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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 27
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Die nähere Bekanntschaft mit Margrave that dem Zauber seiner Gesellschaft keinen Abtrag, obschon sie einige auffallende Mängel in seiner geistigen sowohl, als in seiner moralischen Organisation zu Tage förderte. Ich habe bereits bemerkt, daß seine Kenntnisse zwar einen weiten Kreis umschrieben und sich auch auf Dinge erstreckten, die nur selten gepflegt werden, aber doch nur flüchtig und oberflächlich waren. Jedenfalls hatte sein Wissen nicht den Charakter des nachhaltigen Eifers und der Strebsamkeit, durch welchen es, wie der Dichter sagt, »zur Schwinge wird, die uns zum Himmel trägt.« So zeigten sich auch in seinen geistigen Vermögen merkwürdige Ungleichheiten und Widersprüche. Sein Gedächtniß schien in manchen Dingen wunderbar zu sein, erwies sich aber bei näherer Prüfung selten als genau; es konnte wohl das, was die Metaphysiker einen »Ideencomplex« nennen, fassen, aber nicht bündig zusammenhalten. Auch war er nicht im Stande, es in den Wissenschaften, deren Elemente er los und unbestimmt gesammelt hatte, zu gediegenen sachgemäßen Vorstellungen zu bringen. Für das Schöne und Erhabene in der Literatur besaß er durchaus keinen Geschmack. Bei all seiner leidenschaftlichen Vorliebe für die Natur sprach seine Einbildungskraft doch nicht auf die Künste an, durch welche die Natur dargestellt oder idealisirt wird: Poesie und Malerei machten keinen Eindruck auf ihn. Unter den schönen Künsten fühlte er sich nur von der Musik angezogen. Seine Unterhaltung war oft ungemein anregend und berührte viele Gegenstände sowohl aus dem Leben, als aus der Bücherwelt, welche Stoff zum Nachdenken boten; doch erinnere ich mich nie, aus seinem Munde eine Aeußerung jener erhabenen oder zarten Gefühle vernommen zu haben, welche die Kettenglieder bilden zwischen Jugend und Genius. Denn wenn die Dichter ihre Lieder der Jugend widmen und die Jungen in den Dichtern die Dolmetscher ihrer eigenen Empfindungen begrüßen, so hat dies seinen Grund darin, weil beiden der Drang inne wohnt, die Wirklichkeiten des Lebens zu idealisiren; überall finden sie in dem Realen etwas Edles oder Schönes, das sie noch mehr zu veredeln oder zu verschönern wissen.

In Margraves Charakter schienen keine besonderen Laster, aber auch keine besonderen Tugenden zu liegen; denn die letztere Bezeichnung können wir nicht auf seine wunderbare Lebhaftigkeit, seinen heiteren Sinn und seine gute Laune anwenden. Gleichwohl verdient angeführt zu werden, daß er in Beziehung auf Getränke sehr mäßig war und namentlich gegen den Wein einen Widerwillen hatte, vielleicht in Folge jener Reinheit des Geschmacks, welche als die Beigabe einer absolut vollkommenen Gesundheit betrachtet werden mag. Kein gesundes Kind liebt alkoholische Getränke, und mit Ausnahme des Menschen zieht kein Thier den Wein dem Wasser vor.

Was ich hauptsächlich in moralischer Hinsicht an ihm vermißte, war der Mangel an Sympathie selbst da, wo er Anhänglichkeit zu besitzen versicherte. Er, der für sich selbst so lebhaft fühlte, daß der Biß eines Eichhörnchens ihn entmannte und er schluchzen konnte bei dem Gedanken, eines Tages sterben zu müssen, benahm sich bei den Leiden Anderer so empfindungslos, wie der Hirsch, der seinen verwundeten Kameraden von sich stößt und verläßt.

Ich gebe einen Beleg von seiner Herzenshärtigkeit in einem Falle, wo ich sie am wenigsten von ihm erwartet hätte.

