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Eine Geschichte von zwei Städten

Charles Dickens: Eine Geschichte von zwei Städten - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleEine Geschichte von zwei Städten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorManfred Hahn
senderwww.gaga.net
created20060829
projectidadd1f50d
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Zwölftes Kapitel. Dunkelheit.

Sydney Carton hielt in der Straße an, weil er noch nicht ganz schlüssig war, wohin er gehen sollte. »Um neun Uhr in Tellsons Bankhaus«, sagte er mit nachdenklichem Gesicht. »Wird es nicht gut sein, wenn ich mich in der Zwischenzeit sehen lasse? Ich denke so. Diese Leute müssen erfahren, daß ein Mensch wie ich hier ist; die Vorsicht gebietet es, und es kann sogar als Vorbereitungsmaßregel nötig werden. Aber behutsam, behutsam. Ich will mir's überlegen.«

Er hatte bereits angefangen, seine Schritte irgendeinem Ziel zuzulenken, als er wieder innehielt und in der bereits dunkel werdenden Straße auf und ab ging, um sich die möglichen Folgen klarzumachen. Doch bald festigte sich in ihm der erste Eindruck. »Es ist das beste«, sagte er endlich entschlossen, »daß diese Leute Kunde erhalten von der Anwesenheit eines Menschen wie ich!« dann wandte er sich Saint Antoine zu.

Defarge hatte sich an jenem Tage selbst als Weinwirt in der Vorstadt von St. Antoine bezeichnet. Für einen Mann, der sich so gut in der Stadt auskannte wie er war es ein leichtes, das Haus ohne Nachfrage aufzufinden. Carton verließ die engeren Straßen, nahm in einer Restauration eine Erfrischung ein und stärkte sich nach dem Essen durch einigen Schlaf. Zum erstenmal seit vielen Jahren mied er starkes Getränk. Er hatte seit gestern abend nichts als ein wenig leichten Wein zu sich genommen und tags zuvor den letzten Tropfen Branntwein auf Mr. Lorrys Herd ausgegossen wie ein Mann, der damit nichts mehr zu schaffen haben will.

Es war abends sieben Uhr, als er erfrischt wieder erwachte und aufs neue in die Straßen hinausging. Auf dem Wege nach St. Antoine machte er vor einem Spiegelladen halt und ordnete seine lose Halsbinde, seinen Rockkragen und sein wirres Haar. Nachdem dies geschehen war, verfügte er sich schnurstracks zu Defarge und trat in dessen Weinstube.

Es war zufällig kein anderer Gast in dem Zimmer als Jacques Drei mit den unruhigen Fingern und der krächzenden Stimme. Dieser Mensch, in dem er sogleich einen der Geschworenen des Morgens wiedererkannte, stand bei seinem Glase an dem kleinen Schanktisch und unterhielt sich mit dem Defargeschen Ehepaar. Die Rache mischte sich gleichsam als ein regelmäßiges Mitglied des Haushaltes in das Gespräch.

Carton nahm sich einen Sitz und bestellte in schlechtem Französisch eine halbe Flasche Wein. Madame Defarge warf zuerst einen gleichgültigen, dann aber immer schärfere Blicke auf ihn und trat endlich selbst auf ihn zu, um ihn zu fragen, was ihm beliebe.

Er wiederholte die frühere Bestellung.

»Ein Engländer?« fragte Madame Defarge, forschend ihre dunkeln Augenbrauen in die Höhe ziehend.

Nachdem er sie angesehen hatte, als ob selbst der Klang eines einzigen französischen Wortes ihm nicht schnell verständlich sei, antwortete er in dem früheren ausländischen Akzent:

»Ja, Madame, ja. Ich bin ein Engländer.«

Madame Defarge kehrte nach dem Schanktische zurück, um den Wein abzumessen, während er eine Jakobinerzeitung aufnahm und sich anstellte, als suche er mit Mühe sich den Inhalt derselben verständlich zu machen. Da hörte er sie sagen:

»Bei meiner Seele, er sieht dem Evrémonde ähnlich!«

Defarge brachte ihm den Wein und bot ihm einen guten Abend.

