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Eine Jugend in Deutschland

Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland - Kapitel 17
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authorErnst Toller
titleEine Jugend in Deutschland
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
year1970
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Sechzehntes Kapitel

Fünf Jahre

Die Lokomotive pfeift. Der Zug verläßt die Münchener Bahnhofshalle. Beamte, Schaffner, Gepäckträger, Arbeiter, Arbeiterinnen sind zusammengelaufen, sie winken mir zu, sie rufen »Auf Wiedersehen«, die Passagiere, die in die Freiheit aller Herren Länder reisen, sehen erstaunt den Auflauf. »Auf Wiedersehen in fünf Jahren«, antworte ich. »Wir holen dich früher 'raus«, brüllt der Lokomotivführer eines Zuges, der im Nebengeleise hält.

 

Wie anders war der Weg zum Militärgefängnis im Kriegsjahr 1918, der Knabe, der »Mörder« rief, die trostlose Verlassenheit, die Feindschaft der Dinge und Menschen.

Jetzt strömt mir die Wärme der Kameradschaft zu, sie trägt mich, sie spannt meine Kräfte, ich bin nicht allein, ich spüre die Hände, die von überall her sich zu mir strecken. Fünf Jahre, eine lange Zeit, ich bin seltsam heiter, ich beneide nicht einmal den Passagier im Schlafwagen, der morgen früh am Canale Grande Venedigs aufwachen wird. Selbst die Kriminalbeamten sind freundlich, sie kennen die Launen des politischen Wetters, man kann nie wissen, die Herren sagen mir, daß sie auch nur Arbeiter seien und ihre Pflicht täten, wenn's nach ihnen ginge, du lieber Gott, sie müßten sich auch schinden, es sei nicht so leicht, eine höhere Gehaltsstufe zu erklimmen, wenn wir wieder zur Regierung kämen, sollte ich daran denken und es sie nicht entgelten lassen. Ob ich eine Zigarette rauchen wolle, fragte der eine. »Vielleicht essen Sie ein Stück Leberkäs, er ist hausgemacht«, sagt der andere, »nämlich meine Frau meint, wenn ich verreise, geh' ich fremd, und darum, Sie wissen schon.« Im Nebenabteil wird ein Mädchen ins Zuchthaus transportiert, ich frage sie, wieviel Jahre sie sitzen müsse. »Sechs Jahre«, »Ein Jahr mehr als ich«, »Pah«, lacht sie, »das mach' ich auf einem Backen.«

 

Im kaiserlichen Deutschland saßen auf Festungen Offiziere und Duellanten, auch die Beleidiger Seiner Majestät, sie alle ließen es sich gut gehen, aßen und tranken, spazierten tagsüber in die Stadt und bändelten mit den schönen Bürgertöchtern an. Diese heitere Haft ist verschwunden, der bayerische Justizminister hat sich für uns sozialistische Gefangene eine eigene Art Festung erdacht, ein Mittelding zwischen Gefängnis und Zuchthaus nennt sie der Reichsjustizminister Radbruch, spazierengehen dürfen wir nicht mehr, unsere Frauen und Freunde dürfen uns nicht mehr frei besuchen, jeder Brief wird zensuriert, wir essen die Dampfkost der Gefängnisküche. Die Haft gleicht nur in einem Punkt der Strafe, die die Richter uns diktierten, wir werden mit »Herr« angeredet, zum Zeichen, daß wir, wie die bayerische Sprache sagt, eine Ehre haben. Dabei wissen wir nicht, ob die Rechte von heute uns morgen bleiben, alles ist ungewiß, einmal werden die Zügel gestrafft, einmal gelockert, politische Stärke oder Schwäche der Regierung verspüren wir an unserem Leibe.

Anfangs hausen wir in verschiedenen Gefängnissen, nach einigen Monaten treffen sich alle im alten Jugendgefängnis Niederschönenfeld bei Rain am Lech. In der sumpfigen, nebligen Ebene zwischen Lech und Donau liegt der dreiflüglige, nüchterne Zellenbau mit seinen kahlen Höfen, seinen hohen Mauern. Die Zellen sind schmal, wenn ein Mensch sich an die eine Wand lehnt, berührt er mit ausgestreckter Hand die andere. Tagsüber bleiben die Zellentüren offen, wir gehen im Käfig des schmalen Korridors auf und ab, auf und ab, draußen vorm Gitter wachen Tag und Nacht die Wärter.

Hundert politische Gefangene beherbergt Niederschönenfeld, Menschen aus allen Klassen, allen Berufen. Die meisten hoffen, die Haft werde nur kurz währen, eine neue Revolution werde sie befreien, morgen, übermorgen, nächste Woche. Berichten die Zeitungen von einem Streik, träumen sie, dem Streik werde der Generalstreik folgen, der die Kerkertüre öffnet. Wagt einer, dagegen zu sprechen, verfolgt ihn wütender Haß der andern. »Du bist schuldig, daß wir nicht frei werden«, sagt mir ein Kamerad, »weil du nicht daran glaubst.«

 

Die ersten Monate leben die Gefangenen in brüderlicher Verbundenheit, sie teilen Lebensmittel und Geld, sie teilen Gefühle und Gedanken, die Sucht des Bekennens hat sie gepackt, sie bekennen ihr Leben, ihre Taten, ihre Schuld. Alles soll der eine vom andern wissen, sie entblößen die dunkelsten Regungen, sie zeigen sich Briefe der Frauen und Mütter, nichts darf fremd und verborgen bleiben. Bald kennt einer den andern, sein Leben, seine Art zu denken, seine Art zu sprechen, die Mechanik seines Fühlens, seinen Geruch und den Ton seiner Stimme, er weiß, was er auf diese Frage antworten wird und was auf jene. War am Anfang jeder bemüht, liebevoll in den andern sich zu versenken, jetzt ist er die Nähe des Nächsten satt, er kann ihn nicht ertragen, er wirft ihm vor, was der andere ihm einst anvertraute, die Haft macht ihn krank, die Einsamkeit böse.

 

Die Gegenwart ein Alp, man stößt ihn fort, die Vergangenheit allein ist wert, von ihr zu sprechen, jeder Tag, jede Stunde, seitdem die Revolution begann, wird geweckt zu neuem Leben, man berauscht sich an Kämpfen, die längst vergessen, an Worten, die längst vermodert, an Gefühlen, die längst gestorben sind. Beim gemeinsamen Essen entbrennen politische Diskussionen von fanatischer Besessenheit, nur ein Thema kennen alle, die Räterepublik, nur eine Hoffnung, die Weltrevolution. Wehe denen, die nicht glauben, daß ein revolutionäres Morgenrot dem nächsten Tag leuchtet, Verräter sind sie, Kleinbürger, Konterrevolutionäre.

In Deutschland zerfällt die Arbeiterbewegung, die Parteien spalten sich wieder und wieder, Gruppen und Sekten entstehen, das gleiche wiederholt sich im Gefängnis, aber während draußen die Handlungen der Menschen durch sinnliche Wirklichkeiten gehemmt und gelenkt werden, fehlt hier in der dünnen Luft der Haft jede Möglichkeit der Korrektur, es bilden sich Parteigruppen, die einander verfolgen, verleumden, schlagen. Der Haß ist um so größer, je mehr Gemeinsames sie haben, eine kommunistische Gruppe verbietet ihren Mitgliedern, mit Angehörigen einer anderen kommunistischen Gruppe zu sprechen. Im Mittelalter schlugen die Mönche um eines Buchstabens willen sich tot.

Ein junger Student, mit dem ich mich angefreundet hatte, wird entlassen, scheu und ängstlich sich umsehend, schleicht er in meine Zelle, bevor er geht, stockt er. »Bitte, erzähl nicht meinen Parteigenossen, daß ich mich von dir verabschiedet habe.«

 

Am unduldsamsten sind gewisse byzantinische Intellektuelle, sie vergötzen den Proletarier, sie treiben einen förmlichen Kult mit ihm und lehren ihn die Verachtung der andern Intellektuellen. Sie ahmen Formen proletarischen Lebens nach, die der Arbeiter nur aus Not angenommen hat. Ein Gefangener, der früher kaiserlicher Offizier war, kommt mit zerlöchertem und zerfetztem Rock zum Essen, er hat selbst sich so zugerichtet.

»Warum tust du das?« frage ich ihn.

»Ich habe die Pflicht, meinem Leben proletarische Formen zu geben«, antwortet er.

 

Oft, wenn ich mit Arbeitern spreche, merke ich, wie dünn der Firnis der Parteidoktrin sitzt, darunter leben die Instinkte, die die herrschende Gesellschaft im Alltag der Schule, der Familie, der Vereine gezüchtet hat.

 

Als im Jahre 1917 der Sozialdemokrat Stadthagen starb, berieten die Arbeiter einer großen Berliner Fabrik, ob die drei Deputierten, die am Grabe einen Kranz niederlegen sollten, im Gehrock und Zylinder erscheinen müßten. Einer der Delegierten, ein neunzehnjähriger Arbeiter, besaß keinen Zylinder, und er weigerte sich, einen zu kaufen.

