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Eine Geschichte von zwei Städten

Charles Dickens: Eine Geschichte von zwei Städten - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleEine Geschichte von zwei Städten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorManfred Hahn
senderwww.gaga.net
created20060829
projectidadd1f50d
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Drittes Kapitel. Der Schatten

Eine der ersten Rücksichten, die bei dem Beginn der Geschäftsstunden in Mr. Lorrys Geschäftshirn auftauchten, galt dem Umstand, daß er nicht befugt sei, Tellsons zu gefährden, indem er der Frau eines gefangenen Emigranten unter dem Dach der Bank einen Zufluchtsort gestattete. Sein Privateigentum, seine Sicherheit, ja, sein Leben würde er bereitwillig und ohne Zögern für Lucie und ihr Kind aufs Spiel gesetzt haben; aber das in ihn gesetzte Vertrauen legte ihm auch eine schwere Verantwortung auf, der gegenüber er der strenge Geschäftsmann war.

Er dachte zunächst an Defarge, dessen Weinhaus er wieder aufsuchen wollte, um sich mit ihm über die sicherste Wohnstätte, die sich in der wildbewegten Stadt finden ließ, zu beraten. Nach einigem Erwägen aber besann er sich eines anderen. Defarge wohnte in dem gewalttätigsten Stadtteil und besaß in demselben ohne Zweifel großen Einfluß, ja, war wohl gar an dem wilden Treiben der Bewohner tief beteiligt.

Der Mittag kam, ohne daß der Doktor zurückkehrte. Da jede Minute Tellsons mehr bloßstellte, so ging Mr. Lorry mit Lucie zu Rate. Sie sagte, ihr Vater habe davon gesprochen, für kurze Zeit in der Nähe des Bankhauses eine Wohnung zu mieten. Da sich hiergegen nichts einwenden ließ und der wackere Alte voraussah, daß Charles, wenn alles gut mit ihm ging und er in Freiheit gelangte, doch nicht hoffen durfte, aus der Stadt fortzukommen, so machte er sich auf den Weg, um ein geeignetes Quartier zu suchen, das er dann auch richtig hoch oben in einer abgelegenen Nebenstraße fand, wo die geschlossenen Jalousien eines melancholischen Gebäude-Vierecks lauter verlassene Wohnungen anzeigten.

Dahin schaffte er nun ohne Säumen Lucie mit ihrem Kind und Miß Proß, indem er ihnen mehr Trost mit auf den Weg gab, als er selbst empfand. Er ließ Jerry bei ihnen, der, wenn er sich unter die Tür stellte, schon einen Stoß aushalten konnte, und kehrte an seine Arbeit zurück. Freilich brachte er eine verstörte, traurige Stimmung mit, und es wollte mit der Arbeit gar nicht recht vorwärtsgehen.

So lag es denn schwer und drückend auf seiner Seele, bis er endlich die Bank schließen konnte. Er war wieder wie am Abend zuvor allein in seinem Zimmer und machte sich eben Gedanken, was er jetzt anfangen sollte, als er auf der Treppe Tritte vernahm. Einige Augenblicke später stand ein Mann vor ihm, der ihn scharf ins Auge faßte und bei seinem Namen anredete.

»Euer Diener«, versetzte Mr. Lorry. »Kennt Ihr mich?«

Es war ein kräftig gebauter Mensch mit dunklem krausem Haar, der seine fünfundvierzig bis fünfzig zählen mochte. Statt aller Antwort wiederholte er nur ohne einen Wechsel in der Betonung die Worte:

»Kennt Ihr mich?«

»Ich muß Euch schon irgendwo gesehen haben.«

»Vielleicht in meinem Weinhaus?«

Mr. Lorry entgegnete mit großer Aufregung und Teilnahme:

»Ihr kommt von Doktor Manette?«

»Ja. Ich komme von Doktor Manette.«

»Und was sagt er? Was läßt er mich durch Euch wissen?«

Defarge legte in seine zitternde Hand einen offenen Papierstreifen, auf dem in des Doktors Handschrift die Worte zu lesen waren:

»Charles ist wohlbehalten, obwohl es im gegenwärtigen Augenblick für mich nicht geraten ist, diesen Ort zu verlassen. Ich habe die Gunst ausgewirkt, daß der Überbringer dieses auch ein paar Zeilen von Charles an seine Frau besorgen darf. Laßt ihn zu ihr.«

Das Billett war der Bezeichnung nach eine Stunde vorher in der Force geschrieben worden.

»Wollt Ihr mich in die Wohnung seiner Frau begleiten?« sagte Mr. Lorry mit froher Erleichterung, nachdem er die Zuschrift laut gelesen hatte.

»Ja«, antwortete Defarge.