Er war mir auf einem Gang zu einem meiner Patienten in der Vorstadt begegnet und hatte sich mir angeschlossen. Wir trafen bei dieser Gelegenheit auf einen Haufen Kinder, die man eben für eine Stunde oder zwei aus der Schule losgelassen hatte. Einige davon, die in dem Haus ihrer Eltern mit ihm bekannt geworden, begrüßten ihn mit Jubel, eilten auf ihn zu und waren voll Freude über diese Begegnung.

Er ließ sich von ihnen mit fortschleppen und wurde unter den Knaben so heiter und fröhlich wie der jüngste aus dem Häuflein.

»Wenn ihr miteinander Laubfrosch spielen wollt,« sagte ich lachend, »so muß ich bitten, es nicht auf der Landstraße zu thun, damit mir keines von den Kindern von den Fuhrwerken überfahren wird. Seht links vor euch die Wiesen – macht, daß ihr dorthin kommt.«

»Recht gerne, so lange Sie von Ihrem Besuch in Anspruch genommen sind,« versetzte Margrave. »Kommt, ihr Jungen.«

Ein kleiner Knirps, der nicht über sechs Jahre alt und gelähmt war, fing an zu weinen, weil er nicht mitlaufen konnte und daher zurückbleiben sollte.

Margrave beugte sich zu ihm nieder. »Klettre mir auf die Schulter, Kleiner; ich will dein Pferd sein.«

Das Kind trocknete seine Thränen und gehorchte mit Freuden.

»Margrave muß im Grund doch eine ebenso gefühlvolle, als einfache Natur sein,« sagte ich zu mir selbst. »Welcher andere junge Mann, der so umlagert ist von Verlockungen weniger unschuldiger Art, würde sich herablassen, an der Landstraße mit Kindern zu spielen?«

Der Gedanke war kaum in mir aufgetaucht, als ich einen lauten Schmerzschrei vernahm. Margrave war über den Zaun gesprungen, der die Wiese gegen die Straße abgrenzte, und das arme Kind, das ihm auf der Schulter saß und vielleicht erstaunt oder im Schreck seinen Halt losließ, zu Boden gefallen, so daß es kläglich zu schreien anfing. Margrave hielt sich die Hände vor die Ohren, stieß einen Ruf des Unwillens aus und bückte sich nicht einmal, um den Knaben aufzuheben oder nach seiner Beschädigung zu sehen, sondern hieß die anderen Kinder ihm folgen und wälzte sich bald darauf mit ihnen im Gras, wo sie sich gegenseitig mit Maßliebchen bewarfen. Ich ging nach der Stelle, wo das arme Bürschlein lag; nur ein einziger Knabe, sein um ein Jahr älterer Bruder, war bei ihm geblieben. Das Kind hatte sich im Stürzen mit dem Arm zu helfen gesucht, so daß dieser zwar nicht gebrochen, aber doch schwer gequetscht war. Der Schmerz mußte bedeutend sein. Ich trug den verletzten Knaben nach Haus und blieb einige Zeit bei ihm. Margrave sah ich erst wieder, als er mich am andern Morgen besuchte. Ich war so unwillig über ihn, daß ich ihm kaum ein Wort gönnen mochte. Als ich ihm endlich seine Unmenschlichkeit vorhielt, sah er mich überrascht an. Er erinnerte sich kaum mehr des Vorfalls und erwiderte dann bloß, als sei dies die natürlichste Sache von der Welt:

»Oh, nichts ist mir mehr zuwider, als Kindergeheul. Ich hasse die Mißklänge. An der Gesellschaft der Kinder habe ich wohl meine Freude; aber sie müssen lachen und spielen. Warum sehen Sie mich mit so großen Augen an, als habe ich etwas Schreckliches gesprochen?«

»Allerdings schrecklich genug, um das menschliche Gefühl im Innersten zu empören. Gehen Sie – ich kann jetzt nicht mit Ihnen sprechen. Ich habe zu thun.«

Aber er ging nicht. Seine Stimme klang wieder so angenehm und sein Benehmen war so gewinnend, daß der Widerwille sich allmählig in jene Art von Vergebung auflöste, die man, um das frühere Bild zu wiederholen, dem Hirsch, welcher seinen Kameraden verlassen hat, zu Theil werden läßt; denn das arme Thier versteht's ja nicht besser. Und welch ein anmuthiges, schönes Geschöpf war nicht dieser Mensch!

