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Eine kleine Herbstreise im Automobil (1)

Otto Julius Bierbaum: Eine kleine Herbstreise im Automobil (1) - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpubca. 1903
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleEine kleine Herbstreise im Automobil (1)
pages449-461
created20050523
sendergerd.bouillon
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II.
Innsbruck– Bozen – Eppan.

Schloß Englar im Eppan, 7. Nov. 1902.

In Innsbruck hatten, als wir dort waren, eben die welschen Studenten von den deutschen Prügel gekriegt. Nicht aber auf der Mensur mit Schlägern oder Säbeln, sondern auf ganz primitive Manier, mit Fäusten und Spazierstöcken, was man als gemeiner »Finke« Holzkomment nennt, während sich der Leipziger Korpsstudent, führnehm, wie er nun einmal ist, über den Fall so äußern würde: »Die deutschen Studenten haben sich gegen die welschen »in Realavantage« gesetzt.« Ein ordentlicher, braver, wohlerzogener deutscher Korpsstudent tut so etwas nicht – wenn er es aber doch tut, so wird er auf vier Wochen aus dem Korps »gehängt«, muß statt der schönen, bunten Mütze einen ganz gewöhnlichen Filzhut tragen, entbehrt des erzieherischen Einflusses des Frühschoppens, des Renommierbummels, der Kneipe, und wird nur durch den Besuch des Fechtbodens daran erinnert, daß er immerhin noch Beziehungen zur Elite der akademischen Bürger hat. Eine grausame Strafe, aber berechtigt. Denn es ist wirklich nicht sehr nett von einem akademischen Bürger, wenn er einen anderen durchprügelt, ohne Sekundanten und Unparteiischen und ohne genaue Buchführung der »Blutigen«. Denn es muß Ordnung auch in der Keilerei sein, Kultur, Stil, höherer Gesichtspunkt. Warum, so frage ich mich verwundert, haben die Deutschen und Italiäner nicht eine P. P.-Suite ausgepaukt? Es ging ja im eigentlichsten Sinne pro patria?! Als auf den deutschen Universitäten noch die alten Landsmannschaften existierten, die wirklich die Vereinigungen der engeren Landsleute waren, da lieferten sich zuweilen Franken, Schwaben, Rheinländer derartige Schlachten, und aus jener Zeit stammt der Ausdruck: P. P.-Pauken. Aber freilich, man war einander nicht so böse, wie Deutsche und Welsche in Innsbruck, denn man war schließlich eines Blutes, und wenn man sich einander ein bißchen davon abzapfte, so geschah es nicht so sehr um der Feindschaft, als um der Freundschaft willen: Hau her, Bruder, daß ich wieder hinhauen kann! Ein etwas barbarischer Ausdruck gegenseitiger Hochachtung, aber immerhin gemütlich. – Davon ist nun hier leider die Rede nicht. Man ist sich bitter Feind. Keine Spur von Gemütlichkeit und kameradschaftlicher Gesinnung. Man prügelt sich, um einem hohen Senate der Universität und nicht minder einem hohen Ministerium des Unterrichtes ad oculos zu demonstrieren, daß man überhaupt nicht mehr wünscht, einander Kamerad zu sein. Darin sind beide einig, Deutsche und Welsche: daß man auseinander möchte. Das Wort: sich schlagen und sich vertragen, ist hier nicht am Platze, vielmehr schlägt man sich, um es recht deutlich auszudrücken: wir wollen uns nicht vertragen. – Hübsch ist das nicht, aber begreiflich. Eine Universität in Innsbruck kann wohl nicht gut anders als eine deutsche Universität sein, und von italiänischen Studenten kann man es kaum verlangen, daß sie deutsche Studenten werden. Freilich sollte eine jede Universität ein Kosmopolis sein, und akademische Bürger sollten, unbeschadet ihres Volkstums, den Ehrgeiz haben, sich auch als gute Europäer zu fühlen und dementsprechend