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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 2
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Erstes Kapitel.

Im Jahre 18– begann ich meine Praxis als Arzt in einer der reichsten von unseren großen englischen Städten, die ich nur mit dem Anfangsbuchstaben L– – bezeichnen will. Ich war noch jung, hatte mir aber schon einigen Ruf erworben durch ein wissenschaftliches Werk, das, wie ich glaube, noch jetzt in Betreff des behandelten Gegenstandes als eine Autorität gilt. Ich machte meine Studien in Edinburg und Paris und erwarb mir an diesen ausgezeichneten medicinischen Schulen den Beifall meines Lehrers in einem Grade, welcher den Ehrgeiz des Studenten wohl zu der Aussicht auf künftige Auszeichnung berechtigte. Nachdem ich Mitglied des Aerztecollegiums geworden, bereiste ich die Hauptstädte Europa's, an deren ausgezeichnetste Praktiker ich mit Empfehlungsschreiben versehen war, sammelte mir aus den verschiedenen Theorien und Heilmethoden das Material, um die auf den Universitäten gelegten praktischen Grundlagen umfassend und vorurtheilsfrei zu erweitern, und nahm mir vor, schließlich meinen Wohnsitz in London zu nehmen. Ehe ich jedoch meine wissenschaftliche Reise beendigt hatte, trat eines jener unerwarteten Ereignisse ein, welche so oft die selbstständigen Entwürfe des Menschen vereiteln, und bewog mich, meinen Plan zu ändern. Als ich auf dem Weg nach dem nördlichen Italien durch Tirol kam, fand ich in einem kleinen, von ärztlicher Hülfe weit abgelegenen Wirthshaus einen englischen Reisenden, der an einer Lungenentzündung gefährlich erkrankt war. Ich widmete mich ihm Tag und Nacht, und so hatte ich, vielleicht mehr in Folge der sorgsamen Pflege als der angewandten Arzneimittel, das Glück, ihn vollständig wieder hergestellt zu sehen. Der Reisende war selbst ein ausgezeichneter Arzt, Julius Faber, der sich beschieden hatte, seinen Geburtsort, die Provinzialstadt L– –, zu seinem Wirkungskreis zu wählen, obschon er als denkender und origineller Patholog einen weitverbreiteten Ruf besaß, wie denn auch seine Schriften einen nicht unwichtigen Theil meiner Specialstudien ausgemacht hatten. Er war im Begriff, mit erneuerter Kraft von einem kurzen Erholungsausflug wieder heimzukehren, als ihn die erwähnte Heimsuchung traf. Der Patient, der mir so zufällig in den Wurf kam, wurde der Gründer meines Glücks als Arzt. Er faßte eine warme Zuneigung zu mir, vielleicht um so mehr, weil er ein kinderloser Hagestolz war und der Neffe, auf den sein Reichthum übergehen sollte, nichts von dem Wunsche merken ließ, auch in die Mühen einzutreten, durch welche dieser Reichthum errungen worden. Ein Erbe für diesen war vorhanden; nach einem Nachfolger in jenen aber hatte er sich lange vergeblich umgesehen, und er setzte sich nun in den Kopf, denselben in mir gefunden zu haben. Ich mußte ihm beim Abschied versprechen, mit ihm einen regelmäßigen Briefwechsel zu unterhalten, und es stand nicht lange an, als er mir schrieb, welche Plane er zu meinen Gunsten vorhabe. Er sei alt, lautete sein Brief, die Praxis überbiete seine Kräfte, und er bedürfe einer Unterstützung; er könne es nicht über sich gewinnen, die Gesundheit seiner Patienten, die ihm wie Kinder nahe ständen, zu einem Gegenstand des Verkaufs zu machen, um so weniger, da er nach dem Geld nicht zu fragen habe; dagegen liege ihm sehr am Herzen, daß der Menschheit, welcher er gedient, und dem Ruf, den er erworben habe, durch die Wahl eines Nachfolgers kein Nachtheil erwachse. Kurz, er machte mir den Vorschlag, ich solle ohne Weiteres nach L– – kommen und ihm in seiner Praxis an die Hand gehen, nach Ablauf von zwei Jahren aber dieselbe ganz übernehmen, da er nach dieser Frist sich vom Geschäft zurückzuziehen beabsichtige.

