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Eine Geschichte von zwei Städten

Charles Dickens: Eine Geschichte von zwei Städten - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleEine Geschichte von zwei Städten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorManfred Hahn
senderwww.gaga.net
created20060829
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Zehntes Kapitel. Der Körper des Schattens.

»Ich, Alexander Manette, ein unglücklicher Arzt, gebürtig von Beauvais und später seßhaft in Paris, schreibe diesen Jammerbericht in einer schauerlichen Zelle der Bastille während des letzten Monats im Jahre 1767. Ich schreibe daran in verstohlenen Zwischenräumen und unter allen möglichen Erschwernissen. Die Schrift soll in der Kaminwand verborgen werden, in die ich langsam und mühevoll einen Versteck gearbeitet habe; vielleicht findet sie eine mitleidige Hand, wenn ich mit meinem Schmerz in Staub verfallen bin.

Die Worte sind im letzten Monate des zehnten Jahres meiner Gefangenschaft mit einem rostigen Nagel geschrieben und nur mit Mühe hingekritzelt. Als Tinte dienten mir Ruß und Kohle aus dem Kamin, die ich mit meinem Blute mischte. Die Hoffnung ist aus meiner Brust entschwunden. Ich weiß aus den schrecklichen Anzeichen, die ich schon an mir wahrgenommen habe, daß meine Vernunft nicht viel länger standhalten wird, erkläre aber feierlich, daß ich zur Zeit noch im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte bin, daß mein Gedächtnis mir treu ist bis ins einzelne und daß ich die Wahrheit schreibe, wie ich sie vertreten werde vor dem ewigen Richterstuhle, ob nun die Geschichte meiner Leiden je vor Menschenaugen kommen möge oder nicht.

An einem wolkigen, aber doch mondhellen Abend in der dritten Woche des Dezembers 1757 (ich glaube, es war der zweiundzwanzigste dieses Monats) erging ich mich an einem abgelegenen Punkte des Seine-Kais (er war fast eine Stunde von meiner Wohnung in der Straße der medizinischen Schule), um mich in der kalten Luft zu erfrischen. Da kam rasch eine Kutsche hinter mir hergefahren. Während ich in der Furcht, überfahren zu werden, beiseite trat und die Kutsche an mir vorbeilassen wollte, sah ein Kopf zu dem Fenster heraus und gebot dem Kutscher haltzumachen.

Der Mann hielt die Pferde an, und dieselbe Stimme rief nun meinen Namen. Ich antwortete. Der Wagen war so weit über mich hinausgefahren, daß zwei Herren Zeit hatten, den Schlag zu öffnen und auszusteigen, bis ich nachkam. Ich bemerkte, daß beide in Mäntel gehüllt waren und augenscheinlich sich vermummt halten wollten. Während sie Seite an Seite neben der Kutsche standen, bemerkte ich ferner, daß sie ungefähr von meinem Alter, vielleicht etwas jünger waren; auch schienen sie, soweit ich unterscheiden konnte, in Größe, Haltung, Stimme und Gesicht einander sehr ähnlich zu sein.

›Ihr seid der Doktor Manette?‹ sagte der eine.

›Ja.‹

›Doktor Manette, früher in Beauvais‹, ergriff der andere das Wort, ›der junge Arzt, ursprünglich ein geschickter Chirurg, der in den letzten paar Jahren sich in Paris einen schönen Ruf errungen hat?‹

›Meine Herren‹, entgegnete ich, ›ich bin der Doktor Manette, von dem ihr eine so vorteilhafte Meinung hegt.‹

›Wir sind in Eurer Wohnung gewesen‹, sagte der erste, ›wo wir nicht so glücklich waren, Euch zu treffen. Man sagte uns, Ihr werdet wahrscheinlich in dieser Gegend zu finden sein, und so fuhren wir Euch nach in der Hoffnung, Euch einzuholen. Wollt Ihr so gut sein, in den Wagen zu steigen?‹

Das Benehmen der beiden war gebieterisch, und sie nahmen, während sie sprachen, eine Stellung, daß sie mich zwischen sich und den Kutschenschlag brachten; auch führten sie Waffen, während ich unbewehrt war.

›Meine Herren, entschuldigt‹, versetzte ich, ›aber ich pflege zuerst zu fragen, wer mir die Ehre erweist, meinen Beistand zu suchen, und aus welchem Grunde ich gerufen werde.‹

Die Antwort erfolgte aus dem Munde des zweiten Sprechers. ›Doktor, Eure Klienten sind Personen von Stand. Was die Beschaffenheit des Falles betrifft, so gibt uns unser Vertrauen in Eure Geschicklichkeit die Versicherung, daß Ihr dies selbst besser werdet beurteilen können, als wir es zu beschreiben vermöchten. Genug. Wollt Ihr so gut sein, einzusteigen?‹

Was konnte ich tun? Ich entsprach schweigend der Aufforderung. Die beiden kamen nach, der letzte mit einem Sprung, nachdem er den Tritt hinaufgeschlagen hatte; der Wagen wandte um und fuhr mit der früheren Eile von hinnen.

