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Eine schlimme Begegnung/Liebesselbstmord

Georges Eekhoud: Eine schlimme Begegnung/Liebesselbstmord - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorGeorges Eekhoud
booktitleEscal-Vigor
titleEine schlimme Begegnung/Liebesselbstmord
publisherMännerschwarm Verlag
seriesBibliothek rosa Winkel
volumeBand 44
isbn978-3-939542-44-5
year2007
firstpub
translatorRichard Meienreis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110207
projectid375ae96c
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Liebesselbstmord

Es geschah selten, dass Marcel Gentrix, der sonst nur seiner Liebhaberei für die Kunst lebte, eine Einladung annahm, – schon der Gedanke allein an gegenseitige Vorstellungen, gezwungene Liebenswürdigkeiten und uninteressante Gesichter verursachte ihm Unbehagen – aber diesmal fügte es der Zufall, dass er die Bekanntschaft eines englischen Gentlemans namens Lawrence-Frank Whittow machte.

Das geheimnisvolle, rätselhafte Antlitz des Fremden hatte seine Aufmerksamkeit erregt, ebenso wie ihn ein seltener Kunstgegenstand, eine antike Münze, ein ausgegrabenes Musikstück reizte. Ohne zu ahnen, unter welch seltsamen Beeinflussungen die Seele Frank Whittows zu leiden hatte, fühlte er, der unechte Misanthrop, instinktiv in ihm einen jener stolzen Menschenfreunde und Weltbeglücker, eine jener Ausnahmenaturen, die sich auf sich selbst zurückgezogen haben, weil sie nicht imstande sind, das innere Fegefeuer der Leidenschaft, das sie verzehrt, auf eine erlesene Auswahl von Sterblichen zu übertragen.

In den Augen der Welt galt Sir Lawrence für einen jener drei oder vier Zeitgenossen, denen man das Epitheton: ›Weisheitsbronnen‹ hätte beilegen können; im Mittelalter hätte er für einen Adepten, für einen zweiten Doktor Faust gegolten.

Eine Reihe gewaltiger Entdeckungen auf dem Gebiete der Naturwissenschaften hatten ihn mit einer Gloriole von Ruhm, ja fast von Schrecken umgeben. An diesen Menschen mit den zarten, bleichen Zügen, mit der dunklen, ernsten Stimme knüpfte sich ein eigener Zauber, wie er die Hexenmeister und Wundertäter umkleidete, und obwohl seine Entdeckungen schon merkwürdig genug waren, ja manche lange bestehende Ansicht geradezu umstürzten, so erwartete doch die Gelehrtenwelt, die sich mit der Erforschung geheimer menschlicher Seelenprobleme beschäftigte, von seinem Genie noch viel Wunderbareres.

Hätte auch nicht jener zauberhafte Nimbus ihn umgeben, so hätte schon seine Physiognomie die vertrauliche und indiskrete Annäherung Unberufener fern gehalten; obwohl er dreissig Jahre zählte, so sah er mitunter wie achtzehn, zu anderen Malen wie fünfzig aus.

Um den Eindruck zu definieren, den das charakteristische Äussere des Baronets auf Marcel machte, konnte er keinen besseren Vergleich finden als einen tropischen Himmel an einem jener kritischen Tage, wo gewaltige, verderbenbringende Unwetter mit allzu glühend strahlender Sonnenhitze abwechseln.

Sir Lawrence hatte tiefschwarze Haare, einen wenig gepflegten Schnurr- und Kinnbart, schmale Lippen von leicht sardonischem Ausdruck; das Bemerkenswerteste an ihm aber waren seine intensiv blauen Augen, durchdringende hoheitblickende, befehlende Augen, wie die eines Magnetiseurs, in denen zuweilen etwas Unheildrohendes aufblitzte, wie es die Neapolitaner den ›Jettatori‹ zuschreiben.

