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Eine Negergeschichte

Oskar Panizza: Eine Negergeschichte - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleVisionen der Dämmerung
authorOskar Panizza
year1923
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleEine Negergeschichte
pages243-253
created20010921
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Oskar Panizza

Eine Negergeschichte

  Tantam vim et efficaciam nonnulli phantasiae et imaginationi in proprium imaginantis corpus tribuerunt

Benedicti XIV; de imagina-
tione et ejus viribus.

Ich hatte mich eben erst in einer der östlichen Vorstädte Hamburgs als Arzt und junger Anfänger niedergelassen. Der große Weltverkehr dieser Seestadt hatte stets einen eigentümlichen Reiz auf mich ausgeübt. Durch billiges Honorar und unentgeltliche Armenbehandlung hatte ich mir bald eine zahlreiche Kundschaft, freilich meist geringerer Leute, herangezogen. Ich wohnte ganz frei, fast wie auf dem Land. Ich hatte im Sommer meine Praxis begonnen, um von der mir ganz fremden Stadt, meinem künftigen Aufenthaltsort, einen möglichst günstigen Eindruck zu bekommen. Auf einer großen Wiese vor meinen Fenstern lagerten immer große Karawanen oder kleinere Trupps seltener Tiere oder fremdartiger Menschen, die meist von London herübergekommen waren und hier ihrer weiteren Verschickung ins Innere Europas warteten. Ganz in meiner Nähe lag auch die Irrenanstalt.

Es war ein schöner Junimorgen. Meine Sprechstunde sollte eben beginnen. An der Tür, die zum Wartezimmer führte, hörte ich ein seit einer Viertelstunde immer wachsendes Summen und Schwirren, unterbrochen von Kindergeschrei, – als plötzlich die Tür meines Wohnzimmers, die zum Hausgang führte, mit einem energischen Griff aufgerissen wurde, und ein Neger zu mir ins Zimmer trat. Gleich hinter dem Neger kam mein Aufwartemädchen mit besorgten Blicken hereingestürmt, um mir das unreglementmäßige Eintreten des Fremden zu erklären und zu entschuldigen. Ohne sich irgendwie abhalten zu lassen, sei der schwarze Mensch, als er meinen Namen an der Zimmertür gelesen, an ihr vorbeigeschossen und habe die Tür aufgerissen. – Ich erwog, welche Bestürzung der schwarze Mensch im Wartezimmer, wo sich Kinder befanden, verursacht haben würde, beruhigte mein Wartemädchen, ließ sie abtreten und forderte dann den Neger mit einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen auf. Dieser Mensch hatte mich aber bereits mit einer Flut von Phrasen und einem Durcheinander von Kauderwelsch übergossen: »...  Halloh! Sie sind der Doktor? – You are the doctor?« – »Jawohl!« – »Ich habe Ihnen eine wichtige Konsultation vorzutragen; – ich habe Ihnen aine sehr wichtige Mitteilung, aine sehr erfreuliche Mitteilung zu machen; sehr wichtig und sehr erfreulich vor mich, ich waiß nicht, ob auch vor Sie. – Aber ich glaube, daß Sie ein guter Doktor sind, der hat ain Herz, – at least I presume. – Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen werde erzählen, das haißt, Sie können kaum glauben, wenn Sie gesunde Kopf haben, – ich meine, Sie werden höchstwahrscheinlich nicht glauben, – aber es ist doch wahr, – es ist furchtbar wahr, – es ist fast zu toll, um wahr zu sain. – I'm a nigger; – that is, I have been a nigger! – Ich habe Neger gewesen – oh, – ich bin Neger gewesen! – Ich bin Neger nicht mehr!«

