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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 17
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Sechzehntes Kapitel.

Vigors durfte seinem Zorn nicht Raum geben, als ihm unsere schöne Abgesandte die Mittheilung machte, daß ich in dem Abthaus den Doktor Jones eben so schnell, als er mich, wieder verdrängt habe. Da Frau Poyntz die ganze Verantwortlichkeit für diesen Wechsel auf sich nahm, so wagte er es nicht, ihr ins Gesicht über denselben loszuziehen; denn der Vollstrecker der Gesetze hatte in seinem Inneren einen gewaltigen Respekt vor der herrschsüchtigen Wahrerin des Herkommens, wie ja selbst die begründetste Autorität Scheu trägt vor der öffentlichen Meinung, wie launenhaft sie auch sein mag.

Gegen die sanfte Frau Ashleigh dagegen sprach sich der Unwille des Friedensrichters entschiedener aus. Er stellte seine Besuche ein, und als sie in einem langen, abbittenden Briefe versuchte, seinen Zorn zu beschwichtigen und ihn für ihr Haus zurückzugewinnen, antwortete er mit einem fein ausgearbeiteten Sendschreiben, in welchem der Predigtton mit dem der Satire wechselte. Er begann damit, daß er das Ablehnen ihrer Einladungen mit dem Werth, den die Zeit für ihn habe, und mit seinen eingezogenen Gewohnheiten entschuldigte; obgleich er nun stets bereit sei, Zeit und eigene Bequemlichkeit zum Opfer zu bringen, wo er damit etwas Gutes stiften könne, habe er doch gegen sich selbst und gegen die Menschheit die Verpflichtung, dies zu unterlassen, wo sein Rath kein Gehör finde und seine Ansicht mißachtet werde. Er deutete in Kürze, aber nicht mit Hast, auf die Achtung hin, mit welcher ihr verstorbener Gatte sich von seinem Urtheil habe leiten lassen, und welche Vortheile demselben daraus erwachsen seien. Diesem Respekt des Gatten hielt er den Schimpf gegenüber, welchen ihm die Wittwe angethan und der es ihm nicht möglich mache, die Folgen davon zu verhindern. Er vermesse sich nicht zu sagen, welche Pflichten Weltfrauen gegen hingeschiedene Gatten beobachten zu müssen glauben mögen; aber selbst Weltfrauen erkennen in der Regel die Ansprüche lebender Kinder an und handeln nicht leichtsinnig, wo sich's um die Interessen, geschweige, wo sich's um das Leben derselben handle. Was den Doktor Jones betreffe, so setze er (Vigors) volles Vertrauen in seine Geschicklichkeit. Frau Ashleigh möge selbst beurtheilen, ob Frau Poyntz eine eben so gute Autorität über medicinisches Wissen sei, als ihr ohne Zweifel in Betreff der Halstücher und Bänder zugestanden werden müsse. Doktor Jones sei ein vorsichtiger bescheidener Mann, der nichts wissen wolle von den hohlen Prahlereien, mit denen Charlatane unverständiges Volk in ihr Netz locken; Doktor Jones habe übrigens im Vertrauen ihm mitgetheilt, obgleich Lilians Fall von einer Beschaffenheit sei, die keine übereilte Experimente zulasse, so dürfe man doch auf einen guten Ausgang zählen, wenn sein kluges Verfahren beibehalten werde. Was die Folgen einer anderen Methode sein mögen, wolle Doktor Jones nicht sagen, denn er sei ein zu hochsinniger Mann, um sein Mißtrauen zu äußern gegen einen Nebenbuhler, der sich hinter eine Schürze gesteckt habe, um ihn zu verdrängen. Aber er (Vigors) lebe der festen Ueberzeugung und könnte dafür zuverlässige Quellen angeben (vermuthlich die orakelhafte Allwissenheit seiner Hellseherinnen), daß eine Zeit kommen müsse, in welcher das arme Fräulein selbst auf der Entlassung des Doktor Fenwick bestehen und diese Person vielen, die ihn jetzt bewundern und ihm das ehrerbietigste Vertrauen schenken, in einem ganz anderen Licht erscheinen werde. Sei es einmal so weit, so werde er (Vigors) vielleicht wieder von Nutzen sein; bis dahin aber solle, obgleich er es ablehnen müsse, das vertrauliche Verhältniß zu dem Abthaus wieder aufzunehmen oder nutzlose ceremoniöse Besuche zu machen, seine Theilnahme für die Tochter seines alten Freundes ungemindert bleiben, ja aus Mitleid sogar in erhöhtem Maß ihr zufallen, wie er denn auch stillschweigend sein Augenmerk nicht von ihr abwenden wolle; und wann immer ihm etwas einfalle, was zu ihrem Wohle diene, so werde er sich durch die Geringschätzung, mit der man sein Urtheil behandle, nicht abschrecken lassen, Frau Ashleigh zu besuchen, an ihr Mutterherz zu sprechen und ihr vorzustellen, was zum Besten, ihres Kindes diene; er gebe es ihr dann wie jetzt auf's Gewissen, seinen Rath, der, wie er ohne Eitelkeit sagen könne, einiges Gewicht habe bei Personen, welche einen Unterschied zu machen wissen zwischen gediegenem Werth und prahlerischer Anmaßung, anzunehmen oder zu verwerfen.