Marcel Gentrix versicherte mir oft, namentlich in der ersten Zeit seines Verkehrs mit dem merkwürdigen Fremden, dass es ihm vorkäme, als sei dessen ganze Persönlichkeit von einem seltsam überirdischen inneren Licht erhellt, als ob Ideen in ihm aufleuchteten, als ob ein seelisches Fluidum in ihm sichtbar würde; ja an gewissen Tagen innerer Erregung stieg diese Konzentration psychischer Strahlen in Sir Lawrence derart, dass die Gegenstände seiner Umgebung sich gleichsam verwischten, verblassten, in Dämmerung versanken.

Um mich des pittoresken Ausdrucks meines Freundes zu bedienen, es war, als bärge sich die Sonne im Innern dieses Menschen.

*

Zur allgemeinen Überraschung beehrte Sir Lawrence-Frank Whittow Marcel Gentrix mit zahlreichen Besuchen. Man scherzte selbst, insofern man über den englischen Gelehrten zu scherzen wagte, über die plötzliche Freundschaft dieser beiden schweigsamen und verschlossenen Naturen. Zuerst drehte sich ihre Unterhaltung um physikalische Gesetze und Erscheinungen; aber nach den Experimenten exakter Wissenschaft schweiften sie auf das Feld der Hypothesen, Schlüsse und Wahrscheinlichkeiten.

Sir Lawrence war, wie er Gentrix selbst erklärte, ein ›mystischer Positivist‹, das heisst, er glaubte an das Wunderbare, das er aber nicht für übernatürlich hielt. Nichts schien ihm unmöglich, unausführbar, unerreichbar. Und, wie er behauptete, hätte es allein unser nichtiges, eitles, materielles Leben verschuldet, das sich in Selbstsucht, Begierden, in allerhand Armseligkeiten verzettelte, dass wir viel von den geheimen Kräften verloren hätten, die einst die Magier besassen. Wenn die Wunder bei uns nicht mehr zur Tat würden, so geschehe es, um uns für unsere Unwürdigkeit zu strafen.

Auf Grund seines Glaubens an die Allmacht menschlicher Seelenkräfte, vorausgesetzt eben, dass die Seele sich frei hielte von schmählichen Handlungen, die ihre Fähigkeiten trübten und erstickten, zeigte sich Frank Whittow von unerbittlicher Strenge gegen alle Betrüger und Charlatans, die er für weit schädlicher und verderblicher hielt, als die Skeptiker und die platten Aufklärlinge, die über alles hohnlächeln.

Es mag eine Idee von den kühnen Überzeugungen dieses Gelehrten geben, dass er die willensbestimmte Zeugung für möglich hielt und prophezeite, eines Tages würde die Schöpferkraft des Menschen gar keine Schranken mehr kennen, und unsere Nachkommen würden alle die Fähigkeiten besitzen, die abergläubische Geister ihrem Gott oder ihrem Teufel zuschrieben.

In der ersten Zeit fühlte Marcel Gentrix ein gewisses Unbehagen gegenüber der trockenen Logik und dem scharfen Verstande seines neuen Freundes. Er verglich ihn mit einem Astronomen, der nur Mathematiker und nicht auch ein wenig Poet sei.

Auch trotzdem ihr Verhältnis sich allmählich enger gestaltete, erstaunte Marcel, bei Sir Lawrence ein hermetisches Abgeschlossensein gegen alles, was wie Gefühlsregung aussah, zu finden, von jeder Liebesempfindung ganz zu schweigen. Hatte er wohl jemals geliebt? – Dennoch konnte die Arbeit und die Beschäftigung mit den Wissenschaften ihm nicht dieses oft so vulkanische Aussehen aufgeprägt haben, dieses Aussehen wie erkaltete Lava, durch das sich in gewissen Momenten die bezaubernde Milde und Herzensgüte wie die rührende Seelennot eines jungen Märtyrers durchstahl.

Nein, dieser Mensch von so hervorragender Intelligenz musste auch eine unermessliche Güte besitzen. Gentrix ahnte, dass er weich und liebevoll sein musste, aber jedesmal, wenn er versuchte, das Gespräch auf die menschlichen Leidenschaften zu lenken, wich der Engländer aus, und aus seinen Mienen verschwand bei seinen klaren, schneidend kalten Worten jede Spur von Sympathie.

So stieg die Neugier Marcels in demselben Grade, wie die Undurchdringlichkeit seines Gefährten zunahm.