Ich muß hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger, der hier vor mir stand und sich um keinen Preis setzen wollte, war schwarz. Dies wird vielleicht manchem als eine höchst überflüssige Bemerkung erscheinen; sie ist es aber nicht, wie der Leser am Schlusse dieser absonderlichen Sprechzimmerdebatte erkennen wird. Ich füge hinzu: der Neger war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene bräunlichen Tinten und helleren Flecke, wie man sie bei den etwas entfernter vom Äquator wohnenden Stämmen findet. Der Mann war ganz schwarz; von jener Schwärze mit bläulichem Anhauch, wie sie bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr zeigt; mit einem Wort, er war ein echter Sudanneger. – Er war abendländisch gekleidet, trug einen hellkarierten, doppelten Überzieher in englischem Schnitt, einen eleganten braunen Filzhut, dazu dicke, auffallend große Stiefel, die er fertig gekauft zu haben schien und, in Unkenntnis ihres Baues, mit rechts und links verwechselt hatte. Die ganze Gestalt war kräftig, und das bartlose Gesicht zeigte wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein großes sprechendes Auge und eine kurze, aber gut entwickelte Stirn. – Ich muß sagen, das Erscheinen dieses Menschen in meiner Sprechstunde war mir nicht besonders angenehm. Das wilde schwarzblütige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingeführt hatte, ließ mich befürchten, ich möchte nicht so rasch mit ihm fertig werden. Inzwischen war es ein Uhr geworden. Im Wartezimmer nebenan drängten sich die Leute, es war jedenfalls schon sehr voll; und fortwährend klingelte es noch, kamen noch neue Patienten. – Auf der anderen Seite beunruhigte mich der Gedanke, daß ich in orientalischen Krankheiten und in den Tropen vorkommenden Leiden höchst ungenügend orientiert war; in Negerpathologie kannte ich mich nun schon gar nicht aus. – Die Suada, die der Mann mit immer heftigerer Gestikulation hervorbrachte, ließ sogleich erkennen, daß er ursprünglich englische Kulturverhältnisse durchgemacht und dann erst sich das Deutsche angeeignet hatte, das er mit englischem Akzent sprach. – Das Hauptleiden der Engländer, die sich in tropischen Gegenden aufhalten, sagte ich mir rasch, ist das Saufen! – Und die erste Leidenschaft, die wilde, unzivilisierte Völker bei ihrer Berührung mit Abendländern diesen nachmachen, ist wieder der Schnapsgenuß. – Vielleicht, dachte ich mir, leidet der Mann an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhörliche Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmöglich alles erzählen kann, mit den Worten: »Mein lieber Freund, sind Sie krank? Wo fehlt es Ihnen?« – »Krank?« antwortete mein schwarzer Visavis sehr heftig und riß die Augen auf. – »Krank? Nein! Ich sein nicht krank; bin ganz gesund, gesünder als vorher...« – »Ja, was wollen Sie dann von mir?« fragte ich etwas ärgerlich. – »Bitte, Dokter, haben Sie gute Herz und hören Sie mich an!« – In diesem Moment kam mir der Gedanke, daß der Bursche ein Almosen verlange. Ich griff daher in mein Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstück und hielt es ihm hin. »Was haben Sie, Dokter?« fragte der Neger und wich vor meiner Hand zurück. – »Eine Kleinigkeit für Sie, um Ihnen zu helfen!« – »Geld?« schrie er. »Ich brauch' kein Geld, hab' ich selbst Geld!« – Er hieb mit der rechten übermäßig großen Hand auf seine rechte Hosentasche. – »Geld ist Schmutz!« fügte er hinzu und holte mit der enormen schwarzen Pratze einen Haufen Münzen aus der Hosentasche und hielt sie mir zitternd vor das Gesicht. – »Hier, Dokter, wollen Sie Geld? – Geld ist Schmutz!« schnaubte der Neger und war einen Schritt näher auf mich zu gekommen, mich mit den weißen Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie ich diese schwarze Hohlhand, in der bunt durcheinander Gold-, Silber- und Kupferstücke von nicht unbeträchtlichem Wert lagen, vor meinen Augen zittern sah, und dazu die quittengelben schmutzigen Nägel mit ihrer affenartigen Krümmung, wie ich den eigentümlichen Negerschweiß roch, kam mir das Gefühl, ich befände mich einem Tier gegenüber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke zerschmettern könne. Ich beschloß daher so sanft wie möglich diesem erregten Menschen gegenüber zu verfahren.

