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Eine Geschichte von zwei Städten

Charles Dickens: Eine Geschichte von zwei Städten - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleEine Geschichte von zwei Städten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorManfred Hahn
senderwww.gaga.net
created20060829
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Vierzehntes Kapitel. Ausgestrickt.

Um dieselbe Zeit, als die zweiundfünfzig ihr Schicksal erwarteten, hielt Madame Defarge eine unheildrohende Beratung mit der Rache und Jacques drei von dem revolutionären Schwurgericht. Der Platz, wo Madame Defarge sich mit diesen ihren Ministern ins Einvernehmen setzte, war nicht die Weinstube, sondern der Schuppen des Holzspalters, weiland Wegknechts. Der letztere nahm keinen Teil an der Konferenz, harrte aber in einiger Entfernung als eine viel niedriger stehende Person, die nicht unaufgefordert sprechen und nur eine Ansicht kundgeben durfte, wenn sie darum befragt wurde.

»Aber unser Defarge ist doch unbezweifelt ein guter Republikaner, he?« fragte Jacques Drei.

»Es gibt keinen besseren in ganz Frankreich«, versicherte die zungenfertige Rache in schrillen Lauten.

»Still, meine kleine Rache«, sagte Madame Defarge, mit einem leichten Schmunzeln, die Hand auf die Lippen ihres Leutnants legend, »laß mich reden. Mein Mann, Mitbürger, ist ein guter Republikaner und ein kühner Mann; er hat sich wohl um die Republik verdient gemacht und besitzt ihr Vertrauen. Aber er hat auch seine Schwächen, und zu diesen gehört seine Anhänglichkeit an den Doktor.«

»Das ist recht schade«, krächzte Jacques Drei mit einem zweifelhaften Kopfschütteln, während seine grausamen Finger sich an seinem hungrigen Munde abarbeiteten; »es ziemt einem guten Bürger nicht und ist sehr zu bedauern.« »Ihr seht, ich für meine Person kümmere mich nichts um diesen Doktor«, sagte Madame. »Was liegt mir daran, ob er seinen Kopf behält oder verliert? Mir ist es gleichgültig. Aber die Evrésmondes sollen vertilgt werden, und das Weib mit ihrem Kinde muß dem Manne und Vater folgen.«

»Sie hat einen schönen Kopf dafür«, krächzte Jacques Drei. »Ich habe dort schon blaue Augen und goldiges Haar gesehen; sie nahmen sich prächtig aus, als Samson sie in die Höhe hielt.« Bei seiner Wolfsnatur sprach er wie ein Epikuräer.

Madame Defarge schlug ihre Augen nieder und sann eine Weile nach.

»Auch das Kind«, bemerkte Jacques Drei mit beschaulicher Lust, »hat goldiges Haar und blaue Augen, und wir sehen selten ein Kind dort. Es gibt einen allerliebsten Anblick.«

»Mit einem Wort«, sagte Madame Defarge, sich aus ihrem Nachsinnen aufraffend, »ich kann in dieser Sache meinem Manne nicht trauen. Seit gestern abend fühle ich, daß ich ihn nicht nur in die Einzelheiten meiner Pläne nicht einweihen darf, sondern auch, daß jede Zögerung die Gefahr der Warnung für sie in sich schließt und ihr Entkommen begünstigt.«

»Das darf nicht geschehen«, krächzte Jacques Drei. »Niemand darf entkommen. Wir haben noch nicht halb genug. Es müssen zehn Dutzend pro Tag werden.«

»Mit einem Wort«, sprach Madame Defarge weiter, »mein Mann hat nicht meine Gründe, diese Familie bis zur Vernichtung zu verfolgen, und seine Empfindsamkeit gegen diesen Doktor berührt mich nicht. Ich muß daher für mich handeln. Kommt her, kleiner Bürger.«

Der Holzspalter, der sie hoch in Ehren und aus heller Furcht sich selbst in tiefster Unterwürfigkeit hielt, trat mit seiner roten Mütze in der Hand heran.

»Wir sprechen von den Zeichen, die sie den Gefangenen gemacht hat, kleiner Bürger«, sagte Madame Defarge streng. »Ihr seid bereit, noch heute Zeugnis gegen sie abzulegen?«

»Ei ja, warum nicht?« versetzte der Holzspalter. »Jeden Tag, bei jedem Wetter von zwei bis vier Uhr; und stets Zeichen machend; bisweilen mit der Kleinen, bisweilen ohne sie. Ich weiß, was ich weiß, und hab' es mit eigenen Augen gesehen.«

Während seiner Rede machte er Gebärden aller Art, gleichsam in zufälliger Nachahmung einiger von den vielen und verschiedenen Signalen, die freilich nur in seinem Hirn spukten.

