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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 22
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Am andern Tag, nachdem mich der letzte meiner mich im Haus besuchenden Patienten, denen die Morgenstunden gewidmet waren, verlassen hatte, wurde ich in aller Eile zu dem Verwalter des nicht auf seinem Familiengut lebenden Sir Philipp Derval beschieden, der ungefähr fünf Meilen von L– – entfernt wohnte. Es kam in der That nur selten vor, daß Personen niedereren Ranges mich auf eine solche Entfernung berufen ließen; aber ich hatte mir's zum Grundsatz gemacht, jedem Aufgebot Folge zu leisten, da ich meinen Beruf nicht um des Gewinnes willen, sondern in der Absicht trieb, meinen Nebenmenschen Hülfe zu leisten; die Bezahlung betrachtete ich nur als ein zufälliges, nicht als ein wesentliches Moment. Der Bote erklärte den Fall als dringend. Ich bestieg deßhalb mein Pferd und ritt hinaus; wie ich aber durch das Dorf trabte, das sich an Sir Philipp Dervals Park anlehnte, fiel mir die sichtliche Sorgfalt auf, mit der auf das bequeme Wohnen der ländlichen Bevölkerung Bedacht genommen war. Ich fühlte, daß ich mich auf dem Grund und Boden eines reichen, einsichtsvollen und wohlwollenden Gutsherrn befand. Als ich jedoch in den Park gelangte und an dem Herrenhaus vorbeikam, machte der Gegensatz, welchen die Vernachlässigung und der Verfall der stattlichen Wohnung des Absentirten zu den lachenden Häuschen der Dörfler bildete, einen trüben, wehmüthigen Eindruck auf mich.

Ein imponirendes Gebäude, augenscheinlich nach einem Plan von Vanburgh hergestellt, mit verzierten Strebepfeilern, einem stolzen Portikus, einem großartigen Perron (doppelter Treppenflucht vor dem Eingang) und einem Schmuck von Urnen und Statuen, die aber mißfarbig, mit Flechten überzogen und beschädigt sich halb unter Epheu und anderen unbeschnittenen Kletterpflanzen verbargen. Die meisten Fenster waren mit Jalousieen, die aus Mangel an Farbe verwitterten, geschlossen, an einigen Kreuzstöcken die Scheiben zerschlagen, und der Pfau saß auf der zerbeulten Ballustrade, welche den von Unkraut überwucherten Garten abgrenzte. Die Sonne beleuchtete heiß und grell den Platz und ließ seinen verfallenen Zustand noch trauriger erscheinen. Ich war froh, als eine Wendung des Wegs durch den Park meinem Auge den Anblick des Hauses entzog. Plötzlich tauchte ich aus einer Gruppe von alten Eibenbäumen auf, und in blendendem Weiß trat mir ein Bau entgegen, der augenscheinlich zu einem Mausoleum für die Familie bestimmt war. Er hatte klassische Umrisse, in einer Nische der dicken Mauer eine eiserne Thüre und einen mit Rasen und Immergrün bewachsenen Gartensaum um sich her, der durch ein eisernes, theilweise vergoldetes Geländer abgegrenzt war.

Die Plötzlichkeit, mit welcher dieses Haus des Todes vor meinen Augen auftauchte, steigerte den unheimlichen Eindruck, den der Anblick des verlassenen Gebäudes mit seiner Umgebung auf mich gemacht hatte, fast zum Schmerz, wo nicht zur Scheu. Ich gab meinem Pferd den Sporn und erreichte bald die Thüre meines Patienten, der am anderen Ende des Parks ein hübsches Backsteinhaus bewohnte.

Der Kranke, ein in Jahren etwas vorgerückter Mann von kräftigem Bau, lag im Bette; es hatte ihn vor einigen Stunden ein Anfall betroffen, den man für einen Schlagfluß hielt; doch war er schon wieder bei Besinnung und eine unmittelbare Gefahr nicht vorhanden. Nachdem ich einige einfache Arzneistoffe aufgeschrieben hatte, nahm ich die Frau des Patienten bei Seite und begab mich mit ihr nach dem Wohnzimmer hinunter, um über die gewohnte Lebensweise ihres Mannes Fragen an sie zu richten. Diese schien hinreichend regelmäßig zu sein; ich konnte keinen Grund für den Anfall herausfinden, welcher Züge zeigte, die mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen waren.