Ich wiederhole dieses Gespräch genau so, wie es stattgefunden hat, und zweifle nicht daran, daß ich es Wort für Wort wiedergegeben habe. Was vorgefallen ist, zeichne ich mit der größten Genauigkeit auf, und ich gebe mir angelegentlich Mühe, meinen Geist nicht von den Tatsachen abschweifen zu lassen. Wenn ich solche abgebrochenen Bemerkungen mache, so höre ich für den Augenblick auf und verwahre mein Papier in seinem Versteck. ******

Der Wagen verließ die Stadt an der Nordbarriere und fuhr auf der Landstraße weiter. Dreiviertel Stunden von der Barriere – ich schätzte die Entfernung damals nicht, sondern erst später, als ich sie wieder zurücklegte – lenkten wir von dem Hauptwege ab und machten bald vor einem einsamen Hause halt. Wir stiegen alle drei aus und gingen auf einem feuchten weichen Fußpfade durch einen Garten, in dem ein vernachlässigtes Springbrunnenbecken übergelaufen war, nach der Haustür. Sie wurde auf das Klingeln nicht sogleich geöffnet, und einer von meinen beiden Führern schlug den Mann, der endlich aufmachte, mit der Reitpeitsche über das Gesicht.

Es lag nichts in dieser Handlung, was mir besonders auffallen konnte, denn es war an der Tagesordnung, daß man einfache Leute ärger als Hunde behandelte. Der andere von den beiden, der auch zornig war, schlug den Mann in gleicher Weise mit der Hand; der Blick und die Haltung der Brüder zeigte bei jener Gelegenheit eine so große Ähnlichkeit, daß ich jetzt zum erstenmal bemerkte, sie seien Zwillingsbrüder.

Von der Zeit unseres Aussteigens am äußeren Tor an, das wir verschlossen gefunden und das von einem der Brüder geöffnet und wieder geschlossen wurde, hatte ich von einem oberen Gemach her schreien hören. Man führte mich geradewegs nach diesem Zimmer; das Geschrei wurde beim Hinaufsteigen immer lauter, und ich fand einen Patienten, der an einem Fieber mit heftigen Phantasiedelirien darniederlag.

Der Patient war ein junges Frauenzimmer von großer Schönheit, augenscheinlich nicht viel über zwanzig. Sie hatte ein wild zerrauftes Haar, und die Arme waren ihr mit Schärpen und Taschentüchern an den Leib gebunden. Ich bemerkte, daß diese Bande lauter Stücke von einem Herrenanzug waren. An einem derselben, einer Galaschärpe mit Fransen, sah ich das Wappen eines Adeligen und den Buchstaben E.

Dies war mir schon in der ersten Minute meiner Krankenuntersuchung aufgefallen; denn bei ihrem unruhigen Umherwerfen hatte die Patientin das Gesicht über den Rand des Bettes hinausgebracht und das Schärpenende im Munde nachgezogen, so daß sie zu ersticken drohte. Ich sorgte zuerst dafür, ihren Atem zu befreien, und als ich die Schärpe beiseite zog, fiel sogleich die Stickerei in der Ecke auf.

Ich rückte sie sanft ins Bett zurück, legte, um sie zu beruhigen und niederzuhalten, meine Hände auf ihre Brust und sah ihr ins Gesicht. Ihre Augen traten wild aus ihren Höhlen hervor, und sie schrie ohne Unterlaß in durchbohrenden Lauten, wobei sie häufig die Worte wiederholte: ›Mein Mann, mein Vater und mein Bruder!‹ Dann zählte sie bis zwölf und sagte: ›Pst!‹ Sie lauschte einen Augenblick, und dann kam das zeternde Geschrei wieder, der Ruf: ›Mein Mann, mein Vater und mein Bruder‹, das Zählen und das ›Pst!‹ So ging es fort ohne eine Abwechslung in der Art oder Ordnung – kein Nachlassen als die regelmäßige augenblickliche Pause, ehe das Geschrei wieder von neuem anfing.

›Wie lange dauert dies schon?‹ fragte ich.

Um die Brüder zu unterscheiden, will ich den einen den Älteren und den andern den Jüngeren nennen; unter dem Älteren meine ich den, der die meiste Autorität übte. Dieser antwortete denn auch:

›Seit gestern abend um diese Zeit.‹

›Sie hat einen Mann, einen Vater und einen Bruder?‹

›Einen Bruder.‹

›Spreche ich vielleicht mit ihm?‹

Die Antwort war ein verächtliches – Nein.

›Was hat sie in letzter Zeit mit der Zahl zwölf zu schaffen gehabt?‹

›Mit der Zahl zwölf?‹ erwiderte ungeduldig der jüngere Bruder.

›Ihr seht, meine Herren‹, sagte ich, ohne meine Hände von der Brust der Kranken zu entfernen, ›wie nutzlos ich bin, nun ihr mich hierhergebracht habt. Hätte ich gewußt, um was sich's handelt, so hätte ich mich vorsehen können; wie es aber jetzt steht, geht viele Zeit verloren. An diesem einsamen Platz sind keine Arzneien zu haben.‹

Der ältere Bruder sah den jüngeren an, der stolz erwiderte, es sei eine Hausapotheke hier. Er holte sie aus einem Kabinett herbei und stellte das Kistchen auf den Tisch. *****

Ich öffnete einige von den Flaschen, roch daran und brachte die Stöpsel an meine Lippen. Ich würde nichts davon in Verwendung genommen haben, wenn ich nicht einige narkotische Mittel gebraucht hätte, die ohnehin giftig sind.

›Traut Ihr ihnen nicht?‹ fragte der jüngere Bruder.

›Ihr seht, mein Herr, daß ich sie anzuwenden im Begriff bin‹, entgegnete ich, ohne etwas Weiteres beizufügen.

