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Eine Hochzeit ohne Musikanten

Scholem Aleichem: Eine Hochzeit ohne Musikanten - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenarrative
authorScholem Alejchem
titleEine Hochzeit ohne Musikanten
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1990
firstpub1936
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Peßach im Dorfe

Mögen die Winde pfeifen, mögen die Stürme brausen, mag die Welt untergehen – was kümmert das den alten Eichbaum, der noch von den sechs Tagen der Schöpfung dasteht und dessen Wurzeln Gott weiß wie tief in die Erde hineinreichen? Was sind ihm Stürme? Was sind ihm Winde? ...

Mit dem alten Eichbaum ist hier ein lebendiger Mensch gemeint, mit Namen Nachman Worobjowker aus Worobjowka, ein großgewachsener, breitschultriger und derbknochiger Jude, ein wahrer Riese. Die Stadtjuden schauen ihn nicht ohne Neid an, machen sich aber zugleich über ihn etwas lustig: »Friede sei mit Euch! Wie steht es mit Eurer Gesundheit?« Nachman weiß, daß man sich über ihn und seinen Körperbau lustig macht. Darum krümmt er den Rücken, um etwas jüdischer auszusehen. Doch es hilft ihm nichts: er ist eben zu groß gewachsen.

Nachman Worobjowker ist in Worobjowka alt eingesessen. ›Unser Nachman‹ nennen ihn die Bauern von Worobjowka. Sie halten ihn für einen braven und klugen Menschen und plaudern mit ihm gerne über Wirtschaftssachen. Man holt sich bei ihm zuweilen Rat: Was soll man mit dem Getreide anfangen? Nachman besitzt einen Kalender und kann genau angeben, ob Getreide heuer teuer oder billig sein wird. Man spricht mit ihm auch über allgemeine Dinge, denn Nachman fährt öfters in die Stadt, kommt unter Menschen und weiß, was in der Welt vorgeht ...

Man kann sich Worobjowka schwer ohne Nachman den Worobjowker vorstellen. Denn nicht nur sein Vater, Veitel Worobjowker, war in Worobjowka geboren und gestorben, sondern auch sein Großvater Arje, seligen Angedenkens, ein kluger und witziger Jude pflegte zu sagen, daß das Dorf nur darum Worobjowka heiße, weil er, Arje Worobjowker, dort wohne; denn noch bevor Worobjowka – Worobjowka geheißen habe, sei er, Arje Worobjowka, schon ein Worobjowker gewesen. Das pflegte sein Großvater zu sagen. So waren eben die Juden in der guten alten Zeit!

Und glaubt ihr, daß Arje Worobjowker es so ohne Grund, nur des Witzes wegen sagte? Arje war kein so einfacher Mensch und pflegte niemals einen Witz ohne tiefere Bedeutung zu erzählen. Er hatte dabei die Judenverfolgungen im Auge. Denn es gab schon auch zu seiner Zeit Judenverfolgungen. Schon damals ging ein Gerücht, daß man die Juden aus den Dörfern vertreiben würde. Und es war nicht nur ein Gerücht, sondern man begann sie auch tatsächlich zu vertreiben. Man hatte auch alle vertrieben.

Nur der alte Arje Worobjowker blieb in Worobjowka. Selbst der Gouverneur konnte dagegen nichts machen, denn Arje wies nach, daß man ihn nach dem Buchstaben des Gesetzes unmöglich aus Worobjowka vertreiben könne. So waren eben die Juden in der guten alten Zeit!

Wenn einer so ein Privilegium hat, in Worobjowka bleiben zu dürfen, so ist er selbstverständlich stolz und selbstbewußt und lacht über die ganze Welt. Was gehen unsern Nachman Worobjowker alle Judengesetze an, was ist ihm der ›Ansiedlungsrayon‹, was sind ihm alle Ministerialerlasse? ... Was für einen Respekt hat Nachman vor dem Goj Kurotschka und den Neuigkeiten, die ihm dieser jeden Tag aus der Dorfkanzlei bringt? Kurotschka ist ein untersetzter Bauer mit kurzen Fingern und trägt hohe Stiefel, einen tuchenen Rock und eine silberne Uhrkette; sieht ganz wie ein Gutsbesitzer aus! Kurotschka ist Schreiber in der Dorfkanzlei. Darum kennt er alle Sorgen, die die Leute im Dorfe haben. Darum liest er auch die aus Petersburg zugeschickten schönen Zeitungen, die lauter Anschuldigungen gegen Juden enthalten.