Endlich, nach stundenlanger Diskussion, wurde der revolutionäre Beschluß gefaßt, daß dieser Arbeiter sich zwar keinen Zylinder kaufen müsse, daß ihm aber, damit die Würde der Arbeiterschaft gewahrt bleibe, einer geborgt werde.

 

Ein Bauer aus der Hollerdau ist überzeugter Pazifist, er erzählt, wie er Weihnachten 1919 andern Bauern die Friedenspredigt von Eisner vorlas, da hätten die Menschen gesehen, was Krieg sei, da wären ihnen die Augen aufgegangen, vor Entsetzen, Tränen hätten sie vergossen, auch ihn hab's gewürgt.

Eine halbe Stunde später sprechen wir vom Krieg, wir haben an der gleichen Front gekämpft, bei Pont à Mousson.

»Wann warst denn du da?« fragt er mich.

»1915.«

»1915? Da war ja Stellungskrieg, da war ja nichts mehr los, weißt du, als ich da war, da war Bewegung, des war a Gaudi, den Franzosen haben wir 's Messer in Bauch gestoßen, daß es nur so geschnakelt hat.«

 

Ein Arbeiter hat sich eine eigene Theorie erfunden, die bürgerlichen Frauen seien die Pest der Menschheit, sie gehörten alle an die Laterne, diese hochmütigen, sittenlosen Weiber, die Männer seien gar nicht so schlimm.

Einmal erzählt er mir von seiner Schwester.

»Sie ist bei sehr reichen Leuten in Dienst«, sagt er, »bei einer feinen Bürgerfamilie, sonntags, wenn meine Schwester Ausgang hat, gibt ihr die Gnädige stets die Hand.«

 

Ein Mann namens Adolf Hitler wurde in München zu einigen Monaten Gefängnis verurteilt, weil er eine Versammlung der bayerischen Königspartei zu sprengen versuchte. Unter seiner Führung drangen Leute mit erhobenen Stühlen auf das Rednerpodium, es entspann sich eine Saalschlacht, Ärzte mußten einigen Verwundeten beistehen.

Um den Mann Adolf Hitler scharen sich unzufriedene Kleinbürger, frühere Offiziere, antisemitische Studenten und entlassene Beamte. Sein Programm ist primitiv und einfältig. Die Marxisten und die Juden sind die inneren Feinde und an allem Unglück schuld, sie haben das unbesiegte Deutschland hinterrücks gemeuchelt und dann dem Volk eingeredet, Deutschland hätte den Krieg verloren.

Die äußeren Feinde sind die Franzosen, eine verkommene, vernegerte Rasse, der Krieg gegen sie ist unvermeidlich und darum notwendig. Die nordische deutsche Rasse ist allen anderen überlegen. Gott habe ihn, den Hitler, dazu berufen, Marxisten und Juden auszurotten.

Hitler stachelt das Volk zu wütendem Nationalismus. Ich erinnere mich nicht, vor zwei Jahren, als wir »inneren Feinde« gegen das Unrecht des Friedens von Versailles zu kämpfen begannen, Hitlers Namen gehört zu haben. Auch in der Revolution hat er geschwiegen.

Ein Gefangener erzählt mir, er sei dem österreichischen Anstreicher Adolf Hitler in den ersten Monaten der Republik in einer Münchener Kaserne begegnet. Damals hätte Hitler erklärt, er sei Sozialdemokrat. Der Mann sei ihm aufgefallen, weil er »so gebildet und geschwollen« dahergeredet hätte, wie einer, der viel Bücher liest und sie nicht verdaut. Doch habe er ihn nicht ernst genommen, weil der Sanitätsunteroffizier verraten hätte, im Krieg sei der Hitler, als er von der Front zurückkam, schwer nervenkrank in einem Lazarett gelegen, blind, plötzlich habe er wieder sehen können.

Diese nervöse Erblindung macht mich nachdenklich. Welche Kraft muß ein Mensch haben, daß er blind werden kann vor einer Zeit, die er nicht sehen will.

Reiche Fabrikanten unterstützen den Hitler. Er wütet auch gegen die Gewerkschaften, und sie gebrauchen ihn als Prellbock.

 

Die Zeit verrinnt. Immer heftiger kreisen Gespräche, Gedanken und Träume der Männer um Frauen, nachts pressen wir den Kopf ins Kissen, aus Verzweiflung, aus Hunger nach Wärme. Wir sind der Bücher müde, stundenlang blättern wir in den illustrierten Zeitschriften, starren auf die Bilder nackter Frauen, nackter Brüste, nackter Beine.

 

Im Gefängnis Eichstädt schliefen über unserm Stockwerk gefangene Mädchen, das erregte die Männer, sie klopften nachts an die Decke, die Mädchen antworteten ihnen, sie schickten sich durch die Kanalröhren der Aborträume Briefposten zu, eingerollte Bogen, an Bindfäden gebunden. Liebesverhältnisse knüpften sich an, Liebhaber und Braut sahen sich niemals, sie beschrieben in unbeholfenen Worten, wie sie aussähen, sie erbaten Liebespfänder, Locken schenkten sie sich, kleine Tücher, die sie nachts auf die Brust gepreßt hatten, Schamhaare.

 

Auf dem Hof des Gefängnisses stand ein kleines Waschhaus, dort arbeiteten die gefangenen Mädchen, Aufseherinnen wachten darüber. Einmal wird die Aufseherin fortgerufen, ein Mädchen bleibt allein, sie preßt ihren Kopf ans Fenster, die Augen suchen die Zelle des Mannes, der ihr seit Wochen schreibt und dem sie seit Wochen antwortet, sie liebt ihn, sie möchte ihn sehen, aber wird sie ihn erkennen? Doch der Mann hat sie schon erkannt, er winkt ihr zu, er sei es, den sie liebe, ungläubig schüttelt sie den Kopf, er weist auf die braunen gelockten Haare, auf die scharf gebogene Nase, auf die Narbe am Ohr. Endlich glaubt sie ihm, sie strahlt ihn an, sie streckt die Arme zu ihm hin, einmal, ein einziges Mal ihn berühren, ihn umarmen, vergeblicher Wunsch, die Gitter trennen sie. Da, in einer Sekunde überströmenden Gefühls, springt sie vom Fenster zurück, nestelt an ihrem groben grauen Leinenkleid, knöpft es auf, zeigt ihren Körper, ihre festen kleinen Brüste, die gedrungenen rundlichen Beine, sie weint und lacht vor Freude, endlich kann sie ihm etwas Gutes tun, ihm zeigen, wie sie ihn liebt, ach, sie täte alles für ihn, er muß es sehen, weil sie dieses tut. Beide merken nicht, daß die Aufseherin die Szene beobachtet. Das Mädchen büßte schwer die zarte Geste eines großen einfältigen Herzens, sie sollte eine Woche später entlassen werden, sie verlor die Bewährungsfrist.

 

In Niederschönenfeld sind keine Frauen, aber viele junge Burschen.

Ein junger Matrose schlingt blaue Bänder um die Knöchel, weibisch wiegt er sich in den Hüften, er lockt die Männer, sie lassen sich locken, ja, er verführt nachts einen Aufseher. Andere junge Burschen ahmen ihn nach, Eifersuchtsszenen entzünden sich, die Verliebten schreiben sich glühende Briefe, dichten sich an, erröten, wenn sie einander sehen, vergießen Tränen und versöhnen sich, die Burschen werden mit Geschenken überhäuft. Manch einer hungert um des Geliebten willen. Nachts besuchen sich die Gefangenen in den Zellen, keine Strafe schreckt sie, der sehnsüchtige Wunsch, Liebe zu geben und Liebe zu empfangen, zerbricht Hemmungen und Gewohnheiten, bis eines Tages die Spannung sich in groteskem Nachspiel löst. Einige Gefangene, orthodoxe Parteifunktionäre und lüsterne Spießer, bilden ein Gericht, in tagewährender Verhandlung, bei erregter Aufmerksamkeit der Richter, müssen Liebhaber und Geliebte sich verantworten. Ein Arbeiter, der sich mit der Vergangenheit seiner Frau, die Prostituierte war, abgefunden hat, besucht mich in meiner Zelle.

»Ach, Toller«, sagt er, »mei Famili, wenn die erfährt, daß i mit solchene Leut eingesperrt bin.«

 

Bayern und das Reich bekriegen sich in Pressefehden, der »Bayerische Kurier« weiß endlich, woher die bayernfeindlichen Nachrichten stammen, aus der Festung Niederschönenfeld, ich bin der geheime Spion, der seinen Vetter, den preußischen Staatskommissar Weißmann, unterrichtet. Ich bin mit Herrn Weißmann weder verwandt, noch kenne ich ihn, und meine Briefe werden zensuriert. Das schreibe ich der »Freiheit«, der Berliner Zeitung, der Festungsvorstand beschlagnahmt meinen Brief, ich beschwere mich beim Ministerpräsidenten Graf Lerchenfeld, ich bin inzwischen bayerischer Landtagsabgeordneter geworden, und wenn der Landtag mich auch verhindert, mein hohes Amt auszuüben, leite ich daraus wenigstens das Recht her, mit dem Ministerpräsidenten telegraphisch zu verkehren. Das Telegramm wird beschlagnahmt, das vorhandene Personal reiche nicht aus, um beliebiges Absenden von Telegrammen zu gestatten, läßt mir der Festungsvorstand durch den Oberaufseher mitteilen, ich will erwidern, daß der Vorstand dazu kein Recht habe, der Oberaufseher unterbricht mich, packt mich an den Schultern und stößt mich aus dem Zimmer.