Bei dem wunderbaren intellektuellen Werte Whittows sagte sich Gentrix, um so zu leiden und so zu schweigen, müsse sein Leiden so gross und so gewaltig sein, dass eine weniger gefestigte und gestärkte Individualität längst darüber zugrunde gegangen wäre.

Ihre schönsten Gespräche führten sie auf Spaziergängen ausserhalb der Stadt, wozu der Engländer, der ein rüstiger Fussgänger war, seinen Freund oft abholte.

Die Jahreszeit stimmte gut zu diesen Ausflügen durch das Gelände, das den Übergang von der Stadt zum flachen Lande bildete.

Die Natur wurde von den ersten Fieberschauern des Herbstes geschüttelt. Das Laub verblich zu jener reizvollen Färbung des Untergangs und der Entsagung, die uns in ihrer todgeweihten Herrlichkeit ebenso wehmütig stimmt, wie das letzte Aufflammen des scheidenden Tages. Wiesen und Gebüsche nahmen jene Nuancen an, die an verfallene Hütten, an verlassene, verkommende Ruinen erinnern, jene fahle Patina, die dem Proleten zusagt, den der strahlende Glanz der allzu leuchtenden Frühlingsvegetation wie die Protzerei eines Emporkömmlings beleidigt. Jahreszeit und Umgebung harmonisierten miteinander; um mich des bizarren Ausdrucks des Sir Lawrence zu bedienen, wandelten die beiden Freunde in einer Aequinoktiallandschaft bei einer Vorstadttemperatur.

Er sprach diese seltsamen Worte in einer gewissen Stunde der Dämmerung, des Übergangs vom Tage zur Nacht, und die Zeit und Umgebung hatten auf dem Antlitz Whittows einen ganz unerwarteten Ausdruck hervorgerufen. Zur wachsenden Überraschung Marcels verliess der Gelehrte seine gewöhnlichen Diskurse, um sich mit einer Art von Enthusiasmus der Betrachtung der sie umgebenden Landschaft und der Personen darin zu überlassen.

Musik wie von einem Jahrmarkt klang aus der Ferne herüber, über ein weites, ödes Feld, das stagnierende Gräben und verkrüppelte Erlengebüsche durchzogen, wo Schafe, deren Fliess sich von dem gelb-roten Abendhimmel in einem stumpfen Violet abhob, ein fahles, schmutziges Gras abweideten.

Ja, eine gemeine und ganz südländisch klingende Jahrmarktsmusik erklang aus weiter, weiter Ferne, und hinter der schlecht geteerten Bretterwand erhoben sich Fanale, Minarete, Glockentürme, Kuppeln; Architekturen, wie aus Pappe geschnitten, zeichneten auf der trüben, dumpfen Melancholie des vlämischen Abendhimmels die Silhouette der Hauptmonumente Venedigs ab.

Und wie um zur Brutalität den Anachronismus zu fügen, erstrahlten diese gespenstischen Abbilder von Palästen und orientalischen Gotteshäusern in einem grellen, harten elektrischen Licht. O diese Gesänge der Gondoliere, diese Mandolinenklänge in der Dämmerung von Brabant, in der pastoralen Einsamkeit an der Weichbildgrenze! Es lag gleichsam etwas Burleskes in dieser improvisierten Halluzination des Südens auf dem stumpfen Boden des Nordens; diese Parodie aber hatte auch etwas von einer Fata Morgana an sich; man hätte zu gleicher Zeit lachen und weinen mögen.

Die beiden Freunde waren am Rande einer Böschung stehen geblieben, die gegen die Ebene abfiel, wo nicht weit entfernt die Schafe weideten und wie aus weiter Ferne die Karnevalsmusik einer venetianischen Kirmess herüberklang ...

Sir Lawrence ergriff den Arm Marcels.

