Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Eine Geschichte von zwei Städten

Charles Dickens: Eine Geschichte von zwei Städten - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleEine Geschichte von zwei Städten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorManfred Hahn
senderwww.gaga.net
created20060829
projectidadd1f50d
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel. Eine Handvoll Karten.

Ohne eine Ahnung von dem neuen Unglück zu haben, verfolgte Miß Proß ihren Weg durch die engen Gassen, ging auf dem Pont neuf über den Fluß und berechnete im Geiste, welche Einkäufe sie notwendig zu machen habe. Mr. Cruncher ging mit dem Korbe neben ihr her. Beide schauten rechts und links in die meisten Läden hinein, an denen sie vorbeikamen, hatten ein wachsames Auge auf alle Volkszusammenläufe und machten sich seitab, sooft sie eine aufgeregte Gruppe von Sprechenden bemerkten. Es war ein rauher Abend, und der nebelige Fluß zeigte durch die flackernden Lichter und sein unheimliches Getöse an, wo die Barken lagen, in denen die Schmiede Waffen anfertigten für die Armee der Republik. Wehe dem Mann, der dieser Armee einen Possen spielte oder unverdient in ihr befördert wurde! Besser für ihn, sein Bart wäre nie gewachsen, denn das Nationalrasiermesser schor gar scharf.

Nachdem Miß Proß einige Toiletteartikel und ein Kännchen Öl für die Lampe eingekauft hatte, dachte sie an den Wein, den man nötig hatte. Sie sah durch die Scheiben mehrerer Weinstuben hinein und machte endlich bei dem Zeichen des wackeren republikanischen Brutus des Altertums nicht weit von dem Nationalpalast, vormals den Tuilerien, halt, weil hier das Aussehen der Dinge ihrem Geschmack besser zusagte. Das Haus nahm sich ruhiger aus als die andern, an denen sie vorbeigekommen war. Es gab darin wohl auch rote Mützen, aber doch nicht so gar viele. Nachdem sie Mr. Cruncher um seine Meinung ausgeholt hatte, trat sie, von ihrem Knappen begleitet, bei dem wackeren republikanischen Brutus des Altertums ein.

Die beiden ausländischen Kunden achteten wenig auf die qualmenden Lichter, auf die Leute, die rauchend mit zerknitterten Karten und gelben Dominosteinen spielten, auf den nacktarmigen rußigen Arbeiter mit der offenen Brust, der den andern eine Zeitung vorlas, auf die Waffen, die die Männer bei sich führten oder zu rascher Wiederaufnahme beiseite gestellt hatten, auf die zwei oder drei Kunden, die, den Kopf auf die Arme gelegt, schliefen und in den beliebten hochschulterigen zottigen schwarzen Spenzern sich wie schlummernde Bären oder Hunde ausnahmen – wie gesagt, sie achteten wenig auf die Anwesenden, sondern näherten sich einfach dem Schenktische und deuteten durch Zeichen an, was sie wünschten.

Während man ihnen den Wein zumaß, verabschiedete sich ein Mann von einem anderen in der Ecke und stand auf, um fortzugehen. Er kam dabei an Miß Proß vorbei. Als diese seiner ansichtig wurde, stieß sie einen Schrei aus und schlug die Hände zusammen.

Im Nu war die ganze Gesellschaft auf den Beinen. Es gehörte zu den alltäglichen Vorkommnissen, daß jemand in Verteidigung einer Meinung von einem andern niedergestochen wurde, und so wollte jeder sehen, ob nicht eben einer gefallen sei; aber die Neugierigen bemerkten nichts als einen Mann und eine Weibsperson, die einander mit großen Augen ansahen, der erstere dem Äußeren nach ein Franzose und eingefleischter Republikaner, die letztere augenscheinlich eine Engländerin.

Was die Jünger des wackeren republikanischen Brutus bei einer so bitter getäuschten Erwartung sprachen, war wohl recht zungenfertig und laut, hätte aber für Miß Proß und ihren Beschützer, und wenn sie ganz Ohr gewesen wären, ebensogut hebräisch oder chaldäisch sein können. In ihrer Überraschung hörten sie jedoch nichts; denn wir müssen bemerken, daß nicht nur Miß Proß in einen Zustand großer Aufregung und Verwunderung geraten war, sondern auch Mr. Cruncher für eigene Rechnung vor Staunen sich kaum zu fassen wußte.

»Was gibt's denn?« fragte der Mann, der Miß Proß zu ihrem Aufschrei Anlaß gegeben hatte, halblaut in ärgerlichem Ton, aber auf englisch.