Kurotschka ist sonst gar kein so übler Kerl. Er ist Nachmans Nachbar und sozusagen guter Freund. Hat Kurotschka Zahnweh, so gibt ihm Nachman etwas zum Spülen. Muß Kurotschkas Weib niederkommen, so verrichtet bei ihr Nachmans Weib Hebammendienste. Doch seit einiger Zeit, nämlich seit er mit besonderm Eifer die gewissen Zeitungen studiert, ist Kurotschka plötzlich wie verändert. ›Der Judenfeind Esau spricht aus ihm!‹ Jeden Tag kommt er zu Nachman mit einer neuen Nachricht: »Ein neuer Gouverneur ...« »Ein neues Rundschreiben aus dem Ministerium ...« – »Eine neue Verordnung wegen Juden ...« Dem Nachman steht in solchen Augenblicken das Herz still, und die Muttermilch gerinnt in ihm, doch was braucht er es den Goj merken zu lassen? Und er hört Kurotschka lächelnd zu und zeigt ihm dann die flache Hand mit den Worten: »Wenn hier Haare wachsen, werden mich diese Dinge angehen ...«

Mögen die Gouverneure versetzt werden, mögen die Minister Rundschreiben erlassen, was kümmert das alles Nachman Worobjowker aus Worobjowka? ...

Nachman Worobjowker lebt in Worobjowka gar nicht so übel. Das heißt, mit den früheren Jahren ist es nicht zu vergleichen! Es versteht sich, daß es in den Tagen des Großvaters Arje ein ganz anderes Leben war. Ach, war das ein Leben! Man kann sagen, daß ihm ganz Worobjowka gehörte. Er hatte nicht nur eines, sondern mehrere Geschäfte: eine Schenke und einen Kramladen, eine Mühle und ein Getreidegeschäft, und das brachte so viel ein, daß man das Geld, wie man sagt, mit Tellern und Löffeln zusammenscharren konnte. Das alles war aber in der guten alten Zeit! Heute gibt es weder eine Schenke noch einen Laden, noch ein Getreidegeschäft. Nichts ist davon geblieben, rein gar nichts. Kann man doch fragen: Wenn so, warum sitzt dann der Jude noch in Worobjowka? Wo denn soll er sitzen? Tief in der Erde? Wenn es Nachman nur einfallen wollte, sein Häuschen zu verkaufen, so würde er doch im gleichen Augenblick aufhören, ein Worobjowker zu sein; dann wäre er plötzlich ein Zugezogener, ein Fremder geworden. Und so hat er wenigstens einen eigenen Winkel, ein eigenes Haus, und vor dem Haus einen Garten. Der Garten wird von seinem Weib und seinen Töchtern bestellt, und wenn Gott ein gutes Jahr schenkt, so gibt es den ganzen Sommer über Gemüse, und die Kartoffeln reichen manchmal bis kurz vor Peßach. Doch von Kartoffeln allein kann man nicht leben. Zu Kartoffeln braucht man auch etwas Brot. Und Brot hat er nicht. Also muß er den Stecken nehmen und durch das Dorf gehen und sehen, ob nicht irgendwo ein Geschäft zu machen ist. Und wenn Nachman durch das Dorf geht, kommt er niemals mit leeren Händen nach Hause. Er kauft alles, was ihm gerade in die Hände kommt: altes Eisen, einen Topf Hirse, einen alten Sack oder ein Fell. Das Fell wird aufgespannt, getrocknet und dann zu Awrohom-Eliohu dem Kürschner in die Stadt getragen.