Mit Mühe gelang es mir endlich, die Kranke zu bewegen, daß sie die Dosis verschluckte, die ich ihr zu geben wünschte. Da ich sie nach einer Weile zu wiederholen beabsichtigte und es nötig war, ihre Wirkung zu beobachten, so setzte ich mich neben dem Bette nieder. Im Zimmer befand sich eine stille schüchterne Frauensperson, das Weib des unten wohnenden Mannes, die sich in eine Ecke zurückgezogen hatte. Das Haus war feucht und baufällig, ganz gewöhnlich möbliert und augenscheinlich erst seit neuerer Zeit bewohnt. Man hatte einige alte dicke Behänge vor die Fenster genagelt, um das Geschrei zu dämpfen. Letzteres währte im regelmäßigen Wechsel mit dem Rufe: ›Mein Mann, mein Vater und mein Bruder‹, dem Zwölfzählen und dem darauf folgenden ›Pst‹ fort. Das Phantasieren war so ungestüm, daß ich die Bande um die Arme nicht entfernen mochte, obschon ich Sorge dafür trug, daß sie ihr nicht weh taten. Den einzigen Funken von Hoffnung sah ich in dem Umstand, daß meine Hand, die ich auf der Brust der Kranken ruhen ließ, auf diese einen beschwichtigenden Einfluß übte und für Minuten wenigstens das wilde Umherwerfen bändigte. Das Schreien aber machte ungestört fort; kein Pendel hätte regelmäßiger sein können.

Da, wie ich vermutete, meine Hand eine so günstige Wirkung übte, so blieb ich wohl eine halbe Stunde an dem Bette sitzen, während die beiden Brüder zusahen. Endlich sagte der ältere:

›Es ist noch ein Patient da.‹

Ich wurde betroffen und fragte, ob es ein dringlicher Fall sei.

›Es wird am besten sein, wenn Ihr selbst nachseht‹, antwortete er gleichgültig, indem er ein Licht aufnahm. *****

Der andere Patient lag eine Treppe höher in einer Hinterstube, und ich wurde dahin durch eine Art Bühne über dem Stall geführt, die teilweise eine niedrige gegipste Decke hatte, während seitlich sich das Ziegeldach mit seinem Sparren- und Balkenwerk anlegte. Es lag Heu und Stroh, auch Reisig hier aufgehäuft; desgleichen bemerkte ich einen Haufen Äpfel auf Sand. Ich mußte über diesen Teil der Bühne gehen, um zu dem andern zu gelangen. Mein Gedächtnis ist nicht erschüttert und erinnert sich der kleinsten Umstände; ich ersehe dies daran, daß hier in der Bastille, in meiner Zelle, nach fast zehnjähriger Gefangenschaft alle jene Einzelheiten noch so deutlich vor mir stehen, wie ich sie an jenem Abend sah.

Auf einem am Boden ausgebreiteten Heuhaufen lag, ein Kissen unter dem Kopf, ein schöner Bauernbursche, der höchstens siebzehn Jahre zählen mochte. Er lag auf dem Rücken, seine Zähne waren verbissen, die Rechte hielt er fest an seine Brust gedrückt, und seine wild funkelnden Augen starrten nach der Decke hinauf. Als ich mich neben ihm aufs Knie niederließ, konnte ich nicht sehen, wo er verletzt war; so viel aber wurde mir klar, daß er an einer Stichwunde rasch dahinstarb.

›Ich bin ein Arzt, mein armer Bursche‹, sagte ich zu ihm; ›laß mich dich untersuchen.‹

›Brauche keine Untersuchung‹, antwortete er. ›Laßt's nur gehen.‹

Die Wunde befand sich unter seiner Hand, und ich brachte ihn so weit, daß er mich sie wegnehmen ließ. Die Verletzung rührte von einem Degenstoße her, den er vor etwa zwanzig oder vierundzwanzig Stunden empfangen haben mochte. Aber keine Geschicklichkeit hätte ihn retten können, selbst wenn augenblicklich Hilfe aufgeboten worden wäre. Er lag im Sterben. Als ich meine Blicke dem älteren Bruder zuwandte, der mich heraufbegleitet hatte, bemerkte ich, daß er auf den schönen Jungen, der so bald von dem Leben scheiden sollte, niederschaute, als sei derselbe nur ein verwundeter Vogel, ein Hase oder ein Kaninchen, nicht aber ein Mitmensch.

›Wie ging dies zu, Herr?‹ fragte ich.

›Ein verrückter, gemeiner junger Hund! Ein Leibeigener! Zwang meinen Bruder, gegen ihn zu ziehen, und fiel durch meines Bruders Degen – wie ein Kavalier.‹

Es lag keine Spur von Mitleid, Bedauern oder einem verwandten menschlichen Gefühl in dieser Antwort. Der Sprecher schien nur anzuerkennen, daß es unbequem sei, wenn diese ganz andere Art von Wesen hier ende, und es viel besser sein würde, wenn er in der gewöhnlichen dunkeln Weise seines Wurmlebens hinstürbe. Einer Teilnahme für den Knaben oder sein Schicksal war er ganz unfähig.

Während er sprach, hatten sich die Augen des jungen Menschen langsam auf ihn geheftet; dann aber wandten sie sich mir zu.

