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Eine schlimme Begegnung/Liebesselbstmord

Georges Eekhoud: Eine schlimme Begegnung/Liebesselbstmord - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorGeorges Eekhoud
booktitleEscal-Vigor
titleEine schlimme Begegnung/Liebesselbstmord
publisherMännerschwarm Verlag
seriesBibliothek rosa Winkel
volumeBand 44
isbn978-3-939542-44-5
year2007
firstpub
translatorRichard Meienreis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110207
projectid375ae96c
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Eine schlimme Begegnung

Auf dem Diner bei dem italienischen Minister und der Frau Gräfin von Casa-Ferrata – so heißt's ja wohl im Styl der Zeitungsberichterstatter – zeigte sich Leonce von Maugraves besonders seltsam und widerspruchsbereit.

Seine vornehme Umgebung verzieh ihm vieles auf Grund seines bestechenden Äußeren, seines geschichtlich berühmten Namens und seines ungeheuren Vermögens, über das er, da er Waise, einziges Kind seiner Eltern und unvermählt war, uneingeschränkt zu verfügen hatte. Stutzerhaft elegant, von feinstem weltmännischen Benehmen, durch seine zugeknöpfte Haltung gesichert gegen Zudringlichkeiten und Vertraulichkeiten, bekannte sich dieser kaum dreißigjährige junge Mann in einem gleichmäßig ruhigen Tonfall, mit einer außerordentlichen Sicherheit und Gewandtheit, ohne eine Spur von innerer Erregung zu verraten, zu den übertriebensten Anschauungen, ja er rechtfertigte mit Feuereifer Verstöße gegen die Sittengesetze und sonstige Freveltaten, die in der vornehmen und begüterten Gesellschaft, der er durch seine Geburt angehörte, besonders verpönt waren. Jedermann war überzeugt, daß Leonce von Maugraves kein Wort glaubte von den Ungeheuerlichkeiten, die er, ohne zu stocken, zu Tage förderte mit seiner metallischen, einschneidenden Stimme, aus der er eifersüchtig alles, was an seelische Anteilnahme erinnern konnte, verbannte, während er sein Gegenüber mit Augen, eisig-kalt und stahlhart wie Degenspitzen, fixierte; trotzdem ließ man ihm seine mehr als gewagten Behauptungen durchgehen, und selbst keineswegs beschränkte Leute fanden mitunter ein gewisses Vergnügen an der virtuosen Meisterschaft, mit der er seine paradoxen Sätze verfocht.

Gegenüber der Frauenwelt zeigte er sich noch raffinierter durch die scheinbare Harmlosigkeit seiner Redewendungen, wenngleich seine Gedanken dort eine noch schärfere und umstürzlerische Tendenz aufwiesen. Er fühlte sich wahrhaft glücklich darüber, daß die Mehrzahl seiner Gesellschaftsgenossen von Eigendünkel aufgebläht und in ihren Vorurteilen bis zur Verknöcherung erstarrt waren; sonst hätten sie längst merken müssen, daß dieser kühle Aristokrat, der sie so mir nichts, dir nichts zum besten hatte, alle Männer und besonders die Frauen seiner Umgebung mit einer glühenden Verachtung beehrte, und daß er viel länger über die sozialen Ungleichheiten und Unbilligkeiten nachgedacht hatte, als seine hochtrabenden, fast wie Hohn klingenden Worte vermuten ließen.

An diesem Tage jedoch – vielleicht überwältigten ihn Groll und Mitleid – überschritt er alle Grenzen und verlor schließlich alles Maß.

Der liebenswürdige und ehrerbietige Spötter, als den er sich sonst immer gegenüber den verwitweten Anstandsdamen und den jungen adeligen Gänschen, die man ihm zu Nachbarinnen gab, aufspielte, beschuldigte sich heute zu wiederholten Malen, ein alles zersetzender und geißelnder Lästerer zu sein, sodaß die Damen fast auf den Gedanken hätten kommen können, der Prinz von Maugraves hätte, ganz im Gegensatz zu seiner sonst gewohnten vegetarischen Nüchternheit, dem vorzüglichen Burgunder des Gesandten allzuviel Ehre angetan. Er verspottete mit Hohngelächter, er, der sonst kaum jemals lächelte, sämtliche Grundsätze der geheiligten Moral in jedem zivilisierten Lande: Staat, Familie, Heirat, Monogamie, Schamgefühl, eheliches Leben, die Heuchelei einer Gesellschaft, die nur eine gegenseitige Hölle ist; kurz, er überschüttete Alles mit ätzender Lauge, widerlegte den berühmten Grundsatz der politischen und sozialen Ökonomie, die Erhaltung der menschlichen Gattung, durch bizarre und satanische Paraphrasen über den toll übermütigen Vers:

»Dem öden Träumer hab' ichs stets verübelt,
Der sich zuerst sein töricht Hirn zergrübelt,
Die unlösbare Frage auszudenken,
Wie Liebe sei durch Sitte zu beschränken.«

Die Kunst für die Kunst, die Liebe für die Liebe! verkündete er, indem er sich vom Tische erhob.

Im Rauchzimmer empfand er das Bedürfnis, seine exaltierten Ausführungen vollends auf die Spitze zu treiben; er stürzte mehrere Gläser Fine Champagne herunter und dann, alle Dämme durchbrechend, verteidigte er leidenschaftlich die Ausnahmenatur und die angebliche Monstrosität. Er verdammte die ewig zeugungsbereite Menschheit, die fortwährend Proleten und Krüppel in die Welt setzte, um sich als Anhänger einer ästhetischen Liebe nach Plato und einer Rückkehr zu der geschlechtlichen Freiheit des alten Griechenland zu erklären. Nein, keine Zeit, wo offiziell die Sklaverei herrschte, habe so viele, so elende Parias, solche Scheusäler hervorgebracht, oder soviel edles Blut, das dem Untergang in Kot und Schmutz im Kampf ums Dasein geweiht war. »Aber wenn alle Welt so dächte, so würde das das Ende der Menschheit bedeuten!« orakelte einer der hochwohlgeborenen Tischgenossen.

»Fürs erste hat es keine Gefahr, daß alle Welt so denkt wie ich; das wäre ein Unglück für Ihr ›alle Welt‹, aber noch schrecklicher für mich. In der Tat, ich preise mich glücklich, daß meine Natur in unvereinbarem Widerspruch steht zu der großen Masse, die nach überlieferten Vorurteilen über den Einzelnen zu Gericht sitzt! Ich bin Revolutionär, Nihilist, Anarchist, was Sie wollen! ...