»Oh, Salomon, lieber Salomon!« rief Miß Proß, ihre Hände wieder zusammenschlagend. »Nachdem ich dich so lange mit keinem Auge mehr gesehen und kein Sterbenswörtchen von dir gehört habe, muß ich dich hier wiederfinden!«

»Nenne mich nicht Salomon. Willst du mich ans Messer liefern?« entgegnete der Mann in furchtsamer, verstohlener Weise.

»Bruder! Bruder!« rief Miß Proß in Tränen ausbrechend, »bin ich je hart gegen dich gewesen, daß du eine so grausame Frage an mich stellen kannst?«

»Dann halt dein vorlautes Maul«, sagte Salomon, »und komm mit hinaus, wenn du mit mir sprechen willst. Zahle deinen Wein und komm. Wer ist dieser Mann?«

Die liebevolle Miß Proß schüttelte bekümmert den Kopf gegen ihren keineswegs zärtlichen Bruder und antwortete, während ihr Tränen im Auge standen:

»Mr. Cruncher.«

»Er soll auch mitkommen«, sagte Salomon. »Sieht er mich für einen Geist an?«

Mr. Cruncher hatte in der Tat ganz das Aussehen eines von einem Gespenst verschüchterten Mannes. Er sprach jedoch kein Wort, und Miß Proß, die durch ihre Tränen nur mit Mühe den Inhalt ihrer Tasche unterschied, zahlte den Wein. Während dies geschah, wandte sich Salomon zu den Verehrern des wackern republikanischen Brutus des Altertums und richtete in französischer Sprache einige Worte der Erklärung an sie, worauf sie an ihre Plätze und zu ihrem früheren Treiben wieder zurückkehrten.

»Nun«, sagte Salomon, an der dunkeln Straßenecke haltmachend, »was willst du?«

»Wie schrecklich herzlos von einem Bruder, an dem ich immer mit so viel Liebe gehangen habe«, rief Miß Proß, »daß er mich so begrüßt und mir auch keine Spur von Anhänglichkeit zeigt.«

»Da! Zum Henker auch! Da!« sagte Salomon, mit seinen Lippen gegen die seiner Schwester hinfahrend. »Bist du jetzt zufrieden?«

Miß Proß schüttelte nun den Kopf und weinte still fort.

»Wenn du erwartest, daß ich überrascht sein soll«, fügte ihr Bruder bei, »so bist du im Irrtum. Deine Anwesenheit war mir nicht unbekannt; ich kenne die meisten Leute, die hier sind. Wenn du wirklich nicht die Absicht hast, mein Leben in Gefahr zu bringen – und ich traue dir nur halb –, so geh' so bald wie möglich deiner Wege und laß mich die meinigen gehen. Ich habe zu tun. Ich stehe in öffentlichem Dienst.«

»Ach, mein Bruder Salomon«, rief Miß Proß in kläglichem Ton, indem sie die tränenfeuchten Augen zu ihm aufschlug, »ein Engländer, der das Zeug in sich hatte, einer der besten und größten Männer seines Vaterlandes zu werden, im Dienst der Ausländer – und solcher Ausländer. Ich wollte fast lieber, ich hätte ihn als unschuldigen Knaben in seinem –«

»Es ist so, wie ich sagte«, unterbrach sie ihr Bruder. »Ich wußte es wohl; sie will mich im Grabe haben. Meine eigene Schwester wird mich unter die Verdächtigen bringen, während ich eben im Begriff bin, vorwärtszukommen.«

»Das wolle der gnädige und barmherzige Himmel verhüten!« rief Miß Proß. »Weit lieber will ich dich in meinem ganzen Leben nicht wiedersehen, mein teurer Salomon, obgleich ich stets mit ganzer Seele an dir gehangen habe. Sage mir nur ein einziges liebevolles Wort; sage mir, daß du mir nicht zürnst, mir nicht fremd sein wolltest, und ich werde dich nicht länger aufhalten.«

Die gute Miß Proß! Als ob die Schuld der Entfremdung ihr zur Last gefallen wäre! Hatte doch Mr. Lorry schon vor Jahren in der stillen Ecke von Soho gewußt, daß dieser feine Herr Bruder ihr Geld durchgebracht und sie verlassen hatte.

Er war aber im Begriff, das ersehnte liebevolle Wort mit weit mehr brummender Herablassung und Gönnerschaft auszusprechen, als er hätte an den Tag legen können, wenn ihre wechselseitigen Verhältnisse die umgekehrten gewesen wären – es pflegt ja gemeiniglich durch die ganze Welt so zu ergehen; da berührte ihn Mr. Cruncher an der Schulter und störte ihn unerwartet in seiner heiseren Stimme mit der auffallenden Anrede:

»Darf ich so frei sein, mir eine Frage zu erlauben? Heißt Ihr John Salomon oder Salomon John?«

Der öffentliche Diener wandte sich mit plötzlichem Mißtrauen gegen ihn. Jerry hatte bisher kein Wort verlauten lassen.