Ein so vortheilhafter Antrag bietet sich nicht oft einem jungen Mann dar, der im Begriff ist, in einen übersetzten Beruf einzutreten; und obschon mein Streben nicht so fast auf großen Erwerb, als auf Ruhm und Auszeichnung ging, so galt mir doch der Ruf des Arztes, der mir so großmüthig die unschätzbaren Vortheile seiner langjährigen Erfahrung anbot und mich mit solcher Herzlichkeit in die Praxis einzuführen beabsichtigte, als Bürgschaft, daß ein Wohnsitz in der Hauptstadt nicht eben nothwendig sei, um sich in die Reihe der Großen zu erheben, welche von der Nation gefeiert werden.

Ich begab mich also nach L– – und noch ehe die zwei Jahre meiner Geschäftsteilhaberschaft zu Ende waren, sah mein wohlwollender Freund, durch das Vertrauen, das ich gewann, und das meine eigenen Erwartungen weit überstieg, seine Wahl gerechtfertigt. Ich war gleich am Anfang so glücklich, einige Kuren zu erzielen, die zum Stadtgespräch wurden, und es fällt bei einem Arzt sehr ins Gewicht, wenn schon bei seinem ersten Auftreten einige bedenklich scheinende Fälle, die ein erfolgreiches Handeln zulassen, ihm das Vertrauen anbahnen, welches die Patienten meist nur der reiferen Erfahrung zu schenken pflegen. Zu dem raschem Aufschwung, den meine Laufbahn nahm, trugen wahrscheinlich auch einige andere Umstände bei, die mit meinem ärztlichen Wissen nichts zu schaffen hatten. Die Zufälligkeiten einer guten Herkunft und eines schönen Privatvermögens schützten mich vor dem Verdacht, daß ich ein medicinischer Abenteurer sei. Ich gehörte einer alten Familie, einem Zweig des ehedem mächtigen Grenzclans der Fenwicke an, der seit vielen Generationen ein schönes Gut in der Nähe von Windermere besaß. Diese Besitzung war mit dem Antritt meiner Volljährigkeit auf mich als den einzigen Sohn übergegangen und von mir verkauft worden, um die Schulden meines Vaters abzutragen, welche für seine Liebhaberei, Alterthümer zu sammeln, große Summen aufgewendet hatte. Der Rest des Erlöses sicherte mir, abgesehen von dem Ertrag meiner Praxis, eine bescheidene Unabhängigkeit, und da ich gesetzlich nicht verpflichtet war, die Verbindlichkeiten meines Vaters zu tilgen, so gewann ich durch mein Verhalten den Ruf der Uneigennützigkeit und Rechtschaffenheit, welcher in England das Publikum stets günstig stimmt für die Erfolge, die man durch Talent oder Betriebsamkeit erwirbt. Man gestand mir vielleicht Geschicklichkeit in meinem Beruf um so bereitwilliger zu, weil ich auch die medicinischen Hülfswissenschaften mit Eifer betrieben hatte. Mit einem Wort, ich befand mich in der Lage, in der Gesellschaft eine Stellung einzunehmen, die meinem ärztlichen Ruf zu Hülfe kam und großentheils den Neid zum Schweigen brachte, welcher den Erfolg gewöhnlich verbittert und bisweilen sogar hindert.

Doktor Faber zog sich der Uebereinkunft gemäß nach Ablauf von zwei Jahren von der Praxis zurück. Er blieb nicht im Lande, sondern machte, da er noch eine rüstige Gesundheit und einen forschbegierigen Geist besaß, viele Reisen, während welcher wir anfangs einen fleißigen Briefwechsel unterhielten, der jedoch im Lauf der Zeit flauer wurde und endlich ganz und gar stockte.

