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Eine Geschichte von zwei Städten

Charles Dickens: Eine Geschichte von zwei Städten - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleEine Geschichte von zwei Städten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorManfred Hahn
senderwww.gaga.net
created20060829
projectidadd1f50d
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Siebentes Kapitel. Ein Klopfen an die Tür.

»Ich habe ihn gerettet.« Es war nicht einer von den Träumen, in die er so oft zurückverfallen war. Nein, er war wirklich da. Und doch zitterte sein Weib, und eine unbestimmte Angst lastete schwer auf ihr.

Die ganze Luft umher war so dick und düster, die Leute zeigten ein so fieberisches, leidenschaftlich rachsüchtiges Wesen, die Unschuldigen wurden so beharrlich auf einen hohlen Verdacht oder auf platte Anzeigen der Bosheit hin zum Tod geschleppt, und es war so rein unmöglich, zu vergessen, wie viele nicht minder makellose Personen als ihr Gatte, die von andern ebenso geliebt wurden, wie sie ihn liebte, jeden Tag das Schicksal erleiden mußten, dem er mit knapper Not entgangen war, daß ihr Herz sich nicht so frei und leicht fühlen konnte, wie es die Umstände gestatteten. Der Winterabend war im Begriff, in die Schatten der Nacht zu versinken, und noch immer rollten die schrecklichen Karren durch die Straßen. Ihr Geist folgte ihnen und schien ihn unter den Verurteilten zu suchen; dann schmiegte sie sich inniger an den Gegenwärtigen an und zitterte noch mehr.

Ihr Vater, der ihr ermunternd zusprach, trug dieser weiblichen Schwäche gegenüber, ob der er sich nicht genug wundern konnte, eine mitleidige Überlegenheit zur Schau. Kein Dachstübchen mehr, kein Schuhmachen, kein Hundertfünf, Nordturm! Er hatte die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, vollbracht, sein Versprechen gelöst und Charles gerettet. Alle konnten sich jetzt an ihn anlehnen.

In ihrer Haushaltung ging es sehr ärmlich her – nicht nur, weil man dadurch am wenigsten beim Volke Anstoß erregte, sondern auch, weil sie nicht reich waren und Charles während seiner Gefangenschaft bedeutende Zahlungen hatte leisten müssen, für die eigene schlechte Kost und Bewachung sowohl wie für die der ärmeren Gefangenen. Zum Teil aus diesem Grund, zum Teil, um keinen Spion im Hause zu haben, hielten sie keine Magd. Der Bürger und die Bürgerin, die am Hoftor als Pförtner funktionierten, leisteten ihnen gelegentlich Dienste, und Jerry, der von Mr. Lorry fast ganz an sie abgetreten worden, spielte den Diener und schlief bei Nacht im Hause.

Auf Befehl der einen und unteilbaren Republik mit dem Motto Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod mußte an der Tür oder dem Türpfosten eines jeden Hauses der Name der Bewohner mit leicht leserlicher Schrift von gewisser Größe in einer gewissen bequemen Höhe vom Boden angebracht sein. Mr. Jerry Crunchers Name schmückte daher gebührend den Türpfosten zu unterst, und bei einbrechender Nacht kam der Inhaber des Namens selbst von der Beaufsichtigung eines Flachmalers zurück, den Doktor Manette angewiesen hatte, der Liste den Namen Charles Evrémonde, genannt Darnay, beizufügen.

Bei der allgemeinen Furcht und dem Mißtrauen, in dem man zu jener Zeit lebte, war auch eine Änderung in die gewöhnlichen harmlosen Haushaltungsbräuche gekommen. In der kleinen Wirtschaft des Doktors wurden, wie in so vielen andern, die Gegenstände des täglichen Verbrauchs jeden Abend in geringen Mengen aus verschiedenen kleinen Läden zusammengetragen; denn jedermann wollte Aufsehen vermeiden und so wenig wie möglich Anlaß zu Neid und Nachrede geben.

Schon seit einigen Monaten hatten Miß Proß und Mr. Cruncher das Geschäft des Einkaufes besorgt, wobei erstere den Beutel führte und letzterer den Korb trug. Sie traten jeden Abend, sobald man die Straßenlaternen anzündete, diesen Dienst an, kauften das Nötige ein und brachten es nach Hause. Durch ihren langen Umgang mit einer französischen Familie wäre Miß Proß wohl in der Lage gewesen, das Französische so gut zu lernen, wie sie ihr Englisch kannte, wenn sie Lust dazu gehabt hätte. Aber eben an der Lust fehlte es ihr ganz und gar, und so verstand sie von »diesem Unsinn«, wie sie es zu nennen beliebte, nicht mehr als Mr. Cruncher. Die Art ihres Marktens bestand darin, daß sie dem Krämer ohne näheres Eingehen auf die Beschaffenheit des gewünschten Artikels irgendein Nennwort an den Kopf warf und, wenn es zufällig nicht das rechte war, sich im Laden nach der Ware umschaute, sie zu Händen nahm und nicht wieder losließ, bis der Handel geschlossen war. Ohne ein Handeln ging es dabei nicht ab, und bei der Würdigung des Preises hielt sie stets einen Finger weniger in die Höhe als der Verkäufer, wie viele dieser ihr auch vorzeigen mochte.