»Na, nur heraus mit der Farbe«, fuhr Mr. Cruncher fort. »John Salomon oder Salomon John? Sie hat Euch Salomon genannt, und da sie Eure Schwester ist, muß sie wohl wissen, wie Ihr heißt. Und ich kenne Euch als John. Welches ist der Vorname? Und wie steht's mit dem Namen Proß? Über dem Wasser drüben war dies nicht der Eurige.«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Hm, das weiß ich selbst nicht, denn ich kann mich nicht mehr erinnern, wie Ihr über dem Wasser drüben geheißen habt.«

»Nicht?«

»Nein. Aber ich wollte drauf schwören, es war ein zweisilbiger Name.«

»Was Ihr nicht alles wißt!«

»Ja. Der andere hatte einen einsilbigen. Ich kenn' Euch wohl. Ihr wart ein Spionenzeuge in der Bailey. Im Namen des Vaters der Lügen und des Eurigen zugleich, wie habt Ihr Euch doch damals genannt?«

»Barsad«, fiel plötzlich eine andere Stimme ein.

»Donnerwetter noch einmal, ja, der ist's!« rief Jerry.

Der Sprecher, der sich so unverhofft in die Unterhaltung mischte, war Sydney Carton. Er hatte die Hände unter den Schößen seines Reitkleids und stand so nachlässig an Mr. Crunchers Seite, als befände er sich wieder in Old Bailey.

»Erschreckt nicht, meine liebe Miß Proß. Ich bin gestern abend bei Mr. Lorry zu dessen großem Erstaunen angekommen, und wir haben uns dahin verständigt, daß ich mich nirgends zeigen solle, bis alles in Ordnung sei oder ich mich irgendwie nützlich machen könne. Nun bin ich aber ausgegangen, um mir eine kleine Rücksprache mit Eurem Bruder zu erbitten. Ich wollte, Euer Bruder hätte einen besseren Dienst als dieser Mr. Barsad, der zu den Gefängnisschafen gehört.«

Mit diesem Kunstausdrucke pflegte man damals die Spione unter den Gefangenwärtern zu bezeichnen. Barsad wurde blaß und immer blässer und fragte ihn, »wie er sich unterstehen könne –«

»Das will ich Euch sagen«, versetzte Sydney. »Ich sah Euch etwa vor einer Stunde aus dem Conciergeriegefängnis herauskommen, wie ich eben die Mauern dieses Baues betrachtete. Ihr besitzt ein Gesicht, Mr. Barsad, das man nicht so leicht vergißt, und ich habe ein gutes Gedächtnis für Physiognomien. Eure Anwesenheit an einem solchen Platz erregte meine Neugierde, und ich folgte Euch, weil ich Euch aus einem Euch wohlbekannten Grunde mit der traurigen Lage eines Freundes in Verbindung brachte, der jetzt sehr unglücklich ist. Ich bin Euch in das Weinhaus nachgegangen und saß in Eurer Nähe. Aus Eurem rückhaltlosen Gespräch und aus dem Geruch, in dem Ihr bei Euren Bewunderern steht, konnte ich mir leicht die Art Eures Berufes klarmachen. Und so bildete sich, was ich aufs Geratewohl begann, allmählich zu einem Plan aus, Mr. Barsad.«

»Zu was für einem Plane?« fragte der Spion.

»Es wäre beschwerlich und wohl auch gefährlich, ihn auf der Straße auseinanderzusetzen. Wolltet Ihr mir wohl den Gefallen erweisen, mir im Vertrauen auf einige Minuten Eure Gesellschaft zu widmen – in dem Bureau von Tellsons Bank zum Beispiel?«

»Unter Bedrohung?«

»Oh, ich habe etwas der Art gesagt?«

»Wenn nicht, warum sollte ich Euch dahin folgen?«

»In der Tat, Mr. Barsad, wenn Ihr's nicht selbst wißt, so kann ich's Euch nicht sagen.«

»Soll dies soviel heißen, als Ihr wollt es nicht sagen?« fragte der Spion unschlüssig.

»Ihr habt mich vollkommen verstanden, Mr. Barsad. Ja.«

Cartons gleichgültiges nachlässiges Wesen kam seinem Scharfsinn und seiner Geschicklichkeit in Behandlung des Anliegens, auf das er es heimlich abgehoben hatte, einem solchen Mann gegenüber ungemein zustatten. Sein geübtes Auge erkannte dies, und er machte die Wahrnehmung sich bestens zunutze.