Die Erhaltung der Gattung! Jawohl, Dutzendgeschöpfe, menschliches Herdenvieh, jämmerliches, erbärmliches Pfuschwerk! Es gibt nur schon zuviel Zeugungsmaschinen. Und was bringen sie denn hervor? Offen gesagt, gibt es denn nicht genug Soldaten, nicht genug Dirnen und Verbrecher? Wenn sich daran mal ein Mangel einstellte, wäre es immer noch an der Zeit, eine Vermehrung der Menschheit von Staatswegen zu fördern. Und selbst wenn die Menschheit zu Grunde ginge, diese Menschheit nach Ihrem Herzen, was hätte das Großes zu bedeuten? Glauben Sie wirklich, daß jene Kinder, die Sie in die Welt setzen oder vielmehr erbärmlich zusammenstümpern, Ihnen einen großen Dank schulden? Glauben Sie, daß sie leben aus Liebe zum Leben? O nein, sie schleppen sich nur damit herum aus Furcht vor dem unbekannten Jenseits, eine Furcht, die durch die christliche Erziehung noch verstärkt wird; sonst würden wenigstens die Hälfte sich selbst umbringen. Und Sie wollen Aristokraten sein? Ach, gehen Sie doch! Und leugnen den ersten Grundsatz aristokratischen Denkens und Lebens: Die Freiheit des Individuums, das Recht der persönlichen Selbstbestimmung? – Die Eigenliebe ist der Anfang der Nächstenliebe, so wie der Wahnwitz der Anfang ...«

Er vollendete den Satz nicht, nicht weil er etwa von einem der Anwesenden zur Ordnung gerufen worden wäre, sondern in gewohnter Verachtung des Ausdrucks komischer Entrüstung und Entsetzens auf den Gesichtern Derjenigen, die in gesellschaftlicher Hinsicht doch nun einmal seine Pairs, seine Richter waren, die einzigen ihm Gleichgestellten, die in Betracht kamen; er unterdrückte nicht ohne Mühe ein Gähnen des Widerwillens, zog unhöflich genug seine Uhr und empfahl sich, voll nervöser Ungeduld, lechzend nach frischer, freier Atemluft, wo es auch immer sei, nur fern von dieser Gesellschaft ...

Sein Wagen erwartete ihn vor der Haustür; er schickte ihn heim, da er zu Fuss gehen wollte.

Sein Kopf brannte, sein Hirn glühte wie Lava; niemals hatte er sich in einem solchen Erregungszustand befunden. Es war sehr heiß in der Botschaft gewesen, und der Duft der Blumen, die auf der Tafel verstreut waren, hatte ihm den Atem benommen, oder vielmehr sein Gehirn umnebelt seit seinem Eintritt in den Saal. Die Nacht war schwül und erfüllt von Nebel, in dem die Gestalten der Vorübergehenden sich wie gespensterhafte Erscheinungen ausnahmen und den der Mond mit unheimlich rötlichem Lichte zu durchdringen versuchte. Es fiel ein leiser Regen, fein, durchdringend und lau; vom Pflaster stieg ein modriger Dunst auf, welcher der Finsternis die heiße Feuchtigkeit eines fiebernden Körpers verlieh.

Leonce von Maugraves schritt aufs Geratewohl vorwärts. Wie lange, hätte er wohl selbst nicht zu sagen gewußt. Er folgte noch immer der Spur seiner Gedanken, die er beinahe jenen Philisterseelen preisgegeben hätte.

Er, der Spötter, der vorgeblich kühle Egoist, der blasierte Skeptiker, der alle Welt mit erkünstelten, seltsamen Paradoxen reizte und nasführte, hatte noch niemals solchen Drang nach Zärtlichkeit, solchen Heißhunger nach Gegenliebe empfunden; aber ganz besonders beherrschte ihn ein Begehren nach etwas ganz Ungewöhnlichem, sei es auch das Letzte, das Äußerste, was er durchmachen sollte; es war wie der Durst des am Kreuze verschmachtenden Christus nach dem gallegetränkten Schwamm. Müde der theoretischen Spekulationen über die Liebe, klopfte sein Herz bis zum Zerspringen und sein Blut kochte.

Leonce war bis zu einem solchen Grade der Aufregung gelangt, daß er sich nicht mehr zügeln konnte; alles bäumte sich in ihm auf; er mußte Etwas erleben, etwas Unvorhergesehenes, ein Abenteuer, ein Wagnis, mochte es auch noch so gefährlich sein; diese Nacht sollte endlich, koste es, was es wolle, eine Abwechslung in sein Dasein bringen, das wie ein aufgezogenes Uhrwerk – ach, leider ganz gegen seinen Willen – aber doch so ganz wie von selbst ablief. Das schlechte Pflaster, welches er durch das feine Leder seiner Lackstiefel fühlte, ließ ihn endlich auf seine Umgebung aufmerksam werden. Niemals war er, selbst zu Wagen nicht, in dieses schmutzige Viertel gekommen. Seit einer halben Stunde schritt er, ohne sich dessen bewußt zu werden, auf einer endlosen Landstraße dahin, vorbei an alten schadhaften Häusern, die vielleicht noch gar nicht so lange standen, aber durch die rohe Zerstörungssucht ihrer Bewohner vorzeitig in Trümmer sanken, eine jener Verkehrsadern entlang, die aus der dumpfen, ungesunden Großstadt die Krankheitskeime auf das gesunde Land hinausschwemmen, so wie die Schornsteine ihren Ruß und Dunst zum reinen Himmel emporspeien.

Nach den vorhergegangenen Träumen und Gedanken, in der Geistesverfassung, in der sich Maugraves befand, tat ihm diese Umgebung wohl; die kalkig fahle, schmutzig rostige Farbe der Häuser, das sozusagen Unkonventionelle dieser Ausdünstungen paßte zu seiner Stimmung.

Es war ein Kirmesmontag. Schmierige Durchgänge, welche Därmen glichen, führten zu Balllokalen, die wie absichtlich von der Straße etwas entfernt lagen; aus ihnen klangen schmetternde, heisere Töne halb erstickt herüber, die sich bald wie entferntes Jagdgetöse, bald wie der Lärm ausgebrochenen Streites anhörten.

Welche Laune verführte Leonce von Maugraves, den hochgeborenen und feingekleideten, der in seinem Anzug noch das aristokratische Parfüm aus dem Palais Casa-Ferrata an sich trug, in eine dieser fettig riechenden und ekelhaften Tanzspelunken hinabzusteigen? Welcher Eingebung folgte er? Kaum hatte er wohl in den Romanen der Naturalisten Beschreibungen derartiger Vorstadtbälle gelesen; aber keine dieser widerwärtigen Schilderungen, die von den Zeilenschindern und Tintenkulis noch übertrieben waren, hätten ihm den eigentümlichen Duft, die Seele dieser Lokalitäten übermitteln können. Er verirrte sich in einen mangelhaft erleuchteten Saal, den der Geruch menschlicher Ausdünstungen noch stickiger erscheinen ließ, als die Straße, und den die Feuchtigkeit verdampfenden Wassers erfüllte, das man von Zeit zu Zeit auf den Boden goß, um den Staub abzulöschen.

Zuerst unterschied Leonce fast nichts: ein aufdringliches Orchestrion, riesig wie eine Kirchenorgel, thronte auf einer Art Bühne und brummte, unterstützt von seinen zahlreichen Blech- und Schlag-Instrumenten, abgehackte Tänze in einem greulichen Polkatakt, und diese krampfhaft zuckenden Melodien brachten den Wahnsinn im Blute der Tänzer, die sich schon an dem scharf gewürzten Alkohol berauscht hatten, vollends zum Ausbruch.

Das war das Feiertagsamüsement dieser Galgenvögel. Die Augen Maugraves gewöhnten sich allmählich an diese trübe Beleuchtung. Er unterschied einige Paare; zuerst zwei schmutzige Bengels, die zusammen tanzten, dann etwa ein Dutzend dieser Burschen, die sich miteinander im Kreise herumdrehten. Am Ende eines jeden Tanzes gingen sie einen kippen, aneinandergeschmiegt, wie zusammengebundene Zwiebeln, und setzten sich auf eine Bank, die an der einen Schmalseite des Saales entlang führte unter einer spinatgrünen Kleckserei, die eine italienische Landschaft darstellen sollte, mit einem noch viel unnatürlicheren blauen Himmel, ein Schmuck, der wie die Faust aufs Auge paßte zu diesem wenig zur Schwärmerei einladenden Lokal.