Und bei allen diesen Geschäften kann man etwas verdienen oder auch etwas draufzahlen: dazu ist man ja Kaufmann! »Ein Kaufmann ist wie ein Jäger!« pflegt Nachman zu sagen, der zuweilen gerne ein gojisches Sprichwort gebraucht. Und Awrohom-Eliohu der Kürschner, ein Jude mit blau angelaufener Nase und schwarzen, wie in Tinte getunkten Fingern, lacht über ihn, weil er in seinem Dorf so verbauert sei, daß er sogar nur noch gojische Sprichwörter gebrauche ...

 

Ja, Nachman ist tatsächlich verbauert, und er fühlt es selbst, daß er von Jahr zu Jahr tiefer sinkt. Was würde zu ihm sein Großvater, Arje Worobjowker seligen Angedenkens, sagen, wenn er aus dem Grabe auferstünde? Der war ja zwar auch ein Riese gewesen, aber dabei ein gelehrter Mann. Der hatte die ›Sprüche der Väter‹ und das Feiertagsgebetbuch und alle Psalmen im Kopfe! So waren eben einst die Juden! Und was kann Nachman? Er kann kaum beten. Und das ist noch viel. Denn seine Kinder werden selbst das nicht mehr können. Wenn er seine Kinder anschaut, wie sie alle in die Höhe und Breite wachsen und ebenso unwissend sind, wie er selbst, tut ihm das Herz weh. Und besonders weh tut es ihm, wenn er seinen jüngsten Sohn, Mutters Liebling, den kleinen Veitel, anschaut. Er nannte ihn so seinem Vater Veitel Worobjowker, seligen Angedenkens, zu Ehren. Ein geratenes Kind ist dieser Veitel. Selbst sein Körperbau ist etwas zierlicher, schwächlicher und jüdischer. Ein jüdisches Kind! ... Dazu hat er einen wahren Ministerkopf. Man zeigte ihm nur ein einziges Mal, eigentlich nur zum Spaß, in einem Gebetbuche den ›Alef‹ und den ›Beiß‹, und schon hat sich das Kind die beiden Buchstaben gemerkt: es wird niemals den ›Alef‹ – ›Beiß‹ nennen oder den ›Beiß‹ – ›Alef‹. Und ein so goldiges Kind wächst in einem Dorfe auf, zwischen Kälbern und Schweinen, spielt mit Kurotschkas Sohn Fedjka, reitet mit ihm auf dem gleichen Stock, jagt mit ihm derselben Katze nach, gräbt mit ihm dasselbe Loch und tut in seiner Gesellschaft alles, was kleine Jungen sonst noch zu tun pflegen. Und wie Nachman sieht, daß sein Kind mit dem Bauernjungen spielt, tut ihm das Herz weh, und er krankt, wie ein angesägter Baum ...

Fedjka ist aber auch ein geratener Junge; hat ein hübsches, aufgewecktes Gesichtchen und flachsblondes Haar. Ist genauso alt wie Veitel und hält auch treu zu ihm. Und auch Veitel mag ihn gerne. Den ganzen Winter über sitzen die beiden Knaben bei ihren Eltern hinter dem Ofen, wollen immer zum Fenster und sehnen sich nach einander. Doch wenn der lange Winter zu Ende ist, und die Sonne wärmer scheint und die Pfützen trocknet, und die ersten Grashalme sich zeigen, und der Bach am Hügel zu rauschen beginnt, und das Kälbchen seine Nüstern bläht, und der Hahn mit einem geschlossenen Auge nachdenklich dasteht, und alles auflebt und sich freut: ›Peßach ist ja vor der Türe!‹ – dann kann man weder Veitel noch Fedjka auch nur einen Augenblick zu Hause halten! Dann reißen sich die beiden ins Freie hinaus, in die weite Welt, die nun beiden gleich offen steht. Und sie nehmen sich bei den Händen und rennen zum Hügel, der ihnen beiden gleich zulächelt: ›Kinder, hierher!‹ Und sie laufen der Sonne entgegen, die sie beide mit den gleichen Worten begrüßt: ›Kinder, zu mir!‹ Und wenn sie vom Laufen müde werden, setzen sie sich auf Gottes Erde, die nichts von Juden und Christen weiß: ›Kinder, setzt euch her!‹

