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Eine Mondgeschichte

Oskar Panizza: Eine Mondgeschichte - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEine Mondgeschichte
authorOskar Panizza
year1995
publisherMerlin Verlag
addressGifkendorf
isbn3-926112-49-2
titleEine Mondgeschichte
pages3-100
created20010720
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Oskar Panizza

Eine Mondgeschichte

Erzählung

There are many attempts made by poetical authors
to teach the moon from their writingdesk.
E. Poe

Zu meiner Zeit war es bei Studenten noch nicht Sitte, an einer oder höchstens zwei Universitäten zu studieren, die noch dazu beide im Inlande gelegen sein mußten: wir zogen über die ganze gebildete Welt; waren heute in Prag und morgen in Paris. Und so war es Leyden, wo mir die Geschichte, die ich in den folgenden Blättern erzählen will, passiert ist. – Sollte jemand zu dem Schluß kommen, daß ich bei solcher Freizügigkeit im Besitz besonderer Mittel gewesen, so wäre das ein großer Irrtum; denn ich war blutarm: und diese Armut war es, die mir zu der folgenden Geschichte verhalf. – Oder sollte jemand zu der Meinung gelangen, solches Eilen von Hochschule zu Hochschule müßte mit großem Fleiß vergemeinschaftlich gewesen sein, so wäre dies abermals ein Irrtum; denn ich war faul; und diese Faulheit war es, die mich das folgende merkwürdige Ereignis erleben ließ.

Ich will die Vorgeschichte kurz machen: Ich war Mediziner und wohnte in Kost und Logis bei einer Frau, die zu meinem Unglück das Gegenteil aller übrigen Holländerinnen war. Sind diese dick, gutmütig und behäbig, so war sie mager, scharfsichtig und von teuflischer Flinkheit; an ihrem Leib hielt kein Korsett; die Haube saß stets schief auf einem verwirrten Kopf; wie zwei Basilisken fuhren die kleinen schwarzen Äuglein in ihrem mageren, gelbfaltigen Gesicht umher; ihre Zähne waren so lang, daß sie wie Spieße aus dem Munde starrten; – kam ich nach Hause, so wurde ich von einer Flut von Schimpfworten übergossen; durch eine mir nie bekannt gewordene Methode war sie stets aufs Genauste unterrichtet, wie ich meine Zeit außer ihrem Hause verbracht hatte: zufrieden war sie nur, wenn ich über meinen Büchern saß und studierte; da dies leider selten der Fall war, so lebten wir in ewigem Zank und Streit; schon nach wenigen Monaten kam ich infolge von Geldverlegenheiten ganz in die Gewalt dieser Frau; ich muß zu ihrer Ehre konstatieren, daß sie meine Notlage nur dazu benutzte, um mich zum Studieren zu nötigen: hätte ich ausgehalten, ich hätte zweifellos ein glänzendes Examen gemacht: daß dies nicht geschah, daran trugen mannigfaltige Umstände die Schuld: nicht zum letzten die Furcht, mich nach einem begangenen Exzeß wieder zu Hause zu stellen.

Der stärkste dieser Exzesse schloß sich an ein seltsames Erlebnis in der Anatomie an, nach welchem ich mich acht Tage lang mit einigen meiner schlimmsten Kameraden von Wirtshaus zu Wirtshaus trieb. Als ich am letzten dieser Tage – es war an einem Samstag – einigermaßen zu Vernunft gekommen, fehlte mir der Mut, nach Hause zu gehen: wie ein Hund, der weiß, er kriegt Schläge, lief ich hinaus auf's Feld, um zu überlegen, was zu tun sei. – Wir waren um November. Es war schon dämmrig geworden, und naß und schwer, wie eine feuchte Melone, stieg der Mond am Horizont empor. Es war Vollmond. Ich setzte mich an einem Anger und überließ mich, während ich in's Weite schaute, meinem Nachdenken. – Wie sonderbar, sagte ich zu mir, daß die Studenten von Hause weit fortgehen, in eine neblige, große Stadt, und dort von einem alten, dürren Weib mit langen Zähnen mehr erzogen werden und ganz neue Grundsätze annehmen, als zu Hause von ihrer Mutter! – Während ich so dachte, schien mir, als ob sich am Mond etwas bewegt hätte; ich blickte genau hin, konnte aber nichts entdecken. – Wie sonderbar, fuhr ich fort zu denken, ist ein solcher Student; bevor er seine deutsche Heimat verläßt, küßt er ein blondes Mädchen und sagt zu ihr: »Kind, wenn ich Doktor geworden bin, dann komme ich und heirate Dich!« – Dann zieht er fort in die große, nördliche Universitätsstadt und geht dort auf die Anatomie und zerschneidet tote Körper; eines Tages bekommt er eine weibliche Leiche mit blonden Haaren, und als er im Begriff ist, das Messer anzusetzen, bemerkt er, wie dieselbe seiner blonden Braut im deutschen Städtchen zum Erschrecken ähnlich sieht. Er verläßt sofort seinen Platz und stürzt zum Saal hinaus: dann packt er sein Anatomie-Besteck zusammen, und geht fort, und säuft sich acht Tage lang toll und voll, nur um diesen schrecklichen Gedanken zu vergessen!... Während ich so dachte, schien sich mir wiederum etwas auf dem Mond bewegt zu haben; diesmal viel deutlicher; ich schaute genau hin, konnte mich aber nicht überzeugen; ich beschloß, den Mond jetzt genau im Aug' zu behalten. – Ein solcher Student, fuhr ich in meinem Denken weiter, ist von diesem Moment an ein armer, bejammernswerter Mensch; sein Hauptaugenmerk ist, einen bestimmten Gedanken, eine bestimmte Erinnerung, von seinem Hirn fern zu halten; inzwischen hält man ihn für einen Trunkenbold, Spieler, Schürzengaffer, und ein dürres Weib mit langen Zähnen und triefiger Nase hackt immer auf ihn ein, schilt ihn einen verkommenen Kerl, und droht ihn zum Haus hinauszuwerfen. »Herr Gott!« rief ich jetzt laut weinend aus, »ist es zu verwundern, wenn ein solcher Student mit dem Teufel anbinden möchte, oder einem der altheidnischen Götter sich verschreibt, oder in eine geheime, gotteslästerliche Verbindung mit Sonne oder Mond tritt?!« – In diesem Augenblick geschah bestimmt eine Bewegung auf dem Mond; diesmal war es keine Täuschung, denn die Bewegung hielt an; ich fiel wie vom Blitz getroffen nach vorwärts auf die Hände und starrte mit verrenktem Kopf den Mond an; alle meine früheren Bekümmernisse waren in diesem Moment vergessen.

