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Eine Geschichte von zwei Städten

Charles Dickens: Eine Geschichte von zwei Städten - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleEine Geschichte von zwei Städten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorManfred Hahn
senderwww.gaga.net
created20060829
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Fünftes Kapitel. Der Holzspalter.

Ein Jahr und drei Monate. Während dieser ganzen Zeit war Lucie keinen Augenblick sicher, ob nicht am anderen Tage die Guillotine ihrem Gatten den Kopf abschlage. Jeden Tag holperten schwerfällig die mit Verurteilten gefüllten Karren durch die gepflasterten Straßen. Liebliche Mädchen; glänzende Frauen, braunhaarig, schwarzhaarig und grau; Jünglinge, Männer und Greise; Hochgeborene und Geringe – alles roter Wein für La Guillotine, alles täglich ans Licht gefördert aus den dunklen Kellern der eklen Gefängnisse und durch die Straßen geführt, um ihren brennenden Durst zu stillen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod – der letzte ist am leichtesten zu erringen, o Guillotine!

Wenn die Plötzlichkeit des Unglücks und die wirbelnden Räder der Zeit die eines Resultats harrende Tochter zu dumpfer Verzweiflung getrieben hätten, so wäre es ihr ergangen wie so vielen; aber von der Stunde an, als sie in dem Dachstübchen von Saint Antoine das weiße Haupt an ihre frische junge Brust gedrückt, hatte sie unwandelbar den übernommenen Pflichten nachgelebt und blieb ihnen namentlich treu in der Zeit der Heimsuchung, wie es stets bei treuen und guten stillen Seelen der Fall ist.

Sobald die neue Wohnung eingerichtet war und ihr Vater sich in seinen Beruf wieder hineingefunden hatte, ordnete sie ihren kleinen Haushalt geradeso, als ob ihr Mann anwesend sei. Alles hatte seinen bestimmten Platz und seine bestimmte Zeit. Die kleine Lucie unterrichtete sie so regelmäßig, als wären sie noch in ihrer englischen Heimat beisammen. Die kleinen Kunstgriffe, mit denen sie sich in den Wahn hineintäuschte, daß sie bald wieder vereinigt sein würden, die leichten Vorbereitungen für seine baldige Zurückkehr, das Herrichten seines Stuhls und seiner Bücher – dies und das feierliche Nachtgebet namentlich für einen lieben Gefangenen unter den vielen unglücklichen Seelen, die im Gefängnis und unter dem Schatten des Todes lebten, waren fast die einzigen ausgesprochenen Tröstungsmittel ihres schweren Herzens.

In ihrem Äußeren zeigte sie keine besondere Veränderung. Die einfachen, schwarzen, an Trauer mahnenden Kleider, die sie und ihr Kind trugen, waren so sauber und geordnet, wie in glücklicheren Tagen ihr hellerer Anzug. Sie sah bleich aus, und der alte ernste Zug in ihrem Gesicht kam nicht mehr bloß gelegentlich, sondern war bleibend geworden; in jeder andern Beziehung aber konnte man sie noch immer sehr hübsch und anmutig nennen. Bisweilen ließ sie abends, wenn sie ihren Vater küßte, ihren den ganzen Tag über unterdrückten Schmerz zum Ausbruch kommen, wobei sie ihm versicherte, daß er ihre einzige Stütze und Zuversicht sei unter der Sonne, und dann pflegte er mit Entschiedenheit darauf zu antworten: »Nichts kann ihm zustoßen ohne mein Vorwissen, und ich weiß, daß ich ihn zu retten vermag, Lucie.«

Sie hatten in dieser veränderten Lebensweise noch nicht viele Wochen verbracht, als ihr Vater eines Abends beim Nachhausekommen zu ihr sagte:

»Meine Liebe, in dem Gefängnis ist ein oberes Zimmer, zu dem Charles bisweilen um drei Uhr nachmittags Zutritt hat. Kann er hinkommen – dies hängt freilich von manchen Ungewißheiten und Zufälligkeiten ab –, so meint er, dich in der Straße sehen zu können, wenn du dich an einem gewissen Platz aufstellst, den ich dir zeigen will. Du wirst ihn freilich nicht sehen, mein armes Kind, und selbst wenn es der Fall wäre, würde es nicht rätlich sein, ein Zeichen des Erkennens zu geben.«

»Oh, zeigt mir den Platz, Vater, und ich will jeden Tag hingehen.«

Von dieser Zeit an wartete sie dort bei jedem Wetter täglich zwei Stunden. Sobald die Glocke zwei schlug, war sie an der Stelle, und um vier Uhr entfernte sie sich wieder voll Ergebung. Wenn es für ihr Kind nicht zu naß oder zu kalt war, so gingen sie miteinander; zu andern Zeiten tat sie es allein; unter allen Umständen aber ließ sie es keinen Tag fehlen.

