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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 3
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Zweites Kapitel.

Ich war ungefähr sechs Jahre in L– – gewesen, als ich plötzlich in eine Controverse mit Doktor Lloyd verwickelt wurde. Dieser unglückliche Mann beging in dem Augenblicke, als seine ärztlichen Erfolge in der Glanzhöhe zu stehen schienen, die Unklugheit, sich nicht nur für einen begeisterten Anhänger des Mesmerismus als einer Heilpotenz, sondern auch als einen eifrigen Gläubigen an die Wirklichkeit des somnambulen Hellsehens als einer unschätzbaren Gabe zu erklären, die gewissen begünstigten Organisationen verliehen sei. Solchen Lehren setzte ich eifrigen Widerspruch entgegen, vielleicht mit um so größerer Heftigkeit, weil Doktor Lloyd einen Beweis für das Vorhandensein der Seele und der Unabhängigkeit des Geistes vom Körper daraus ableitete und aus seinen Sätzen einen Bau von physiologischen Phantasien aufführte, welche, wenn er als wesenhaft nachzuweisen gewesen wäre, allen metaphysischen Sätzen, auf welche eine als solche anerkannte Philosophie einzugehen bereit ist, eine andere Grundlage gegeben hätte.

Doktor Lloyd hatte ungefähr zwei Jahre, ehe er ein Schüler nicht so fast von Mesmer, als vielmehr von Puysegur wurde (letzterer war, wie ich glaube, der erste, welcher kühn das Vorhandensein des Hellsehens behauptete, in das Mesmer noch wenig Vertrauen setzte), seine viel jüngere Frau, die er zärtlich liebte, durch den Tod verloren. Dieser Verlust, welcher ihn in der Hoffnung auf eine Welt jenseits Trost suchen hieß, war vielleicht Ursache gewesen, ihn für die Erscheinung, in welcher er neue Beweise für ein rein geistiges Fortbestehen sah, gläubiger zu machen. Wenn ich mich freilich in der Bestreitung der Ansichten eines anderen Physiologen aus den ehrlichen Kampf beschränkt hätte, wie er der wissenschaftlichen Controverse ziemt, wenn sie nur die Wahrheit sich zum Ziel setzt, so läge mir jetzt nicht ob, mich aus meine ehrliche Ueberzeugung, für die ich meine guten Gründe zu haben glaubte, zu berufen; als er mich aber mit gutmüthiger Herablassung als einen viel jüngeren Mann, welcher Erscheinungen abläugne, von denen er nichts verstehe, einlud, seinen Sitzungen anzuwohnen und Zeuge seiner Kuren zu sein, fühlte sich meine Eigenliebe verletzt, und ich glaubte die Erklärung abgeben zu müssen, daß sein Hokuspokus eine zu grobe Versündigung an dem gesunden Menschenverstande sei, um überhaupt eine Untersuchung zu verdienen. Ich verfaßte daher über den Gegenstand eine kleine Flugschrift, in welcher ich alle Waffen benützte, welche die Ironie von der Verachtung borgen kann. Doktor Lloyd antwortete darauf; da er aber in der Feder nicht sehr gewandt war, so schadete ihm seine Erwiederung vielleicht mehr als sein Angriff. Ich hatte inzwischen über den moralischen Charakter seiner gefeiertsten Hellseherinnen einige Umfrage gehalten und glaubte genug erfahren zu haben, um sie als abgefeimte Betrügerinnen, ihn selbst aber als das bethörte Opfer ihres Betrugs bezeichnen zu dürfen.

Die untere Stadt trat, mit wenigen Ausnahmen, bald auf meine Seite. Der Berg schien anfangs geneigt zu sein, sich um seinen gekränkten Arzt zu schaaren und den Streit zu einer Parteifrage zu machen, in welcher er schwer den Kürzeren gezogen haben würde, als plötzlich dieselbe gebietende Dame, welche dem Doktor Lloyd die Gunst der Höhe verschaffte, sich gegen ihn erklärte und den Sonnenschein der Huld in Ungnade umwandelte.