»Sait ßwai Jahren bin ich excentric dancer im Royal Garden in London, Dokter! Und hab' viel schmutzig Geld gemacht!« – Mein Besucher zeigte vor Freude zwei Reihen großkalibrige Zähne. – »Sagen Sie mir, wo es Ihnen fehlt,« begann ich nun meinerseits sehr ruhig und entgegenkommend, »damit ich Ihnen helfen kann. Da drinnen warten einige fünfzig Personen!« fügte ich hinzu, auf die geschlossene Türe des Wartezimmers weisend. – »All right!« sagte der Neger, brachte das Riesenfleischstück mit den gelben Fingernägeln wieder leer aus der rechten Hosentasche zurück, trat einen Schritt weg, stellte sich in Positur und fuhr dann fort: »Ich bin aus Pululi...« – »Von mir aus daher, wo der Pfeffer wächst!« entgegnete ich mißmutig und stand vom Stuhl auf. »Nein! – Nicht von der Pfefferküste!« antwortete der Schwarze mit einer heftigen Gestikulation, »Pfefferküste ist weiter gegen Sonnenuntergang!« – »Weiter, weiter, weiter!« – Damit wir zu Ihrer Krankheit kommen.« – »Ich uar der beste dancer in meinem Dorf; wir tanzen auf Holzschuhen und singen sehr schöne Lieder dazu – so!« – In diesem Moment machte der Neger einen Luftsprung, währenddessen er mit dem rechten Fuß die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berührte, von da ein kleines Stückchen Gips mit herabnehmend; dabei stieß er einen offenbar Freude andeutenden, langegurgelnden, scheußlichen Laut aus und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fuß mit solcher Wucht auf den Boden, daß mehrere Gläser auf meinem Schreibtisch umstürzten und er selbst wie in eine Staubwolke eingehüllt schien. Im Nebenzimmer fing ein Kind heftig zu schreien an. – »Ja, Doktor, ich uar beste dancer in Nikowikdwanga! Aber zu maine große Unglück. Ich habe nie in Wasser gesehen, weil der große Negergeist verbietet Sudanvölker, sich in Wasser zu sehen; und Spiegel haben wir nicht. Ich habe nie in Wasser gesehen. Ich habe nicht gewußt, daß ich schwarz bin. Und das dancing hat mich in Unglück gestürzt!...« – »Was soll aber ich mit dem allen?« entgegnete ich, »kommen Sie zu Ihrer Krankheit!« – »Aine schöne Tag kommt ein Mann zu mir und fragt mich, ob ich will gehen zu mächtige Volk von Engländer, die am ganze Körper Kleider tragen, und dancing und singing in ein Haus voll mit ein Meer von Licht? – Und er zeigt mir Hand mit schmutzig Gold, – so!« – Und dabei griff mein schwarzer Besucher wieder in die rechte Hosentasche und hielt mir einen Haufen stinkenden Geldes in dem schwarzen Kübel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich traute mich nicht zurückzuweichen, aus Furcht, der Neger möchte mir noch näher auf den Leib rücken. Ich sagte nur: »Und dann!« – »Ich bin gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, daß Geld rein ist und nicht schmutzig. Und hab' bestiegen ein große englische Schiff, und wir sind gefahren ßuai Monate auf dem Meer, und während ßuai Monate ich hab' nicht gesehen in Wasser, weil der große Negergeist verbietet Sudanvolk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab' nicht gewußt, daß ich war schwarz. Und dann, wir kamen nach Liverpool.« – »Weiter, weiter, weiter!« drängte ich. – »In Liverpool, Doktor! sah ich kolossal viel blinzelnde Menschen zwischen große Häuser spazieren mit Gesicht wie Mehl und Kreide, – scheußlich! – scheußlich!« – »Weiter, weiter! – Haben Sie das Klima nicht vertragen?« – »Klima? – Was ist Klima? – Luft war gut; Essen war gut; Wohnung sehr gut! Aber diese Menschen, mit das grinsende Gesicht! Und alle dich hintereinander spazierend und mich anstarrend mit dem Kalkgesicht!« – »Daran gewöhnt man sich doch!?« – »Oh yes, Doktor! – daran gewöhnt man sich; ich habe mich auch daran gewöhnt; ich habe sogar Englisch gelernt! – Aber aine Tag, als ich in Lancaster-Street spazieren gehe, schaue ich durch ein Block Wasser...