Frau Ashleigh gehörte zu den durchaus weiblichen Naturen, die sich instinktartig auf Andere stützen. Ihr schüchternes liebevolles Wesen war voll Mißtrauen zu sich selbst, weßhalb sie Anderen vertrauen mußte. Die Schilderung der Frau Poyntz, welche sie als »alltäglich schwach« bezeichnete, ließ ihr nicht Gerechtigkeit widerfahren; denn obschon man sie schwach nennen mußte, lag auch in dieser Schwäche nicht gerade eine Alltäglichkeit, da sie eine Herzensgüte und eine Zartheit des Charakters besaß, auf welche dieses herabwürdigende Beiwort nicht paßte. Gab man ihr eine Richtschnur, so hielt Niemand mit mehr Beharrlichkeit an ihr fest. Kein Hauswesen, selbst das der Frau Poyntz nicht, war so gut geordnet. Das alte Abthaus hatte sein ursprüngliches alterthümliches Düster gegen den milden Charakter einer edlen Ruhe umgetauscht. Alle Dienstboten wären für ihre Frau durchs Feuer gegangen, und es machte ihnen Freude, ihr zu Gefallen zu handeln. In ihrem ganzen Haus griff Alles ineinander, wie in einem Uhrwerk, und um die Dame her verbreitete sich Behaglichkeit gleich dem Sonnenlicht, das sich über einen geschützten Platz ergießt. Es war an sich schon ein Ausruhen von »zehrenden Sorgen,« wenn man ihr nur in das liebe Gesicht schaute oder dem einfachen Geplauder zuhörte, das in gleichförmigem, langsamem, einlullendem Tonfall ihren harmlosen Lippen entströmte. Sie machte auf den Geist denselben Eindruck, wie die grüne Farbe auf das Auge. In Allem, was sich auf das alltägliche Leben bezog, erwies sie sich äußerst verständig, und sie hatte nicht nöthig, sich bei anderen Raths zu erholen, da im Gegentheil auf diesem Felde auch die Klügste noch von ihr lernen konnte. Aber sobald irgend etwas, wie unbedeutend es auch sein mochte, ihren gewohnten Tageslauf irrte, verließ sie ihre Zuversicht und sie bedurfte eines Vertrauten, eines Rathgebers, der aus ihr machen konnte, was er wollte. Sobald sie daher in Vigors den Führer, an den sie sich in Nothfällen zu wenden gewöhnt, verloren hatte, wandte sie sich zuerst in ihrer Hülflosigkeit an Frau Poyntz und später mit um so größerer Dringlichkeit an mich, da eine Frau von solchem Charakter sich nie ganz zufrieden geben kann, wenn ihr nicht der Rath eines Mannes zur Seite steht. Und wo einmal dem Arzt gegenüber eine über die Förmlichkeit der Krankenbesuche hinausgehende Vertraulichkeit hergestellt ist, nimmt das Zutrauen zu ihm rasch und ohne Furcht zu als natürliche Folge der Sympathie, welche sich gemeinsam mit der des übrigen Haushalts dem einen Gegenstand der Sorge zuwendet, und man ist bereit, seinem beobachtenden theilnehmenden Blick auch die verborgensten Winkel seines Heimwesens aufzuschließen. So hatte mir Frau Ashleigh auch den Brief des Herrn Vigors gezeigt, dabei aber vergessen, daß ich nicht ihren liebenswürdigen Charakter besaß, und mich um Rath gefragt, wie sie es angreifen solle, um den Freund und Verwandten des verlornen Gatten wieder zu begütigen. Dieser Charakter bekleidete ihn mit einer Würde, zu dem ihr sanfter, versöhnlicher Blick nur ehrerbietig aufsah. In seinem Brief ärgerte mich vielleicht weniger der Ton beleidigender Verdächtigung gegen mich, als die Anmaßung, mit welcher dieser unberufene Eindringling gegen eine Mutter von der Nothwendigkeit seiner eigenen vormundschaftlichen Hut über ein unter ihrer Pflege stehendes Kind sprach; ich unterdrückte jedoch meinen Unmuth und entwarf eine meiner Meinung nach würdevolle und versöhnliche Antwort, in welcher ich mich aller Erörterungen enthielt und Frau Ashleigh sagen ließ, sie werde ihm zu jeder Zeit mit Vergnügen Gehör schenken und jeden Rath, den ihr ein so geschätzter Freund ihres Gatten in Betreff der Wohlfahrt ihrer Tochter zu ertheilen so gütig sei, mit Achtung entgegennehmen.