 

Sie haben einander genug zu erzählen, denn sie haben sich ja den ganzen langen Winter nicht gesehen: Veitel prahlt vor seinem Freund Fedjka, daß er schon beinahe alle hebräischen Buchstaben kenne, und Fedjka erzählt, daß er eine Peitsche besitze. Nun will ihn Veitel übertrumpfen und sagt, daß bei ihnen schon heute abend das Peßachfest beginne. Mutter hätte bereits Mazzes für alle acht Tage und auch Wein zu den vier vorschriftsmäßigen ›Bechern‹ angeschafft. »Weißt du noch, Fedjka, wie ich dir im vorigen Jahre ein Stück Mazze gab?« – »Mazze!« sagt Fedjka, und sein hübsches Gesicht erstrahlt in seligem Lächeln. Er hat es wohl noch nicht vergessen, wie im vorigen Jahre die jüdische Mazze geschmeckt hatte ... »Fedjka, möchtest du jetzt ein Stück Mazze versuchen? Frische Mazze?« Eine Frage, ob Fedjka es möchte! »Also komm mit!« sagt Veitel und zeigt ihm auf den grünen Hügel, der den beiden Kindern zuwinkt: ›Kinder, kommt her!‹ Und die Jungen kriechen den Hügel hinauf. Oben angelangt, stehen sie zuerst ganz verblüfft da, gucken durch die Finger auf die spielenden Strahlen der lieben Sonne und werfen sich dann auf die noch feuchte Erde nieder. Veitel zieht unter seinem Leibserdak eine große, runde, frische, über und über mit winzigen Löchern verzierte Mazze hervor. Während Veitel die Mazze in zwei gleiche Teile zerbricht, läuft Fedjka schon das Wasser im Munde zusammen. »Nun, was sagst du zu der Mazze, Fedjka?« Fedjka kann aber nichts sagen, denn er hat den Mund voller Mazze, die unter den Zähnen knirscht und auf der Zunge wie Schnee schmilzt. Noch einen Augenblick, und die Mazze ist aufgegessen. »Ist das alles?« fragt Fedjka. Seine grauen Augen schauen prüfend unter Veitels Leibserdak, und er beleckt sich die Lippen, wie eine Katze, wenn sie Butter sieht. »Möchtest du denn noch?« fragt ihn Veitel etwas naiv, indem er das letzte Stück verzehrt und den Freund schelmisch mit seinen schwarzen Augen anblickt. Auch eine Frage, ob Fedjka noch Mazze möchte! »Also warte ein wenig«, sagt Veitel, »kommendes Jahr wird es wieder Mazze geben ...« Beide lachen über den gelungenen Witz und beginnen plötzlich wie auf Kommando den Hügel hinabzurollen.

 