Welcher Art die Bewegung auf dem Mond war, fällt mir schwer zu beschreiben. Es schien, als hätte die Mondscheibe ihren Platz verlassen, und an ihrer Stelle bliebe ein düsterer, schwarzer Fleck am Himmel; indessen die glänzende Kugel mehr und mehr herabzusinken schien; und indem ich nun von dem näher und näher rückenden Mondball auf die Erde herabmaß, um beiläufig jene Stelle zu finden, auf der, sollte das Unglaubliche geschehen, unser Erden-Trabant landen mußte, entdeckte ich zwei glitzernde Linien, dünn wie Telegraphendrähte, aber funkelnd wie Morgentau, die, vom Mond ausgehend, zur Erde herabreichten, deren irdisches Ende aber zunächst meinem Augenmerk sich entzog. Während ich so mit verhaltenem Atem diese Reihe von Erscheinungen verfolgte, bemerkte ich, daß die zwei hellen Linien, die ich lieber für Schnüre gehalten hätte und die, nach meinem irdischen Maßstab gemessen, etwa anderthalb Fuß auseinanderstanden, durch Querleisten verbunden waren, und wie zu meinem größten Schrecken an diesen Querleisten ein zappelndes gelbes Geschöpf, wie an einer Strickleiter, mit großer Emsigkeit sich herabbewegte, und mit so dünnen Beinen, daß ich, auf die unendliche Entfernung, den Eindruck erhielt, eine gelbe Heuschrecke bewege sich mit großer Leichtigkeit und in scharniermäßigem Einerlei zur Erde herab, den Mond wie einen leichten, lustigen Ballon nach sich ziehend. – Es ist mir ganz unmöglich, anzugeben, wie lange diese Steig-Arbeit dauerte; ich bemerkte nur, daß es vollständig Nacht war und das summende Geräusch aus der nahen, bis tief in die Nacht hinein belebten Stadt vollständig erloschen war, als keine dreihundert Schritt von mir ein langer gelber Mann zur Erde stieg, der hinter sich an einer Schnur den Mond nach sich zog. Obwohl ich die ersten Bewegungen an unserem Himmelskörper mit der größten Spannung, ja mit Schrecken wahrgenommen, ließ mich das endliche fabelhafte Resultat relativ unberührt; ich schließe daraus, daß das Niedersteigen Stunden gewährt haben muß, um einen derartigen unerhörten Akt durch die fortwährende Beobachtung schließlich in seinem Einfluß auf mein Gemüt wirkungslos zu machen. – Der lange gelbe Mann, der, nebenbei gesagt, schrecklich mager war, schien mit etwas nicht zufrieden zu sein; er war auf einem Stoppelfeld, und suchte auf dem Boden herum, dabei fortwährend den Mond hinter sich drein ziehend, und begab sich endlich auf ein frisches Winter-Saatfeld, das, – Gott sei Dank! – nicht in meiner Richtung lag. Dort band er den Mond, der wohl eine Neigung nach oben zu steigen besaß, an einen Pflock fest, holte aus seinem kittgelben Anzug, mir unbegreiflich wie, eine Schaufel hervor, und begann zu graben. – Der Leser wird wohl mit mir der Ansicht sein, daß weit wichtiger, als dieser nächtliche Totengräber, der Mond nun selbst für uns sein müsse, der hier vermutlich begraben werden sollte, und daß mit ihm die nächsten Mitteilungen notwendigerweise sich beschäftigen müssen; der lange gelbe Mann konnte ein Bauer sein, der sich gelb trug, und von der nächsten Anhöhe, vom vollen Mondeslicht begossen, herabsteigend, den Eindruck erwecken, er komme vom Himmel herunter; aber der Mond auf einem frischen Saatfeld, wie ein Kalb an einem Pflock angebunden, verlangt doch eine Erklärung oder mindestens eine genauere Beschreibung. Aber gerade hier beginnt für mich die Schwierigkeit, und der Leser wird in der Lage sein, diese Schwierigkeit voll zu bemessen, wenn ich ihm sage, daß es mir manchmal vorkam, der Vollmond sei noch oben am Himmel an seinem Platz, und erst, wenn ich den Strick betrachte, der vor mir deutlich am Pflocke einschnitt, zog ich an ihm sozusagen den Himmelskörper zur Erde nieder. Über seine Größe kann ich soviel angeben: er war wohl sechsmal so groß, als man den Vollmond bei klarem Himmel über sich im Zenith sieht: aber freilich, bei dunstigem, feuchten Wetter, und gegen den Horizont geneigt, sieht der Mond immer größer aus; die gelbe Kugel, die über dem Saatfeld schwebte, war gewiß so groß, wie der größte Kürbis, der mir vorgekommen: aber vielleicht reduziere ich meine Angabe, wenn ich sage, daß derjenige, welcher die bekannten runden holländischen Käse gesehen hat, groß wie ein Zwanzig-Pfünder, die außen prächtig rosa angestrichen sind, sich am besten eine Vorstellung von dem Umfang des hier so plötzlich vom Himmel genommenen Vollmondes machen wird.