»Sie dürfen mich nicht angreifen«, sage ich, »ich werde mich über Sie beschweren.«

»Ich habe Sie nicht angegriffen«, schreit der Oberaufseher, »Sie lügen.«

»Nicht ich lüge«, sage ich.

Eine Stunde später werde ich zum Festungsvorstand gerufen, dem Staatsanwalt Hoffmann, einem zärtlichen Vater, oft stand ich am Gitterfenster und sah ihm zu, wie er mit seinem Kind spielte.

Jetzt sitzt er breit, sein kurzes Kinn eingezogen, den wulstigen Nacken versteifend, auf seinem Stuhl, die fleischige Linke trommelt auf der Tischplatte, die Rechte zückt drohend ein Papier:

»Hier ist eine Meldung, Sie haben einen deutschen Mann der Lüge geziehen.«

»Ich bin ebenso wie der Oberaufseher in Deutschland geboren.«

»Antworten Sie auf meine Frage.«

»Ja, der Oberaufseher sprach die Unwahrheit, er hat mich ...«

»Sie geben die Meldung zu, ich verfüge Einzelhaft bis auf weiteres, drei Tage Bettentzug, Hofentzug, Schreibverbot und die üblichen Nebenstrafen.«

Aufseher führen mich in die Einzelhaftzelle, ich fasse Minuten nicht, daß ein Mensch diese Gewalt über mich übt. Ich brülle, trommle gegen Tür und Wände, der Aufseher öffnet die Tür, ich packe den Schemel und bin mir im gleichen Augenblick unheimlich bewußt, daß ich zum Mörder werden könnte, daß niemand vor solcher Tat gefeit ist.

Ich muß etwas tun, ich muß diesem Staatsanwalt zeigen, daß seine Gewalt Grenzen hat, ich trete in den Hungerstreik.

Hunger tut nicht weh am ersten Tag, am zweiten fühlt man im Magen bohrenden Schmerz, am dritten beginnt der Mensch zu fiebern, dumpf und fühllos vergißt er den Hunger.

Am vierten Tag abends wird die Strafe des Bettentzugs aufgehoben, Zeitungen hatten sich meiner angenommen. Ich breche den Hungerstreik ab und bitte um etwas Nahrung. Der Aufseher bringt mir eine Tasse Wasserkakao und ein Stück Brot, ich stürze die Bissen hinunter, jetzt kommt der Hunger wieder, ich warte eine halbe Stunde, ich halte es nicht mehr aus vor Hunger, ich bitte den Aufseher um ein Stück Brot.

»Der Herr Staatsanwalt hat nur ein Stück Brot erlaubt.«

Wieder kriecht eine halbe Stunde, ich werde verrückt vor Hunger.

An diesem Abend spielt die Volksbühne in Berlin zum erstenmal mein Drama »Masse Mensch«. Ach, mir wäre ein Stück Brot lieber.

Ich klingle wieder nach dem Wärter.

»Was wollen Sie?«

Ich schreie den Aufseher an: »Ich verlange, daß Sie den Staatsanwalt fragen, ob Sie mir Brot bringen dürfen.«

Wie ein Hund, der die Stimme seines Herrn hört, zuckt der Aufseher zusammen, mein barscher Ton weckte den Untertanen, er schlägt die Hacken zusammen und geht zum Staatsanwalt.

Eine Viertelstunde später wird die Zellentür aufgeschlossen. Endlich bekomme ich Brot!

»Der Herr Staatsanwalt läßt sagen, er habe nur ein Stück Brot gestattet, dabei bleibt es, Sie hätten nicht in den Hungerstreik treten sollen, Strafe muß sein, läßt er Ihnen auch sagen.«

Der Aufseher schlägt die Tür zu und dreht das Licht ab.

Ich werde diese Nacht nie vergessen. Im Dunkel taste ich nach dem Tisch und suche zerstreute Brotkrumen. Am nächsten Morgen verweigert der Magen die Kaffeebrühe.

Die Staatsanwälte, die man aus München nach Niederschönenfeld versetzt hat, verzeihen uns nicht, daß wir sie klein gesehen haben, daß sie sich vor uns fürchteten, daß sie bereit waren, sich auf den »Boden der Tatsachen« zu stellen, wenn sie uns schikanieren, rächen sie sich für ihre eigene Feigheit.

 

Ein Verlag in London schickt mir die englische Buchausgabe von »Masse Mensch«. Das Buch wird »wegen Fremdsprachigkeit« beschlagnahmt.

 

Der Herausgeber einer Anthologie bittet mich um einen Beitrag, ich schicke eine kleine Erzählung, die Erzählung wird beschlagnahmt. Da ich keine Abschrift besitze, bitte ich um Rückgabe. »Bewilligt«, antwortet der Staatsanwalt, »wenn Toller sich verpflichtet, niemals von der Tatsache der Beschlagnahme Erwähnung zu tun.«

 

Ich bitte den Staatsanwalt um die Erlaubnis, für meinen Hut einen Karton zu besorgen. »Abgelehnt aus Sicherheitsgründen«, heißt seine Antwort, »Hut kann man auch in Zeitungspapier oder dergleichen einhüllen. Falls er hier nicht benötigt wird, heimsenden.«

Ich schreibe an einen Freund nach Berlin eine Karte, sie enthält die Worte: »Beste Grüße sendet Ihnen E.T.« Die Karte wird wegen »verschleierten Inhalts« beschlagnahmt.

 

Nach den Festungsbestimmungen dürfen wir Zeitungen halten, während eines Monats wird die »Frankfurter Zeitung« zweiundzwanzigmal, die »Freiheit« zwanzigmal, die »Rote Fahne« dreißigmal beschlagnahmt.

 

M. wird mit Einzelhaft bestraft, weil er »beim Rapport eine Bewegung mit dem linken Fuß machte, mit der er dem Vorstand seine Nichtachtung bezeugen wollte«.

 

Der Festungsgefangene Walter erhält Einzelhaft »zwecks Charakterfeststellung«, weil an seinem Bett ein Eisen locker ist. Walter beschwert sich, am nächsten Tage werden ihm acht Tage hartes Lager diktiert, weil er sich beschwert hat. Walter beschwert sich beim Oberstaatsanwalt, weil er gewagt hat, sich wieder zu beschweren, wird er mit drei Tagen Wasser und Brot bestraft. Der Festungsgefangene Erich Mühsam erlaubt sich, den Vorstand auf den krankhaften Geisteszustand von W. aufmerksam zu machen, Mühsam wird mit sieben Wochen Einzelhaft bestraft. »Es soll Mühsam Gelegenheit gegeben werden«, schreibt der Vorstand, »darüber nachzudenken, ob es ihm zukommt, durch die Einmischung in die Angelegenheiten der anderen Gefangenen sich eine Führerrolle anzumaßen.« Einige Wochen später muß Walter in eine Heilanstalt überführt werden.

 

Der Festungsgefangene Ta. wird während eines Jahres mit 149 Tagen Einzelhaft, 243 Tagen Schreibverbot, 70 Tagen Hofentzug, 168 Tagen Besuchsverbot, 217 Tagen Paketverbot, 14 Tagen Bettentzug, 8 Tagen Dunkelarrest und 24 Tagen Kostentzug bestraft.

Im Reichstag rechtfertigt der bayerische Staatsanwalt Emminger unsere Behandlung, die Gefangenen Niederschönenfelds seien »rote Bestien«.

Der Mörder Eisners, Graf Arco, ist nicht bei uns, für ihn wurde eine eigene Festung in Landsberg am Lech bestimmt, für ihn gelten die Strafverschärfungen nicht, er vergnügt sich in der Stadt und auf benachbarten Gütern.

 

Ich fasse das Leid nicht, das der Mensch dem Menschen zufügt. Sind die Menschen von Natur so grausam, sind sie nicht fähig, sich hineinzufühlen in die Vielfalt der Qualen, die stündlich, täglich Menschen erdulden?

Ich glaube nicht an die »böse« Natur des Menschen, ich glaube, daß er das Schrecklichste tut aus Mangel an Phantasie, aus Trägheit des Herzens.

Habe ich nicht selbst, wenn ich von Hungersnöten in China, von Massakres in Armenien, von gefolterten Gefangenen auf dem Balkan las, die Zeitung aus den Händen gelegt und, ohne innezuhalten, mein gewohntes Tagwerk fortgesetzt? Zehntausend Verhungerte, tausend Erschossene, was bedeuteten mir diese Zahlen, ich las sie und hatte sie eine Stunde später vergessen. Aus Mangel an Phantasie. Wie oft habe ich Hilfesuchenden nicht geholfen. Aus der Trägheit meines Herzens.

