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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 18
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Siebenzehntes Kapitel.

Wie ich es aussprach? In welchen Worten sich mein Herz aufschloß? Ich erinnere mich dessen nicht mehr. Alles war wie ein Traum, der auf eine ruhelose, fieberige Nacht folgt und entschwindet, so bald sich die Augen aufthun für den Frieden eines wolkenlosen Himmels und die Lust einer goldenen Sonne. In der That schien mir auf Erden ein neuer Morgen anzubrechen, als ich aus einem lebenslangen Gestern erwachte – ihre theure Hand in der meinigen, ihr holdes Antlitz an meine Brust sich anschmiegend.

Und dann das melodische Schweigen, in das kein hörbarer Laut von außen sich mischte, im Innern aber eine besänftigende himmlische Musik, als ob unser ganzes, mit dem All in Harmonie getretenes Wesen aus seiner glücklichen Tiefe einstimme in die Hymne, zu der sich der Sterne Chor vereinigt!

In diesem Schweigen schienen unsere zwei Herzen sich wechselseitig zu verständigen, einander näher und näher zu rücken und mit geheimnißvoller Eintracht in dem feierlichen Bund zu verschmelzen, der hinfort nicht mehr gelöst werden sollte.

Endlich begann ich mit leiser Stimme:

»Und hier war es, an dieser Stelle, daß ich Sie zum erstenmal sah – hier, daß ich zum erstenmal erfuhr, welche Macht der Zauber eines Menschenantlitzes besitzt, um unsere Welt zu ändern und unsere Zukunft zu beherrschen!«

Lilian fragte mich dann schüchtern und ohne die Augen zu erheben, wie ich sie gesehen habe, indem sie mich zugleich daran erinnerte, ich habe ihr schon früher versprochen, es ihr zu sagen, ohne daß ich Wort gehalten hätte.

Und dann erzählte ich ihr von dem seltsamen Drang, der mich in den Garten führte, und von dem Zufall, der mich bewog, die Richtung nach dem freien Platz einzuschlagen: wie ihre Gestalt plötzlich, bestrahlt von dem rosigen Roth der untergehenden Sonne, vor mir aufgetaucht und wie sehnsüchtig mein Auge dem stummen Blick gefolgt sei, den sie in den fernen Himmel versenkte.

Während ich sprach, drückte ihre Hand krampfhaft die meinige; sie erhob ihr Antlitz von meiner Brust und sah mich mit ängstlicher Angelegentlichkeit an. Dieser Blick! Schon zweimal war er mir durch die Seele gegangen und hatte mich verwirrt.

»In diesem Blick liegt etwas, o meine Lilian, was mir sagt, daß Ihnen Etwas beklemmend auf der Seele liegt – Sie möchten es mir vertrauen und scheuen davor zurück. Sehen Sie, ich studire bereits in dem schönen Buch, dessen Siegel gelöst ist; aber Sie müssen mir noch helfen, seine Sprache zu übersetzen.«

»Wenn ich Scheu trage, es Ihnen zu vertrauen, so geschieht es nur deßhalb, weil ich fürchte, ich kann mich nicht so ausdrücken, daß ich verstanden werde, oder daß man mir Glauben schenkt. Doch Sie haben ein Recht, die Geheimnisse des Lebens kennen zu lernen, das Sie mit dem Ihrigen verketten wollen. Sie müssen aber Ihr Gesicht von mir abwenden: ein tadelnder Blick, ein ungläubiges Lächeln würde mir – o Sie können sich nicht denken wie eiskalt durch die Seele gehen, wenn ich von dem spreche, was für mich eine so ernste, so seltsam feierliche Sache ist.«

Ich wandte mein Gesicht ab, und ihre Stimme wurde fester, als sie nach einer kurzen Pause fortfuhr.

»So weit meine Erinnerung in meine Kindheit zurückreicht, entsinne ich mich, daß es Augenblicke gegeben hat, in welchen ein dünner Nebelschleier zwischen meine Augen und die umgebenden Dinge zu treten schien. Der Nebel verdichtete sich, bis er das Aussehen einer von den weißen flockigen Wolken hatte, die sich am Horizont sammeln, wenn die Luft noch ruhig, aber schon der Wind im Anzug ist. Dann ging dieser Dunst oder Schleier plötzlich auseinander nach Art der Wolken und ließ mich in den blauen Himmel schauen.«

»Fahren Sie fort,« sagte ich sanft, da sie hier innehielt.

Sie nahm ihre Rede in einem hastigeren Tempo wieder auf.

