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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 12
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Elftes Kapitel.

Mit welchem erhöhten Wohlwollen schenkte ich am andern Morgen den Patienten Gehör, die ich besuchte. Das ganze menschliche Geschlecht erschien mir in einem liebenswürdigeren Lichte, und ich sehnte mich, auf alle einige Strahlen der glorreichen Hoffnung auszugießen, die in meinem Herzen aufgegangen war. Mein erster Besuch auf meinem Berufsgange galt der armen jungen Frau, von der ich am Abend zuvor zurückkam, als jener Drang, der mir jetzt als ein Zug des Schicksals erschien, mich nach dem Garten lockte, in dem ich Lilian zuerst erblickte. Wie sehr fühlte ich mich dieser Leidenden verpflichtet, denn ohne sie hätte ich das theure Wesen nicht so bald kennen gelernt.

Der Bruder der Kranken, ein Polizeibediensteter, der von seinem Gehalt eine verwittwete Mutter und diese Schwester unterstützte, empfing mich an der Schwelle der Wohnung.

»Oh, Herr, sie ist heute viel besser – fast ganz frei von Schmerzen. Wird sie jetzt davon kommen? Darf ich hoffen?«

»Wenn meine Behandlung so gut angeschlagen hat, wie Sie sagen, und sie wirklich darunter besser geworden ist, so werde ich wohl Genesung versprechen können. Aber ich muß sie zuerst sehen.«

Die Kranke war in der That wunderbar gebessert. Ich fühlte, daß meine Kunst einen hohen Triumph errungen hatte, aber an jenem Tage konnte selbst der geistige Stolz nicht aufkommen in der Ueberfülle des Gefühls, das so fest in meinem Herzen aufgeblüht war.

Als ich auf dem Rückweg wieder die Schwelle überschritt, lächelte ich dem Bruder zu, der noch immer außen wartete.

»Eure Schwester ist gerettet, Waby. Sie braucht jetzt hauptsächlich Wein und leichte nahrhafte Kost. Beides sollt Ihr jeden Tag aus meinem Haus erhalten, wenn Ihr daselbst vorsprechen wollt.«

»Gott segne Sie, Herr Doktor. Wenn ich Ihnen je in irgend Etwas dienen kann – –«

Er konnte nicht weiter – die Zunge versagte ihm.

Der arme Polizeidiener mir – Allen Fenwick – dienen! Mir, dem kein König einen Dienst leisten konnte! Was verlangte ich von der Erde weiter als Ruhm und Lilians Herz? Throne und Brod kann der Mensch mit der Beihülfe Anderer erringen. Ruhm und ein Frauenherz gewinnt der Mann nur selbst.

So schritt ich fröhlich den Berg hinan, durch das eiserne Thor in den Feengrund hinein und blieb vor Lilians Wohnung stehen.

Der Bediente schien, als er die Thüre öffnete, etwas verwirrt zu sein. Er ließ mich nicht zum Wort kommen, sondern sagte hastig:

»Nicht zu Haus, Herr Doktor. Ein Billet für sie.«

Ich drehte das Billet mechanisch in meiner Hand. Die Worte hatten mich betäubt.

»Nicht zu Haus? Fräulein Ashleigh kann doch keinen Ausgang gemacht haben. Wie befindet sie sich?

»Besser, Herr; ich danke.«

Ich konnte das Billet noch immer nicht öffnen. Meine Blicke schweiften sehnsüchtig nach den Fenstern hinauf, und hinter einem derselben – dem des Besuchzimmers – bemerkte ich das finstere Gesicht meines Feindes Vigors. Die Gluth des Zornes überflog mein Gesicht; ich ahnete, daß ich entlassen war, und mit stolzem Kamm und festen Schritts ging ich von hinnen.

Ehe ich das Thor hinter mir hatte und mich in der Gasse befand, öffnete ich das Billet. Es begann förmlich, »Frau Ashleigh vermeldet Ihnen ihr Kompliment,« und dankte mir in höflichen Ausdrücken für den am Abend zuvor geleisteten Dienst; sie wollte mich nicht mit einer Wiederholung meines Besuchs bemühen und schloß ein Honorar in doppeltem Betrag, als üblich war, bei. Ich schleuderte das Geld wie eine Schlange, die mich gestochen, über die hohe Mauer zurück und riß das Papier in Fetzen. Nachdem ich in dieser unnützen Weise meine Wuth ausgelassen hatte, trat an ihre Stelle bittere Bekümmerniß. Am Eingang der Gasse machte ich Halt, denn ich scheute mich vor dem Menschengewühl in der Straße. Noch mehr aber waren mir heute die Krankenbesuche zuwider, da mir das Leben plötzlich in eine Wüste umgewandelt zu sein schien. Ich setzte mich an dem Weg auf eine Bank nieder und bedeckte mein niedergeschlagenes Gesicht mit den zitternden Händen. Da schlug der Schall von Schritten an mein Ohr, und wie ich aufsah, bemerkte ich, daß Doktor Jones, augenscheinlich von dem Abthaus her, rasch die Gasse herunter kam. Er mußte zu derselben Zeit dort gewesen sein, als ich vorsprach. Ich war also nicht bloß entlassen, sondern durch einen Andern ersetzt. Ich erhob mich, noch ehe er die Stelle erreichte, wo ich saß, ging meines Wegs nach der Stadt und machte meine Runde; aber meine Aufmerksamkeit war nicht mehr so zart, meine Kunst nicht mehr so von der Gluth des Wohlwollens erwärmt, wie dies meine ärmeren Patienten am Morgen gefunden hatten.

Ich habe gesagt, wie der Arzt das Krankenzimmer betreten müsse – »als ein ruhiger Verstand!« Aber wenn das Herz ein Schlag betroffen hat, so leidet dieser mit. Ich fürchte, daß an jenem Tag mein ruhiger Verstand nicht viel werth war. Bichat theilt in seinem berühmten Buch vom Leben und vom Tod das Leben in zwei Kategorien, in ein thierisches und in ein organisches. Der Verstand des Menschen, der im Gehirn seinen Mittelpunkt hat, gehört dem organischen Leben an; seine Leidenschaften mit ihrem Sitz im Herzen und den Eingeweiden entstammen dem organischen. Ach, sollten wirklich die edelsten Leidenschaften, durch die allein wir uns zu dem sittlichen Gebiet des Schönen und Erhabenen aufschwingen, nur in dem Leben wurzeln, das sogar die Pflanze mit uns theilt? Und soll das organische Leben, das wir mit der vegetabilischen Natur gemein haben, jenes, das im Gehirn sein Centrum findet oder das wir mit jedem Wesen theilen, wie engelartig es auch sein oder in welchem entfernten Stern es weilen mag, wofern ihm der Schöpfer nur das Vermögen des Denkens verliehen hat, trüben, hemmen, zeitweilig aufheben oder gar vernichten können?

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