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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 31
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Dreißigstes Kapitel.

Ich besuchte noch am nämlichen Tag Frau Poyntz und vertraute ihr die freudige Botschaft.

Sie war mit ihrem ewigen Stricken beschäftigt, und ihre festen Finger reihten Masche an Masche, während sie zuhörte. Nachdem ich ausgesprochen hatte, legte sie bedächtig ihre Arbeit nieder und sagte in ihrer charakteristischen Lieblingssprache:

»Endlich also! – Dies ist abgethan!«

Sie stand auf und schritt durch das Zimmer, wie etwa Männer beim Nachdenken zu thun pflegen (Frauen bedürfen selten einer solchen Bewegung, um ihren Gedanken nachzuhelfen). Ihre Augen waren dabei auf den Boden geheftet, und sie drückte eine ihrer Hände leicht in die Fläche der anderen, als komme sie bei der Erwägung einer schwierigen Frage zum Schluß. Endlich hielt sie inne, trat vor mich hin und sagte trocken:

»Empfangen Sie meinen Glückwunsch. Das Leben lächelt Ihnen jetzt; bewahren Sie dieses Lächeln, und wenn wir das nächste Mal uns wieder begegnen, sind wir vielleicht festere Freunde als jetzt.«

»Die nächste Begegnung wird wohl heute Abend stattfinden, denn Sie fehlen sicherlich nicht bei dem großen Bürgermeisterball. Der ganze Berg läßt sich ja heute zu der unteren Stadt herab.«

»Nein; wir müssen diesen Nachmittag L– – verlassen und werden in weniger als zwei Stunden abgereist sein – eine Familienangelegenheit. Wir bleiben vielleicht Wochen aus; Sie werden mich daher entschuldigen, wenn ich mich so unceremoniös von Ihnen verabschiede. Halt! noch eine mütterliche Ermahnung zur Vorsicht. Sie haben da einen Freund, den Herrn Margrave; werden Sie nicht zu vertraut mit ihm, namentlich wenn Sie einmal verheirathet sind. In diesem Fremden, von dem man so wenig weiß, liegt etwas, was ich nicht begreifen kann – etwas, das zugleich anzieht und empört. Obschon ich eine einfache Weltfrau bin, finde ich doch, daß er meine Gedanken beunruhigt, meine Muthmaßungen verwirrt und meiner Phantasie zu schaffen macht. Lilian ist sehr phantasiereich; behüten Sie ihre Einbildungskraft, auch wenn Sie ihres Herzens sicher sein können. Nehmen Sie sich vor Margrave in Acht. Glauben Sie mir, je bälder er L– – verläßt, desto besser ist es für Ihren Seelenfrieden. Leben Sie wohl; ich muß Vorbereitungen treffen für meine Reise.«

»Diese Frau scheint eine seltsame üble Meinung zu hegen von der armen Lilian,« murmelte ich vor mich hin, als ich ihr Haus verließ; »denn stets sucht sie mein Mißtrauen zu wecken gegen dieses hehre Wesen, das mir eben einen so unzweideutigen Beweis von seiner Treue gegeben hat. Und doch – und doch – könnte sie nicht Recht haben? Dieser Margrave mit seiner abenteuerlichen Denkweise und seiner auffallenden Schönheit – ja, ja, er könnte in gefährlicher Weise dem Hang zum Mystischen und Träumerischen, der mich an Lilian beunruhigt, Vorschub leisten. Lilian darf nicht mit ihm bekannt werden. Wie greif' ich's an, um ihn von L– – fortzubringen? Ah, die Experimente, für die er meinen Beistand wünscht! Ich kann schon bei seinem nächsten Besuch damit den Anfang machen und werde dann leicht einen Grund finden, um ihn zu besserer Erprobung an die berühmten Chemiker von Paris und Berlin zu weisen.«

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