Das Eintreten Maugraves mußte um so mehr bemerkt werden, als die Tanzlust bereits nachzulassen begann und die besseren Elemente sich schon verzogen hatten. Die Zurückgebliebenen, unverbesserliche Nachtschwärmer, machten sich gegenseitig unter Gelächter und zotigen Anspielungen auf ihn aufmerksam. Es waren ganz hübsche Kerle darunter, mehr breitschultrig als kräftig, nervöse Jüngelchen mit frühreifem Gesichtsausdruck, sonnverbrannt oder vielmehr rauchgebräunt wie Räucherware, um die Hüften gegürtet mit ausgefranzten Zeugfetzen, mit roten Westen, weiten Hosen von grobem braunem Sammet oder gestreiftem Stoff in schreienden Farben und riesigem ausgetretenen Schuhzeug.

In diesen markierten Gesichtern traten große, blau umringelte Augen hervor, die auf geheime Ausschweifungen schließen ließen und schamlos unzüchtige Blicke schossen, wollüstige, seltsam verzogene Vampyrlippen, Nasen mit nervös vibrierenden Flügeln und erweiterten Löchern von der Gewohnheit, darin mit den Fingern herumzubohren. Einer dieser Galgenstricke, aufgeputscht durch die andern, näherte sich Leonce, und seine Blicke auf ihn richtend, nicht ohne etwas zu erröten, gleichsam aus Furcht und Verlegenheit über das Ungeheuerliche seines Beginnens, forderte er ihn in seinem Vorstadtjargon auf, doch einmal mit ihm zu tanzen.

Aller Erwartung entgegen zeigte sich Leonce nicht im Mindesten überrascht über diese merkwürdige Aufforderung. Er war schon seit ein paar Minuten darauf gefaßt, da er den Burschen mit abenteuerlüsternen Blicken um sich hatte herumschleichen sehen. Weit entfernt, davor zurückzuschrecken, sehnte Leonce vielmehr diese Annäherung herbei, so daß der Bengel – der nichts anderes erwartete, als abgewiesen zu werden und schon die ordinärsten Schimpfwörter seines diesbezüglichen Wortschatzes bereit hatte, um den Aristo damit zu überschütten und eine allgemeine Balgerei hervorzurufen, bei welcher man ihn leicht überwältigt und beraubt haben würde – seinerseits ganz verdutzt war und beinahe alle Fassung verlor, als der feine Herr seine unziemliche Aufforderung annahm, ihn bei der Hand faßte, und während er die andere auf seine Schulter legte, seine Schritte denen seines Tänzers anpaßte, indem er ihm mit der Vertraulichkeit eines Nachbarn aus derselben Gasse entgegenkam, wie ein Bursch seiner Klasse, wie er geschaffen und erzogen zu dem gemeinen Benehmen des niederen Pöbels.

Sie walzten ein paarmal im Saal herum, zum größten Erstaunen der Zuschauer, die nicht weniger überrascht waren als ihr Genosse über die spielende Leichtigkeit, mit der der Eindringling sich dem ungebundenen Ton seiner Umgebung anzupassen wußte.

Das wirkte wie ein Knalleffekt auf dem Theater. Sie trauten ihren eigenen Augen nicht. Sein Trick ließ ihre Taktik zu schanden werden und versetzte sie förmlich in Unruhe.

Als der Walzer zu Ende war, ging Maugraves zu dem Schenktisch und bot seinem neuen Kameraden eine Erfrischung an, und wie dieser, der allmählich seine Sicherheit etwas wiedererlangte, ihn ersuchte, auch den Anderen etwas zum Trinken zu spendieren, bewirtete er sie mit Bier oder Branntwein je nach ihrer Wahl. Ein Kreis von lustigen Gesellen hatte sich schnell um den freigebigen Spender zusammengefunden. Dieser besiegte seinen angeborenen oder anerzogenen Widerwillen, ja er überwand seine Vorurteile als verwöhnter junger Mann der feinsten Gesellschaft so weit, daß er mit diesen Kerlen von gemeiner Ausdrucksweise und schamlosem Benehmen der Reihe nach anstieß, sogar auf einen Zug nach ihrem Beispiel die schnapsgefüllten Gläser leerte, die sie ihm als Zeichen der Verbrüderung entgegenstreckten, nachdem sie mit ihren nach Knoblauch und Priemtabak riechenden Lippen daran genippt.

Vermöge einer ans Wunderbare grenzenden Willenskraft, einer erstaunlichen Kaltblütigkeit verwickelte sich Leonce immer tiefer in dies Abenteuer. Weit entfernt, an Rückzug zu denken, wollte er sich diesen vielmehr abschneiden, sich jeden Ausweg versperren, sich erst vollends kompromittieren, einzig und allein aus Widerspruch gegen seine früheren Lebensgewohnheiten. Er nahm sozusagen mit freudigem Freimut die Wette an, die er sich selbst vorschlug. Voll Eifer, diese Prahlhänse zu übertrumpfen, überbot er sich an schlüpfrigen Witzen und Wortspielen, übertrieb ihre schnoddrige Sprechweise, ihr fuhrknechtsmäßiges Gebaren, fest entschlossen, keine Vertraulichkeit, keine Ausgelassenheit übel zu nehmen. Er dachte selbst nicht daran, daß er ohne Waffen war, und daß, sechs gegen einen, diese Hallunken gegen ihn sehr im Vorteil waren; er freute sich vielmehr über die drohende Gefahr. Er fühlte jenes Vergnügen an der Tollkühnheit, das nur Leute mit stählernen Nerven kennen. Ohne sich an seine eigentümliche Lage zu kehren, tat er so, als ob er weder die Blicke noch sonstige Zeichen des Einverständnisses bemerkte, welche diese Schlingel unter einander austauschten. Der große Brillant, den er an der Hand trug, das Gold seiner Hemdknöpfe und seiner Uhrkette spiegelte sich schon in den katzenhaft begehrlich blitzenden Augen der von ihm Bewirteten wieder, und als er einen Moment seine Blicke senkte, glaubte er auf seinem blütenweißen Vorhemd anstatt der Chemisettknöpfe drei flüssige Rubinen zu sehen, die er noch nicht kannte. »Bah«, machte er, indem er diese beunruhigende Halluzination, die ihn wie eine böse Ahnung beschlich, verscheuchte, und ohne sich weiter um sie zu kümmern, ließ er neue Lagen kommen.

Während er scheinbar an der allgemeinen Unterhaltung teilnahm, beobachtete er besonders den kleinen Burschen, mit dem er getanzt hatte, und gab sich ostentativ Mühe, an seiner Seite zu bleiben.

Es war dies der Jüngste, sein Gesichtsausdruck der interessanteste von der ganzen Bande. Ohne Zweifel noch ein Neuling im Verbrechen, stand er unter der Vormundschaft und Oberleitung der Anderen, die ausgekochte Jungens waren, und diese hatten ihn beauftragt, heute Nacht sein Meisterstück auf der Verbrecherlaufbahn zu machen, indem er Maugraves ausraubte und nötigenfalls ermordete.