Ungefähr einen Monat von der Zeit meiner Wiedereinführung in das Abthaus an war aller Verkehr mit Vigors unterbrochen gewesen; eines Nachmittags aber begegnete ich ihm unerwartet auf meinem Weg nach dem Abthaus an dem Eingang in die dunkle Gasse. Mit dem ersten Blick auf sein ungewöhnlich finsteres Gesicht erkannte ich, daß er von den Ashleighs herkam; neben den düstern, drohenden Falten seiner Stirne war ein Zug höhnischen Triumphes nicht zu verkennen. Ich fühlte, daß ihm irgend ein Anschlag gegen mich gelungen sein mußte, und beschleunigte mit ahnungsvollem Bangen meine Schritte.

Frau Ashleigh war allein; sie saß vor dem Haus unter einer hohen Ceder, die in der Mitte des sonnigen Hofs ein natürliches Laubendach bildete. Als ich an ihrer Seite Platz nahm, bemerkte ich, daß sie sich in sichtlicher Verlegenheit befand.

»Ich hoffe,« begann ich, indem ich ein Lächeln zu erzwingen suchte, »Herr Vigors hat Ihnen nicht gesagt, daß ich meine Patientin liefere oder daß sie schlechter aussehe, als unter der Behandlung des Doktors Jones?«

»Nein,« versetzte sie. »Er gestand mit Freuden ein, daß Lilian sehr zugelegt und daß er mit Vergnügen vernommen habe, sie sei auch recht heiter geworden, indem sie Ausritte mache und sogar tanze – dies war gar freundlich von ihm, denn er mißbilligt das Tanzen aus Grundsatz.«

»Dennoch bemerke ich, daß er etwas gesagt haben muß, was Ihnen nicht angenehm ist; und wenn ich mir aus dem Gesicht, mit dem er mir in der Gasse begegnete, ein Urtheil bilden darf, so muß ich wohl vermuthen, daß der Zweck seines Besuchs darauf hinauslief, dem Vertrauen Eintrag zu thun, das Sie mir zu schenken so freundlich sind.«

