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Eine Jugend in Deutschland

Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland - Kapitel 6
Quellenangabe
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authorErnst Toller
titleEine Jugend in Deutschland
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
year1970
firstpub1936
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Fünftes Kapitel

Ich will den Krieg vergessen

Ich studiere an der Universität München. Maßlos ist mein Eifer, schweifende Neugierde treibt mich von Kolleg zu Kolleg. Vorlesungen über Staatsrecht höre ich mit der gleichen ernsten Erwartung wie die Vorträge Wölfflins über Dürer und Holbein. Immer ist mein Ohr gespannt, Paragraphen und Pandekten, Formen und Stile müssen ein Geheimnis bergen, ein Gesetz, einen Sinn. Das Besondere reizt meinen Hunger nach Wissen, das Allgemeine, das ich suche, bleibt mir verborgen.

Ich vergnüge mich im literaturgeschichtlichen Seminar des Professor Kutscher. In Hauptmannsuniform, das Eiserne Kreuz auf der Brust, sich leicht auf den Krückstock stützend, steht er auf dem Katheder, schmuck und ein Freund der Modernen. Einmal in der Woche lädt Kutscher die Studenten in ein Gasthaus. Thomas Mann, Karl Henckell, Max Halbe lesen aus ihren Werken, Frank Wedekind singt im harten Stakkato seine herrlichen diabolischen Balladen. Nachher gehen wir stundenlang durch die nächtlichen Straßen, wir schleudern uns die Modeworte der Literaturkritik an den Kopf, wir verteidigen und verdammen Schriftsteller und Werke. Jeder hat die Schublade voll mit Manuskripten, jeder träumt vom Ruhm, jeder hält sich für begnadet und auserwählt.

Der Student Weiß spricht jedesmal von einem neuen Versband, er schreibe täglich zwölf Gedichte, manchmal auch fünfzehn, die gereimten morgens, die freien Rhythmen abends, in dicken Diarien habe er sie aufgezeichnet, die idyllischen mit roter Tinte, die tragischen mit schwarzer. Goethe, sagt er, habe es auf achtzig Bände gebracht, er hoffe, ein viertel Tausend zu erreichen. Bei mir zu Hause liegt ein schmales Bändchen, bekümmert verfolge ich seinen Fleiß.

 

Thomas Mann lädt mich in sein Haus, meine Rocktasche ist mit Dutzenden von Gedichtmanuskripten vollgestopft, unruhig rücke ich beim Tee hin und her, wann wird es schicklich sein, ihm einige Verse vorzulesen, endlich wag' ich's. »Hm«, sagt er und nochmals »Hm«, bedeutet es Lob, bedeutet es Tadel? Er läßt sich die Manuskripte geben, er liest mit mir jede Zeile, lobt diese und sagt, warum die andere unzulänglich, bewundernswert ist seine Geduld, gemessen und väterlich sein Rat. Er behält sich einige Papiere, zwei Tage später schreibt er mir einen langen Brief, er hat sie nochmals geprüft und belehrt den jungen Menschen, der diese schöne Haltung nie vergißt.

 

In einem Buchladen begegne ich Rainer Maria Rilke. »Ich habe seit Jahren keine Verse mehr geschrieben«, sagt Rilke leise, »der Krieg hat mich stumm gemacht.«

Der Krieg? Das Wort verschattet meine Augen, seit Wochen habe ich keine Zeitungen mehr gelesen, ich will nichts wissen vom Krieg, nichts hören.

Ich gehe in die Gemäldegalerien, ich fahre mit der Frau, die ich liebe, an die bayerischen Seen, wir hören Konzerte, Bach, Beethoven, Schubert. Im Sturz der Musik vergesse ich die Klage des Menschen, der hilflos zwischen den Gräben verging.

Alles ist neu und beseligend, Wärme und Stille und Bücher und Worte der Freunde, die Fürsorge der Wirtin, das heiße Bad, das Bett. »Draußen« war ich wochenlang nicht aus den Kleidern gekommen, nachts schlief ich auf dumpfigem Stroh oder auf feuchtkalter Erde. Nach einem Jahr war ich zu kurzem Urlaub nach Haus gefahren, unterwegs, in Berlin, blieb ich vierundzwanzig Stunden, ich hatte mir in einem der komfortablen Hotelpaläste ein Zimmer gemietet, nur eine Stunde wollte ich ruhen, und dann den scheckigen Trubel der Straßen sehen, Caféhäuser, Schaufenster, Frauen, aber als das weiße kühlende Leinen mich begrub, vergaß ich Berlin und blieb im Bett die vierundzwanzig Stunden.

Ich wandere durch den Vorfrühling des Englischen Gartens, Schneeglöckchen blühen, Krokus, die ersten Veilchen, an den Bäumen die jungen Knospen treiben im steigenden Saft, zart leuchtet der hellgrüne Samt der weiten Rasenflächen, vorm japanischen Pavillon sitzen junge Frauen in hellen Kleidern, Kinder singen, Musik spielt, froh sind die Menschen. Ich atme den Frieden und die Sonne, ich will den Krieg vergessen.

Aber ich kann ihn nicht vergessen. Vier Wochen, sechs Wochen geht es, plötzlich hat er mich wieder überfallen, ich begegne ihm überall, vor dem Altar des Mathias Grünewald sehe ich durch das Bild den Hexenkessel im Priesterwald, die zerschossenen, zerfetzten Kameraden, Krüppel begegnen mir auf meinen Wegen, schwarzverschleierte, vergrämte Frauen. Ach, die Flucht war vergeblich.

 

Sie liegt still an meiner Seite. An den offenen Läden flackert der laue Nachtwind.

»Du zitterst.«

»Schließ die Läden, bitte.«

»Das Singen auf der Straße?«

»Der Frost.«

»Was hast du, Liebes?«

»Werden die Toten in Särgen begraben, draußen?«

»In Zeltdecken.«

»Immer?«

»Im Massengrab nicht.«

»Ich hab' so Angst vor der unentrinnbaren Kälte. Daß auch dieses stirbt, dies bißchen gute Wärme.«

»Umarm mich. Ich liebe dich.«

»Mein Freund ist gefallen vor Verdun.«

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