»Hat Ihr Mann schon früher solche Anfälle gehabt?«

»Nie.«

»Ist vielleicht eine plötzliche Gemüthsbewegung vorausgegangen? Hat er eine unerwartete Nachricht erhalten, oder ist ihm etwas zugestoßen, was ihn außer Fassung brachte?«

Die Frau sah mich bei diesen Fragen sehr verstört an. Ich drang schärfer in sie. Endlich brach sie in Thränen aus, faßte mich bei der Hand und sagte:

»Oh, Doktor, ich muß es Ihnen schon sagen, denn ich habe ja eben deßwegen zu Ihnen geschickt; aber ich fürchte, Sie werden mir nicht glauben. Mein guter Mann hat einen Geist gesehen!«

»Einen Geist?« versetzte ich, ein Lächeln unterdrückend. »Wohlan, so erzählen Sie mir Alles, damit ich dem Wiederkommen dieses Geistes vorbeugen kann.«

Die Frau holte sehr weit aus mit ihrer Geschichte; sie enthielt im Wesentlichen Folgendes. Ihr Mann, der an ein frühes Aufstehen gewöhnt war, hatte an jenem Morgen früher als sonst sein Bette verlassen, um wegen einiger Stücke Vieh, die auf einen benachbarten Markt zum Verkauf geschickt werden sollten, die nöthigen Weisungen zu ertheilen. Eine Stunde später fand ihn ein Schäfer unfern des Mausoleums augenscheinlich in leblosem Zustand. Man brachte ihn nach dem Haus zurück, wo er, sobald er seine Sprache wieder gewann, alle, mit Ausnahme seiner Frau, das Zimmer verlassen hieß; er erzählte ihr sodann, wie er auf seinem Weg durch den Park nach den Viehställen vor der eisernen Thüre des Mausoleums etwas gesehen habe, was anfangs auf ihn den Eindruck eines blassen Lichtes machte. Beim Nähertreten verwandelte sich dieses Licht in die deutlich unterscheidbare Gestalt seines Herrn, des Sir Philipp Derval, der sich damals im Ausland, muthmaßlich im Orient, befand, wo er sich viele Jahre aufgehalten hatte. Der Eindruck auf den Geist des Verwalters war so lebhaft gewesen, daß er ausrief: »Oh, Sir Philipp!« als er aber schärfer hinsah, bemerkte er, daß das Gesicht ein völlig leichenhaftes Aussehen zeigte. Während er unbeweglich die Erscheinung anstarrte, schien sie allmählig zurückzuweichen und in dem Grabgewölbe selbst zu verschwinden. Von da ab wußte er nichts mehr; er war besinnungslos geworden. Der Schrecken über diese seltsame Mittheilung hatte die arme Frau bewogen, statt nach dem Dorfbader, zu mir zu schicken, weil sie meinte, da dem Anfall ihres Mannes eine so erstaunliche Ursache zu Grund gelegen habe, so könne er nur durch einen Arzt, der im Ruf einer mehr als gewöhnlichen Gelehrsamkeit stand, gehörig behandelt werden. Auch wollte der Verwalter selbst nichts von dem nahen Dorfdoktor wissen, der ihn bei dem Landvolk ins Gerede bringen konnte, was bei einem ferner wohnenden Arzt nicht zu besorgen stand.