Der Zauber – ich kann's nicht anders nennen – welchen Margrave übte, beschränkte sich jedoch nicht bloß auf mich, sondern war allgemein: Alt und Jung, Hoch und Nieder, Mann, Weib und Kind, fühlte ihn. Nie hatte ein Fremder, welcher ausgezeichnete Ruf ihm auch vorhergehen mochte, eine so herzliche, so schmeichelhafte Aufnahme gefunden. Sein offenes Bekenntniß, daß er ein natürlicher Sohn sei, schadete ihm nicht nur nicht, sondern trug im Gegentheil dazu bei, ihm ein erhöhtes Interesse zu sichern und in Beziehung auf seine Verwandtschaft und sein früheres Leben allen jenen Erkundigungen vorzubeugen, die man sonst in Gang gebracht haben würde. Natürlich fiel in die Augen, daß er sehr reich sein, wenigstens viel Geld haben mußte. Er bewohnte die besten Zimmer des ersten Gasthauses, war sehr freigebig, lud die Familien, mit denen er näher bekannt geworden, zu sich ein, bewog sie, ihre Kinder mitzubringen, und nach dem Diner gab es Musik und Tanz. Unter den Häusern, in welche er gastlichen Zugang gefunden, befand sich auch das des Bürgermeisters, welcher Doktor Lloyds Naturaliensammlung angekauft und dieselbe durch neuere Erwerbungen, namentlich durch die interessanten Gerippe eines Elephanten und eines Nilpferds vergrößert hatte. Diese seine Schätze waren in einem großen, an das Wohnhaus des Bürgermeisters stoßenden hölzernen Gebäude aufgestellt, das sein früherer Besitzer, ein in der Zurückgezogenheit lebender Fuchsjäger, als Reithaus benützt hatte. Und da das Haupt der Stadt sich etwas auf seine Förderung der Wissenschaft zu gut that, so war er auf den Gedanken gekommen, sein Museum der Bewunderung des Publikums aufzuschließen und es für den Fall seines Todes dem Athenäum, wie man ein literarisches Institut seines Geburtsorts nannte, testamentarisch zu vermachen. Margrave hatte sich noch nicht drei Tage in L– – befunden, als er, unterstützt von dem Einfluß der Töchter des Bürgermeisters, diesen trefflichen und gemeinsinnigen Würdenträger überredete, die Eröffnung seines Museums durch die beliebte Ceremonie eines Balls einzuweihen. Ein zeitweilig hergestellter Gang sollte die Salone des Erdgeschosses mit dem Gebäude, welches die Sammlung enthielt, in Verbindung bringen und das Fest in solcher Weise unter Umgehung des leichtfertigen Charakters einer fashionablen Belustigung zu der Inaugurationsfeier eines wissenschaftlichen Instituts erhoben werden. Von dem Glanz dieser Idee geblendet, erklärte der Bürgermeister, daß er zu einem Ball, welcher in jeder Beziehung seiner selbst und des Anlasses würdig sein müsse, die ganze Nachbarschaft eingeladen haben wolle. Der Abend für den Ball war anberaumt, ein Abend, der in der That für mich sehr denkwürdig wurde. Man sah dem Fest mit lebhaftem Interesse entgegen, an dem auch der Berg Theil zu nehmen sich herabließ; denn obschon im Allgemeinen Bürgermeister nicht bei ihm in Gunst standen, so erkannte er doch, wenn ein Bürgermeister bei einem patriotischen Anlaß einen so prächtigen Ball gab, freisinnig an, daß im Ganzen der Handel wohl eine Sache sei, welcher die Erhabenheit des Berges hin und wieder ihre Huld zu Theil werden lassen könne, ohne dem Rang, welchen die Vorsehung besagtem Berg unter den höchsten Plätzen der Erde angewiesen habe, einen absoluten Abtrag zu thun. Demgemäß erlaubte die Königin ihren Unterthanen, daß sie die erste Magistratsperson der unteren Stadt mit dem Versprechen, auf seinem Ball zu erscheinen, beehren durften. Sofern nun die Festlichkeit ein ursprünglicher Gedanke von Margrave war, so konnte man in Folge einer natürlichen Ideenverknüpfung nicht wohl von dem Ball reden, ohne daß man zugleich auf den interessanten Fremden zu sprechen gekommen wäre.

