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Eine Hochzeit ohne Musikanten

Scholem Aleichem: Eine Hochzeit ohne Musikanten - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorScholem Alejchem
titleEine Hochzeit ohne Musikanten
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1990
firstpub1936
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081118
projectidab9254b8
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Im Monat Elul

»Ihr fahrt zum ›Jahrmarkt‹, und wir kommen vom ›Jahrmarkt‹. Ich habe mich schon ausgeweint, und Ihr wollt Euch erst ausweinen. Also muß ich Euch Platz machen! Rückt ein wenig näher zu mir, so werdet Ihr es bequemer haben.«

»Da bin ich schon!«

Dieses Gespräch höre ich im Eisenbahnwagen hinter meinem Rücken. Es sind zwei Männer, von denen eigentlich nur der eine spricht, während sich der andere auf kurze Zwischenbemerkungen beschränkt.

»Wir fahren zu zweit: ich und meine Alte. Da ist sie: sie liegt auf dem Fußboden und schläft. Ausgeweint hat sie sich wohl für alle Juden! Wollte vom heiligen Ort gar nicht weggehen; sie fiel auf das Grab nieder und konnte sich nicht mehr losreißen! Ich rede ihr zu: ›Laß genug sein!‹ sag ich ihr: ›du wirst sie mit deinen Tränen doch nicht lebendig machen!‹ Hört sie mich wie die Wand. Und ist es auch ein Wunder? Dieser Verlust! Eine einzige Tochter, teuer wie der Augapfel, und dazu ein wirklich geratenes Kind. Schön wie Gold. Und klug. Hat eine Töchterschule beendet ... Zwei Jahre sind es nun her, daß sie gestorben ist. Meint Ihr vielleicht, an der Schwindsucht? Nein, sie war gesund und stark! Sie selbst hat sich das Leben genommen...«

»Was?!«

Aus diesen Sätzen könnt ihr schon erraten, von was für einem ›Jahrmarkt‹ sie sprechen. Das Ganze spielt sich in den ersten Tagen des traurigen und lieben Monats Elul ab. Juden fahren von der einen Stadt in die andere zu den Gräbern ihrer längstverstorbenen Eltern, Schwestern und Brüder, Kinder und Verwandten. Vereinsamte Mütter, verwaiste Töchter, unglückliche Schwestern und elende Weiber fallen auf die teuren, lieben Gräber nieder, um sich auszuweinen, um das verbitterte Herz auszuschütten und die verschmachtende Seele zu erleichtern.

Es ist doch wirklich sonderbar! Ich fahre ja mit Gottes Hilfe lange genug als Geschäftsreisender herum; und ich muß sagen, daß man noch niemals so viel zu den Gräbern gereist ist wie in diesem Jahre ... Die Eisenbahn kommt, Gott sei Dank, auf ihre Kosten, und die Wagen sind gesteckt voll. Es fahren Juden mit düstern Gesichtern, es fahren Weiber mit geschwollenen, roten Augen und glänzenden Nasenspitzen. Die einen fahren zum Jahrmarkt‹, die andern kommen vom ›Jahrmarkt‹ ... Die Elul-Stimmung liegt in der Luft, und auch im Herzen ist Elul, und man bekommt Sehnsucht nach seinem Heim ... Unwillkürlich lausche ich dem Gespräch der beiden Männer hinter meinem Rücken.

»Meint Ihr vielleicht, es war einer von den Unglücksfällen, wie sie heute jeden Tag vorkommen? Schwarze Anarchistenblusen, rote Fahnen? Gefängnis? Gott behüte! Vor diesen Dingen hat mich Gott bewahrt, das heißt, ich habe mich selbst davor bewahrt! Wie den Augapfel habe ich sie gehütet! Es ist doch wirklich keine Kleinigkeit: eine einzige Tochter und ein wirklich geratenes Kind, schön wie Gold, hat die Töchterschule beendet! Ich tat alles, was ich nur konnte: habe aufgepaßt, wohin sie ausging und mit wem sie ausging und mit wem sie sprach und was sie sprach und was für Bücher sie las. ›Töchterchen‹, sagte ich zu ihr, ›du willst Bücher lesen? Lies, soviel du willst! Doch auch ich muß wissen,‹ sage ich, ›was du liest!‹ Ich bin in diesen Dingen zwar wenig bewandert, habe aber Gott sei Dank eine gute Nase: wenn ich in ein Buch nur hineinschaue, und wenn es auch französisch ist, weiß ich gleich, was das für eine Art Buch ist.«

