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Eine Geschichte von zwei Städten

Charles Dickens: Eine Geschichte von zwei Städten - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleEine Geschichte von zwei Städten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorManfred Hahn
senderwww.gaga.net
created20060829
projectidadd1f50d
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Elftes Kapitel. Dämmerung.

Das unglückliche Weib des unschuldig zum Tode verurteilten Mannes brach bei diesem Urteilsspruch zusammen, als sei sie selbst vom Todesstoß betroffen. Aber sie ließ keinen Laut erschallen, und die innere Stimme, die ihr vorstellte, daß in der ganzen Welt sie allein ihn in seinem Elend aufrechterhalten müsse und es nicht noch vergrößern dürfe, sprach so laut in ihr, daß sie sich rasch auch von diesem Schlage wieder erholte.

Da die Richter an einer öffentlichen Kundgebung draußen teilzunehmen hatten, so wurde die Gerichtsverhandlung ausgesetzt. Das Getümmel und Getöse, als das Volk durch die verschiedenen Gänge aus dem Saale hinausströmte, hatte noch nicht aufgehört, als Lucie, in ihrem Antlitz keinen andern Ausdruck als den der Liebe und der Tröstung, die Arme gegen ihren Gatten ausstreckte.

»Darf ich ihn anrühren? Darf ich ihn nur ein einziges Mal umarmen? O, ihr guten Bürger, wenn ihr nur so viel Mitleid mit uns hättet!«

Es waren nur zwei von den vier Männern, die ihn am Abend vorher verhaftet hatten, ein Schließer und Barsad, zurückgeblieben. Alles Volk zog dem Spektakel auf der Straße nach. Barsad machte dem andern den Vorschlag, die Umarmung zu dulden, da sie ja nur einen Augenblick dauern werde. Die Männer gaben stumm ihre Zustimmung und halfen ihr über die Sitze in dem Saal nach einem erhöhten Platz, wo er aus seinem Verschlag sich herausbeugen und sie mit seinen Armen umschlingen konnte.

»Lebewohl, teures Kleinod meiner Seele. Nimm meine letzten Segenswünsche hin. Wir werden uns wiedersehen, wo die Müden Ruhe finden!«

Dies waren die Worte ihres Gatten, als er sie an seine Brust drückte.

»Ich kann es ertragen, teurer Charles. Ich fühle mich gestärkt von oben; laß dir daher um meinetwillen das Herz nicht schwer werden. Einen Abschiedssegen für unser Kind.«

»Ich sende ihn ihr durch dich. Ich küsse sie durch dich. Ich sage ihr Lebewohl durch dich.«

»Mein Gatte. Nein! Einen Augenblick.« Er wollte sich von ihr losreißen. »Wir werden nicht lange getrennt sein. Ich fühle, daß bald mein Herz brechen muß; aber ich will meine Pflicht erfüllen, solange ich kann, und wenn ich sie zurücklasse, wird Gott auch ihr Freunde erwecken, wie er es mir getan hat.«

Ihr Vater, der ihr gefolgt war, wollte vor ihnen auf die Knie niederfallen; aber Darnay streckte die Hand aus und hinderte ihn daran, indem er ihm zurief:

»Nein, nein! Was habt Ihr getan, daß Ihr vor uns knien solltet? Wir wissen jetzt, welche Kämpfe Ihr durchmachen mußtet – wissen, was Ihr littet, als Ihr meine Herkunft vermutetet und endlich Gewißheit darüber erhieltet. Wir wissen, gegen welchen natürlichen Widerwillen Ihr ankämpfen mußtet und wie Ihr ihn überwunden habt um ihretwillen. Wir danken Euch aus tiefstem Herzen und mit dem ganzen Pflichtgefühl der Liebe. Der Himmel sei mit Euch!«

Die Antwort ihres Vaters bestand bloß darin, daß er mit den Händen in seine weißen Haare fuhr und unter schmerzlichem Stöhnen sie zerraufte.