Er mochte sechzehn Jahre zählen, eher weniger; wie bei den Anderen waren Kreuz und Schultern mehr ausgebildet als Brust und Arme; der hagere und schmächtige Nacken trug einen niedlichen brünetten Kopf, der sich mitunter auf eigentümlich fieberhafte Weise belebte; der Gesichtsausdruck hatte, obwohl der Schimmer der Unberührtheit nicht mehr darauf lag, doch noch etwas Kindliches; Sarkasmus und Naivität wechselten darin. Die großen, dunkelfeuchten Augen, von einem natürlichen Zauber, hatten etwas Herausforderndes angenommen; abgesehen von einem hinterhaltigen Aufleuchten, strahlten sie im Grunde aufrichtig und treuherzig; ein in unserer industriellen Sklaverei mißleitetes und vergewaltigtes Wesen, zum Schlechten angehalten durch verlotterte Arbeiter, zu seinem Unglück wider sein besseres Ich zu Schandtaten angestiftet. Das Dunkelrot eines reizvollen, schwellenden, zum Lachen geschaffenen, beinahe jungfräulichen Mundes schien zu protestieren gegen den Schnaps und die Unflätigkeit der Ausdrucksweise, welche diesem jungen Menschen durch den rüden Ton in der Fabrik und auf der Gasse eingeimpft worden war. Kurz, eine vom Baume gewehte Frucht von hübschem Äußeren, aber etwas wurmstichig.

Indessen mußte man wie Leonce ein besonders guter Beobachter sein; es mußte selbst dieser Seelenkundige, wie an diesem Abend, sich in einem Zustande von Überempfindlichkeit befinden, die sein Feingefühl noch verschärfte, um unter diesem Faulenblättergeruch, unter der widrigen Ausdünstung dieser Schutthaufenpflanze die feinen durchdringenden Spuren eines Aroms von Hingebung und Edelmut zu wittern, eine starke Dosis von Treuherzigkeit, Begeisterungsfähigkeit und Glauben an etwas Höheres, Edleres.

Der seltsame Experimentator fürchtete schon, daß die guten Instinkte, die noch in diesem Wesen schlummerten, dem man den Schmelz abgestreift, das man dafür aber mit kräftiger Patina überzogen hatte, die Oberhand gewinnen würden und ihm bezüglich dieses Abenteuers die unerhörte Würze entziehen könnten, nach der er lechzte. Aber er sagte sich dann wieder, daß die brutale Gewalt des Lasters auf dieser jungen empfänglichen Seele von früh auf gelastet und ihm genügend Giftstoff von Groll und Empörung gegen die Gesellschaft eingeimpft habe, um ihn zu einem zügellosen und unversöhnlichen Verächter der Gesetze auszugestalten.

Maugraves ließ sich nichts von seinen Betrachtungen merken: er trank und schwatzte ungezwungen weiter; er tanzte bald mit dem Einen, bald mit dem Anderen, jedoch am meisten mit dem jungen Menschen mit den düster leuchtenden Augen ...

Das nächtliche Dunkel begann zu weichen oder vielmehr in die schwülen Dünste zu zerrinnen, die sich seit dem Herannahen der Nacht auf der Erde gelagert hatten. Mehrmals schon hatte der Kneipwirt, trotz der unvorhergesehenen Mehreinnahme, die ihm die Laune dieses Unbekannten verschaffte, seine Gäste an die Luft setzen wollen. Endlich, als niemand Miene machte, sich freiwillig zum Aufbruch bereit zu machen, brachte er das Orchestrion zum Schweigen und schickte sich an, das Gas auszulöschen. Wenn diese Strolche vorhatten, den Fremden auszurauben, mochten sie das jetzt draußen besorgen. Nur um ihn schlapp und widerstandsunfähig zu machen, um sich die Sache durch seine körperliche und geistige Verfassung zu erleichtern, hatten sie ja diese Tanzerei und Trinkerei so in die Länge gezogen. Wie gute Beziehungen auch der Wirt mit ihnen unterhielt, so weit mochte er doch sich nicht in die Sache einlassen, um ihr direkter Mitschuldiger zu werden und ihnen zu gestatten, dem Täubchen in seinem Lokal die Federn auszurupfen oder den Kragen umzudrehen.

Um die letzten Lagen zu bezahlen, warf Leonce anstatt kleiner Münze ein Goldstück auf den Zahltisch. Er hätte kein besseres Mittel wählen können, um bei diesen Spitzbuben die Versuchung, ihn zu berauben und kalt zu machen, noch zu steigern. Der Prinz, der sich tüchtig betrunken stellte, freute sich ordentlich, daß sich die Lage jetzt kritisch zuspitzte, als er sich plötzlich im Freien befand, an den äußersten Grenzen der Stadt, zwischen übelriechenden Schuttplätzen, Schlacht- und Leichenschauhäusern.

Mit ironischer Höflichkeit hatten die Gauner ihn zuerst hinausgehen lassen. Während er an den schmutzigen Korridorwänden entlang taumelte, hörte er, wie sie hinter ihm ihrem Schützling, seinem Haupttänzer, die letzten guten Lehren gaben.

»Damit die Greifer nicht Lunte riechen, lassen wir Dich jetzt alleine mit Deinem Freier losziehen. Verschleppe ihn nach dem Kanal zu. Bei seinem jetzigen Zustand hat es keine Gefahr, daß er viel Zicken macht. Wenn er muckst, weißt Du, was Du zu tun hast ... Nimm die Zeit gut wahr ... übereile Dich nicht ... Viel Glück!«

Auf dem Fußweg traf Leonce wieder mit dem Jungen zusammen, der singend und rülpsend seinen Arm in den seines Begleiters schob, und ließ sich ohne Widerstreben von ihm bugsieren, indem er beinahe brüderlich den Arm seines kleinen Schützlings drückte. Nach scheinbarem Zögern und verschiedentlichen unaufrichtigen Freundschaftsversicherungen zog das Bürschchen, während die anderen nach der Stadt abschwenkten, sein Opfer auf das freie Feld.

Ein anderer als der Prinz von Maugraves hätte gemeint, seine Sittenstudie nun weit genug ausgedehnt zu haben und hätte den Zeitpunkt jetzt für geeignet gehalten, sich von seinem nicht zu ihm passenden Gefährten frei zu machen. Er hatte sich doch genug gemein gemacht. Diese Abschweifung von der Regelmäßigkeit seines sonstigen Lebens hätte ihm reichlich genügen dürfen.

Indes, obwohl sein Empfinden, sein anerzogenes Wohlanständigkeitsgefühl, das ihn nun einmal die hergebrachten, wenn auch künstlichen Schranken zwischen Angehörigen der verschiedenen sozialen Stände respektieren ließ, ihm abriet, sein Experiment mit diesem Gesindel noch weiter zu treiben, so jagte dagegen die bessere innere Stimme, sein rein menschliches altruistisches Gefühl, das sich gegen die starre Konvention aufbäumte, Leonce immer tiefer hinein in dieses unerhörte Abenteuer, das in den Augen bürgerlich-philisterhafter Kreise zum Himmel schrie. Obwohl er das tragische Ende voraussah: das war es gewesen, was er eigentlich gesucht hatte.

Zu seinem überschäumenden Drang nach Neuem, Unerhörtem empfand er ein unsägliches Mitgefühl für jenen Armen, Verstoßenen, dessen schmierige Lumpen an seinen fein parfümierten Frack streiften. »Ich frage mich«, sagte voll innerlichen Erbarmens der Prinz zu sich selbst, »wie dieser kleine Frechdachs es so ohne weiteres fertig bringen will, mich umzubringen. Unterschätzt er mich so sehr? Im Ernst, ich glaube, ich bin viel kräftiger als er, und wenn ich mich wehre, so wird er wohl seine Kumpane zum Beistande rufen müssen.«

Er fühlte sich so angeekelt und innerlich so wenig zusammengehörig mit den Angehörigen einer Gesellschaftsklasse, an die er durch seine vornehme Geburt gekettet war, daß er diesem seinem Leben nur einen minimalen Wert beilegte und nichts darnach fragte, es um den Preis einer recht ungewöhnlichen Todesart aufzugeben.