›Doktor, sie sind sehr stolz, diese Adligen; aber wir gemeinen Hunde sind bisweilen auch stolz. Sie plündern und beschimpfen uns, schlagen uns und bringen uns um; aber mitunter regt sich doch ein bißchen Ehrgefühl in uns. Sie – – Ihr habt sie gesehen, Doktor?‹

Das Geschrei war auch hier hörbar, obschon durch die Entfernung gedämpft; er bezog sich darauf, als ob die Kranke mit im Zimmer liege.

Ich antwortete ihm, daß ich sie gesehen habe.

›Sie ist meine Schwester. Diese Adligen haben ein verjährtes schändliches Recht auf die Zucht und die Tugend unserer Schwestern; aber es gibt auch wackere Mädchen unter uns. Ich weiß es und habe meinen Vater davon sprechen hören. Sie war ein braves Mädchen. Sie heiratete einen braven jungen Mann – einen Grundholden Freie, aber zur Fron verpflichtete Gutsinsassen. von ihm. Wir sind lauter Leibeigene – dieses Mannes da, der hier steht. Der andere ist sein Bruder, der schlimmste aus einer schlimmen Sippschaft.‹

Der junge Mensch brachte nur mit Mühe die Worte hervor, da es ihm an körperlicher Kraft gebrach; aber sein Geist sprach mit einem furchtbaren Nachdruck.

›Wir sind diesen höheren Wesen gegenüber nur gemeine Hunde, und der Mann, der hier steht, beraubte uns nach Belieben, besteuerte uns ohne Erbarmen und zwang uns, für ihn zu arbeiten ohne Lohn; wir mußten Korn auf seiner Mühle mahlen, seine zahmen Vögel in Scharen auf unsern ärmlichen Feldern ernähren und durften unter Todesbedrohung keinen einzigen zahmen Vogel selbst halten. Dem Raub und der Plünderung in aller Weise ausgesetzt, aßen wir den Bissen Fleisch, den wir zufällig erhielten, hinter verschlossenen Türen und Läden, aus Furcht, seine Leute könnten ihn sehen und uns wegnehmen. Ja, so sehr sind wir armen Leute Bedrängnissen aller Art ausgesetzt, daß unser Vater uns sagte, es sei etwas Schreckliches, wenn uns ein Kind geboren werde, und wir sollen hauptsächlich darum beten, daß unsere Weiber unfruchtbar bleiben und unser armseliges Geschlecht aussterbe.‹

Ich hatte nie zuvor das Gefühl der Bedrückung in so heller Lohe aufflackern sehen. Wohl dachte ich mir, es müsse irgendwo im verborgenen glühen; aber zur Anschauung kam es mir nie, bis ich jenen sterbenden Knaben sah.

›Gleichwohl heiratete meine Schwester, Doktor. Ihr Liebhaber war um jene Zeit krank, und sie heiratete den armen Burschen, um ihn gemächlich in unserer Hütte – unserm Hundestall, wie sie dieser Mann nennt – pflegen zu können. Sie war noch nicht viele Wochen verheiratet, als der Bruder dieses Mannes sie sah, einen Gefallen an ihr fand und von diesem Mann verlangte, daß er sie ihm borge – denn was gelten Ehemänner unter uns? Er war krank und schwach; aber meine Schwester war brav und tugendhaft und haßte seinen Bruder mit ebenso bitterem Haß wie ich. Was taten nun die zwei, um ihren Mann zu überreden, daß er seinen Einfluß auf sie übe und sie willig mache?‹

Die Augen des jungen Menschen, die bisher auf mir gehaftet hatten, wandten sich nun langsam dem Zuschauer zu, und ich las in den beiden Gesichtern, daß die Wahrheit gesprochen worden war. Ich kann mir selbst in der Bastille noch die verschiedenen Arten von Stolz vergegenwärtigen, die sich hier begegneten – der Herr voll nachlässiger Gleichgültigkeit, der Bauer mit seinen in den Staub getretenen Gefühlen voll leidenschaftlicher Rachsucht.

›Ihr wißt, Doktor, daß es zu den Rechten dieser Adligen gehört, uns gemeine Hunde in den Karren zu spannen und auf uns loszupeitschen. Sie spannten ihn ein und ließen ihn die Peitsche fühlen. Ihr wißt, daß sie das Recht haben, uns die ganze Nacht durch auf ihren Feldern festzuhalten, wo wir die Frösche zum Schweigen bringen müssen, damit ihr edler Schlaf nicht gestört werde. Sie schickten ihn nachts hinaus in den ungesunden Nebel und ließen ihn bei Tag im Karren ziehen. Er wollte sich aber nicht bereden lassen. Nein! Eines Mittags aus dem Geschirr genommen, um sich abzufüttern, wenn er anders Nahrung finden konnte, schluchzte er zwölfmal – einmal bei jedem Schlag der Glocke – und starb an ihrer Brust.‹

(Kein menschliches Mittel hätte den armen Jungen so lange am Leben erhalten können; aber der Wunsch, all das erlittene Unrecht zu offenbaren, hielt ihn aufrecht. Er drängte die nahenden Schatten des Todes zurück, wie er seine Faust zwang, zusammengeballt zu bleiben und seine Wunde zu decken.)

