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Eine Mutter

Augusta de Wit: Eine Mutter - Kapitel 1
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authorAugusta de Wit
titleEine Mutter
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt Hermann Ehbock
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
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I.

Das Dorf ist arm.

In den niedrigen, mit Stroh gedeckten Häuschen, die, schwärzlich vor Alter, in kleinen Häufchen zusammengekrochen, hier und dort zwischen spärlichen Äckern liegen, wohnt ein dürftiges Volk von Tagelöhnern mit blassen Gesichtern, die das Elend scharf und spitz gemacht. Viel Weber und Spinnerinnen sind darunter. In den kleinen Fabriken des Dorfes weben die Männer mit der Hand grobe Teppiche und Kuhdecken auf Webstühlen von einer Bauart, die man anderweitig bereits seit mehr als hundert Jahren vergessen hat. Die Frauen verspinnen daheim den rauhen Werg zu Garn. Tagaus tagein sitzen sie am Rade hinter dem runden Spinnfensterchen, das ein wenig Licht nur einläßt in das düstere Hinterhaus, welches zugleich als Arbeitsraum, Vorratsscheune, Rumpelkammer und Stall für die Ziege und die Hühner dient. Von ihrer ersten Kindheit an helfen die Kleinen mit, die Mädchen beim Spinnen, die Knaben beim Aufspulen des Garnes und der Wolle. Viele der Feldarbeiter, zumal die älteren, versuchen sich während der Winterszeit durch Weben einen kleinen Nebenverdienst zu verschaffen.

Die Felder, in die der Pflüger, träge hinter dem mit hängendem Kopf stapfenden Pferde einhergehend, die Pflugschar untief nur einsteckt, haben einen weißlichen Schein von dem Sand, der den Untergrund dieser ganzen Gegend bildet und der durch die dünne Schicht des Ackerbodens hindurch stets wieder zum Vorschein kommt zwischen spärlichen Roggen- und Haferhalmen und üppig ausgebreitetem Kartoffellaub.

Nach Süden, Osten und Westen hin erstreckt sich stundenweit die Heide, auf der zwischen sanften Bodenwellen Sandgruben mattgelb aus dem Braun hervorschimmern und wo ein verlorenes, blankstämmiges Birkenwäldchen in einer Wolke graugrünen Laubes steht.

Im Norden senkt sich der Boden nach der Zuiderzee zu, und hier wird alles anders.

Ein meilenbreiter Streifen klargrünen Landes, Weide und Polder, fett von dem Schlamm der winterlichen Überschwemmungen, erstreckt sich bis in unabsehbare Fernen in langen Windungen am Meer entlang, Landzunge neben Bucht, und von der einen zur andern kommen Kirchtürme in Sicht und rotdachige Dörfer, und mitten darinnen die Flotten der Fischerboote, die an Baumgärten vorüber segeln und an hohen Deichen, wo vom Seewind gekrümmte Bäume sich fein vom Himmel abheben.

Zu Hunderten grast während des Sommers das Vieh in diesen Wiesen, die das gemeinschaftliche Eigentum von einem Dutzend Dörfern bilden; vom hohen Winterdeich herab sind die weißbunten und roten Tiere zu sehen, unzählbar bis in weite Fernen. In den Poldern steht im Juni das Gras so hoch, daß die Mäher bis an die Hüften hineinsinken; und im Spätsommer hat dann das Vieh der reichen Bauern, das die Weiden abgegrast, an dem üppigen Grummet bis zur Winterszeit genug.

Was diese Gegend an Kraft und Überfluß besitzt, das kommt von hier, von der See, aus dem Polder und aus der Allmend mit jährlichen Gezeiten, die bis weit in das dürre Heideland hineinströmen.

Gleich wie im Winter die Zuiderzee mit starker Flut aufsteigt und über Umzäunungen und Deiche hinweg die Ebene überströmt, so steigt im Sommer das Gras aus dem befruchteten Boden; den Herden entgegen wächst es bis zur Erntehöhe und füllt Ställe und Scheunen vollauf.

Aus dem milden Seegezeit kommt das milde Grasgezeit, aus dem grauen Wasser der grüne Pflanzensaft, die wimmelnde Buntheit der Blumen, die Üppigkeit, der Honig, all der Reichtum, der, durch die Hunderte behaglich weidender Tiere mit ihren wiegenden Eutern hindurchgeseiht, als süße Milch zum Vorschein kommt, und der, auf Wagen heimgefahren, die Wärme und die Üppigkeit des Sommers in den Tennen der Bauernhäuser aufgespeichert hält.

Die reichen Polderdörfer, Inner-Enkum und Außer-Enkum, Kloosterhuizen, Wymenes, Valkenswaard, fangen von dieser Sommerflut am meisten auf: das läßt sich wohl schon erkennen an den weiten Gehöften mit den großen schimmernden Fenstern, die sich, eines neben dem anderen, an dem langen, schmalen Wege am Winterdeich hinziehen, und an den gesunden Vollmondsgesichtern des Bauernvolkes und an seiner hochmütigen Haltung.

Allein, ein Teil des Reichtums gelangt doch auch bis in das Heidedorf, und mit den wenigen wohlhabenden Bauern bekommen auch die Kätner, die Weber und Spinnerinnen und die Landarbeiter von Holthum etwas davon ab.

Ein aus alten Zeiten stammendes und eifersüchtig gehandhabtes Gesetz erkennt den von Geschlecht zu Geschlecht im Dorf Eingesessenen das Recht zu, ihr Vieh gegen ein geringes Entgelt in der Allmend weiden zu lassen. Und wenn die reichen Polderlandpächter an die Heuernte gehen, so ist das für das ganze Dorf eine gute Zeit.

Die Fabrikbesitzer lassen die Webstühle stillstehen und schicken die Knechte in das Heuland: die Bauern nehmen Tagelöhner in Dienst, es gehen Frauen und Mädchen mit, die sonst nicht zum Hause hinaus kommen. Während einiger Wochen hat alles frische Luft und Sonnenschein, Fröhlichkeit, einen guten Lohn für die schwere Arbeit und sättigende Mahlzeiten. Die Gesichter bräunen sich, die Augen werden klar. Als Nachfeier kommt dann die Kirchweih.

Dann aber ist alsbald schon, gleich wie im Winter das Meer von den Dünenrücken und den Anhöhen abfließt, die Flut der Wohlfahrt wieder aus dem Dasein der Armen verschwunden.

Die Weber setzen sich von Neuem an ihren Webstuhl, die Frauen drehen ihr Rad; bis in den späten Abend hinein schwanken ihre Schatten hinter den rötlich durchschimmerten Fenstern. Und aus den Gesichtern weicht mählich die Farbe, und die Fülle schrumpft zusammen bis sich wiederum die bleichen, hageren Weber- und Spinnerinnengestalten der übrigen elf Monate des Jahres zeigen.

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