In dieser Lage wurde der späte Spaziergang mit dem kleinen Strolch ganz einfach für ihn zu einer Art Selbstmord, oder wenigstens zu einem bürgerlichen Tode. Niemals hatte er sich erregter und zugleich klarer gefühlt, niemals kaltblütiger, als in diesem Zustand der Exaltation.

Der Junge taumelte ein wenig, obwohl er nicht weniger nüchtern war als sein Begleiter und heuchelte eine leise Unsicherheit auf den Beinen, um das letzte Mißtrauen des Opfers einzuschläfern, das er ›hochnehmen‹ sollte. In scheinbarem Zärtlichkeitsdusel überhäufte er den Bourgeois mit Freundschaftsversicherungen, unterbrochen von Liebesschwüren, womit er glaubte, seinen Ergüssen mehr Gewicht zu geben.

Diese Ergebenheitsphrasen, die Leonce in seiner hochgespannten Feinfühligkeit als unwahr und hinterhaltig empfand, enttäuschten ihn etwas. Die Heuchelei entstellte ihm seinen Missetäter; er hätte ihn entschiedener gewünscht, entschlossener auf sein Ziel losgehend. Dennoch machte ihm diese Zaghaftigkeit, dieses Zaudern Spaß. »Warum«, sagte er sich, »treibt es diesen Tollkopf nicht ebenso, zu töten, wie mich, zu sterben?«

Aus solchen Erwägungen heraus antwortete er nicht weniger liebevoll, aber freier und aufrichtiger, während seiner Rede die Nähe des Todes eine gewisse Feierlichkeit verlieh, auf die Liebkosungen, mit denen der Würger sein Opfer umschmeichelte und einzulullen trachtete. Er bemerkte, daß er immer beredter wurde und die glücklichsten Ausdrücke fand, um zu dem unberührten, aber irregeleiteten Herzen seines jungen Begleiters sich einen Weg zu bahnen. Endlich sprach er zu seinem Herzensvertrauten in fast biblischen, heilandsmilden Ausdrücken, die eine erhabene Nächstenliebe atmeten.

Vermöge einer heimlichen Steigerung der Empfänglichkeit seiner Seele bemerkte Maugraves das Schauern, die Ungeduld, die Beklemmung, die Gewissensbisse, das Herzklopfen und Aussetzen des Atems, kurz, die Phasen des Kampfes, der sich im Innern des jungen Menschen abspielte, und im Gegensatz zu seinen kurz zuvor gehegten Empfindungen fühlte er jetzt eine wahre Freude, daß die angeborenen Regungen natürlicher Herzensgüte allmählich die Oberhand gewannen über die anerzogene Raubtiernatur des jungen Verbrechers. Und je mehr er diese Umwandlung feststellte, nicht ohne sich selbst über seine Rednergabe zu freuen, verdoppelte er seine Beredsamkeit, um immer heißer und kühner an dem Herzen des jungen Räubers zu reißen.

Je mehr dieser sich dagegen in seinen totschlägerischen Absichten erschüttert fühlte, um so linkischer, unbeholfener und schweigsamer wurde er; seine Zunge ward zu Blei in seinem Munde, ein schweres Gewicht schien ihn niederzudrücken, er keuchte und seufzte, hin- und hergerissen von den verschiedenartigsten Empfindungen, und endlich gab er seine katzenhaften Schmeicheleien und Freundschaftsversicherungen vollständig auf.

Plötzlich aber empörte er sich wieder gegen die ihm ungelegene Sympathie, die ihm dieser soziale Feind einflößte, und um jede Aussöhnung unmöglich zu machen, beschloß er, ihm wenigstens seine Uhr nebst Kette zu stehlen. »Ich will mich mit dieser Beute begnügen«, dachte er, »und will ihm das Leben schenken. So kann ich meinen Kameraden wenigstens etwas aufweisen. Dann mag ihn der Teufel holen.«

Ohne Zweifel hatte er schon einen Teil seiner Fähigkeiten eingebüßt und seine innere Bewegung lähmte seine sonst so geschickte Diebeshand, denn Leonce vereitelte sein Manöver, hielt die zudringliche Hand fest und wandte sich in einem Ton scherzhaften Vorwurfs an den Überraschten: »Pardon, mein Freund, – denn wir sind doch Freunde, nicht wahr? – was Du da tust, ist nicht nett. Wie, während wir plaudern, glücklich allein bei einander sind, und ich so lieb und gut zu Dir bin, benimmst Du dich, als ob Du den ersten besten vor dir hättest. Was hast Du von diesen Goldsachen? Du kriegst vielleicht 100 Franks dafür. Das Geld würde Dir wie Wasser durch die Hände laufen. Ferner könntest Du durch diese Uhr leicht in Ungelegenheiten kommen, denn sie trägt mein Monogramm und mein Wappen, und wenn die Polizei sie mir wieder brächte, würden die Richter trotz meiner Versicherungen glauben, daß ich sie Dir geschenkt? Aber das ist das Schlimmste nicht. Viel schlechter ist es, daß Du für einige hundert Franks die Zuneigung und Achtung eines Menschen drangibst, dem Du, wie Du vorhin versichertest, sehr zugetan bist! Nicht doch, mein Freund. Komm, gib mir gleich diese dummen Kleinigkeiten zurück, und dann, nicht wahr, wollen wir weiter plaudern, als ob nichts geschehen wäre. Da, hier hast Du auch Geld!«

Der Dieb, unterjocht von diesem sicheren, festen Ton, wenn auch ein wenig durch die spöttische Zurechtweisung gekränkt, holte die Sachen aus seiner tiefen Tasche hervor, wo er sie schon untergebracht hatte, und händigte sie ihrem Eigentümer ein, der sie wieder an ihrem Platz befestigte, ohne sich im Gespräch zu unterbrechen.

Dieser Zwischenfall kühlte die Vertraulichkeit etwas ab, die der junge Spitzbube Leonce bezeigt hatte. Er fühlte sich in seiner Standesehre verletzt. Das Böse gewann wieder in ihm die Oberhand. Er bereute, daß er sich hatte verleiten lassen, seinen ersten Vorsatz aufzugeben; er wollte sich wieder ›zu Ehren‹ bringen. Er dachte an die klägliche Rolle, die er vor seinen Kumpanen hätte spielen müssen. Wie würden sie ihn ausgelacht haben! Und wie recht hätten sie gehabt!

»Und vor allem macht sich dieser Bourgeois derbe lustig über mich. Er bringt mich dazu, den Großmütigen zu spielen, um sich dann mit meinem Kopfe bezahlt zu machen, indem er mich der ersten besten Polizeipatrouille überliefert ... Ich hätte mich mit seiner Kartoffel begnügt; er hat mich nicht gewähren lassen; um so schlimmer für ihn. Jetzt muß ich die Goldsachen und alles kriegen, seine Börse und sein Leben! Ich will ihn nur gleich kalt machen, denn wenn er noch lange schwatzt, könnte er mich wieder dumm machen ... Verflixt, daß ich mich von ihm rumkriegen ließ!«

Leonce las sofort, was in der Seele seines Gefährten vorging, war aber von dieser Umwandlung nicht sonderlich beunruhigt; er empfand vielmehr eine Art Trauer, daß die Sympathie dieses Bürschchens für ihn nicht tiefer ging.