›Dann nahm mit Erlaubnis und unter Beihilfe dieses Mannes sein Bruder sie weg trotz dem, was sie, wie ich weiß, seinem Bruder gesagt haben muß und was Euch nicht lange unbekannt bleiben wird, wenn Ihr nicht etwa jetzt schon davon Kunde habt – nahm sein Bruder sie weg auf eine kurze Weile zum Zeitvertreib und zur Unterhaltung. Ich sah sie auf der Straße an mir vorbeikommen. Als ich mit der Nachricht zu Hause anlangte, brach unserm Vater das Herz. Er vermochte nicht mehr zu sprechen, wie schwer ihm die Worte auch auf der Seele lagen. Ich schaffte meine jüngere Schwester (denn ich hatte noch eine) nach einem Platz, wo ihr dieser Mann nicht mehr beikommen kann; sie wenigstens wird nimmer seine Leibeigene sein. Dann folgte ich seinem Bruder hierher und kletterte gestern nacht herein – wohl ein gemeiner Hund, aber mit einem Säbel in der Hand. – Wo ist das Bühnenfenster? Es war hier irgendwo.‹

Das Gemach verdunkelte sich vor seinen Blicken: die Welt schloß sich immer enger vor ihm ab. Ich schaute umher und bemerkte, daß das Heu und Stroh in einer Weise niedergetreten war, als habe hier ein Kampf stattgefunden.

›Sie hörte mich und kam herbei. Ich sagte ihr, sie solle sich fernhalten, bis er tot sei. Er kam herein und warf mir anfangs einige Geldstücke zu; dann schlug er mich mit einer Peitsche. Aber ich, obschon ein gemeiner Hund, drang dermaßen auf ihn ein, daß er vom Leder zog. Mag er den Degen, den er mit meinem gemeinen Blut befleckte, in so viele Stücke zerbrechen, wie er will; er zog ihn, sich zu verteidigen, und brauchte alle seine Geschicklichkeit, um sein Leben zu schirmen.‹

(Mein Blick war einige Augenblicke vorher auf die Teile eines zerbrochenen Edelmannsdegens gefallen, die auf dem Heu lagen. An einer andern Stelle bemerkte ich einen alten Säbel, der einem Soldaten gehört haben mochte.)

›Helft mir auf, Doktor; helft mir auf. Wo ist er?‹

›Er ist nicht hier‹, sagte ich, den Knaben unterstützend, in der Meinung, daß seine Frage sich auf den Bruder beziehe.

›Ha! So stolz diese Adligen sind, fürchtet er sich doch, mich zu sehen. Wo ist der Mann, der hier war? Wendet mein Gesicht gegen ihn.‹

Ich tat so, indem ich den Kopf des Knaben mit meinem Knie unterstützte. Aber er fühlte für einen Augenblick eine außerordentliche Kraft und richtete sich vollständig auf, so daß auch ich mich erheben mußte, wenn ich ihn nicht ganz sich selbst überlassen wollte.

›Marquis‹, sagte der Knabe, die großen Augen auf ihn gerichtet und die Rechte erhoben, ›es kommt ein Tag, an dem für alle diese Dinge Rechenschaft abgelegt werden muß, und ich lade dann Euch bis auf den letzten Eures schändlichen Geschlechtes vor, Rede zu stehen für Eure Untaten. Und für die Tage, da Rechenschaft abgelegt werden muß für alle diese Dinge, lade ich Euren Bruder vor, den schlimmsten eures schlimmen Geschlechtes, daß er noch besonders sich dafür verantworte. Ich mache mit meinem Blut das Kreuz über ihn zum Zeichen, daß ich ihn vor Gottes Gericht verklagt habe.‹

Er langte zweimal mit der Hand in seine Brustwunde und machte mit dem Zeigefinger ein Kreuz in die Luft. So blieb er mit ausgestrecktem Finger noch einen Augenblick stehen; und als die Hand sank, brach auch er zusammen. Ich legte ihn tot auf die Streu nieder. ****

Als ich an das Lager des jungen Weibes zurückkehrte, fand ich sie ganz in ihrem alten Zustand. Ich wußte, daß dieses Rasen noch viele Stunden anhalten konnte und wahrscheinlich nur mit der Stille des Grabes endigte.

Ich gab ihr wieder Arznei und blieb bis tief in die Nacht hinein neben ihr sitzen. Das Geschrei war so durchbohrend wie immer, und auch in der Bestimmtheit und in der Ordnung der Worte trat kein Wechsel ein. Sie lauteten stetig: ›Mein Mann, mein Vater und mein Bruder! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf. Pst!‹

Dies währte von der Zeit meiner ersten Ankunft an sechsundzwanzig Stunden. Ich hatte mich zweimal entfernt, war wiedergekommen und saß neben ihr, als sie zu stottern begann. Ich tat das wenige, was sich tun ließ, um dieses Ermatten der Delirien zu unterstützen, und allmählich versank sie in eine Schlafsucht, in der sie wie eine Tote dalag.

Es war, als habe nach einem langen und furchtbaren Ungewitter der Sturm und der Regen endlich nachgelassen. Ich machte ihre Arme los und rief die Frau im Hause herbei, daß sie mir helfe, den Körper und die zerrissenen Kleider der Kranken in Ordnung zu bringen. Nun entdeckte ich erst, daß sich mit ihrem Zustand die Merkmale der werdenden Mutterschaft verbanden, und die kleine Hoffnung, die ich für die Kranke hegte, schwand mit dieser Wahrnehmung vollends.

›Ist sie tot?‹ fragte der Marquis, den ich noch immer als den älteren Bruder bezeichnen will, als er von einem Ausritt zurück gestiefelt in das Zimmer kam.

›Nicht tot, aber im Sterben‹, versetzte ich.

›Welche Kraft doch in diesen gemeinen Leibern liegt!‹ sagte er, wie mit Neugier auf sie niederschauend.

