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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 14
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Dreizehntes Kapitel.

Ich hatte am andern Tag den letzten der mich im Haus besuchenden Patienten abgefertigt und wollte eben in meinen Wagen steigen, um meine Runde durch die Stadt anzutreten, als mir ein zusammengedrehtes Billet eingehändigt wurde, das nur folgende Worte enthielt:

»Kommen Sie heute, so bald Sie können, zu mir.

M. Poyntz.«

Einige Minuten nachher befand ich mich in dem Besuchzimmer der Schreiberin.

»Ich diene meinen Freunden nicht halb, Allen Fenwick,« sagte sie. »Keinen Dank; ich folge dabei nur einem Grundsatz, den ich mir vorgezeichnet habe. Ich war gestern Abend bei den Ashleighs. Lilian ist jedenfalls sehr verändert, sehr schwach und wie ich fürchte, schwer krank; auch glaube ich, daß sie von Doktor Jones sehr ungeschickt behandelt wird. Ich fühlte, daß es meine Pflicht war, auf einer Aenderung des Arztes zu bestehen; aber es gab noch etwas zu überlegen, ehe entschieden werden konnte, wer den abtretenden ersetzen sollte. Als Ihre Vertraute, mußte ich die Bedenken des Ehrenpunktes, die Sie hegen, berücksichtigen. Ich konnte natürlich Frau Ashleigh nicht rund heraus sagen: »Doktor Fenwick ist ein Verehrer Ihrer Tochter; haben Sie gegen ihn als Schwiegersohn etwas einzuwenden?« Das Geheimniß, das Sie mir vertrauten, durfte nicht berührt werden; doch bin ich in Einklang mit meiner früheren Ansicht gleichwohl zu der Ueberzeugung gelangt, daß Anna Ashleigh, die nicht zu den Weltdamen gehört, frei ist von dem Ehrgeiz, mit dem sich eine Weltdame in Beziehung auf eine Tochter tragen würde, die neben einem schönen Gesicht ein schönes Vermögen besitzt. Das Glück ihres Kindes geht ihr über Alles, und ihre Hauptangst drängt sich in dem Gedanken zusammen, daß es sterben könnte. Sie wird nie einer Neigung ihrer Tochter entgegentreten, und wenn ihre Neigung einem Manne gilt, der ihr das Leben gerettet hat, so glaube ich, daß ihm dankbar das Herz der Mutter wie das des Kindes zufliegen wird. Sofern also die Bedenken der Ehre in Frage kommen, wäre hier nichts zu fürchten.«

Vor Freude strahlend sprang ich von meinem Sitz auf. Frau Poyntz aber fuhr trocken fort:

»Sie thun sich etwas zu gut auf ihren gesunden Menschenverstand, und an diesen will ich einige Worte des Rathes richten, die vielleicht Ihrer Romantik nicht willkommen sind. Ich habe bereits gegen Sie bemerkt, ich glaube nicht, daß Sie und Lilian auf die Dauer für einander passen, und eine reifliche Erwägung bekräftigt mich in dieser Ansicht. Sehen Sie mich nicht so ungläubig und so traurig an, sondern hören Sie mich vielmehr und nehmen Sie sich in Acht. Fragen Sie sich selbst als ein Mann, dessen Tage einem anstrengenden Beruf gewidmet sind, dessen Ehrgeiz nur in dem Erfolg seiner Anstrengungen Befriedigung findet und dessen Geist in dem Ringen nach Erfolg lebt und webt – fragen Sie sich, welche Art Frau zu gewinnen Sie gesucht haben würden, wenn nicht diese plötzliche Bestrickung von einem bezaubernden Gesicht Ihr ruhiges Urtheil über den Haufen geworfen und Ihre früheren Plane und Entschlüsse vernichtet hätte. Sicherlich ein Wesen, in welchem Ihr Herz hätte ruhen können und durch das Ihre Gedanken nicht aus dem Kanal abgeleitet worden wären, der denselben durch Ihren Beruf angewiesen ist – mit einem Wort, eine heitere, ruhige Gefährtin für die Stunden, die Sie frei von den Behelligungen Ihres Dienstes in einer trauten Heimstätte zubringen möchten. Ist es nicht so?«

»Sie geben den Gedanken Ausdruck, mit denen ich mich trug, als ich eine Verheirathung in Erwägung nahm. Aber sollte in Lilian etwas liegen, was geeignet wäre, das von Ihnen entworfene Bild zu verzerren?«