»Doktor Lloyd ist ein liebenswürdiger Mann,« sagte die Königin des Berges, »aber in Betreff dieses Gegenstandes entschieden verrückt. Verrückte Dichter verdanken vielleicht dieser Eigenschaft ihren höhern Werth, aber an einem Doktor wird sie gefährlich. Er hatte dem Festhalten am alten Herkommen den Beifall des Berges zu danken; nun er aber demselben untreu geworden ist und überspannte revolutionäre Theorieen einführen will, hat er Verrath geübt an den Grundsätzen, welche der Berg als seine gesellschaftlichen Fundamente anerkennt. Doktor Fenwick ist als der Kämpe dieser Grundsätze aufgetreten, und der Berg ist daher verpflichtet, ihn zu unterstützen. So; die Frage ist abgemacht.«

Und sie war abgemacht.

Von dem Augenblick an, als Frau Oberst Poyntz ihren Corpsbefehl erlassen hatte, war Doktor Lloyd vernichtet. Mit seinem Ruf ging seine Praxis zu Grunde. Kummer und Verdruß zogen meinem Gegner einen Schlaganfall zu, der ihn lähmte und unserem Streit ein Ende machte. Ein unbekannter Doktor Jones, der Doktor Lloyds Schüler und besonderer Schützling gewesen, trat zwar als Candidat für die Zungen und Pulse des Berges auf, erhielt aber wenig Ermuthigung. Der Berg suspendirte aufs Neue sein Wahlrecht und berief mich einfach, ohne von meiner Seite eine specielle Bewerbung zu verlangen, so oft seine Gesundheit außer dem des von Haus zu Haus laufenden Apothekers noch eines anderen Rathes bedurfte. Ich wurde aufs Neue bisweilen zu einem Diner und sehr oft zum Thee eingeladen. Und abermals gab mir Fräulein Brabazon mit einem Seitenblick zu verstehen, daß die Schuld nicht an ihr liege, wenn ich noch unverheirathet sei.

Ich hatte den wissenschaftlichen Hader, dem ich einen so ausgezeichneten Triumph verdankte, fast vergessen, als ich in einer Winternacht aus dem Schlaf geweckt wurde. Doktor Lloyd war einige Stunden vorher von einem zweiten Schlaganfall betroffen worden und hatte, als er wieder zu sich kam, ungestüm das Verlangen ausgedrückt, den Rival, durch den er so schweren Schaden erlitten, zu berathen. Ich kleidete mich hastig an und eilte nach seinem Hause.

Eine bitter kalte Februarsnacht – unten grauer Duft und oben ein melancholischer, gespenstisch aussehender Mond. Ich hatte den Abteiberg vermittelst einer finsteren steilen, zwischen hohen Mauern hinführenden Gasse zu ersteigen. Das stattliche Thor stand weit offen, und ich trat in den Garten, der das alte Abthaus umgab. An dem Ende eines kurzen Fahrwegs trat das düstere Gebäude aus den laublosen Baumskeletten hervor; das Mondlicht ruhte hell und kalt aus den vorspringenden Giebeln und den hohen Schornsteinen. Eine alte Magd empfing mich an der Hausthüre und führte mich, ohne ein Wort zu sprechen, durch eine lange, niedrige Flur und eine traurige Eichentreppe hinan nach einem breiten Vorplatz, wo sie einen Augenblick horchend stehen blieb. Die Flur, das Stiegenhaus und der Vorplatz – alles war angefüllt mit todten Exemplaren aus der wilden Welt, in deren Sammlung der Naturforscher den Stolz seines Lebens gesetzt hatte. Dicht neben mir sperrte eine scheußliche Riesenschlange ihren Rachen auf; ihre unteren Leibesringe wurden, da sie auf dem unteren Boden auflagen, von den Windungen der massiven Treppe verborgen. An dem dunklen Wandgetäfel waren Glaskästen mit seltsamen, unheimlichen Mumien befestigt, welche von dem durch die Fensterscheiben scheinenden Mond und dem Kerzenlicht in der Hand der alten Frauensperson nur unvollkommen beleuchtet wurden. Letztere wandte sich jetzt gegen mich, winkte mir, ihr zu folgen und ging voran durch einen finsteren Gang, in welchem Reihen von riesigen Vögeln, der Ibis, der Geier und der ungeheure Condor mit dem falschen Leben ihrer wilden Augen mich anglotzten.