Der größte Theil der Praxis, welche sich mein Vorgänger in einer dreißigjährigen Wirksamkeit gesammelt hatte, ging auf mich über. Mein Hauptrival war ein Doktor Lloyd, ein wohlwollender, heißblütiger Mann, – nicht ohne Genie, wenn von Genie die Rede sein kann, wo das Urtheil fehlt, und nicht ohne Wissen, dem es freilich an Gründlichkeit gebrach; einer von jenen begabten, aber flüchtigen Männern, welche nicht fähig sind, dem Beruf, dem sie sich widmen, die volle Kraft und Glut ihres Geistes zuzuwenden. Derartige Personen verfallen gewöhnlich bald in eine mechanische Routine, weil in der Uebung des Berufs, den sie zum Aushängschild machen, ihre Phantasie stets zu verlockenderen Gegenständen hingezogen wird. Sie sind daher als Fachmänner selten kühn oder erfinderisch, obschon sie diese Eigenschaften außer ihrem Beruf bisweilen sogar im Uebermaß zeigen; taucht aber in Letzterem etwa eine Neuigkeit auf, so sind sie geeignet, dieselbe mit einem Starrsinn zu pflegen und mit einer Leidenschaftlichkeit an ihr festzuhalten, wie sie der ruhige forschende Geist nicht kennt, welcher die neuen Ideen mit besonnenem nüchternem Blicke prüft, um sie bei Seite zu legen, theilweise zu verwenden oder ganz sich anzueignen, je nachdem er sie durch den vergleichenden Versuch bestätigt oder als unstichhaltig erfindet.

Doktor Lloyd hatte sich als gelehrter Naturforscher einen Ruf gewonnen, lang, ehe ihm der eines leidlichen Praktikers zugestanden worden war. Trotz seiner von Haus aus dürftigen Verhältnisse hatte er es sich von Jugend auf angelegen sein lassen, ein zoologisches Kabinet zusammenzubringen, nicht aus lebenden, sondern zum Glück für den Beschauer nur aus ausgestopften und einbalsamirten Thieren. Aus dem Gesagten wird man erkennen, daß Doktor Lloyds frühere Laufbahn eben keine glänzende war; in späteren Jahren aber hatte er sich in das ärztliche Ansehen eher hinein gealtert als gearbeitet, welches die Zeit einer durchaus achtbaren Persönlichkeit zu verschaffen pflegt, die man allgemein gern hat und die zu beneiden sich Niemand veranlaßt sieht.

Nun gab es in L– – zwei geschiedene gesellschaftliche Kreise – den der reichen Kauf- und Gewerbsleute und den einer kleinen Anzahl privilegirter Familien, welche den sogenannten Abteiberg, einen von den Märkten und dem Gewühl des geschäftlichen Verkehrs abgesonderten Stadttheil, bewohnten. Diese stolzen Areopagiten übten über die Frauen und Töchter der niederen Klasse, welcher mit Ausnahme des Abteibergs alle Stadtangehörigen ihren Wohlstand verdankten, denselben geheimnißvollen Einfluß aus, den man unter ähnlichen Verhältnissen in allen großen und kleinen Städten wahrnehmen kann.

Der Abteiberg war nicht reich, aber mächtig, da er seine Hülfsquellen in allen Arten von Gönnerschaft geltend machte. Er hatte seine eigene Putzmacherin, seine eigene Modenwaarenhandlung, seinen eigenen Conditor, Schlächter, Bäcker und Spezereihändler, und der Schutz des Abteibergs war wie der, den der Hof in seinen Titeln ertheilt, weniger einträglich an sich, als vielmehr eine feierliche Beglaubigung allgemeinen Verdienstes. Die Läden, welchen er seine Kundschaft zuwandte, gehörten nicht zu den wohlfeilsten und durchweg vielleicht nicht einmal zu den besten, waren aber jedenfalls imponirend, indem die Eigenthümer sich anständig pomphaft, die dienstthuenden Personen sich mit hochmüthiger Höflichkeit benahmen, ganz so, als ob sie zum Staatsdienst gehörten und das Recht hätten, stolz herabzusehen auf Diejenigen, von denen sie lebten. Die Damen der um den Berg herliegenden unteren Stadt betraten diese Läden mit einer gewissen ehrfurchtsvollen Scheu und verließen sie wieder mit einer Art von Stolz; denn sie wußten jetzt, was bei dem Berg Beifall fand. Sie hatten Einkäufe gemacht, gerade wie sie der Berg machte, und es ist schon etwas im Leben, wenn man sich der Ueberzeugung erfreuen kann, das Rechte gethan zu haben, mag sie auch noch so theuer erkauft worden sein. Der Abteiberg pflegte unter Anderem seine Gönnerschaft auch auf den Arzt auszudehnen, obschon diese Gewohnheit in den letzten Jahren von meines Vorgängers Praxis etwas außer Brauch gekommen war. Seine Ueberlegenheit über alle anderen Aerzte der Stadt stand so unbestritten fest, daß der Berg, welcher gelegentlich auch den physischen Gebrechen der geringeren Sterblichen unterworfen war, doch den Ehrenpunkt nicht so weit trieb, das Leben selbst für ihn einzusetzen, obschon Doktor Faber, weil er den städtischen Kranken- und Armenhäusern vorstand, vorzugsweise nur der Doktor der unteren Stadt hieß. Da die untere Stadt einen der berühmtesten Ärzte Englands besaß, so entschloß sich der Abteiberg großmüthig, ihn nicht durch einen Nebenbuhler zu erdrücken, sondern ließ sich in Gnaden von ihm den Puls fühlen.