»Haben Sie an Lilian etwas bemerkt, was dem Bild auch nur einigermaßen entspricht? Erstlich sollte die Gattin eines jungen Arztes nicht seine beständige Patientin sein. Je mehr er sie liebt, und je mehr sie seine Liebe verdient, desto mehr wird ihm ihr Zustand auf allen seinen Wegen und Stegen zu schaffen machen. Kehrt er nach Haus zurück, so findet er keine Erholung, denn in der Heimath erwartet ihn der Patient, der ihm am meisten am Herzen liegt und um den ihn die Sorge fast verzehrt.«

»Aber gütiger Himmel, warum denken Sie sich Lilian als eine ewige Patientin? Die Heilkraft der Jugend ist unberechenbar. Und – –«

»Erlauben Sie mir, Sie zu unterbrechen; ich kann mich auf keinen Disput mit einem verliebten Arzt einlassen. Ich will diesen Streitpunkt aufgeben und einfach an meiner Ueberzeugung festhalten, daß in Lilians Constitution etwas liegt, was Sie verwirren, quälen und allen Ihren Bemühungen Trotz bieten wird. Eben so war es bei ihrem Vater, dem sie im Gesicht wie im Charakter gleicht. Man hat nie an ihm Symptome einer ernsten Krankheit bemerkt. Seine äußere Gestalt war wie die von Lilian, ein Muster von Ebenmaß, nur, wie die ihrige, gar zu zart; aber, wenn er sich anscheinend in bester Gesundheit befand, konnte eine leichte Verstimmung der Nerven ihn beunruhigend krank machen. Ich war überzeugt, daß er kein hohes Alter erreichen würde; und so war es auch.«

»Ja, aber Frau Ashleigh sagte mir, er sei an einem Hirnfieber gestorben, das er sich durch allzu vieles Studiren zuzog. Das weibliche Geschlecht überreizt das Gehirn selten in dieser Weise. In meiner ganzen Praxis ist es mir nie vorgekommen, daß ein Frauenzimmer in Folge reiner geistiger Anstrengung gestorben wäre!«

»In Folge von rein geistiger Anstrengung – ich will dies wohl glauben – aber doch vielleicht manche in Folge von Aufregung des Herzens? Ah, das geben Sie mir zu. Ich weiß nichts von Nerven, vermuthe aber, wenn sie zu fein gewoben sind für die alltägliche Nutzung des Lebens, daß das Resultat für das Leben so ziemlich das gleiche ist, mögen sie nun auf das Gehirn oder auf das Herz wirken. Und dies ist's, was ich meine, wenn ich sage, daß Sie und Lilian nicht zusammen passen. Bis jetzt ist sie ein bloßes Kind gewesen; ihre Natur war unentwickelt, und die Liebe kam deßhalb bei ihr noch nicht in Frage. Sie können meinen, ihr Herz gewonnen zu haben, und Sie glauben, sie habe es ihnen geschenkt, und doch sind vielleicht Sie Beide in einer Täuschung befangen. Wenn heut zu Tag noch Feen herniederstiegen, um ihre Sprößlinge mit denen der Sterblichen auszutauschen, und wenn nicht die volksthümliche Sage einen solchen Feenwechselbalg als ein häßliches bösartiges Geschöpf schilderte, dem nichts von der Anmuth seiner Eltern inwohnt, so möchte ich fast argwöhnen, daß Lilian dieser Elfennachkommenschaft angehöre. Sie scheint nie auf Erden heimisch zu sein, und ich glaube nicht, daß sie je mit einem prosaischen Erdenloos zufrieden sein wird. Ich theile Ihnen dies in Zeiten mit, damit Sie sich vorsehen mögen. Jetzt können Sie noch beobachten und sich besinnen; ich spreche daher nicht weiter über die Sache. Ich ertheile wohl gerne Rath, mag ihn aber nicht wegwerfen.«

Sie schwieg jetzt und schickte sich an, den auf dem Tisch liegenden Hut aufzusetzen und ihre Schärpe umzunehmen. Ihre Worte waren eisig in meine Seele gefallen, noch mehr aber der schlaue harte Blick und das derbe Wesen, womit sie denselben begleitet hatte. Aber das Eis schmolz schnell wieder in der Glut meines Herzens, als sie sich abermals an mich wandte und sagte:

»Natürlich errathen Sie aus dieser Einleitung, daß Sie Gefahr laufen? Frau Ashleigh wünscht über Lilian Ihre Ansicht zu hören, und ich bin Willens, Sie aufs Neue dort einzuführen.«

»O meine Freundin, meine theure Freundin, wie kann ich es Ihnen je vergelten!«

Ich ergriff ihre Hand, ihre weiße feste Hand und erhob sie zu meinen Lippen. Sie aber zog sie hastig zurück, legte sie sanft auf meine Schulter und sprach mit weicher Stimme:

»Armer Allen, wie wenig kennt die Welt uns beide. Aber wie wenig kennen wir vielleicht uns selbst. Kommen Sie – Sie haben Ihren Wagen bei sich? Das ist recht; wir müssen den Doktor Jones öffentlich und mit all unserem Prunk abthun.«

In dem Wagen unterrichtete mich Frau Poyntz von dem Inhalt ihres Gesprächs mit Frau Ashleigh, dem ich meine Wiedereinführung in dem Abthaus verdankte. Vigors hatte am Morgen nach meinem ersten Besuch sich dort eingefunden und große Unzufriedenheit darüber bezeigt, daß ich berufen worden war. Er verbreitete sich über mein schmähliches Benehmen gegen Doktor Lloyd, einen Verwandten von ihm, und da er selbst ein entfernter Verwandter von dem verstorbenen Gilbert Ashleigh war, so bemühte er sich, den Gekränkten seiner Zuhörerin als einen Angehörigen der Familie ihres seligen Gatten zu charakterisiren und es ihr zur Ehrensache zu machen, in dem Streit Partei gegen den Beleidiger zu nehmen. Er sprach von mir als von einem Ungläubigen, der »angesteckt sei von den französischen Grundsätzen,« als einem vorschnellen und anmaßlichen Arzt, und bekundete seine Freiheit von Anmaßung und Uebereilung damit, daß er rundweg erklärte, meine Behandlung müsse eine falsche sein. Vor der Uebersiedelung der Frau Ashleigh nach L– – hatte er ihr für die angeblichen Phänomene des Mesmerismus Interesse einzuflößen gewußt und auch eine von dem armen Doktor Lloyd sehr geschätzte Hellseherin über Lilians Zustand befragt, diese aber denselben als eine Anlage zur Schwindsucht erklärt. Vigors beredete nun Frau Ashleigh, selbst mit ihm zu der Hellseherin zu gehen, und bewaffnete sich zu diesem Zwecke mit einer Locke von Lilians Haar und einem Handschuh, den sie getragen hatte, als Medien des magnetischen Rapports.

Die Hellseherin war eine von denjenigen, die ich öffentlich als Betrügerin gebrandmarkt hatte, und nahm natürlich dafür an mir Rache. Als Vigors sie feierlich aufforderte, »sich nach Doktor Fenwick umzusehen und zu forschen, ob sein Einfluß ein wohlthätiger sei auf das Subjekt,« gerieth die Sibylle in eine heftige Aufregung und sagte, »wenn sie uns beieinander sehe, seien wir in eine schwarze Wolke eingehüllt; dies deute auf Betrübniß und schlimme Folgen; unser Rapport sei antagonistisch.« Vigors forderte sie dann auf, mein Bild zu entlassen und das des Doktors Jones heraufzubeschwören. Die Somnambule wurde nun ruhiger und sagte: »Doktor Jones werde wohlthun, wenn er sich von höheren Lichtern leiten lasse, als von seiner eigenen Geschicklichkeit, und täglich über die zu wählenden Heilmittel sie zu Rathe ziehe. Das beste Mittel sei der Mesmerismus; aber seit Doktor Lloyds Tod kenne sie Niemand, der mit Rücksicht auf die Individualität der Patientin eine zureichende Begabung besitze.« Kurz, sie machte Eindruck auf Frau Ashleigh und setzte sie dermaßen in Angst, daß sie in aller Eile zurückkehrte, den Doktor Jones berief und mich entließ.