»Ists wahr?«

»Ich wollte nicht, daß mein Kind mit dem Feuer spielt, – ist das ein Verbrechen? Meint Ihr, daß ich mit ihr streng war? Im Gegenteil: ich tat alles mit Gutem und halb im Scherz: ›Töchterchen‹, pflegte ich ihr zu sagen, ›laß das Rad der Welt sich drehen, wie es sich dreht. Weder du noch ich werden seinen Gang aufhalten ...‹ So spreche ich zu ihr. Und was, meint Ihr, sagte sie darauf? Gar nichts sagte sie, sie schwieg. Eine stille Taube, ein goldiges Kind! Was tut aber Gott? Wir hatten schon die schwere Zeit der Revolution und der Freiheitsmanifeste überstanden, kein Mensch dachte mehr an schwarze Blusen und rote Fahnen, die Mädels mit kurzgeschorenem Haar waren verschwunden, und es gab weder Bomben noch ähnliche Plagen. Das alles war nun überstanden, doch solange diese Schrecken noch dauerten, fielen mir vor Angst beinahe die Zähne heraus. Ist doch keine Kleinigkeit: eine einzige Tochter, teuer wie ein Augapfel, und auch ein geratenes Kind, hat die Töchterschule beendet ...«

»Versteht sich ...«

»Kurz und gut – die bitterste Zeit war vorüber. Nun konnte ich mich doch auch wegen einer Partie für sie umsehen. Mitgift? Mitgift ist das wenigste, wenn Gott nur den richtigen Freier schickt. Und nun beginnt ein neues Kapitel: Heiratsvermittler, Partien, Freier. Doch ich sehe, daß mit meiner Tochter etwas nicht in Ordnung ist. Ihr meint, daß sie nicht heiraten will? Nein, das kann man nicht sagen. Also was denn? Das werdet Ihr bald hören. Ich fange an aufzupassen, nachzuforschen und erfahre, daß sie heimlich irgendein Buch liest. Und nicht allein: zu dritt lesen sie das Buch. Sie und ihre Freundin, die Tochter unseres Chasens, auch ein geratenes Mädel, hat auch die Töchterschule beendet; das sind zwei. Und der dritte ist der Naworodoker Bursche. Ihr wollt wissen, wer der Naworodoker Bursche ist? Er ist es gar nicht wert, daß man von ihm spricht. Ein Taugenichts mit einem Ausschlag im Gesicht, mit schlechten Augen ohne Brauen, aber mit einer goldenen Brille, ein ekelhafter, schmieriger Kerl. Ich würde aus seiner Hand nicht einmal ein Stück Brot nehmen! Und obendrein noch ein Kriecher, ein Wurm ... Wißt Ihr, was ein Wurm ist? Das will ich Euch erklären. Es gibt unter den Menschen Rinder. Und es gibt Esel. Und es gibt Hunde. Und es gibt Schweine. Und schließlich gibt es Würmer. Versteht Ihr jetzt?«

»Aha.«

»Wie kommt aber dieser Wurm zu mir ins Haus? Durch des Chasens Tochter. Er ist nämlich ihr leiblicher Vetter. Er studiert irgendwas, will Provisor werden, oder Jurist, oder Zahnarzt, – der Teufel weiß, was er werden will! Ich weiß nur, daß er mein Todesengel ist! Dieser Bursche mit der goldenen Brille mißfiel mir schon auf den ersten Blick. Ich sagte das sogar meinem Weib, doch sie sagte darauf: ›Was dir nicht alles einfallen kann!‹ Ich fange an aufzupassen, die Sache gefällt mir immer weniger! Es paßt mir nicht, daß sie zu dritt lesen und dann diskutieren und sich ereifern ... Nehme ich einmal meine Tochter vor: ›Töchterchen‹, sage ich, ›was lest ihr eigentlich so eifrig zu dritt?‹ Sagt sie: ›Es ist nichts ... Ein Buch ...‹ Ich sage: ›Ich sehe, daß es ein Buch ist. Ich frage nur, was es für ein Buch ist.‹ Sagt sie: ›Und wenn ich es dir sage, wirst du es denn verstehen?‹ Sage ich: ›Warum soll ich es nicht verstehen?‹ Fängt sie zu lachen an und sagt: ›Das ist keines von den Büchern, die du meinst. Es ist ein Roman von Arzibaschew und heißt Ssanin.‹ – ›Artze Basches‹, sag ich, ›so hieß bei uns ein blinder Melammed, und der ist schon längst gestorben.‹ Fängt sie noch mehr zu lachen an. Und ich sage mir: Du lachst, Töchterchen, und deinem Vater verblutet das Herz! Was dachte ich mir aber? Nun, daß sie vielleicht wieder das alte Spiel mit Politik angefangen haben. Glaubt Ihr vielleicht, daß ich das Buch daraufhin nicht durchgelesen habe?«