Um mich von der Leuchtkraft dieses merkwürdigen Körpers zu überzeugen, kam mir die Idee, mich umzudrehen und die Landschaft zu betrachten, wie weit sie erhellt sei: aber ich konnte nicht: mir fehlte die Courage ebenso wie die physische Kraft; wie fasziniert glotzte ich in den glühenden Ball, so daß ich zuletzt über den Helligkeitsgrad nicht mehr urteilen konnte, aber soviel glaubte ich zu erkennen, daß durch Zusammensickern der ganze Körper an Ausdehnung allmählich abnahm, ebenso wie er schwerer wurde und dem Erdboden sich zu nähern schien. – Inzwischen hatte der Mondmann, – so will ich von jetzt an der Kürze halber den merkwürdigen Menschen nennen, – hatte der Mondmann, wie ich aus der Menge der herausgeworfenen Erde schließen konnte, ein ziemlich tiefes Loch gegraben; er war von Zeit zu Zeit hineingesprungen, und maß am eigenen Körper die Tiefe des Loches ab; später blieb er dann in der Grube und schaufelte drinnen weiter, und zuletzt verschwand er für meinen Standpunkt vollständig in derselben, während keuchend eine Schaufel Erde nach der andern herausfuhr, und dabei jedesmal eine silberglänzende Zipfelmütze auf einen Moment sichtbar wurde. – Soviel war sicher, dieser gelbe Bauer, mochte er sein, wer er wolle, ein Schatz- oder Totengräber, verrichtete dieses Geschäft nicht zum erstenmal: dafür war er zu alt, arbeitete zu sicher, und war nie verlegen für das, was kommen sollte; in seinem Gesicht, welches ich genau beobachtete, wenn er, bis zum Hals in der Grube stehend, wie ein glühender Plumpudding über das Land hinschaute, lag etwas Grämliches, wie von einem alten Weib; er sah aus wie ein Arbeiter, ein Tagelöhner, der viel verdient, aber über die Art seiner Arbeit ungehalten ist, daneben schrecklich spart und knauserig ist; das Gesicht war kittegelb, wie man es bei alten, leberkranken Bauern wohl findet, rasiert, mager, und in dem vorstehenden Kinn und den dünnen Lippen lag noch ein abgefeimter Zug wie bei einem Unterhändler, der Hopfen oder Hafer verkauft; das Haar vollständig ergraut. – Er sprang jetzt, nachdem die Schaufel vorausgeflogen war, aus der Grube heraus, indem er sich mit beiden Händen aufstemmte und dann ächzend den ausgemergelten Körper zwischen den Armen nachzog; trotz aller Gewandtheit für den alten Mann eine brave Leistung. Und nun ergriff er den inzwischen noch weiter zusammengesinterten Mond-Kloß und schleuderte ihn mit einer einzigen heftigen Bewegung, daß es zischte, in die Grube; ich glaubte dabei gehört zu haben, wie seinem Mund die Worte entfuhren: »Hund, elendiger!« Dann ergriff er rasch die Schaufel und scharrte alles zu. Aber schon während dieser Arbeit kam es mir vor, als wenn der Mondmann an Lichtschimmer immer mehr abnahm; seine Figur, die sich zuerst wie eine glänzende Silhouette vom Boden abgehoben hatte, wurde immer düsterer und matter, sah allmählich nur noch wie ein Gipsmann aus, dann wie ein schmutziger Müllerbursche, und zuletzt, als das Grab zugeschaufelt war, erkannte ich knapp einen Menschen, der, wie mir schien, einen dunklen Mantel umgehängt, und eine rabenschwarze Zipfelmütze auf dem Kopf, den Weg in der Richtung nach der Stadt einschlug, und zuletzt vollständig meinen Blicken entschwand. –