»Das ist sonnenklar eine Verschwörung«, sagte Jacques Drei. »Nicht anders möglich.«

»Das Schwurgericht wird doch darüber keinen Zweifel hegen?« fragte Madame Defarge, mit einem unheimlichen Lächeln ihre Augen auf ihn heftend.

»Verlaßt Euch auf die patriotischen Geschworenen, meine liebe Bürgerin. Ich stehe für meine Kollegen in der Jury.«

»Nun, laß mich sehen«, sagte Madame Defarge, abermals nachdenkend. »Um noch einmal auf diesen Doktor zu kommen – kann ich ihn um meines Mannes willen schonen? Ich habe nichts für und nichts gegen ihn. Kann ich ihn schonen?«

»Er würde doch als ein Kopf zählen«, bemerkte Jacques Drei mit gedämpfter Stimme. »Wir haben wahrhaftig nicht Köpfe genug. Es wäre schade, mein' ich.«

»Er machte mit ihr Signale, als ich sie sah«, fuhr Madame Defarge fort, »und ich kann nicht von ihr sprechen, ohne auch ihn zu erwähnen. Schweigen darf ich nicht und will daher die ganze Sache diesem kleinen Bürger hier überlassen; denn ich bin kein schlechter Zeuge.«

Die Rache und Jacques Drei wetteiferten miteinander in warmen Versicherungen, daß sie der trefflichste, der bewundernswürdigste Zeuge sei, und der kleine Bürger, der sich von ihnen nicht überbieten lassen wollte, erklärte sie geradezu für einen himmlischen Zeugen.

»Wir müssen ihn für sich selbst sorgen lassen«, sagte Madame Defarge. »Nein, ich kann ihn nicht schonen. Ihr seid um drei Uhr in Anspruch genommen; Ihr geht doch hin, um heute den Hinrichtungen beizuwohnen – Ihr?«

Diese Frage galt dem kleinen Holzspalter, der hastig mit Ja antwortete und die Gelegenheit benutzte, um hinzuzufügen, daß er der eifrigste Republikaner sei und sich wirklich als den unglücklichsten Republikaner fühlen würde, wenn ihn irgend etwas des Vergnügens beraubte, im Anblick des possierlichen Nationalbarbiers seine Nachmittagspfeife zu rauchen. Er benahm sich derart übertrieben, daß man ihn hätte beargwöhnen können (vielleicht lag auch dieser Sinn in dem Blick der Verachtung, den ihm die dunkeln Augen in Madame Defarges Kopf zuwarfen), er sei jede Stunde des Tages ein bißchen um seine, persönliche Sicherheit in Angst.

»Ich werde auch an dem gleichen Platz zu tun haben«, sagte Madame, »Wenn es vorüber ist – ich will sagen, um acht Uhr heute abend –, kommt Ihr zu mir nach Saint Antoine; wir wollen dann unsere Klage gegen diese Leute bei meiner Sektion vorbringen.«

Der Holzspalter versicherte, er werde stolz darauf sein und sich geschmeichelt fühlen, der Bürgerin zu dienen. Als die Bürgerin ihn ansah, wurde er verlegen; er wich ihrem Blick aus wie ein kleiner Hund, zog sich hinter sein Holz zurück und verbarg seine Verwirrung hinter dem Griff seiner Säge.

Madame Defarge winkte die Geschworenen und die Rache etwas näher an die Tür und erklärte ihnen ihre weiteren Absichten:

»Sie wird jetzt zu Hause sein und dort den Augenblick seines Todes erwarten. Natürlich trauert sie und grämt sich um ihn. Ich werde sie in einer Stimmung finden, in der sie die Republik der Ungerechtigkeit zeiht – und mit den Feinden derselben sympathisiert. Ich will zu ihr gehen.«

»Welche wunderbare Frau – welche anbetungswürdige Frau!« beteuerte Jacques Drei entzückt.

»Oh, meine Teuerste!« rief die Rache mit einer Umarmung.

