auch außer seinem Beruf. Ein bischen rechthaberisch und orakelhaft – ›läßt keinen Hund bellen‹; Sie kennen das Citat – Shakespeare. Um Alles, wo ist er wohl? Mein verehrter Sir Philipp, ich bin überzeugt, daß Sie sich gerne mit ihm unterhalten werden.«

Sir Philipp! Konnte der Mann, dem der Bürgermeister eine so schmeichelhafte, obschon kaum sehr empfehlende Schilderung von mir gemacht hatte, Sir Philipp Derval sein? Die Neugier in Verbindung mit dem Schicklichkeitsgefühl, da ich mich nicht für einen unbefugten Lauscher angesehen wissen wollte, bewog mich, leise hinter meinem Vorhang hervorzuschlüpfen, und ich erreichte die Mitte des Gemachs, eh' der Bürgermeister meiner gewahr wurde. Dann kam er hastig auf mich zu, nahm mich beim Arm und führte mich einem Herrn vor, der dicht neben der von mir verlassenen Nische auf einem Sopha saß.

»Doktor,« sagte der Bürgermeister, »ich muß Sie dem Sir Philipp Derval vorstellen, der eben nach England zurückgekehrt ist und sich noch keine sechs Stunden in L– – aufhält. Wenn Sie sich das Museum noch einmal betrachten wollen, Sir Philipp, so wird Ihnen sicherlich der Doktor gerne Gesellschaft leisten.«

»Nein, ich danke. Es macht vorderhand noch einen schmerzlichen Eindruck auf mich, sogar unter Ihrem Dach die Sammlung zu sehen, zu der mein lieber armer Freund Doktor Lloyd so stolz den Grund legte, als ich aus dieser Gegend schied.«

»Ja, Sir Philipp, Doktor Lloyd war in seiner Art ein recht würdiger Mann, ließ sich aber in seinen letzten Jahren elend an der Nase herumführen. Denken Sie nur, er verlegte sich auf den Mesmerismus. Aber unser junger Doktor da hat ihm heimgezündet, kann ich Ihnen sagen.«

Sir Philipp hatte meine Vorstellung mit der ruhigen Höflichkeit eines an dergleichen Ceremonien gewöhnten gebildeten Mannes entgegengenommen; auf die letztere Bemerkung unseres Wirthes aber zeigte sich in seinem Wesen eine leichte Veränderung, welche bekundete, wie wenig mir die Anspielung auf meinen Streit mit Doktor Lloyd bei dem Fremden zu statten gekommen war. Er wandte sich mit einer förmlicheren Verbeugung, als seine erste gewesen, von mir ab und sagte ruhig:

»Ich bedaure, hören zu müssen, daß ein so einfacher und zartfühlender Mann wie Doktor Lloyd zu einem Streit Anlaß gab, in dem er, wie ich mir wohl denken kann, den Kürzeren zog. Wenn Sie erlauben, Herr Bürgermeister, so will ich mich in Ihrem Ballsaal umsehen; vielleicht finde ich einige alte Bekannte.«

Er ging auf die Saalthüre zu. Der Bürgermeister, der noch immer meinen Arm festhielt, folgte ihm, mich nachschleppend, auf dem Fuß und sagte in seinem lauten herzlichen Ton:

»Kommen Sie auch mit, Doktor Fenwick. Meine Mädchen sind da, und Sie haben noch nicht mit ihnen gesprochen.«

Sir Philipp, der schon das halbe Gemach zurückgelegt hatte, wandte sich jetzt plötzlich um, sah mir voll ins Gesicht und sprach:

»Fenwick – heißen Sie Fenwick? – Allen Fenwick?«

»Das ist mein Name, Sir Philipp.«

»Dann erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu drücken; Sie sind für mich kein Fremder und keine bloße Bekanntschaft. Herr Bürgermeister, wir kommen später in den Saal und wollen Sie jetzt nicht Ihren anderen Gästen entziehen.«

Der Bürgermeister, der diese summarische Entlastung nicht im Mindesten übel nahm, lächelte, ging weiter und hatte sich bald im Gedränge verloren.