Der Berg hatte anfangs hochherab den Gast, der in den merkantilen Kreisen der unteren Stadt debütirte, einfach ignorirt. Aber die Königin des Berges ließ sich jetzt in ihrer kurzen Weise folgendermaßen vernehmen. »Dieser neue Mann ist in wenigen Tagen eine Celebrität geworden, und es gehört zu der Politik des Berges, Celebritäten zu empfangen, wenn diese den Anstand respektiren. Doktor Fenwick wird ersucht, den Herrn Margrave auf die Vortheile einer Bekanntschaft mit dem Berg aufmerksam zu machen.«

Ich fand es etwas schwierig, Margrave zu überreden, daß er auf die herablassende Annäherung des Berges einging. Er schien einen Widerwillen gegen alle Gesellschaften zu haben, die auf aristokratische Auszeichnung Anspruch machten, und drückte seine Abgeneigtheit gegen dieselben mit einer so ungewohnten Heftigkeit aus, daß man wohl glauben mußte, er habe zu einer oder der anderen Zeit das hochmüthige Wehen der Luft auf so hohen Punkten in kränkender Weise empfinden müssen. Er ließ sich jedoch durch meine Bitten bewegen und begleitete mich eines Abends in die Wohnung der Frau Poyntz. Der Berg hatte sich dort, bereits für den Anlaß vorbereitet, gelagert. Die Frau Oberst benahm sich gegen ihn ungemein höflich, und als sie nach einigen der gewöhnlichen Unterhaltungsformeln erfuhr, daß er ein großer Freund von Musik sei, überantwortete sie ihn der zärtlichen Sorgfalt des Fräuleins Brabazon, das im königlichen Hofhalt des Bergs an der Spitze des musikalischen Departements stand.

Frau Poyntz zog sich nach ihrem Lieblingssitz in der Fensternische zurück und lud mich ein, neben ihr Platz zu nehmen. Während sie sich schweigend mit ihrem Gestrick beschäftigte, beobachtete ich gleichfalls stumm Margrave, der in der Mitte der um das Piano versammelten Gruppe stand.

Ob er mehr als gewöhnlich aufgeräumt war oder ob ihn ein boshafter, koboldartiger Kitzel stach, die hergebrachten Gesetze des Anstandes zu verhöhnen, welche der Heiterkeit des Bergs gemeiniglich einen so ruhigen, sinnigen Charakter aufdrückten, weiß ich nicht; jedenfalls stand es nicht lange an, als in dem ordnungsmäßigen Aussehen des Platzes ein unheimlicher Wechsel vor sich ging.