« – »Ein Block Wasser? – was soll das heißen?« – »Ich schaue durch ein Block Wasser, welches in einem Haus ist, und hinter dem die Leute hin und her gehen und schöne Sachen zum Verkauf aufstellen.« – »Es wird ein Schaufenster gewesen sein?« – » Well, es uar ain Block festes Wasser.« – »Es war eine Glasscheibe!« – » Well, Glas ist festes Wasser!« – »Wenn Sie wollen, in Gottes Namen! – Was weiter?« – » Well, Doktor, ich schau' in den Block; es uar ein Versehen, weil der große Negergeist verbietet Sudanvolk in festes Wasser zu sehen; aber ich schaue hinein, und Doktor, was sehe ich?« – »Nun, vielleicht war es gutes Spiegelglas; Sie werden sich selbst gesehen haben?« – »Ein schwarzes Scheusal! – Ein fletschendes Gorilla! – Ich glaubte zuerst, ein Tier steht im Laden und schaut heraus; aber die uaißen Menschen, die vorübergingen, haben sich auch in dem Block Wasser gesehen, und jetzt sah ich, daß ich uar das scheußliche Tier. Jetzt ich wußte, daß ich uar schwarz; und daß abends die Engländer applaudieren, wenn ich tu singing und dancing, weil ich uar schwarzes Negertier; und daß sie spritzen aus hundert Röhren künstliches Licht, damit sie mich besser sehen können!« – »Mein Gott, Sie fassen die Sache höchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede in der Hautfarbe könnten Sie doch schon früher kommen!« – »Ja, und jetzt hab' ich gefunden Kalkgesichter von uaiße Engländer und noch mehr von Engländerinnen sehr pretty, ja, sehr schön! – Und dann hab' ich geflucht dem großen Negergeist, der Sudanvolk hat schwarz angestrichen, und ich habe beschlossen, daß ich muß werden uaiß.« – »Sie haben beschlossen, weiß zu werden? Ja, das wird Ihnen wenig helfen!« – »Was? Dokter, wissen Sie nicht, daß wir haben was in unser Kopf, das alles kann ändern?!« – »Was haben wir in unserem Kopfe?« – »Wir haben etwas, das alles kann machen, wie es will!« – »Das versteh' ich nicht; was soll das heißen?« – » Well, wenn schwarze, häßliche Sudanvolk hat so was in sein Hirn, dann muß Engländer und Deutsche auch haben?« – »Ja, wir haben doch keinen Farbtopf, der alles anstreicht, wie wir wollen?!« – »Nix Farbtopf! Nix falsche Farb, echte Farb!« – »Ja, und was war das Resultat Ihrer Anstrengung?« » Well, Dokter, nachdem ich ßuai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem Wasserblock und hab' hineingeschaut, und hab' mir gesagt: Poppy, du mußt uaiß werden, und hab' fast nichts mehr gegessen, und nicht mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, daß ich konnt' nicht mehr dancing und singing, und Master hat mich weggeschickt, und ich bin ganze Nächte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasserblock zum Hineinschauen, weil nachts alle sind verschlossen, und bin dann zum Fluß gelaufen, und habe hineingeschaut eine Stunden, ßuai Stunden, ganze Nacht, endlich, Dokter, nach ßuai Monate, nachdem ich uar wie ein Hund, konnt' nicht mehr reden, nicht schlucken, aber immer war in mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschöne uaiße Negerbild...« – »Nun?« fragte ich voller Erwartung. – » Well, Doktor, nach ßuai Monat, eines Tages, plötzlich, it was a wonderful sight! – ich bin geworden uaiß...« – »Weise oder weiß?« – » Well, eine Morgen, in Lancasterstreet, wie ich schaue in Wasserblock, ich bin gehabt, oh, ich habe gehabt uaiße Farb, wunderschöne uaiße Gesicht, oh, I tell you, Dokter, ich uar schönste Mann in Liverpool, und alle Leute haben mich angeschaut. Und ich bin gegangen zu main Master und hab' gesagt, ich kann wieder dancing und singing. Aber der hat mich auf Schiff geschickt nach Hamburg...«