Als mein Vorgänger abtrat, gab ich der anmaßenden Hoffnung Raum, der Berg werde fortfahren, sich seines normalen Rechts an einen besonderen Arzt zu begeben, und mir dieselbe großmüthige Gunst zu Theil werden lassen, die er dem Manne erwiesen, welcher mich für würdig erklärt hatte, ihm in seinen Ehren nachzufolgen. Ich besaß für diese Vermessenheit um so mehr einen Entschuldigungsgrund, weil mir der Berg bereits eine ziemliche Anzahl seiner Patienten zu besuchen gestattet, mir manches Verbindliche über die hohe Achtbarkeit der Familie Fenwick gesagt, und mich hin und wieder zum Diner und sehr häufig zum Thee eingeladen hatte.

Doch mein Dünkel erlitt einen gewaltigen Stoß. Der Abteiberg erklärte, daß die Zeit gekommen sei, das eingeschlafene Privilegium wieder ins Leben zu rufen – er mußte einen Doktor nach eigener Wahl haben, einen Doktor, dem man wohl gestatten konnte, aus Beweggründen der Menschenliebe oder des Erwerbs die Unterstadt zu besuchen, der aber seine besondere Lehenstreue gegen den Abteiberg nachdrücklichst dadurch bekundete, daß er in dessen ehrwürdigem Banne seine Wohnung nahm. Fräulein Brabazon, eine Dame von ungewissem Alter, aber unzweifelhaftem Stammbaum, mit einem kleinen Vermögen und einer großen Nase – sie erklärte dieselbe scherzhaft für einen Beweis ihrer Abkunft von Humphrey, dem Herzog von Gloucester – wurde beauftragt, ohne dem Berg durch einen offenen Antrag eine Blöße zu geben, mich diplomatisch auszuholen, ob ich geneigt sei, ein auf der Höhe des Berges gelegenes großes alterthümliches Herrenhaus zu beziehen, welches der Sage nach vor Jahrhunderten von den Aebten bewohnt und daher vom Volk noch immer das Abthaus genannt wurde; wenn ich mich dazu entschließen könne, werde der Berg an mich denken.

»Es ist allerdings ein großes Haus für einen unverheiratheten Mann,« bemerkte Fräulein Brabazon offen und fügte dann mit einem Seitenblick von beunruhigender Süßigkeit bei: »aber wenn Doktor Fenwick seine wahre Stellung, wie sich's für seine alte Familie ziemt, unter Uns eingenommen hat, so braucht er nicht lange vereinzelt zu leben, wofern es ihm nicht selbst darum zu thun ist.«

Ich entgegnete mit größerer Derbheit, als durch den Anlaß gerechtfertigt wurde, daß ich vorderhand nicht daran denke, meine Wohnung zu verändern, und wenn der Berg mich brauche, so solle er nach mir schicken.

Zwei Tage nachher miethete sich Doktor Lloyd in dem Abthause ein, und eine Woche später war er der erklärte Arzt des Berges. Die Wahl erhielt den Ausschlag durch den Machtspruch einer großen Dame, welche unter dem Namen und Titel einer Frau Oberst Poyntz auf der heiligen Höhe als Alleinherrscherin gebot.

»Doktor Fenwick,« sagte diese Dame, »ist wohl ein geschickter junger Mann und aus einem guten Hause, aber dabei doch sehr eingebildet, und der Berg kann erwarten, daß man sich nach ihm richte. Dazu kennen wir ihn noch nicht lange, und der Widerstand gegen neue Ankömmlinge, überhaupt gegen alles Neue, Hüte und Romane ausgenommen, ist eines von den wichtigsten Banden, um alte Gesellschaften zusammen zu halten. Doktor Lloyd hat deßhalb auf meinen Rath hin das Abthaus gemiethet; der Aufwand dafür würde jedoch seine Mittel übersteigen, wenn sich's der Berg nicht zur Ehrensache machte, das in seine Protektion gelegte Vertrauen zu rechtfertigen. Ich versicherte ihm, daß alle meine Freunde in Krankheitsfällen ihn berufen würden, und wer sich dazu zählt, wird mein Wort nicht Lügen strafen. Was der Berg thut, findet bei vielen von dem gemeinen Volk da drunten Nachahmung. Die Sache kann also als abgethan betrachtet werden.« Und sie war abgethan.

