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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 13
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Zwölftes Kapitel.

Da fiel mir plötzlich Frau Poyntz ein. Sie mußte ich besuchen. Nachdem ich meine Runde gemacht, begab ich mich nach ihrem Hause. Aber der Tag war schon weit vorgeschritten, und der Diener bedeutete mir höflich, daß Frau Poyntz bei Tisch sitze. Ich konnte nur meine Karte dort lassen mit der Bemerkung, daß ich ihr am andern Tag meine Aufwartung machen wolle. Noch am nämlichen Abend erhielt ich von ihr ein Billet folgenden Inhalts:

»Mein lieber Doktor Fenwick!

Ich bedaure sehr, daß ich nicht das Vergnügen haben kann, Sie morgen zu sehen. Poyntz und ich machen einen Besuch bei seinem Bruder, der am andern Ende des Countys wohnt; wir treten den Ausflug schon früh an und werden einige Tage ausbleiben. Es thut mir leid, hören zu müssen, daß Frau Ashleigh sich von Herrn Vigors hat beschwatzen lassen, wegen Lilian den Doktor Jones zu Rath zu ziehen. Vigors und Jones haben die arme Mutter eingeschüchtert und bestehen darauf, daß eine Anlage zur Schwindsucht vorhanden sei. Unglücklicher Weise scheinen Sie den Fall sehr leicht genommen zu haben. Einige Aerzte erwerben sich Praxis, wie manche Prediger ihre Kirchen füllen – durch eine geschickte Berufung auf den Schrecken. Sie brauchen keine Patienten, wohl aber Doktor Jones. Und zuletzt ist's vielleicht besser so, wie es ist.

Die Ihrige u. s. w.
M. Poyntz

Zu einem selbstsüchtigen Gram kam nun auch die Angst um Lilian. Ich hatte viel mehr Kranke an falscher Behandlung auf Schwindsucht, als an der Schwindsucht selbst sterben sehen. Und Doktor Jones war ein geldsüchtiger verschmitzter armseliger Mensch, der sich recht gut auf die menschlichen Schwächen, aber nicht sonderlich auf die Behandlung der menschlichen Krankheiten verstand. Meine Besorgnisse sollten sich bald bestätigen. Einige Tage nachher hörte ich von Fräulein Brabazon, daß Lilian ernstlich krank sei und das Zimmer hüten müsse; Frau Ashleigh habe diesen Umstand als Entschuldigung benützt, um die Erwiderung der Besuche, welche ihr vom Berg aus zugeströmt waren, zu verschieben. Fräulein Brabazon hatte mit Doktor Jones gesprochen, der den Kopf schüttelte und den Fall für ernstlich erklärte; aber er hoffe Wunder von der Zeit und sorgfältiger Pflege (seiner Zeit und seiner Pflege)!

Wie verstohlen schlich ich in der Stille der Nacht den Berg hinan und schaute hinauf nach den Fenstern des alten düsteren Hauses – nach Einem Fenster, hinter welchem ein trübes trauriges Licht, das Licht eines Krankenzimmers brannte!

Endlich kam Frau Poyntz wieder zurück. Ich besuchte sie, nachdem ich mich zuvor gut auf die Politik einstudirt hatte, welche ich gegen diese Machthaberin einzuhalten gedachte, um in ihr eine Verbündete zu gewinnen. Es war klar, daß ich durch Bemäntelung und halbes Vertrauen den Scharfblick dieses feinen Verstandes nicht täuschen konnte, wohl aber die Geneigtheit eines so herrschsüchtigen und entschiedenen Charakters verscherzen mußte. Die Klugheit rieth mir daher zu voller Offenheit, wie denn überhaupt ein solcher Schritt meiner Natur am besten zusagte und meiner Ehre am angemessensten war.

Glücklicherweise fand ich Frau Poyntz allein. Ich ergriff die Hand, die sie mir etwas kalt hinbot, mit meinen beiden und begann mit dem Ernst unterdrückter Bewegung:

»Sie warfen bei meinem letzten Besuch die Bemerkung hin, ich habe Sie noch nicht gebeten, meine Freundin zu sein. Ich bitte, lassen Sie mir Ihre volle Nachsicht zu Theil werden und mir wenigstens Ihren Rath zu gut kommen, wenn Sie nicht geneigt sein sollten, mir hülfreich an die Hand zu gehen.«

Ich theilte ihr nun rasch und in Kürze mit, wie ich Lilian zum erstenmal gesehen und welchen wunderbaren Eindruck dieser erste Anblick auf mich geübt hatte.