In diesem Moment fuhr draußen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich hörte zwei Männer eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede meines Besuchers starr geworden. Das Geräusch des Wagens hatte, wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch glühend und zitternd von der Aufregung seiner Erzählung stand der Neger erwartungsvoll vor mir, das Blutrot seines Gesichtes hatte seiner schwarzen Farbe die Mischung von Bronze geliehen. Die weißen Augen waren gespannt und erwartungsvoll auf mich gerichtet. Aber gleichzeitig zeigte mir sein beschleunigter Atem und die furchtsamen Kopfwendungen nach der Tür, daß er irgendwelche Gefahr witterte. Inzwischen hörte ich draußen an dem Gesumme und Gemurmel an der Haustür, daß etwas Außerordentliches vorgegangen sein müsse. Auch das Sprechzimmer nebenan kam in Unruhe. Vielleicht hatte man einen plötzlich Verunglückten gebracht. – »Ja, womit kann ich Ihnen nun dienen?« fragte ich jetzt mit der größten Ruhe mein Gegenüber. – » Well, Dokter, ich bitte Sie um ain Zeugniß, daß ich bin uaiß! – Die schwarzen Teufel, die mich...« Ich konnte den Rest seiner Rede nicht hören, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: »Ja, mein lieber Freund, Sie sind aber schwarz; Sie sind schwarz wie ein Sudann–« In diesem Moment fühlte ich mir die Kehle zugeschnürt und hörte einen Schrei ausstoßen, wie ihn vielleicht die Hyäne hervorbringt. Vor meinen Augen tauchte das lechzende, blutrünstige Gesicht des Negers mit vorgetriebenen, weißen Augäpfeln und heißem Atem auf. Ich hätte wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Männer, beide im gleichen gestreiften Drilchanzug, ins Zimmer gestürzt, von denen der eine zum anderen sagte: »Da ist er!« – Bei ihrem Anblick ließ der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war und mich zu erdrosseln begann, mich los und stürzte sich mit den Worten: »Da sind sie, die schwarzen Teufel!« auf sie. Es entstand ein fürchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformierten Leuten, in denen ich Irrenhauswärter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen. Die Gold- und Silberstücke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt in der Luft schwebte, zerstreut da und dort auf den Boden. Er schrie immer und immer wieder: »Dokter, helfen Sie mich gegen die schwarzen Teufel!« Dabei waren seine Augen derart aus ihren Höhlen getreten, daß sie das ganze wutschäumende Gesicht wie mit einem weißen Schimmer überzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder fürchterlich zu schreien angefangen, und bleich und entsetzt stand an der weitoffenen Zimmertür mein Aufwartemädchen. – Endlich wurde der Neger überwältigt und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weißen Blick zu. Dann ward er gepackt, hinausgetragen, in den Wagen geschoben, und hui – hast du nicht gesehen – fort ging's ins Irrenhaus.








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