Würden Täter und Tatlose sinnlich begreifen, was sie tun und was sie unterlassen, der Mensch wäre nicht des Menschen ärgster Feind.

Die wichtigste Aufgabe künftiger Schulen ist, die menschliche Phantasie des Kindes, sein Einfühlungsvermögen zu entwickeln, die Trägheit seines Herzens zu bekämpfen und zu überwinden.

 

Manche Sozialisten verspotten die Idee der Freiheit als eine bürgerliche Illusion, sie unterscheiden nicht zwischen Freiheit als Lebensgefühl, als Gewissen, das dem Menschen Würde und Selbstachtung verleiht, und Freiheit als Lebensordnung, als Lebensform. Jede Form bedeutet Begrenzung. Jede politische und soziale Ordnung muß notwendig individuelle Freiheiten einschränken. Entscheidend ist nur der Grad der Einschränkung. Arbeiter und Bauern haben dafür feineren Instinkt. Auch für die Rangverschiedenheit der Menschen. Gewiß, der Sozialismus wird auf einer Ebene Gleichheit kennen: Jeder wird das gleiche Recht auf Nahrung, Wohnung, Bildung haben. Aber auf anderer Ebene wird gerade der Sozialismus eine gestufte Rangordnung schaffen. Menschen, die fähig sind, politische, soziale und kulturelle Reiche zu verwalten, werden eine Aristokratie nicht der Geburt, sondern des Geistes, der Leistung, der Bewährung bilden. Mit höheren Pflichten berufen, nicht mit materiellen Vorrechten ausgestattet.

 

Die freiheitlichen Zeitungen hören nicht auf, das Unrecht in Niederschönenfeld anzuprangern, da erfindet die bayerische Regierung ein Komplott der Gefangenen. In deutschen Zeitungen ist unter der Schlagzeile »Neue Putschversuche Mühsams und Tollers« zu lesen:

»In der letzten Zeit haben sich Anhaltspunkte dafür ergeben, daß in der Gefangenenanstalt Niederschönenfeld zum Sturz der Regierung und zur Einführung der Räterepublik ein anscheinend weitverzweigtes hochverräterisches Komplott angezettelt worden ist. Das in allen Einzelheiten festgelegte hochverräterische Unternehmen sollte nach Entwaffnung der Einwohnerwehren ins Werk gesetzt werden. Eine Durchsuchung bei den Gefangenen hat diesen Verdacht bestätigt.«

Wie man in einem Gefängnis, das von Mauern gegürtet, von Stacheldrahtverhauen und spanischen Reitern umwehrt, mit Kanonen und Maschinenpistolen bespickt, von vielfachen Postenketten zerniert ist, ein weitverzweigtes Komplott anzetteln kann, wird sich mancher Leser gefragt haben. Die Schauernachricht war nicht nur fürs Inland gedacht, sie sollte die Notwendigkeit der Einwohnerwehren, deren Auflösung Frankreich forderte, dartun.

Uns Gefangene läßt man die Zeitungen nicht lesen. Eines Morgens werden unsere Zellen geöffnet, nur mit dem Hemd bekleidet, werden wir von fremden Aufsehern in leere Zellen getrieben, strenge Einzelhaft wird über alle verhängt. Erst nach Wochen erfahren wir von unserm Plan, die Zensur läßt eine französische Zeitschrift passieren, die davon berichtet.

Nach Rathenaus Ermordung erinnert sich der Reichstag der Republikaner, die in deutschen Zuchthäusern und Gefängnissen verkümmern, eine allgemeine Amnestie soll sie befreien. Welche Hoffnungen erregt diese Nachricht, endlich werden wir frei, nach drei Jahren frei, vergessen sind die grauen Tage, die schlaflosen Nächte, die Qual des Herzens, die Entbehrungen des Geistes, vergessen die Stunden der Verzweiflung, des Verzagens, wie oft war der Tod uns näher als das Leben, bald werden wir atmen können unter freiem Himmel, bald werden wir die Sterne leuchten sehen in warmen Sommernächten, haben wir nicht schon vergessen, wie zärtlich der Abendwind über die Felder streicht, wir werden bei unseren Kameraden sein, wir werden Frauen finden, die wir lieben und die uns lieben. Sehnsüchtig warten wir auf die Botschaft, die das Kerkertor öffnet, wir umarmen uns, wir lachen, wir singen, der Hader ist vergessen, wir packen unsere Habseligkeiten, wir ziehen festtägliche Kleidung an, wenn die Nachricht kommt, werden wir bereit sein, länger als Minuten soll das Gefängnis uns nicht mehr halten. Der Wärter bringt mir eine Depesche, ein Reichstagabgeordneter telegraphiert, daß die Amnestie beschlossen sei. Müde vor Glück geben wir uns stumm die Hand.

Was ist geschehen? Tagelang bekommen wir keine Zeitungen. Tagelang keine Briefe.

Endlich erfahren wir: Die bayerische Regierung hat im Reichstag erklärt, das Reich habe kein Recht, Amnestien für Bayern zu erlassen, und gedroht, sie werde das Gesetz nicht durchführen. Der Reichstag beugt sich, alle politischen Gefangenen werden entlassen, nur die bayerischen bleiben gekerkert.

Ein Gefangener fällt bei der Nachricht in epileptische Krämpfe, ein anderer versucht, sich aufzuhängen. Die andern gehen still in ihre Zellen, die Wände schieben sich zusammen, als wollten sie uns erdrücken.

Die Wachen am Gitter vor dem Gefängnis sind verstärkt, Zeitungen und Briefe werden nicht verteilt. Wir leben in erregter Unruhe und wissen nicht, was »draußen« sich begibt. Auf unsere Fragen antworten die Aufseher, wir sollten nicht bestraft, sondern geschützt werden. Endlich erfahren wir die Wahrheit.

Adolf Hitler, dessen Partei in den letzten Jahren ständig wuchs, hat am 7. November mit Hilfe des Generals Ludendorff einen Putsch angezettelt. In einem Münchener Bierkeller erklärte er die Regierung für abgesetzt und sich zum Diktator. Er ließ nachts eine Anzahl angesehener jüdischer Bürger verhaften, kündigte den Marsch auf Berlin an und schwur, morgen werde er tot oder Sieger sein.

Im Bierkeller war die Begeisterung groß.

Am anderen Tage, als Hitler und Ludendorff an der Spitze einer Demonstration durch die Luitpoldstraße zogen, marschierte Reichswehr gegen die Putschisten. An der Feldherrnhalle eröffneten die Soldaten das Feuer, einige Nationalsozialisten stürzten tot zu Boden, Ludendorff und Hitler warfen sich auf den Bauch, was niemand ihnen verübeln wird, und zogen sich dann mit ihren Anhängern zurück.

Der Justizminister hatte Nachrichten erhalten, daß eine Gruppe der Völkischen uns im Gefängnis überfallen und ermorden wollte, darum die verstärkten Wachen.

Hitler ist wegen Hochverrats angeklagt, man merkt deutlich, daß die republikanischen Richter mit ihm sympathisieren. Er wird zu fünf Jahren Festung verurteilt, eigentlich müßte er jetzt nach dem geltenden Recht die Bewährungsfrist für die Versammlungssprengung verlieren und auch die damals über ihn verhängte Gefängnisstrafe verbüßen. Davon ist keine Rede.

Wie anders behandelt man meine sozialistischen Freunde. Der achtzehnjährige Lorenz Popp, der zu fünfzehn Monaten Festung verurteilt war und zwölf Monate in Niederschönenfeld verbrachte, schickte mir nach seiner Entlassung einen Brief, er schriebe jetzt für eine sozialistische Zeitung Aufsätze über kulturelle Probleme des Proletariats. Sein Brief wurde beschlagnahmt, er selbst verhaftet, er verlor die Bewährungsfrist und muß jetzt den Rest seiner Strafe verbüßen.

Aus den Reihen der Völkischen stammen die Mörder Erzbergers und Walther Rathenaus. Es besteht, schreiben die Zeitungen, in der Partei eine Femeorganisation, deren Aufgabe es sei, gefährliche Gegner »umzulegen«.

Vor Rathenaus Ermordung sangen völkische Studenten ein Lied, das die Strophe enthielt:

Knallen die Gewehre – tak, tak, tak
aufs schwarze und aufs rote Pack.
Auch Rathenau, der Walther,
erreicht kein hohes Alter,
knallt ab den Walther Rathenau,
die gottverdammte Judensau!

Ich erkranke an einer schmerzhaften Zahnsepsis, in Niederschönenfeld wohnt kein Zahnarzt, ich fahre, von einem Wächter bewacht, nach Neuburg.