»Ich versichere Ihnen, daß dies nicht der Fall ist; er hat weder gegen mich noch gegen Lilian Ihren Namen erwähnt. Er benahm sich so freundlich, wie nur je, ganz wie in alten Zeiten. Sein Herz ist gut, und er war meinem seligen Gatten so zugethan.«

»Wissen Sie von Herrn Ashleigh, daß er eine besonders hohe Meinung von Herrn Vigors hatte?«

»Ich kann dies nicht gerade behaupten, denn mein lieber Gilbert sprach nie mit mir über ihn, wie er denn überhaupt ein sehr schweigsamer Mann war. Aber er hatte einen Widerwillen gegen alle Unruhe, gegen alle weltlichen Angelegenheiten – und Herr Vigors nahm sich um die Verwaltung seines Guts an, prüfte die Wirthschaftsbücher und ging ihm bei einem Proceß, den er von seinem Vater geerbt hatte, an die Hand. Seinen Vater hatte dieser Rechtsstreit unter den Boden gebracht, und ich weiß nicht, was wir ohne Herrn Vigors hätten anfangen sollen. Ich bin deßhalb recht froh, daß er mir verziehen hat.«

»Hm! Wo ist Fräulein Ashleigh? Im Haus drinnen?«

»Nein, irgendwo im Garten. Aber mein lieber Doktor Fenwick, Sie müssen mich nicht schon verlassen. Sie sind so gar, gar theilnahmsvoll, und es ist mir, als sehe ich einen alten Freund in Ihnen. Es ist etwas vorgefallen, was mich ganz aus meiner Fassung bringt.«

Sie sprach dies in kleinlautem, mattem Tone und schloß dabei ihre Augen, als sei es nicht bloß mit ihrer Fassung, sondern sogar mit ihr selbst aus.

»Das Gefühl der Freundschaft, dessen Sie erwähnen, ist wechselseitig,« versetzte ich, »und auf meiner Seite von dem der wärmsten Dankbarkeit begleitet. Ich stehe allein und einsam, habe weder Eltern, noch nahe Verwandte, und kannte seit Doktor Fabers Abgang Niemand in dieser Stadt, mit dem ich mich in einen traulichen Verkehr einlassen mochte, bis ich mit Ihnen in Berührung kam. Sie haben mir gütig Zutritt gestattet zu Ihrem Herd, und Ihnen verdanke ich, was mir während meines selbstständigen Lebens stets fremd blieb – einen Blick in das Glück der Häuslichkeit, jenen Zauber, jene Ruhe für das Auge, das Herz und den Geist, welche man nur in einem Heimwesen fühlt, das durch die Anmuth des Frauenantlitzes erheitert wird. So sind denn meine Gefühle gegen Sie und die Ihrigen in der That die eines alten Freundes, und bei jedem besonderen Akt des Vertrauens, den Sie mir erweisen, wird es mir, als sei ich nicht mehr der einsame, freund- und heimathlose Mensch.«

Frau Ashleigh schien durch diese Worte, die mir aus dem Herzen quollen, sehr bewegt zu werden; nachdem sie mit einfacher, ungekünstelter Wärme darauf geantwortet hatte, erhob sie sich, nahm meinen Arm, und wir gingen langsam eine Weile in dem Hof auf und ab.

»Sie wissen vielleicht, daß mein seliger Gatte eine Schwester hinterließ, die Lady Haughton, welche jetzt auch, wie ich, eine Wittwe ist.«

»Ich erinnere mich, daß mir Frau Poyntz sagte, sie hätten noch eine Schwägerin; aber den Namen Lady Haughton höre ich zum erstenmal. Was ist mit ihr?«