zu betragen, aber an den Grenzen weht ein scharfer Wind und ein jeder fühlt sich hier auf Vorposten. Die Deutschen haben es nicht vergessen, daß die Italiäner schon mehr als einmal den Anspruch erhoben haben, ihre Grenze bis an den Brenner zu rücken, und man kann es ihnen nicht verdenken, daß sie bei dem Gedanken wild werden. Es handelt sich hier um eines der schönsten Stücke deutscher Erde; diesen köstlichen Zipfel Süden wollen wir Hyperboräer uns nicht abwelschen lassen, wenn wir auch sonst gar nicht zu den Signori-Fressern gehören, vielmehr alles dessen dankbarst eingedenk sind, was wir der großen Mutter europäischer Kultur, der schönen Italia, schuldig sind. Von hier ist uns der holdstarke Vogelweider gekommen, und hier hat der derbtüchtige Wolkensteiner in derselben Sprache gedichtet, die hier noch im Munde der deutschen Bauern lebt. Dies alles, bis hinauf gegen den Gardasee hin, der selber seinen Namen noch aus deutschem Sprachstamme hat, ist deutsch, wenngleich es mehr als eine Nuance von Italien hat. Deutsch und Welsch hat sich zu einer wundervollen Einheit mit deutscher Dominante verschmolzen. Auch die Landschaft drückt dies aus, denn sie hat zwar bereits die große italiänische Linie, aber den deutschen Wald. Wo dieser aufhört, da beginnt Italien. In der Architektur ist der italiänische Einfluß, der Einfluß der älteren und südlicheren Kultur, unverkennbar, aber sie hat dabei die intimsten Züge des Deutschtums, das beim Heimbau aufs deutlichste das zum Ausdruck bringt, wofür es dem Italiäner selbst am Worte fehlt: die Gemütlichkeit. Alle diese Edelsitze und Schlösser haben trotz ihrer italienischen Grundanlage viel mehr von der deutschen Burg als vom italienischen Castello. Erst von Trient an wird das anders. Dorthin würde eine italiänische Universität nicht übel passen, wie sich ja auch das Dante-Denkmal dort nicht übel ausnimmt, das Land Italien mit den Augen suchend, während es das Land Tirol mit der Rückseite begrüßt, die man, da Denkmäler nicht die Gabe haben, sich zu setzen, allerdings nicht die Gesäßseite nennen kann. Es ist ein ziemlich temperamentvolles Monument, dieses Trientiner Dante-Denkmal, und der Gegensatz zwischen den beiden Nationen, die hier in aller Taubentraulichkeit friedlich nebeneinander wohnen würden, wenn es bloß auf die Wünsche einer k. k. Regierung und abgeklärter Freunde des Menschengeschlechtes ankäme, könnte nicht packender ausgedrückt werden, als wenn man es neben das Bozener Walther-Denkmal stellen würde – dos-à-dos natürlich. Der Dante von Trient ganz Grimm und Leidenschaft, der Walther von Bozen ganz Sinnigkeit und Minnigkeit. So stellen die Völker in ihren geistigen Helden gerne sich selber dar nach dem Bilde, das sie sich von sich selber machen, und es kommt dabei weder eine geistige Porträtähnlichkeit der Helden noch der Völker heraus. Die Italiäner haben sich in ihrem Dante von Trient meinem Empfinden nach geschmackvoller geschmeichelt, als die Deutschen mit ihrem Walther von Bozen. So butterweich und zuckersüß sind wir denn doch nicht, selbst dann nicht, wenn wir Lyriker sind, und wir dürfen eigentlich verlangen, daß man, wenn in der südlichsten deutschen Stadt ein Sinnbild deutscher Art errichtet wird in Gestalt eines deutschen Dichters und Rittersmannes, nicht bloß den »Dichter« hervorkehrte, wie ihn sich schmachtsinnige »Mägdlein« vorstellen mögen, sondern auch den streitbaren Ritter und scharfen politischen Streiter, der nebenbei auch ein galanter Mann von Welt und Form gewesen ist, mindestens so graziös wie gefühlvoll.


