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Eine Hundegeschichte - Übersetzer Thilo Figaj

Mark Twain: Eine Hundegeschichte - Übersetzer Thilo Figaj - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorMark Twain
titleEine Hundegeschichte - Übersetzer Thilo Figaj
noteProject Gutenberg etext #3174
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Kapitel I

Mein Vater war ein Sankt Bernhard, meine Mutter ein Collie, ich aber bin ein Presbyterianer. Das hat mir jedenfalls meine Mutter so gesagt; ich selbst kenne mich mit diesen feinen Unterschieden nicht aus. Für mich sind das nur nette, große Worte ohne Inhalt. Meine Mutter hatte eine Vorliebe dafür, solche großen Worte zu benutzen und sie liebte es, wenn die anderen Hunde sie überrascht oder auch neidisch dabei ansahen, und sich vielleicht wunderten, wie gebildet sie war. Tatsächlich war es aber keine wirkliche Bildung, es war nur Angabe: sie schnappte solche Worte auf, wenn sie mit Leuten im Esszimmer oder im Zeichenraum war, auch wenn sie die Kinder in die Sonntagsschule begleitete; und immer wenn sie dabei ein bedeutendes Wort aufnahm, sprach sie es sich wieder und wieder vor, um es auswendig zu können bis zum nächsten Dogmatiker Treffen in der Nachbarschaft, dann würde sie es rauslassen, und alle damit überraschen oder ihnen damit auf die Nerven gehen, gleich ob junger Welpe oder Mastiff, das war ihr Belohnung für ihre Mühen. War einmal ein Fremder anwesend, so konnte man sicher sein, dass er misstrauisch wurde, und sobald er wieder Luft holen konnte, würde er nach der Bedeutung fragen. Und sie würde sie ihm auch immer sagen. Natürlich hätte der Fremde gedacht, er könnte sie dran kriegen, dann aber, wenn sie ihre Erklärung abgegeben hatte, war er es, der vorgeführt worden war; dabei hatte er es genau anders herum geplant. Die anderen warteten jedes mal auf so etwas, waren stolz auf sie und freuten sich; sie wussten aus Erfahrung was geschehen würde. Wenn sie die Bedeutung eines großen Ausdrucks erklärte, waren alle so fasziniert davon, dass es niemandem in den Sinn kam, die Richtigkeit ihrer Erklärung anzuzweifeln. Das war verständlich, denn ihre Ausführungen kamen immer prompt und sie hörten sich an, wie aus einem Lexikon vorgetragen; und überhaupt, wie sollten sie auch herausfinden, ob etwas richtig oder falsch war? Schließlich war sie der einzig gebildete Hund in der Gegend. Irgendwann, als ich schon älter war, kam sie mit dem Wort unintellektuell an, und sie strapazierte es die ganze Woche bei den verschiedensten Treffen, was zu Missmut und großer Unlustigkeit führte. Es war bei dieser Gelegenheit, dass ich merkte, wie sie bei acht verschiedenen Anlässen immer eine neue Definition hervor zauberte, was mir dann endlich zeigte, dass sie mehr Schlagfertigkeit denn Bildung besaß. Ich sagte natürlich nichts. Sie hatte immer ein ganz bestimmtes Wort parat, dessen sie sich gleich eines Rettungsringes bediente, wenn sie Gefahr lief plötzlich über Bord gewaschen zu werden, ein Notfallwort – das Wort Synonym. Es kam vor, wenn sie einen Begriff hervor gekramt hatte, dessen Uraufführung Wochen zurück lag, und dessen vorbereitete Bedeutung bereits in den Papierkorb ihres Gedächtnisses gewandert war, dass ein nun anwesender Fremder, freilich nach der üblichen Besinnungsphase, die Verfolgung aufnahm, während sie ihrerseits schon vor dem Winde und auf einem anderen Bug davon segelte, er dennoch wieder in Rufweite kam und sie aufstoppen ließ, und ich (der einzige Hund, der ihr Spiel durchschaute) sah, wie ihr Segel – wirklich nur einen kurzen Moment – killte, sich dann aber sofort wieder prall füllte und voll stand, und sie sagte, ruhig wie ein Sommertag: »das ist ein Synonym für Supererogation,« oder irgend ein anderes gottlos langes Wortreptil, sodann wendete sie und nahm wieder gelassen Fahrt auf, vollkommen zufrieden mit sich, den Fremden in seiner Beschämung und Schlichtheit zurücklassend, und alle Eingeweihten wedelten unisono mit ihren Schwänzen auf dem Boden, ein fast heiliger, zufriedener Ausdruck lag dann auf ihren Gesichtern.

Mit den Redewendungen war es genau das gleiche. Wenn es sich wichtig anhörte, brachte sie eine komplette Redewendung mit nach Hause und spielte sie uns sechs Abende und zwei Empfänge hintereinander vor, jedes mal mit einer neuen Deutung versehen – das musste sie auch, weil alles was sie interessierte, war das Anbringen einer Phrase selbst, nicht im mindesten, was sie bedeutete, und sie wusste, dass die anderen Hunde sowieso nicht gewitzt genug waren, sie zu stellen. Ja, sie war wirklich ein Prachtexemplar! Sie hatte keine Bange vor nichts, sie wusste um die Unbedarftheit der anderen Tiere. Sie ging so weit, Anekdoten zu erzählen, die sie von der Familie und deren Dinnergästen gehört hatte, und in der Regel packte sie die Pointe eines uralten Witzes in einen anderen uralten Witz hinein, wo sie nicht hingehörte und wo sie auch wirklich nicht hinein passte, und wenn sie zum Punkt kam, schmiss sie sich hin vor Lachen, rollte und wälzte sich, bellte wie blöde, während ich genau sah, dass sie sich eigentlich wunderte, warum das Ganze nicht so witzig rüberkam, wie beim ersten mal, als sie es gehört hatte. Aber keine Bange, nichts war passiert, die anderen wälzten sich genau so und bellten wie sie, wenngleich innerlich leicht beschämt, weil sie den Witz überhaupt nicht verstanden hatten, aber niemals kamen sie auf die Idee, dass das gar nicht ihre Schuld war, sondern dass es überhaupt keinen Witz gab.

An diesen Beispielen sieht man, was für ein oberflächlich und angeberischer Charakter sie war, dennoch, sie hatte ihre Qualitäten, und auch genug davon, meine ich. Sie war sanft und freundlich und niemals nachtragend. Wenn man sie verletzt hatte, verdrängte sie es und vergaß es einfach schließlich; sie lebte ihren Kindern ihr freundliches Wesen vor, auch lernten wir von ihr, bei Gefahr schnell und tapfer zu reagieren, nicht wegzulaufen, sondern dem Bösen ins Auge zu sehen, egal ob es einen Freund oder einen Fremden bedrohte, ihm mit all unserer Macht zu helfen, ohne daran zu denken, welchen Nachteil das für uns haben könnte. All das sagte sie uns nicht nur, sondern sie war selbst das Vorbild, und das ist immer die beste, sicherste und dauerhafteste Erziehung. In ihrer Tapferkeit war sie großartig! Sie war ein Soldat, und dabei so bescheiden – man konnte nicht anders, als sie zu bewundern, sie nachzuahmen; nicht einmal ein King-Charles-Spaniel konnte es sich in leisten, in ihrer Gegenwart Verächtlichkeit zu zeigen. So, wie Sie sehen, es steckte mehr in ihr, als ihre Ausbildung vermuten ließ.

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