Erst nach geraumer Zeit wagte ich mich aus meinem Versteck hervor; ich ging vorsichtig in der jetzt stockfinstern Nacht auf die Stelle zu, wo der seltsame Mann so lange gearbeitet hatte, und entdeckte ein frisch zugeschüttetes Grab, aus dessen Tiefe ein merkwürdiges Geräusch zu kommen schien. Ich legte mich, aus Vorsicht, ein fremdes geheimnisvolles Werk zu stören, so der ganzen Länge nach neben das Grab, daß ich den frischen Hügel wie ein Kopfkissen benützte, und hörte, indem ich das eine Ohr auf die feuchte Erdmasse aufdrückte, ein Brausen, Zischen, Zerplatzen und Auseinander-Puffen wie von einem heftig sich entladenden Feuerwerkskörper. – Ich kam wieder auf meinen vorigen Gedankengang zurück, der sich bestrebte, alles auf natürliche Weise zu erklären: Nehmen wir an, sagte ich zu mir, der Mann ist wirklich ein Bauer, ein verspäteter Hopfenhändler vom nahen D'decke Bosh, der morgen auf den Markttag nach Leyden geht: geben wir zu, daß ein fast ganz in safrangelbes Leder gekleideter Hopfenhändler und mit einem Gesicht, das nach überstandenem Gallenfieber eine schmutziggelbe Färbung angenommen hat, in voller Mondbeleuchtung einen bläulich-fantastischen Anblick gewährt, und einen mit der Mischung von Safran-Gelb und feuchtem Mondlicht-Grün Unerfahrenen zu täuschen geeignet ist, so bleibt doch immer noch die Frage: was kann ein holländischer Hopfen-Bauer mitten in der Nacht auf einem Feld zwischen Leyden und D'decke Bosh vor einem Markttag vergraben wollen? – Den Mond? – Ja, Du lieber Himmel, kann man denn den Mond vergraben?! – Aber, es schien doch so! – Freilich schien es so, aber es ist doch ein Unding! Wie käm' denn ein Bauer zu einem Mond? – Dann war also alles Täuschung! – Nein, das war es nicht; aber man muß nach etwas suchen, was der Bauer möglichenfalls oder vernünftigerweise vergraben haben konnte; einen Haushaltungsgegenstand oder dergleichen – Vergräbt man denn Haushaltungsgegenstände?! – Nein, aber es konnte irgend ein Aberglaube sein, der sich auf ein rundes, glänzendes Objekt bezog. – Was konnte denn das für ein Aberglaube sein, der sich auf ein rundes, glänzendes Objekt bezog? – entgegnete ich immer mir selber. – Nun, der Bauer konnte ein krankes Weib haben, mit einer entzündeten Brust, oder einem aufgeriebenen Popo; – nun, und? – und eine alte Wahrsagerin im Dorf gebot ihm einen runden Gegenstand genau nach dem kranken Körperteil zu formen, und denselben unter bestimmten Verhaltungsmaßregeln mitten in der Nacht da und dort zu vergraben: wenn der Gegenstand verfault oder vertrocknet, werde das Glied wieder hergestellt sein; – zugegeben! Weiter! – und der Bauer nahm irgend einen runden Gegenstand, der ihm zunächst lag. – Zum Beispiel? – Einen Kürbis oder Potschamber, – und der Bauer, um sicher zu sein, daß das Objekt rascher zerstört werde, füllt die Höhlung mit irgend etwas, Phosphorbrocken, Kalk oder glühenden Kohlen, und geht mitten in der Nacht mit einer Schaufel aufs Feld... »Gott! welche Verirrung!« rief ich halblaut gegen mich selbst aus, und stand vom Boden auf, um durch Bewegung auf andere Gedanken zu kommen: unwillkürlich blickte ich gen Himmel: der Mond war fort! – Eine sternenhelle Nacht, – die Nebel hatten sich gesenkt, – keine Wolke am ganzen Himmel, – und der Vollmond war fort! – Ich kehrte zum Grab zurück.