»Es konnte nicht anders kommen«, sagte der Gefangene. »Alles hat zusammengewirkt zu einem solchen Ende. Das stets vergebliche Bemühen, dem Auftrag meiner armen Mutter gerecht zu werden, hatte mich zuerst verhängnisvoll in Eure Nähe geführt. Aus so viel Bösem konnte nie etwas Gutes kommen, und ein glücklicherer Ausgang durfte von einem so unglücklichen Anfang nicht erwartet werden. Seid getrost und vergebt mir. Der Segen des Himmels sei mit Euch.«

Als man ihn von hinnen schaffen wollte, ließ sein Weib ihn los; sie legte in betender Haltung ihre Hände zusammen und sah ihm nach mit einem strahlenden Ausdruck auf ihrem Gesicht, in den sich sogar ein tröstendes Lächeln mischte. Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen, wandte sie sich um und legte ihren Kopf liebevoll an die Brust des Vaters, brach aber, als sie ihn anzureden versuchte, zu seinen Füßen zusammen.

Jetzt kam Sydney Carton aus dem dunkeln Winkel, in dem er sich nicht gerührt hatte, hervor und nahm sie auf. Nur ihr Vater und Mr. Lorry waren bei ihr. Sein Arm zitterte, als er sie aufrichtete und ihren Kopf unterstützte. Und doch lag in seiner Miene ein Zug, der nicht ganz Mitleid war, sondern auch einen Anflug von Stolz verriet.

»Soll ich sie nach einer Kutsche bringen? Ich werde ihre Last nicht fühlen.«

Er brachte sie mit Leichtigkeit hinaus und in eine Kutsche. Ihr Vater und ihr alter Freund stiegen nach, und er nahm seinen Sitz neben dem Kutscher.

Als sie an der Tür anlangten, vor der er einige Stunden früher eine Weile im Dunkeln sich aufgehalten hatte, um sich die rauhen Steine herauszusuchen, die ihr Fuß betreten, hob er sie wieder heraus und trug sie die Treppe hinauf nach ihrer Wohnung. Da legte er sie auf ein Ruhebett nieder, wo ihr Kind und Miß Proß weinend über sie hinstürzten.

»Sucht sie nicht zu wecken«, sagte er sanft zu der letzteren; »es ist besser so. Man muß sie nicht zum Bewußtsein zurückrufen, da sie nur ohnmächtig ist.«

»O, Carton, Carton, lieber Carton!« rief die kleine Lucie, indem sie aufsprang und in ihrem Schmerz leidenschaftlich die Arme um ihn schlang. »Nun Ihr da seid, werdet Ihr wohl etwas tun, um Mama zu helfen und Papa zu retten. O, seht sie an, lieber Carton! Könnt Ihr unter allen Menschen, die sie lieben, es ertragen, sie so zu sehen?« Er beugte sich zu dem Kinde nieder und drückte die blühenden Wangen an sein Gesicht; dann schob er die Kleine sanft zurück und sah ihre bewußtlose Mutter an.

»Eh' ich gehe«, sagte er und hielt dann eine Weile inne – »darf ich sie wohl küssen?«

Man erinnerte sich später, daß er, als er sich niederbeugte und mit seinen Lippen ihr Gesicht berührte, einige Worte murmelte. Die Kleine, die ihm am nächsten stand, erzählte nachher und erzählte es namentlich, als sie schon eine hübsche alte Frau war, ihren Enkeln, sie habe ihn sagen hören: »Ein Leben, das Ihr liebt.«

Er hatte sich bereits nach dem Vorzimmer begeben, als er sich noch einmal gegen Mr. Lorry und ihren Vater, die ihm gefolgt waren, umwandte und zu diesem sagte:

»Ihr habt erst gestern noch großen Einfluß gehabt, Doktor Manette. Macht wenigstens noch einen Versuch. Jene Richter und alle, die Gewalt haben, sind Euch freundlich gesinnt und erkennen Eure geleisteten Dienste an; ist es nicht so?«

»Es ist mir nichts verhehlt worden, was Charles betraf. Man gab mir die besten Versicherungen, daß ich ihn retten werde; und es gelang mir.«

Er brachte diese Antwort nur langsam und mit großer Mühe hervor.