8. November 1902.

Es ist gewiß eine gewaltige Sache, daß man die großen Schwellen zwischen den Stationen, deren schönste wohl der Brenner ist, gewissermaßen geebnet hat, indem man Schienenwege über sie weg und durch sie hindurch legte; das Eisen, das sonst im Verkehr der Völker vornehmlich die Aufgabe hatte, zu trennen oder zu unterwerfen, erfuhr damit die schönere Anwendung, zu verbinden, freundschaftlich nahe zu bringen. Aber die Kunst der Ingenieure, die dies Erstaunliche leistete, nahm doch auch, indem sie gab. Sie gab Schnelligkeit und nahm Schönheit. Ehe sie ihre Wunder schuf, kroch man langsam über die Berge, aber man fand Zeit dabei, ihre Schönheit zu genießen: von dem Augenblicke an, wo ihr bewundernswertes Werk fertig war, brauste man wie im Sturm über die Berge weg und jagte durch ihr Inneres, aber man sah meistens entweder nichts oder nur vorüberhuschende Bilder. Und dies wenige sah man als Gefangener. Denn auch die Freiheit wurde der Schnelligkeit geopfert. Das Eisenbahnbillett wurde nicht nur mit Geld, sondern auch mit der Aufgabe des Selbstbestimmungsrechtes für eine gewisse Zeit bezahlt. Wer sich in ein Eisenbahncoupé begibt, begibt sich auf eine Weile seiner Freiheit. Jede Fahrt auf der Eisenbahn ist ein Gefangenentransport; die Wärter nennt man Schaffner, was sie aber nicht immer veranlaßt, höflich zu sein; die Gefängnisordnung nennt sich Eisenbahnreglement, ist aber darum nicht weniger in einem Stil verfaßt, der seine Imperative ohne alle Artigkeitsfloskeln vorbringt; da das Einzellensystem zu kostspielig ist, werden die Gefangenen, wenn sie nicht sehr reich sind und sich eine Privatzelle leisten können, in mehr oder minder großen Mengen zusammen transportiert, wobei allerdings auf die Portemonnaieleistung einige Rücksicht genommen wird, und eine reinliche Scheidung zwischen Tabakkonsumenten und solchen Leuten statthat, die, wenn sie sich schon darein finden müssen, eine Luft voll Kohlenruß und Polsterstaub einzuatmen, doch Wert darauf legen, daß diese nicht gleichzeitig mit Tabakrauch der verschiedensten Gestanksgrade versetzt ist. Ach, welche Lust gewährt dies Reisen?! Aber nein, man soll dieses Wort auch nicht ironisch auf eine Sache anwenden, die so gut wie nichts mehr damit gemein hat. Reisen ist freie Bewegung, Genuß des Freiseins, Befreiung aus der Enge – Reisen ist Freiheit. Also läßt sich das Wort nicht auf eine Sache anwenden, die alle Merkmale der Unfreiheit an sich hat. Die Eisenbahn ist ein ausgezeichnetes Transportmittel, aber das Reisen hat mit ihrer allgemeinen Einführung so gut wie aufgehört. Mit der Möglichkeit, sich schnell von Ort zu Ort befördern zu lassen, stellte sich der Wunsch, ja die nervöse Begierde darnach ein – selbst in den Fällen, wo Schnelligkeit gar nicht der Hauptzweck ist. »Schnell weit weg« wurde die Devise auch für Vergnügungsreisen.

Aber die Technik stand nicht still und holte mit dem Automobil nach, was sie bei der Eisenbahn versäumt hatte, und sie schuf damit den idealen Reisewagen, die Voraussetzung zu einer neuen Kunst des Reisens. Der Laufwagen, der zu seiner Bewegung weder Zugtiere noch festgelegte Geleise braucht, vereinigt in sich alle Vorzüge des altmodischen Reisewagens und der Eisenbahn, ohne ihre Nachteile zu haben. Er gibt Schnelligkeit, Freiheit, Schönheit in einem. Wer nur einmal eine Reise in ihm gemacht hat, zweifelt nicht mehr daran, daß er der Reisewagen der Zukunft ist. Man denkt, hört man das Wort Automobil, freilich weniger an Reise- als an Rennwagen, und dieser Gedanke löst die Assoziation an wahnsinnige und lebensgefährliche Geschwindigkeiten aus – achtzig, hundert und hundertundzwanzig Kilometer in der Stunde, überfahrene Tiere und Menschen, Sturz in den Abgrund oder Ankunft in halbtotem Zustande. Diese abenteuerlichen Vergnügungen von Millionären, die sich die Situation der Lebensgefahr als besonderen Reiz leisten können, sind aber nur die Sportnuance des Automobilismus. Sie war, so lange fast nur Rennwagen gebaut wurden, eine Hauptsache, aber sie wird immer mehr Nebensache werden, seitdem große Fabriken in richtiger Erkenntnis der eigentlichen und bedeutsamen Perspektive der Sache, sich fast ausschließlich darauf beschränken, Reisewagen zu bauen, zu deren Erwerbung auch Leute von mittlerem Vermögen imstande sind. Ein derartiger Wagen ist keiner phantastischen Geschwindigkeiten fähig; mein Wagen »macht« zum Beispiel nur 35 Kilometer in der Stunde, aber nach mehr gelüstet mich auch nicht, denn, würde ich schneller fahren, würde ich weniger sehen. Und ich will so viel und so gut sehen, als nur möglich. Ich habe von Innsbruck bis Sterzing, wo wir Mittagspause machten, zwei und eine halbe Stunde gebraucht, aber diese Zeit hatte keine leere Minute, umschloß eine ununterbrochene Reihe wirklich geschauter, genossener Bilder. Wo es besonders schön war, hemmten wir den Lauf und bummelten, und als wir bei Franzensfeste in die südlichere Landschaft einfuhren, hielten wir wohl auch manchmal still und labten uns in aller Ruhe und Behaglichkeit an der üppigen Schönheit dieses südlichen Herbstes. Denn die höchste Schönheit will andächtig genossen sein.