Fräulein Brabazon hatte eine verwickelte, traurige Sonate zu Ende gebracht, und nun hörte ich Margrave plötzlich die Frage an sie stellen, ob sie auch die Tarantella, jene berühmte neapolitanische Weise spielen könne, welche sich auf den legendenhaften Glauben gründe, daß von einer Tarantel gebissene Personen sich zum Tanzen gezwungen fühlen. Auf das Bekenntniß des hochgeborenen Dämchens, daß ihr dieses Musikstück unbekannt sei und sie nie etwas von dieser Sage gehört habe, bat Margrave um die Erlaubniß, es ihr mit von ihm selbst erfundenen Variationen vorspielen zu dürfen. Fräulein Brabazon räumte ihm gnädig ihren Platz vor dem Piano ein. Margrave setzte sich – und Alles harrte in gespannter Erwartung seiner Leistung. Seine Finger stürmten mit einem Ungestüm über die Tasten hin, daß die Zuhörer eigentlich erschracken; denn das Vorspiel klang so gar nicht wie irgend eine bekannte Combination von harmonischen Tönen. Dann begann er zu singen – ich kann es kaum ein Lied nennen, da die Worte jedenfalls nicht italienisch, aber vielleicht einer barbarischen Sprache entnommen oder ein selbst erfundenes Kauderwelsch waren. Und das Martern des Instruments begann nun in gutem Ernst: es schrie, es ächzte – immer wilder und lärmender. Beethovens Sturm, hervorgerufen durch die wahnsinnigen Finger eines deutschen Pianisten, war verhältnißmäßig ein sanftes Musikstück, und die gewaltige Stimme, welche die Schmerzrufe der knackenden Tasten übertönte, hatte ganz die Eigenschaft eines Chors. Ich bin allerdings kein Musikverständiger, aber auf mein Gefühl wirkte der Mißklang entsetzlich, während die Ohren der besser unterrichteten Kunstfreunde zu schwelgen schienen. Alle waren wie bezaubert. Selbst Frau Poyntz legte ihr Strickzeug nieder, wie wohl die Parzen bei dem Ton von Orpheus' Leier ihr Spinnen aufgegeben haben mögen. Dieser athemlosen Lust folgte bald ein allgemeiner Drang nach Bewegung, und zu meinem großen Erstaunen mußte ich bemerken, daß die steifen Matronen und die nüchternen Familienväter so lärmend wie Kinder bei einem Weihnachtsball sich zu einem Tanz anschickten. Dann hielt die Musik plötzlich inne; Margrave sprang auf, faßte die knöcherne Hand des mageren Fräuleins Brabazon und wirbelte mit ihr in den Mittelpunkt des Reigens, so daß ich einen Hexensabbath vor mir zu haben meinte. In unruhigem Aerger blickte ich auf Frau Poyntz. Diese große Persönlichkeit schien eben so erstaunt zu sein, wie ich selbst. Ihre Augen hafteten in starrer Betäubung auf der Scene. Ohne Zweifel zum erstenmal in ihrem Leben fühlte sie sich überwältigt, abgesetzt, entthront. Die Ehrfurcht vor ihrer Gegenwart ging buchstäblich in dem Wirbel des Tanzes unter. Dieser hörte eben so plötzlich wieder auf, als er begonnen hatte. Von der galvanisirten Mumie, die Margrave zur Tänzerin auserlesen, sich losreißend, eilte er an die Seite der Frau Oberst und sagte:

»Ich bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich Sie so bald verlasse, aber der Stundenschlag der Uhr erinnert mich an eine anderweitige Bestellung.«

Und im Nu war er verschwunden.

Der Tanz hielt inne; die Leute schienen langsam wieder zur Besinnung zu kommen und warfen einander scheue und beschämte Blicke zu.

»Ach, ich bin wider Willen hingerissen worden,« seufzte endlich Fräulein Brabazon, während sie auf einen Sessel niedersank und das matte Auge abbittend zu ihrer Wirthin aufschlug.

»Es ist Hexerei,« sagte die wohlbeleibte Frau Bruce, indem sie ihre Stirne wischte.

»Hexerei?« wiederholte Frau Poyntz. »Es kommt mir wahrhaftig auch so vor. Eine erstaunliche, gräßliche Kundgebung von Lustigkeit, die gegen allen Anstand verstößt. Wo ums Himmels willen mag dieser junge Wilde herkommen?

»Aus wilden Landstrichen,« versetzte ich. »So sagt er wenigstens.«

»Bringen Sie ihn nicht wieder her,« entschied Frau Poyntz; »er würde mir bald auf dem Berg das Unterste zu oberst kehren. Aber wie bezaubernd! Ich möchte wohl mehr von ihm sehen,« fügte sie leise bei, »wenn er mich etwa in den Morgenstunden und nicht in der Gegenwart derer besuchen wollte, gegen welche ich für die Wahrung des Anstands verantwortlich bin. Auch Hanna muß mit dem Oberst ausgeritten sein.«

Margrave betheiligte sich nie mehr an den patriotischen Festlichkeiten des Bergs. Wohl strömten ihm Einladungen zu, namentlich von Fräulein Brabazon und den anderen alten Jungfern, aber vergeblich.