»Nimm mein Strickzeug mit«, sagte Madame Defarge, indem sie den Knäuel ihrem Leutnant übergab, »und halt es mir auf meinem gewöhnlichen Sitz bereit. Hüte mir meinen Stuhl. Geh unverweilt hin; denn wahrscheinlich wird es heute einen größeren Zusammenlauf geben als sonst.«

»Ich gehorche bereitwillig den Befehlen meines Chefs«, erwiderte die Rache, indem sie Madame auf die Wange küßte. »Du wirst dich doch nicht verspäten?«

»Ich werde dort sein, noch ehe es anfängt.«

»Und bevor die Karren anlangen. Sieh zu, meine Seele«, rief ihr die Rache nach, denn sie war bereits auf der Straße draußen, »daß du noch vor dem Eintreffen der Karren dort bist.«

Madame Defarge winkte leicht mit der Hand, um ihr damit anzudeuten, sie möge sich darauf verlassen, daß sie in guter Zeit kommen werde, trabte durch den Staub und verschwand an der Ecke der Gefängnismauer. Die Rache und der Geschworene sahen ihr nach und belobten höchlich ihre schöne Figur und ihren hohen Sinn.

Es gab in jener Zeit viele Weiber, die die Hand eben dieser Zeit furchtbar verzerrt hatte, aber keine darunter, die schrecklicher gewesen wäre als das erbarmenlose Wesen, das gerade jetzt durch die Straßen schritt. Mit einem festen und furchtlosen Charakter, einer schnell sich zurechtfindenden Schlauheit, einem sehr entschiedenen Geist und jener Art von Schönheit begabt, die sich nicht nur mit Festigkeit und Leidenschaftlichkeit recht gut verträgt, sondern auch bei andern eine Anerkennung solcher Eigenschaften erzwingt, mußte sie unter allen Umständen in einer Periode wilder Erregung eine Rolle spielen. Da sie aber von Kindheit auf aus dem Gefühle erlittenen tiefen Unrechts den bittersten Haß gegen eine gewisse Klasse gesogen, so hatte die Gelegenheit sie zu einer Tigerin umgewandelt. Das Mitleid war ihr ein durchaus fremdes Gefühl, und wenn sie je einer solchen Regung zugänglich gewesen, so war diese doch längst in ihrer Seele erstorben.

Es machte ihr nichts aus, wenn ein Unschuldiger für die Verbrechen seiner Vorfahren starb; sie sah nicht ihn, sondern sie. Sie kehrte sich nicht daran, daß sein Weib zur Witwe, sein Kind zur Waise wurde. Ja, die Strafe genügte ihr nicht einmal, denn auch sie zählte sie zu ihren Feinden, die sie opfern wollte und die in ihrem Auge kein Recht zu leben hatten. Eine Berufung an ihr Herz wäre ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen, denn sie war sogar grausam gegen sich selbst. Hätte sie in einem der vielen Straßengefechte, in denen sie mitkämpfte, eine Todeswunde niedergestreckt, so hätte sie sich nicht bemitleidet, und wäre sie morgen zur Guillotine geführt worden, so würde sie auf dem Gange dahin keinem sanfteren Gefühle als dem wilden Wunsche Raum gegeben haben, ihren Platz mit dem Menschen zu wechseln, der sie hierher geliefert.

Solch ein Herz trug Madame Defarge unter ihrem rauhen Gewand, das trotz seiner Abnützung in einer gewissen unheimlichen Weise sich anständig genug ausnahm. Unter ihrer groben roten Mütze quoll reich das dunkle Haar hervor. In ihrem Busen hatte sie eine geladene Pistole und in den Schößen ihres Kleides einen scharfen Dolch verborgen. So ausgerüstet ging Madame Defarge mit dem zuversichtlichen Tritt eines solchen Charakters und mit der behenden Ungezwungenheit eines Weibes, das in seiner Kindheit barfuß den Seesand zu treten gewohnt war, die Straßen entlang.

Als am Abend vorher die Vorbereitungen zu der Reise erwogen wurden, für deren Antritt man jetzt nur noch das Eintreffen der letzten Person erwartete, hatte die Schwierigkeit, Miß Proß sogleich mitzunehmen, Mr. Lorrys Geist angelegentlich beschäftigt. Es war nicht bloß wünschenswert, ein Überladen der Kutsche zu vermeiden, sondern auch von höchster Wichtigkeit, daß die Personenkontrolle an der Barriere auf das geringste Zeitmaß beschränkt wurde, sofern der Erfolg ihrer Flucht vielleicht nur von dem Gewinn einiger Sekunden da oder dort abhing. Nach vielem ängstlichen Besinnen entschied er sich endlich dafür, daß Miß Proß und Jerry, die die Stadt beliebig verlassen konnten, um drei Uhr in dem leichtesten Gefährt jener Periode ihnen nachkommen sollten. Da sie nicht mit Gepäck belastet waren, so konnten sie die Kutsche bald einholen und ihr sogar vorausfahren. Dies setzte das Dienstpersonal in die Lage, für die Flüchtlinge im voraus Pferde zu bestellen und die Fahrt während der kostbaren Stunden der Nacht, in der Zögerung am meisten zu befürchten stand, zu beschleunigen.