»Sollte,« sagte ich zu mir selbst, »hier ein unerhörtes, weltgewaltiges und tragisches Werk vorliegen, welches mir allein vergönnt war zu beobachten, und das ich armer, kleiner Erdenwicht mit meinen Gedanken nicht zu umspannen vermag? Ich wollte mich aufs neue hinlegen, um das in der Tiefe schwächer und schwächer werdende Brodeln und Zischen weiterhin zu erlauschen, als ich in nächster Nähe die schwarze Silhouette des Totengräbers auf mich zutreten sah. Ich warf mich etwa zehn Schritte von dem Erdhügel rasch zu Boden; jeder Gedanke an den holländischen Bauer von D'decke Bosh war jetzt verschwunden; ich fühlte, ich stehe hier einer unheimlichen, übermächtigen Persönlichkeit gegenüber; ich war zum Glück nicht bemerkt worden; der geheimnisvolle Mensch kam langsamen Schrittes und hörbar keuchend heran, ging mehrere Male um das Grab herum, schüttelte wie unzufrieden den Kopf, schien nicht alles in Ordnung zu finden, schnüffelte dann in die Luft hinaus, wie um sich zu orientieren, ging einige Schritte auf und ab, sah sich überall in der Dunkelheit um, und kehrte endlich zum Grab zurück, um sich tief hinabzubücken und seine ziemlich lange und scharfe Nase, so weit es ging, wie ein Spürhund in das frische Erdreich zu vergraben. In dieser Positur sah ich, daß er unter seinem schwarzen, havelockartigen Mantel einen großen, dunklen Sack, der mit irgend etwas vollgefüllt war, trug, – ein Gepäck, von dem ich sicher wußte, daß er es vorher nicht hatte, und wenn ich mich an das vorherige Keuchen erinnerte, so war es klar, daß er diese Last von irgendwo her herbeigeschleppt haben mußte. Aber woher? Säcke von dieser Güte findet man doch nicht auf dem bloßen Feld! Er muß ihn also in der Stadt geholt haben. – Welchen Verkehr kann dieser seltsame Mann mit der Universitätstadt Leyden haben? – frug ich mich. – Mit wem? – Wird diese lange Hopfenstange unter den hellen Laternen der Lammer Straat ihren gleichen phosphoreszierenden Aspekt annehmen wie unter dem Vollmond? Und dann denke man sich diesen bläulich-glühenden Menschen in einen Laden treten und um zwei Kreuzer Kautabak verlangen! – Dabei zeigten aber seine Bewegungen eine Sicherheit und Regelmäßigkeit, die den Gedanken nahe legten, er habe diesen Weg und all' diese Verrichtungen nicht das erstemal gemacht. – Hat man denn, – frug ich mich, – jemals in Leyden von dem Erscheinen eines solchen seltsamen Gesellen gehört? – Freilich, – beruhigte ich mich, – der Mondmann, wenn er es war, brauchte ja nicht immer auf dem Feld zwischen D'decke Bosh und Leyden abzusteigen. Er brauchte überhaupt nicht in Holland niederzusteigen. – Der schwarze Mensch erhob sich jetzt wieder, und er schien mit dem Resultat seiner Prüfung zufrieden zu sein. Denn er verließ das Grab, machte einige Schritte in das Feld hinaus, griff in die Luft und erfaßte eine mir bis dahin unsichtbar gebliebene Strickleiter von rußigem Ansehen, an der er hinaufzusteigen begann.