»In dieser Oeffnung zeigen sich mir seltsame Bilder wie in einem Gesicht. In meiner Kindheit waren es namentlich Landschaften von wunderbarer Schönheit. Ich konnte damals nur eine matte Schilderung davon geben und vermöchte auch jetzt nicht zu beschreiben, da sie meiner Erinnerung entschwunden sind. Meine liebe Mutter schmälte mich, wenn ich ihr erzählte, was ich sah, und so prägten sich die Gestalten, von denen ich nicht weiter sprechen durfte, meinem Gedächtniß nicht ein. Als ich heranwuchs, wurde diese Art Gesicht, wenn ich es so nennen darf, seltener und noch weniger deutlich. Ich sah wohl noch den dünnen Schleier niederfallen, sich zur blassen Wolke bilden und auseinandergehen; doch was sich mir dann zeigte, war meist vergessen, wenn ich wieder wie aus einem Schlaf erwachend zu mir kam. Bisweilen aber konnte ich mich sehr lebhaft und vollständig wieder erinnern. Ich sah hin und wieder das Antlitz meines heimgegangenen Vaters und vernahm wohl auch seine Stimme, gerade so wie mir beides aus früher Jugend vorschwebte, als er mich, wenn er nachdachte und studirte, stundenlang neben sich ruhen ließ und ich mich so glücklich fühlte, wenn ich still in seiner Nähe sein konnte; denn ich liebte ihn – ach, und wie – und ich erinnere mich seiner noch so deutlich, obgleich ich nur sechs Jahre alt war, als er starb. In neuerer Zeit, namentlich während der letzten paar Monate, erscheinen mir die Bilder zukünftiger Dinge in dem freien Raum so deutlich wie in einem Spiegel. So sah ich einige Wochen, eh' ich hieher kam und eh' ich noch etwas von diesem Platze wußte, deutlich das alte Abthaus, jene Bäume dort, diesen Rasen, den moosbewachsenen gothischen Brunnen, und an das Gesicht knüpfte sich der Eindruck, daß auf dem Schauplatz vor mir in meinem alten kindlichen Leben eine ernste Veränderung vor sich gehen werde. Als ich nun hieher kam und die Bilder meiner Vision wieder erkannte, faßte ich sogleich für den Ort eine Vorliebe, die freilich nicht frei war von einer gewissen Scheu: er hatte ein gewaltiges, die Sinne verwirrendes Interesse für mich, wie man es etwa unter dem Einfluß eines Schicksals fühlt, in das man einen prophetischen Blick thun durfte. Und an jenem Abend, als Sie mich zum erstenmal sahen und ich hier saß –«

»Ja, Lilian, an jenem Abend – –?«

»Sah ich auch Sie, aber nicht körperlich, sondern nur in meinem Gesicht – dort, weit in den Tiefen des Raumes – und – und mein Herz fühlte eine Unruhe, wie nie zuvor; und unfern von Ihrem Bild sah ich aus der Wolke das Antlitz meines Vaters herauswachsen, Und ich hörte seine Stimme, nicht mit meinem Ohr, sondern in meinem Herzen, wie sie mir zuflüsterte – –«

»Was flüsterte sie, Lilian?«

»Diese Worte – nur diese – ›Ihr werdet einander nöthig haben.‹ Dann aber erhob sich zwischen meinen aufwärts gerichteten Augen und den zwei Gestalten, die sie vor sich hatten, von der Erde aufsteigend und den Himmel verdunkelnd, plötzlich ein trüber wellenförmig sich ausbreitender Dunst, der sich wie zu einer ungeheuren Schlange ringelte, nichts Bestimmtes an ihrer Gestalt, als eine grelle scharf abgegrenzte Oberfläche, ein Blitzen aus zwei schrecklich leuchtenden Augen und ein jugendliches Haupt, ähnlich dem der Medusa, welches sich schneller, als ich einen Athem aufzuziehen vermochte, in einen grinsenden Todtenschädel umwandelte. In meinem Schrecken beugte ich den Kopf, und als ich ihn wieder aufrichtete, war das Gesicht verschwunden. Der Schrecken aber wich nicht, selbst als mich der Arm meiner Mutter umschlang und ich ihre Stimme hörte. Und als ich dann im Haus drinnen allein war, wurde die Erinnerung an das, was ich gesehen hatte – an jene Augen – jenes Gesicht – jenen Schädel – immer mächtiger und mächtiger, bis ich zuletzt ohnmächtig zusammensank. Von da an weiß ich nichts mehr bis zu meinem Wiedererwachen. Als ich meine Augen aufschlug, sah ich Sie an meiner Seite, verwundert wohl, aber nicht erschreckt, sondern vielmehr mit einem Gefühl der Freude, des Schutzes und der Hoffnung. Allerdings mischte sich ein Schatten von Furcht und Scheu darein, als ich das Gesicht erkannte, das aus dem Himmel auf mich niederschaute, während mir die Stimme meines Vaters unmittelbar, eh' der schwarze Dunst aufstieg, zuflüsterte: ›Ihr werdet einander nöthig haben.‹ Und nun – und nun – werden Sie mich weniger lieben, seit Sie ein Geheimniß in meinem Dasein kennen, das ich noch Niemand geoffenbart habe und das ich mir selbst nicht zu deuten weiß? Ach, so spotten Sie wenigstens nicht – und sagen Sie nicht, daß Sie mir nicht glauben. Nein, halten Sie sich nicht länger abgewandt; ich bitte Sie jetzt, mir ins Auge zu sehen. So; nun mögen Sie mir, eh' unsere Hände sich wieder vereinigen können, sagen, daß Sie mich nicht als eine Lügnerin verachten oder als eine Irrsinnige bemitleiden.«

»Stille – stille!« versetzte ich, sie an meine Brust ziehend. »Ueber Alles, was Sie mir erzählen, wollen wir später sprechen. Die Wagschalen der Wissenschaft haben keine Gewichte, die fein genug wären für die Sommerfäden einer reinen jungfräulichen Phantasie. Genug für mich – für uns beide – wenn aus allen solchen Truggebilden nur eine Wahrheit hervorbricht, die zu Ihnen, liebliches Kind, aus dem Himmel niedertönt und auch auf Erden zu mir, dem rauhern Manne spricht. Ja, jeder Puls dieses Herzens, das in gläubigem Vertrauen Ihnen entgegenschlägt, wiederholt die Worte – jetzt und fortan durchs ganze Leben bis in den Tod – ›Jedes bedarf des Andern‹ – ich Deiner – ich Deiner! meine Lilian – meine Lilian!«

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