»O, mein liebender Poet,« klang seine volltönende Stimme in pathetischem Ton, »erfreue Dich an dieser künstlichen Irruption dieser Pseudo-Stadt der Dogen in das Gebiet vlämischer Bürgermeister. Spotte nicht über diese lächerliche Umarmung eines ernsten und kräftigen Landes durch diesen wilden Überfall, diese tolle Taschenspielerei ... Nein, glaube mir, bald wirst Du den Zauber kosten, der aus solch unharmonischer Vereinigung hervorgeht. Es entsteht eine gewisse Reibungselektrizität aus dem Aufeinanderstossen solcher unvereinbaren Naturen, etwas wie ein langer Kuss, den sich zwei intime Feinde geben. Sei versichert, nicht immer sind Sprichwörter Unsinn; ja, die Extreme sind geschaffen, sich zu berühren. Eine Ahnung sagt mir, dass bald ein entscheidendes Experiment Dich überzeugen wird. Liebst Du Dein unbeholfenes, fruchtbares Land nicht mehr, seitdem diese Gaukler ihre Arpeggien und Pizzicati darüber hinschwirren lassen? Diese tolle Folie lässt die ekstatische Feierlichkeit der Melancholie Deines heimischen Flachlandes nur um so deutlicher hervortreten... Benutze diese widersinnige Farce, um Dir ein Symbol daraus abzuleiten ... Dieses Jahrmarkts-Capriccio gibt Dir ein Spiegelbild unseres Lebens, wo gaukelnde Chimären die wichtigen und gebieterischen Realitäten zu ersticken und zu vernichten suchen.

Du erstaunst, mich also reden zu hören. So wisse denn, dass ich so wie Du liebe. Wie Du, habe ich unter meiner Liebe gelitten; ich habe geweint und gejauchzt, blutige Tränen geweint und schluchzend gejauchzt, so wie diese venetianische Nacht in der Lethargie Deines wehmutstrüben Landes weint, blutet, schluchzt und jubelt ... Nachdem ich mich in Phantasmagorien eingewiegt, nachdem ich allzusehr den armen, prosaischen, oft unwürdigen Gegenstand meiner Neigung, den mein Herz zum angebeteten Fetisch erkor, erhöht und erhoben, liebe ich jetzt nur noch den Traum; das heisst, meine Einbildungskraft erschafft mir aus allem das, was ich liebe. Der Gelehrte verwirklicht die Phantasien des Poeten in mir. Ja, ich schaffe mir das, was ich liebe, und es wird nur von Dir abhängen, mir nachzuahmen ...«

Die weiche, bezaubernde Stimme Whittows verlor sich in einschmeichelndem Flüstern und erstarb, wie das weisswollige Fliess der Herde im Nebel der Dämmerung zerfloss.

Sein bleiches Antlitz leuchtete wie die Hostie in der Monstranz, gleich als wenn Gottes schöpferischer Odem sich in ihm erhöbe.

»Höre mich, mein Freund! Diese Stunde eignet sich wohl für das, was ich Dir anvertraue; diese krause Dekoration der grämlichen Ebene durch exotische Gaukeleien passt wie vom Schicksal bestimmt für das Experiment, das wir alsobald vornehmen werden.

Ich bin hinter das Geheimnis Deiner Melancholie gekommen. Du leidest unter dem unerträglichen Gegensatz zwischen dem, wonach Deine ganze Seele verlangt, und dem, was die Masse befiehlt, die uns majorisiert. Aber Du leidest vielleicht noch mehr an dem unstillbaren Bedürfnis nach ewiger Jugend. Unaufhörlich und unerbittlich mahnt Dich Deine Natur an Deine ephemere Rolle. Und eines Tages wird diese blinde, undankbare Natur Dir sagen, dass Deine Zeit um ist, trotzdem Du, wie auch ich, sie fühlst, bewunderst und liebst mit jener glühenden pantheistischen Leidenschaft, die alle für sie empfinden sollten. Du bist untröstlich, dass unser Leben so schnell verrinnt, armer Poet ... Und die Ungerechtigkeit Deiner Dir so teuren, wenngleich im Irrtum befangenen Ebenbilder vermehrt noch den Schmerz, der Dich nie verlässt. Weil Du Dich nicht mit ihrem behördlich befohlenen Kultus, mit der gesetzlich gestatteten Anbetung zufrieden gibst, beschuldigen sie Dich, der religiös bis zum Fanatismus ist, der Entweihung und Unfrömmigkeit. O, leben zu können, sich ausleben zu können ein ganzes Leben lang! Leben zu können in völligster Übereinstimmung mit dem Willen der Natur, die uns so und nicht anders geschaffen!