»Ich hätte Frau Ashleigh mehr gesunden Menschenverstand zugetraut,« sagte ich. »Sie sprach vernünftig genug, als ich dort war.«

»An gesundem Verstand im alltäglichen Sinn fehlt es ihr durchaus nicht,« versetzte Frau Poyntz; »aber sie läßt sich leicht verleiten und einschüchtern, wo die Liebe zu ihrer Tochter ins Spiel kommt. Daher gelang es auch Vigors so gut, sie zu überreden, und der Somnambule, ihr Angst zu machen, und ich hatte denselben leichten Stand, durch Ueberredung und Einschüchterung beiden entgegenzuarbeiten. Mir stand augenscheinlich die Erfahrung zur Seite, da Lilian unter der Behandlung des Doktor Jones entschieden schlechter geworden war. Die Haupthindernisse Ihrer Wiederberufung, die ich zu überwinden hatte, bestanden erstlich in der Furcht der Frau Ashleigh, Herrn Vigors, den Freund und Verwandten von Lilians Vater, zu kränken, und dann in dem Gefühl der Scham, Sie wieder zu sich einzuladen, nachdem man Sie mit so geringer Achtung behandelt hatte. Doch ich nahm diese beiden Schwierigkeiten auf mich. Ich bringe Sie nach dem Haus, lasse Sie dort und gehe dann zu Herrn Vigors, um ihm zu sagen, daß das Geschehene von mir ausgegangen sei und von ihm nicht wieder vereitelt werden dürfe; damit ist diese Sache abgethan. Ueberhaupt würde ich, selbst wenn Sie nicht dabei in Frage kämen, nicht dulden, daß Vigors diese Mummereien von Hellsehen und Mesmerismus in den Bann des Berges wieder einführt. Ich habe einen Mann wie Doktor Lloyd, den ich wirklich liebte, nicht vernichtet, um an seine Stelle einen Doktor Jones treten zu sehen, den ich verachte. Ja wohl da – Hellseherei auf dem Abteiberg! Ich habe schon an dem früheren Spektakel genug.«

»Sie haben vollkommen Recht. Ihr scharfer Verstand ließ Sie sogleich die Abgeschmacktheit der ganzen Geschichte, den Trug des Mesmerismus und die Unmöglichkeit des Hellsehens erkennen.«

»Nein, mein scharfer Verstand hat nichts dergleichen gethan. Ich weiß nicht, ob das Magnetisiren ein Betrug oder das Hellsehen eine Unmöglichkeit ist. Aber so viel weiß ich, daß der Berg in großer Gefahr schwebte. Junge Frauenzimmer, die sich von Herren in Schlaf streichen lassen und behaupten, daß ihr Wille nichts vermöge gegen einen solchen Zauber – das ist ja höchst unschicklich und entsetzlich! Fräulein Brabazon begann zu prophezeihen und Herr Leopold Smithe ihr Mädchen, das Doktor Lloyd für sehr begabt erklärt hatte, über die Geheimnisse ihrer Bekannten auszufragen. Als ich dies bemerkte, sagte ich: ›Der Berg wird demoralisirt; der Berg macht sich lächerlich; der Berg muß gerettet werden.‹ Ich machte Doktor Lloyd als Freundin Vorstellungen; aber er blieb verstockt. Da vernichtete ich ihn als einen Feind – nicht als den meinigen, sondern als den des Staates. Ich opferte meinen eifrigsten Verehrer dem Besten Roms. Nun wissen Sie, warum ich auf Ihre Seite trat. Nicht weil ich mir eine Meinung über die Wahrheit oder Falschheit von Doktor Lloyds Versicherungen gebildet hatte, sondern weil ich entschieden mit mir darüber im Reinen war, daß seine Ansichten, mochten sie nun wahr oder falsch sein, auf dem Berg nicht geduldet werden durften. Und so, Allen Fenwick, war diese Sache abgethan.«

Zu jeder andern Zeit hätte mich vielleicht die Entdeckung, daß mich diese hohe Herrin nicht als einen Kämpen für die Wahrheit, sondern nur als Werkzeug ihrer Politik mit ihrer Gunst beehrt hatte, ein wenig gedemüthigt und mir das Gewissen geweckt, daß ich einen Mitforscher auf dem Gebiet der Wissenschaft, welchem sein guter Glaube höher stand, als selbst sein persönliches Interesse, opfern half und ihn den Göttinnen überlieferte, mit denen die Wissenschaft stets im Krieg lebt – den durch das Herkommen geheiligten Vorurtheilen einer Clique. Doch in jenem Augenblick machten die Worte, die ich hörte, keinen merklichen Eindruck auf meinen Geist. Die Giebel des Abthauses waren sichtbar über dem Epheu und den Fliederbäumen – und im nächsten Moment hielt mein Wagen vor der Thüre.

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