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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 15
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Vierzehntes Kapitel.

Frau Ashleigh empfing uns in dem Besuchzimmer. Ihr Benehmen gegen mich war anfangs verlegen und scheu; aber meine Begleiterin theilte ihrer sanfteren Freundin bald etwas von ihrer eigenen glücklichen Unbefangenheit mit. Nach einem kurzen Gespräch begaben wir alle drei uns zu Lilian, für die ein kleines Gemach im Erdgeschoß zum Lesezimmer eingerichtet worden war. Ich bemerkte mit Vergnügen, daß man mein Verbot der Todtenstube respektirt hatte.

Sie ruhte auf dem Sopha in der Nähe des Fensters, das jedoch ängstlich geschlossen war; die Jalousieen und Vorhänge ließen keinen Blick von dem Licht des schönen Maitags einfallen; auf dem Herd brannte ein großes Feuer, und die Luft des Zimmers war die eines Treibhauses – kurz ich fand das ganze unvernünftige, veraltete System angewendet, mit dem man so oft die der Schwindsucht Verdächtigen in die wirkliche Schwindsucht hineinpflegt. Sie bemerkte uns nicht, als wir leise eintraten; ihre Augen hafteten matt auf dem Boden, und nur mit Mühe konnte ich den Ruf des Staunens unterdrücken, der mir bei ihrem Anblick auf die Lippen stieg. Sie hatte sich in den wenigen Tagen sehr verändert, und über ihr Antlitz war ein Ausdruck tiefer Schwermuth ausgegossen. Als sie sich aber bei dem Ton unserer Tritte langsam umwandte und ihre Augen den meinigen begegneten, überflog ein rasches Roth ihre schmächtigen Wangen, und sie richtete sich halb auf, sank aber sogleich wieder zurück, wie wenn schon diese leichte Anstrengung sie erschöpft hätte. Sie athmete schwer und hatte einen dumpfen hohlen Husten. War es möglich, daß ich wirklich im Irrthum gewesen und daß ich in diesem Husten das warnende Trauergeläute des schlimmsten Feindes jugendlicher Leben vernahm?

Ich setzte mich neben sie und veranlaßte sie zu einem Gespräch über gleichgültige Dinge – das Wetter, den Garten und das Vogelkäficht, das vor ihr auf dem Tische stand. Ihre anfangs schwache und leise Stimme wurde allmälig kräftiger, und auf ihrem Antlitz begann ein kindlich unschuldiges Lächeln zu spielen. Nein, ich hatte mich nicht getäuscht. Dies war nicht das lymphatische, abgespannte Temperament, in dessen Boden die Schwindsucht ihre beste Nahrung findet; auch war kein hektischer Puls, kein übereiltes Verzehren der Lebensflamme vorhanden. Gelassen und ruhig verfolgte ich meine Beobachtungen, stellte Fragen und setzte das Stethoscop an; und als ich mein Gesicht den ängstlichen Blicken der Mutter zuwandte, sprach es für mich, denn sie eilte auf mich zu, faßte meine Hand und rief mit thränenfeuchtem Auge:

»Sie lächeln! Sie finden keinen Grund zur Furcht?«

»Zur Furcht! – nein, gewiß nicht. Meinen Sie nicht auch, daß Sie bald wieder wohl sein werden, Fräulein Ashleigh?«

»Ja,« versetzte sie mit einem holden Lachen, »es wird jetzt rasch zur Besserung gehen. Aber darf ich nicht das Fenster öffnen – nicht in den Garten hinausgehen? Ich sehne mich nach frischer Luft.«

»O nein, mein Herz,« rief Frau Ashleigh; »so lang der Ostwind anhält, nicht. Doktor Jones hat es aufs Strengste verboten – was sagen Sie dazu, Doktor Fenwick?«

»Wollen Sie sich auf meinen Arm stützen und ein wenig im Zimmer herumgehen, Fräulein Ashleigh?« entgegnete ich. »Wir werden dann sehen, in wie weit wir gegen die Anordnung des Doktors Jones ungehorsam sein dürfen.«

Sie erhob sich mit einiger Anstrengung; aber es kam kein Husten. Anfangs war ihr Auftreten matt; aber es wurde schon nach wenigen Augenblicken leichter und elastischer.