Miß Proß willigte mit Freuden in diese Anordnung, die es ihr möglich zu machen schien, in dem obwaltenden dringlichen Falle wirklich nützlich zu werden. Sie und Jerry hatten die Kutsche abfahren sehen und, da sie den Mann, den Salomon brachte, recht gut kannten, zehn Minuten in der äußersten Spannung verlebt. Sie besprachen eben, wie sie es einrichten wollten, um der Kutsche zu folgen, als Madame Defarge auf ihrem Gang durch die Straßen der jetzt verlassenen Wohnung, in der sie ihre Beratung hielten, immer näher kam.

»Was meint Ihr, Mr. Cruncher«, sagte Miß Proß, die vor Aufregung nicht wußte, was sie mit sich anfangen sollte, »was meint Ihr, wenn wir unsere Reise nicht von diesem Hofe aus antreten? Da heut schon ein Wagen von hier abgegangen ist, so könnte es Argwohn erregen.«

»Ich bin der Ansicht, Miß«, versetzte Mr. Cruncher, »daß Ihr recht habt. Indes halt' ich's unter allen Umständen mit Euch, auf Recht oder Unrecht.«

»Ich bin vor Furcht und Hoffnung wegen unserer kostbaren Herrschaft so von Sinnen«, sagte Miß Proß, in ein krampfhaftes Weinen ausbrechend, »daß ich außerstande bin, mir einen Plan zu bilden. Ihr könnt dies wohl eher, mein lieber guter Mr. Cruncher?«

»Was meinen künftigen Lebenspfad betrifft, Miß«, entgegnete Mr. Cruncher, »so hoffe ich, ja. Aber ich glaube nicht, daß für unsere gegenwärtige Lage mein alter Kopf etwas auszudenken imstande ist. Wollt Ihr mir den Gefallen erweisen. Miß, mich seinerzeit an zwei Versprechen oder Gelübde zu erinnern, die ich in unserer kritischen Lage hier abzulegen gedenke?«

»Oh, um des Himmels willen!« erwiderte Miß Proß, noch immer in ihrem Weinen, »so legt sie ab und erleichtert Euer Herz wie ein ordentlicher Mann.«

»Zuerst«, sagte Mr. Cruncher mit aschfahlem feierlichem Gesicht, während er am ganzen Leibe zitterte, »daß ich jenen armen Dingern, die mit dem Zeitlichen fertig sind, nie mehr etwas tun will – gewiß nie mehr.«

»Ich bin überzeugt, Mr. Cruncher«, erwiderte Miß Proß »daß Ihr's nie wieder tun werdet, was es auch sein mag, und ich bitt' Euch, seht es für unnötig an, mir noch Weiteres auseinanderzusetzen, was es auch sei.«

»Nein, Miß, es soll nicht gegen Euch genannt werden«, versetzte Jerry. »Zweitens, abgesehen von jenen armen Dingern will ich nie mehr etwas aussetzen gegen Mrs. Crunchers Hinsacken – nie mehr.«

»Was dies auch für eine Haushaltungseinrichtung sein mag«, sagte Miß Proß, die ihre Augen zu trocknen und ruhiger zu werden versuchte, »so zweifle ich nicht, daß man am besten tut, wenn man Mrs. Cruncher ganz ihren freien Willen läßt. O, meine Lieblinge!«

»Ich geh' noch obendrein so weit, um zu sagen«, fuhr Mr. Cruncher in seiner höchst beunruhigenden Manie, eine Art Kanzelvortrag zu halten, fort – »und bitte Euch, meiner Worte zu gedenken und sie selbst Mrs. Cruncher zu hinterbringen –, daß meine Ansichten vom Hinsacken ganz andere geworden sind und daß ich aus dem Grunde meiner Seele hoffe, Mrs. Cruncher möge eben jetzt hingesackt sein.«

»Recht, recht, recht so! Ich hoffe es auch, mein guter Mann«, rief Miß Proß außer sich, »und so Gott will, findet sie Erhörung ihrer Wünsche.«

»Gott verhüte«, sagte Mr. Cruncher mit besonderer Feierlichkeit, Langsamkeit und predigtartiger Salbung, »daß irgend etwas, was ich je gesagt oder getan habe, jetzt an meinen ernsten Wünschen für jene armen Geschöpfe heimgesucht werde. Verhüte Gott, daß wir nicht alle gerne hinsacken sollten (wenn es irgend anginge), um aus den schrecklichen Gefahren hier herauszukommen. Gott verhüt' es – und noch einmal, Gott verhüt' es!«

So lautete Mr. Crunchers Schlußsatz, nachdem er lange vergeblich sich besonnen, um einen besseren zu finden.