Es muß gar nicht schwer sein zu entkommen, wir haben eine schmale, stille Gasse passiert, in die an einer Kreuzung drei Straßen münden, ich gebe dem Wärter einen Stoß, renne fort, steige in den Zug, steige an der nächsten Station aus, Freunde werden mir helfen, ich fliehe nach Österreich. Das nächste Mal werde ich den Plan durchführen.

Bevor ich wieder nach Neuburg fahre, habe ich das Drama »Hinkemann« zu schreiben begonnen. Dieses Mal soll ein anderer Gefangener mit mir fahren, ich sage ihm meinen Plan, wir werden gemeinsam fliehen. Eine Bedingung habe ich gestellt: er muß so lange warten, bis ich das Stück beendet habe. Einige Tage später sagt mir der Gefangene: »Ich warte nicht länger, morgen fahre ich zum Zahnarzt, sag, daß dich Schmerzen plagen, dann fährst du mit, diesmal türmen wir.« Ich bin mitten im dritten Akt, morgen früh will ich die letzte Szene schreiben, ich habe sie aufgebaut, ich sehe sie bildhaft vor mir, morgen wird sie mir gelingen, ich weiß es, später nicht mehr, ich darf nicht nachlassen, nicht unterbrechen. Ich kann nicht schlafen, soll ich fliehen, soll ich schreiben, soll ich fliehen, soll ich schreiben? Ich melde mich nicht zum Zahnarzt, mein Freund fährt allein, er flieht, die Flucht gelingt. Am gleichen Tag verbietet das Justizministerium die Reisen zum Zahnarzt.

Einen Tag lang bereue ich, daß ich 1919 die Begnadigung abwies, nach sechs Monaten Haft. In Berlin wurde mein Drama »Die Wandlung« gespielt, mehr als hundertmal, der bayerische Justizminister wollte eine Geste der Großmut zeigen und mich freilassen. Ich verzichtete auf den Gnadenakt, ihn annehmen, hieß die Heuchelei der Regierung unterstützen, es widerstrebte mir hinauszugehen, während die Arbeiter weiter gefangen bleiben sollten.

 

Nicht jeder Fluchtversuch gelang, den kuriosesten unternahm mein Freund K. Auf dem Hof steht ein Aborthäuschen, jeden Tag verschwindet er darin auf eine halbe Stunde, löst vom Fußboden die Bretter, gräbt mit den Händen ein Erdloch, schüttet den Sand in den Abort und befestigt wieder die Bretter. Als das Loch so tief ist, daß er gebückt darin stehen kann, steigt er hinein und legt die Bretter über seinen Kopf. Wir verlassen den Hof, er bleibt unten, bei Einbruch der Nacht will er hinaussteigen, den Zaun überklettern und davonlaufen. Aber die Wärter merken schon am Tor, daß ein Gefangener fehlt. Das Gefängnis wird durchsucht, vergeblich. Der Hof ist leer, ein Wärter geht in das Aborthaus, der schwere Mann tritt auf den Fußboden, in diesem Augenblick hustet mein Freund K., der Wärter sieht sich erstaunt um, einen Augenblick glaubt er, er selbst habe gehustet, da hustet mein Freund K. zum zweitenmal und wird entdeckt. –

Mein Zellennachbar heißt Hans. Oft sitze ich bei ihm, er erzählt Geschichten aus seinem Leben. Eine habe ich aufgezeichnet.

 

»Mit drei Mark fünfzig habe ich angefangen. In der Schwanthalerstraße kaufte ich eine Uhr dafür, die ich am selben Tage wieder für sieben Mark verkaufte. Für dieses Geld kaufte ich zwei Uhren und machte weiter. Gelegentlich kam ich auch mit anderen Händlern zusammen, die mich auf einen neuen Trick brachten. Einer von ihnen handelte mit Heiligenbildern von Altötting und hatte Flaschen, in denen im Spiritus ein Stück Holz schwamm. Der sagte mir, daß er diese billig hergestellten Fläschchen für teures Geld bei den Bauern als Reliquien verkaufe und ihnen weismache, das Holz sei ein Splitter vom Kreuz Christi. Das kann man natürlich nur in Gegenden machen, wo keine Bahn hinkommt und auch sonst die Bevölkerung noch vollkommen unter dem Bann der Pfaffen steht. Ich schrieb gleich an Maria Huld, die Händlerin in München, und sie schickte mir eine Anzahl Heiligenbilder nach Zwiesel. Ich kaufte kleine gläserne Röhrchen und richtete sie so zu als Reliquie, wie ich es gesehen hatte. Für eines dieser Fläschchen habe ich einmal vierzig Mark bekommen, unter zehn Mark habe ich keines abgegeben. Die Bilder, die mich ein paar Pfennige kosteten, habe ich für fünfzig Pfennig verkauft, aber ich focht noch dazu Fleisch, Eier und Butter und erhielt so viel, daß ich alle Tage noch größere Mengen in den Herbergen verkaufen konnte, und stand bei den Bauern im Geruch eines Heiligen. Um dieses Geschäft noch besser ausüben zu können, ließ ich mir von einem Handwerksburschen eine italienische Fleppe machen und sagte, ich sei in Rom gewesen.

Wie ich den Bayrischen Wald so ziemlich abgegrast hatte, ging ich mit Bildern und Uhren nach Tirol. Außerdem hatte ich Ringe bei mir für alle Berufe, mit Kegel und Kugel für Huren, mit Nachteulen für Förster.

Wie ich mit Bildern handelte, kam ich auch einmal zu einem Bauern, und weil mir schon so viel geglückt war, bin ich frecher geworden und dachte mir, wenn die so närrisch sind auf die Bilder, dann kannst du auch mal was zu stopfen bekommen. Dem Bauern sagte ich, ich wäre in Rom gewesen und ähnliches mehr, was ich schon früher erzählte. Der Bauer war über meine weiten Reisen sehr verwundert. Ich sagte, da muß man das Sach verkaufen, was an sich schon eine Sünd ist, und muß umherlaufen, und das, was der Mensch auch zum Leben braucht, den geschlechtlichen Trieb, kann man nicht befriedigen. Daß mal ein Bauer so vernünftig wäre und sagen würde, du kannst meine Frau auch haben, wie es in Italien ist, das fällt keinem ein. Ja, sagte der Bauer, so was tut man doch nicht. Ich antwortete ihm, in Italien ehren die die Pilger viel besser als im Bayrischen Wald, und machte noch mehr solche Krämpfe. Darauf der Bauer, ja wenn meine Alte nicht so empfindlich wäre in dieser Sache, schließlich brauchte sie es ja gar nicht zu wissen, ich red' schon mit ihr, dann wirst du es schon sehen. Abends lag ich in ihrem großen Ehebett. Er in der Mitte. Ich und sie auf der Seite. Und richtig, er stellte sich schlafend. Ich sagte, von einem Pilger mußt du es dir gefallen lassen. Was sie auch gerne tat.«

 

Je mehr ich mich an die Gefangenschaft gewöhne, je mehr die Haft zum Alltag wird, desto stärker bedrängen mich die Erlebnisse der Revolution. Ich war gescheitert, ich hatte geglaubt, daß der Sozialist, der Gewalt verachtet, niemals Gewalt anwenden darf, ich selbst habe Gewalt gebraucht und zur Gewalt aufgerufen. Ich haßte Blutvergießen und habe Blut vergossen. Doch als sich mir im Gefängnis Stadelheim Gelegenheit bot zu entfliehen, lehnte ich den Fluchtplan ab, weil er einem Wärter das Leben kosten konnte. Was erwartet den Menschen, frage ich mich, der in die Geschicke der Welt eingreifen will, also zum politischen Handelnden wird, wenn er die als recht erkannte sittliche Idee im Kampf der Massen verwirklichen will? Hatte Max Weber mit dem Wort recht, daß, wollten wir dem Übel nirgends mit Gewalt widerstehen, wir so leben müßten wie Franz von Assisi, daß es für die absolute Forderung nur einen absoluten Weg gäbe, den des Heiligen? Muß der Handelnde schuldig werden, immer und immer? Oder wenn er nicht schuldig werden will, untergehen? Treiben die Masse sittliche Ideen, treiben sie nicht vielmehr Not und Hunger? Kann sie je siegen, wenn sie vom Kampf abläßt um sittlicher Ideen willen? Ist der Mensch nicht Individuum und Masse zugleich? Spielt sich der Kampf zwischen Individuum und Masse nur in der Gesellschaft ab, nicht auch im Innern des Menschen? Als Individuum handelt er nach der als recht erkannten moralischen Idee. Ihr will er dienen, und wenn die Welt dabei zugrunde geht. Als Masse wird er getrieben von sozialen Impulsen, das Ziel will er erreichen, auch wenn er die moralische Idee aufgeben muß. Unlösbar scheint mir dieser Widerspruch, weil ich ihn handelnd erlebt hatte, und ich suche, ihn zu formen. So entsteht mein Drama »Masse Mensch«.

Die sinnliche Fülle der Erlebnisse war so stark, daß ich ihrer nur Herr werden konnte durch Abstraktion, durch die dramatische Auflichtung jener Linien, die den Grund der Dinge bestimmen.