»Wie?«

»Guten Abend.«

»Oh, guten Abend, Bürger.« Er füllte sein Glas. »Ah, ein guter Wein. Ich trinke auf das Wohl der Republik.«

Defarge kehrte nach dem Schanktisch zurück und sagte:

»Allerdings einige Ähnlichkeit.«

»Ich sage dir, eine sehr große«, entgegnete Madame Defarge.

»Ihr seht überall nur ihn, Madame«, bemerkte Jacques Drei beschwichtigend.

»Ja, meiner Treu«, fügte die liebenswürdige Rache lachend bei; »und es macht dir so viel Lust, ihn morgen noch einmal zu sehen.«

Carton folgte den Worten und Linien seiner Zeitung langsam mit dem Zeigefinger und mit einer völlig in die Lektüre vertieften Miene. Sie standen ganz nahe beieinander, die Arme auf den Schanktisch gestützt, und sprachen leise. Er ließ sich nicht dadurch stören, daß sie öfters nach ihm hinsahen; endlich fuhren sie in ihrem Gespräch etwas lauter fort.

»Es ist ganz so, wie Madame sagt«, bemerkte Jacques Drei. »Warum haltmachen? Die Sache ist mächtig im Gange. Warum haltmachen?«

»Nun, einmal muß es doch geschehen«, stellte Defarge vor; »es fragt sich nur wann.«

»Erst mit der Vertilgung«, sagte Madame.

»Großartig!« krächzte Jacques Drei.

Auch die Rache zollte ihren Beifall.

»Vertilgung ist ein guter Grundsatz, Frau«, sagte Defarge etwas beunruhigt, »und ich habe im allgemeinen nichts dagegen einzuwenden. Aber dieser Doktor hat viel gelitten. Du hast ihn ja heute gesehen und sein Gesicht bemerkt, als die Schrift verlesen wurde.«

»Ich habe sein Gesicht bemerkt«, entgegnete Madame unmutig und im Ton der Verachtung. »Ja, wohl habe ich es bemerkt und auch darin gelesen, daß es nicht das Gesicht eines echten Freundes der Republik ist. Mag er sich mit seinem Gesicht in acht nehmen!«

»Und du hast auch den Schmerz seiner Tochter wahrgenommen, Frau«, fügte er fürsprechend bei; »er muß ihm schrecklich gewesen sein.«

»Auch seine Tochter sah ich«, erwiderte Madame. »Ich habe sie mehr als einmal beobachtet – nicht nur heute, sondern auch zu andern Zeiten. Ich beobachtete sie in dem Gerichtssaal und in der Straße vor dem Gefängnis. Ich brauche nur meinen Finger aufzuheben –!«

Sie schien ihn wirklich aufzuheben (die Augen des Zuhörers wandten sich nicht von seiner Zeitung) und mit einem Rasseln auf den Sims vor sich niederfallen zu lassen, als ob ein Beil fiele.

»Die Bürgerin ist prächtig!« krächzte der Geschworene.

»Sie ist ein Engel!« rief die Rache und umarmte sie.

»Was dich betrifft«, fuhr Madame unversöhnlich gegen ihren Mann fort, »so würdest du, wenn es von dir abhinge – zum Glück ist es nicht der Fall –, diesen Menschen selbst jetzt noch retten.«

»Nein«, beteuerte Defarge. »Nicht dieses Glas möchte ich aufheben um seinetwillen. Aber dabei muß es sein Verbleiben haben. Ich sage, es darf nicht so weiter gehen.«

»Da seht Ihr selbst, Jacques«, sagte Madame Defarge zornig, »und auch du siehst es, meine kleine Rache – ihr beide seht es. Aber hört mich an! Ich habe wegen anderer Verbrechen als dem der Tyrannei und Bedrückung diese Familie längst auf meinem Register und ihren Untergang, ihre Verfolgung beschlossen. Fragt meinen Mann, ob es nicht so ist.«

»Es ist so«, bekräftigte Defarge, noch eh' er befragt wurde.

»In dem Beginne der großen Tage, als die Bastille fiel, kam er in den Besitz jener Denkschrift, brachte sie nach Hause, und wir lasen sie mitten in der Nacht, sobald die Stube leer und geschlossen war, hier auf dieser Stelle und beim Licht dieser Lampe. Fragt ihn, ob es nicht so ist.«

»Es ist so«, sagte Defarge.