Doktor Lloyd, dem in solcher Weise an die Hand gegangen wurde, dehnte den Kreis seiner Besuche bald über die Grenzen des Berges aus, der für den Arzt freilich kein Goldberg war, und theilte sich mit mir, obschon verhältnißmäßig nur schwach, in die einträglichere Praxis der unteren Stadt. Ich hatte keine Ursache, ihm seinen Erfolg zu mißgönnen, und that es auch nicht; doch war nach meinen Ansichten von der Heilkunst seine Diagnose nur oberflächlich und seine Receptur veraltet. Wenn wir mit einander ein Consilium hatten, konnten wir uns selten über die Behandlungsweise verständigen. Ohne Zweifel meinte er, ich müsse vor seinen Jahren Respekt haben; aber ich hielt es mit dem Satz, an den junge Aerzte glauben, obschon die alten ihn für eine Abgeschmacktheit erklären, daß in Beziehung auf die Wissenschaft die Jungen in Wirklichkeit die Aelteren seien, so fern ihre Schule schon sie in die neuesten Erfahrungen einweihte, während die alten Aerzte an den Lehrsätzen festhalten, in welchen sie unterrichtet wurden, als die Welt noch um einige Jahrzehnte weniger zählte.

Inzwischen breitete sich mein Ruf rasch auch über den Bereich meines Wohnorts aus, und mein Rath wurde sogar von Kranken aus der Hauptstadt eingeholt. Der Ehrgeiz, der mir schon in früher Jugend meine Laufbahn vorgezeichnet und mir alle ihre Mühen versüßt hatte – der Ehrgeiz, einen Rang und Namen unter den großen Aerzten einzunehmen, denen die Menschheit eine dankbare, wenn auch prunklose Anerkennung zollt, sah ein ebenes Feld und ein sicheres Ziel vor sich.

Ich weiß nicht, ob ein weit vor der gewöhnlichen Zeit errungener Erfolg, wie ich ihn erreicht hatte, dazu diente, den Hauptzug in meiner moralischen Organisation, den wissenschaftlichen Stolz, zu steigern; jedenfalls glaubte ich darin eine Berechtigung dafür zu finden.

Bei aller Milde und Zartheit gegen die meiner Sorge vertrauten Leidenden, da dies zu den nothwendigen Erfordernissen meines Berufes gehörte, war ich doch unduldsam gegen jeden Widerspruch von Seite meiner Amtsgenossen oder überhaupt derjenigen, die in der öffentlichen Meinung gegen meine Lieblingstheorien ankämpften.

Meine medicinischen Grundsätze richteten sich streng nach den Regeln der induktiven Logik. Mein Glaubensbekenntniß war ein starrer Materialismus. Ich hatte eine sehr geringe Meinung von der geistigen Begabung Derjenigen, welche gläubig hinnahmen, was sich nicht durch den Verstand erklären ließ, wie denn auch »gesunder Menschenverstand« meine Lieblingsphrase war. Gegen kühne Entdeckungen hatte ich allerdings kein Vorurtheil, da sie weiterer Forschung einen Spielraum öffneten; aber ich verwarf jede Hypothese als eitel, wenn sich nicht der Probirstein der Erfahrung an sie anlegen ließ.