In wenigen Tagen schreibe ich das Stück, abends um neun erlischt das Licht in den Zellen, eigenes Licht ist verboten, ich verhänge den Tisch mit einer Decke, ich lege mich flach auf den Boden und schreibe beim Schein einer Kerze weiter, bis zum Morgen.

Das Stadttheater in Nürnberg führt das Drama auf, es hat ein merkwürdiges Schicksal, die einen sagen, es sei konterrevolutionär, weil es die Gewalt verwerfe, die anderen, es sei bolschewistisch, weil die Trägerin der Gewaltlosigkeit untergehe.

Mancher Kritiker warf dem Stück vor, es sei nicht tendenzlos.

Was nennt der bürgerliche Kritiker tendenzlos? Jene Summe von Betrachtungsarten, Gefühlsreaktionen und Erkenntnissen, die das bestehende Herrschaftsverhältnis geistig legitimieren.

Nur eine Form der Tendenz ist dem Künstler nicht erlaubt, die der Schwarz-Weiß-Zeichnung, die den Menschen der einen Seite als Teufel bildet, den der andern als Engel. Die höhere Idee ist entscheidend. Es ist denkbar, daß in einem dichterischen Werk die zentrale Figur einen Bürger mit »reinem Herzen« darstellt, den idealen »guten« Menschen, trotzdem widerlegt er durch die Divergenz zwischen persönlichem Tun und dem Tun der herrschenden Mächte das System der Gesellschaft, in der er lebt.

Der Künstler soll nicht Thesen begründen, sondern Beispiele gestalten. Viele große Werke der Kunst sind politische Dichtungen, doch darf man politische Dichtung nicht mit Propaganda verwechseln, die sich dichterischer Mittel bedient. Diese dient ausschließlich Tageszwecken, sie ist mehr und weniger als Dichtung. Mehr, weil sie die Möglichkeit birgt, im stärksten, im besten hypothetischen Fall den Hörer zu unmittelbarer Aktion zu treiben, weniger, weil sie nie die Tiefe auslotet, die Dichtung erreicht, dem Hörer die Ahnung vom tragischen Grund zu vermitteln, aus dem Leben und Kunst wachsen, oder, nach dem Wort Hebbels, an den Schlaf der Welt zu rühren.

Die große reine Form ist immer das tendenzlos Ewige; aber wie der Ton eine bestimmte Höhe oder Tiefe erreichen muß, damit das menschliche Ohr ihn höre, muß auch das dichterische Werk in bestimmter Höhen- oder Tiefenlage klingen, damit die Zeit es vernehme.

Die bayrische Regierung verbietet die Aufführungen von »Masse Mensch«, sogar die geschlossenen Vorstellungen, sie stützt sich auf eine Beschwerde des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der sich durch die Börsenszene beleidigt fühlt.

Die vertraute Nähe so vieler Menschen bereichert mein Wissen, ich erfahre mehr vom Arbeiter, als tausend Bücher und Statistiken mir erzählen können. Ich lese die Briefe der Frauen und Kinder, die Antworten der Männer, ich beobachte ihre Nöte und ihre Freuden, ihre Schwächen und ihre Tugenden, wie herrliche Kräfte sind hier verschüttet. Manch einer gewinnt im Gefängnis zum erstenmal die Zeit, Bücher zu lesen, mit welchem Eifer durchforscht er sie. Einer, der kaum wußte, was das Wort Philosophie bedeutet, beginnt, Kant zu studieren, anfangs schmerzt ihn der Kopf, wenn er ein paar Zeilen gelesen hat, bald ist er fähig, sich zu vertiefen und die schwierigsten philosophischen Fragen zu begreifen. Andere, von der Politik enttäuscht, ziehen sich zurück, wenden sich religiösen Lehren zu, auch der Kommunismus war für sie eine metaphysische Sehnsucht, sie ertragen es lächelnd, wenn die Kameraden sie Renegaten schelten. Das Klischeebild, das ich mir vom Proletarier gebildet hatte, zerfällt, ich beginne, ihn zu sehen, wie er ist, jenseits der politischen Demagogie.

Der bewußte aktive Proletarier des zwanzigsten Jahrhunderts, den Maschine und Großstadt geschaffen, ist weder ein moralischer Heiliger noch ein Gott, er ist der historische Träger einer Idee, des Sozialismus, seine Art ist zeit- und klassengebunden, wenn der Sozialismus sich erfüllt und die Klassen aufhebt, wird auch der Proletarier untergehen. Sind die »aufgeklärten« Massen des zwanzigsten Jahrhunderts gefestigter als die »unwissenden« im neunzehnten? Wie leicht lassen sich auch jetzt Massen von Stimmungen, von Versprechungen, von Hoffnungen auf neue Vorteile lenken und ablenken, heute jubeln sie dem Führer zu, morgen verdammen sie ihn, heute stehen sie zu ihrer Sache, morgen geben sie sie preis; wie leicht wird es großen Volksrednern, sie zu Handlungen blinder Leidenschaft hinzureißen. Ich habe den sozialen Boden sehen gelernt, der diese seelischen Schwankungen bedingt, die große Not des Tages, die die Kraft lähmt, die Abhängigkeit des Menschen vom Arbeitsmarkt, von der Maschine.

Die Macht der Vernunft, glaubte ich, sei so stark, daß, wer einmal das Vernünftige erkannt hat, ihm folgen muß. Erkenntnisse werden vergessen, Erfahrungen werden vergessen, mühselig ist der Weg des Volkes, nicht der Gegner schlägt ihm die härtesten Wunden, es schlägt sie sich selbst.

Diese Konflikte und den Zusammenprall von Rebellen und Revolutionären, den Kampf des Menschen mit der Maschine und seine Gefährdung, versuche ich, in meinem Drama »Die Maschinenstürmer« zu bilden, in der Historie der Ludditen fand ich mannigfaltige Parallelen.

Am Tage der Uraufführung in Max Reinhardts Großem Schauspielhaus in Berlin wurde Rathenau von völkischen Studenten ermordet. Als im letzten Akt des Dramas das Volk, von einem Verräter gestachelt, seinen Führer erschlägt, erheben sich spontan die fünftausend Menschen, die Bühne ward zur Tribüne der Zeit.

 

An der Wand meiner Zelle flirren Sonnenlichter. Zwei eirunde Flecke bilden sich, wie sähe der Mensch das Leben, den der Krieg entmannt hat, ist der gesunde Mensch nicht mit Blindheit geschlagen? Minuten später schreibe ich die Fabel zu meinem Drama »Hinkemann«.

Auch der Sozialismus wird nur jenes Leid lösen, das herrührt aus der Unzulänglichkeit sozialer Systeme, immer bleibt ein Rest. Aber soziales Leid ist sinnlos, nicht notwendig, ist tilgbar.

Als das Stück im Dresdener Staatstheater aufgeführt wird, kommt es zu wüsten Tumulten, ein völkischer Herr Mutschmann hat sie organisiert, einer Wohlfahrtskasse entnahm er Geld und kaufte achthundert Eintrittskarten für Studenten, Handlungsgehilfen, Schüler. Jedem dieser achthundert Schau- und Radaulustigen war ein Zettel in die Hand gesteckt, mit jenen kriegsfeindlichen Sätzen aus meinem Drama, die das Signal zum Theaterskandal geben sollten. Die erste Szene wird gespielt, die achthundert sehen sich bestürzt an, die Stichworte fallen nicht, der Regisseur hat sie gestrichen. In der zweiten Szene endlich fällt das Stichwort, nun ist kein Halten mehr. Trillerpfeifen schrillen, das Deutschlandlied wird gegrölt.

Eine Episode des Stücks spielte das Leben vorweg.

In der Loge des ersten Ranges bricht ein Mensch inmitten der Aufregung zusammen, vom Herzschlag getroffen, die Nachbarn bitten die Rowdys, sie möchten auf den Sterbenden Rücksicht nehmen. Einer neigt sich über ihn, betrachtet sachkundig sein Gesicht, sieht die gebogene Nase und wendet sich zu seinen Kumpanen: »Es ist nur ein Jud«, sagt er. Die anderen toben weiter.

 

Ich denke an meine frühe Jugend, an den Schmerz des Knaben, den die anderen Buben »Jude« schimpften, an mein kindliches Zwiegespräch mit dem Bild des Heilands, an die schreckliche Freude, die ich empfand, wenn ich nicht als Jude erkannt wurde, an die Tage des Kriegsbeginns, an meinen leidenschaftlichen Wunsch, durch den Einsatz meines Lebens zu beweisen, daß ich Deutscher sei, nichts als Deutscher. Aus dem Feld hatte ich dem Gericht geschrieben, es möge mich aus den Listen der jüdischen Gemeinschaft streichen. War alles umsonst? Oder habe ich mich geirrt? Liebe ich nicht dieses Land, habe ich nicht in der reichen Landschaft des Mittelländischen Meers gebangt nach den kargen, sandigen Kiefernwäldern, der Schönheit der stillen versteckten Seen des deutschen Nordens? Rührten mich nicht die Verse Goethes und Hölderlins, die ich als wacher Knabe las, zu dankbarer Ergriffenheit? Die deutsche Sprache, ist sie nicht meine Sprache, in der ich fühle und denke, spreche und handle, Teil meines Wesens, Heimat, die mich nährte, in der ich wuchs?