Jenseits unter dem Hügel angelangt, stellen sie sich wieder auf die Beine und betrachten den rauschenden Bach, der nach links abbiegt. Sie selbst gehen nach rechts, immer weiter und weiter nach rechts, durch die Wiesen und Felder, die noch nicht überall grün sind und noch nicht nach Gras duften, aber bald grün zu werden und nach Gras zu duften versprechen. Und sie gehen, ohne miteinander zu sprechen, ganz erstaunt und berauscht immer weiter und weiter über die weiche Erde, unter der lächelnden Sonne. Sie gehen nicht, sie schwimmen. Und sie schwimmen nicht – sie fliegen. Sie fliegen zugleich mit den Vögeln, die in den Sonnenstrahlen baden, die Gott auf alles, was da lebt, ergießt. Nun sind sie bei der Windmühle. Die Mühle gehört jetzt dem Dorfschulzen; früher einmal hatte sie Nachman Worobjowker gehört. Der Schulze heißt Opanas und ist ein ganz schlauer Bauer. Er trägt einen Ohrring im linken Ohr und besitzt sogar einen Samowar. Opanas ist heute reich: außer der Windmühle hat er auch noch einen Kramladen. Es ist derselbe Laden, der einst Nachman Worobjowker gehörte: Opanas hat ihm beides abgenommen, die Mühle und den Laden. Die Windmühle pflegt sonst um diese Jahreszeit in Gang zu sein. Doch heute steht sie, denn es ist ganz windstill. Eine merkwürdige Peßachzeit: ohne den leisesten Wind! Aber den beiden Jungen macht es nichts, daß die Mühle steht: so kann man sie sogar noch besser betrachten. Denn an einer Mühle gibt es genug zu sehen. Und noch schöner als die Mühle selbst ist der schräge Balken, mit dem man die ganze Mühle nach der Seite umdrehen kann, von der der Wind kommt. Auf diesen Balken setzen sie sich hin, und nun kommen sie erst ins Gespräch. Es ist eines jener Kindergespräche, die keinen Anfang und kein Ende haben. Veitel erzählt, was für Wunder er in der Stadt gesehen hat. Vater hatte ihn neulich in die Stadt mitgenommen. Er war auf dem Markte und sah die Kaufläden. Dort gibt es nicht einen Laden, wie hier in Worobjowka, sondern viele Läden. Und am gleichen Abend waren sie auch in der Schul gewesen. Der Vater hatte ›Jahrzeit‹ nach seinem verstorbenen Vater. »Nach meinem Großvater. Verstehst du es, Fedjka, oder verstehst du es nicht?«

Es ist möglich, daß Fedjka es versteht. Aber er hört gar nicht zu. Und er läßt plötzlich eine Geschichte los, die nicht den geringsten Zusammenhang mit Veitels Erzählung hat. Fedjka erzählt, daß er im vorigen Jahre einmal auf einem Baume ein Vogelnest gesehen hat. Er wollte auf den Baum hinaufklettern, konnte es aber nicht. Dann wollte er das Nest mit einem Stock herunterholen, doch der Stock war zu kurz. Nun fing er an, mit Steinen nach dem Nest zu werfen, und tat es so lange, bis zwei kleine blutende Vögelchen herunterfielen.

»Hast du sie getötet?« fragt Veitel mit vor Schrecken verzerrtem Gesicht.

»Ganz jung waren sie«, sagt Fedjka gleichsam zu seiner Verteidigung.

»Doch du hast sie getötet?«

»Noch ohne Federn, mit gelben Schnäbelchen und dicken Bäuchen ...«

»Du hast sie aber getötet? Getötet? ...«

 

Es war schon recht spät, als Veitel und Fedjka nach der Sonne sahen und feststellten, daß es Zeit sei, nach Hause zu gehen. Veitel hatte bereits vergessen, daß heute abend Peßach beginnt. Nun fiel ihm plötzlich ein, daß die Mutter ihm noch das Haar kämmen und eine neue Hose anziehen wollte. Als ihm dieses einfiel, begann er zu laufen. Und Fedjka blieb nicht zurück. So rannten sie, ebenso frisch und munter, wie sie den Hügel hinaufgekommen waren, dem Dorfe zu. Und damit der eine nicht vor dem andern zu Hause anlangte, nahmen sie sich, als wahre Freunde, bei den Händen. Und wie sie im Dorfe anlangten, bot sich ihnen folgender Anblick: Nachman Worobjowkers Haus ist von Bauern und Bäuerinnen, Burschen und Mädchen belagert. Der Schreiber Kurotschka, der Dorfschulze Opanas, der Gemeindeälteste, der Vorsteher, der Dorfpolizist – alle sind zur Stelle. Sie alle reden durcheinander, aufgeregt und sehr laut. Und Nachman und seine Frau stehen vor dem Hause, fuchteln mit den Händen und scheinen sich gegen etwas zu verteidigen. Nachman steht mit gekrümmtem Rücken und wischt sich den Schweiß von der Stirne. Etwas abseits stehen Nachmans ältere Kinder mit finstern Gesichtern ... Und plötzlich verändert sich das ganze Bild. Jemand hat die beiden Knaben bemerkt und weist auf sie hin. Und der Schreiber, der Schulze, der Gemeindeälteste, der Vorsteher und der Dorfpolizist sind auf einmal wie gelähmt. Alle schauen zu Boden. Nachman richtet sich aber auf, blickt die Bauern triumphierend an und beginnt zu lachen. Und seine Frau schlägt die Hände über dem Kopfe zusammen und bricht in Tränen aus. Der Schreiber, der Schulze, der Gemeindeälteste, der Vorsteher und der Dorfpolizist fangen die Kinder ab und fragen sie:

»Wo seid ihr gewesen?«

»Wo wir gewesen sind? Bei der Mühle sind wir gewesen ...«

Jeder der beiden Freunde bekam hinterher seine Strafe, doch keiner von ihnen konnte verstehen, wofür.

Nachman verabreichte seinem Veitel eine ordentliche Tracht Prügel mit seinem Käppchen und sagte dabei: »Der Junge soll es sich merken ...« Was soll sich der Junge merken? Und die Mutter entriß ihn, wohl aus Mitleid, dem Vater, gab ihm noch extra zwei Ohrfeigen und begann ihm gleich darauf sein schwarzes Köpfchen zu kämmen. Dann zog sie ihm die neue Hose an und seufzte dabei. Warum seufzte sie? ... Und Veitel hörte, wie Mutter zu Vater sagte: »Ach, gebe Gott, daß die Peßachtage gut ablaufen ... Von mir aus könnte der Peßach zu Ende sein, noch ehe er begonnen hat!« Veitel kann unmöglich begreifen, warum die Mutter sich so über das Fest äußert ... Und Veitel zerbricht sich den Kopf, er kann weder die Prügel des Vaters noch die Ohrfeigen der Mutter verstehen. Denn er weiß gar nicht, was für ein Peßach heute auf der Welt ist ...

 

Und sobald Veitels jüdisches Köpfchen es nicht verstehen kann, kann es Fedjkas gojisches Köpfchen erst recht nicht verstehen. Sein Vater Kurotschka packte ihn bei seinem flachsblonden Schopf, beutelte ihn durch und gab ihm danach einige ordentliche Stöße ins Genick. Fedjka nahm das wie ein Philosoph auf, denn er war derartige Dinge gewohnt. Und er hörte, wie seine Mutter mit den andern Frauen sprach, und er erfuhr merkwürdige Dinge: sie sprachen von einem Kind, das die Juden vor Peßach zu sich gelockt und dann in einen Keller eingesperrt hätten. Im Keller sei das Kind einen Tag und eine Nacht gesessen. Als sie es nachher in Behandlung nehmen wollten, hätte das Kind zu schreien begonnen, Leute seien herbeigelaufen und hätten das Kind aus den jüdischen Händen gerettet. Und das Kind hätte bereits Zeichen an seinem Leibe gehabt: vier Stiche in Form eines Kreuzes ...

Das erzählte eine besonders geschwätzige Frau mit breitem rotem Gesicht. Und die übrigen Frauen nickten mit den Köpfen und bekreuzigten sich in einem fort. Und Fedjka konnte unmöglich verstehen, warum ihn die Frauen so merkwürdig ansahen? Und was die ganze Geschichte ihn und Veitel anginge? Und warum ihn sein Vater am Schöpfe gepackt, durchgebeutelt und ihm nachher die Genickstöße verabreicht hatte? Und am meisten quälte ihn die Frage: warum war die Portion Prügel, die er vom Vater bekommen, so extra groß? ...

 

»Nun?« fragt Nachman seine Frau, als das Peßachfest zu Ende ist, und sein Gesicht strahlt, als ob ihm Gott weiß was für ein Glück geschehen wäre. »Nun? ... Siehst du es! Und du hattest solche Angst! ... Ein Frauenzimmer bleibt eben immer ein Frauenzimmer ... Nun sind unsere Feiertage vorüber, und auch ihre Feiertage sind vorüber, und gar nichts ist geschehen! ...«

»Gott sei gelobt!« sagte die Mutter, und Veitel kann wieder nicht verstehen, was die Mutter gefürchtet hat. Und warum es ein solches Glück ist, daß die Feiertage schon vorüber sind? Wäre es nicht besser, wenn der Peßach noch länger dauern würde?