Sir Philipp, der mich noch immer bei der Hand hielt, nahm wieder auf dem Sopha Platz, und ich setzte mich an seine Seite. Das Zimmer blieb leer; nur hin und wieder steckte einer der Ballgäste den Kopf herein und zog sich sodann aufs Neue nach dem Mittelpunkt der Anziehung zurück.

»Ich versuche zu errathen, wie Ihnen mein Name bekannt worden sein mag,« sagte ich. »Haben Sie vielleicht einmal die Seen besucht und meinen Vater kennen gelernt?«

»Nein; ich kenne Niemand Ihres Namens, als Sie selbst, wenn Sie anders, wie ich nicht zweifle, derselbe Allen Fenwick sind, gegen den ich in großer Verpflichtung stehe. Sie hielten sich als Student der Medicin im Jahre *** in Edinburg auf?«

»Ja.«

»Gut. Um dieselbe Zeit war auch ein junger Mann, Namens Richard Strahan, in Edinburg. Er hatte sein Quartier in einem vierten Stockwerk der alten Stadt.«

»Ich erinnere mich seiner noch recht gut.«

»Und Sie erinnern sich wohl auch noch des Feuers, das Nachts in dem Haus ausbrach, in welchem er wohnte, und das, als es entdeckt wurde, jede Aussicht zu seiner Rettung auszuschließen schien. Die Flammen wütheten durch den unteren Theil des Hauses und hatten bereits die Treppe verzehrt. Ein Jüngling, kaum so alt als er selbst, war in dem Haufen der Gaffer das einzige menschliche Wesen, welches es wagte, die Leiter zu besteigen, welche kaum bis zu den qualmenden Rauch ausspeienden Fenstern reichte; er drang in das Zimmer, in welchem der Bewohner fast die Besinnung verloren hatte, brachte ihn zu sich, schleppte ihn nach dem Fenster, schob ihn auf die Leiter und rettete ihm schon damals das Leben, that es aber später noch einmal, indem er seiner kühnen Mannesthat dadurch die Krone aufsetzte, daß er seinen leidenden Nächsten mit der Zärtlichkeit einer Mutter pflegte, als dieser in Folge des Schreckens und der Aufregung von einem heftigen Fieber ergriffen wurde. Der Name jenes wackeren Studenten war Allen Fenwick, und Richard Strahan ist mein nächster lebender Verwandter. Sind wir jetzt Freunde?«

Ich gab eine verwirrte Antwort. Ich hatte den Vorfall, von dem er sprach, fast vergessen. Richard Strahan war keiner von meinen näheren Universitätsfreunden gewesen, und ich hatte seit seinem Austritt aus dem College nichts mehr von ihm gehört. Ich fragte, was aus ihm geworden sei.

»Er ist schottischer Advokat,« versetzte Sir Philipp, »und natürlich ohne Praxis. Wie ich höre, hat er gute Fähigkeiten, aber keine Gelegenheit zu ihrer Verwendung. Wenn ich indeß recht unterrichtet bin, so ist er ein durchaus ehrenhafter, wackerer Mann von anhänglichem und dankbarem Charakter.«

»Was Sie zu seinem Lobe gesagt haben, kann ich Ihnen verbürgen. Die Eigenschaften, deren Sie erwähnen, hatten in dem Jüngling zu tiefe Wurzeln geschlagen, als daß sie ihm jetzt sollten abhanden gekommen sein.«

Sir Philipp vertiefte sich eine Weile in stummes Nachdenken. Ich benützte sein Schweigen dazu, den Mann aufmerksamer zu betrachten, als ich bisher gethan hatte, obschon mir sein Aeußeres schon auf den ersten Blick aufgefallen war.