Jetzt, da der Bengel den Vorsatz des Mordes wieder aufgenommen, spielte er von neuem den harmlos Vergnügten und begann zu singen:

»Feinsliebchen, ach, Feinsliebchen mein,
Wann willst Du die meine sein?
Wann hältst Du mit blutger Hand
Pressend meinen Hals umspannt?«

Er hatte indessen den Arm Maugraves losgelassen und schlenderte ein wenig abseits hinter ihm her, während er die Hände in die Taschen seiner Hose versenkte. Trotz seines scheinbar freien Wesens, seines tänzelnden Ganges, seines schlotigen Benehmens, derselben Tollpatschigkeit, die er gezeigt, als er Leonce zum Tanzen aufgefordert, ahnte dieser, daß der Lump in seiner Tasche krampfhaft das Messer umspannt hielt, um mit diesem Tröster in allem Mißgeschick ihn möglichst eilig abzuschlachten und die Goldknöpfe seines Vorhemdes in funkelnde Rubinen zu verwandeln.

Während der Bursche sein Schelmenlied herleierte, murmelte der Prinz, der bis dahin geschwiegen hatte, zwischen den Zähnen, wie man auf der Bühne bei Seite spricht: »Schade! Wahrhaftig, ich fand ihn nett, diesen kleinen Schlingel. Ich fand in ihm einen Ton, ein Arom von Leiden und Schicksal, das mich das Leben wieder lieb gewinnen ließ! Doch, ich sterbe ebenso gern ... Wie Du willst, mein Freund!«

Der Andere ist zurückgeblieben. Er dreht und wendet sich, um den günstigen Moment abzuwarten, ihm das Messer in den Rücken zu bohren, als plötzlich, beinahe im Augenblick des Zustoßens, Leonce sich nach dem Bengel umdreht. Er bietet ihm kühn seine Brust dar, ja, er reißt selbst sein Hemd auf, um jenem die Arbeit zu erleichtern. Trotz des Nebels, den die aufgehende Sonne nur ein wenig rötlich durchleuchtete, war es hell genug, daß sie in diesem entscheidenden Augenblick einander ins Gesicht sehen konnten.

Mit erhobenem Arm, im Begriff die Augen beim Zustoßen zuzudrücken, sendet der Bursche einen letzten fragenden Blick nach dem Antlitz des Prinzen von Maugraves. Welcher Ausdruck edler, alles verzeihender Trauer, welch schmerzlich brünstige Liebe verklärt diese Züge, durchleuchtet diese großen, dunklen Augen! Welches unaussprechliche Lächeln auf diesem Munde, dem sich gleichzeitig leise Worte milder und gütiger Nachsicht entringen.

Da, anstatt zuzustoßen, wie ein verzogenes, schmollendes Kind, das sich eines Besseren besinnt, hat der Verbrecher sein Messer hastig unter seine Kleidung zurückgesteckt, und einer göttlichen Eingebung folgend, fliegt er seinem Opfer an den Hals, schlingt die Arme um ihn, drückt ihn ganz außer sich an seine Brust und, von Schluchzen erstickt, bedeckt er ihn mit heißen, glühenden Küssen und Tränen.

Und Leonce, nicht weniger erschüttert, ganz hingegeben diesem Unglücklichen, in dem er die höchsten Entzückungen der Liebe entzündet, fühlte durch seine Adern ein unsagbares Gefühl eines eisigen Schauers rinnen, als hätte der Andere ihm wirklich das Herz mit seinem Messer durchbohrt, doch nur, um seiner glühenden Liebe einen Triumphweg zu öffnen.

Der Jüngling unterbrach seine abgöttischen Liebkosungen nur, um unter Schluchzen eine Flut von abgerissenen, leidenschaftlichen Worten hervorzusprudeln: »Ach, ich bin ganz Dein! Was soll ich tun? ... Sage nur ein Wort! ... Wenn die Andern jetzt kämen, würde ich sie totschlagen. Ich habe nichts auf der Welt, als Dich, Dich allein! ... Du bist so gut! O, wie gut Du bist! Immer noch sprichst Du zu mir, wie noch niemand zu mir gesprochen. Die Andern sind alle falsch, sie sprechen nur von Brand, Mord und Gift. Aber Du ... Was hast Du angestellt, um mich so zu fangen, so zu betören? Wie kann man so gut sein! Sie sind die Kraft und die Milde zugleich ... Das ist alles so bewundernswert, das liebe ich alles so sehr. Du bist der Erste, dem ich mich mit Leib und Seele zu eigen gebe, voll und ganz, ganz und gar! ... O du! ...«

Der arme Kerl keuchte und schluchzte vor Erregung, so daß Leonce, ein wenig erschreckt durch diesen stürmischen Ausbruch, sich bemühte, ihn zu beruhigen und diesen Liebeserguss einzudämmen.

»Ach«, dachte er, »arme Menschheit! O unbillige Gerechtigkeit! Und du, Gesellschaft, was würdest du von deinen Kindern ernten, wenn du dich bemühtest, die herrlichen Blüten ihres Herzens zu hegen und sorgfältig groß zu ziehen! Aber nein, du bedrohst sie von der Wiege an. Du predigst Ungleichheit, Egoismus und Ausbeutung. Du trennst die Lumpen von Seide und Spitzen. Du erzeugst den Neid bei den Einen und die Verachtung bei den Andern, anstatt daß Reiche und Arme einander lieben sollten.« – »Komm«, sagte er, indem er brüderlich den Hals des jungen Vagabunden umschlang, »weine nicht mehr, laß uns glücklich sein; diese Nacht soll unserer Seele wohltun! ... Wir müssen uns wiedersehen. Wenn man zum Tode entschlossen ist, kann das Schicksal einem gewisse Wünsche nicht mehr versagen! ... Ich habe Dich aufgesucht. Armer Paria, ich bin vielleicht unglücklicher als Du. Ich kenne alles Elend, alles Leid! ... Du hast die Wirkung davon erfahren, aber ich habe die Ursache davon aufgespürt! ... Glaube mir, die Aufrührer, die Revolutionäre haben Recht. Der Dieb hat Recht ... Recht haben selbst die Mörder! ... Aber man müßte noch mehr mit bestimmtem Zweck töten, um Gutes zu stiften, um ein Ende zu machen, indem man sich gegen die Häupter der Reichen wendet! Da spreche ich Dir schon von Mord, und Du hast eben erst Dein Messer sinken lassen. Du glaubst endlich an die Liebe, und ich predige von neuem Haß. O nein, verstehe mich recht, mein teures Kind. Die Gesellschaft, die Alles vergiftet und nichts Gutes reifen läßt, diese Gesellschaft von Ausbeutern müßte man bluten lassen ... Den Geldmenschen und Krämern müßte die empörte Menschheit den Hals abschneiden. Aber Alles ohne Haß, aus Liebe zu einer noch ungeborenen Welt, aus Mitleid für die Armen, wie Du einer bist, aus Mitleid besonders auch für die Reichen, diese Reichen ohne Herzensgüte, ohne Nächstenliebe, damit es nicht mehr schöne junge Leute gäbe, die das Leben irre leitet, damit sie nicht mehr gezwungen wären, Denen nachzustellen, die sie lieben sollten, die Brüder ihrer Neigung, die Seelen, die einander ergänzen, – damit die Henker nicht elender dran wären, nicht mehr Qualen litten, als ihre Opfer ... O, mein geliebtes Kind, mein angebeteter Mordbube! ...«

Er sprach noch lange Zeit zu ihm in diesem mitleidvollen lehrhaften Tone, indem er ihm Dinge sagte, die in unsere Zeit nicht paßten – vielleicht überhaupt in keine Zeit –, indem er zum ersten Male Ideen in Worte kleidete, die er lange, lange Zeit in sich getragen, aber noch niemals ausgesprochen hatte, ja, die er wohl selbst früher noch nicht in solcher Klarheit geschaut hatte, die wie wundersame Blumen der Hoffnung und des Glaubens aufsproßten und erblühten in der Wärme der Liebe, welche die seltsame Begegnung dieser Nacht in seinem Innern entzündete.