»Lassen wir sie hinaus,« sagte ich zu Frau Ashleigh. »Wir haben eben keinen Ostwind. Und während wir draußen sind, lassen Sie gefälligst dieses Feuer fortschaffen, das nur für Weihnachten paßt.«

»Aber –«

»Keine Aber. Ein schlechter Doktor, der nicht despotisch an der Erfüllung seiner Anordnungen festhält.«

So wurde denn der Strohhut und der Mantel herbeigeschafft, in welchen Lilian sich mit unnöthiger Sorgfalt einhüllte; dann begaben wir uns insgesammt nach dem Garten. Unwillkührlich wurde der Weg nach dem Mönchsbrunnen eingeschlagen, und Lilian schien bei jedem Schritt unter dem Einfluß der kräftigenden Luft und der mäßigen Sonnenwärme mehr aufzuleben. Wir machten bei dem Brunnen Halt.

»Sie fühlen keine Müdigkeit, Miß Ashleigh?«

»Nein.«

»Aber Ihr Antlitz scheint verändert; es ist trauriger geworden.«

»Nicht trauriger.«

»Trauriger wenigstens, als zu der Zeit, in der ich es zum erstenmal sich – wie sie dort saßen.«

Ich sprach dies flüsternd. Ich fühlte ihre auf meinem Arm liegende Hand zittern.

»Sie sahen mich hier sitzen?«

»Ja, und ich will Ihnen ein andermal sagen, wie dies kam.«

Lilian erhob ihre Augen zu mir, und ich bemerkte darin denselben Ausdruck der Ueberraschung, wie bei meinem ersten Besuch – jener scheinbar nicht unangenehmen, aber doch scheuen Ueberraschung, die ich mir nicht zu deuten wußte.

Wir kehrten bald wieder in das Haus zurück.

Frau Ashleigh bedeutete mir durch ein Zeichen, ihr nach dem Besuchzimmer zu folgen, und ließ Frau Poyntz bei Lilian.

»Was sagen Sie jetzt?« fragte sie mit bebender Stimme.

»Lassen Sie mich die Ordinationen des Doktor Jones sehen. Danke Ihnen. Ja, ich dachte mir's. Meine liebe Frau, der Irrthum besteht darin, daß man die Natur, statt sie zu kräftigen, herunterzustimmen suchte und statt der erregenden Mittel betäubende anwandte. Die vorzüglichsten Erregungsmittel aber, die keine unangenehmen Gegenwirkungen nach sich ziehen, sind Luft und Licht. Versprechen Sie mir, daß Sie mich eine Woche gewähren lassen und allen meinen Vorschriften unbedingt Folge leisten wollen?«

»Ich verspreche es; aber dieser Husten – ist er Ihnen nicht aufgefallen?«

»Ja. Das Nervensystem ist furchtbar heruntergestimmt, und nervöse Erschöpfung trügt ungemein – ahmt Beschwerden aller Art nach, die mit ihr in gar keinem Zusammenhange stehen. Der Husten wird bald verschwinden. Aber entschuldigen Sie eine Frage: Frau Poyntz sagt mir, Sie haben eine Hellseherin wegen Ihrer Tochter zu Rathe gezogen. Weiß Fräulein Ashleigh davon?«

»Nein; ich habe ihr nichts gesagt.«

»Dies ist mir lieb. Und ums Himmelswillen, suchen Sie Alles aus dem Wege zu räumen, was ihre Gedanken solchen Dingen zuführen könnte. Halten Sie namentlich die Patientin davon ab, daß sie sich mit was immer für einer Krankheit beschäftige, die man irrthümlicher Weise ihr zuschreiben mag. Unsere Organisation ist danach eingerichtet, daß wir selbst dem gesundesten Theil unseres Körpers unsere Aufmerksamkeit nicht in anhaltender Weise zuwenden können, ohne in demselben krankhafte Empfindungen wahrzunehmen. Fixiren Sie Ihre Aufmerksamkeit nur eine halbe Stunde auf ihren kleinen Finger, und noch vor Ablauf derselben werden sie in dem Finger Unruhe und wahrscheinlich sogar Schmerz spüren. Wie gefährlich ist es also für ein Mädchen von solchem Alter, in welchem die Einbildungskraft so vorzugsweise thätig ist, wenn man sie auf den Glauben bringt, sie leide an einer tödtlichen Krankheit, namentlich da es zu den Eigenthümlichkeiten der Jugend gehört, weit ergebungsvoller, ja sogar mit einer gewissen Selbstgefälligkeit an einen frühen Tod zu denken, als dies bei reiferen Jahren der Fall ist. Pflanzen sie einem phantasiereichen Mädchen, das von der Anlage zur Schwindsucht so frei ist, wie Sie oder ich, die Vorstellung ein, daß es dem Grabe entgegengehe, so vergiften Sie wenigstens seine Constitution, wenn es auch nicht wirklich an der Schwindsucht stirbt. Hoffnung ist das naturgemäßeste Kräftigungsmittel der Jugend, und man stört den ganzen Ernährungsproceß, wenn man die Hoffnung raubt. Sobald das gegenwärtige Unwohlsein Ihrer Tochter vorüber ist, so verbannen Sie die ängstliche Sorgfalt, durch welche sie auf den Glauben gebracht wird, ihr Zustand sei besorglicher, als der von anderen Mädchen ihres Alters. Bringen Sie Fräulein Ashleigh fleißig in die frische Luft, die belebender als irgend etwas Anderes wirkt; sie muß bei offenen Fenstern schlafen und mit der Sonne aus den Federn sein. Die Natur wird mehr für sie thun, als sich mit allen unseren Arzneien erzielen läßt. Sie haben bisher die Natur gefürchtet; jetzt vertrauen Sie ihr.«