Er hatte nicht ganz Mittelgröße und dabei eine so zarte Gestalt, daß man sie eher schwächlich als schmächtig nennen konnte. In seiner Miene und Haltung sprach sich eine merkwürdige Würde aus. Sein Gesicht bildete einen eigenthümlichen Gegensatz zu seiner Figur, denn so zart die letztere war, so gewaltig imponirte das erstere. Er hatte seinem Aussehen nach voll das Alter, das ihm sein Verwalter zugeschrieben – ungefähr achtundvierzig, und dem oberflächlichen Blick mochte er sogar älter erscheinen; denn sein Haar war vor der Zeit weiß – nicht grau, sondern weiß wie der Schnee – geworden. Aber seine Augbrauen zeigten noch eine pechschwarze Farbe und seine gleichfalls dunklen Augen einen ruhigen Glanz. Seine Stirne war prächtig, hoch und breit, und zwischen seinen Brauen sah man nur eine einzige leichte Furche. Seine Gesichtsfarbe erschien wohl sonnverbrannt, zeigte aber keine Spur von schwacher Gesundheit. Seine Lippen hatten die Modellirung, wie man sie häufig an Männern wahrnimmt, die an Gefahren gewöhnt sind und durch das Bestehen derselben großes Selbstvertrauen gewonnen haben: sie waren leicht zusammengepreßt und in ihrem Ausdruck fest und ruhig. Auch wirkte die Macht, die aus diesem edlen Antlitz sprach, nicht einschüchternd oder herausfordernd, sondern verrieth vielmehr einen milden, wohlwollenden Charakter. Ein von schwerer Tyrannei Bedrängter, der sich verzweifelnd nach einem Beschützer umgesehen hätte, würde beim Anblick dieses Gesichts gerufen haben: »Hier ist der Mann, der die Macht und den Willen hat, mich zu beschützen.«

Sir Philipp war der erste, der das Schweigen unterbrach.

»Ich habe durch ganz England so viele Verwandte, daß zum Glück nicht einer davon es wagen kann, auf meine Hinterlassenschaft zu rechnen, wenn ich kinderlos sterben sollte; es wird sich daher keiner verletzt fühlen, wenn er vielleicht in einigen Wochen aus den Zeitungen erfährt, daß Philipp Derval in den Stand der Ehe getreten ist. Doch für Richard Strahan muß ich etwas thun, eh' diese Kunde in die Oeffentlichkeit gelangt, obschon ich ihn nie gesehen habe. Seine Schwester ist mir sehr theuer gewesen.«

»Ihre Nachbarn werden sich freuen über Ihre Vermählung, Sir Philipp, da Sie vermuthlich davon Anlaß nehmen, sich unter ihnen in Derval Court niederzulassen.«

»In Derval Court? Nein; dort werde ich nicht meinen Wohnsitz nehmen.« Es trat abermals eine kurze Pause ein; dann fuhr er fort: »Ich habe lang ein unstetes Leben geführt und im Lauf desselben viel gelernt, was die Weisheit der Städte nicht lehren kann. Ich kehre in mein Heimathland zurück mit der innigen Ueberzeugung, daß das größte Glück des Lebens aus dem Verkehr mit einer großen Gesammtheit quillt. Ich bin von meinem Weg abgegangen, um zu thun, was mir als gut erschien, und abzuwenden oder zu mildern, was mir als ein Uebel vorkam. Jetzt halte ich inne und frage mich selbst, ob das tugendhafteste Dasein nicht da zu finden sei, wo die Tugend ohne Zwang aus den Quellen einer ruhigen Alltagsthätigkeit hervortritt – wo der Mensch das Gute thut, ohne ängstlich danach zu suchen, und es unwillkürlich übt einfach deßhalb, weil es gut ist und weil er lebt. So bin ich denn nach England zurückgekehrt in der Absicht, trotz meines vorgerückten Alters mich zu verehlichen, und verspreche mir von diesem Schritt so viel Glück, als jeder praktische Mensch bei einem ähnlichen in Aussicht nimmt. Aber in Derval Court will ich mich nicht häuslich machen. Ich werde entweder in London oder in dessen unmittelbarer Umgebung meinen Sitz aufschlagen und da Geister um mich zu sammeln suchen, die mich befähigen, die Kenntnisse, die ich erworben, zu verbessern; wenn ich nicht etwa in die Lage kommen sollte, sie ihnen anzuvertrauen.«