Ich trat in das Krankenzimmer, und der erste Blick belehrte mich, daß hier meine Kunst machtlos war.

Die Kinder des Leidenden standen um das Bette her, das älteste dem Anschein nach etwa vierzehn-, das jüngste vierjährig; ein kleines Mädchen, das einzige weibliche Kind, hielt den Hals ihres Vaters umschlungen, drückte ihr Gesicht an seine Brust und erfüllte das sonst todtenstille Gemach mit ihrem lauten Schluchzen.

Als ich über die Schwelle trat, erhob Doktor Lloyd sein Antlitz, das über das weinende Kind niedergebeugt gewesen, und in dem Blick, mit dem er mich empfing, lag ein Ausdruck unheimlicher Freude, den ich mir nicht zu deuten wußte. Als ich langsam und leise an seine Seite trat, drückte er seine Lippen auf die langen blonden Flechten, die wirr auf seine Brust niederfielen, bedeutete der zu seinen Häupten stehenden Wartfrau durch einen Wink, das Kind fortzunehmen, und wies dann mit einer Stimme, die weit klarer war, als ich sie von einem Mann erwartet hätte, dessen Stirne das unverkennbare Siegel des Todes trug, die Magd und die übrigen Kinder an, das Zimmer zu verlassen. Seinem Befehl wurde schmerzvoll, aber schweigend Folge geleistet; nur das kleine Mädchen fuhr, als die Wärterin es entfernte, fort zu schluchzen, als wolle ihm das Herz brechen.

Ich war auf keine so ergreifende Scene vorbereitet; sie schnitt mir tief in die Seele. Meine Augen folgten voll Wehmuth den Kindern, die so bald Waisen sein sollten, während eines um das andere hinausging in den kalten dunklen Gang mit den blutlosen Formen einer stummen Thierwelt, die vor dem Sterbegemach eines Menschen in unheimlichen Reihen aufgepflanzt war. Und als die letzte Kindergestalt verschwand und die Thüre mit einem scharfen Einschnappen der Klinke sich schloß, wandelten meine Blicke noch unstät im Zimmer umher, ehe ich es über mich gewinnen konnte, sie auf die zusammengebrochene Gestalt zu heften, neben der ich jetzt stand in der vollen Glorie der Leibeskraft, die den Stolz meines Geistes genährt hatte.

In dem Moment, der meine wehmüthige Umschau in Anspruch nahm, prägte sich das ganze Aussehen des Platzes mit unvertilglichen Zügen für das ganze Leben meiner Erinnerung ein. Durch das hohe, weitherabreichende Fenster, das hälftig von einem dünnen vergilbten Vorhang verhüllt wurde, strömte das Mondlicht herein und gab mit seinem weißen Schein dem Boden das Aussehen eines großen Bahrtuches, das bis zu den Schatten unter dem Sterbebette hinreichte. Die Decke war niedrig und wurde es noch mehr durch das vorspringende starke Balkenwerk, das man mit der erhobenen Hand erreichen konnte. Und die hohe ablaufende Kerze neben dem Bett und das Flackern des Feuers, das sich durch das neu zugelegte Brennmaterial arbeitete, warfen mit einem zitternden schwarzen Rauch, der sich wie eine zürnende Wolke ausnahm, ihren Wiederschein unmittelbar über meinem Haupt an die Decke.