»Hab' ich's nicht gesagt?« bemerkte der Spion mit einem vorwurfsvollen Blick auf seine Schwester. »Wenn ein Unglück dabei herauskommt, so bist du daran schuld.«

»Ei, Ihr müßt nicht undankbar sein, Mr. Barsad«, sagte Sydney. »Hätte ich nicht so große Achtung vor Eurer Schwester, so wär's vielleicht nicht auf so gütlichem Wege zu dem kleinen Vorschlag gekommen, den ich Euch zu unserer beiderseitigen Befriedigung zu machen gedenke. Wollt Ihr mit mir nach der Bank kommen?«

»Ich will hören, was Ihr mir zu sagen habt. Ja; ich gehe mit Euch.«

»Zuerst können wir Eurer Schwester ein sicheres Geleit bis an die Ecke ihrer Straße geben. Reicht mir Euren Arm, Miß Proß. Dies ist keine Stadt, in der man zu solcher Zeit Damen ohne Schutz durch die Straßen gehen lassen kann, und da Euer Begleiter Mr. Barsad kennt, so will ich ihn einladen, mit uns zu Mr. Lorry zu kommen. Sind wir fertig? Gut; so wollen wir aufbrechen.«

Miß Proß fühlte bald nachher und erinnerte sich dessen bis an ihr Lebensende, wie in dem Arm, auf den sie sich stützte, eine eherne Festigkeit, und in den Augen, an die sie in stummem Aufschauen die Bitte richtete, daß ja ihrem Salomon nichts Leides geschehen möge, eine Begeisterung lag, die nicht nur im Widerspruch standen mit Cartons anscheinend gleichgültigem Wesen, sondern den ganzen Mann verwandelten und erhoben. Freilich war sie damals viel zu sehr von der Angst um ihren Bruder, der ihre Liebe so wenig verdiente, und von Sydneys freundlichen Versicherungen in Anspruch genommen, als daß sie diese Wahrnehmung in jenem Augenblick gehörig hätte würdigen können.

Sie wurde an der Straßenecke allein gelassen, und Carton ging voran nach Mr. Lorrys Wohnung, die sie nach wenigen Minuten erreichten. John Barsad oder Salomon Proß gingen ihm zur Seite.

Mr. Lorry hatte eben sein Mittagessen beendigt und saß vor einem behaglichen Holzfeuerchen; vielleicht spähte er in der Glut nach jenem jüngeren ältlichen Gentleman von Tellsons, der vor vielen Jahren im Royal George zu Dover gleichfalls in die Kohlen geschaut hatte. Bei ihrem Eintritt drehte er den Kopf gegen sie und war nicht wenig erstaunt, als er eines Fremden ansichtig wurde.

»Der Bruder der Miß Proß, Sir«, sagte Sydney. »Mr. Barsad.«

»Barsad?« wiederholte der alte Herr. »Barsad? Der Name kommt mir bekannt vor und auch das Gesicht.«

»Ich sagte Euch ja. Ihr habt ein auffallendes Gesicht, Mr. Barsad«, bemerkte Carton kalt. »Bitte, nehmt Platz.«

Während er für sich selbst einen Stuhl herbeirückte, versah er Lorry mit dem ihm fehlenden Anknüpfungsglied, indem er mit finsterer Miene sagte:

»Zeuge bei jener Gerichtsverhandlung.«

Mr. Lorry erinnerte sich sogleich und betrachtete den neuen Gast mit der Miene unverhüllten Abscheus.

»Mr. Barsad ist von Miß Proß als der liebevolle Bruder erkannt worden, von dem Ihr schon gehört habt«, sagte Sydney, »und er erhebt keine Einwendung gegen die Verwandtschaft. Um auf eine schlimmere Neuigkeit überzugehen: Darnay ist wieder verhaftet worden.«

»Was Ihr da sagt!« rief der alte Herr in äußerster Bestürzung. »Ich habe ihn doch erst vor zwei Stunden frei und in Sicherheit verlassen und bin eben im Begriff, wieder zu ihm zurückzukehren.«

»Gleichwohl verhaftet. Wann geschah es, Mr. Barsad?«

»Wenn überhaupt, so muß es eben erst geschehen sein.«

»Mr. Barsad kann die allerbeste Auskunft geben, Sir«, sagte Sydney, »und ich erfuhr aus einer Mitteilung, die er vertraulich einem Freunde und Kollegen bei der Flasche machte, daß die Verhaftung stattgefunden hat. Er verließ die Sendlinge am Tor, nachdem er sich überzeugt hatte, daß sie von dem Pförtner eingelassen worden waren. Es kann keinem Erdenzweifel unterliegen, daß er wieder festgenommen worden ist.«

Mr. Lorrys Geschäftsauge las in dem Gesicht des Sprechers, daß es verlorene Zeit wäre, bei diesem Punkt zu verbleiben. Verwirrt, aber doch in dem Bewußtsein, daß vielleicht seine Geistesgegenwart in Anspruch genommen werden dürfte, suchte er sich zu fassen und hörte in stummer Aufmerksamkeit zu.