›Allerdings liegt eine wunderbare Kraft im Schmerz und in der Verzweiflung‹, entgegnete ich.

Anfangs lachte er über meine Worte; dann aber machte er ein finsteres Gesicht. Er rückte mit seinem Fuß einen Stuhl in die Nähe des meinigen, hieß dann die Frau fortgehen und sprach mit gedämpfter Stimme:

›Doktor, als ich fand, daß mein Bruder mit diesem Pack in Ungelegenheit gekommen war, forderte ich, daß man Euren Beistand aufbiete. Ihr habt einen Ruf und könnt es als junger Mann zu etwas bringen, wenn Ihr auf Euer Interesse Bedacht nehmt. Dinge, wie Ihr sie hier gesehen habt, sieht man, ohne davon zu sprechen.‹

Ich hörte auf den Atem der Patientin und umging so eine Antwort.

›Erweist Ihr mir die Ehre Eurer Aufmerksamkeit, Doktor?‹

›Monsieur‹, erwiderte ich, ›in meinem Beruf stehen die Mitteilungen von Patienten stets unter dem Siegel des Vertrauens.‹ Ich war vorsichtig in meiner Antwort; denn was ich gesehen und gehört, hatte meinen Geist tief erschüttert.

Ihr Atem ging so unmerklich, daß ich sorgfältig ihren Puls und Herzschlag untersuchte. Leben war noch da, aber kaum fühlbar. Als ich meinen Sitz wieder einnahm und mich umsah, bemerkte ich, daß die Brüder kein Auge von mir verwandten. *****

Das Schreiben wird mir schwer. Es ist so kalt, und eine Entdeckung würde mich einer unterirdischen Zelle und gänzlicher Finsternis überantworten. Ich muß daher aus Furcht vor diesem Schicksal meine Erzählung abkürzen. Mein Gedächtnis ist treu und frei von aller Verwirrung; ich kann mir jedes Wort, das zwischen mir und diesen Brüdern fiel, mit allen Einzelheiten vergegenwärtigen.

Sie trieb es noch eine Woche. Gegen das Ende konnte ich einige Silben, die sie zu mir sagte, verstehen, wenn ich mein Ohr dicht an ihre Lippen hielt. Sie fragte mich, wo sie sei – ich sagte es ihr, – wer ich wäre; auch darüber gab ich ihr Auskunft. Vergeblich erkundigte ich mich nach ihrem Familiennamen; sie schüttelte matt den Kopf auf ihrem Kissen und bewahrte ihr Geheimnis, wie es der Knabe getan hatte.

Ich fand keine Gelegenheit, ihr Fragen vorzulegen, bis ich den Brüdern sagte, daß es rasch mit ihr zu Ende gehe und sie keinen Tag mehr leben werde. Bis dahin hatte, wenn ich da war, stets einer von ihnen argwöhnisch hinter dem Vorhang zu den Häupten des Bettes gesessen, ohne sich übrigens der Kranken bemerklich zu machen, die nur von meiner und der Frau Anwesenheit Kunde hatte. Nachdem es so weit gekommen war, schien es ihnen gleichgültig zu werden, was sie mir sagen mochte, als ob sie – der Gedanke ging mir durch den Sinn – auch mich zu den Sterbenden zählten.

Ich bemerkte stets, wie bitter empfindlich es ihr Stolz nahm, wenn es ruchbar werden sollte, daß der jüngere Bruder, wie ich ihn nenne, seinen Degen mit einem Bauern, der noch obendrein nur ein Knabe war, gekreuzt habe. Das Lächerliche und für die Familie Herabwürdigende dieses Vorfalls schien allein für sie von Gewicht zu sein. Ich begegnete oft den Augen des jüngeren Bruders und las darin tiefen Widerwillen gegen mich, weil er wußte, was der junge Mensch in meiner Gegenwart gesprochen hatte. Dies entging mir nicht, obschon er sich glatter und höflicher gegen mich benahm als der ältere. Aber auch dieser sah in mir unverkennbar eine Last.

Meine Kranke starb zwei Stunden vor Mitternacht – meiner Uhr nach fast in derselben Minute, in der ich sie zum erstenmal gesehen hatte. Ich war allein bei ihr, als das unglückliche junge Wesen sanft an meiner Seite niedersank und all ihr Erdenleiden ein Ende nahm.

Die beiden Brüder warteten in einem unteren Zimmer ungeduldig, da sie fortreiten wollten. Ich hatte, während ich neben der Sterbenden saß, gehört, wie sie mit ihren Reitpeitschen an ihre Stiefel schlugen und im Zimmer auf und ab gingen.

›Ist sie endlich tot?‹ fragte der ältere, als ich zu ihnen kam.

›Sie ist tot‹, lautete meine Antwort.

›Ich gratuliere dir, Bruder‹, sagte er und wandte sich um.

Er hatte mir schon früher Geld angeboten, das ich vorläufig ablehnte. Jetzt gab er mir eine Rolle mit Gold. Ich nahm sie und legte sie auf den Tisch. Nach reiflicher Erwägung des Falles war ich mit mir eins geworden, nichts anzunehmen.

›Ich bitte um Entschuldigung‹, sagte ich. ›Unter solchen Umständen, nein.‹

Sie sahen einander an, verbeugten sich aber gegen mich, als ich ihnen mein Kompliment machte, und wir schieden, ohne ein weiteres Wort zu wechseln. ****

Ich bin müde, müde, müde – aufgerieben von meinem Elend. Ich kann nicht lesen, was ich mit dieser abgezehrten Hand geschrieben habe.