»Nun, Mr. Cruncher«, sagte Miß Proß, deren Augen ganz rot von Glück waren, »wenn Ihr bereit seid, so bin ich's auch.«

Jerry versicherte heiser, daß er Miß Proß zu Diensten stehe. Sein Rost hatte sich längst abgetragen; aber nichts vermochte die Spieße seines Haares niederzufeilen.

»Wir brauchen alle möglichen Dinge und werden nicht so bald damit fertig werden«, sagte Miß Proß. »Unter anderm Wein. Diese Rotköpfe werden saubere Trinksprüche ausbringen, wo wir ihn auch kaufen mögen.«

»Soviel Ihr davon versteht, Miß«, entgegnete Mr. Jerry, »wird es so ziemlich aufs gleiche hinauslaufen, ob sie Eure Gesundheit trinken oder die des Meisters Urian.«

»Wer ist das?« fragte Miß Proß.

Mr. Cruncher erklärte ihr mit einiger Zaghaftigkeit die Bedeutung des Ausdrucks.

»Ha!« sagte Miß Proß, »es ist kein Dolmetscher nötig, um zu erraten, was diese Unholde sagen wollen. Sie haben nur einen Gedanken im Kopfe, und der ist Unfug und nächtliches Morden.«

»Pst, meine Liebe! Bitte, bitte, seid vorsichtig«, rief Lucie.

»Ja, ja, ja, ich will vorsichtig sein«, entgegnete Miß Proß; »aber unter uns darf ich wohl sagen, ich hoffe, daß wir auf der Straße keinem zwiebeligen oder tabakigen Ersticktwerden in der Form von Umarmungen in der Runde begegnen. Geht mir nur nicht von diesem Feuer weg, mein Vögelchen, bis ich wieder zurück bin. Nehmt den lieben Mann in acht, der Euch aufs neue geschenkt worden ist, und laßt Euer hübsches Köpfchen auf seiner Schulter ruhen, wie Ihr's jetzt tut, bis ich Euch wiedersehe. Darf ich eine Frage an Euch stellen, Doktor Manette, eh' ich ausgehe?«

»Ich denke wohl, daß man Euch diese Freiheit gestatten kann«, antwortete der Doktor lächelnd.

»Um Gottes willen, sprecht mir nicht von Freiheit; wir haben von dieser Geschichte vollkommen genug gehabt«, sagte Miß Proß.

»Still, meine Liebe! Schon wieder?« bemerkte Lucie verweisend.

»Na, mein Herzchen«, sagte Miß Proß mit einem nachdrücklichen Kopfnicken, »das Lange und das Breite davon ist, daß ich eine Untertanin Seiner Allergnädigsten Majestät Georgs des Dritten bin«, Miß Proß knixte bei dem Namen, »und als solche halte ich mich an den Grundsatz: Zum Geier mit ihrer Politik! In die Hölle mit ihren Spitzbubentücken! Auf ihn setzen wir unsere Hoffnung! Gott erhalte den König!«

Mr. Cruncher sprach in einer Anwandlung von Loyalität Miß Proß mit knurrender Stimme die Worte nach, als respondiere er in einer Kirche.

»Es freut mich, daß Ihr so viel englisches Blut im Leibe habt, obschon ich wünschte, Eure Stimme hätte weniger von Erkältung gelitten«, sagte Miß Proß beifällig. »Aber um auf die Frage zu kommen, Doktor Manette. Wir haben« es lag in der Art der guten Person, über jeden Gegenstand, der ihnen allen besondere Sorge machte, eine gewisse Gleichgültigkeit zur Schau zu stellen und ihn gleichsam nur gelegentlich zu berühren, »wir haben jetzt doch gute Aussicht, von diesem Ort fortzukommen?«

»Ich fürchte, noch nicht. Es wäre jetzt noch gefährlich für Charles.«

»Heididum!« rief Miß Proß, unterdrückte aber gutmütig einen Seufzer, als sie nach dem im Widerschein des Feuers glänzenden Goldhaar ihres Lieblings hinblickte –»nun, dann hilft nichts, als Geduld haben und warten. Wir müssen den Kopf oben behalten und Hände und Füße brauchen, wie mein Bruder Salomon zu sagen pflegte. Jetzt, Mr. Cruncher! Rührt Euch nicht von der Stelle, meine Vögelchen!«

Sie entfernten sich, und Lucie, ihr Gatte, ihr Vater und das Kind blieben bei dem hellen Feuer zurück. Mr. Lorry wurde mit jedem Augenblick von dem Bankhaus her erwartet. Miß Proß hatte die angezündete Kerze in eine Ecke beiseite gestellt, damit sie sich ungestört des behaglichen Feuerlichtes erfreuen konnten. Die kleine Lucie saß neben ihrem Großvater und hatte die Händchen um seinen Arm geschlungen, während er ihr in einem Ton, der kaum viel mehr als ein Flüstern genannt werden konnte, ein Märchen von einer großen mächtigen Fee zu erzählen begann, die eine Gefängnismauer sich auftun ließ und einen Gefangenen befreite, der ihr einmal einen Dienst geleistet hatte. Der Geist der Ruhe herrschte in dem Gemach und schien auch allmählich Eingang in dem Herzen Lucies zu finden.

