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Eine kleine Herbstreise im Automobil (1)

Otto Julius Bierbaum: Eine kleine Herbstreise im Automobil (1) - Kapitel 1
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpubca. 1903
year1910
publisherGeorg Mller
addressMnchen
titleEine kleine Herbstreise im Automobil (1)
pages449-461
created20050523
sendergerd.bouillon
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Otto Julius Bierbaum

Eine kleine Herbstreise im Automobil

I.
München –Innsbruck.

München, am Abend Allerseelen 1902.

Sobald ich nach München komme, werde ich vergnügt. Liegt das nun an den 500 Metern über Meer? Oder an der »Kunstatmosphäre«? Oder an der »Gemütlichkeit«? Oder an dem, was ich hier Gutes erfahren habe von Freunden und Feinden? – Aber es ist mir hier schon so ergangen, wie ich das erstemal herkam als junger Student, der weder von wegen der Nerven auf Höhenklima reflektierte, noch einer Kunstatmosphäre oder bajuvarischer Gemütlichkeit bedurfte, um sich wohl zu fühlen, und der weder Freund noch Feind in dieser Stadt besaß. – Was war es also und was ist es? Ich glaube, es war und es ist ein wenig Autosuggestion dabei. München – das hieß für mich schon Heiterkeit, Freiheit, Frische, Natürlichkeit, eh' ich es kannte. Ich ging hin, dies alles zu suchen, mit der Zuversicht im Herzen, daß ich es finden würde, und so fand ich es. Möglich, daß ich es mir manchmal erfand, aber gleichviel: ich kam auf die Rechnung meiner lebendigsten Wünsche. Und das wiederholt sich mir nun immer wieder. Schon im Hotelomnibus, der hier nicht weniger humpelt und knattert als anderswo, werde ich vergnügt, und, wenn ich dann in den Straßen herumstreife, erlebe oder ersehe ich mir wenigstens immer etwas, das mir Vergnügen macht. Das können Sachen sein, die man überall ebenso gut erleben oder sehen kann wie in München, aber ich für mein Teil finde, daß sie hier besonders Spaß machen. Heute war es dies: Auf dem völlig menschenleeren Karolinenplatz, an dem recht scheußlichen Obelisken, den der seltsame Logiker Ludwig der Erste seinen Bayern errichtet hat, die unter Napoleon in Rußland zugrunde gingen, weil auch sie »für des Vaterlandes Größe« gestorben seien (nicht weit davon steht das Haus, das er der Lola Montez errichtete, die er in den drolligsten Versen besungen hat, die jemals der »teutschen« Muse abgewaltsamt worden sind), also: am Fuße dieses sonderbaren Monuments stand ein bayrischer Infanterist, eng verbunden mit einem bayrischen »Kocherl«, dachte weder an des Vaterlandes Größe, noch an die deutsche Muse, noch an irgend etwas, sondern busselte nur ganz einfach seinen Schatz. Aber das geschah von beiden Seiten mit einer so vollkommenen Hingabe, so monumental intim, so gründlich und ordentlich, und der Wehrstand war mit dem Nährstand so innig verschlungen, das militärische Himmelblau mit dem Küchenweiß so lieblich enge gepaart, daß ich andächtigen Gemütes stehen blieb und meine liebe Seele die beiden mit einem herzlichen Spruche segnen ließ, der also lautete:

Und wenn die Welt voll Teufeln wär'
Und wollt mich gar verschlingen,
Und käm selbst der Herr Hauptmann her:
Es soll mir doch gelingen!
Hilf Gott, was ist die Liebe warm,
Wie geht die Brust, wie drückt der Arm!
Die Liebe, die Liebe, die ist nicht umzubringen!


Sonntag, den 2. November 1902.