Plötzlich faßte die linke Hand des Sterbenden (seine rechte war bereits gelähmt) meinen Arm und zog mich näher und näher heran, bis seine Lippen fast mein Ohr berührten. Und mit einer bald festen, bald zischenden oder fast versagenden Stimme sprach er wie folgt:

»Ich habe Sie rufen lassen, damit Sie Ihr eigenes Werk betrachten können. Sie haben einen tödtlichen Schlag auf mein Leben geführt in einem Augenblick, als es für meine Kinder und für den Dienst der Menschheit vom höchsten Werth war. Hätte ich noch einige Jahre länger gelebt, so wären sie genug herangewachsen gewesen, um nicht den Versuchungen des Mangels ausgesetzt oder auf die Barmherzigkeit von Fremden angewiesen zu sein. Ihnen haben sie es zu danken, daß sie mittellose Waisen sind. Von Krankheiten heimgesuchte Nebenmenschen, an denen Ihr Arzneischatz Sie im Stich ließ, kamen zu mir um Hülfe und fanden sie. Wirkung der Einbildung, sagen Sie. Aber was liegt daran, wenn ich der Einbildung eine Richtung anwies, daß sie heilend wirken mußte? Sie haben durch Ihre Hohnreden den Unglücklichen die letzte Aussicht des Lebens geraubt – sie werden ohne Trost dem Grab entgegen gehen. Haben Sie geglaubt, ich sei im Irrthum? Und doch wußten Sie, wie mein Streben nur der Wahrheit galt. Sie haben gegen Ihren Amtsbruder tödtliche Arznei und eine vergiftete Sonde gebraucht. Sehen Sie mich an. Sind Sie zufrieden mit Ihrem Werk?«

Ich suchte mich zurückzuziehen und meinen Arm dem Griff des Sterbenden zu entwinden: aber es ging nicht ohne Gewalt, und diese anzuwenden wäre eine Unmenschlichkeit gewesen. Seine Lippen näherten sich meinem Ohr noch mehr.

»Hochmüthiger Thor, rühmen Sie sich nicht, daß Ihr satirisches Talent der Wissenschaft gedient habe. Die Wissenschaft ist mild gegen alle, welche an die Hypothese den Prüfstein des Versuchs anlegen wollen. Sie sind von dem Stoff, aus dem die Inquisitoren geschaffen waren, und schreien über Entweihung der Wahrheit, wenn man Ihre Dogmen in Zweifel zieht. Mit seichter Anmaßung haben Sie den Gebieten der Natur ihre Grenzen angewiesen, und wo Ihr Sehvermögen erlahmt, sagen Sie: »Hier muß die Natur aufhören.« Mit der Bigotterie, welche zu der Anmaßung auch das Verbrechen fügt, würden Sie den Entdecker steinigen, der ihre Karte mit neuen Gebieten bereichert und Ihre willkührlichen Grenzen umstößt. Aber wahrlich, die Vergeltung wird nicht ausbleiben. In denselben Räumen, die Sie kennen zu lernen verschmäht haben, werden Sie irr und unstät umhertasten. Ha, ich sehe sie bereits – schon sammeln sich die zischelnden Gespenster um Sie!«

Die Stimme versagte ihm plötzlich und sein Auge wurde starr; seine Hand erlahmte, und er fiel auf sein Kissen zurück. Ich schlich mich aus dem Zimmer und traf draußen auf der Flur die Wartfrau und die alte Magd. Die Kinder waren zum Glück nicht da; aber aus einem nahen Zimmer hörte ich das Schluchzen des Mädchens.

Ich flüsterte der Wärterin hastig zu, daß Alles vorüber sei, ging wieder unter dem Rachen der Abgottschlange vorbei und gelangte hinaus in die dunkle Gasse zwischen den todten Mauern, fort durch die gespenstischen Straßen hin, im geisterhaften Mondlicht, bis ich meine einsame Wohnung erreichte.

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