Ich hütete mich wohl, das Vertrauen der guten Frau dadurch zu verscherzen, daß ich vorschnell meinen Unglauben an das Phantom auskramte, das ihr Mann gesehen zu haben versicherte; da mir aber das Ganze entschieden auf die epileptische Natur des Anfalls hinzudeuten schien, so begann ich ihr von ähnlichen Illusionen zu erzählen, die im Bereich meiner Erfahrung Fallsüchtigen begegnet waren, und beruhigte sie schließlich mit meiner Ueberzeugung, daß die Erscheinung sich auf natürliche Ursachen zurückführen lasse. Ich leitete sodann das Gespräch auf Sir Philipp Derval, weniger aus Neugierde, als in der Absicht, die Frau daran zu gewöhnen, daß sie sich das Bild des fernen Gutsherrn als das eines lebenden Menschen vergegenwärtige. Der Verwalter hatte schon im Dienst von Sir Philipps Vater gestanden und Sir Philipp noch als Kind gekannt. Er hing mit Leib und Seele an seinem Herrn, den die Frau als äußerst wohlwollend, aber auch als einen gar besonderen Mann schilderte, was, wie sie meinte, von dem vielen Studiren herkam. Er hatte den Titel und das Gut als minderjährig angetreten und nach seiner Volljährigkeit einige Jahre viel mit der Welt verkehrt, indem er sein Haus zu Derval-Court mit lebensfrohen Gästen füllte und sie mit verschwenderischer Gastlichkeit bewirthete. Der Grundbesitz stand jedoch nicht im Verhältniß zu der Großartigkeit des Herrenhauses und vermochte mit seinem Ertrag den Aufwand des Eigenthümers nicht zu decken. Er gerieth in große Verlegenheiten, mit welchen das Gerücht die Auflösung eines Liebesverhältnisses in Verbindung brachte, und änderte nun plötzlich seine Lebensweise, indem er sich vor seinen alten Freunden verschloß und in seiner Abgeschiedenheit zu Büchern, wissenschaftlichen Beschäftigungen und »anderem sonderbaren Zeug,« wie sich die alte Frau unbestimmt, aber doch sehr bezeichnend ausdrückte, seine Zuflucht nahm. Durch strenge Sparsamkeit gegen sich selbst, die jedoch einen verständigen Edelmuth gegen Andere nicht ausschloß, war es ihm allmählig gelungen, sich aus seinen Schulden herauszuarbeiten; als er sich aber wieder reich sah, wandelte ihn plötzlich der Gedanke an, außer Landes und auf Reisen zu gehen. Er mochte jetzt achtundvierzig Jahre alt sein, von denen er die letzten achtzehn fern von seiner Heimath verbracht hatte. Er schrieb häufig an seinen Verwalter und ertheilte ihm ausführliche und umsichtige Weisungen, wie er die Grundsaßen beschäftigen und für gute wohnliche Unterbringung derselben Sorge tragen solle, verbot ihm aber aufs Entschiedenste, Geld auf das Herrenhaus und dessen Gartenumgebung zu verwenden, als Grund dafür angebend, daß er nach seiner Heimkehr das Gebäude abbrechen zu lassen beabsichtige.

Ich hielt mich in dem Haus des Kranken etwas länger auf, als gerade nothwendig gewesen wäre; er hatte ein ruhiges Schläfchen gethan und nachdem man ihn aus dem Bett in den Lehnsessel gebracht, einige Nahrung zu sich genommen, schien also, als ich mich entfernte, sich von seinem Anfall wieder vollkommen erholt zu haben.

Auf dem Heimweg machte ich mir Gedanken über den Unterschied, den bei einem und dem anderen Menschen selbst in pathologischer Hinsicht die Erziehung bedingt. Da war nun ein derbknochiger, an die gesundeste Lebensweise gewohnter Landbewohner, der nichts von dem Vermögen wußte, das wir Einbildungskraft nennen, fast an den Rand des Grabes gebracht worden durch den Schrecken über eine optische Täuschung, die sich bei näherer Prüfung wohl aus denselben einfachen Ursachen erklären ließ, welche am Abend vorher für einen Augenblick auf mich den Eindruck gemacht hatten, als höre ich einen Ton und sehe einen Geist – auf mich, der, Dank seiner besseren Erziehung, einige Minuten nachher sich ruhig zum Schlafen niederlegte, in der festen Ueberzeugung, daß kein Phantom, selbst das gespenstischste nicht, das je ein Auge oder Ohr berückte, etwas anderes sein könne, als ein nervöses Phänomen.

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