Um Cléo de Merode zu sehen, beschlossen wir in die Blumensäle zu gehen, aber es war natürlich kein Platz mehr zu haben, denn sämtliche Münchener Künstler hatten vor uns das gleiche beschlossen. Recht ärgerlich verließen wir den Ort der Enttäuschung, aber siehe: unsere Blicke fielen auf ein kleines Biedermeierhäuschen mit Säulenportikus, und wir riefen aus: Es ist Ersatz gefunden! Denn im Giebelfelde dieses Häuschens ist, von zwei niedlichen Mädchen flankiert, Herr Kasperl Larifari zu sehen, der Letzte seines Stammes, aber nicht der Schlechteste, und das Häuschen ist Papa Schmidt Marionettentheater, ihm von der Stadt München erbaut und von Münchener Künstlern ausgeschmückt. Es war nachmittags um 1 Uhr, aber schon standen die kleinen Kunstenthusiasten, die nur den Preis des dritten Platzes, zwanzig Pfennige, erschwingen konnten, und harrten der Eröffnung, die um 3 Uhr stattfanden sollte. »Gibt's noch Billetten?« fragte ich einen der kleinen Burschen. »Ja,« erwiderte er, (offenbar ein Habitué), »wenn's Taferl »Ausverkauft« noch nicht bei der Abortfrau ihrem Fenster außihängt, gibt's schon noch eine.« Das Taferl hing noch nicht außi, und so gingen wir zur Abortfrau. Aber, natürlich, wenn der Mensch schon einmal Pech gehabt hat, hat er' s auch gleich ein zweites Mal: gerade wie wir eintraten, wurde die letzte Karte verkauft. »Alles weg?« »Freili. Am Sonntag!« – »Aber ich bin ein Rezensent und reise morgen weiter. Fragen Sie doch den Papa Schmid, ob wir nicht noch zwei Plätze haben können.« – »Schreiben tun's?« – »Ja, für die »Zeit« in Wien.« – »Für a Wiener Blatt? Na, i frag halt. Warten's a weng.« Und wir warteten im Vorzimmer der ersten Klasse mit Waschbecken und Extrahandtuch. Nicht umsonst, denn es wurde uns die angenehme Botschaft, daß wir zwei Extrastühle eingeschoben erhalten würden auf dem ersten Platz à 80 Pfennige. Wir freuten uns nicht weniger darüber, als wenn wir noch ein paar Plätze für die schöngescheitelte Cléo erhalten hätten, und waren punkt 3 Uhr zur Stelle, um das komische Zaubermärchen in drei Akten und sieben Bildern: »Fortunatus oder die Ohren der Prinzessin von Marokko« zu sehen. – Welch ein munteres Leben, welch laute und stille Erwartung in dem hübschen, kleinen Amphitheater! Ach, daß uns ein solches Premièrenpublikum irgendwo einmal beschieden wäre! Alle diese frischen Augen und Lippen lachten: Theater! Theater! wie schön wird das sein! – Plötzlich wird der Vorhang erleuchtet: erstes Ah! der Genugtuung. Ein Klavier (unsichtbares Orchester) spielt eine Polka: schon klatschen einige. Und nun das Klingelzeichen, – und eine Welle von entzückten Lauten geht durch das Publikum. Aber eine Stimme gebietet: »Ruhe!« und es wird gleich mäuschenstill. – So bleibt es während aller sieben Bilder, nur, daß hie und da ein ganz Kleiner, eine ganz Kleine ruft: »Mama, ich möchte mal 'naus!« Pfst! Pfst! rufen die Größeren entrüstet, die, erfahrene Genießer, alles Nötige vorher abgemacht haben. – Wie schön, wie lustig war das aber auch alles. Welche Kostüme! Prinz Fortunatus zuletzt gar in einer goldenen Rüstung, und Kasperl Larifari kann alle Glieder bewegen und spricht münchnerisch! Gorilla, der Kaiser der Wildnis, tritt auf und mit ihm seine Frau, die Madam Meerkatze, nebst den »Kindern beider«, greulich ungezogenen Affen, die bloß pfauchen und Purzelbäume schlagen können. Knuzzimuzzi, der Leibsklave des Sultans von Marokko, ist ein richtiger Mohr, der sich voll Grazie auf den Bauch legen kann, wenn er seinen Gebieter begrüßt, aber die Prinzessin Zoraide ist, trotz ihrer goldenen Pumphosen, eine schlechte Person, der es ganz recht geschieht, daß sie Eselsohren kriegt. Uebrigens geht alles gut aus, und Prinz Fortunatus sieht ein, daß Weisheit besser ist als Reichtum. Quod erat demonstrandum – Wird auch das Publikum das einsehen? Werden Maxl und Linerl ihre Schulaufgaben nun mit größerem Eifer machen? Wer weiß! Doch eins ist sicher: in ihren Augen bleibt das schöne Bild, wie Fortunatus Gold regnen läßt, wie er, ritterlich in Gold geschient, reumütig und schön vor seinen lieben Eltern erscheint, wie Prinzessin Zoraide vor ihm niedersinkt und bekennt, daß ein gütiges Herz mehr wert ist als Schöntun und Falschsein. Und dann der lustige Kasperl, den man bloß anzusehen braucht, um zu lachen! Das Linerl wird noch als Frau Lina lächeln, wenn sie an den denkt und seine komische Lebensweisheit. – Ist das nicht viel? Ich wünsche jeder großen Stadt einen Papa Schmid.