»Was ist das?« rief sie plötzlich.

»Meine Liebe, nimm dich zusammen«, sagte ihr Vater, indem er seine Erzählung unterbrach und seine Hand auf die ihrige legte. »Du befindest dich in einem ganz verstörten Zustande. Du erschrickst vor jeder Kleinigkeit – vor einem Nichts. Du, deines Vaters Tochter?«

»Ich meinte, Vater«, sagte Lucie sich entschuldigend, mit bleichem Gesicht und stotternder Stimme, »ich habe einen fremden Tritt auf der Treppe gehört.«

»Kind, auf der Treppe herrscht eine Totenstille.«

Er hatte kaum diese Worte ausgesprochen, als ein Schlag gegen die Tür geführt wurde.

»O Vater, Vater, was kann dies sein? Versteckt Charles – rettet ihn!«

»Mein Kind«, sagte der Doktor, indem er aufstand und seine Hand auf ihre Schulter legte, »ich habe ihn ja schon gerettet. Welche Schwäche, meine Liebe. Ich will nach der Tür gehen.«

Er nahm das Licht auf, ging durch die beiden Vorderzimmer und öffnete. Es folgte darauf ein Füßegetrampel, und vier rauhe Männer in roten Mützen, die mit Säbeln und Pistolen bewaffnet waren, traten in das Gemach.

»Der Bürger Evrémonde, genannt Darnay«, sagte der erste.

»Wer sucht ihn?« versetzte Darnay.

»Ich suche ihn. Wir suchen ihn. Ich kenne Euch, Evrémonde; ich sah Euch heute vor dem Tribunal. Ihr seid wieder der Gefangene der Republik.«

Die vier umgaben die Stelle, wo er mit seinem Weib und seinem Kinde stand, die sich an ihn anklammerten.

»Sagt mir, wie das kommt. Warum bin ich wieder ein Gefangener?«

»Ihr habt einfach in die Conciergerie zurückzukehren und werdet es morgen erfahren. Ihr seid auf morgen vorgeladen.«

Auf Doktor Manette hatte dieser Besuch so versteinernd gewirkt, daß er mit dem Lichte in der Hand wie eine ausdrücklich zum Leuchten bestimmte Statue dastand. Nachdem diese Worte gesprochen waren, stellte er das Licht nieder, trat dem Manne gegenüber, nahm ihn nicht unsanft bei dem Bruststreif seines rotwollenen Hemdes und sprach:

»Ihr kennt ihn, habt Ihr gesagt. Kennt Ihr auch mich?«

»Jawohl, Bürger Doktor.«

»Wir alle kennen Euch, Bürger Doktor«, sagten die andern drei.

Er sah verwirrt bald den einen, bald den andern an und fuhr nach einer Pause mit gedämpfter Stimme fort:

»Wollt Ihr dann mir auf seine Frage antworten? Wie kommt das?«

»Bürger Doktor«, versetzte der erste mit Widerstreben, »er ist bei der Sektion von Saint Antoine angezeigt worden. Dieser Bürger«, er deutete auf den zweiten der Eingetretenen, »ist von Saint Antoine.«

Der bezeichnete Bürger nickte mit dem Kopfe und fügte bei:

»Er ist in Saint Antoine angeklagt.«

»Weshalb?« fragte der Doktor.

»Bürger Doktor«, entgegnete der erste mit dem früheren Widerstreben, »fragt nicht weiter. Wenn die Republik Opfer von Euch fordert, so werdet Ihr ohne Zweifel als ein guter Patriot Euch glücklich schätzen, sie zu bringen. Die Republik geht über alles. Das Volk ist das Höchste. Evrémonde, wir können nicht warten.«

illustration

Wieder verhaftet

»Noch ein einziges Wort«, bat der Doktor. »Wollt Ihr mir sagen, wer ihn angezeigt hat?«

»Es ist gegen die Regel«, antwortete der erste, »aber Ihr könnt den von Saint Antoine da fragen.«

Der Doktor richtete den Blick auf den Mann. Dieser scharrte unruhig mit den Füßen, rieb sich den Bart ein wenig und sagte endlich:

»Na, es ist freilich gegen die Regel; aber die Anklage und zwar eine schwere geht von dem Bürger und der Bürgerin Defarge und noch von einem Dritten aus.«

»Wer ist dieser Dritte?«

»Das fragt Ihr, Bürger Doktor?«

»Ja.«

»Dann«, versetzte der von Saint Antoine mit einem eigentümlichen Blicke, »werdet Ihr morgen die Antwort hören – für jetzt bin ich stumm.«

*

 

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