Mr. Lorry hatte die seltsam zurückhaltende und mechanische Art, in der Defarge sprach, bis jetzt kaum beachtet. Er setzte seinen Hut auf, und sie gingen miteinander in den Hof hinunter. Dort fanden sie zwei Frauen, von denen die eine strickte.

»Wahrhaftig, Madame Defarge!« sagte Mr. Lorry, der sie vor siebenzehn Jahren genau in derselben Haltung zum letztenmal gesehen hatte.

»Sie ist es«, bemerkte ihr Gatte.

»Geht Madame mit uns?« fragte Mr. Lorry, als er sah, daß sie mit ihnen gleichen Schritt hielt.

»Ja. Sie muß imstande sein, Personen und Gesichter zu erkennen. Es geschieht um ihrer Sicherheit willen.«

Nachgerade begann das Benehmen Defarges Mr. Lorry aufzufallen; er sah ihn zweifelhaft an und ging weiter. Die beiden Frauen folgten; die zweite war die Rache.

Sie gingen mit möglichster Geschwindigkeit durch die dazwischenliegenden Straßen, stiegen die Treppe der neuen Wohnung hinan und wurden von Jerry eingelassen. Lucie war allein und weinte. Man denke sich ihr Entzücken, als Mr. Lorry ihr Nachricht von ihrem Mann brachte. Sie drückte krampfhaft die Hand, die ihr sein Billett überlieferte, ohne eine Ahnung von dem zu haben, was dieselbe Hand während der letzten Nacht in seiner Nähe getan hatte und, ohne einen Zufall, wohl an ihm selbst verübt haben würde.

»Meine Teure – fasse Mut. Ich bin wohl, und Dein Vater besitzt Einfluß auf meine Umgebung. Du kannst mir nicht antworten auf diese Zeilen. Küsse unser Kind in meinem Namen.«

Dies war die ganze Mitteilung. Der Empfängerin aber erschien sie von so hohem Wert, daß sie sich von Defarge an dessen Weib wandte und eine der strickenden Hände küßte. Es war eine leidenschaftliche, liebevolle, dankbare weibliche Handlung; aber die Hand hatte keine Erwiderung dafür – sie sank kalt und schwer nieder und nahm ihr Stricken wieder auf.

In der Berührung lag etwas, was Lucie erschreckte. Wie sie eben das Blatt in ihrem Busen verbergen wollte, hielt sie, die Hände bereits an ihrem Hals, plötzlich inne und schaute angstvoll auf Madame Defarge. Diese setzte der gefurchten Stirn einen kalten, teilnahmlosen Starrblick entgegen.

»Meine Liebe«, sagte Mr. Lorry, zur Erklärung das Wort nehmend, »es gibt häufig Aufstände in den Straßen, und obgleich es nicht wahrscheinlich ist, daß Ihr dadurch beunruhigt werden könntet, so wünscht doch Madame Defarge diejenigen zu sehen, die sie in solchen Zeiten zu beschützen die Macht hat, damit sie dieselben kenne und ihre Identität zu beweisen imstande sei. Ich glaube«, sagte Mr. Lorry, in seinen beruhigenden Worten innehaltend, da ihm das eisige Benehmen der drei mehr und mehr auffiel, »daß dies der Zweck des Besuches ist, Bürger Defarge?«

Defarge warf einen düsteren Blick auf sein Weib und antwortete nur mit einem dumpfen Ton, den man für eine Bejahung nehmen konnte.

»Es wird gut sein, Lucie«, fuhr Mr. Lorry fort, indem er in Ton und Benehmen alles aufbot, um die Szene traulicher zu machen, »wenn Ihr das liebe Kind und die gute Proß herkommen laßt. Unsere gute Proß ist eine Engländerin, Defarge, und versteht nicht französisch.«

Die fragliche Dame, die der festen Überzeugung lebte, daß sie es mit jeder Ausländerin aufnehmen könne, ließ sich weder durch Bedrängnis noch durch Gefahr einschüchtern: sie trat mit verschlungenen Armen ein und bemerkte gegen die Rache, die ihren Blicken zuerst begegnete, in englischer Sprache:

»Schockschwerenot, Madame Ohnesorge, ich hoffe, Ihr befindet Euch ordentlich.«

Dann beehrte sie Madame Defarge mit einem britischen Hüsteln; aber keine von den beiden Weibern schenkten ihr eine sonderliche Beachtung.

»Ist dies das Kind?« sagte Madame Defarge, zum erstenmal in ihrer Arbeit innehaltend und mit der Stricknadel, als sei diese der Finger des Schicksals, auf die kleine Lucie deutend.