»Versteht sich ...«

»Ich habe es nicht selbst gelesen, sondern ließ es von wem andern lesen, von einem Gehilfen aus meinem Laden. Es ist ein gebildeter junger Mann, liest russisch ganz flüssig. Ich nahm meiner Tochter das Buch eines Nachts heimlich weg und gab es dem Gehilfen: ›Nimm das Buch, Berl, lies es durch, und morgen wirst du mir sagen, was darin steht.‹ Am nächsten Morgen verbrenne ich vor Ungeduld, bis Berl ins Geschäft kommt. ›Nun, Berl, was ist mit dem Buch?‹ Sagt er mir: ›Ach, ist das ein Buch!‹ Dabei knirscht er mit den Zähnen: ›Die ganze Nacht konnte ich mich davon nicht losreißen‹, sagt er. ›So? erzähle mir, was darin steht, damit auch ich es weiß ...‹ Und mein Berl erzählt mir eine Geschichte ... Was soll ich Euch sagen? Ganz wirres Zeug! Hört einmal selbst den Unsinn: ›Es war einmal, erzählte er mir, ›ein Russe, und der hieß Ssanin: er liebte einen guten Schluck Branntwein und eine saure Gurke hinterher ... Und er hatte eine Schwester, die hieß Lida: sie war sterblich in einen Doktor verliebt, doch sie hatte ein Verhältnis mit einem Offizier ... Und es war ein Student, der hieß Jura und war sterblich in eine Lehrerin verliebt. Und diese Lehrerin fuhr einmal nachts in einem Schiffchen spazieren, – Ihr meint, mit ihrem Verlobten? Nein, mit dem Trunkenbold Ssanin ...‹ – ›Ist das die ganze Geschichte?‹ – ›Nein, wartet, sie ist noch nicht ganz fertig. Es war noch ein Lehrer, namens Iwan, und der ging mit dem Ssanin zum Fluß zuschauen, wie die Mädchen baden ...‹ – ›Kurz und gut‹, sag ich, ›was ist die Moral von der Geschichte?« – ›Die Moral von der Geschichte‹, sagt er, ›ist, daß dieser Trunkenbold Ssanin die Gewohnheit hatte, wie ein Hengst zu wiehern, und selbst vor seiner eigenen Schwester Lida; als er einmal nach Hause kam ..-‹ – ›Pfui?‹ sage ich, ›genug! Von dem Trunkenbold will ich nichts mehr hören. Ich frage dich, was ist der Witz von der Geschichte? ‹ – ›Der Witz ist‹, sagt er, ›daß der Offizier sich erschossen hat. Auch der Student hat sich erschossen, und die Lehrerin hat sich vergiftet. Es kam dort auch ein Jude Ssolowejtschik vor: der hat sich aufgehängt.‹ – ›Auch du sollst dich aufhängen‹, sag ich ihm, ›mit allen andern zusammen.‹ Sagt er: ›Was schimpft Ihr auf mich? Was kann ich dafür?‹ – ›Ich meine nicht dich,‹ sage ich, ich meine Arzibaschew ...‹ So sage ich zu meinem Berl, meine aber den Naworodoker Burschen, daß ihn die Cholera! Glaubt Ihr vielleicht, daß ich faul war, mit dem Kerl ein ernstes Wort zu reden?«