Ich muss Dir offen sagen, dass die normalen Menschen, wenn sie so wie ich in Deiner Seele lesen könnten, Dich für verrückt halten würden. Und mich, den sie für einen der hervorragendsten Gelehrten erklärten, mich würden sie einsperren, wenn sie etwas von meiner Hauptentdeckung ahnten ...

Davon will ich Dir jetzt sprechen.

Deine Hyperästhesie, Dein überfeines, überempfängliches Nervensystem nähert Dich dem Zustand, den die Leichtgläubigkeit früherer Zeiten den Göttern zuschrieb. Allerdings, Dein Zustand ist nicht normal, ja vielleicht krankhaft sogar. Doch welch erhabene Krankheit! Sie gestattet uns, uns mit allem zu vereinen, was unsere höchste Wonne ausmacht.

Unsere Einbildungen grenzen an Wahnsinn, werden Dir die Moralisten, die Männer der strengen Ordnung, sagen. Und wenn schon, was ist da so Schreckliches dabei? Ist nicht der Wahnsinn eine Trübung, eine Flucht der Seele, die ungeduldig verlangt, sich in freie Höhen aufzuschwingen, so dass sie sich nicht einmal Zeit nimmt, den Körper kalt werden zu lassen, wie der Alchymist den Schmelzofen?

Ich habe die scheinbare Gleichgültigkeit Deines Wesens durchschaut, ebenso wie Deine erhabene Monstrosität. Sei fröhlich, frohlocke! Ich bringe Dir Linderung und Trost und, wenn Du es wünschen wirst, – das Vergessen! Ich habe geforscht, alle Fluide studiert; es bedurfte eines Wesens, wie Du es bist, um mich das Fluid finden zu lassen, das Fluid, das alles vereinigt, das Fluid absoluter Sympathie, das Dich in dauernden Kontakt mit der Ewigkeit und der Unendlichkeit setzt.

Ohne dass Du es ahntest, habe ich den Fortgang Deiner kostbaren Krankheit eifrig und eingehend beobachtet. Der Augenblick ist gekommen, um an Dir die Operation zu vollziehen, die meine Entdeckungen krönen soll, die Dir die höchste Seligkeit gewähren soll. Wie ein Blitz wird Dich ein Orgasmus durchzucken, wonniger und heftiger zugleich als alles, was Du bisher kanntest; Du, der Du die Liebe und Güte selber bist, Du wirst imstande sein, alle Einzelheiten Deines Ideals zu vereinigen. Überrede Dich, dass Dein Körper nur ein Scheinbild ist. Wage es, Dich in dem unfehlbaren Spiegel zu betrachten, in dem Reflex Deines geistigen Seins, in dem Widerschein Deiner herrlichen, berauschenden Einbildungskraft. Da, schau hin!«

Und die Hand Sir Lawrences wies auf einen Hirtenjungen, der allein in dem Brodem des aufsteigenden Sumpfnebels sichtbar geblieben war, während die Umrisse seiner Herde darin versanken.

Es war ausserordentlich weich und mild, fast ein wenig feucht, als ob das letzte Lächeln des Sommers sich in heimlichen Tränen löste. Sommerfäden schwebten schmeichelnd durch die laue Luft.

*

Diese Zeit war so recht geschaffen für vertrauliche Geheimnisse, für süsse Vereinigungen, ja auch wohl für einen selig-schmerzlichen Abschied.

Es lag etwas in dieser seltsam linden Septemberabendluft wie Balsam, den man auf Wunden des Herzens legt, nachdem man lebensgefährliche Operationen vollzogen. Auf Marcel, der jetzt dafür noch empfänglicher als gewöhnlich war, wirkte diese Atmosphäre, dieses Licht, diese psychische Hospitalluft so stark, dass er sich fast bis zum Unbehagen benommen fühlte.