»In der Nacht, in der wir die Schrift lasen, als die Lampe bereits erloschen war und schon der Tag hereinblinkte durch diese Läden und die eisernen Gitter, sagte ich zu ihm, daß ich ihm ein Geheimnis mitzuteilen habe. Fragt ihn, ob es nicht wahr ist.«

»Es ist wahr«, pflichtete Defarge bei.

»Ich teilte ihm dieses Geheimnis mit. Ich schlug mit diesen zwei Händen an diese meine Brust, wie ich es jetzt tue, und sagte zu ihm: ›Defarge, ich wurde unter den Fischern an der Seeküste erzogen, und jene Bauernfamilie, die von den Gebrüdern Evrémonde die schändliche Behandlung erlitt, von der die Bastilleschrift spricht, ist meine Familie. Defarge, jene Schwester des am Boden liegenden, auf den Tod verwundeten Knaben war ich, jener Mann der Mann meiner Schwester, jenes ungeborene Kind ihr Kind, jener Bruder mein Bruder, jener Vater mein Vater – alle jene Toten sind meine Toten, und die Aufforderung, Rechenschaft zu verlangen für jene Taten, gilt mir!‹ Fragt ihn, ob es so ist.«

»Ja, sie sagt die Wahrheit«, bestätigte Defarge aufs neue.

»Dann gebiete dem Wind und Feuer Halt, nicht aber mir«, erwiderte Madame.

Der tödliche Haß dieses Weibes erfüllte ihre beiden Zuhörer mit einer schrecklichen Lust, und sie belobten sie höchlich. Der Lauscher konnte fühlen, daß die Sprecherin leichenblaß war, ohne ein Auge gegen sie aufzuschlagen. Defarge, eine schwache Minorität, erinnerte mit einigen Worten an die mitleidige Gattin des Marquis, entlockte aber damit seinem Weibe nur eine Wiederholung ihrer letzten Erklärung: »Gebiet' dem Wind und dem Feuer Halt, nicht aber mir!«

Es kamen Gäste, und die Gruppe löste sich auf. Der englische Gast bezahlte, was er genossen hatte, verrechnete sich im Zählen des herausgegebenen Geldes und bat als Fremder um Auskunft über den Weg nach dem Nationalpalast. Madame begleitete ihn nach der Tür und streckte den Arm aus, um ihn zurechtzuweisen. Dem Fremden kam dabei der Gedanke, ob es nicht eine gute Tat wäre, diesen Arm zu fassen, in die Höhe zu reißen und unter diesem eine scharfe Waffe einzubohren.

Doch er ging seines Weges und verschwand bald im Schatten der Gefängnismauer. Zu der anberaumten Zeit fand er sich in Mr. Lorrys Zimmer ein, wo er den alten Herrn in ruheloser Angst auf und ab gehen fand. Er sagte, er sei bis jetzt bei Lucie gewesen und habe sie nur auf einige Minuten verlassen, um der Bestellung gemäß hierher zu kommen. Ihr Vater hatte sich, seit er um vier Uhr von dem Bankhaus fortging, nicht wieder blicken lassen. Sie hegte einige, wiewohl nur eine sehr schwache Hoffnung, daß es ihm gelingen dürfte, ihren Charles zu retten. Er war schon mehr als fünf Stunden fort; wo mochte er nur bleiben?

Mr. Lorry wartete bis zehn Uhr; da aber Doktor Manette nicht zurückkehrte und er Lucie nicht länger allein lassen wollte, so kamen sie überein, daß er zu ihr gehen und gegen Mitternacht wieder in das Bankhaus kommen solle. Mittlerweile gedachte Carton beim Feuer sitzenzubleiben und auf den Doktor zu warten.

Er wartete und wartete, und als es zwölf schlug, war immer noch kein Doktor Manette da. Mr. Lorry kam wieder, traf aber alles, wie er es verlassen hatte, ohne selbst eine Neuigkeit mitzubringen. Wo blieb er doch?