»Diese Leute sind für mich zu zahm und zu civilisirt,« sagte er; »auch ist zu wenig junges Volk unter ihnen. Selbst das Fräulein Hanna hat ihre Jugend nur auf der Oberfläche; im Innern ist sie so alt, wie die Welt, oder wie ihre Mutter. Ich habe nur an der Jugend, an der wahren Jugend eine Freude – ich bin jung, ich bin jung!«

Und in der That bemerkte ich, daß er sich gern zu irgend einer jungen Person, oft nur zu einem Kind gesellte, und zwar scheinbar mit herzlicher und auszeichnender Begünstigung, aber nur für eine Stunde oder so, während sein Benehmen bei der nächsten Begegnung ein kaltes war. Ich hielt ihm dies eines Abends, als er mich bei meinem ehrgeizigen Werk traf, in welchem ich die Gesetze der Natur abzumessen suchte, vor und rügte seinen Wankelmuth.

»Es ist nicht Wankelmuth, sondern Nothwendigkeit,« gab er mir zur Antwort.

»Nothwendigkeit? Erklären Sie mir dies.«

»Ich suche zu finden, was ich noch nicht gefunden habe,« sagte er. »Eine innere Nothwendigkeit drängt mich dazu, und ich forsche danach bei den Jungen. Finde ich mich getäuscht, so wende ich mich an Jemand anderes. Dies ist wieder eine Nothwendigkeit. Aber finden muß ich es am Ende doch.«

»Vermuthlich meinen Sie damit das, was die Jugend gewöhnlich bei der Jugend sucht; und wenn Sie letzthin sagten, sie hätten die Liebe hinter sich gelassen, so kehren Sie wahrscheinlich zurück, um sie wieder zu finden.«

»Bst! Wenn ich nach dem Geschwätz junger Thoren urtheilen darf, so kann Jeder, dem es darum zu thun ist, Liebe jeden Tag finden. Was ich suche, gehört zu den seltensten von allen Entdeckungen. Sie könnten mir zu der Auffindung behülflich sein und damit sich selbst zu einer Erweiterung Ihres Wissens verhelfen, die Sie vergeblich durch Ihre förmlichen Experimente anstreben.«

»Beweisen Sie mir Ihre Versicherungen, und meine Dienste stehen Ihnen zu Gebot,« sagte ich mit einem leichten Lächeln der Geringschätzung.

»Sie sagten mir, Sie hätten Untersuchungen angestellt über die angeblichen Phänomene des thierischen Magnetismus und den Beweis geliefert, daß einige Personen, die sich rühmten, das sogenannte zweite Gesicht der Schotten zu besitzen, nichts gewesen seien, als stümperhafte Betrügerinnen. Sie haben Recht. Auch ich habe die Hellseherinnen besucht, welche in dieser Stadt ihr Wesen treiben, und gefunden, daß eine gewöhnliche Zigeunerin ihre Sache besser machen würde, als sie. Doch muß Sie Ihre Erfahrung belehrt haben, daß es gewisse Temperamente gibt, in welchen der pythonische Geist schlummert, ohne daß die Besitzerin es selbst weiß oder der gewöhnliche Beobachter etwas davon wahrnimmt. Freilich sollten die neueren Physiologen sich ebenso gut auf die Kennzeichen desselben verstehen, wie die alten Priester.«

»Ich wenigstens als Physiolog bin vollkommen unbekannt mit diesen Kennzeichen. Worin bestehen sie?«