Sie hatten sich auf einen Haufen Bretter gesetzt in dem Schuppen einer Dampfsägemühle, wo der junge Vagabund oft genug genächtigt hatte. Das Kind trank die Worte des Edelmannes begierig auf, diese zündenden und doch so gütigen Worte, so voll Zärtlichkeit und doch zur Zeit so hoffnungslos, weil der, der sie verkündete, eine Ära allgemeiner Nächstenliebe, das Kommen des Himmelreichs noch nicht für möglich erachtete.

Als Maugraves zu sprechen aufhörte, sah der Kleine seinem neuen Freunde tief in die Augen, um dort die feinsten glutvollen Regungen zu erfassen, die seine Stimme voll Sphärenmusik nicht in Worte kleidete; und die Worte gestalteten sich unausgesprochen aus einem durchdringenden Blick bei diesem innigen Zusammensein, so daß Leonce gar nicht mehr zu reden brauchte, denn sein Schüler las, ahnte, atmete seine Seele.

Sie befanden sich in einem zauberhaften Zustand des Schlafwachens, so daß alle profanen Dinge ihrer Umgebung für sie verschwanden. Sie fühlten sich der Erde entrückt, zitternd aneinandergeschmiegt wie zwei Vögelchen aus dem selben Nest, weder an Schlaf noch Nahrung noch sonst etwas denkend; sie vergaßen völlig, daß sie bis zu diesem Tage getrennt gelebt hatten unter den Menschen ...

Vor ihnen, jenseits hinter einem Außenboulevard, hoben sich jetzt deutlicher bestimmte Bauwerke ab, wo sie in dem unbestimmten Dunkel nur riesige Häuserblocks hatten erkennen können, ein Stapelplatz, eine Kaserne, ein Zollhaus, ein Hospital, ein Gefängnis. Die Straßenlaternen erblichen allmählich in einem matten trüben Tagesgrauen und ihr zitternder Schein erstarb in dem grauen Dunstkreis einer Handelsmetropole. Ein feiner Regen rieselte noch immer vom Himmel; in ihm erschien die feuchte, grau schimmernde Gegend wie eine riesige Stahlklinge, auf der die Gasflammen wie Rostflecke oder Blutspritzer aussahen. Leonce war betroffen von dem Ausdruck äußerster Gespanntheit, welchen er bei diesem grämlichen Morgengrauen auf dem vertrauens- und hingebungsseligen Gesicht des kleinen Taugenichtses entdeckte; dieses etwas welke Antlitz, diesen zitternden Mund, diese großen Augen eines neu gewonnenen Proselyten. Er bemerkte, daß sein weit ausgeschnittenes Hemde die jammervolle Magerkeit seines Halses besonders hervortreten ließ, dessen kränklich blasse Haut eine rote Krawatte, nachlässig in einen Schifferknoten geschlungen, leichenhaft grünlich erscheinen ließ, wie eine vor ihrer vollen Entfaltung geknickte Blüte.

Und dieser rote Streifen um den sehnigen Hals des Jünglings versetzte Leonce in eine geradezu krampfhafte Erregung; er versuchte ganz sacht, diese lächerliche Krawatte zu entfernen, als sich Schritte näherten und vor ihnen im Nebel die Gestalten von fünf Polizisten auftauchten, die vorüberschritten, ohne sie zu bemerken oder sie sehen zu wollen. Doch als die Patrouille sich entfernt hatte und Leonce sich wieder nach seinem Gefährten umsah, war dieser verschwunden. Ohne Zweifel schon einmal bestraft oder von den Häschern gesucht, hatte er sich unsichtbar gemacht, um ihnen nicht in die Hände zu fallen, andererseits auch nicht seinen wunderlichen Freund zu kompromittieren, den man in seiner Gesellschaft mitgefangen hätte. Leonce erhob sich und suchte den Flüchtling in allen Winkeln der Sägemühle, hinter allen Bretter- und Bohlenhaufen. Er entdeckte nicht die mindeste Spur von ihm. Er rief: Nichts antwortete. Er suchte die benachbarten Wege ab, kam wieder zurück, wartete: Alles umsonst. Endlich mußte er doch diesen unpassenden Platz verlassen, besonders da es heller Tag zu werden begann und dieser feine Herr in seiner eleganten, aber derangierten und zerknüllten Kleidung leicht hätte in die Verlegenheit kommen können, sich über seine Anwesenheit auf diesem Holzplatz gegenüber den Handwerkern ausweisen zu müssen, die hierher kamen, um an ihr Tagewerk zu gehen. Vielleicht war auch dies Alles nur ein Traum, eine etwas lange andauernde Halluzination gewesen, die aus übermäßigem Alkoholgenuß oder einer Nervenüberreizung hervorgegangen war. Verstimmt und abgespannt, wie nach einer langen Reise oder einem Wetterumschlag, suchte der Prinz schließlich seine Wohnung auf, wo er kaum, daß er sich niedergelegt, vierundzwanzig Stunden hintereinander wie ein Toter schlief. Beim Erwachen konnte er sich nicht mehr an Alles genau erinnern, was er in jener merkwürdigen Nacht durchgemacht hatte. Es ließ ihm keine Ruhe; er versuchte mehrere Abende hintereinander die entlegene Landstraße und den Tanzsaal wiederzufinden, wo er den seltsamen Freund, dessen Bekanntschaft er niemand gestehen durfte, aufgegabelt hatte. Doch war all seine Mühe umsonst. Er strengte sich vergeblich an, in den Gesichtern der Bewohner jener Vorstädte eine Ähnlichkeit mit dem einen oder anderen Kumpan des geheimnisvollen Taugenichtses zu entdecken, der ihm auf die Spur hätte helfen können. Als er in möglichst unauffälliger Kleidung sich an sie heranmachte, um ihnen eine Beschreibung von ihm zu liefern oder ihnen von den näheren Umständen zu erzählen, unter denen er ihn getroffen, glaubten die Leute, die er fragte, da sie nicht wußten, was er eigentlich wollte, daß bei ihm nicht Alles richtig sei oder er sie zum besten haben wollte. Ja, es fehlte nicht viel, so hätte man ihn für einen Polizeispitzel gehalten und ihm die Behandlung angedeihen lassen, der er das erste Mal entgangen war.

Späterhin verschwanden verschiedene Episoden des Abends aus seinem Gedächtnis oder hörten doch auf, ihn zu interessieren. Ja, es gab Augenblicke, wo das Bild seines so rasch verschwundenen Kameraden sich trübte und auf seine sehnsüchtigen Beschwörungen nicht reagierte. So konnte er sich manchmal nur an die Augen erinnern, ein anderes Mal schwebten ihm nur die Lippen vor; Alles, auf das er sich besinnen konnte, war eine Stellung, eine Bewegung, ein Tonfall seiner Stimme. Er wußte nur, daß er sich nie mit jemand Anderem in so enger geistiger Gemeinschaft gefühlt, als mit dem jungen Proletarier, den er in jener tollen Nacht getroffen, und daß niemals, was er an Edelmut, Güte und Gerechtigkeitsgefühl in seinem Innern geborgen, sich in so wundervollen und herrlichen Ergüssen einen Weg nach außen gebahnt. Und in dieser Erinnerung an jene unvergeßlichen Stunden und jene göttliche Seelenharmonie, in der Hoffnung, dereinst den einzigen Partner seiner ethischen Anschauungen, seinen ersten und vollen Vertrauten wiederzufinden, schöpfte er die Kraft, das Leben weiter zu leben, indem er jenes gelobte Land erwartete, von dem er ihm so viel erzählt, aber das man nur erreichen könnte, nachdem man ein schier unermeßliches, wild bewegtes ... rotes Meer durchschritten.