Es war die dunkle schmutzige Ecke einer krummen Straße. Die Hütte eines Holzspalters stellte an diesem Ende die einzige wohnliche Stätte dar; alles übrige war Mauer. Am dritten Tage fiel dem Manne ihre Anwesenheit auf.

»Guten Tag, Bürgerin.«

»Guten Tag, Bürger.«

Diese Art der Anrede war jetzt durch ein Dekret vorgeschrieben. Die Ausbundpatrioten hatten sich ihrer schon einige Zeit vorher bedient, aber jetzt war sie Gesetz für jedermann.

»Wieder hierher einen Spaziergang gemacht, Bürgerin?«

»Wie Ihr seht, Bürger.«

Der Holzspalter, ein kleiner Mann mit einem schwunghaften Gebärdenspiel (er war früher Straßenarbeiter gewesen), warf einen Blick nach dem Gefängnis, deutete danach hin, hielt seine zehn Finger gegittert vor das Gesicht und schaute spaßhaft durch.

»Aber geht mich nichts an«, sagte er und ging seinem Gewerbe nach.

Am andern Tage sah er sich wieder nach ihr um und redete sie an, sobald sie erschien.

»Wie, schon wieder einen Spaziergang, Bürgerin?«

»Ja, Bürger.«

»Ah, und ein Kind dazu! Dies ist wohl deine Mutter, meine kleine Bürgerin?«

»Soll ich ja sagen, Mama?« flüsterte die kleine Lucie, sich dicht an sie anschmiegend.

»Ja, mein Kind.«

»Ja, Bürger.«

»Ah! Aber geht mich nichts an. Ich kümmere mich nur um meine Arbeit. Seht meine Säge da – ich nenne sie meine kleine Guillotine. Ratsch, ratsch, ratsch; ratsch, ratsch, ratsch! Und herunter ist sein Kopf!«

Während er so sprach, fiel das Scheit, und er warf es in einen Korb.

»Ich nenne mich den Samson der Brennholz-Guillotine. Schaut wieder her. Ritsch, ritsch, ritsch; ritsch, ritsch, ritsch! Und ihr Kopf ist gefallen! Jetzt ein Kind. Retsche, retsche; retsche, retsche! Da kommt sein Kopf. Die ganze Familie!«

Lucie schauderte, als er zwei weitere Scheiter in seinen Korb warf; aber wenn der Holzspalter dort arbeitete, mußte sie notwendig von ihm gesehen werden. Sie redete ihn daher, um sich seine Geneigtheit zu sichern, immer zuerst an und gab ihm auch öfters ein Trinkgeld, das er sich recht gern gefallen ließ.

Er war ein neugieriger Bursche, und wenn sie bisweilen im Aufschauen nach dem Dach und den Gittern des Gefängnisses, in der Erhebung ihres Herzens zu dem Gatten seiner ganz vergessen hatte, konnte sie auf einmal bemerken, daß er, das Knie auf seine Bank gestützt und die Säge mitten in der Arbeit ruhen lassend, ihr zusah. »Aber geht mich nichts an«, pflegte er bei solchen Gelegenheiten zu sagen und ließ dann wieder hurtig seine Säge gehen.

Bei jedem Wetter, im Schnee und Winterfrost, in den schneidenden Frühjahrswinden, im heißen Sommersonnenschein, im Herbstregen und wieder im Schnee und Winterfrost verbrachte Lucie jeden Tag zwei Stunden an diesem Platz, und jeden Tag küßte sie, eh' sie sich entfernte, die Gefängnismauer. Ihr Gatte sah sie, wie sie von ihrem Vater erfuhr, einmal unter fünf oder sechs Malen, vielleicht auch zwei- oder dreimal hintereinander, dann aber wieder eine Woche oder zwei gar nicht. Es war genug, daß er sie sehen konnte, wenn er Gelegenheit dazu fand, und ergab sich diese auch nur einmal in der Woche, so machte sie um der Möglichkeit willen doch gern jeden Tag diesen Gang.