»Herr Vigors hat mir einen Brief von ihr gebracht, und dies ist's, was mich so außer Fassung setzte. Ich glaube wohl, daß Sie mich nie von der Lady Haughton sprechen hörten, und muß zu meiner Schande gestehen, ich hatte fast vergessen, daß sie noch lebt. Sie ist viele Jahre älter, als mein Mann war, und von ganz anderem Charakter. Seit unserer Heirath hat sie ihn nur ein einziges Mal besucht und mir bei jener Gelegenheit sehr wehe gethan, weil sie ihn als einen Bücherwurm lächerlich machte. Auch ihn verdroß es, daß sie ein wenig auf mich herabsah als auf ein Geschöpf ohne Feuer und Welt, worin sie auch Recht hatte. Nach dem Tod des armen Gilbert schrieb sie mir einen kalten, gefühllosen Condolenzbrief, und seit ich verwittwet bin, habe ich bis auf den heutigen Tag nie mehr etwas von ihr gehört. Im Grund ist sie aber doch die Schwester und zwar die ältere Schwester meines seligen Mannes, Lilians Tante, und Herr Vigors hat wohl Recht, wenn er sagt: ›Pflicht ist Pflicht.‹«

Hätte Frau Ashleigh gesagt, Pflicht sei Qual, so hätte sie diesen Satz nicht mit einer traurigeren, trostloseren Ergebung aussprechen können.

»Und worin besteht die Pflichterfüllung, welche Ihnen Herr Vigors gegen diese Dame ans Herz legt?«

»Ach Gott, wie schnell Sie Alles auffassen! Sie haben vollkommen richtig gerathen; aber ich denke, Sie werden mit Herrn Vigors einverstanden sein. Ich habe freilich keine Wahl und muß mich darein fügen.«

»Meine schnelle Auffassung läßt mich hier im Stich. In was fügen? Ich bitte, erklären Sie sich näher.«

»Meine arme Schwägerin hat vor sechs Monaten ihren einzigen Sohn, Sir James, verloren. Herr Vigors sagt, er sei ein prächtiger junger Mann gewesen, auf den jede Mutter hätte stolz sein können; ich hörte freilich von ihm, daß er ein Wildfang sei. Herr Vigors dagegen meinte, er sei im Begriff gewesen, umzukehren, und habe eine von seiner Mutter für ihn ausgewählte Dame heirathen wollen, als er unglücklicherweise bei einem Kirchthurmrennen mitritt und dabei, da er nicht ganz nüchtern war, den Hals brach. Dies war natürlich für Lady Haughton ein schwerer Schlag. Sie hat sich nach Brighton zurückgezogen und schrieb von dort aus den Brief an mich, den mir Herr Vigors überbrachte. Er will heute wieder zu ihr gehen.«

»Zu Lady Haughton? Wie, und er ist vorher bei ihr gewesen? Er steht also zu dieser Dame auf einem eben so vertrauten Fuß, wie früher zu ihrem Bruder?«

»Nein; aber sie haben lang mit einander correspondirt. Ihre Mitgift steht auf dem Kirbyeigenthum, und zu Gilbert's Lebzeiten wurde ihr nichts davon ausbezahlt. Ein kleiner Theil des Guts ging an Sir James, und Ashleigh Sumner, der gesetzliche Erbe des bei weitem größeren Antheils, wünschte während seiner Minderjährigkeit unter der Vormundschaft des Herrn Vigors auch den kleineren zu erwerben. Da nun das Heirathgut der Lady Haughton darauf steht, so war ihre Einwilligung eben so nöthig, wie die ihres Sohnes. Es gab da viel zu unterhandeln, und seit dem Ableben des Sir James ist Herr Vigors häufig nach dem Haughton'schen Gut gekommen, weil die Angelegenheit zwischen ihr und der Lady noch immer nicht abgewickelt ist. So hat er sie auch in Brighton besucht. Mit einem Wort, die arme Lady Haughton wünscht, daß ich mit Lilian zu ihr auf Besuch komme. Dies ist nun freilich gar nicht nach meinem Sinne. Aber Sie haben letzthin gesagt, während der größten Hitze des Sommers dürfte die Seeluft meiner Tochter gut bekommen, und sie scheint mir jetzt wohl genug zu sein für eine Luftveränderung. Was denken Sie davon?«