»Der Wechsel, den er in mir hervorbrachte, ist Ihnen nicht entgangen,« fuhr ich fort. »Sie ahneten die Ursache, ehe sie mir selbst klar war, ahneten sie, als ich an Ihrer Seite saß und mir Gedanken darüber machte, ob es mir nicht durch Ihre Vermittlung möglich werden könnte, das Antlitz, das mir keine Ruhe ließ, in der Freiheit des gesellschaftlichen Verkehrs wieder zu sehen. Sie wissen, was sich seitdem zugetragen hat. Fräulein Ashleigh ist krank, und ich bin überzeugt, daß ihr Zustand völlig unrichtig beurtheilt wird. Die Sorge, die Angst um sie läßt kein anderes Gefühl mehr in mir aufkommen. Aber ich bin es mir, ich bin es Allen schuldig, Ihnen auf die Gefahr hin, eher vor Ihnen lächerlich zu werden, als mir Ihren Verweis zuzuziehen, offen aufrichtig und geradezu das Gefühl einzugestehen, das meine Unruhe so peinlich macht, obschon es von einer Beschaffenheit ist, daß es vielleicht kaum einem romantisch träumerischen Jüngling nachgesehen werden kann, bei einem Mann von meinen Jahren und meinem nüchternen Beruf aber als unverzeihlich erscheint. Ich sage, ich bin dieses Geständniß mir, Ihnen und Frau Ashleigh schuldig, weil mir die Ehre das Höchste im Leben ist. Und wenn Sie, die Sie Frau Ashleigh so nahe stehen und wohl von ihren Wünschen und Planen in Betreff der Zukunft ihrer Tochter mehr oder weniger unterrichtet sind, dem Glauben Raum geben, diese Plane zielen auf ein weit ehrgeizigeres Loos ab, als ich Fräulein Ashleigh zu bieten im Stande wäre, so helfen Sie Herrn Vigors, mich aus jenem Haus auszuschließen, und mir, eine anmaßende träumerische Leidenschaft zu unterdrücken. Liebe und Hoffnung halten mein Herz gefangen, und ich darf nicht mehr über jene Schwelle treten, wenn diese Liebe, diese Hoffnung Sünde und Verrath an dem Gegenstand derselben wäre. Ich könnte wohl Miß Ashleigh wieder zu ihrer Gesundheit verhelfen, und ihre Dankbarkeit wäre vielleicht – – doch ich kann nicht fortfahren. Einer solchen Gefahr darf weder ich noch sie ausgesetzt werden, wenn ihre Mutter Absichten hegt, die weit über einen Schwiegersohn wie ich hinausgehen. Und ich bin um so mehr verpflichtet, Alles dies zu erwägen, so lange es noch Zeit ist, weil ich aus Ihrem Munde weiß, daß Fräulein Ashleigh ein Vermögen besitzt, das sie hier sogar als eine Erbin erscheinen läßt. Auch hat sich aus gewissen Worten, die Sie hinwarfen, mir die Ueberzeugung aufgedrungen, daß aller Ruhm, den mir meine Kunst zu verschaffen vermag, nicht im Stande ist, mir jene Aussichten auf gesellschaftliche Macht und Größe aufzuschließen, die sich Berufsarten darbieten, welche in meinen Augen an sich weniger edel sind. Im Uebrigen ist Ihnen bekannt, daß meine Herkunft als hinreichend achtbar erscheinen würde, um selbst die ahnenstolzeste Familie in einer Verbindung einer ihrer Angehörigen mit mir keine Mesalliance sehen zu lassen, wenn ich mein Erbgut beibehalten und die Laufbahn vermieden hätte, die mich der Menschheit nützlich macht. Aber ich will zugeben, daß man, wenn man einen Beruf wie den meinigen oder überhaupt einen anderen als den des Kriegs- oder Staatsdienstes wählt, seinen Stammbaum als einen ausgetilgten oder todten Buchstaben vor der Thüre liegen lassen muß. Alle Menschen, hochgeborene oder niedrige, treten als Gleiche ein auf dem Kampfplatz, in welchem der Mensch Hülfe begehrt von dem Menschen, der selbst etwas aus sich gemacht hat; für sie sind ihre todten Vorfahren eitel Staub. Deßhalb bescheide ich mich, aus meiner Herkunft Ansprüche abzuleiten. Ich bin nur Arzt in einer Landstadt, dessen Stellung dieselbe wäre, wenn er einen Schuhflicker zum Vater gehabt hätte. Aber das Gold bewahrt sein Recht durch alle Stände. Der Bemittelte ist über den Verdacht erhaben, der an dem gierigen Haschen nach Geld haftet. Mein durch meine Ersparnisse vergrößertes Privatvermögen reicht zu, meiner Frau ein größeres Leibgeding zu sichern, als mancher reiche Squire zu bieten vermag. Ich brauche kein Vermögen von meinem Weib; hat sie es, so bleibt es ihr Eigenthum. Entschuldigen Sie, daß ich in diese gemeinen Einzelnheiten eingegangen bin. Ich habe mich hoffentlich verständlich genug ausgedrückt?«