»Ich habe zufällig in Erfahrung gebracht, daß Sie ein Freund wissenschaftlicher Forschung sind, und wundere mich daher nicht, wenn Sie nach so langer Abwesenheit aus England ein Verlangen tragen, zu erfahren, welche neue Entdeckungen gemacht wurden und welche neue Ideen die Entwicklung der Keime zu künftiger Entdeckung anbahnen. Doch entschuldigen Sie, wenn ich als Antwort auf Ihre Schlußbemerkung mir zu sagen erlaube, daß Niemand hoffen kann, einen Irrthum in seinem eigenen Wissen zu verbessern, wofern er nicht den Muth hat, diesen Irrthum sachkundigen Personen zu vertrauen. La Place sagt: › Tout se tient dans la chaine immense des vérités (Alles hält sich in der endlosen Kette der Wahrheiten),‹ und der Irrthum, den wir uns in einer speciell von uns gepflegten Wissenschaft zu Schulden kommen lassen, ist oft nur zu erkennen, wenn wir das Licht einer anderen, von einem Anderen vorzugsweise cultivirten Wissenschaft zu Hülfe nehmen. Darum ist auch schon bei dem Ringen nach der Wahrheit eine offene Darlegung des Erreichten an verwandte Geister so wichtig für den redlichen Forscher.«

»Was Sie sagen, gefällt mir wohl,« versetzte Sir Philipp, »und noch mehr soll es mich freuen, wenn ich in Ihnen den Mann finde, dem ich mich vertrauen kann. Doch um was handelte sich's bei Ihrem Streit mit meinem alten Freund, dem Doktor Lloyd? Wenn ich unseren Wirth recht verstanden habe, so bezog er sich auf das, was man letzter Zeit in Europa als Mesmerismus zu bezeichnen beliebt hat?«

Ich wünschte sehr, mir die gute Meinung eines Mannes zu gewinnen, der mich mit so auszeichnender und vertraulicher Freundlichkeit behandelt hatte, und drückte gegen ihn mein aufrichtiges Bedauern über die Herbheit in meinem Angriff gegen Doktor Lloyd aus, obschon ich es nicht über mich gewinnen konnte, in Beziehung auf seine Theorien und Behauptungen meine Verachtung zu unterdrücken. Ich ließ mich eines Weiteren aus über die maßlosen Verirrungen, zu welchen eine fabelhafte Hellseherei verleitete und die sich als eitel Trug herausstellten, so bald man sie dem Probirstein einer nüchternen Prüfung unterwarf. Die Wirkungen der Einbildungskraft auf gewisse nervöse Constitutionen zog ich allerdings nicht in Abrede. ›Der Mesmerismus könne Niemand heilen, wohl aber der Glaube. Es wiederhole sich hier die wohlbekannte Geschichte von dem alten Weib, das als Hexe vor Gericht gestellt wurde; sie kurirte das Fieber vermittelst eines Amulets, gab die Anschuldigung zu und war bereit, für die Wirksamkeit ihres Zaubermittels Galgen und Scheiterhaufen zu bestehen, ein Martyrerthum, mit dem wohl kein Magnetiseur die Wahrheit seiner Versicherungen werde verbürgen wollen. Und das Mittel bestand einfach aus einem in einen alten Beutel eingenähten Zettel mit etlichen unverständlichen Worten, die der Richter selbst in muthwilliger Laune niedergeschrieben und dem Weib bei Gelegenheit eines Gerichtsumgangs gegeben hatte, welchen er als junger lockerer Assistent mitmachte. Das Amulet kurirte freilich, aber eben auch nur, wie der Mesmerismus. Thoren glaubten daran, und der Glaube, der Berge versetzt, möge wohl auch ein Fieber heilen.‹

So machte ich fort und unterstützte meine Ansichten mit Anekdoten und Thatsachen, die Sir Philipp mit freundlichem Ernst anhörte. Nachdem ich zu Ende gekommen war, entgegnete er:

»Den Mesmerismus, wie man in Europa ihn treibt, kenne ich nicht, wenigstens nicht anders als vom Hörensagen. Ich begreife wohl, daß die Aerzte Anstand nehmen, ihm eine Berechtigung unter den legitimen Hülfmitteln einer orthodoxen Pathologie zuzugestehen, weil er nach dem, was Sie und Andere über seine Anwendung sagen, im besten Fall ein zu unsicheres Agens ist, um den Anforderungen der Wissenschaft zu genügen. Gleichwohl dürfte sie eine Prüfung seiner angeblichen Wirksamkeit befähigen, die Wahrheit zu erkennen, welche den Kräften der sogenannten Hexerei zu Grunde liegt. Das Wohlwollen besitzt der Bosheit gegenüber nur eine untergeordnete Wirksamkeit, und der Magnetismus, zu schlimmen Zwecken verwendet, könnte großentheils die Räthsel der Zauberei lösen. Doch genug hievon vorderhand. Was übrigens das betrifft, was Sie als die ungereimteste und unglaublichste Anmaßung des Mesmerismus verwerfen und was Sie mit dem Wort ›Hellseherei‹ bezeichnen, so ist mir klar, daß Sie nie selbst Zeuge dieser sehr unvollkommenen Kundgebungen gewesen sind, welche Sie ohne Weiteres für Betrug erklären. Ich nenne sie unvollkommen, weil es nur eine beschränkte Zahl von Personen gibt, auf welche der Blick oder der Strich des Mesmeristen einwirkt, und unter solchen Mitteln rückt, wenn nicht andere dazu kommen, der magnetische Schlaf selten über die erste, schattenhafte Dämmerung jenes Zustandes hinaus, dem ich in seiner weiteren Entwicklung den Namen ›Verzückung‹ beilegen möchte. Die Verzückung aber ist ein ebenso wesenhafter Zustand des Seins, wie der Schlaf oder das Wachen, und richtet sich nach ihr eigenthümlichen Gesetzen. Ungleich der Hellseherei läßt sich die Verzückung durch Mittel, die im Bereich unserer Naturwissenschaften liegen, in jedem menschlichen Wesen hervorrufen, wie unzugänglich es auch dem Einfluß des bloßen Mesmerismus sein mag.«

»In jedem menschlichen Wesen sagen Sie? Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen darauf erwiedere, daß ich erbötig bin, meine eigene Person zur Probe herzugeben.«

»Ist es Ihnen ernst? Sie wollen sich selbst dem Versuch unterwerfen?«

»Mit aller Bereitwilligkeit.«

»Ich werde Sie an dieses Erbieten erinnern. Doch um auf unseren Gegenstand zurückzukommen. Unter dem Wort Verzückung verstehe ich nicht ausschließlich die spirituelle Verzückung der alexandrinischen Platoniker. Es gibt eine Art derselben – und für diese sind alle menschlichen Wesen empfänglich – an welcher die Seele keinen Antheil hat; nur diese meine ich und muß zugleich bemerken, daß sie sich auch bei einigen der niedereren Thiere hervorrufen läßt. Die Verzückung ist daher eben so wenig ein Beweis für das Vorhandensein der Seele, als das Hellsehen der Mesmeristen oder der Traum unseres gewöhnlichen Schlafs, den man auch für einen solchen Beweis angesprochen hat, obschon Jedermann, der schon einen Hund besessen, die Wahrnehmung gemacht haben muß, daß die Hunde eben so lebhaft träumen, wie wir. In unserer Verzückung aber findet eine außerordentliche Gehirnthätigkeit statt; es entwickelt sich eine in die Ferne wirkende Kraft, durch welche der Geist, verschieden von der Seele, allen materiellen Hindernissen zum Trotz seine Strahlungen ins Weite entsendet, gerade so wie die Geruchselemente einer Blume durch einen veränderten Zustand der Atmosphäre in die Ferne getragen werden. Dies sollte Sie nicht überraschen. Im wachen Zustand wandert der Gedanke über Land und Meer; er kann es auch thun während der Verzückung, ja sogar in einem gesteigerten Grade. Es gibt jedoch noch eine andere Art von Verzückung, die mit Recht die seelische oder spirituelle heißt; nur ist sie viel seltener, und in ihr hebt die Seele die bloße Thätigkeit des Geistes vollständig auf.«

»Halt!« versetzte ich, »Sie sprechen von der Seele als von einer Substanz, die verschieden ist von dem Geist. Ich kann mir nicht vorstellen, was Sie sich dann unter Seele denken, da ich sie von dem Verstand nicht zu trennen vermag.«