»Ihre Gesundheit wäre allerdings kein Hinderniß; nur ist Brighton nicht gerade der Platz, den ich für den Sommer empfehlen möchte. Es fehlt an Schatten und ist dort viel heißer, als in L– –«

»Ja; aber Lady Haughton hat leider diesen Einwurf vorausgesehen und deßhalb in der Nähe der See einige Meilen von Brighton einen Wittwensitz gemiethet. Die Gegend ist wohl beholzt, gilt als kühl und gesund und liegt in der Nähe des St. Leonhardwaldes. Kurz, ich habe ihr geschrieben, daß wir kommen wollen. Und dies wird auch geschehen müssen, wenn nicht Sie es entschieden verbieten.«

»Wann gedenken Sie abzureisen?«

»Am nächsten Montag. Herr Vigors bestand darauf, daß ich den Tag festsetze. Ach, wenn Sie nur wüßten, wie schwer mich das Ziehen ankömmt, wenn ich einmal fest sitze; und ich habe eine eigentliche Angst vor Lady Haughton – sie ist so hoch und so satirisch. Aber Herr Vigors sagt, das arme Geschöpf habe sich sehr verändert. Ich würde Ihnen ihren Brief zeigen, wenn ich ihn nicht einige Minuten vor Ihrer Ankunft der Margareth – Frau Poyntz – hinüber geschickt hätte; sie kennt die Lady Haughton. Margareth kennt überhaupt Jedermann. Und wir werden wohl für den armen Sir James Trauer anlegen müssen – Margareth kann sie dann für uns auswählen, denn ich weiß wahrhaftig nicht, in welcher Ausdehnung man von uns die Trauer erwarten wird. Ich hätte es schon früher thun sollen – des armen Gilbert Neffe – aber ich bin so gedankenlos, und ich hatte ihn nie gesehen. Und – – oh, dies ist recht freundlich! Margareth selbst – meine liebe Margareth!«

Wir hatten uns in unserem Hin- und Hergehen eben von dem Hause abgewandt, als Frau Poyntz unmittelbar vor uns stand.

»Sie haben also wirklich die Einladung angenommen, Anna, und schon auf den nächsten Montag?«

»Ja. War es nicht recht?«

»Was sagt Doktor Fenwick dazu? Kann man Lilian gehen lassen?«

Wenn ich ehrlich sein wollte, konnte ich keine Einwendung erheben; aber das Herz wurde mir bleischwer, als ich antwortete:

»Fräulein Ashleigh bedarf nun keiner ärztlichen Pflege mehr; aber bei ihrer Kur hat mehr als die Hälfte davon abgehangen, daß man darauf Bedacht nahm, sie stets heiteren Geistes zu erhalten. Sie wird vielleicht den gemüthlichen Umgang mit Ihrer Tochter und andern jungen Damen ihres Alters vermissen. Ein schwermüthiges Haus, noch schwermüthiger gemacht durch einen frischen Todesfall, ohne andere Gäste – eine Wirthin, die ihr fremd ist und vor der selbst Frau Ashleigh sich zu fürchten scheint – dies sind Zugaben, welche dem Arzt, wenn er über einen Ortswechsel befragt ist, eben nicht als wünschenswerth erscheinen können. Wenn ich von der Seeluft sprach, die Fräulein Ashleigh gut bekommen dürfte, so dachte ich dabei an unsere nördlichen Küsten und an eine spätere Jahreszeit, in der ich einige Wochen abkommen und nach ihr sehen kann. Auch die Reise wäre kürzer und weniger ermüdend – die Luft belebender.«

»Ohne Zweifel wäre das besser,« bemerkte Frau Poyntz trocken; »aber was die Einwendungen betrifft, die Sie gegen den Besuch bei Lady Haughton vorbringen, so sind sie unbegründet. Ihr Haus ist nicht schwermüthig; auch kommen noch andere Gäste hin, und es wird Lilian am Umgang mit jungen Leuten ihres Alters, Damen sowohl als Herrn, nicht fehlen.«