So verging der Monat Dezember, und ihr Vater wandelte noch immer sicheren Hauptes unter den Schrecken umher. Eines Nachmittags, als eben ein leichter Schnee fiel, war sie wieder an der gewöhnlichen Ecke angelangt. Es war ein Tag wilder Freude – irgendein Fest. Sie hatte auf dem Herwege die Häuser mit kleinen Spießen, auf denen kleine rote Mützen ragten, auch mit dreifarbigen Bändern und meist in den beliebten dreifarbigen Buchstaben mit der unvermeidlichen Inschrift geziert gesehen: Eine und unteilbare Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod!

Die erbärmliche Hütte des Holzspalters war so klein, daß ihre ganze Oberfläche nur einen sehr unbedeutenden Raum bot für diese Inschrift. Gleichwohl hatte er jemanden aufgetrieben, der sie für ihn hinschmierte, obschon das Wort Tod kaum mehr einen Platz finden konnte. Über dem Giebel seines Hauses sah man den Spieß und die Mütze, an der es kein guter Bürger fehlen lassen durfte, und in einem Fenster hatte er seine Säge ausgestellt mit der Bezeichnung: »Kleine heilige Guillotine«; denn das große scharfe Frauenzimmer war inzwischen vom Volk heilig gesprochen worden. Sein Sägeschopf war geschlossen und er nicht zu Hause. Diese Einsamkeit gereichte Lucie zu großem Trost.

Aber er war nicht weit weg. Sie hörte bald das Gestampf von Füßen und näher kommendes Geschrei, das sie mit Furcht erfüllte Einen Augenblick später wogte ein Volkshaufe um die Ecke ter Gefängnismauer, und in der Mitte desselben befand sich der Holzspalter Hand in Hand mit der Rache. Es konnten nicht weniger als fünfhundert Menschen sein, und sie tanzten einher wie fünftausend böse Geister. Die Musik bildete ihr eigener Gesang. Sie tanzten zu dem beliebten Revolutionslied und hatten dazu einen wilden Takt, der wie ein gemeinsames Zähneknirschen klang. Männer tanzten mit Weibern, Weiber mit Weibern und Männer mit Männern, wie sie eben der Zufall zusammenführte. Anfangs nahmen sie sich nur wie ein Strom von groben roten Mützen und grobwollenen Lumpen aus. Aber als sie den Platz füllten und um Lucie her haltmachten, begann auf einmal eine gräßliche Tanzfigur in wildem Toben. Sie bewegten sich vorwärts und rückwärts, schlugen sich nach den Händen, packten sich bei den Köpfen, wirbelten allein umher, faßten sich dann und drehten sich paarweise, bis viele davon niedersanken. Während nun diese am Boden lagen, gaben die anderen sich die Hände und führten um sie her einen Reigen auf. Dann riß der Ring, und die einzelnen Partner bildeten wieder Ringe aus zwei und vier, die sich drehten und drehten, bis alle auf einmal haltmachten; dann fingen sie wieder von vorne an, klopften und packten sich, zerrten einander und kreisten dann in einer verkehrten Richtung. Plötzlich machten sie wieder halt, schlugen aufs neue ihren Takt an, bildeten Reihen von der Breite der Straße und fegten mit tiefgesenkten Häuptern und hocherhobenen Händen davon. Kein Ringkampf hätte nur halb so schrecklich aussehen können als dieser Tanz. Er war so ausdrücklich eine herabgekommene Belustigung – ein Etwas, das, aus einem unschuldigen Ursprung herstammend, in wahre Teufelei ausgeartet war – eine gesunde Ergötzlichkeit, umgewandelt in ein Mittel, das Blut aufzuregen, die Sinne außer sich zu bringen und das Herz zu stählen. Die Anmut, die sich darin noch sichtbar machte, ließ den Tanz nur um so häßlicher erscheinen, indem sie zeigte, wie verkehrt und verworfen alles von Natur aus Gute geworden war. Der jungfräuliche Busen so bloß, der hübsche, fast kindliche Kopf so verdreht, die feinen Füße, grob sich bewegend in dieser Pfütze von Kot und Blut, waren lauter Typen einer aus den Fugen gegangenen Zeit.

Dies war die Carmagnole. Während sie vorüberrauschte und Lucie entsetzt und verwirrt auf der Schwelle zu der Hütte des Holzspalters zurückblieb, fiel der flockige Schnee so ruhig und blieb so weiß und so weich liegen, als sei der Boden nie der Schauplatz einer solchen Szene gewesen.