Auf medicinischem Feld war ich ein Schüler Brouffais', auf metaphysischem ein Schüler Condillac's gewesen. Ich glaubte mit diesem Philosophen, daß wir »all unser Wissen der Natur verdanken, daß wir im Anfang uns nur aus ihren Lehren unterrichten können, und daß die ganze Kunst der Spekulation nur in der Fortsetzung dessen, was sie uns zu beginnen genöthigt hat, bestehe.« Da ich die Naturphilosophie von den Dogmen der Offenbarung gesondert hielt, so kam ich nie mit den letzteren in Conflikt; aber ich behauptete, daß aus ersterem ein richtiger Denker nie das Vorhandensein der Seele in der Eigenschaft eines dritten Prinzips, das etwas anderes sei, als der Geist und der Körper, abzuleiten vermöge. Daß der Mensch durch ein Wunder wieder lebendig werden könne, sei eine Frage des Glaubens, nicht aber des Verstandes. Den Glauben überließ ich der Religion und verbannte ihn aus der Philosophie. Wie konnte man mit einer Bündigkeit, welche auch die Logik der Philosophie befriedigte, definiren, was wieder lebendig werden sollte? Der Leib? Wir wissen, daß er im Grabe ruht, bis der Zersetzungsprozeß seine Elemente in andere stoffliche Formen übergeführt hat. Der Geist? Aber er war so klar das Resultat der körperlichen Organisation, wie die Musik der Harfe das des instrumentalen Mechanismus. Theilt doch der Geist die Hinfälligkeit des Leibes im hohen Alter, und in der vollen Kraft der Jugend kann eine plötzliche Beschädigung des Gehirns die Denkkraft eines Plato oder Shakespeare vernichten. Aber das dritte Prinzip – die Seele, dieses Etwas, das im Körper wohnt, sollte dieses fortleben können? Wo barg es sich außerhalb des Baues? Mußten nicht die Philosophen, wenn sie es zu definiren suchten, seine Natur und seine Thätigkeiten mit denen des Geistes vermischen? Konnten sie es auf das bloße moralische Gefühl zurückführen, das so wandelbar ist, je nach Erziehung, Umständen und Leibesbeschaffenheit? Und selbst dieses kann bei den tugendhaftesten Menschen aufgehoben werden durch ein Fieber. Dies waren die Ansichten, mit denen ich mich trug in der Zeit, von der ich jetzt spreche. Sie hatten allerdings nichts Bestechendes und entbehrten auch des Verdienstes der Originalität; aber ich hielt sie mit einer Anhänglichkeit und Hartnäckigkeit fest, als wären sie tröstliche Wahrheiten und ich ihr Entdecker gewesen. Gegen Diejenigen, welche entgegengesetzte Lehren vertheidigten, benahm ich mich unduldsam, indem ich sie für Schwachköpfe oder für Heuchler erklärte. Wenn ich daher die Laufbahn, die mir mein Ehrgeiz voraussagte, vollendet, mich zum Gründer einer neuen pathologischen Schule aufgeschwungen und meine Sätze in akademische Vorlesungen zusammengefaßt hätte, so würde ich zuverlässig eine, wenn auch schwache, Autorität weiter für die Sekten abgegeben haben, welche die Interessen der Menschen auf das Leben beschränken, das mit dem Grabe zum Abschluß kömmt.

Vielleicht fand auch das, was ich meinen wissenschaftlichen Stolz nannte, mehr Nahrung, als ich zuzugestehen geneigt gewesen wäre, in jenem Selbstvertrauen, das so gern aus einem ungewöhnlichen Grad von physischer Kraft erwächst. Von Natur war ich mit der Muskulatur eines Athleten begabt. Unter den muthigen Jünglingen des nördlichen Athens hatte ich mich durch Proben von Behendigkeit und Kraft ausgezeichnet. Meine geistigen Arbeiten und die Sorge, welche von einer gewissenhaften Ausübung des ärztlichen Berufs unzertrennlich ist, ließen mich zwar des Lebens nicht so recht froh werden, hatten aber doch meine seltene körperliche Gesundheit in keiner Weise geschwächt. Ich ging durch die Menge mit dem festen Tritt und dem stolz erhobenen Haupte eines der geharnischten Ritter des Alterthums, der sich in seiner eisernen Hülle ganzen Haufen gewachsen fühlte. So trug das Gefühl der geistigen sowohl als der körperlichen Kraft und die Gewohnheit, Andern Hülfe zu bringen, während ich selbst keiner Hülfe benöthigt war, dazu bei, meinen Willen gewaltthätig und meine Meinungen anmaßend zu machen. Diese Mängel thaten mir in meinem Beruf allerdings keinen Abtrag, sondern dienten, da sie von einem ruhigen Wesen und von jener Art Würde im Auftreten begleitet waren, welche die Livrée der Selbstachtung ist, im Gegentheil dazu, mir Achtung zu schaffen und Vertrauen einzuflößen.

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