Und immer näher und näher kam die die Straßen durchwandelnde Madame Defarge.

»Wenn wir je wieder in die Heimat zurückkommen«, sagte Miß Proß, »so dürft Ihr Euch darauf verlassen, daß ich Mrs. Cruncher von dem, was Ihr mir so ausdrücklich gesagt habt, so viel mitteilen will, wie ich behalten kann oder zu verstehen vermochte. Und jedenfalls dürft Ihr darauf bauen, daß ich Euch bezeugen werde, wie gründlich ernst es Euch gewesen sei in dieser schrecklichen Zeit. Aber jetzt müssen wir uns besinnen. Mein geschätzter Mr. Cruncher, laßt uns nachdenken.«

Noch immer wandelte Madame Defarge durch die Straßen und kam näher und näher.

»Meint Ihr nicht«, sagte Miß Proß, »es wär' am besten, wenn Ihr vorausginget und das Gefährt nicht hierherkommen, sondern irgendwo auf mich warten ließet?«

Mr. Cruncher hielt es für das beste.

»Wo könntet Ihr auf mich warten?« fragte Miß Proß.

Mr. Cruncher war so außer sich, daß er sich auf keine andere Örtlichkeit als auf Temple Bar besinnen konnte. Aber leider lag Temple Bar Hunderte von Meilen entfernt, und Madame Defarge war in der Tat schon sehr nahe.

»An der Domkirchentür«, sagte Miß Proß. »Wär' es sehr abseitig, wenn Ihr mich an der Tür, die sich zwischen den zwei Türmen befindet, aufnehmen müßtet?«

»Nein, Miß«, antwortete Mr. Cruncher.

»Dann seid ein guter Mann«, sagte Miß Proß, »und geht unverweilt nach dem Posthause, um diese Abänderung zu bestellen.«

»Ich bin zweifelhaft, seht Ihr«, entgegnete Mr. Cruncher zögernd und den Kopf schüttelnd, »ob ich Euch verlassen darf. Wir wissen nicht, was vorfallen kann.«

»Du mein Himmel, wir wissen das freilich nicht«, erwiderte Miß Proß; »aber habt keine Sorge um mich. Nehmt mich um drei Uhr oder ungefähr um diese Zeit bei dem Dom auf, und ich bin überzeugt, es ist besser, als wenn wir von hier aus abfahren. Ja, ich weiß es gewiß. So; jetzt behüt' Euch Gott, Mr. Cruncher! Denkt nicht an mich, sondern an die Leben, die vielleicht von uns beiden abhängen.«

Diese Einleitung und die beiden Hände, mit welchen Miß Proß in ihrer Herzensangst flehentlich die seinigen umfaßte, wirkten bestimmend auf Mr. Cruncher, der sofort mit einem ermutigenden Kopfnicken sich auf den Weg machte, um die beschlossene Abänderung anzuzeigen, und es ihr überließ, ihrem eigenen Vorschlag gemäß nachzukommen.

Es gereichte Miß Proß zu großer Erleichterung, Anlaß zu einer Vorsichtsmaßregel gegeben zu haben, deren Ausführung eben im Gange war. Die Notwendigkeit, ihr Äußeres so zu ordnen, daß sie in den Straßen keine besondere Aufmerksamkeit erregte, gab weiteren Anlaß zur Zerstreuung. Sie sah auf ihre Uhr und fand zwanzig Minuten über zwei. Da war keine Zeit mehr zu verlieren; sie mußte sich beeilen.

Während sie in ihrer äußersten Verstörung sich vor der Einsamkeit der verlassenen Zimmer fürchtete und durch jede offene Tür eingebildete Gesichter hereinschauen sah, holte sie ein Becken mit kaltem Wasser und begann sich ihre geschwollenen roten Augen zu waschen. Aber in ihrer fieberhaften Angst konnte sie es nicht ertragen, ihren Gesichtssinn für eine Minute über einmal durch das triefende Wasser verdunkelt zu sehen; sie hielt daher alle Augenblicke inne und schaute zurück, um sich zu überzeugen, ob sie nicht beobachtet werde. In einer von diesen Pausen fuhr sie zusammen und schrie laut auf; denn sie sah eine Gestalt in dem Zimmer stehen.