Dem Blöken der Herde, das sich im Nebel zu vervielfachen schien, antwortete immer noch aus der Ferne die Jahrmarktsmusik, die ebenso schreiend und grell war wie das Schauerbild jener scheinbaren Stadt, deren gespenstische Blässe bengalische Feuer hin und wieder durchzuckten.

Marcel folgte dem Winke Sir Lawrences und betrachtete den Hirtenjungen. Je länger er ihn unverwandt ansah, um so mehr füllten sich seine Augen, die zuerst gleichgültig geblickt hatten, mit Begeisterung.

Welch herrliches Bild, welche wundervolle Vision! Sie verkörperte alles, was seine Dichterträume sich ausgemalt, seine kühnsten Wünsche ersehnt hatten. Eines Tages hatte sich Marcel dies Kostüm von bräunlichem Sammet gewünscht; ein ander Mal hatte er einen jungen Maurergesellen um die keck aufs eine Ohr gesetzte gewöhnliche Seemannsmütze beneidet ... Alles, was Marcel heimlich, hoffnungslos geliebt hatte, was seine Nerven kitzelte und seinen Liebestrieb stachelte, was seiner Einbildungskraft schmeichelte, was in Weh und Wonne sein Herz schneller schlagen liess, alles dies fand er jetzt vereinigt in diesem jungen Burschen.

Er lagerte in einer Attitüde, die Marcel nur ein einziges Mal in seinem Leben bei einem ruhenden Lehrburschen beobachtet hatte; aber ach, diese verführerische Stellung hatte sich seinem Gedächtnis tief und fest eingeprägt. Die göttlichen Augen des Jünglings sahen ihn an, und gern hätte er unter ihrem liebkosenden Glutblick alle Qualen der Erde erduldet; die frischen, zu glühenden Küssen einladenden Lippen leuchteten aus dem Gesundheit strahlenden Inkarnat seines Antlitzes; den nervigen Körper, gemeisselt, als ob Liebe und Kraft sich in ihm um den Vorrang stritten, umhüllte dunkle Sammetkleidung, welche die harmonischen Verhältnisse der schwellenden Formen weniger verbarg als um so üppiger hervortreten liess.

Ein letzter roter Sonnenstrahl verklärte das bezaubernde Bild. In den geblendeten Augen Marcels verkörperte es das reizendste menschliche Geschöpf, das Ideal einer irdischen Hülle, das Meisterwerk eines Schöpfers, der den jugendschönen Leib des Antinous durch die Seele des reinen Toren Parsifal belebte und erleuchtete.

Marcel wollte hin zu ihm, um sich ihm zu Füssen zu werfen und unter seinen Blicken, im Bereich seines himmlischen Odems sich wonneschauernd an ihn zu schmiegen; aber im Augenblick, als er näher kam, bemerkte er, dass die Einzelheiten dieses köstlichen Gesamtbildes plastischer Vollkommenheit sich auflösten, auseinanderfielen, ja ein ganz gewöhnliches Ansehen annahmen, und es blieb nichts mehr übrig, als ein gutgewachsener, ganz hübscher Hirtenjunge, der ihn lächelnd und erstaunt zugleich ansah.

Er eilte rückwärts, und sich an Sir Lawrence wendend rief er in einem herzzerreissenden Tone: »Ach, warum liessest Du mich nicht sterben mit diesem Phantom. Es wäre für mich eine Wollust sondergleichen gewesen, mit ihm zu vergehen, mich darin aufzulösen, zu sterben mit ihm!«

Der Baronet ergriff seine Hand:

»Es ist nicht für immer verschwunden. Um es wiederzusehen, brauchst Du es nur zu beschwören. Es ist kein Schatten, kein Gespenst: nein, es ist ein Gebilde aus Dir selbst, aus Deinem eigenen Seelenstoff. Ein Augenblick des Wollens genügt, um Dich an der Wirklichkeit zu rächen; Dein Geist vermag ihm jede gewünschte Form zu leihen. Du wirst Dich in diesem Spiegelbilde wiederfinden durch die Macht Deiner Liebe, besonders wenn Du in Deinen Gefühlen für den Nächsten nicht nur seine wirklichen Eigenschaften sehen willst, sondern ihn seiner Mängel entkleidest. Und Du wirst nie herrlicher und vollkommener sein, als wenn es Dir glücken wird, in der Person Deines Todfeindes eine verborgene Tugend zu entdecken, ein Verdienst, das Dein Hass ihm bisher nie zugestehen mochte.