Sie besprachen miteinander diese Frage und bauten auf seine verzögerte Rückkehr fast ein schwaches Hoffnungsgebäude, als sie ihn endlich auf der Treppe hörten. Da er aber in das Zimmer eintrat, bewies der erste Blick, daß alles verloren sei.

Ob er wirklich bei jemandem gewesen war oder ob er den ganzen Abend die Straßen durchstreift hatte, ist niemals ermittelt worden. Während er so dastand und sie mit großen Augen anstarrte, wagten sie keine Frage an ihn zu richten; denn sein Gesicht sagte ihnen alles.

»Ich kann sie nicht finden«, sagte er, »und ich muß sie haben. Wo ist sie?«

Sein Kopf und sein Hals war bloß, und seine Worte klangen wie die eines Mannes, der am Ende seiner Weisheit angelangt ist. Er nahm seinen Rock ab und ließ ihn auf den Boden fallen.

»Wo ist meine Werkbank? Ich habe mich überall nach meiner Werkbank umgesehen und kann sie nicht finden. Was hat man mit meiner Arbeit angefangen? Die Zeit drängt; ich muß die Schuhe fertigbringen.«

Sie sahen einander trostlos an.

»Oh, oh!« rief er in kläglich wimmerndem Tone. »Laßt mich an meine Arbeit – gebt mir meine Arbeit!«

Da er keine Antwort erhielt, so zerraufte er sich das Haar und stampfte wie ein eigensinniges Kind mit den Füßen auf den Boden.

»Foltert nicht einen armen verlassenen Unglücklichen«, flehte er sie unter kreischendem Geschrei an, »sondern gebt mir meine Arbeit! Was soll aus mir werden, wenn ich nicht heute nacht die Schuhe fertigbringe?«

Wieder wirr, völlig wirr!

Es war augenscheinlich so hoffnungslos, ihn durch Vorstellungen wieder zur Vernunft bringen zu wollen, daß beide wie im Einverständnis je eine Hand auf seine Schultern legten und ihn baten, sich vor dem Feuer niederzulassen; sie wollen alsbald ihm sein Werkzeug herbeischaffen. Er sank in den Stuhl, stierte in die Asche hinein und vergoß Tränen. Mr. Lorry sah in ihm wieder ganz denselben Mann, wie er ihn unter Defarges Obhut im Dachstübchen getroffen hatte, und die Zeit zwischen damals und jetzt kam ihm nur wie ein Traum vor.

Wie sehr übrigens dieses Schauspiel des Verfalls beiden die Seele mit Gefühlen der Erschütterung und des Schreckens erfüllte, war doch die Zeit nicht geeignet, solchen Erregungen nachzuhängen. Seine verwaiste Tochter, die ihrer letzten Hoffnung und Stütze beraubt war, nahm ihre Teilnahme zu sehr in Anspruch. Sie sahen einander bedeutungsvoll an. Carton war der erste, der das Wort ergriff.

»Die letzte Aussicht, so klein sie auch war, ist dahin. Ja, es wird am besten sein, wenn man ihn zu ihr bringt. Aber wollt Ihr mir nicht, eh' Ihr geht, noch einen Augenblick ernste Aufmerksamkeit schenken? Fragt nicht, warum ich Euch gewisse Bedingungen mache und mir ihr genaues Einhalten erbitte; ich haben einen Grund –einen guten Grund dazu.«

»Ich zweifle nicht daran«, entgegnete Mr. Lorry. »Sprecht.«

Die Gestalt in dem Sessel zwischen ihnen wiegte sich die ganze Zeit in eintönigem Stöhnen hin und her. Sie sprachen miteinander in einem Ton, wie man ihn nachts beim Wachen in einem Krankenzimmer gewöhnt ist.

Carton beugte sich, um den Rock aufzunehmen, in dem sich seine Füße fast verstrickt hatten. Während er dies tat, fiel ein kleines Taschenbuch, in dem der Doktor seine Tagesobliegenheiten vorzumerken pflegte, auf den Boden. Er nahm es auf; es befand sich ein zusammengelegtes Papier darin.

»Wir sollten dies ansehen«, bemerkte er.