»Versucht es noch einmal. Wir haben zwar von jetzt an nur noch wenige kurze Stunden bis morgen nachmittag; aber versucht es.«

»Ja, ich will es versuchen. Ich will keinen Augenblick ruhen.«

»Recht so. Einem Eifer wie dem Eurigen sind sonst schon große Dinge gelungen, wenn auch nie«, fügte er mit einem Lächeln und einem gleichzeitigen Seufzer hinzu, »etwas so Großes wie dieses. Aber macht den Versuch! Wie wenig auch das Leben wert ist, wenn wir es mißbrauchen, so gewinnt es doch Bedeutung durch eine solche Anstrengung. Wenn das nicht der Fall wäre, so möchte man lieber gar nicht leben.«

»Ich will geradewegs zu dem öffentlichen Ankläger und zu dem Präsidenten gehen«, sagte Doktor Manette, »und noch zu andern, die ich lieber nicht nenne. Auch schreiben will ich – aber halt! Sie führen einen Festzug aus durch die Straßen, und vor Einbruch der Dunkelheit werde ich bei niemandem vorkommen können.«

»Das ist wahr. Nun, im besten Fall sind unsere Hoffnungen nicht groß, und die Sache kann nicht viel verschlimmert werden, wenn man auch bis zur Dämmerung warten muß. Ich möchte wohl erfahren, was Ihr ausrichtet, obschon ich gestehe, daß ich nichts erwarte. Wann werdet Ihr bei jenen gefürchteten Gewalthabern vorkommen können, Doktor Manette?«

»Ich hoffe, sobald es dunkel ist. In einer oder in zwei Stunden vielleicht.«

»Es wird bald nach vier Uhr dunkel. Wollen wir diesen zwei Stunden noch etwas zugeben. Wenn ich um neun Uhr bei Mr. Lorry vorspreche, so werde ich entweder von unserem Freund oder von Euch erfahren können, was Ihr ausgerichtet habt?«

»Ja.«

»Möge es nach Wunsch ausfallen.«

Mr. Lorry begleitete Sydney nach der äußeren Tür und bewog ihn, ehe er sich entfernte, durch eine Berührung der Schulter, sich noch einmal umzuwenden.

»Ich habe keine Hoffnung«, sagte Mr. Lorry in leisem kummervollem Flüstern.

»Auch ich nicht.«

»Wenn einzelne von diesen Männern oder meinetwegen alle – das ist gewiß eine starke Voraussetzung, denn was kümmern sie sich um sein oder irgendeines Menschen Leben? – zur Schonung geneigt sein sollten, so zweifle ich, ob sie nach der Kundgebung in dem Gerichtshof es wagen dürften, Gnade walten zu lassen.«

»Ich bin ganz Eurer Ansicht. In jenem Getümmel hörte ich das Fallen des Beiles.«

Mr. Lorry stützte seinen Arm auf das Türschloß und senkte sein Gesicht darauf nieder.

»Ihr müßt nicht verzagen«, sagte Carton in sanftem Ton, »Euch nicht so ganz dem Schmerze hingeben. Ich habe den Doktor Manette zum Handeln ermutigt, weil ich fühlte, daß sie eines Tages einen Trost darin finden dürfte. Sie könnte sonst glauben, sein Leben sei vermessen durch Flauheit geopfert worden, und dies könnte ihr Kummer bereiten.«

»Ja, ja, ja«, entgegnete Mr. Lorry, seine Augen trocknend, »Ihr habt recht. Aber er wird gleichwohl zugrunde gehen! man darf nichts hoffen.«

»Ja, er wird zugrunde gehen; es ist nichts zu hoffen«, wiederholte Carton.

Und er ging festen Schrittes die Treppe hinunter.

*

 

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