»Nun?«

»›Sag mir doch, wo hast du diesen Unsinn her?‹ Starrt er mich durch seine Brille an und fragt: ›Was für einen Unsinn?‹ Sage ich ihm: ›Ich meine Arzibaschews Geschichte von dem Trunkenbold, den man Ssanin nannte ...‹ – ›Ssanin‹, sagt er, ›ist gar kein Trunkenbold.‹ – ›Was ist er denn?‹ – ›Ssanin‹, sagt er, ›ist ein Held.‹ – ›Ist das‹, sag ich, ›sein ganzes Heldentum, daß er Branntwein aus einem Teeglas trinkt, dazu saure Gurken ißt und wie ein Hengst wiehert?‹ Der Naworodoker Bursche gerät in Wut, nimmt seine goldene Brille von der Nase, sieht mich mit seinen roten Augen, die keine Brauen haben, an und sagt: ›Ihr habt etwas läuten gehört, Onkelchen‹, sagt er, ›könnt es aber nicht nachsingen. Ssanin ist ein Mensch der Natur, ein Mensch der Freiheit. Ssanin‹, sagt er, ›sagt, was er denkt, und tut, was er will ...‹ Und so weiter und so weiter! Der Teufel weiß, was er noch alles zusammengeredet hat: von Freiheit und Liebe und wieder Freiheit und wieder Liebe! Und wie er so spricht, reckt er seine Hühnerbrust, fuchtelt mit den Händen und regt sich auf wie ein Maggid auf der Kanzel. Ich schaue ihn an und denke mir: ›Schöpfer der Welt! Dieser schmierige Kerl wagt es, von solchen Dingen zu sprechen ... Wie wäre es zum Beispiel, wenn ich ihn beim Kragen packe und zur Türe hinausschmisse, so daß er später alle seine Zähne zusammenklauben müßte?‹ Doch ich überlege es mir und denke mir weiter: ›Der Bursche ist einfach ein Narr. Wäre es denn besser, wenn er von Bomben redete?‹ Wer hätte es aber damals ahnen können, daß es Dinge gibt, die ärger sind als alle Bomben, und daß ich wegen eines solchen Unsinns mein Kind verlieren werde, meine einzige Tochter, schön wie Gold, teuer wie der Augapfel; daß mein Weib schier verrückt wird und daß ich vor Kummer und Schande alle meine Geschäfte aufgebe und – es sind schon zwei Jahre her – in eine andere Stadt ziehe? Doch ich will der Reihe nach erzählen, wie sich alles abspielte und woher das Unglück kam ... Es kam nämlich von den Bauernunruhen ...

Als die Bauernunruhen bei uns anfingen, fürchteten wir natürlich, daß die Geschichte mit einem Pogrom endet. Wir lebten also in der größten Angst. Doch wenn Gott will, tut er ein Wunder und wendet das Böse zum Besten. Was geschah also? Man schickte in unser Gouvernement ein Regiment Soldaten, und es wurde sofort still. Und das Regiment brachte Leben in das Städtchen: denn was gibt es Besseres für uns Juden als ein Regiment mit Feldwebeln, Feldschern, Offizieren, Kompaniechefs und Kommandeuren?«

»Ja, das stimmt!«

»Wer konnte aber ahnen, daß des Chasens Tochter sich in einen Offizier verlieben wird? Daß sie sich taufen lassen wollen wird, um den Offizier zu heiraten? Es ist gar nicht zu beschreiben, was es für einen Aufruhr in unserm Städtchen gab! Ihr braucht aber keine Angst zu haben: des Chasens Tochter hat sich nicht taufen lassen und hat den Offizier nicht geheiratet. Denn als die Bauernunruhen aufhörten, zog das Regiment wieder fort, und der Offizier vergaß sogar in der Eile, von des Chasens Tochter Abschied zu nehmen. Dafür hat aber des Chasens Tochter den Offizier nicht vergessen ... Die armen Eltern! Was die Leute ausstehen mußten! Die ganze Stadt hat förmlich gekocht, auf Schritt und Tritt sprach man nur von des Chasens Tochter, und wieder von des Chasens Tochter. Böse Menschen hatten nun genug zu tun: Man schickte dem Chasen einmal eine Hebamme ins Haus ... Ein anderes Mal fragte man ihn, welchen Namen er seinem Enkelkind zu geben gedenke. Obwohl es sehr möglich ist, daß die ganze Geschichte erlogen war. Wißt Ihr denn nicht, was böse Zungen in so einem kleinen Städtchen alles ausdenken können?« – »Das will ich meinen!«

»Den Kummer von den beiden, ich meine den Chasen und seine Frau, konnte man wirklich nicht ruhig ansehen! Denn was konnten sie dafür? Doch meiner Tochter sagte ich ein für allemal: Was gewesen, ist gewesen; doch von heute an hört jede Freundschaft mit des Chasens Tochter auf! Und wenn ich etwas sage, so ist es eben gesagt. Sie ist zwar eine einzige Tochter, muß aber trotzdem vor dem Vater Respekt haben. Wer konnte es ahnen, daß sie mit dem Mädel trotzdem zusammenkommen wird, natürlich, heimlich, hinter meinem Rücken? Und wann merke ich es? Als es schon zu spät ist! ...«

Plötzlich höre ich hinter meinem Rücken jemanden husten und wie aus dem Schlafe stöhnen. Der Mann, der die Geschichte erzählt, bleibt eine Weile stumm und fährt dann ganz leise fort:

»Das war gerade am ersten Sliches-Tag, ich weiß es noch so genau, als ob es erst eben geschehen wäre. Der Chasen sang die Sliches so, daß einem dabei das Herz zerriß! Sein Gesang konnte wirklich einen Stein rühren! Niemand, niemand hat mit ihm so mitgefühlt wie ich ... Ja, die Kinder von heute! Wehe ihren Vätern! ... Nach den Sliches verrichte ich gleich das Morgengebet, mache noch einen Sprung nach Hause, frühstücke, nehme die Schlüssel und gehe auf den Markt, um das Geschäft aufzusperren. Doch der Gehilfe ist noch nicht da. Ich warte eine halbe Stunde, ich warte eine Stunde, – er ist immer noch nicht da. Endlich kommt er. ›Berl, warum so spät?‹ Sagt er mir: ›Ich komme vom Chasen.‹ – ›Was hast du‹, frage ich ihn, ›plötzlich beim Chasen zu suchen?‹ Und er antwortet: ›Wißt Ihr denn nicht, was mit Chaike geschehen ist?‹ (So hieß nämlich des Chasens Tochter.) ›Was ist‹, frage ich, ›mit Chaike geschehen?‹ – ›Gott!‹ sagt er, ›sie hat sich doch vergiftet!‹«

»Ist es möglich?«

»Wie ich das höre, laufe ich sofort nach Hause. Mein erster Gedanke ist: ›Was wird Ettke dazu sagen?‹ (So hieß meine Tochter.) Ich komme nach Hause und frage meine Alte: ›Wo ist Ettke?‹ – ›Ettke schläft noch. Was willst du von ihr?‹ – ›Mein Gott!‹ sag ich, ›Chaike hat sich doch vergiftet.‹ Wie ich das sage, greift sich mein Weib an den Kopf und beginnt zu fluchen. ›Was fluchst du?‹ frage ich sie, und sie antwortet: ›Ettke ist ja mit ihr erst gestern abend spazierengegangen, wohl an die zwei Stunden ...‹ – ›Wie?‹ sage ich, ›wie kann das sein? Ettke mit Chaike zusammengewesen? Was redest du?‹ – ›Ach!‹ sagt sie, ›frage mich lieber nicht! Ich mußte ihr doch nachgeben. Sie bat mich, daß ich dir nichts davon sage, daß sie jeden Tag mit Chaike zusammenkommt! Es ist ein Unglück geschehen! Es wäre besser, wenn ich löge ...‹ So spricht zu mir meine Alte und rennt in Ettkes Kammer. Und sie fällt sofort auf den Boden nieder. Ich laufe ihr nach, stürze ich zum Bett und schreie: ›Ettke!‹ Es gibt keine Ettke mehr ...

Sie ist tot. Liegt tot im Bett. Und auf dem Tische steht ein Fläschchen, und daneben liegt ein Zettel, mit ihrer eigenen Hand geschrieben, und in jiddischer Sprache. Sie konnte gut jiddisch schreiben, es war ein Vergnügen, ihre Schrift zu lesen. ›Liebe und teure Eltern!‹ heißt es in dem Zettel. ›Verzeiht mir den Schmerz und die Schande, die ich Euch antue. Ich bitte Euch hundertmal um Vergebung‹, schreibt sie, ›wir haben uns beide, ich und Chaike, das Wort gegeben‹, schreibt sie, ›am gleichen Tage, zur gleichen Stunde den gleichen Tod zu sterben, denn wir können ohne einander nicht leben ... Ich weiß‹, schreibt sie, ›daß ich an Euch ein großes und schweres Verbrechen begehe. Ich habe mich mit diesem Gedanken sehr lange gequält. Nun ist es beschlossen, und ich kann nicht mehr zurück! Eine Bitte habe ich an Euch, teure Eltern: laßt mich an Chaikes Seite beerdigen‹, schreibt sie, ›Grab neben Grab. Bleibt gesund und vergeßt, vergeßt‹, so endet der Brief, ›daß Ihr einmal eine Tochter hattet mit Namen Ettke.‹ Habt Ihr es gehört? Wir sollen vergessen, daß wir eine Tochter Ettke hatten! ...«

 

Ich höre hinter meinem Rücken ein Stöhnen und Krächzen, und eine verschlafene Frauenstimme ruft: »Awremel! ... Awremel! ...«

»Ja, was ist, Gitke? Hast du ausgeschlafen? Willst du Tee trinken? Bald kommt eine Station. Wo ist die Teekanne? Wo ist der Tee und der Zucker? ...«

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