Mr. Lorry nickte zustimmend. Carton öffnete und rief:

»Gott sei Dank!«

»Was ist es?« fragte Lorry hastig.

»Einen Augenblick. Ich werde zur gehörigen Zeit darauf zurückkommen. Zunächst«, er steckte die Hand in seinen Rock und zog ein ähnliches Papier hervor, »habe ich hier eine Beglaubigung, vermöge der ich beliebig Paris verlassen kann. Seht sie an. Ihr findet – Sydney Carton, ein Engländer?«

Mr. Lorry hielt das Zeugnis in seiner Hand entfaltet und sah dem andern ernst ins Gesicht.

»Nehmt es für mich in Verwahrung bis morgen. Ich will ihn morgen besuchen, wie Ihr wißt, und da ist's besser, wenn ich es im Gefängnis nicht bei mir habe.«

»Warum?«

»Ich weiß es nicht; aber es ist mir lieber, wenn Ihr es hier behaltet. Nehmt auch das Papier, das Doktor Manette bei sich gehabt hat. Es ist gleichfalls ein Paß, vermöge dessen er mit seiner Tochter und ihrem Kind jederzeit Paris und Frankreich verlassen darf. Seht Ihr?«

»Ja.«

»Vielleicht hat er sich ihn gestern noch als letzte und äußerste Vorsorge für einen schlimmen Ausgang ausstellen lassen. Von welchem Datum ist er? Doch gleichviel; halten wir uns damit nicht auf, sondern legt ihn zu dem meinigen und dem Eurigen. Gebt jetzt acht! Ich habe stets geglaubt, und erst in den letzten zwei Stunden ist es mir zweifelhaft geworden, daß er ein solches Papier habe oder haben könne. Es ist in Kraft, bis es widerrufen wird. Aber der Widerruf kann bald erfolgen, und ich habe Grund zu der Annahme, daß man damit nicht zögern wird.«

»Sie sind doch nicht in Gefahr?«

»In großer Gefahr. Es besteht zu befürchten, daß alle von Madame Defarge angezeigt werden. Ich weiß es aus ihrem eigenen Mund. Ich hörte heute abend dieses Weib Reden führen, die das Schlimmste in Aussicht stellen. Seitdem habe ich meine Zeit benutzt, den Spion aufgesucht und von ihm die Bestätigung erhalten. Er weiß, daß ein Holzspalter, der an der Gefängnismauer wohnt, ganz unter der Leitung der Defarges steht und von Madame Defarge darüber vernommen wurde, wie er Zeuge gewesen sei, daß sie« – er nannte Lucies Namen nie – »den Gefangenen Zeichen und Signale gegeben habe. Es ist leicht vorauszusehen, daß darauf die gewöhnliche Anklage eines Gefängniskomplotts gebaut werden wird, und dann ist nicht nur ihr Leben verwirkt, sondern auch vielleicht das ihres Kindes und ihres Vaters, die man mit ihr auf dem Platz gesehen hat. Macht keine so entsetzte Miene; Ihr werdet sie alle retten.«

»Mög' es der Himmel geben, Carton! Aber wie?«

»Das will ich Euch jetzt sagen. Von Euch hängt alles ab, und man hätte keinen besseren Mann dafür finden können. Diese neue Anklage wird wahrscheinlich nicht vor übermorgen stattfinden: vielleicht hat es damit zwei oder drei Tage, möglicherweise eine Woche Zeit. Ihr wißt, es ist ein todeswürdiges Verbrechen, Mitleid zu haben mit einem Opfer der Guillotine oder um dasselbe zu trauern. Sie und ihr Vater werden sich unzweifelhaft dieses Verbrechens schuldig machen, und jenes Weib, deren tiefgewurzelter Haß aller Beschreibung spottet, wartet vielleicht nur darauf, um ihre Anklage mit diesem neuen Umstand zu verstärken und so sich ihrer Beute doppelt zu versichern. Ihr merkt doch auf?«

»So achtsam und mit einem solchen Vertrauen in Eure Worte, daß ich für den Augenblick«, er berührte die Lehne an dem Stuhl des Doktors, »sogar diesen Jammer aus dem Gesicht verliere.«

»Ihr habt Geld und könnt deshalb die Reise nach der Küste in jeder tunlichen Weise beschleunigen. Zum Aufbruch nach England seid Ihr schon seit einigen Tagen gerüstet. Bestellt morgen früh Eure Pferde, so daß Ihr nachmittags um zwei Uhr aufbrechen könnt.«

»Es soll geschehen.«

Carton sprach so voll Eifer und Feuer, daß auch Mr. Lorry dabei warm wurde und die Lebendigkeit eines Jünglings an den Tag legte.