»Ja, Madame«, antwortete Mr. Lorry. »Dies ist das Töchterlein und das einzige Kind des armen Gefangenen.«

Der Schatten, der auf Madame Defarge und ihrer Begleitung ruhte, schien so finster und drohend auf das kleine Wesen niederzufallen, daß die Mutter instinktartig neben demselben auf den Boden niederkniete und es an ihre Brust drückte, Und der Schatten von Madame Defarge und den beiden andern traf nun drohend und finster Mutter und Kind zugleich.

»Es ist genug, Mann«, sagte Madame Defarge. »Ich habe sie gesehen. Wir brauchen nicht länger zu verweilen.«

Aber das abgemessene Wesen hatte genug Drohendes in sich – nicht deutlich ausgesprochen, wohl aber unbestimmt und verhalten –, so daß die Unruhe Lucie, die ihre Hand flehend auf das Kleid der Madame Defarge legte, die Worte eingab:

»Ihr werdet gütig sein gegen meinen armen Gatten. Ihr werdet ihm nichts zuleide tun. Wollt Ihr mir, wenn Ihr könnt, behilflich sein, ihn zu sehen?«

»Ich habe hier nichts mit Eurem Gatten zu schaffen«, entgegnete Madame Defarge, mit vollkommener Fassung auf sie niederschauend. »Die Tochter Eures Vaters ist's, die mich hergeführt hat.«

»So seid um meinetwillen barmherzig gegen meinen Mann – um meines Kindes willen! Sie soll ihre Händchen zusammenlegen und Euch um Erbarmen bitten. Wir fürchten uns mehr vor Euch als vor diesen anderen.«

Madame Defarge nahm dies als ein Kompliment auf und sah ihren Mann an. Defarge, der inzwischen unruhig an seinem Daumennagel gebissen hatte, erwiderte ihren Blick und suchte seinem Gesicht einen strengeren Ausdruck zu geben.

»Was schreibt Euch Euer Mann in seinem Billett?« fragte Madame Defarge mit einem lauernden Lächeln. »Einfluß – sagt er etwas von Einfluß?«

»Ja, daß mein Vater Einfluß besitze auf seine Umgebung«, versetzte Lucie, die hastig den Papierstreifen hervorzog, aber den geängstigten Blick nicht auf die Zeilen warf, sondern ihn unverwandt auf der Fragerin haften ließ.

»So wird er ihm zuverlässig loshelfen«, sagte Madame Defarge. »Ich wünsche Glück.«

»Als Gattin und Mutter flehe ich zu Euch«, rief Lucie aus tiefster Seele, »habt Erbarmen mit mir und gebraucht die Gewalt, die Ihr besitzt, nicht gegen, sondern für meinen unschuldigen Mann. Ihr seid auch ein Weib – erbarmt Euch der Gattin und der Mutter!«

Madame Defarge schaute kalt wie immer auf die Flehende nieder und sagte, indem sie sich an ihre Freundin, die Rache, wandte:

»Die Weiber und Mütter, die wir seit der Zeit gesehen haben, als wir noch so klein wie dieses Kind oder noch kleiner waren, sind gemeiniglich nicht sehr berücksichtigt worden. Haben wir nicht oft genug gesehen, wie man ihre Gatten und Väter ins Gefängnis warf und von ihnen getrennt hielt? Sind wir nicht unser Leben lang Zeugen gewesen, daß man Weiber und Kinder der Armut, der Not, dem Hunger, dem Durst, der Krankheit und dem Elend, kurz Bedrückungen und Vernachlässigungen aller Art preisgab?«

»Wir haben nichts anderes gesehen«, versetzte die Rache.

»Wir haben dies lange Zeit getragen«, fuhr Madame Defarge fort, indem sie den Blick wieder zu Lucie senkte. »Urteilt selbst, ob die Not eines Weibes und einer Mutter uns jetzt sonderlich anfechten kann.«

Sie nahm ihre Strickerei wieder auf und entfernte sich. Die Rache folgte. Defarge war der letzte und machte die Tür hinter sich zu.

»Mut, meine teure Lucie«, sagte Mr. Lorry, indem er sie aufrichtete. »Mut, Mut! Bis jetzt ist alles gut gegangen – viel, viel besser, als es in den letzten Tagen so vielen armen Seelen erging. Verzaget nicht, sondern danket vielmehr dem Himmel.«

»Ich hoffe, daß ich nicht undankbar bin: aber dieses schreckliche Weib scheint einen Schatten auf mich und alle meine Hoffnungen zu werfen.«

»Pst! pst!« sagte Mr. Lorry. »Wozu dieser Kleinmut in Eurem wackeren Herzen? Ein Schatten – ja: aber auch nur ein wesenloser Schatten, Lucie.«

Aber der Schatten in dem Benehmen dieser Defarge lagerte trotzdem auch auf ihm schwarz genug, und seine Seele fühlte sich tief bekümmert.

*

 

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