Aber bin ich nicht auch Jude? Gehöre ich nicht zu jenem Volk, das seit Jahrtausenden verfolgt, gejagt, gemartert, gemordet wird, dessen Propheten den Ruf nach Gerechtigkeit in die Welt schrien, den die Elenden und Bedrückten aufnahmen und weitertrugen für alle Zeiten, dessen Tapferste sich nicht beugten und eher starben, als sich untreu zu werden? Ich wollte meine Mutter verleugnen, ich schäme mich. Daß ein Kind auf den Weg der Lüge getrieben wurde, welch furchtbare Anklage gegen alle, die daran teilhatten.

Bin ich darum ein Fremder in Deutschland? Hat allein die Fiktion des Blutes zeugende Kraft? Nicht das Land, in dem ich aufwuchs, die Luft, die ich atmete, die Sprache, die ich lebe, der Geist, der mich formte? Ringe ich nicht als deutscher Schriftsteller um das reine Wort, das reine Bild? Fragte mich einer, sage mir, wo sind deine deutschen Wurzeln, und wo deine jüdischen, ich bliebe stumm.

In allen Ländern regt sich verblendeter Nationalismus und lächerlicher Rassenhochmut, muß ich an dem Wahn dieser Zeit, an dem Patriotismus dieser Epoche teilnehmen? Bin ich nicht auch darum Sozialist, weil ich glaube, daß der Sozialismus den Haß der Nationen ebenso wie den der Klassen überwinden wird?

Die Worte »Ich bin stolz, daß ich ein Deutscher bin«, oder »Ich bin stolz, daß ich ein Jude bin« klingen mir so töricht, wie wenn ein Mensch sagte: »Ich bin stolz, daß ich braune Augen habe.«

Soll ich dem Wahnwitz der Verfolger verfallen und statt des deutschen Dünkels den jüdischen annehmen? Stolz und Liebe sind nicht eines, und wenn mich einer fragte, wohin ich gehöre, ich würde antworten: ›Eine jüdische Mutter hat mich geboren, Deutschland hat mich genährt, Europa mich gebildet, meine Heimat ist die Erde, die Welt mein Vaterland.‹

 

Unser Freund Hagemeister ist gestorben.

Er erkrankte vor einer Woche, er fühlte die Nähe des Todes, er bat, man möge ihn ins Krankenhaus bringen, das Justizministerium ließ es nicht zu. Sie rissen ihn aus unserer Mitte, sie legten ihn, da in diesem Ehrengefängnis eine Krankenstube fehlt, in Isolierhaft, einen Blindgänger aus dem Krieg stellten sie ihm ans Bett, er solle daran klopfen, wenn er etwas wünsche. Der Gefängnisarzt hielt ihn für einen Simulanten. Zwei Tage vor seinem Tod besuchte ihn seine Frau. Der todkranke Mann durfte nicht mit ihr allein sein. In München kämpfte sie um sein Leben. Sie lief zu Staatsanwälten und Behörden, überall fand sie taube Ohren.

Nachts, in letzter Verlassenheit ist er gestorben. »Sanft entschlafen«, sagt der Staatsanwalt.

Wir dürfen Abschied nehmen von unserem toten Freund, in der kahlen Zelle sitzt er, das Gesicht des vierundvierzigjährigen Mannes ist auf die Brust gesunken, die eine Hand liegt verkrampft auf dem Klapptisch neben der leeren Granate, die andere fällt mit hilfloser Gebärde von der Stütze des Stuhls. Die Wärter sind verstört. Der Staatsanwalt fürchtet eine Meuterei. Es ist ihm unheimlich, daß wir so still sind, er läßt ins Dachgeschoß ein Maschinengewehr schaffen, das den Hof bestreichen kann.

Wir gehen auf den Hof, keiner spricht ein Wort, wir demonstrieren gegen den Mord, ohne Fahnen, ohne Reden. Einer geht hinter dem anderen. Lautlos. Stumm. Eine Stunde gehen wir so. Die Posten vorm Gefängnis sind verstärkt, die Wärter alarmiert, am Maschinengewehr lauern Soldaten. Wir beachten sie nicht. Wir gehen im Quadrat des Hofes, einer hinter dem anderen. Lautlos. Stumm.

 

Ein Schwalbenpärchen hat sich in meiner Zelle eingenistet. Einen Sommer lang lebt es bei mir. Es baut ein Nest, die Schwälbin brütet, das Männchen unterhält sie mit trillerndem Lied. Junge entschlüpfen, die Eltern füttern sie, lehren sie fliegen, eines Tages kehren sie nicht mehr zurück. Wieder ziehen die Alten Junge auf, aber der Frost, der vorzeitig den Sommer überfällt, tötet sie, stumm aneinandergeschmiegt trauern die Eltern um die gestorbenen Kinder. Im Herbst ziehen sie davon in südliche Länder.

Unendlich beschenkt mich dieser Sommer. Die scheuen Tierchen haben sich so an mich gewöhnt, daß sie, wenn ich am Tisch arbeite, auf die Lampe sich setzen und miteinander zwitschern und spielen. Ich bin still und glücklich und dankbar. Was ich gesehen und beobachtet, gefühlt und gedacht, schreibe ich nieder in einem kleinen Buch. Ich nenne es »Das Schwalbenbuch«. Es ist wahrhaftig ein ungefährliches Buch, aber der Staatsanwalt beschlagnahmt das Manuskript. Seine Verbreitung, schreibt er im häßlichen Stil der behördlichen Sprache, würde dem Strafvollzug Nachteile bereiten, das Buch enthalte agitatorische Stellen in solcher Häufung, daß es als Hetze wirke.

Ich beschwere mich beim deutschen Reichstag. Ich schreibe:

»Ich habe nie um Gnade für mich gebeten. Ich will auch heute keine Gnade von Ihnen. Ich erwarte, daß Sie mir zu dem Recht verhelfen, das ich als politischer ›Ehrenhäftling‹ beanspruchen darf. Unter dem barbarischen Regime der Zarenknute war es in Rußland eingekerkerten Schriftstellern möglich, sich die Freiheit des Geistes zu retten. Im Freistaat Bayern wird, im Jahre 1923, die Freiheit des Geistes als Verbrechen geahndet.

Ich habe geschwiegen, als der Festungsvorstand mir vor einigen Monaten in gesetzwidriger Weise verbot, mit einer Verwandten, die Ärztin ist und die mich besuchte, über meinen Gesundheitszustand zu sprechen.

Ich habe, aus dem Gefühl der Verachtung, bei Vorfällen geschwiegen, die ebenso eindeutig das vollkommene Fehlen jeder Rechtsnorm im Strafvollzug für bayerische sozialistische Gefangene dartun.

Ich habe, aus dem Gefühl der Verachtung, geschwiegen, als bayerische Behörden, von der Tribüne des Landtags und in der Presse, mich, den Wehrlosen, mit Schmutz bewarfen.

Ich habe, aus dem Gefühl der Verachtung, geschwiegen, als die Festungsverwaltung durch Beschlagnahme von Zeitungen verhinderte, daß ich wenigstens vom genauen Inhalt der Anwürfe Kenntnis bekäme.

Ich habe mich darauf beschränkt, die unzähligen Eingaben zu unterstützen, die von den Festungsgefangenen bei den verschiedenen Landes- und Reichsstellen eingereicht wurden. Einmal allerdings schwieg ich nicht: als ich nach dem entsetzlichen Tod August Hagemeisters den Anstaltsarzt beim Ersten Staatsanwalt in Neuburg wegen fahrlässiger Tötung anzeigte. Damals mußte ich erkennen, daß es für den sozialistischen Gefangenen in Bayern kein geschriebenes Recht gibt. Ich als Anzeigender wurde nicht einmal vernommen.

Heute wende ich mich an den deutschen Reichstag.

Wollen Sie dulden, daß einem Strafvollzugsbeamten das Recht zugesprochen wird, Werke der deutschen Literatur nach Belieben zu unterdrücken? Wollen Sie dulden, daß ein Gefangener, nur weil er revolutionärer Sozialist ist, in der Republik Deutschland außerhalb des Gesetzes steht?«

Der Reichstag würdigt mich keiner Antwort. Ich helfe mir selbst. Ein Freund stenographiert das Schwalbenbuch auf einen handgroßen Zettel mit winziger Schrift, ein Gefangener, der entlassen wird, trägt ihn in seinem Körper in die Freiheit und sendet ihn dem Verlag, der das Buch druckt.

Der Staatsanwalt rächt sich auf seine Weise. Vögel bauen nur dann in überdachten Räumen, wenn das Fenster nach Osten sich wendet. Ich muß meine Zelle verlassen und in eine nördliche ziehen.