In diesem Augenblick packte mich eine furchtbare Angst. Nicht wegen des Mannes, nicht wegen der ganzen Episode, die mir ein Rätsel bleiben sollte, wenn der Mann wieder ging, woher er gekommen; sondern wegen eines Gedankens, der mich in dem Moment erfaßt hatte, als der rätselhafte Mensch den einen Fuß vom Erdboden erhoben und in die Strickleiter gesetzt hatte; der Gedanke: Steig ihm nach! Ich wußte, die Entscheidung, wie sie auch ausfallen möge, werde, unabhängig von meinem sogenannten Ich, aus einem tieferen Grund heraufkommen, und ich, meine Person, werde der willenlose Zuschauer sein. Die Unsicherheit, wenn auch nur für wenige Sekunden, was geschehen werde, und wie die Entscheidung ausfallen werde, erdrückte mich fast vor Angst. Doch schneller, als ich dies niederzuschreiben vermag, und schneller, als der Leser folgt, gingen die Ereignisse vor sich. Der schwarze Grabschaufler mit seinem Sack stand bereits auf der fünfzehnten oder zwanzigsten Sprosse, hoch über meinem Kopf. Straff spannte sich die Leiter vor ihm in die Höhe, um sich in der Richtung, wo der Vollmond gestanden war, in's Unendliche zu verlieren. Unter ihm schwankte die Leiter lose hin und her, da und dort am Erdboden aufstreifend; ich sehe noch heute deutlich das Ende vor mir; es war etwas ausgefranst und schien von gutem, hanfenem Stoff; jetzt schwankte es dorthinüber; nun kam es schlenkernd zu mir zurück. Und, was jetzt von meiner Seite erfolgte, war, ich wiederhole es, nicht der Wille eines klar erwägenden Menschen, sondern Zwangshandlungen eines Instinktwesens: Die beiden Seilenden kamen dicht an mich heran: ich streckte die Hände vor, wie um es zu bewillkommnen: es weicht wieder zurück; wie eine Katze springe ich vor, meine Augen starr auf die Strickenden gerichtet; sie kommen in ihrer Pendelbewegung wieder heran, fahren mir in's Gesicht; meine Hände krallen sich fest; die Leiter durch das hastige Aussteigen des Mannes über mir in immer heftigere Schwankungen gebracht, reißt mich mit sich zurück, mich am Boden hinschleifend: dann wieder vor: meine Kniee und Füße stoßen sich wund: und wiederum zurück: bis sich endlich der linke Fuß auf der untersten Sprosse einstellt. Damit war mein Schicksal besiegelt. Der rechte Fuß folgt mechanisch nach; auf der dritten Sprosse erkenne ich meine Lage und sehe, daß meine Glieder gegen meinen Willen gehandelt haben. Es war zu spät. Ein Abspringen hätte mich zerschmettert; so heftig waren die Pendelbewegungen geworden. Der Mann über mir war viele hundert Meter voraus. Die Leiter war geteert, krästig, leicht zum Anhalten, und sehr bequem zum Emporsteigen gearbeitet. Ich eilte, sobald ich sah, daß an ein Zurückgehen nicht mehr zu denken, rasch empor, um den lästigen Schwankungen meines Partners nicht mehr ausgesetzt zu sein. Ich kam aber nur langsam vorwärts. Ich war wohl eine halbe Stunde gestiegen, als ich sah, daß der schwarze Mann über mir zwei Sprossen auf einmal nahm. Ich nahm nun drei. Ich konnte dies, da ich keinen Ballast zu tragen hatte, während jener seinen Sack mitheben mußte, dessen Dimensionen, wie ich erst jetzt erkannte, ganz ungeheuerliche waren. Aber jener schien an seine Arbeit gewohnt. Ich hatte wahrhaftig weder Zeit noch Lust, mich über das zu orientieren, was unter mir vorging; auch hätte dies der am Boden festklebende Nebel verhindert; ich sah also nichts von Leyden und seinen Lichtern. Wie hoch wir schon waren, merkte ich daraus, daß das Atmen immer schwieriger wurde, sowie, daß unsre Körper immer schwerer wurden. Dies wuchs von Viertelstunde zu Viertelstunde. Zweifellos wurde die Luft immer dünner, und die Gegenstände, des Widerstandes der Luft beraubt, fielen härter und schwerer aufeinander. Das Aufsteigen, welches anfangs fast geräuschlos vor sich ging, wurde immer hörbarer, als wenn die Strickleiter, statt aus beteertem Hanf, aus Eisen gewesen wäre: hart wie Stein fiel die Schuhsohle auf die Leiter. Man war längst auf eine Sprosse pro Schritt zurückgekehrt, und selbst hier zog man oft den rechten Fuß nach, bevor man den andern weiter ausgreifen ließ. Ich war meinem Vorsteiger jetzt so weit nahe gekommen, daß ich sein Schuhwerk genau erkennen konnte; wer hier vielleicht göttliches Sandalenwerk erwartet, der wird sich ebenso gründlich täuschen wie ich, und nie kam mir das mythologische Beiwerk, mit dem die Griechen ihre Himmelsboten ausgestattet haben, lächerlicher vor, als in diesem Augenblick. In einem miserablen, niedergetretenen Schlappen steckte der eine Fuß, welch' letzterer selbst wieder statt mit einem Socken mit sogenannten Fußlappen bekleidet war, wie man es wohl bei Soldaten und Handwerksburschen findet; der andere Fuß war wohl in einer sogenannten Stieflette; diese war aber viel zu groß, der Gummi ausgeweitet, auf der einen Seite klaffend und das Leder so steinhart und brüchig, daß dieses Fußbekleidungsstück höchstens auf einem Felde aufgelesen sein konnte. Auch der Havelock, den der Mondmann trug, war ein höchst defektes, in einem Pfandhaus wohl kaum mehr Annahme findendes Stück, von dem ich am liebsten angenommen hätte, daß er es aus irgend einem Hundsstall herausgezogen, wo es einem langhaarigen Bernhardiner zur Unterlage gedient, so verlegen, zerrissen, befleckt und mit fremden Haaren bedeckt war dieses, wie mir schien, noch immer beste Stück des Mondmanns. Und wenn der Wind ging – und Wind ging, trotzdem die Luft hier schon sehr dünn war, – wenn der Wind ging, dann konnte ich hinauf sehen bis zu seinen Hosenträgern. Der eine Knopf war ausgerissen, und beide Träger am linksseitigen Knopf befestigt: der eine von Gummi, der andere ein gelbliches Band; in dem letzteren war ein künstliches Loch eingeschnitten, und ein etwa acht Zentimeter langes Stück baumelte hinten am Podex herunter.