Frau Poyntz trat jetzt ein, und da ich schon während meines Gesprächs das Recept aufgeschrieben und einige allgemeine Verhaltungsregeln gegeben hatte, so schloß ich jetzt meinen Rath mit einer Berufung an diese mächtige Beschützerin.

»Meine liebe Madame, ich bedarf für den vorliegenden Fall Ihrer Unterstützung und erbitte sie mir daher. Fräulein Ashleigh sollte nicht bloß auf die Gesellschaft ihrer Mutter beschränkt bleiben. Eine Abwechslung in den Gesichtern wirkt oft eben so heilsam, wie ein Luftwechsel. Wenn Sie heute Abend Zeit hätten, Fräulein Ashleigh ein paar Stündchen zu widmen und mit Ihrem gewohnten heiteren Wesen sie zu unterhalten –«

»Anna,« unterbrach mich Frau Poyntz, »ich will um halbacht zum Thee herkommen und mein Strickzeug mitbringen. Vielleicht kommt Doktor Fenwick auch, wenn Sie ihn darum bitten. Er kann leidlich unterhaltend sein, wenn er will.«

»Ich fürchte, dies hieße seine Güte über Gebühr in Anspruch nehmen,« versetzte Frau Ashleigh: »doch würde ich ihm in der That sehr dankbar sein, wenn er uns ein Stündchen von seiner Zeit schenken wollte.«

Ich murmelte eine Zustimmung, wobei ich mir Mühe gab, sie nicht allzufreudig erscheinen zu lassen.

»Dies wäre also abgethan,« sagte Frau Poyntz. »Und nun will ich zu Herrn Vigors gehen und seiner weiteren Einmengung vorbeugen.«

»Aber ich bitte, Margareth, beleidigen Sie ihn nicht – er ist ein Verwandter meines armen lieben Gilbert und so wunderlich. Ich weiß in der That nicht, wie Sie's angreifen können, um –«

»Ihn uns vom Hals zu schaffen? Seien Sie unbesorgt, denn ich weiß mit Allem und Allen fertig zu werden,« sagte Frau Poyntz derb heraus.

Dann küßte sie ihre Freundin auf die Stirne, nickte mir gnädig zu und machte unter Ablehnung meines Wagens mit ihrem gewöhnlichen raschen, entschiedenen Schritt den kurzen Weg nach der Stadt zu Fuß.

Frau Ashleigh näherte sich mir schüchtern, und wieder machte die Hand die verschämte Bewegung, als wolle sie mir das verhaßte Honorar reichen.

»Halt!« sagte ich. »Dies ist ein Fall, der die sorgsamste Ueberwachung fordert. Ich muß so oft herkommen können, daß ich als der geldgierigste Arzt erscheinen müßte, wenn jeder meiner Besuche zu einer Guinee berechnet würde. Lassen Sie mich die Kur, bei der mein wissenschaftlicher Stolz betheiligt ist, ruhig vollenden. Und wenn Sie erst unter allen jungen Damen des Berges keine sehen, die frischer, hoffnungsvoller und lebenskräftiger aussieht, als die Patientin, die Sie meiner Obhut vertrauen – nun ja, dann mag es Zeit sein, das Honorar zu reichen und mich zu entlassen. Nicht doch; ich muß Sie an unsere Freundin Frau Poyntz verweisen. Die Sache wurde so mit ihr abgemacht, ehe sie mich hieher brachte, um den Doctor Jones zu ersetzen.«

Damit enteilte ich.

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