»Ihr seid ein edles Herz. Sagte ich nicht, daß die Sache keinem wackereren Manne in die Hände gegeben werden könnte? Teilt ihr heute nacht alles mit, was Ihr von der Gefahr wißt, die ihrem Kind und ihrem Vater droht. Dies müßt Ihr mit besonderem Nachdruck hervorheben; denn sie würde bereitwillig ihr schönes Haupt neben dem ihres Gatten niederlegen.« Er stotterte einen Augenblick und fuhr dann wieder wie früher fort. »Macht sie um ihres Kindes, um ihres Vaters willen auf die Notwendigkeit aufmerksam, Paris so schnell wie möglich mit Euch und ihnen zu verlassen. Sagt ihr, es sei die letzte Anordnung ihres Gatten gewesen; und bedeutet ihr noch ferner, daß mehr davon abhänge, als sie zu glauben oder zu hoffen wage. Ihr glaubt doch, daß ihr Vater ungeachtet seines traurigen Zustandes ihr gehorchen wird; was meint Ihr?«

»Ich bin davon überzeugt.«

»Das dachte ich mir. Laßt im Hofe drunten alle nötigen Vorbereitungen in der Stille treffen und steigt gleich selbst ein. Sobald ich dann komme, nehmt Ihr mich auf und fahrt von dannen.«

»Wenn ich Euch recht verstehe, so soll ich unter allen Umständen auf Euch warten?«

»Ihr wißt, Ihr habt nebst den andern Pässen auch den meinigen in Händen und werdet mir meinen Platz vorbehalten. Wartet nichts weiter ab, als daß dieser besetzt sei, und dann Richtung England!«

»Und dann«, sagte Mr. Lorry, indem er die hastige, aber dennoch feste Hand des andern ergriff, »wird nicht mehr alles von einem einzigen alten Manne abhängen, sondern ich werde in jugendlicher Tatkraft einen Beistand finden.«

»Ja, wenn es des Himmels Wille ist! Versprecht mir feierlich, daß es bei unserer gegenwärtigen Übereinkunft unverbrüchlich sein Verbleiben haben solle.«

»Ich verspreche es, Carton.«

»Erinnert Euch dieser Zusage morgen wohl. Ein Abgehen davon oder eine Zögerung – aus welchem Grund auch immer – könnte nicht nur kein Leben mehr retten, sondern würde unvermeidlich viele hinopfern.«

»Ich will es nicht vergessen und hoffe, meinen Anteil bei der Sache getreulich zu besorgen.«

»Und ich den meinigen. Jetzt lebt wohl!«

Obgleich er diese Worte mit einem ernsten Lächeln sprach und dabei sogar die Hand des alten Mannes an seine Lippen drückte, entfernte er sich vorderhand noch nicht. Er half ihm, die vor der ersterbenden Asche sitzende schwankende Gestalt aufrichten, setzte ihr den Hut auf, legte ihr den Mantel um und tat, als suche er die Werkbank und das Werkzeug, um die sie stets wehklagte. Dann machte er sich an ihre andere Seite und begleitete sie schützend bis in den Hof des Hauses, wo ein tiefbekümmertes Herz, das so glücklich war in der denkwürdigen Zeit, als er ihr die Trostlosigkeit des eigenen enthüllte, die schauerliche Nacht durchwachte. Nachdem Mr. Lorry und der Doktor ihn verlassen, blieb er noch eine Weile allein in dem Hofe und schaute hinauf nach dem Licht in dem Fenster ihres Zimmers. Ehe er sich entfernte, hauchte er ihr noch einen Segenswunsch und ein Lebewohl zu.

*

 

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