Da« Becken fiel zerbrochen zu Boden, und das Wasser strömte zu Madame Defarges Füßen hin, als fühle es, daß es hier gelte, viele Blutflecken abzuwaschen.

Madame Defarge sah kalt nach ihr hin und fragte:

»Wo ist Evrémondes Weib?«

Miß Proß schoß plötzlich der Gedanke durch das Gehirn, daß sämtliche Türen offen standen und sogleich auf eine Flucht schließen ließen; sie ging daher alsbald ans Werk, diese zuzumachen. Dann stellte sie sich vor die Tür des Gemaches, das Lucie bewohnt hatte.

Madame Defarges dunkle Augen folgten ihr bei allen diesen hastigen Bewegungen und blieben auf ihr haften, als sie fertig war. Miß Proß hatte nichts Schönes an sich. Das Wilde und Abenteuerliche ihres Aussehens war durch die Jahre nicht gezähmt oder gemildert worden. Aber auch sie konnte in ihrer Art als ein entschlossenes Frauenzimmer angesehen werden und maß die andere Zoll für Zoll mit ihren Augen.

»Du magst deinem Aussehen nach Madame Luzifer selber sein«, sagte Miß Proß für sich; »aber gleichwohl sollst du mir nichts anhaben können. Ich bin eine Engländerin.«

Madame Defarge betrachtete sie verächtlich, aber doch mit einer gewissen Ahnung, daß sie in Miß Proß eine Widersacherin habe. Sie sah dieselbe kräftige, eiserne Person vor sich wie Mr. Lorry, als er vor Jahren ihre starke Hand zu fühlen bekam, und wußte recht wohl, daß Miß Proß eine aufopferungsfähige Freundin der Familie war, während Miß Proß ihrerseits in dieser Madame Defarge den bösen Engel der Familie erkannte.

»Auf meinem Wege nach dem Orte«, sagte Madame Defarge mit einer leichten Bewegung der Hand nach der Richtstätte hin, »wo man mir meinen Stuhl und mein Strickzeug aufbewahrt, bin ich heraufgekommen, um ihr mein Kompliment zu machen. Ich wünsche sie zu sprechen.«

»Ich weiß, daß Ihr schlimme Absichten habt«, sagte Miß Proß, »und Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß ich ihnen entgegenarbeiten werde.«

Jede bediente sich ihrer eigenen Sprache, so daß keine die Worte der andern verstand; aber beide suchten wechselseitig aus Miene und Gebärden sich deutlich zu machen, was die andere sagen wollte.

»Es wird ihr nicht zu Frommen dienen, wenn sie sich in diesem Augenblick vor mir verbirgt«, fuhr Madame Defarge fort. »Gute Patrioten werden wissen, was dies heißen soll. Laßt mich zu ihr. Geht und bedeutet ihr, daß ich sie zu sprechen wünsche. Hört Ihr?«

»Wenn diese deine Augen Bohrer wären«, erwiderte Miß Proß, »und ich ein englischer Bettpfosten, so sollen sie doch keinen Splitter aus mir herauskriegen. Nein, du boshaftes Weibsbild; dir bin ich schon gewachsen.«

Madame Defarge war nicht in der Lage, diesen in der Heimatsprache gemachten Bemerkungen ins einzelne zu folgen, entnahm aber doch so viel daraus, daß ihr Wille keine Beachtung fand.

»Blödsinniges Schwein!« rief Madame Defarge zürnend: »ich verlange keine Gegenrede von dir, sondern will sie sehen. Entweder sag' ihr dies oder tritt von dieser Tür weg und mir aus dem Wege, damit ich zu ihr kann.«

Sie begleitete diese zornige Anrede mit einem Winken ihres rechten Armes.

»Ich habe nie daran gedacht«, sagte Miß Proß, »daß ich je nötig haben könnte, deine unsinnige Sprache zu verstehen; aber ich gäbe gerne alles, was ich habe, die Kleider auf meinem Leibe ausgenommen, darum, wenn ich wüßte, ob du eine Ahnung hast von der Wahrheit oder von einem Teil derselben.«

Sie verwandten nicht einen Moment die Augen voneinander. Madame Defarge war bisher auf derselben Stelle stehengeblieben, auf der Miß Proß sie zuerst erblickt hatte; jetzt aber kam sie um einen Schritt näher.