Soll ich auch jeder großen Stadt die »Elf Scharfrichter« wünschen? Es kostet nichts, wenn ich es tue, aber es hilft auch nichts. Denn sie sind bloß in München möglich. In Berlin ist das Ueberbrettl als ein Witz entstanden und zugrunde gegangen, wie der Witz abgestanden war. Jeder Versuch, die ihm zugrundeliegende gute Idee eines lyrischen Theaters mit Varietécharakter ernsthaft auszuführen, mußte dort fehlschlagen, weil der Begriff des höheren literarischen Ulkes allzu eng mit ihr verknüpft war. In München fand sie ihre Verwirklichung durch Künstler, die von vornherein den gröberen sowohl wie den feineren Ulk, das Zugmittel für die Massen und Uebersatten, ablehnten und aufs Eigentliche des Gedankens eines Künstlerbrettls gingen. So war ihrem Unternehmen Dauer und reeller Erfolg beschieden in dem Augenblick, wo zu den guten künstlerischen Qualitäten eine ordentliche geschäftliche Leitung hinzukam. Freilich erfreuen sie sich dabei eines Vorteils, den in Deutschland nur München bietet: einer gar nicht engherzigen, vielmehr recht freien und gescheiten Zensur. Was hier Frank Wedekind singen darf, wäre in keiner anderen deutschen Stadt möglich. Aber mehr noch: Selbst wenn es zum Beispiel erlaubt würde – man würde es nicht mit anhören können angesichts eines Publikums, das derlei Freiheiten zu unerträglichen Frechheiten stempeln würde durch die Art der Aufnahme. Es würde als Zoten bewiehern, was in Wirklichkeit doch etwas beträchtlich Höheres ist und darum nicht als Unflätigkeit, sondern als Kunstwerk aufgenommen werden will. Es ist geradezu der Hauptvorteil der »Elf Scharfrichter«, daß ihr Zuschauerraum die Masse ausschließt. Sie spielen in einem Saal, der eigentlich nur ein Korridor ist und kaum mehr als 100 Zuschauer faßt. Damit ist auch die Intimität gewahrt, eine wesentliche Voraussetzung der richtigen Wirkung derartiger Proben literarischer Kleinkunst. Ein Kabinett – kein Theater. Daher auch der angenehme Mangel an Prätensionen. Alles primitiv, aber geschmackvoll. Kaum etwas, das als künstlerische »Leistung« prunken will, aber auch fast nichts, das einer künstlerischen Note völlig entbehrte. In der Tat: Ein künstlerisches Varieté und, weil derlei tatsächlich so nur hier geboten werden kann, eine Spezialitätenbühne künstlerischen Gepräges. Da spielen sie zum Beispiel jetzt eine satirische Farce »Die Verschönerungskommission« von Paul Schlesinger, ein köstlich ungeniertes Ding voll der offensichtlichsten Spitzen gegen die allerhöchste Person des Deutschen Reiches, das alles überbietet, was der Simplizissimus nur je gewagt hat, und ich möchte glauben, daß die allerhöchste Person selber vor Vergnügen klatschend auf den Schenkel schlagen würde, wenn die Reporter recht haben, die behaupten, daß sie auf diese Weise applaudiert. Eine glänzende Aristophanerie im kleinen.


Montag, den 3. November 1902.