»Wirklich nicht? Ein Schlag auf den Schädel kann den Verstand vernichten; glauben Sie, daß er auch die Seele zerstöre? Man erzählt von Newton, im Alter haben seine Geisteskräfte so abgenommen, daß ihm die von ihm selbst erfundenen Lehrsätze unverständlich wurden. Nehmen Sie an, Newtons Seele sei eben so schwach geworden, wie sein Geist? Wenn Sie nicht zwischen Geist und Seele unterscheiden können, so weiß ich nicht, durch welche vernunftmäßigen Folgerungen Sie zu dem Schluß gelangen, daß die Seele unvergänglich sei.«

Ich blieb stumm. Sir Philipp heftete seine dunklen Augen ruhig und forschend auf mich; nach einer kurzen Pause fuhr er fort:

»Fast jeder bekannte Naturkörper kann in drei verschiedenen Zuständen auftreten – als fest, als tropfbarflüssig und als luftförmig. Diese Formen ihres Daseins sind von der in ihnen enthaltenen Wärmemenge abhängig. Derselbe Gegenstand kann in dem einen Augenblick als tropfbarflüssig, im nächsten als fester Körper und in wieder einem anderen als Gas erscheinen. Das Wasser, das vor unseren Augen dahin strömt, kann zu Eis erstarren oder als Dampf in die Luft aufsteigen. Ebenso bemerken wir an dem Menschen drei verschiedene Zustände des Seins, den thierischen, den geistigen und den seelischen – und je nachdem er mit dem verborgenen keinem Auge sichtlichen und unwägbaren Agens der ganzen natürlichen Welt, das wir gemeiniglich Wärme nennen und das von der Wissenschaft noch nicht erklärt ist, in Verbindung oder in Verwandtschaft gebracht wird, gewinnt einer oder der andere dieser drei Zustände die Oberhand.«

Ich schwieg noch immer, da ich nicht so unhöflich sein mochte, einem Fremden, der so viel älter war als ich, zu sagen, daß er mir alle die Grundlagen der Philosophie, auf die er pochte, umzustürzen scheine, indem er kühne und unklare Spekulationen auf Analogien baue, die selbst an einem Dichter phantastisch erscheinen würden. Nach einer Pause nahm Sir Philipp mit einem Lächeln wieder auf:

»Nach dem, was Sie bereits von mir gehört haben, wird es Sie vielleicht nicht sehr überraschen, wenn ich beifüge, daß wir ohne meinen Glauben an die Kräfte, welche ich der Verzückung beilege, in diesem Augenblick wohl nicht mit einander bekannt geworden wären.«

»Wie – ich bitte, erklären Sie mir dies.«

»Gewisse Umstände, die ich später ausführlicher Ihnen mittheilen zu können hoffe, haben mir die Verpflichtung auferlegt, einem Geschöpf, das mit bösen Kräften der schrecklichsten Art ausgestattet ist, nachzuspüren und es in den Bereich der menschlichen Gesetze zu bringen. Dieses Ungeheuer – denn es ist im buchstäblichen Sinn ein solches und nicht ein Mensch wie wir – hat durch Künste, wie sie selbst dem schlauesten gewöhnlichen Flüchtling nicht zu Gebot stehen, seit Jahren meinen Nachforschungen auszuweichen gewußt. Durch die Verzückung eines arabischen Kindes, das im wachen Zustand nie etwas von diesem Wesen gehört hatte, erfuhr ich, daß es sich gegenwärtig in England und zwar in L– – aufhalte. So bin ich denn hieher gekommen, um ihm in den Weg zu treten. Ich erwarte, daß es in dieser Nacht und unter diesem Dache geschehen wird.«

»Sir Philipp!«

»Und wenn es, wie ich mir wohl denken kann, Sie wundert, warum ich in dieser auffallenden Rückhaltlosigkeit mit Ihnen spreche, so diene Ihnen als Erklärung, daß dasselbe arabische Mädchen, auf das ich mich so unbedingt verlasse, mir die Mittheilung gemacht hat; auch Ihr Leben stehe in Beziehung zu dem Geschöpf, das ich zu entlarven und zu entwaffnen suche – es drohe Ihnen Vernichtung durch die Arglist des Verderbers oder seiner Werkzeuge; oder würden Sie mit in die Ursachen verwoben, welche den Untergang desselben herbeizuführen geeignet sind.«