Am andern Morgen früh wurde die Goldrolle, die in ein Kistchen verpackt und an mich überschrieben war, an meiner Tür abgegeben. Ich hatte von Anfang an ängstlich bei mir erwogen, was ich in dieser Angelegenheit zu tun habe. Jetzt entschied ich mich dafür, privatim an den Minister zu schreiben, ihn über die beiden Fälle, die mir zur Kunde gekommen waren, zu unterrichten und ihm den ganzen Hergang zu melden. Wohl kannte ich den Hofeinfluß und die Vorrechte des Adels und erwartete davon nichts anderes, als daß die Sache vertuscht bleiben werde; aber ich wünschte, mein Gewissen zu erleichtern. Im übrigen bewahrte ich die Vorgänge als tiefes Geheimnis, selbst vor meiner Frau, und ich beschloß, dies in meinem Schreiben an den Minister anzuführen. Für mich selbst fürchtete ich keine wirkliche Gefahr, wohl aber für andere, wenn diese wußten, was ich wußte, und sich eine Blöße gaben.

Ich war an jenem Tag sehr beschäftigt und konnte mein Schreiben an jenem Abend nicht zu Ende bringen, weshalb ich am andern Morgen zu diesem Ende viel früher als gewöhnlich aufstand. Es war der letzte Tag des Jahres. Ich hatte eben die Feder niedergelegt, als mir angezeigt wurde, daß eine Dame warte und mich zu sprechen wünsche. ***

Ich werde mehr und mehr unfähig für die Aufgabe, die ich mir vorgesteckt habe. Es ist so kalt, so dunkel, die Sinne versagen mir, und ein schreckliches Düster umfängt mich.

Die Dame war jung und angenehm, aber augenscheinlich nicht für ein langes Leben bestimmt. Sie befand sich in einer großen Aufregung. Sie stellte sich mir als Gattin des Marquis St. Evrémonde vor. Ich brachte diesen Namen mit dem Titel, mit dem der Knabe den älteren Bruder angeredet, und mit dem gestickten Anfangsbuchstaben auf der Schärpe in Verbindung und zog daraus mit Leichtigkeit den Schluß, daß ich in letzter Zeit mit diesem Edelmann zu tun gehabt hatte.

Mein Gedächtnis ist noch genau, aber ich kann die Worte unseres Gesprächs nicht niederschreiben. Ich vermute, daß ich schärfer bewacht werde als früher, und bin keinen Augenblick vor einem Überfall sicher. Sie hatte die Hauptzüge der traurigen Geschichte, bei der ihr Mann beteiligt und mein Beistand aufgeboten worden war, zum Teil geargwöhnt, zum Teil entdeckt, wußte aber nicht, daß das arme Opfer tot war. Sie habe gehofft, sagte sie in großer Betrübnis, der Unglücklichen insgeheim weibliche Sympathie zuteil werden zu lassen und so den Zorn des Himmels von einem Hause abzuwenden, auf dem der Fluch so vieler Leidenden lastete.

Sie habe Grund zu glauben, daß noch eine jüngere Schwester am Leben sei, und es sei ihr sehnlichster Wunsch, ihr hilfreiche Handreichung zu tun. Ich konnte ihr keine andere Auskunft geben, als daß es mit dem Vorhandensein einer Schwester seine Richtigkeit habe; weiter wisse ich aber nichts von ihr. Die Dame war voll Vertrauen zu mir gekommen, in der Meinung, ich könne ihr den Namen und Aufenthalt der Verschwundenen angeben; aber bis auf diese Unglücksstunde habe ich weder von dem einen noch von dem andern etwas erfahren. ****

Es fehlen mir einige Papierstreifen. Der eine wurde mir gestern mit einer Verwarnung abgenommen. Ich muß meinen Bericht heute zu Ende bringen.

Sie war eine gute, mitleidige Frau und in ihrer Ehe nicht glücklich. Wie wäre dies möglich gewesen? Der Schwager traute ihr nicht, haßte sie und trat ihr mit seinem Einfluß überall entgegen; sie aber fürchtete ihn und ihren Mann. Als ich sie nach ihrem Wagen hinunterbegleitete, sah ich darin ein Kind, einen hübschen Knaben von zwei oder drei Jahren.

›Um seinetwillen, Doktor‹, sagte sie, mit Tränen auf den Knaben deutend, ›möchte ich so gern alles tun, was in meinen schwachen Kräften liegt, um für das Geschehene eine Sühne zu leisten. Sein Erbe wird ihm sonst nie Glück bringen. Ich habe eine Ahnung, daß, wenn nicht eine andere Genugtuung für diese Tat geleistet wird, er eines Tages dafür einzustehen hat. Was ich ihm einmal als mein Eigentum hinterlassen kann – es ist außer einigen Juwelen von geringem Wert –, soll er, ich lege es ihm als erste Lebensaufgabe ans Herz, um seiner armen Mutter willen dieser schwergekränkten Familie zuwenden, wenn sich die Schwester auffinden läßt.‹

Sie küßte den Knaben und sagte liebkosend zu ihm: ›Du tust's auch zu deinem eigenen Besten. Nicht wahr, du willst mir Wort halten, kleiner Charles?‹ Das Kind antwortete mit einem herzhaften Ja. Ich küßte ihr die Hand. Sie nahm den Knaben in die Arme, und während sie ihn liebkoste, fuhr der Wagen von hinnen. Ich habe sie nie wiedergesehen.