»Ich will zwar hoffen«, fuhr Sydney fort, »daß ihm der Name und der Einfluß des Doktor Manette morgen ebensogut zustatten kommen wird – Ihr sagtet, er werde morgen wieder vor Gericht gestellt werden, Mr. Barsad?«

»Ja, ich glaube so.«

»Daß er ihm morgen ebensogut zustatten kommen wird wie heute. Aber vielleicht ist es auch nicht der Fall. Ich gestehe, Mr. Lorry, daß mein Glaube schwach ist, sofern es nicht in Doktor Manettes Gewalt gelegen hat, diese Verhaftung zu verhindern.«

»Er hat vielleicht nicht gewußt, was im Werk war«, sagte Mr. Lorry.

»Schon dies ist ein sehr beunruhigender Umstand, wenn man bedenkt, wie er nur für seinen Schwiegersohn lebt und webt.«

»Das ist wahr«, räumte Mr. Lorry ein, die zitternde Hand nach dem Kinn führend, während er einen angstvollen Blick auf Carton heftete.

»Kurz«, sagte Sydney, »wir leben in einer verzweifelten Zeit, in der man um verzweifelte Einsätze ein verzweifeltes Spiel spielt. Mag der Doktor seine Rechnung aufs Gewinnen machen; ich will aufs Verspielen halten. Ein Menschenleben ist hier nichts wert. Man kann heute vom Volke im Triumph heimgetragen und morgen zum Tode verurteilt werden. Wohlan, der Einsatz, um den ich im schlimmsten Falle zu spielen im Sinn habe, ist ein Freund in der Conciergerie. Den will ich gewinnen, und der Freund ist Mr. Barsad.«

»Dann müßt Ihr gute Karten haben, Sir«, sagte der Spion.

»Ich will mir sie betrachten – will sehen, was ich in der Hand habe. Mr. Lorry, Ihr wißt, was ich für ein ordinärer Kerl bin; wenn Ihr mir nur ein bißchen Branntwein geben wolltet.«

Das Gewünschte wurde ihm vorgesetzt, und er trank ein Glas voll – trank ein zweites und schob die Flasche gedankenvoll zurück.

»Mr. Barsad«, fuhr er in dem Tone eines Menschen fort, der wirklich eine Hand voll Karten überschaut, »Gefängnisschaf, Emissär der republikanischen Komitees, bald Gefängniswärter, bald Gefangener, stets aber Spion und geheimer Angeber, hier um so wertvoller, weil er als Engländer bei seinen Eigenschaften weniger dem Verdacht gedungener Zwischenträgerei ausgesetzt ist, stellt sich seinen Auftraggebern unter einem fremden Namen vor. Dies ist eine sehr gute Karte. Mr. Barsad, jetzt im Solde der republikanischen französischen Regierung, diente früher der aristokratischen englischen Regierung, den Feinden Frankreichs und der Freiheit. Dies ist eine vortreffliche Karte. Es folgt daraus in diesem Lande des Argwohns so klar wie der Tag, Mr. Barsad stehe noch immer im Sold der englischen Regierung; er sei ein Spion Pitts, ein verräterischer Feind, den die Republik an ihrem Busen nährt, der englische Verräter und der Vollbringer all jenes Unheils, von dem man so viel spricht und so wenig zu sehen bekommt. Dies ist eine Karte, die sich nicht stechen lassen wird. Seid Ihr mir gefolgt, Mr. Barsad?«

»Nicht so, um Euer Spiel zu verstehen«, versetzte der Spion etwas unruhig.

»Ich spiele mein As – Denunziation des Mr. Barsad an das nächste Sektionskomitee. Betrachtet Euer Spiel, Mr. Barsad, und seht, was Ihr in der Hand habt. Laßt Euch Zeit dazu.«

Er zog die Flasche wieder heran, füllte sich abermals ein Glas und trank es aus. Der Spion sah angstvoll zu, weil er fürchtete, Mr. Carton könnte sich in einen Zustand hineintrinken, der ihn mit seiner Drohung plötzlich Ernst machen ließe. Der andere merkte dies, schenkte sich wieder ein und trank nochmal ein Glas.