In solcher Erwartung lebte er zurückgezogen, fern von der Welt, die ihm immer verhaßter geworden war; er war viel auf Reisen und hatte heimlich sein Vermögen den Aposteln des ›Neuen Glaubens‹ vermacht. – – –

Etwa ein Jahr nach jener Nacht die in sein inneres Leben so tief eingreifen sollte, reiste er nach Paris, unwiderstehlich angezogen durch den Bericht eines Attentates, das ein junger belgischer Anarchist soeben begangen hatte. Dieser Exaltierte hatte eine Dynamitbombe in die Mitte einer Versammlung von Verwaltungsvorständen und Aktionären der Kohlenminen von Qualzin geschleudert; drei der Geldleute waren durch dieses künstliche schlagende Wetter getötet worden.

Nach den Zeitungsberichten hatte der Schuldige, beinahe noch ein Kind, mit Namen Daniel Thevenot, genannt ›der Stint‹, ehemals einer Bande von Straßenräubern und verwegenen Mordgesellen angehört, welche die Bannmeile von Brüssel unsicher machten. Gleichwohl ging aus den Verhandlungen hervor, daß Thevenot vor dem Dynamitattentat niemals einen Mord begangen hatte.

Als Leonce von Maugraves von der Explosion hörte, peinigten seltsame Ahnungen, geheimnisvolle Ähnlichkeiten sein Gemüt. Das Alter des jungen Anarchisten, die Beschreibung, welche die Journale von seiner Persönlichkeit brachten und selbst die elenden Bilder von ihm, die dem Texte beigedruckt waren, entsprachen seinen Erinnerungen an den jungen Burschen aus dem Tanzsaal.

Er langte zu spät in Paris an, um den Verhandlungen beizuwohnen, die beschleunigt wurden, da man ›ein Exempel statuieren‹ wollte. Leonce versuchte auf alle mögliche Weise, zu dem zum Tode Verurteilten zu gelangen, aber die Befehle waren streng: er wurde überall abgewiesen.

So verbrachte er Tage voll Höllenqualen, in steter Angst, ruhelos umherirrend, gepeinigt von telepathischen Herzensbeklemmungen.

Als er eines Abends in einem beliebten Restaurant, das hauptsächlich von Journalisten besucht wurde, aß, oder vielmehr zu essen versuchte, hörte er, daß die Hinrichtung bei Tagesanbruch stattfinden sollte. Eine Schauspielerin, die viel in der eleganten Welt verkehrte, rühmte sich, zu diesem Schauspiel sich Zutritt verschaffen zu können, da sie einen Passepartout von der Polizeibehörde besäße. Durch Vermittelung des Hotelbesitzers verschaffte sich Maugraves diese kostbare Eintrittskarte, die ihm schließlich gegen einen Tausendfrankschein überlassen wurde.

Obwohl Leonce immer ein grenzenloses Grauen vor Hinrichtungen empfunden und auf die widerwärtigen Gaffer geschimpft hatte, die so ihren sadistischen Gelüsten frönten, um mit neuen Sensationen ihre Nerven zu kitzeln, fühlte er sich dieses Mal gebieterisch nach dem la Roquette-Platz hingezogen.

Nachdem er sich mit einigen wenigen ›Privilegierten‹ zwischen den Wachen hindurch in die Nähe des Schafotts durchgedrängt, war er entschlossen, durch einen Eklat, selbst auf die Gefahr hin, dabei sein Leben einzubüßen, die Vollziehung dieses Justizmordes, diese Hinrichtung eines Kindes zu hindern. Er wohnte den Vorbereitungen bei, indem er mit Mühe die Versuchung unterdrückte, diesen ganzen nichtswürdigen Bau in Trümmer zu schlagen.

Allein die Pforte des Gefängnisses öffnete sich, und in der feuchten, dunstigen Dämmerung, in diesem blutrot durchleuchteten Morgengrauen, das ganz jenem bei ihrer ersten Begegnung glich, erkannte Leonce seinen Schüler, seinen Freund, das Geschöpf seines innersten Seins.

Der Strick, der ihm die Hände auf dem Rücken und die Knöchel der Füße zusammenband, war so straff angezogen, daß der Verurteilte nur sehr langsam vorwärts schreiten konnte. Der Körper war nach hinten, die Schultern rückwärts, der Kopf nach oben gebogen. Aus dem Hemde, das bis auf die Schultern durch die Scheere des Henkers ausgeschnitten war, hob sich der Hals noch leuchtender und schlanker hervor, als ehemals, und dieser Hals trug heute: noch keine rote Krawatte.

Als er Maugraves bemerkte, belebte sich das marmorne Antlitz Daniel Thevenots; es rötete sich vor Erregung, vor aufrichtigem Stolz und seine begeistert leuchtenden Augen schienen den Anstifter zu fragen: »Bist Du zufrieden mit Deinem Werk?«

Dieser Ausdruck von Triumph und Glückseligkeit zerriß dem Prinzen das Herz, anstatt ihn zu trösten. Er erinnerte sich an die fast krankhafte Milde ihres Gespräches, an die Ahnungen einer Trennung, die die Vereinigung ihrer Herzensergüsse steigerte, ihre innige Umarmung, ihr völliges Ineinanderaufgehen in jener Nacht damals in der Vorstadt, und dieses Kind, das nie vorher Liebe erfahren, das von der Justiz herumgehetzt wurde, hatte seine leidenschaftlichen Worte eingesogen, um sich daraus ein Lebensgesetz zu gestalten: »Ein Arzt ohne Haß, der die Gesellschaft zur Ader ließ, würde die Herrschaft der Sanftmütigen beschleunigen, wie es in den Seligpreisungen versprochen war. Man müßte töten zum besten der noch Ungeborenen, selbst aus Mitleid für die bösen Reichen.«

Diese Wirkung seiner einstigen Worte las der Prinz in den weit geöffneten Augen des Jünglings, aber dieser Exaltation des Erleuchteten, des Blutzeugen gesellte sich ein Schatten von Vorwurf, sehr sanft, – o, so liebkosend – gegen den Meister, der ihn überlebte, nachdem er ihn bis aufs Schaffott getrieben. »Warum,« sagte dieser hingebungsvolle Blick, »warum ziehst Du Dich von mir zurück hinter diese untätigen und feigen Zuschauer, von denen keiner auch nur einen Tropfen Blut hergeben würde, um mir das Leben zu retten? Ist Dein Platz nicht hier, neben mir, um mir den Weg zu weisen bis ans Ende? Und unser Mund, der eine neue schönere Zeit verkündete, soll er sich nicht in der Kelter der blutigen Ernte den letzten Kuß geben vor dem Eintritt in die Ewigkeit?«

Als sie diese wunderbare Extase des Verurteilten sahen, stießen ihn die Henker brutal vorwärts, um seine Schritte zu beschleunigen.

Der Prinz springt neben ihnen auf und ruft: »Haltet ein! Das Haupt, das Euch in Wahrheit gebührt, ist das meine!«

Da, ein bläulich gleißendes Blitzen, ein rotschäumendes Aufspritzen, und zu Boden geschmettert durch den Todesstreich, der Daniel Thevenot traf, hauchte auch der Prinz von Maugraves neben dem Körper des Enthaupteten seine Seele aus.

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