Montag, den 10. November 1902.

Mein alter Freund Torggler, dessen grauhaariger Bauernschädel ein wahres Magazin von Volksschnurren ist, hat nicht ermangelt, mir seinen Besuch zu machen, und er hat mir als Gastgeschenk auch gleich ein paar hübsche Geschichten gespendet, die wohl wert sind, aufbewahrt zu werden. Nur schade, daß man die Sprache nicht mit wiedergeben kann.

»Kürzlich,« so etwa erzählte der Alte, »bin ich dem Baron Andre Dipauli begegnet, oben in Matschatsch (wo der Baron mitten im schönsten Buchenwalde ein kleines Schloß hat), und da hab ich ihn gefragt: Herr Baron, wissen Sie die Geschichte, wie der Herrgott mit dem Teufel hat prozessieren wollen? Nein, sagt der Baron. Also hab ich sie ihm erzählt. Nämlich, es hat einmal im Himmel sakrisch geraucht und der Herrgott hat zu einem Erzengel gesagt: »Du,« hat er gesagt, »was ist denn das heut wieder? Das ist ja schier nimmer zum Aushalten mit dem Gestank.« »Ja,« sagt der Gabriel, »das ist der verflixte Teufel da unten, bei dem ist wieder mal der Rauchfang nicht gekehrt worden und die große Mauer zwischen der Hölle und dem Himmel hat nix als Löcher.« – »Ja, die muß doch der Teufel vermörteln lassen,« sagt der Himmelsvater, »das ist doch ein für allemal ausgemacht?« »Freilich,« sagt der Gabriel, »ausgemacht is, aber der sakrische Hundsknochen tut ja nie, was er soll!« – »Also gut,« sagte der Herrgott, »verklagen wir ihn halt. Geh', sei so gut und hol' mir einen Advokaten.« Der Gabriel tut die Flügel auseinander und hui – fort.

Es dauert eine Weile, dann kommt er wieder. – »Na,« sagt der Himmelvater, »was is? Warum hast du den Advokaten nicht gleich mitgebracht.« – »Ja, mei',« sagt der Erzengel und kraute sich hinterm Ohr, »das Prozessieren müssen wir uns aus dem Kopf schlagen, Himmlischer, – die Advokaten sind alle auf dem Teufel seiner Seite; bei uns im Himmel ist keiner zu finden.«

»Was hat denn der Baron Dipauli dazu gesagt?« fragte ich den Torggler.

»Gelacht hat er und mir dann eine andere Geschichte erzählt.«

»Auch so eine?«

»Ja. Einmal ist ein Müller in Eppan gestorben, hat er erzählt, ein recht gottloser Kerl und er ist ohne Beichte und Absolution abgefahren. So kommt er denn zum Petrus und begehrt Einlaß. Nix is, sagt Petrus, ungebeichtet kommt man hier nicht herein. – Na, so beicht ich halt hier oben, sagt der Müller. – Sagt aber Petrus: So gescheit wäre schon mancher vor dir gewesen, du Haderlump, – wenn wir nur einen Geistlichen im Himmel hätten . . .«

So predigt im heiligen Lande Tirol die Kirche Gottes, gemildert durch Humor, bei Bauern und Baronen.

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