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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 26
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Mein Verkehr mit Margrave wurde sehr vertraulich. Er kam jeden Morgen vor Sonnenaufgang zu mir ins Haus, und die Abende brachten uns wieder zusammen, bisweilen in den Häusern, in die wir beide eingeladen waren, bisweilen in seinem Hotel oder auch in meiner eigenen Wohnung.

Am unerklärlichsten war mir sein ungemein jugendliches Aussehen, im Gegensatz zu der Ausdehnung seiner Reisen; denn wenn man ihm glauben durfte, so war er fast in der ganzen bekannten Welt herumgekommen. Eines Tages fragte ich geradezu, wie alt er sei.

»Wie alt sehe ich aus? Wie hoch schätzen Sie mich?«

»Ich würde Sie für ungefähr zwanzig gehalten haben, wenn Sie nicht davon gesprochen hätten, daß Sie schon seit einigen Jahren volljährig seien.«

»Ist es ein Zeichen von wahrscheinlicher, langer Lebensdauer, wenn man viel jünger aussieht, als man ist?«

»In Verbindung mit anderen Zeichen allerdings.«

»Bemerken Sie an mir diese anderen Zeichen?«

»Ja; eine ausgezeichnete, vielleicht beispiellose konstitutionelle Organisation. Aber Sie sind meiner Frage über Ihr Alter ausgewichen; war es vielleicht ungebührlich, sie zu stellen?«

»Nein; ich bin majorenn geworden – lassen Sie mich sehen – vor drei Jahren.«

»So lang schon? Ist's möglich? Ich wünschte, ich wäre im Besitz Ihres Geheimnisses.«

»Meines Geheimnisses? Was wollen Sie damit sagen?«

»Ich meine das Geheimnis, unter der abnützenden Einwirkung männlicher Leidenschaften und männlicher Gedanken so viel von der Frische des reiferen Knabenalters zu bewahren.«

»Sie sind selbst noch jung – unter vierzig?«

»Oh ja, Einiges unter vierzig.«

»Und die Natur verlieh Ihnen eine viel größere Gestalt, ein viel schöneres Ebenmaß der Züge, als sie mir zu Theil werden ließ.«

»Pah, pah! Sie besitzen die Schönheit, welche das Auge der Frauen bezaubern muß, und zwar diese Schönheit in dem sonnigen Morgen der Jugend. Glücklicher Mann, wenn Sie lieben und der Gegenliebe versichert sein wollen!«

»Was Sie Liebe nennen – dieses krankhafte Gefühl, diese fieberische Thorheit habe ich, wie ich hoffe, für immer aufgegeben, als –«

»Ja – als?«

»Ich volljährig wurde.«

»Kalter Cyniker, Sie verachten die Liebe? Auch ich that es einst. Ihre Zeit wird kommen.«

»Ich denke nicht. Liebt außer dem Menschen irgend ein Thier sein Weibchen, wie der Mann das Weib liebt?«

»Wie der Mann das Weib liebt? Nein, ich glaube nicht.«

»Und warum sollten die niederen Thiere klüger sein, als ihr König? Doch um auf unser voriges Gespräch zu kommen – Sie möchten meine Jugend und die sorglose Lust besitzen, mit der ich mich ihrer erfreue?«

»Können Sie fragen? Wer möchte dies nicht?«

Margrave sah mich einen Augenblick mit ungewöhnlichem Ernst an; dann aber begann er mit jenem plötzlichen Wechsel, der bei seinem launischen Temperament nichts Ungewöhnliches war, leise eines seiner wilden Lieder vor sich hin zu singen. Der Gesang klang ganz anders, als Alles, was ich früher von ihm gehört hatte – ich weiß nicht, lag es in der Modulation der Stimme oder in dem Charakter der Weise; kurz der Eindruck war so lieblich, daß er mir, obschon ich sonst für Musik ziemlich unempfindlich war, tief zu Herzen ging. Ich rückte ihm näher und näher und murmelte, als er inne hielt:

»War dies nicht ein Liebeslied?«

»Nein,« versetzte er. »Es ist der Gesang, mit welchem die Schlangenbeschwörer die Schlangen bezaubern.«

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