»Ich bin eine Britin«, sagte Miß Proß, »und in der Verzweiflung zu allem fähig. Ich kümmere mich kein englisches Zweipencestück um mich selbst; und je länger ich dich hier festhalte, desto größere Hoffnung ist für mein Vögelchen vorhanden. Du sollst mir keine Handvoll von deinem schwarzen Haar davontragen, wenn du mich nur mit einem Finger anrührst.«

So Miß Proß, die zwischen jedem Satz ihren Kopf schüttelte und ihre Augen blitzen ließ, während ihre Atemzüge hastig gingen – dieselbe Miß Proß, die in ihrem ganzen Leben nie einen Schlag ausgeteilt hatte.

Aber ihr Mut war von jener erregbaren Beschaffenheit, der so gern seinen Besitzer in eine Tränenexaltation versetzt. Einen solchen Mut begriff Madame Defarge so wenig, daß sie ihn irrtümlich für Schwäche nahm. »Ha, ha!« lachte sie, »du erbärmliches Geschöpf, was soll ich mich mit dir einlassen? Ich will mich selbst an diesen Doktor wenden.« Dann erhob sie ihre Stimme und rief: »Bürger Doktor! Weib von Evrémonde! Wer da mich hört, außer dieser ärmlichen Törin, antworte der Bürgerin Defarge!«

Das nun folgende Schweigen, vielleicht auch ein geheimer Zug in dem Ausdruck von Miß Proß' Gesicht, vielleicht auch eine plötzliche, nicht von den Umständen an die Hand gegebene Ahnung mochte Madame Defarge auf den Gedanken bringen, daß sie fort seien. Sie öffnete hastig drei von den Türen und sah hinein.

»Diese Zimmer sind in Unordnung; man hat hier hastig gepackt, und es liegt allerlei durcheinander auf dem Boden. In dem Zimmer hinter Euch ist niemand. Laßt mich sehen!«

»Nein!« rief Miß Proß, die diese Aufforderung so gut verstand wie Madame Defarge ihre Antwort.

»Wenn sie sich nicht in diesem Zimmer befinden, sind sie fort und können verfolgt und zurückgebracht werden«, sagte Madame Defarge zu sich selbst.

»Solange du nicht weißt, ob sie in diesem Zimmer sind oder nicht, kannst du nicht handeln«, lautete das Selbstgespräch der Miß Proß; »und du sollst mir's nicht erfahren, wenn ich's hindern kann. Aber magst du's nun wissen oder nicht, du kommst mir nicht von der Stelle, solange ich dich zu halten imstande bin.«

»Ich bin vom Anfang an bei den Straßenkämpfen gewesen; nichts hat mich zu hindern vermocht, und ich reiße dich in Stücke, wenn du nicht von dieser Tür weggehst«, sagte Madame Defarge.

»Wir sind allein in dem Giebelstock eines hohen, in einem einsamen Hofe stehenden Hauses, und man wird uns wahrscheinlich nicht hören. O Himmel, gib mir Kraft, sie hier aufzuhalten, denn jede Minute, die ich sie hier habe, ist für meinen Liebling hunderttausend Guineen wert«, sagte Miß Proß.

Madame Defarge wollte auf die Tür zu. Miß Proß, die sich instinktartig diese Bewegung deutete, faßte sie plötzlich mit beiden Armen um den Leib und hielt sie fest. Vergeblich kämpfte sich Madame Defarge ab und schlug um sich: Miß Proß umschlang sie mit der zähen Kraft der Liebe, die immer viel stärker ist als die des Hasses, noch fester und hob sie bei dem Ringen vom Boden auf. Madame Defarge zerarbeitete ihr mit ihren Fäusten das Gesicht; aber Miß Proß, die ihren Kopf senkte, hielt fortwährend ihren Leib mit der Gewalt eines Ertrinkenden umfaßt.

Bald hörte übrigens Madame Defarge auf, um sich zu schlagen, und tastete nach ihrem Gürtel.

»Er ist unter meinem Arme«, sagte Miß Proß mit erstickter Stimme, »und du sollst mir ihn nicht herausbringen. Ich bin stärker als du, Gott sei Dank, und ich will dich festhalten, bis eine von uns die Besinnung verliert oder tot ist.«

Madame Defarge fuhr mit der Hand nach ihrem Busen. Miß Proß schaute auf, sah, was es war, und schlug danach. Sie schlug einen Blitz, ein Krachen heraus – und stand allein, von Rauch geblendet.

All dieses war das Werk einer Sekunde. Wie der Rauch sich verzog, herrschte eine schauerliche Stille; er schwebte in die Luft hinaus, als sei er die Seele des wütenden Weibes, deren Körper leblos am Boden lag.