Ich schreibe dies jetzt alles ruhig nieder; und es sind Beobachtungen, die ich so zu sagen gegen meinen Willen machte; aber der Zustand meiner damaligen Empfindungen war ein schrecklicher; die Frage: Wohin steigen wir? beschäftigte mich nicht mehr; sie war auch nutzlos, da jede Beantwortung fehlte; ein physisches Übel lag mir viel näher: die immer spärlicher werdende Luft; damit die Unmöglichkeit zu atmen; und damit die zu steigen; ich kam mir wie ein Koloß vor, so schwer bewegten sich meine Glieder. Wir waren jetzt wohl an die zwei oder drei Stunden gestiegen. Eine irgendwie genaue Schätzung ist mir in der Erinnerung unmöglich. Eine Art von Beruhigung war es mir, daß der Mondmann noch viel heftiger keuchte, als ich selbst; ich dachte mir: er ist noch weit mehr am Ende seiner Kräfte, und wir sind vielleicht dem Ziel nahe; es war auch ein Glück so; denn wäre mein Schnaufen lauter gewesen, als das seine, so wäre ich entdeckt worden. Er hätte mich unter sich bemerken müssen; er hätte vielleicht ausgeholt und mir einen Fußtritt versetzt, und ich wäre Äonen hinabgestürzt. – Wir stiegen immer zu; fortwährend baumelte mir oberhalb des Kopfes der riesige Sack des Mondmannes, den derselbe über der rechten Schulter befestigt hatte, und durch Hinausrecken des Gesäßes sozusagen auf dem Rücken trug; wenn ich die Oberfläche dieses Sackes betrachtete, so macht es den Eindruck, als wenn runde, kugelartige Körper in demselben enthalten wären; und wenn ich die furchtbare Kraftanstrengung in Erwägung zog, mit der der magere Mondmann arbeitete, so konnte man glauben, die Kugeln wären von Eisen gewesen. Sollte dieser Mensch – sagte ich mir – das Arsenal von Leyden bestohlen haben? Und was tut er mit diesen Kugeln? Wirft er sie später wieder auf die Erde herunter?

Wir stiegen immer zu. – Noch war keine Abnahme der Dunkelheit zu bemerken; es mußte doch bald Tag werden! Stiegen wir auch wohin nur immer, – sagte ich mir, – wir müssen doch unter der Sonne bleiben; wir können doch nicht in ein anderes soläres System eintreten! Wir sind doch nicht in einem Märchen, oder auf dem Theater, wo alle Willkür erlaubt! Um neun Uhr etwa hatte ich Leyden verlassen; ich saß vielleicht zwei Stunden draußen am Anger vor der Stadt; macht elf; Herabsteigen des Mondbauern, von dem Moment an, da ich ihn entdeckte, Grabschaufel-Arbeit, dann Füllen des Sackes in der Stadt bis zur Rückkehr, zusammen sage ein oder anderthalb Stunden, macht zwölf Uhr Nachts, oder halb ein Uhr früh; dann dreistündige gemeinschaftliche Steigerarbeit, – so waren wir gegen halb vier Uhr Morgens. Er mußte also, – Anfang November, – wenn auch nicht Tag werden, doch die Morgendämmerung sich bald geltend machen. – In diesen Moment fiel mein Blick unwillkürlich nach unten, wo wir die Erde zurückgelassen hatten, und ich machte eine Entdeckung, die, so schrecklich sie an und für sich war, mir doch eine gewisse Beruhigung über meine Lage gewährte; tief unter mir, wo die hanfene Leiter sich in weiter Ferne verlor, sah ich eine große, helle, bleiglänzende Fläche; die Nebel waren verschwunden; die weißgraue Fläche konnte kein Nebel sein, dies sah ich aus angrenzenden ganz dunklen Partien, die die hellere und entschieden Licht reflektierende Fläche saumartig einfaßten, und wenn ich mir auch nicht denken konnte, woher hier Licht reflektiert werden sollte, so war der matte grauliche Schimmer doch ein Faktum; kein Zweifel, wir waren über dem Meer; und wenn ich sage, daß ich bei dieser Entdeckung mit Entsetzen an einen Sturz nach abwärts dachte, so wird der Leser dies begreiflich finden; er wird aber auch begreifen, wie diese lokale Orientierung geeignet war, meinen seelischen Halt, der bei dieser luftausgehenden Arbeit zusammenzubrechen drohte, neu zu kräftigen; ich wußte jetzt wenigstens, wo ich war, ich wußte, daß ich mich zwischen Himmel und Erde befand, ich wußte, daß der magere Mensch mit dem dicken Sack zu meinen Häupten kein Gedreidebauer aus D'decke Bosh war, sondern der Mondmann, oder ein Individuum, welches offenbar zu den Mondbewohnern gehörte; ich meine, irgend eine Persönlichkeit, die zum Mond in einem bestimmten Zusammenhang stand, kurz, ein Wesen, welches allem Anschein nach den Mond besteigt, oder doch zu erklimmen im Begriffe steht, oder wenigstens versucht; – soll ich denn wissen, wer der Mensch war?! – Wir stiegen immer zu. Es wurde jetzt sehr empfindlich kalt, obwohl ich mich bei der stundenlangen Anstrengung ziemlich warm gearbeitet hatte. Wir machten jetzt in der Minute höchstens drei Sprossen, und zwischen jeder Sprosse vielleicht zehn Atemzüge; ich hütete mich wohl, meine Distanz von meinem Vormann zu verringern, um in keinem Fall Anlaß zu einer Entdeckung zu geben; ich wollte aber auch um keinen Preis weiter zurückbleiben, da ein Instinkt mir sagte, wenn jemand in dieser Region und auf diesem Weg sich auskennt, so ist es mein Vorsteiger, und ich bin entschlossen, was auch kommen möge, sein Los zu teilen. – Die Luft wurde nun so dünn, daß ihr Widerstand nicht mehr genügte, um das Blut in den oberflächlichen Hautgefäßen zurückzuhalten, und meine Nase fing, anfangs leicht, später heftig zu bluten an. Da ich mit Rücksicht auf meine Steige-Arbeit eine ziemlich aufrechte Haltung beibehalten mußte, so tropfte ich Hemd, Weste und Beinkleider ganz voll, von da fiel ein Teil des Blutes quer durch die Sprossen, ein Teil fiel auf die Stricke; ein Glück! – sagte ich zu mir, – wenn ich umgekehrt, statt unten, oben stiege, und tropfte den Mondbauern auf den blanken Vorderschädel, – welche Situation! und welche Folgen!