»O mein Vater!« – denn er stand vor ihr, als sie die Augen wieder aufschlug, die sie eine Weile mit der Hand verhüllt hatte – »welch ein häßlicher, entsetzlicher Anblick!«

»Ich weiß es, meine Liebe, ich weiß es – habe ihn schon oft mit angesehen. Doch fürchte dich nicht. Niemand von ihnen wird dir etwas zuleide tun.«

»Ich fürchte nichts für mich selbst, Vater. Aber wenn ich an meinen Gatten denke und an das Erbarmen dieses Volkes –«

»Wir wollen ihn bald aus dem Bereiche seines Erbarmens geschafft haben. Ich verließ ihn, wie er zu dem Fenster hinankletterte, und komme her, es dir zu sagen. Es ist niemand hier, der dich sehen kann. Wirf ihm einen Kuß zu nach dem höchsten Dachsims hinauf.«

»Ich tue es, Vater, und meine Seele eilt mit hin.«

»Du kannst ihn nicht sehen, meine arme Tochter?«

»Nein, Vater«, versetzte Lucie mit sehnsüchtigen Tränen im Auge, während sie eine Kußhand nach dem Gefängnis hin sandte, »nein.«

Ein Fußtritt im Schnee. Madame Defarge.

»Ich grüße Euch, Bürgerin«, sagte der Doktor.

»Ich grüße Euch, Bürger.«

Dies im Vorübergehen. Weiter nicht. Madame Defarge war fort, hingeglitten wie ein Schatten über den weißen Weg.

»Gib mir deinen Arm, meine Liebe. Du kannst seinetwegen mit heiterem, mutigem Geist nach Hause gehen. Es war gut so«, bemerkte er, als sie den Platz verlassen hatten; »es wird nicht umsonst sein. Charles ist auf morgen vorgeladen.«

»Auf morgen?«

»Es ist keine Zeit zu verlieren. Ich bin gut vorbereitet; aber es müssen Vorkehrungen getroffen werden, die sich nicht besorgen ließen, ehe er vor das Tribunal geladen war. Bis jetzt hat er noch keine Mitteilung erhalten; ich weiß jedoch, daß er auf morgen vorbeschieden ist und nach der Conciergerie gebracht werden soll. Ich bin in guter Zeit unterrichtet worden. Du hast doch keine Angst?«

Sie vermochte kaum hervorzubringen:

»Ich verlasse mich auf Euch.«

»Dies kannst du unbedingt. Die Ungewißheit wird bald zu Ende sein, mein Herz. In wenigen Stunden ist er dir zurück gegeben. Ich habe ihm jeden erdenklichen Schutz gesichert. Jetzt muß ich Lorry aufsuchen.«

Er hielt inne. Man hörte ein schwerfälliges Gerassel von Rädern. Beide wußten nur zu gut, was es zu bedeuten hatte. Eins. Zwei. Drei. Drei Karren fuhren mit ihrer unglücklichen Ladung über den tondämpfenden Schnee.

»Ich muß Lorry sprechen«, wiederholte der Doktor, indem er sie in eine andere Richtung führte.

Der standhafte alte Ehrenmann hielt noch immer aus auf seinem Posten. Er und seine Bücher wurden häufig in Anspruch genommen, wenn es sich um beschlagnahmtes und der Nation zugefallenes Eigentum handelte. Was er für die Eigentümer retten konnte, das rettete er. In der ganzen Welt hätte sich kein besserer Mann finden lassen, um in aller Stille und Verschwiegenheit festzuhalten, was Tellsons zur Verwahrung übergeben war.

Ein trüber rotgelber Himmel und der von der Seine aufsteigende Nebel verkündeten den Einbruch der Dunkelheit. Es war schon finster, als sie die Bank erreichten. Der stattliche Palast von Monseigneur war verheert und verlassen. Über einem Haufen von Staub und Asche im Hofe las man die Inschrift: Nationaleigentum. Eine und unteilbare Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod.

Wer mochte dies wohl sein bei Mr. Lorry, der Eigentümer des Reitkleids auf dem Sessel, der nicht gesehen werden wollte? Von welchem neuen Ankömmling kam der Doktor voll Aufregung und Überraschung heraus, um seinen Liebling zu umarmen? Wem wiederholte er augenscheinlich ihre stotternden Worte, als er mit lauter Stimme und das Gesicht der Tür zugewendet, aus der er gekommen, sagte: »Nach der Conciergerie gebracht und auf morgen vorgeladen«?

*

 

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