»Mein Leben bedroht? Nannte Ihr arabisches Kind meinen Namen – Allen Fenwick?«

»Das Mädchen sagte mir, die Person, in welcher ich einen so natürlichen Verbündeten zu suchen habe, sei der Lebensretter des Mannes, welchen ich für den Fall, daß ich unverehlicht und kinderlos stürbe, zu meinem Erben bestimmt habe. Sie theilte mir ferner mit, ich werde Sie schon nach wenigen Stunden meines Aufenthalts in dieser Stadt, die sie mir aufs Genaueste beschrieb, kennen lernen. Sie schilderte mir dieses Haus mit jenen Lichtern und jenen Tänzern. In ihrer Verzückung sah sie uns so, wie es jetzt der Fall ist, neben einander sitzen. Gleich beim Eintritt in diese Stadt wurde ich von unserem Wirth angesprochen, und ich nahm seine Einladung an in der zuversichtlichen Erwartung, Ihnen hier zu begegnen, ohne auch nur zu fragen, ob eine Person Ihres Namens sich in L– – aufhalte. Und nun wissen Sie, warum ich so unverholen mein Herz vor Ihnen ausschüttete, obschon ich fürchten muß, daß der Arzt daraus den Schluß ziehen könnte, es stehe nicht richtig mit meinem Verstand. Dasselbe Kind, dessen Gesicht sich bis zu diesem Augenblick verwirklicht hat, warnte mich auch vor einer großen Gefahr, die mir hier bevorstehe. Welcher Art sie sei, wollte ich nicht wissen, denn ich habe mich stets enthalten, das, was nur mein eigenes Leben auf dieser Erde angeht, von der Zukunft zu erfragen. In Beziehung auf dieses Leben bin ich vollkommen gleichgültig, weil ich weiß, daß ich, so lang es währt, nur im Maß meiner unvollkommenen Kräfte redlich die Pflichten zu erfüllen habe, um deren willen es mir geschenkt ist. Verfallen doch selbst die kräftigsten Geister und die reinsten Seelen leicht in die Trägheit, zu welcher gewöhnlich der Glaube an eine Vorherbestimmung verleitet, wenn sie sich durch die grimmigen Schatten der Zukunft einschüchtern und für den Augenblick des Handelns lähmen lassen. Nur wo ohne Rücksicht auf Etwas, das mich selbst bedrohen mag, mein eigener Verstand mir nicht genug Licht gibt, um das Böse zu entwaffnen oder das Gute zu erfüllen, halte ich mich für berechtigt, meine Zuflucht zu jenen Spiegeln zu nehmen, in welchen sich die nahen und fernen Gegenstände ruhig und bestimmt reflektiren, wie die Ufer und die Bergspitzen von der glatten Oberfläche eines Sees wiederstrahlen. Hier also, unter diesem Dach und an Ihrer Seite werde ich den sehen, welcher – Halt! Der Augenblick ist gekommen – ich sehe ihn eben.«

Während der letzten Worte hatte Sir Philipp sich von seinem Sitz erhoben und dabei durch seine Geberde und seine Stimme einen solchen Eindruck auf mich gemacht, daß ich unwillkührlich seinem Beispiel folgte.

Seine eine Hand ruhte auf meiner Schulter und seine andere deutete nach der Schwelle des Ballsaals. Dort stand als die hervorragendste Gestalt unter einer heiteren Gruppe und als der einzige Mann in Mitte eines flatternden Kreises von Seide und Schleiertuch, von Blumenkränzen, weiblicher Anmuth und weiblichem Flitterstaat das strahlende Bild Margraves. Seine Augen waren nicht gegen uns gerichtet. Er blickte zu Boden, und sein leises Lachen tönte leicht, aber klangvoll durch das allgemeine Geflüster.

Ich sah erstaunt auf Sir Philipp zurück; ja, es unterlag keinem Zweifel – seine Blicke hafteten auf Margrave.

Es war unmöglich, mit dem Bild dieser schönen Jugend den Gedanken an ein Verbrechen in Verbindung zu bringen! Ueberspannte Ansichten – phantastische Entwürfe – lebhafter Egoismus – mangelhaftes Wohlwollen – ja. Aber Verbrechen? – Nein – unmöglich!