Nun kam aber ein Moment, da ging das Steigen nicht mehr. Ich fühlte, ich werde keine Hundert Sprossen mehr machen können; folge dann kein Ruhepunkt, so werden meine Hände gegen meinen Willen das Seil loslassen müssen, und eine Katastrophe werde erfolgen. Zeitweilig stand ich eine ganze Minute keuchend auf einer Sprosse, um Kraft für die nächste zu sammeln; nicht ohne einen gewissen Trost machte ich die Wahrnehmung, daß das Seil, ich will nicht sagen dicker, aber anders gearbeitet sich zeigte; es fühlte sich fester und derber an; wir kommen an einen Halt- oder Wendepunkt, dachte ich. – Um zu sehen, wie es meinem Partner geht, blickte ich nicht ohne Anstrengung nach oben und machte eine überraschende, mich hocherfreuende, freilich auch beängstigende Entdeckung: In allernächster Nähe über mir, vielleicht dreißig Meter entfernt, schwebte eine mächtige schwarze Kugel, wie ein Hohlgehäuse, wie ein riesiger Ballon; auf seine Hohlheit im Innern schloß ich aus den bemerkbaren Schwankungen, die der derzeit schwache Wind an ihm hervorbrachte. Auf der linken Seite des Hauses bemerkte ich einen Laden aus Holz, wie einen Fensterladen, der jedoch geschlossen war. Es kam mir in diesem Augenblicke vor, als sei es etwas heller geworden, und als zeigten auf der linken Seite die einzelnen Umrisse größere Deutlichkeit. Die Morgendämmerung kommt heran, dachte ich mir, und es mag vielleicht gegen fünf Uhr morgens sein. Rechts, wo alles noch im Dunkel lag, hatte das schwebende runde Haus eine Art Tür, eine gieblige Öffnung, wie man sie, zum Aufziehen der Waren von außen, hoch oben im Speicher anbringt; dort an dieser Tür endigte die Strickleiter und dort, in der Öffnung, stand auf beiden Seiten sich anhaltend, in der Finsternis kaum erkennbar, ein altes, robustes Weib mit schmutzigem, zitronengelben Gesicht, und in zerrissener, liederlicher Kleidung, die Ärmel über die fetten Arme bis zum Ellbogen hinaufgestülpt, die nackten Füße in ein Paar Schlappschuhen, eine schmutzige Haube auf dem Kopf, und blickte unverwandt mit einem motzigen Gesichtsausdruck auf den Mondmann. Daß sie sich anhielt, war mir begreiflich; denn durch das Gewicht der Strickleiter und dessen, was auf ihr war, war das hölzerne runde Haus so geneigt, daß die obenerwähnte Tür halb nach unten schaute und das schwere Weib ohne Anhalten hätte herausstürzen können. Nach kurzer Erwägung wurde mir auch klar, daß mein Gewicht auf der Strickleiter, etwas über einen Zentner, und auch das des Mondmannes, eher noch etwas weniger, gar nicht in Betracht kam gegenüber der kolossalen Schwere dieser viele, viele Meilen langen geteerten Strickleiter – wir waren doch jetzt fünfthalb Stunden gestiegen – und gegenüber der Schwere des ungeheuren Sackes. Dieser Sack, nebenbei bemerkt, war es auch, hinter dem ich mich glücklich dem prüfenden Auge der Mondfrau, oder wer dieses Weib sonst war, entziehen, und von wo aus ich einigermaßen die Orientierung über die so plötzlich veränderten Verhältnisse gewinnen konnte. Übrigens war es noch so dunkel, daß es fraglich war, ob mich die dicke Frau überhaupt entdeckt hätte. Mir schien, ihr Blick galt weder mir, noch dem Mondmann, sondern – dem Sack. Denn während der arme Teufel von einem Mondschlepper jetzt keuchend inne hielt, und den mageren Kopf stützesuchend auf eine der Sprossen legte, sodaß der hintere Teil des Sackes weit hinausragte, war das zürnende Auge der oben wartenden Frau scharf vigilierend auf die Umrisse eben dieses Vehikels gerichtet. Gott! dachte ich mir, ich durchschaue schon diese ganze Ehe, wenn eine solche bestand, und der arme, ausgeschundene Mondmann keucht unter dem Joch dieses nervigten Weibsbilds.

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