Es lag etwas Unheilverkündendes, etwas Mitleidiges in dem Blick, den Frau Poyntz bei dem Schluß ihrer Rede auf mich warf, obschon dieser an sich schon ausreichte, die Besorgnisse eines Liebenden zu wecken. Lilian weit weg von mir, in dem Haus einer weltlichen Modedame – denn so dachte ich mir die Lady Haughton – nicht nur von jungen Damen, sondern auch von jungen Herrn, von Bewunderern umgeben, die ohne Zweifel einen höheren Rang und eine blendendere Außenseite hatten, als die, welche bisher mit ihr in Berührung gekommen waren! Ich schloß meine Augen, und es kostete mich Mühe, ein Aechzen zu unterdrücken.

»Meine liebe Anna, gestatten Sie mir, mich zu überzeugen, ob Doktor Fenwick wirklich zu dieser Reise seine Zustimmung gibt. Er wird mir sagen, was er vielleicht gegen Sie nicht aussprechen will. Entschuldigen Sie daher, wenn ich ihn auf einige Minuten bei Seite nehme. Ich treffe Sie wieder hier unter der Ceder.«

Frau Poyntz legte ihren Arm in den meinigen und zog mich, ohne die Antwort ihrer Freundin abzuwarten, nach einem abgeschiedeneren Gartenweg. Sobald Frau Ashleigh uns nicht mehr sehen und hören konnte, begann sie:

»Sie haben jetzt Lilian Ashleigh näher kennen gelernt. Wünschen Sie noch immer, sie als Frau heimzuführen?«

»Noch immer? Ach! die Gluth meines Verlangens steht im Verhältniß zu der Furcht, die mich erfüllt, sie könnte jetzt, wie meinen Blicken, so auch meinem Leben entrissen werden!«

»Sagt Ihr Verstand ja zu der Wahl Ihres Herzens? Besinnen Sie sich vorher, eh' Sie mir antworten.«

»Der selbstsüchtige Verstand, den ich besaß, eh' ich sie kennen lernte, würde allerdings die Wahl nicht bestätigen; aber der edlere, der sich jetzt allem meinem Denken zu Grunde legt, billigt und unterstützt die Stimme meines Herzens. Nein, nein, lächeln Sie nicht so spöttisch – es ist nicht die Stimme einer blinden, selbstsüchtigen Leidenschaft. Erlauben Sie mir, mich gegen Sie zu erklären, wenn ich es kann. Ich gebe Ihnen zu, Lilian's Charakter ist noch unentwickelt. Ich gebe Ihnen zu, daß aus der kindlichen Frische und Unschuld ihres Wesens bisweilen etwas Seltsames, etwas Geheimnißvolles auftaucht; dem ich noch nicht auf den Grund gekommen bin. Aber ich habe die Gewißheit; daß ihr Geist so gesund organisirt ist, wie ihr Herz, und daß unter günstigen Verhältnissen beide zu der glücklichen Harmonie sich vereinigen werden, welche die weibliche Vollkommenheit herstellt. Aber eben deßhalb, weil sie auf Jahre hinein, vielleicht für immer, einer sorgfältigeren und sinnigeren Behandlung bedarf, als weniger leicht erregbare Naturen, billigt mein Urtheil meine Wahl. Was zu ihrem Besten dient, muß auch zu dem meinigen dienen. Und wer würde besorgter über ihr wachen, als ich?«

»Haben Sie schon mit Lilian von Ihrer Liebe gesprochen?«

»O nein – wie sollte ich?«

»Und dennoch glauben Sie, daß Ihre Neigung erwiedert werde?«

»Ich glaubte es einmal – jetzt zweifle ich, obschon nicht ohne Hoffnung. Aber warum quälen Sie mich mit diesen Fragen? Ahnen nicht auch Sie, ich dürfte sie durch diesen Besuch für immer verlieren?«

»Wenn Sie dies fürchten, so sagen Sie's ihr; vielleicht kann ihre Antwort Sie beruhigen.«

»Wie, jetzt schon, während sie mich kaum einen Monat kennt? Setze ich durch eine solche Uebereilung nicht Alles aufs Spiel?«