Um zu bemerken, daß München eine Kunststadt ist, hat man nicht nötig, Atelierbesuche zu machen. Es genügt, durch die Stadt zu spazieren. Da ist es denn erfreulich, zu sehen, wie stark sich hier der Zug zu einer modernen ästhetischen Kultur bereits durchgesetzt hat. Die Architektur verschmäht fast ausnahmslos das armselige Kopieren alter Stile, ohne daß sie doch in den üblen Fehler verfällt, um jeden Preis, das heißt auch um den Preis der Vernunft und ruhig bedachten Geschmacks, neu und noch einmal neu und immer wieder bloß neu sein zu wollen. – Ferner alles, was mit der Innendekoration zusammenhängt: Teppiche, Tapeten, Vorhangstoffe, Schmuckgegenstände, Möbel, – ein Blick in die Schaufenster genügt, um das angenehme Gefühl zu erwecken: es gibt wieder ein gutes Geschmacksniveau, und auch der minderbemittelte Mensch von Geschmack findet hier, was er braucht, wenn er sich zu Hause mit schönen Dingen des täglichen Gebrauches umgeben will. Der schwere und dabei schwindelhafte Geist des Protzentums ist ebenso überwunden wie das Gefühl der Resignation: willst du was Schönes suchen, mußt du zum Trödler mit Antiquitäten gehen. – Besonders auffällig ist die künstlerische Höhe, die hier die Photographie erreicht hat. Nicht bloß bekannte Anstalten wie die Ateliers Elvira, Veritas, sondern auch kleine Anfängerfirmen leisten Erstaunliches. Hat man früher gesagt: wenn man in München gut speisen will, muß man nach Augsburg in die Drei Mohren fahren, so könnte man heute sagen: willst du dich in Berlin gut photographieren lassen, mußt du nach München reisen.

Von Ateliers konnte ich nur das Franz Stucks besuchen, das, auch wenn es ganz leer wäre, ein Augenlabsal ist in seiner heiter wundervollen Pracht. Ich fand den immer gleich zielbewußten, stetig vorwärts schreitenden Meister über einer kleinen Leinwand, auf der die Skizze eines großen Gemäldes zu sehen war, mit dem er sich, nach seinen eigenen Worten, wieder einmal eine Aufgabe stellen will, bei der er Gelegenheit hätte, »Schwergewichte zu stemmen«. Er will die Pest darstellen. Das ist freilich kein Thema für Jongleure, sondern für künstlerische Meister der schweren Athletik. Da sein künstlerischer Bizeps seinem physischen entspricht, zweifle ich nicht daran, daß es ein Werk voll Kraft, aber auch voll Schönheit wird.


Innsbruck, den 4. November 1902.

Acht Stunden lang unausgesetzt im gesund-regelmäßigen Viertakt eines Automobils durch einen unsagbaren schönen, sonnigen Herbsttag dahingefahren, – ein Genuß, der nicht zu schildern ist. Alle Lebenskräfte wachen auf, alles Verhockte, Verstockte, Faule, Grämliche wie weggeblasen, alle guten Geister der Kraft und Gesundheit mobil. Bewegung! Kraft- und Saftumsatz! Rhythmus und Raumüberwindung! Es ist eine rauschartige Steigerung des Lebensgefühls. Was konnte ich, dies auszudrücken, Besseres tun, als meiner Frau immer und immer wieder die Hände zu küssen?! Verse machen ist schön, – dies ist noch schöner. Was kann es Herrlicheres geben, als gemeinsam sich durch die wechselreiche Schönheit einer mit allen Reizen ausgestatteten Gegend dahintragen zu lassen, von einer durch Menschenhand bemeisterten Kraft, die rhythmisch tätig ist? Wer die Wollust dieses Dahinrollens kennt, ersehnt sich nicht mehr die Kunst des Fliegens. Fest auf der Erde, aber wie im Sturme dahin. Jede Falte des Geländes benützend, Hügel hurtig hinauf und brausend hinab, jetzt zwischen Wiesen und junger Saat, nun durch Wälder, Flüssen entlang, über Brücken hin, Felsentore hindurch, hinter davontrabenden Herden her, in das Gassenwinklicht einer alten Stadt hinein, über Märkte weg voll Buden und Gewimmel, Schlössern, Burgen, Parks vorüber und vorbei an Pflügern und Hirten – immer den Bergen zu und plötzlich vor ihnen, da man sie doch vor wenigen Stunden grau und verschwommen, wie in einer Ferne sah, die sich dem Hinstrebenden nur immer weiter zu entziehen schien. Wem ich gut bin, dem wünsch' ich diesen Genuß, dieses Glück.

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