Indem Du Dir ernstlich und fest einige lobenswerte Züge Deines Feindes vorstellst, oder auch nur das geringste Wohlgefällige, das Dich an ihn angezogen, wird der Verhasste, den Du beschworst, die Schönheit erringen, mit der Du Deine Lieblingsgebilde umkleidest. Er wird sich verwandeln, verklären, er wird die entzückendsten Formen und Eigenschaften annehmen, deren Fehlen Dir das Leben so schal erscheinen liess. Er wird Dich verführen, wenn seine Glieder den Marmor griechischer Statuen, das Fleisch der Lieblingsepheben der Cäsaren und Weisen des Altertums beschämen; er wird sich in die wonnigen Duftwogen hüllen, die Dich an die süssesten Augenblicke Deines Lebens erinnern; seine pathetische Stimme wird den harmonischen Wohllaut Deiner Lieblingstondichter ausströmen, selbst seine Kleidung wird der Palette der von Dir bevorzugten Maler entlehnt sein, sogar Dich an die malerischen Lumpen der jungen Strolche gemahnen, die seine Urbilder waren. Sein Benehmen, seine Bewegungen werden sich die gymnastischen Spiele der Arena zum Vorbild nehmen, in dem Hauch seines Mundes wirst Du den Frühling und den Herbst einatmen, die duftigste Blüte und die köstlichste Frucht, die Dir jemals begegnet. Möglich, dass eine mörderische Flamme noch in seinen Augen lodert. Aber harre aus, gedenke an die Allmacht der Vergebung. Noch eine letzte Anstrengung, und Deine alles überwindende Bezauberung wird auch den letzten Rest dieses glimmenden Brandes tilgen; er wird erlöschen in dem rührenden Tau der süssesten Tränen, die jemals über Dich geweint worden sind. Und wenn Du Deinen grimmigen Feind in dieses wundersame Idealbild von Schönheit und Güte verwandelt siehst, wird ein unsagbares Wonnegefühl Deines Herzens Dich mahnen, möglichst schnell zu sterben, um dieses Wunder, diesen Triumph der Liebe nicht zu überleben, und dann, o mein geliebter Träumer, wird es genügen, dass Du Deine Lippen auf die seinigen pressest in einem langen, innigen Kuss, um in seligstem Vergessen zu ertrinken, zu versinken, zu vergehen!«

Lange schon war der junge Hirt mit seiner Herde in der Dunkelheit verschwunden; an seiner Stelle beherrschte übles Gesindel, allerhand Rowdies und Strolche das Feld. Aus der Ferne drangen immer noch Barkarolen, Schüsse und grelle Freudenfeuer herüber aus der künstlichen Stadt, die ihr hartes, weisses Licht auf die öde, finstere Ebene sendete. Der halbvolle Mond warf einen zitternden, spöttischen Schein darüber.

Die beklommene Stimmung der verwunschenen Öde und die laute Heiterkeit dieses Trugbildes von Stadt ergaben zusammen eine nervenerschütternde Ironie.

Allmählich indessen erblichen die Feuer des Jahrmarktstrubels, eine Annäherung der Stadt an die ungastliche Öde schien sich zu vollziehen.

»Die Feinde umarmen sich!« rief Sir Lawrence mit einer Stimme, deren Ton ihn selbst erschauern liess.

Als der Baronet sich nach seinem Freunde Marcel umwandte, bemerkte er, wie jener, geisterhaft bleich, eine Bewegung machte, als ob er jemanden an sein Herz presste; dann sah er ihn wanken und in das tauige Gras sinken.

Mit einem Lächeln wonnigster Glückseligkeit hauchte Marcel seine Seele aus, während der letzte Kuss des elektrischen Lichtes über das matt erhellte Flachland dahinglitt.

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