»Die Liebe rechnet nicht nach dem Kalender; bei wie vielen Mädchen wird sie nicht in dem Augenblick geboren, in welchem sie erfahren, daß sie geliebt sind? Alle Weisen sagen uns, daß der entwischte Augenblick unwiderruflich ist. Wäre ich an Ihrer Stelle, so würde ich fühlen, daß ein Moment naht, der nicht ungenützt entweichen darf. Ich habe genug gesagt. Kehren wir zu Frau Ashleigh zurück.«

»Halt – sagen Sie mir zuerst, was der Brief der Lady Haughton enthält, daß Sie mir diesen Rath ertheilen, der mich zugleich mit Entzücken und mit Schrecken erfüllt.«

»Jetzt nicht – später vielleicht – jetzt nicht. Wenn Sie Lilian allein sprechen wollen, so gehen Sie nach dem alten Mönchsbrunnen; ich sah sie dort sitzen, als ich auf das Haus zuging.«

»Noch ein Wort – nur noch ein einziges. Beantworten Sie mir die Frage offen, denn es handelt sich dabei um einen Ehrenpunkt. Glauben Sie noch immer, Frau Ashleigh werde meine Bewerbung um ihre Tochter nicht mißbilligen?«

»Im gegenwärtigen Augenblick kann ich noch mit Ja antworten – ob ich's in einer Woche könnte, weiß ich nicht.«

Sie ging mit ihrem raschen aber abgemessenen Schritt durch den schattigen Gartenweg nach dem Hof zurück, und ich sah ihr hellgraues Gewand unter den Zweigen der Ceder verschwinden. Dann unterbrach ich hastig die unschlüssige ängstliche Spannung, in der ich vergeblich meine Gedanken zu zergliedern, meine Zweifel zu lösen und meinen Willen zu concentriren suchte, und ging in anderer Richtung auf die Einfassung zu, welche den Trümmergrund umgab – zuerst jetzt seitlich an dessen hoher Terrasse hin mit der vollen Aussicht auf die benachbarte Stadt, die von meinem Paradies nur durch die unter den epheuüberwachsenen Böschungen hinziehende geräuschvolle Straße getrennt war, dann aber hinter dem schirmenden Laubwerk eines üppigen Juni, das plötzlich die geschäftige Welt der Menschen von meinen Blicken ausschloß.

Endlich tauchte der zauberhaft freie Platz mit seinem Saum von spanischem Flieder, Rosen und Geisblatt aus dem Grunde auf; und dort bei dem grauen Denkmal einer entschwundenen ritterlichen Zeit wurde meinen unstät umherwandernden Augen Halt geboten durch das fesselnde Bild, in dem für mich alle Blüthe und Jugend der Erde verkörpert war.

Da stand sie mitten in der Vergangenheit, im Hintergrund die Trümmer von Mauern, die der Mensch errichtet hatte, um sich abzusperren von den Leidenschaften, und verschloß unter den gesenkten Lidern das Geheimniß, dessen Kunde ich mir von der endlosen Zukunft ersehnte.

Ach, welche Ironie liegt nicht in dem großartigen Wort, diesem wilden Kriegsgeschrei der Welt – Freiheit! Wer hätte nicht in seinem Leben eine Periode gekannt – eine so feierliche Periode, daß ihre Schatten ins ganze spätere Leben hineinragen, – in welcher ein menschliches Wesen über ihn eine zwingendere und absolutere Gewalt übte, als diejenige ist, welche der sclavische Orient in den Symbolen des Diadems und Scepters anbetet? Welcher Helmbusch flatterte je so hoch, daß er sich nicht beugte vor der Hand, die erheben oder erniedrigen konnte? Welches Herz schlug furchtlos genug, daß es nicht zitterte bei dem Gedanken an das Wort, das ihm die Thore des Entzückens oder der Verzweiflung aufschloß? Nur dasjenige Leben, das sich selbst genügt, ist frei; wir begeben uns desselben, wenn wir lieben.

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