»Betrachtet Euch bedächtig Eure Karten, Mr. Barsad. Ihr braucht Euch nicht zu übereilen.«

Barsads Spiel stand schlechter, als sich vermuten ließ. Er hatte Verlierkarten in der Hand, von denen Sydney Carton nichts ahnte. Nachdem er in England, nicht weil er entbehrlich geworden war (denn das englische Großtun mit Erhabensein über Spionage und Heimlichkeit ist von sehr neuem Datum), sondern wegen zu vieler erfolgloser Meineide seinen ehrenhaften Posten verloren hatte, war er über den Kanal gegangen und hatte in Frankreich Dienste genommen, anfangs als Aufhetzer und Lauscher unter seinen Landsleuten, mit der Zeit aber auch als Anstifter und Spion unter den Franzosen. Er wußte, daß er unter der gestürzten Regierung in Saint Antoine und Defarges Weinhaus sich als geheimer Agent umhergetrieben hatte, daß er von der wachsamen Polizei über alle Hauptpunkte von Doktor Manettes Verhaftung, Befreiung und Geschichte unterrichtet worden, um sich familiär bei den Defarges einführen zu können, daß er bei Madame Defarge damit anzukommen versucht und daß er bei dieser Gelegenheit einen bedeutenden Durchfall erlitten hatte. Auch erinnerte er sich stets mit Furcht und Zittern, daß jenes schreckliche Weib strickte, als er mit ihr sprach, und daß sie, während ihre Finger eifrig fortfuhren, unheimliche Blicke nach ihm hinschiessen ließ. Er hatte sie seitdem oft und vielmal gesehen, wie sie in der Sektion von Saint Antoine ihre gestrickten Register hervorzog und Leute anzeigte, deren Leben dann sicher der Guillotine verfallen war. Wie jeder in Diensten nach Art der seinigen konnte er sich keinen Augenblick sicher fühlen; er wußte, daß er an eine Flucht nicht denken durfte, daß er unter dem Schatten des Fallbeils festgebunden war und daß trotz des schnöden Eifers, mit dem er die Herrschaft des Schreckens zu fördern sich mühte, ein Wort ihn niederwerfen konnte. Einmal angeklagt, und zwar auf so ernste Punkte hin, wie sie ihm eben vorgehalten worden waren, sah er voraus, daß jenes schreckliche Weib, von deren unversöhnlichem Charakter er so viele Proben hatte, das verhängnisvolle Register gegen ihn hervorziehen und damit seine letzte Aussicht vernichten werde. Abgesehen davon, daß Spione stets in Angst leben, waren hier in der Tat genug Fehlkarten, um ihrem Inhaber bei ihrer Musterung das Gesicht leichenfahl zu färben.

»Eure Karten scheinen Euch nicht recht zu gefallen«, sagte Sydney mit der größten Fassung. »Spielt Ihr?«

»Ich denke, Sir«, versetzte der Spion, mit kecker Gemeinheit sich an Mr. Lorry wendend, »ich darf wohl an einen Gentleman von Euren Jahren und Eurem wohlwollenden Charakter die Bitte richten, daß Ihr diesem andern Gentleman, der um so viel jünger ist, vorstellen mögt, wie wenig es sich jedenfalls mit seiner Ehre verträgt, das besprochene As auszuspielen. Ich gebe zu, daß ich ein Spion bin und daß diese Stellung als eine verächtliche angesehen wird; aber man braucht Leute, die sich dazu hergeben. Dieser Gentleman dagegen ist kein Spion. Warum will er sich also so sehr wegwerfen, um den Dienst eines solchen zu verrichten?«

»Ich spiele ohne Bedenken mein As aus, Mr. Barsad«, ergriff Carton das Wort, indem er auf seine Uhr sah, »und zwar schon nach einigen Minuten.«

»Ich hätte gehofft, meine Herren«, sagte der Spion, der stetig bemüht war, Mr. Lorry in das Gespräch zu ziehen, »daß eure Achtung gegen meine Schwester –«

»Meine Achtung gegen Eure Schwester kann ich am besten damit betätigen, daß ich sie für alle Zeiten von ihrem Bruder befreie«, sagte Sydney Carton.

»Das ist Euch doch nicht Ernst, Sir?«

»Ich bin fest entschlossen.«

Das geschmeidige Wesen des Spions, das in so merkwürdigem Widerspruch zu dem zur Schau gestellten groben Anzug und wahrscheinlich auch zu seinem gewöhnlichen Benehmen stand, erlitt durch die Unergründlichkeit Cartons, die wohl auch weiseren und ehrlicheren Leuten, als er war, geheimnisvoll imponieren konnte, einen solchen Stoß, daß es ihn nachgerade im Stiche ließ. Während er verlegen dastand, nahm Carton in dem alten Ton des Kartenbetrachtens die Rede wieder auf:

»Und in der Tat, wenn ich's recht überlege, so kommt es mir vor, als habe ich da eine weitere Karte, die noch nicht aufgezählt ist. Jener Freund, jenes Gefängnisschaf, das sich damit brüstete, daß er in den Kerkern des Landes seine Weide finde – wer war das?«

»Ein Franzose. Ihr kennt ihn nicht«, versetzte der Spion hastig.