Und als Veitel wieder einmal mit Fedjka zusammenkommt, muß er ihm erzählen, wie bei ihnen das Fest begangen wurde und was es alles zu essen gab. Ja, da gab es Sachen! Und er versucht, Fedjka eine Vorstellung vom Geschmack aller Peßachgerichte und des süßen Weines zu geben. Fedjka hört andächtig zu und wirft einen prüfenden Blick unter Veitels Leibserdak. Er muß noch immer an die Mazze von neulich denken. Plötzlich schrillt durch die ganze Dorfstraße eine Sopranstimme: »Fedjka! Fedjka!«

Fedjka soll nach Hause zum Essen kommen. Doch Fedjka beeilt sich nicht; er weiß, daß man ihn diesmal nicht verprügeln wird: denn erstens sind sie nicht bei der Mühle gewesen und zweitens ist der jüdische Peßach vorbei, also braucht man die Juden nicht mehr zu fürchten ... Er bleibt also ruhig auf dem Bauche liegen, den flachsblonden Kopf in beide Hände gestützt. Und ihm gegenüber liegt Veitel, ebenfalls auf dem Bauche und ebenfalls den Kopf in die Hände gestützt. Und der Himmel ist blau, und die Sonne liebkost und wärmt sie, und ein leiser Wind spielt in ihren Haaren. Auch das Kälbchen steht dabei und der Hahn mit allen seinen Weibern. Und beide Köpfchen, das flachsblonde und das schwarze, ruhen auf den Händen, schauen einander an, und beide plaudern und plaudern ohne Ende ...

 

Nachman Worobjowker ist nicht zu Hause. Er hat schon in aller Frühe seinen Stecken genommen und seinen Rundgang durch das Dorf angetreten. Vor jedem Hause bleibt er stehen, wünscht jedem Bauern einen guten Morgen, nennt einen jeden bei seinem Namen und spricht über alle möglichen Dinge in der Welt, nur nicht von der Geschichte, die sich am Peßachvorabend ereignet hat ... Und bevor er weitergeht, fragt er den Bauern wie nebenbei: »Hast du nichts zu verkaufen, Bauer?« – »Nein, Nachman, ich habe nichts.« – »Vielleicht etwas altes Eisen oder Hirse oder gar ein Fell?« – »Nimm es mir nicht übel, Nachman, ich habe nichts. Es sind bittere Zeiten.« – »Bittere Zeiten? Hast wohl alles vertrunken? Dazu ist ja auch Feiertag!« – »Wer denkt an den Feiertag? Wer denkt ans Trinken? Es sind wirklich bittere Zeiten! ...«

Der Bauer seufzt, und Nachman seufzt auch. Und dann reden sie noch ein wenig von gleichgültigen Dingen, damit es nicht so aussieht, als ob Nachman nur des Handels wegen gekommen wäre. Und dann geht er zu einem andern Bauer, zu einem dritten und so lange herum, bis er etwas findet. Er kommt doch niemals mit leeren Händen nach Hause!

Nachman Worobjowker schreitet mit seinen Riesenfüßen schwer beladen und verschwitzt nach Hause und denkt immer an dieselbe Frage: Wieviel werde ich an diesem Zeug verdienen oder draufzahlen? Die Geschichte vom Peßachvorabend hat er bereits vergessen. Und er kümmert sich nicht mehr um seinen Nachbar Kurotschka und dessen Ministerialerlasse und Gouverneure.

Mögen die Winde pfeifen, mögen die Stürme brausen, mag die Welt untergehen, – was kümmert das den alten Eichbaum, der noch von den sechs Tagen der Schöpfung dasteht und dessen Wurzeln Gott weiß wie tief in die Erde hineinreichen? Was sind ihm Stürme? Was sind ihm Winde?

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