Sie hatte mir den Namen ihres Gatten genannt, in der Meinung, daß ich ihn bereits kenne. Ich wollte ihn gleichwohl in meinem Schreiben nicht berühren, sondern siegelte es, wie es war, und gab es, da ich es keinen andern Händen anvertrauen mochte, im Laufe des Tages persönlich ab.

Denselben Abend (es war der letzte im Jahr) gegen neun Uhr läutete ein schwarzgekleideter Mann an meiner Tür, verlangte mich zu sprechen und folgte leise meinem Diener Ernst Defarge, einem jungen Menschen, die Treppe hinauf. Als der Diener in das Zimmer trat, in dem ich mit meiner Frau saß – o, Geliebte meines Herzens, mein junges, schönes engelhaftes Weib! –, sahen wir den Mann, den wir an der Haustür vermuteten, schweigend hinter ihm stehen.

Ein dringlicher Fall in der Straße St. Honoré, sagte er. Ich werde nicht lange aufgehalten werden: er habe eine Kutsche bei sich.

Sie brachte mich hierher, brachte mich zu meinem Grabe. Ich hatte kaum meine Wohnung verlassen, als man mir einen Knebel dicht über dem Mund zusammenzog und meine Arme band. Die beiden Brüder kamen aus einem dunkeln Winkel hervor über die Straße herüber und bezeichneten mich mit einer einfachen Gebärde als die rechte Person. Der Marquis nahm den von mir geschriebenen Brief aus seiner Tasche, zeigte ihn mir, verbrannte ihn an dem Licht einer Laterne, die man ihm vorhielt, und zertrat die Asche mit seinen Füßen. Kein Wort wurde gesprochen. Man brachte mich hierher und versenkte mich lebendig in mein Grab.

Hätte es Gott gefallen, im Laufe dieser schrecklichen Jahre es einem der Brüder ins Herz zu legen, daß sie mir Kunde von meinem teuren Weibe zugehen ließen oder mich nur mit einem Wort von ihrem Leben oder Tod unterrichteten, so würde ich geglaubt haben, er habe sie nicht ganz verworfen. Jetzt aber lebe ich der Überzeugung, daß das Zeichen des roten Kreuzes ihnen zum Verderben gereichte und sie keinen Anteil haben an seinem Erbarmen. Sie und ihre Abkömmlinge bis zum letzten ihres Geschlechts lade ich, der unglückliche Gefangene Alexander Manette, in meinem namenlosen Jammer am letzten Abend des Jahres 1767 vor den Richterstuhl, der solche Taten richten wird. Ich klage sie an vor dem Himmel und vor der Erde.«

Ein schreckliches Getümmel erhob sich, als die Vorlesung dieses Dokumentes zu Ende war. Ein gleichmäßiges hungriges Geschrei, in dem kein artikulierter Laut als das Wort Blut sich unterscheiden ließ. Die Erzählung hatte die rachgierigsten Leidenschaften der Zeit heraufbeschworen, und in dem ganzen Volk gab es kein Haupt, das nicht einer solchen Anklage gegenüber hätte fallen müssen.

Einem solchen Tribunal und einer solchen Zuhörerschaft gegenüber war es überflüssig, zu zeigen, daß die Defarges die Schrift nicht mit den andern in der Bastille eroberten Denkschriften, die in Prozession herumgetragen wurden, veröffentlicht, sondern für sich behalten hatten, um eine günstige Zeit abzuwarten ... Und wozu ferner nachweisen, daß der Name jener verabscheuten Familie längst in St. Antoine mit Fluch beladen und in die verhängnisvollen Register eingetragen war? Es hat nie einen Menschen gegeben, der trotz aller möglichen Vorzüge und Verdienste einen Schutz gefunden hätte gegen eine solche Anklage zu solcher Zeit und an einem solchen Platze.

Und was das Schlimmste für den unglücklichen Gefangenen, der Ankläger war ein wohlbekannter Bürger, ein ihm treu anhängender Freund, der Vater seines Weibes. Zur wahnsinnigen Sucht des großen Haufens gehörte auch die affektierte Nachahmung der zweifelhaften öffentlichen Tugenden des Altertums und das Verlangen nach Opfern und Selbstaufopferungen auf dem Altar des Volkes. Als daher der Präsident sagte (er mußte es tun, wenn ihm nicht der eigene Kopf auf seinen Schultern wackeln sollte), der gute republikanische Arzt werde sich noch mehr um die Republik verdient machen durch Ausrottung einer gemeinschädlichen Aristokratenfamilie und ohne Zweifel eine heilige Wonne darin fühlen, seine Tochter zur Witwe und ihr Kind zu einer Waise zu machen, da wallte die patriotische Glut in wilder Erregung auf und erstickte jeden Hauch menschlicher Teilnahme.

»Der Doktor hat vielen Einfluß«, murmelte Madame Defarge, der Rache zulächelnd. »Rett' ihn jetzt, Doktor; rett' ihn!«

Nach jeder Abstimmung eines Geschworenen erscholl ein Gebrüll. Wieder eine, wieder eine. Gebrüll und Gebrüll.

Einstimmig verurteilt. Im Herzen und von Herkunft ein Aristokrat, ein Feind der Republik, ein berüchtigter Bedrücker des Volkes. Zurück nach der Conciergerie und Tod binnen vierundzwanzig Stunden!

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