In dem ersten Schrecken ihrer Lage eilte Miß Proß so fern als möglich an der Leiche vorbei und die Treppe hinunter, in ein vergebliches Hllfegeschrei ausbrechend. Zum Glück besann sie sich bald auf die Folgen ihres Tuns; sie hielt an und kehrte zurück. Es war freilich etwas Schreckliches, wieder zu dieser Tür hineinzugehen; aber sie tat es dennoch und machte sich ganz in ihre Nähe, um ihren Hut und andere Dinge, die sie brauchte, zu holen. Sie vollendete auf der Flur draußen ihren Anzug, schloß die Tür ab und zog den Schlüssel heraus. Eine kurze Weile setzte sie sich auf der Treppe nieder, um zu Atem zu kommen und ein Stückchen zu weinen; dann stand sie wieder auf und eilte von hinnen.

Zu gutem Glück hatte sie einen Schleier auf ihrem Hut, da sie sonst nicht durch die Straßen gekommen wäre, ohne angehalten zu werden. Ein weiteres Glück war, daß bei ihrem besonderen Äußeren die Unordnung nicht so auffiel wie an anderen Frauenspersonen. Sie bedurfte dieser Vorteile recht wohl, denn sie hatte in ihrem Gesicht tiefe Nägelrisse; ihr Haar war zerrauft und ihr Anzug, den sie nur hastig und mit unsteter Hand hatte ordnen können, zerrissen und kläglich zerknüllt.

Als sie über die Brücke kam, ließ sie den Schlüssel zu der Tür in den Fluß fallen. Sie mußte vor dem Dom einige Minuten auf ihr Geleite warten und quälte sich in der Zwischenzeit mit Vorstellungen ab, der Schlüssel könne bereits durch ein Netz aufgefischt und als der rechte erkannt worden sein. Ihre geängstigte Phantasie malte ihr bereits die geöffnete Tür, die Entdeckung der Leiche, ihre Verhaftung am Tor, Gefängnis und die Anklage auf Mord vor. Während noch solche Gedanken ihrem Gehirn zu schaffen machten, erschien das Gefährt, nahm sie, auf und fuhr weiter.

»Ist ein Lärm in den Straßen?« fragte sie ihren Begleiter.

»Nicht mehr als gewöhnlich«, versetzte Mr. Cruncher und sah sie erstaunt ob dieser Frage und ihrem Äußeren an.

»Ich höre Euch nicht«, fuhr Miß Proß fort. »Was habt Ihr gesagt?«

Vergeblich wiederholte Mr. Cruncher, was er gesagt hatte. Miß Proß konnte ihn nicht hören. »So will ich mit dem Kopfe nicken«, dachte Mr. Cruncher bestürzt; »jedenfalls wird sie dies sehen.« Er hatte damit nicht unrecht.

»Ist jetzt Lärmen in den Straßen?« fragte Miß Proß wieder.

Und Mr. Cruncher nickte wieder mit dem Kopfe.

»Ich höre ihn nicht.«

»Taub geworden in einer Stunde?« sagte Mr. Cruncher verstört vor sich hin. »Was mag an sie gekommen sein?«

»Ich meine, einen Blitz gesehen und ein Krachen gehört zu haben«, sagte Miß Proß, »und es ist mir, als sei dieses Krachen das letzte gewesen, was ich je in meinem Leben hören soll.«

»Ich will des Henkers sein, wenn dies nicht ein kurioser Zustand ist«, sagte Mr. Cruncher, in dessen Gehirn es immer unklarer wurde. »Hat sie vielleicht etwas zu sich genommen, um sich den Mut aufrechtzuerhalten? Horch! Da kommen die schrecklichen Karren einhergerollt! Die könnt Ihr doch hören. Miß?«

»Ich höre gar nichts«, versetzte Miß Proß, die es seinem Munde absah, daß er sprach. »O, mein guter Mann, zuerst kam ein schreckliches Krachen, und darauf folgte eine tiefe Stille; und diese Stille scheint so fest und wandellos zu sein, als solle sie nie mehr unterbrochen werden, solange ich lebe.«

»Wenn sie das Gerassel dieses schrecklichen Karren, die jetzt dem Ende ihrer Fahrt so nahe sind nicht hört«, sagte Mr. Cruncher über seine Schulter zurücksehend, »so ist wahrhaftig meine Meinung, daß sie in dieser Welt nichts anderes mehr hören wird.«

Und so war es auch.

*

 

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