»Vollkommen,« versetzte die Königin des Berges, die mich ruhig, aufmerksam und ohne Unterbrechung angehört hatte. »Vollkommen. Und Sie haben wohlgethan, daß Sie sich mir mit einer so edlen Offenheit anvertrauten. Aber ehe ich weiter spreche, erlauben Sie mir die Fragen, was würden Sie in Betreff Lilians rathen, im Fall man von Ihrer Behandlung nichts wissen will? Sie haben kein Vertrauen zu Doktor Jones – ich auch nicht; zudem rechtfertigt ein Billet, das ich heute von Anna Ashleigh erhalten habe und in dem ich um einen Besuch gebeten werde, ihre Besorgniß. Glauben Sie noch immer, daß keine Anlage zur Schwindsucht vorhanden ist?«

»Ich bin davon fest überzeugt. Die kurze Anschauung, die mir gestattet war, läßt mir ihren Zustand als einen sehr einfachen erscheinen, der eben nicht ungewöhnlich ist. Für den Fall aber, daß meine eigene Kunst, was sie nun werth sein mag, abgelehnt wird, möchte ich dringlichst empfehlen, daß Frau Ashleigh ohne Säumen mit ihrer Tochter nach London ziehe und eine von jenen hochgestellten Autoritäten um Rath frage, vor denen meine eigene Ansicht und Erfahrung zurückstehen muß; diesem mag sie dann Folge leisten.«

Frau Poyntz beschattete einige Momente ihre Augen mit der Hand und schien mit sich zu Rath zu gehen; dann sagte sie mit dem ihr eigenen halb ernsten, halb spöttischen Lächeln:

»In einer gewöhnlicheren Angelegenheit würden Sie mich längst auf Ihrer Seite haben. Daß Herr Vigors sich vermessen konnte, meine Empfehlung an einen Bewohner des Bergs zu vereiteln, ist ein Akt der Empörung, der meinen Vorrechten zu nahe tritt. Aber ich unterdrückte meinen Unwillen über einen so ungewöhnlichen Schimpf theilweise aus Aerger über Sie, aber noch mehr, wie ich glaube, weil Sie mir werth sind.«

»Ich begreife. Sie entdeckten das Geheimniß meines Herzens und wußten, daß Frau Ashleigh für ihre Tochter auf etwas Höheres abhebt, als auf einen Arzt in einer Provinzialstadt.«

»Kann ich – oder können Sie wissen, ob der Tochter selbst eine solche Stellung genehm wäre, oder daß ihrer Einwilligung nicht später die Reue folgte?«

»Halten Sie mich nicht für den eitelsten der Menschen, wenn ich Ihnen sage, wie es mir ums Herz ist. Ich kann nicht glauben, daß ein Gefühl, welches so ganz im Widerspruch steht mit meinem Verstand, das meines Wissens in meinen geistigen Gewohnheiten keine Begünstigung findet und das nicht einmal in den Träumen des Jünglings einen Anhalt hat, so fern der Wissensdurst keinen Gedanken an Liebe aufkommen ließ, mich so sehr hätte zu seinem Sklaven machen können, wenn ich nicht innerlich der Ueberzeugung Raum geben dürfte, Fräulein Ashleighs Herz sei frei und ich im Stande, es zu gewinnen und festzuhalten. Sie fragen wohl, aus was ich diese Ueberzeugung schöpfe; aber ich vermag Ihnen eben so wenig zu sagen, warum ich glaube, daß sie mich lieben könne, als ich Ihnen den Grund anzugeben im Stande bin, warum ich sie liebe.«