»Unmöglich!« sagte ich laut.

Während dieses meines Ausrufs hatte sich die Gruppe weiter bewegt, und Margrave war nicht mehr zu sehen. In demselben Augenblick kamen andere Gäste aus dem Ballsall und nahmen in unserer Nähe Platz. Sir Philipp schaute umher; als er am Ende des Gangs das verlassene Museum bemerkte, nahm er mich beim Arm und führte mich dahin.

So bald wir allein waren, sagte er hastig mit gedämpfter, aber gleichwohl entschiedener Stimme:

»Es ist von Wichtigkeit, daß ich Sie unverweilt von der wahren Beschaffenheit dieses Ungeheuers überzeuge, das der Menschheit feindseliger gegenüber steht, als der Wolf der Schafherde. Vorderhand würden meinerseits Worte nicht zureichen, um den Schleier der Täuschung zu lüften, der Ihren Blick beirrt. Ich muß Sie in die Lage versetzen, für sich selbst zu urtheilen. Dies soll jetzt und hier auf dieser Stelle geschehen. Er wird, wenn er es nicht etwa schon weiß, heute Nacht noch erfahren, daß ich in der Stadt bin. So unbestimmt und wirr auch seine Erinnerungen an mich sein mögen, so sind es doch Erinnerungen, und er weiß wohl, welche Ursache er hat, mich zu fürchten. Ich muß einen Anderen in sein Geheimniß einweihen. Einen Anderen, und zwar sogleich. Denn er wird alle seine Künste gegen mich spielen lassen, und ich kann ihren Erfolg nicht voraus sagen. Gehen Sie also; mischen Sie sich in jenes schwindlige Gedränge, nehmen Sie den scheinbar jungen Mann bei Seite und bringen Sie ihn hieher. Hüten Sie sich wohl, meinen Namen gegen ihn zu erwähnen; und wenn Sie hier sind, so drehen Sie den Schlüssel in der Thüre um, damit wir keine Störung zu erfahren haben. Fünf Minuten werden zureichen.«

»Bin ich auch gewiß, daß ich errathe, wen Sie meinen? Den leichtherzigen jungen Mann, der hier in dieser Stadt unter dem Namen Margrave bekannt ist? Den jungen Mann mit den leuchtenden Augen und den Locken einer griechischen Statue?«

»Denselben – ihn, auf den ich mit dem Finger gedeutet habe. Hurtig, bringen Sie ihn her.«

Meine Neugierde war zu sehr angeregt, als daß ich nicht hätte Folge leisten sollen. Wäre mir der Gedanke an die Möglichkeit zu Sinn gekommen, Margrave habe vielleicht in der Hitze der Jugend sich ein Vergehen zu schulden kommen lasten, das ihn mit dem Arm des Gesetzes bedrohte und in Sir Philipp Dervals Gewalt gab, so würde mich schon die Theilnahme des Grenzwohners für von der Polizei verfolgte Unglückliche bewogen haben, dem Mann, dem ich freundschaftlich die Hand gedrückt, einen Wink zu ertheilen, und ihm zum Entkommen behülflich zu sein. Aber Sir Philipps Reden hatten sich so gar außer dem Bereich der gesunden Vernunft bewegt, daß ich eher die Enthüllung irgend einer seltsamen Verblendung, als eine wohlgegründete Anklage gegen Margrave zu erleben erwartete. Als ich daher in den Ballsaal trat und mich Margrave näherte, handelte ich bloß unter dem Einfluß jener Neugierde, die unter ähnlichen Umständen sicherlich jeder meiner Leser gefühlt haben würde.

Margrave stand in der Nähe der Tanzenden, ohne selbst am Tanz theilzunehmen, und unterhielt sich mit einem in der Reihe stehenden jungen Paar. Ich nahm ihn bei Seite.

»Kommen Sie auf einige Minuten mit mir nach dem Museum; ich wünsche mit Ihnen zu sprechen.«

»Ueber was – über ein Experiment?«

»Ja, von einem Experiment.«

»Dann stehe ich Ihnen zu Dienst.«

Eine Minute später trat er mit mir in das todtenstille Museum. Ich sah mich um, konnte aber Sir Philipp nicht wahrnehmen.

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