»Was, ein Franzose?« entgegnete Carton nachdenklich und dem Anscheine nach kaum auf den Sprecher achtend, obschon er dessen Wort wiederholt hatte. »Na, mag sein.«

»Ich versichere Euch, es ist so«, bekräftigte der Spion, »obschon die Sache von keinem Belang ist.«

»Obschon sie von keinem Belang ist«, sagte Carton in derselben mechanischen Weise – »obschon sie von keinem Belang ist. – Nein; es liegt nichts daran. Nein. Und doch ist mir das Gesicht bekannt.«

»Ich glaube kaum. Gewiß, Ihr irrt; es kann nicht sein«, versetzte der Spion.

»Es kann nicht sein«, murmelte Sydney Carton, indem er seinem Gedächtnis durch ein frisches Glas, das zum Glück nicht groß war, nachzuhelfen suchte. »Kann nicht sein. Sprach gut französisch. Aber wie ein Ausländer, meinte ich?«

»Aus der Provinz«, sagte der Spion.

»Nein. Ausländer!« rief Carton, mit der offenen Hand auf den Tisch schlagend, denn es war ihm ein Licht aufgegangen. »Cly! Verkleidet zwar, aber kein anderer Mensch. Wir hatten ihn auch in Old Bailey vor uns.«

»Ihr seid zu vorschnell, Sir«, sagte Barsad mit einem Lächeln, das seiner Adlernase eine Extraneigung nach der Seite hin verlieh. »Ihr gebt mir hier in der Tat einen Vorteil über Euch. Ich will gern zugeben, daß vor langer Zeit Cly mit mir arbeitete; aber er ist schon seit mehreren Jahren tot. Ich pflegte ihn während seiner letzten Krankheit, und er wurde in London auf dem Sankt Pancrazekirchhof begraben. Er war damals bei dem schurkischen Pöbel sehr unbeliebt, und dies hinderte mich, seiner Beisetzung anzuwohnen; aber ich habe seine irdischen Überreste in den Sarg legen helfen.«

Mr. Lorry bemerkte jetzt von der Stelle aus, wo er saß, einen höchst merkwürdigen koboldartigen Schatten an der Wand; er verfolgte diesen nach seinem Ursprung und entdeckte, daß er von einem plötzlichen außerordentlichen Sträuben und Sichborsten all des struppigen und steifen Haares auf Mr. Crunchers Kopf herrührte.

»Laßt uns vernünftig sein und ein ehrliches Spiel spielen«, sagte der Spion, »Um Euch zu zeigen, wie sehr Ihr Euch täuscht und wie ungegründet Eure Vermutung ist, sollt Ihr von einer Urkunde über Clys Begräbnis, die ich zufällig seitdem in meinem Taschenbuch bei mir führe, Augenschein nehmen.« Er langte es hastig heraus und öffnete es: »Hier ist sie. Da, überzeugt Euch. Ihr könnt sie in die Hand nehmen; es ist kein gefälschtes Papier.«

Mr. Lorry sah jetzt, wie der Schatten an der Wand sich verlängerte und Mr. Cruncher, der sich erhoben hatte, vorwärts trat. Sein Haar hätte nicht borstiger aussehen können, wenn er von dem Dorfochsen selbst frisiert worden wäre.

Ohne von dem Spion bemerkt zu werden, trat Mr. Cruncher an seine Seite und faßte ihn an der Schulter wie ein gespenstischer Polizeidiener.

»Das war also der Roger Cly, Meister«, sagte Mr. Cruncher mit einer finsteren Miene, »und Ihr selbst habt ihm in den Sarg geholfen?«

»Ja.«

»Und wer nahm ihn wieder heraus?«

Barsad lehnte sich in seinem Stuhle zurück und stotterte:

»Was meint Ihr damit?«

»Ich meine, daß er nie drin war«, sagte Mr. Cruncher. »Nein, gewiß nicht. Ich lasse mir den Kopf abhauen, wenn damals der Cly begraben wurde.«

Der Spion sah sich nach den beiden Gentlemen um, die ihrerseits mit unaussprechlichem Staunen nach Jerry hinblickten.

»Ich will Euch sagen«, fuhr Jerry fort, »daß sich in jenem Sarge nur Erde und Pflastersteine befanden. Und Ihr geht her und wollt mir weismachen, Ihr habt den Cly begraben. Der helle Betrug. Ich und noch zwei wissen dies wohl.«

»Wie könnt Ihr dies wissen?«

»Was geht's Euch an? Zum Donnerwetter«, brummte Mr. Cruncher, »Ihr habt noch etwas gut von mir für Eure schamlose Prellerei an ehrlichen Gewerbsleuten. Soll ich ihn am Kragen packen und tüchtig durchschütteln?«

Sydney, den wie auch Mr. Lorry der Gang der Dinge in großes Staunen versetzte, forderte jetzt Mr. Cruncher auf, sich zu mäßigen und eine Erklärung zu geben.