»Es ist eine verzweifelte Ausgabe, sie Ihnen bloß durch wörtliche Beschreibung begreiflich zu machen, während es mir leicht würde, Sie zu unterweisen, daß sie nicht mehr irren könnten, wenn wir lebende Subjekte vor uns hätten. Doch unter einer Million besitzt nicht Eines die Gabe in einer Ausdehnung, daß der Forscher sie für seine Zwecke benützen könnte. Viele haben unvollkommene Blicke, aber bloß in wenigen ist das Gesicht unverschleiert und leuchtend aufgeschlossen. Die Ersteren sind nur geeignet, diejenigen, welche sich bei ihnen Raths erholen, irre zu leiten und zu bethören; denn weil sie bisweilen wunderbar Recht haben, so wecken sie ein leichtgläubiges Vertrauen zu ihrem richtigen Schauen im Allgemeinen, und da sie nur die Ausleger der Träume ihres eigenen Gehirns sind, so verdienen ihre Versicherungen eben so wenig Vertrauen, wie die Träume eines gewöhnlichen Schläfers. Aber wo die Gabe in ihrer Vollkommenheit vorhanden ist, kömmt derjenige, der sie zu leiten und Nutzen daraus zu ziehen weiß, in die Lage, Alles zu erfahren, was ihm für die Erhaltung seines eigenen Lebens als wissenswerth erscheint. Sie kann ihn warnen vor jeder drohenden Gefahr und ihn auf die Mittel aufmerksam machen, ihr auszuweichen. Das Auge der ächten Pythonissa findet kein Hinderniß, keine Grenze weder im Stoff, noch im Raum oder in der Zeit.«

»Mein lieber Margrave, Sie dürfen wohl sagen, daß so begabte Geschöpfe selten seien. Ich für meinen Theil möchte eben so gut das Einhorn suchen, als eine Pythonissa, wie Sie geziert sich auszudrücken belieben.«

»Wenn Ihnen aber einmal im Lauf Ihrer Praxis ein junges Wesen begegnet, das noch nichts weiß von den Uebeln der Welt; dem die gewöhnlichen Sorgen und Obliegenheiten derselben fremd und unwillkommen sind; das von dem frühesten Aufdämmern seiner Vernunft an die Einsamkeit suchte und vor sich hin brütete; vor dessen Augen ohne irgend einen Anlaß Gesichte vorbeiziehen; das mit nicht der Erde angehörigen Wesenheiten verkehrt und in dem Raum Landschaften schaut, wie sie auf Erden nicht zu finden – –«

»Margrave, Margrave! von wem sprechen Sie?«

»Dessen Körper ungeachtet seiner hohen Empfindlichkeit doch ein Bild der Gesundheit ist und nichts Krankhaftes erkennen läßt; dessen wahrhafter Geist keiner Täuschung fähig und dessen Verstand zu klar ist, um sich selbst täuschen zu lassen; das durch alle die wechselnden Formen der äußeren Natur in geheimnißvoller Weise angeregt wird, bald zu unschuldiger Freude, bald zu einer unerklärlichen Trauer – ich sage, wenn im Lauf ihrer Praxis Ihnen ein solches Wesen begegnet, so theilen sie es mir mit, denn wir haben die größte Wahrscheinlichkeit für uns, daß die ächte Pythonissa gefunden ist.«

Ich hatte mit einem unklaren Entsetzen zugehört und mehr als einen Ruf des Staunens ausgestoßen, da seine Schilderung mir alle Züge von Lilian Ashleigh vorführte. Stumm, verwirrt und athemlos blieb ich sitzen und stierte Margrave an, in meinem Innern froh, daß er Lilian wenigstens nie gesehen hatte.

Er erwiederte meinen Blick forschend und mit Festigkeit; dann brach er in ein leichtes Lachen aus und nahm wieder auf:

»Sie nennen mein Wort ›Pythonissa‹ geziert. Ich weiß kein anderes. Meine Erinnerungen an klassische Geschichtchen und Geschichte sind wohl unklar und verwirrt; aber ich habe doch gelesen oder gehört, daß die delphischen Priester hauptsächlich nach Thracien oder Thessalien zu reisen pflegten, um dort die Jungfrauen aufzusuchen, die sie für ihre Orakel brauchen konnten, und daß die Orakel nach dem Verhältniß in Mißkredit kamen, in welchem die Priester unfähig wurden, die für die Priesterinnen erforderliche Organisation zu erkennen; sie mußten dann zur List und zum Betrug, oder zu jenen unvollkommenen, fragmentarischen Enthüllungen, wie wir sie jetzt an den Hellseherinnen von Gewerbe wahrnehmen, ihre Zuflucht nehmen und damit die Begabung ersetzen, welche ihnen die Natur nicht mehr bot. Allerdings war auch die Nachfrage so stark, daß sich der sehr beschränkte Vorrath bald erschöpfte. Die stetige Anspannung von Vermögen, die in ihrer erbarmenlosen Verwendung die Funktionen des Lebens um so mehr aufrieben, da die Priester sie durch künstliche Reizmittel steigerten, wurde todbringend, und von den Pythonissen brachte es keine über drei Jahre in dem erschöpfenden Dienst.«