Im nächsten Frühling kommen die Schwalben wieder, kommen von irgendwo, aus Urwaldlandschaft und Sonnentraum. Unter Hunderten von Gefängnissen finden sie unser Gefängnis, unter Hunderten von Zellen meine. Sie beginnen ihr Nestchen zu bauen, auf Befehl des Staatsanwaltes poltern Aufseher in die Zelle und reißen das fast vollendete Nest mit gleichgültig roher Gebärde herunter.

Wie erschrecken die Schwalben, als sie ihre kleine Wohnung nicht mehr finden. Mit ihren Schnäbeln ziehen sie suchend den Halbkreis des Nestes, flattern ängstlich umher, blicken in alle Winkel der Zelle. Aber schon am nächsten Tag beginnen sie wieder zu bauen. Wieder zerstören die Wächter das Nest. Der neue Zelleninsasse, Maurer in einem bayerischen Dorf, schreibt dem Staatsanwalt diesen Brief:

Herr Festungsvorstand!

Ich bitte den Herrn Festungsvorstand, den so schwer geprüften, geduldigen und überaus nützlichen und fleißigen Tierchen ihr so hart und schwer erkämpftes Nestchen belassen zu wollen. Ich erkläre, daß dieselben mich nicht im geringsten stören und auch nichts beschädigen. Erwähnen möchte ich noch, daß in verschiedenen Gefängnissen Schwalbennester sich befinden und dieselben bei schwerer Strafe nicht zerstört werden dürfen.

Hochachtungsvoll Rupert Enzinger aus Kolbermoor.

Staatsanwalt Hoffmann erteilt den lakonischen Bescheid: »Schwalben sollen im Stall bauen, da ist Platz genug.«

Das Nest, das inzwischen sich rundet, verfällt dem Spruch. Dem Gefangenen wird eine Zelle gen Norden gewiesen, die andere zugesperrt.

Verwirrt, leidenschaftlich erregt, fangen die Schwalben gleichzeitig in drei anderen Zellen zu bauen an. Halb sind die Nester geschichtet, doch Wächter entdecken sie, und das Grausame geschieht.

In sechs Zellen baut das Paar. Wer kann wissen, was sie treibt. Vielleicht Hoffnung, daß die Menschen ihnen ein Nest gewähren, aus Einsicht und ein wenig Güte.

Die sechs Nester werden weggefegt.

Ich weiß nicht, wievielmal Aufbau und Zerstörung einander folgten. Sieben Wochen dauert der Kampf, ein heldenhafter, ruhmreicher Kampf bayerischer Rechtsbeschützer wider den Geist tierischer Auflehnung. Ein paar Tage bauen die Schwalben nicht mehr, sie haben verzichtet.

Leise spricht es sich von Gefangenem zu Gefangenem: Sie haben im Waschraum zwischen den Abflußröhren eine Stelle gefunden, wo keiner sie entdecken kann, nicht der Spähblick der Wächter, der von draußen die Gitter abtastet, nicht der Spähblick des Wächters, der von drinnen Verbotenem nachspürt. Selten lebte reinere Freude im Zellengang. So waren die Schwalben doch Sieger geblieben im Kampf mit menschlicher Bosheit. Jeder Gefangene fühlt sich Sieger mit ihnen.

Doch die lauschenden Wächter, an einem Morgen haben sie auch dieses Nest erspäht.

Nun bauen die Schwalben nicht mehr. Abends fliegen sie in eine Zelle, nächtigen dort, eng aneinandergeschmiegt, auf dem Leitungsdraht, fliegen in der Frühe davon. Eines Abends ist das Schwalbenmännchen allein. Die Schwälbin war gestorben.

 

Das letzte Jahr der Haft. So unbändig war mein Freiheitswille all diese Jahre, keine Krankheit, keine Strafe vermochte ihn zu brechen, jetzt, da Wegmeiler die Zeit einhegen, da ich die Tage zu zählen beginne, die mir noch bleiben bis zur Entlassung, geschieht etwas Merkwürdiges: Ich fühle, wie meine Lebenskraft sich mindert, tagelang liege ich apathisch in meiner Zelle, ich freue mich nicht auf die Freiheit, ich ängstige mich vor ihr. Ich ängstige mich vor Verantwortung und Verpflichtung, hier war ich geborgen, das Gefängnis war wie eine Mutter, eine grausame Mutter, sie ordnete meinen Tag, sie gab mir Nahrung, sie befreite mich von äußerer Sorge, jetzt soll ich ins Leben zurückkehren, neue Kämpfe erwarten mich, werde ich sie bestehen? Tausende von Briefen habe ich in diesen Jahren erhalten, viele Menschen warten auf mich, sie haben sich ein Bild von mir geformt, größer als ich bin, sie erwarten Erfüllungen, die ich enttäuschen muß, ich bin ärmer, als sie wähnen. Ich fühle mich schwächer werden von Tag zu Tag, Todesgedanken beschatten meine Nächte, mein Pulsschlag wird leiser, ich wünsche mir den Tod, da er nicht kommt, verwirrt mich die unheimliche Lockung, in einer Nacht bin ich nahe daran, den Tod zu rufen. Am nächsten Tag ist der Alp von mir gewichen. Meine Kraft wächst, ich kann nur sein, was ich bin, ich will das Leben bestehen und werde es bestehen, und wenn ich versage, muß ich es tragen.

Einen Tag vor meiner Entlassung werde ich zum Staatsanwalt gerufen. Freundlich lächelt er mich an.

»Ich habe Ihnen zwei Botschaften zu bringen, Herr Toller, eine frohe und eine weniger frohe. Zuerst die weniger frohe. Eins: Sie sind Preuße. Sie haben nach den Feststellungen der Behörde Ihre Gesinnung nicht geändert, bedeuten also nach wie vor eine Gefahr für die Sicherheit des Landes, die nur durch Wegweisung abgewendet werden kann. Zwei: Zur Sicherung des Vollzugs der Ausweisung sind Sie über die bayerische Grenze zu stellen. Drei: Gebühren bleiben außer Ansatz. Vier: Die Kosten des Verfahrens und des Vollzugs haben Sie zu tragen. Und jetzt die frohe Botschaft: Sie sollten erst morgen ein Uhr achtzehn Minuten entlassen werden, Ihnen wird ein Tag Ihrer Haft geschenkt, Sie dürfen schon heute zu Ihren lieben Angehörigen heimfahren, die beiden Herren«, er weist auf zwei Kriminalbeamte, die sich verneigen und ihre Melonen lüften, »werden Sie bis zur sächsischen Grenze begleiten.«

»Wann geht der nächste Zug?« frage ich Herrn Hoffmann.

»Sorgen Sie sich nicht darum, Herr Toller, die Reiseroute haben wir gewählt, größere Städte, besonders Industrieorte, werden vermieden, was sollen Ihnen Demonstrationen der Arbeiter, Sie sehnen sich gewiß nach Ruhe, trotz des kleinen Umwegs werden Sie am 16. Juli morgens wohlbehalten die sächsische Grenze passieren, so bleiben Ihnen immerhin einige unverhoffte Stunden.«

Ich darf nicht mehr zu meinen Kameraden zurückkehren, ich muß mich splitternackt ausziehen, Körper, Anzug und Wäsche werden durchsucht, ich packe meine Sachen, die Herren Kriminalbeamten nehmen mich in die Mitte, das Gefängnistor öffnet sich, ich atme die Luft des unvergitterten Himmels. Auf dem Weg zur Bahn patrouillieren radfahrende Landjäger, sie fahren wie Kunstfahrer kleine Bögen und graziöse Achten, auf dem Bahnsteig schreite ich eine Ehrenkompanie schwerbewaffneter Gendarmen ab.

»Warum so viel Ehre?« frage ich die Kriminalbeamten.

»Ein Attentat auf Sie war geplant«, antworten die Herren, »die bayerische Regierung weiß, was sie Ihnen schuldig ist, wir sind ein Ordnungsland, fahren Sie mit Gott und behalten Sie unser liebes Bayernland in freundlicher Erinnerung.«

An der sächsischen Grenze verlassen die Herren den Zug.

Ich bin allein.

Ich bin frei.

 

Ich stehe am Coupéfenster und blicke in die Nacht des vertrauten Firmaments.

Ich denke an die Zeilen des Schwalbenbuchs:

Ich stehe am nächtlichen Gitterfenster
Träumend zwitschert die Schwälbin
Ich bin nicht allein
Auch Mond und Sterne sind mir Gefährten
Und die schimmernden schweigenden Felder

Nein, ich war nie allein in diesen fünf Jahren, in der trostlosesten Verlassenheit nie allein. Die Sonne hat mich getröstet und der Mond, Wind, der über eine Pfütze strich und sie wellte zu fliehenden Kreisen, Gras, das im Frühjahr wuchs zwischen Steinen des Hofs, ein guter Blick, ein Gruß geliebter Menschen, Freundschaft der Kameraden, der Glaube an eine Welt der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Menschlichkeit, an eine Welt ohne Angst und ohne Hunger.

Ich bin dreißig Jahre.

Mein Haar wird grau.

Ich bin nicht müde.

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