»Ein andermal, Sir«, versetzte Jerry ausweichend; »die gegenwärtige Zeit ist nicht passend zu Erklärungen. Aber dabei bleib' ich, daß er recht gut weiß, es sei nie ein Cly in jenem Sarg gewesen. Wenn er es nur mit einem Wort, mit einer Silbe leugnet, so pack' ich ihn am Halse und würg' ihn, daß er es gern besser hätte.«

»Hm, so viel ist mir jetzt klar, daß ich noch eine Karte habe, Mr. Barsad«, sagte Carton. »Hier in dem tobenden Strudel von Paris, wo die ganze Luft von Argwohn erfüllt ist, bricht es Euch unfehlbar den Hals, wenn man zur Anzeige bringt, daß Ihr Verkehr unterhaltet mit einem andern aristokratischen Spion und alten Kameraden, an dem noch das Geheimnis haftet, daß er sich begraben ließ und wieder lebendig wurde. Ein Komplott in den Gefängnissen gegen die Republik, von den Ausländern angezettelt. Eine starke Karte – eine sichere Guillotinekarte. Spielt Ihr?«

»Nein«, entgegnete der Spion: »ich lege ab. Ich gestehe, wir waren bei dem wütenden Pöbel so verhaßt, daß ich aus England nur fortkam unter Gefahr, zu Tode getaucht zu werden, und daß man Cly in einer Weise auf den Leib rückte, die ihm jedes Entkommen unmöglich machte, wenn er nicht zu dieser Täuschung seine Zuflucht genommen hätte. Wie aber dieser Mensch hinter den Trug kommen konnte, das ist mir rein unbegreiflich.«

»Macht Euch keine Sorge um diesen Menschen«, entgegnete der streitsüchtige Mr. Cruncher; »Ihr werdet genug zu tun haben, wenn Ihr diesem Gentleman Eure Aufmerksamkeit widmet. Und wenn anders das nicht ausreicht, so könnt Ihr immer noch meine Faust zu kosten kriegen.« Mr. Cruncher ließ es sich nicht nehmen, die Freigebigkeit, mit der er den andern zu bedenken Lust hatte, recht prunkhaft zur Schau zu stellen.

Das Gefängnisschaf wandte sich von ihm ab und an Sydney Carton, gegen den er mit mehr Entschiedenheit bemerkte:

»Nachdem wir so weit sind, muß ich Euch erklären, daß ich mit nächstem meinen Dienst anzutreten habe und nicht mehr lange ausbleiben darf. Ihr habt von einem Vorschlag gesprochen; worin besteht er? Es ist nutzlos, zu viel von mir zu verlangen. Wenn Ihr mir zumutet, in meiner dienstlichen Eigenschaft meinen Kopf unter das Beil zu legen, so lass' ich's lieber auf die Folgen einer Weigerung als einer Einwilligung ankommen. Kurz, ich will eine Wahl haben. Ihr sprecht von Verzweiflung. Wir sind hier lauter Verzweifelte. Vergeßt nicht, daß auch ich Euch denunzieren kann, wenn ich es für passend halte; und dann gelingt's mir vielleicht so gut wie irgendeinem, mir einen Weg durch steinerne Mauern zu schwören. Sprecht, was wollt Ihr von mir?«

»Nicht sehr viel. Ihr seid ein Gefangenenwärter in der Conciergerie?«

»Ich sage Euch ein für allemal, daß eine Flucht nicht in den Bereich des Möglichen gehört«, sagte der Spion mit Festigkeit.

»Wozu braucht Ihr mir etwas zu sagen, wonach ich nicht gefragt habe? Ihr seid ein Schließer in der Conciergerie?«

»Bisweilen.«

»Aber Ihr könnt es sein, wenn Ihr wollt?«

»Ich kann ein- und ausgehen, wie es mir gutdünkt.«

Sydney füllte das Glas wieder mit Branntwein, goß es langsam auf den Herd aus und sah dem Niederträufeln der Flüssigkeit zu. Die Flasche war jetzt leer, und er sagte beim Aufstehen:

»So weit haben wir vor diesen beiden verhandelt, denn ich hielt es für passend, daß nicht bloß wir zwei von der Stärke unserer Karten uns überzeugen möchten. Kommt mit in das dunkle Stübchen hier; wir können da allein das letzte Wort miteinander sprechen.«

*

 

 << Kapitel 39  Kapitel 41 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.