»Pah! Ich kenne keine classische Autorität für die Einzelnheiten, die Sie mit solcher Zuverlässigkeit anführen. Vielleicht finden sich einzelne solche Sagen bei den alexandrinischen Platonikern; aber diese Mystiker sind keine verläßlichen Gewährsmänner über derartige Gegenstände. Im Grund,« fügte ich bei, nachdem ich mich von meiner ersten Ueberraschung oder Scheu erholt hatte, »waren die delphischen Orakel sprüchwörtlich zweideutig, und ihre Antworten ließen sich so oder so lesen – ein Beweis, daß die Priester die Verse diktirten, obschon man wohl glauben kann, daß sie die unglückliche Priesterin durch ihre Künste in wahre Convulsionen versetzten; und diesem Umstand, nicht aber der erlogenen Gabe wäre die Verkürzung des Lebens zuzuschreiben. Genug von solchen eitlen Dingen – doch nein, noch eine Frage: wenn Sie Ihre Pythonissa gefunden haben, was dann?«

»Was dann? Je nun, unter ihrer Beihülfe könnte ich einem Prozeß auf den Grund kommen, der sich unter dem Beistand Ihrer praktischen Kenntnisse vervollständigen ließe.«

»Sagen Sie mir, was Sie mit Ihrem Prozeß beabsichtigen; ich werde Ihnen dann, eben weil mein geringes Wissen rein praktisch ist, vielleicht ohne den Beistand einer Pythonissa an die Hand gehen können.«

Margrave blieb einige Minuten stumm und fuhr, wie er auch sonst häufig zu thun pflegte, mit der Hand mehrmal über die Stirne; dann stand er auf und antwortete in verdrossenem Tone:

»Ich kann jetzt nicht mehr sagen, denn mein Gehirn fühlt sich ermüdet; auch sind Sie noch nicht in der rechten Stimmung, mir Gehör zu schenken. Beiläufig, Sie sind gegen mich doch recht verschlossen und zurückhaltig.«

»Wie so?«

»Sie haben mir noch nie gesagt, daß Sie verlobt sind. Ich glaubte, Ihre Freundschaft gewonnen zu haben, und nun muß ich Dinge, die Sie so nahe angehen, von verhältnißmäßig fremden Personen hören.«

»Wer sagte Ihnen dies?«

»Jene Frau mit den spähenden Augen und der Anschläge brütenden Miene, in deren Haus Sie mich einführten.«

»Frau Poyntz? Ist's möglich! Wann?«

»Heute Nachmittag. Ich begegnete ihr auf der Straße – sie hielt mich an und fragte mich nach einigen gleichgiltigen Reden, ob ich Sie in letzter Zeit nicht gesehen habe, ob ich Sie nicht sehr gedankenvoll, zerstreut finde – ich dürfe mich nicht darüber wundern, da Sie verliebt seien; die junge Dame befinde sich auswärts zu Besuch, und ein sehr gefährlicher Nebenbuhler mache ihr den Hof.«

»Ein gefährlicher Nebenbuhler, der ihr den Hof macht?«

»Sehr reich, von schönem Aussehen, und jung. Fürchten Sie ihn? Sie erblassen.«

»Fürchten? Nein. Oder doch nur in so weit, als ein Mann, der treu und ergeben liebt, fürchten kann, nicht daß ein Anderer ihm vorgezogen werde, sondern daß dieser Andere des Vorzugs würdiger sein möge. Aber staunen muß ich jedenfalls, daß Frau Poyntz alles dies Ihnen sagen mochte. Hat sie Ihnen auch den Namen der jungen Dame genannt?«

»Ja, Lilian Ashleigh. Seien Sie künftig offener gegen mich. Wer weiß – vielleicht kann ich Ihnen helfen. Adieu!«

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