»Ich bin von der Welt – weltlich. Aber ich bin auch frauenhaft, wenn ich mir auch nichts daraus mache, dafür angesehen zu sein. Und obschon das, was ich Ihnen jetzt sage, vom weltlichen Gesichtspunkt aus betrachtet, der helle Unsinn ist, liegt ihm doch vom frauenhaften Standpunkt aus eine gesunde Logik zu Grund. Doch Sie können Lilian nicht so gut kennen, wie ich. Ihre Natur bildet zu der ihrigen einen schroffen Gegensatz. Ich glaube nicht, daß sie eine passende Frau für Sie abgeben wird. Sie ist das reinste, unschuldigste Wesen, das man sich nur denken kann, aber stets in den siebenten Himmel verzückt. Dasselbe bemerke ich freilich eben jetzt auch an Ihnen; aber doch ist bei Ihnen zugleich ein unwiderstehliches Hingezogenwerden nach der festen Erde vorhanden, das seine Rechte behaupten wird, wenn die Flitterwochen vorüber sind. Ich glaube nicht, daß ihr zwei mit einander in Harmonie bleiben werdet. Von Seiten Lilians ist mir ein Sympathisiren mit Ihnen höchst unwahrscheinlich, und ich bin überzeugt, daß auch Ihre Sympathie für sie in dem ganzen langweiligen Lauf dieses Alltaglebens nicht Stand halten wird. Und deßhalb war es mir sowohl um Ihrer als um des Mädchens willen nicht unangenehm, als ich erfuhr, daß Doktor Jones an Ihre Stelle getreten sei. Um aber Ihre Offenheit zu erwiedern, ertheile ich Ihnen eben so offen den Rath – gehen Sie nicht mehr in dieses Haus. Besiegen Sie Ihr Gefühl, Ihre Einbildung, Ihre Leidenschaft, oder wie Sie es nennen wollen. Und Frau Ashleigh will ich rathen, Lilian nach London zu nehmen. Ist jetzt die Sache abgemacht?«

Ich konnte nicht sprechen. Ich bedeckte mein Gesicht mit den Händen – Elend, Elend, Verödung!

Ich weiß nicht, wie lange ich schweigend so dastand, vielleicht viele Minuten. Endlich fühlte ich eine Hand kalt und fest, aber nicht unsanft auf der meinigen, und eine klare, volle, doch nicht entmuthigende Stimme sprach zu mir:

»Lassen Sie mich über diese Unterredung weiter nachdenken und die Bedeutung von alle dem, was Ihr Gefühl so tief in Anspruch nimmt, reiflich in Erwägung ziehen. Die Interessen des Lebens sind nicht das einzige, was ziehen muß. Das Herz liegt nicht immer mit den Interessen in der gleichen Wagschale, sondern gibt oft in der anderen den Ausschlag. Ich habe manchen weisen Mann, noch viel öfter aber thörichte Weiber sagen hören, ›es sei besser, unglücklich zu sein mit einer Person, die man liebt, als glücklich mit einer, die man nicht liebt‹. Sind Sie auch dieser Meinung?«

»Jeder Gedanke meines Gehirns, jeder Puls meines Herzens sagt Ja dazu.«

»Nach dieser Antwort sind alle weiteren Fragen unnütz. Sie sollen morgen weiter von mir hören. Ich werde dann Anna und Lilian gesehen und wohl auch beide Schalen der Wage geprüft haben. Das Herz hier, Allan Fenwick, scheint sehr schwer ins Gewicht zu fallen. Gehen Sie jetzt. Ich höre Fußtritte auf der Treppe. Poyntz bringt mir einige freundliche Schwatzbasen, und dieses Klatschvolk spionirt gerne.«

Ich fuhr mit der Hand über die thränenlosen Augen (wie hätten Thränen mir Erleichterung schaffen können in meinem Kummer?) und ging, ohne ein Wort zu erwiedern, nach der Treppe, wo ich Oberst Poyntz und dem alten Manne begegnete, den mein Recept von seinem Gesichtsschmerz befreit hatte. Der Mann pfiff eine heitere Arie, die vielleicht von dem Spielplatz seiner Knabenzeit herstammte. Als ich an ihm vorbeiglitt, ergoß er sich in Dankesbezeigungen, und es fehlte wenig, daß er mich umarmt hätte. Ich faßte seine frohen Segenswünsche als ein gutes Omen auf und nahm es mit mir hinaus ins helle Sonnenlicht. Einsam – einsam. Sollte ich es immer bleiben?

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