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Eine Geschichte von zwei Städten

Charles Dickens: Eine Geschichte von zwei Städten - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleEine Geschichte von zwei Städten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorManfred Hahn
senderwww.gaga.net
created20060829
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Vierundzwanzigstes Kapitel. Hin nach dem Magnetfelsen.

Unter einem solchen Wogen von Aufruhr- und Brandwellen – die feste Erde schütterte unter dem Anschlagen eines zürnenden Ozeans, der jetzt zum Schrecken und Staunen der Zuschauer am Lande keine Ebbe mehr, sondern nur noch eine immer höher und höher steigende Flut zeigte – waren drei Jahre des Sturmes entschwunden. Drei weitere Geburtstage der kleinen Lucie hatte der goldene Faden in dem friedlichen Gewebe ihres Heimatlebens angemerkt.

Manchen Tag und manche Nacht hatten die Bewohner der stillen Ecke mit zagem Herzen auf die Widerhalle der sich drängenden Füße gelauscht. Denn die Tritte erschienen ihrem Geist wie die von Leuten, die, unter der roten Fahne tumultuierend und das Vaterland in Gefahr erklärend, durch einen lang anhaltenden Zauber in wilde Bestien umgewandelt worden waren.

Monseigneur als Klasse hatte sich der Vorstellung, daß er nicht gehörig gewürdigt werde, entschlagen und einsehen gelernt, man bedürfe in Frankreich seiner so wenig, daß er selbst unter beträchtlicher Gefahr aus dem Lande und dem Leben darin fortzukommen suchte. Man erinnert sich dabei an den Bauern in der Fabel, der sich unsägliche Mühe gab, den Teufel heraufzubeschwören, durch seinen Anblick aber so erschreckt wurde, daß er keine Frage an ihn richten konnte, sondern augenblicklich Reißaus nahm. So hatte Monseigneur dreist viele, viele Jahre das Vaterunser rückwärts gebetet und hundert andere mächtige Zaubermittel angewendet, um den bösen Geist zum Erscheinen zu zwingen, denselben aber kaum erschaut, als er schon voll edlen Entsetzens Fersengeld gab.

Die gleißende Welle des Hofes war fort, da sie sonst die Zielscheibe eines Orkans von nationalen Kugeln geworden wäre. Ihr Stolz, ihre sardanapalische Üppigkeit und ihre Maulwurfsblindheit hatten lange die Gemüter empört; dies geschah jetzt nicht mehr. Der ganze von seinem innersten exklusiven Ring bis zu seinem äußersten Saum in Ränken, Bestechlichkeit und Heuchelei verfaulte Hof war fort und auch die Königswürde dahin; man hatte sie den neuesten Nachrichten zufolge in ihrem Palaste belagert und suspendiert.

Der August des Jahres Tausendsiebenhundertzweiundneunzig war gekommen und inzwischen Monseigneur weit und breit hin zerstreut.

In London galt natürlich Tellsons Bank als Hauptquartier und Hauptsammelplatz für Monseigneur. Man meinte, Geister spuken gern an Plätzen, wo ihre Leiber sich viel umgetrieben, und Monseigneur ohne eine Guinee spukte an dem Ort, wo sonst seine Guineen lagen. Außerdem konnte man hier am frühesten auf zuverlässige Nachrichten aus Frankreich zählen. Ferner: Tellson war ein prächtiges Haus und ungemein liberal gegen heruntergekommene alte Kunden. Dann konnten bedrängte Standesgenossen hier stets über jene Adligen Auskunft erhalten, die beizeiten den Sturm kommen sahen und in der Vorahnung von Raub und Konfiskationen ihre Guthaben an Tellsons Bank adressiert hatten. Dem ist noch beizufügen, daß als eine Sache, die sich fast von selbst verstand, jeder neue Ankömmling aus Frankreich sich und seine Nachrichten bei Tellsons meldete. Aus diesen verschiedenen Gründen war Tellson in Beziehung auf die französischen Angelegenheiten eine Art hohe Börse und dem Volk in dieser Eigenschaft so wohl bekannt, daß man bisweilen, um der zahlreichen Erkundigungen willen, die neuesten Berichte gedrängt niederschrieb und zum Besten aller, die durch Temple Bar kamen, in den Bankfenstern aufsteckte.

An einem dunstigen nebligen Nachmittag saß Mr. Lorry an seinem Pult, und Charles Darnay, der gegen dasselbe anlehnte, plauderte leise mit ihm. Der Pönitentialraum, der vordem den Besprechungen mit dem Hause hatte dienen müssen, war jetzt die Neuigkeitenbörse und zum Überströmen angefüllt, da in einer halben Stunde oder so geschlossen werden sollte.

»Aber obgleich Ihr noch jung seid wie nur einer«, sagte Charles Darnay mit einigem Stocken, »so muß ich Euch doch darauf aufmerksam machen –«

»Ich verstehe. Daß ich zu alt sei?« versetzte Mr. Lorry.

»Schlechtes Wetter, eine weite Reise, unsichere Reisegelegenheiten, ein gesetzloses Land und eine Stadt, die vielleicht nicht einmal Euch ungefährdet läßt.«

»Mein lieber Charles«, sagte Mr. Lorry mit heiterer Zuversichtlichkeit, »Ihr berührt da einige von den Gründen, die für mein Gehen, nicht für mein Bleiben sprechen. Ich reise sicher genug; niemand wird sich um einen alten Burschen in den Achtzigern kümmern, wo es so viele Leute gibt, mit denen es sich eher der Mühe des Anbindens lohnt. Und wenn man es nicht mit einer gesetzlosen Stadt zu tun hätte, so brauchte man nicht jemanden aus unserem hiesigen Hause, der von alters her die Stadt und den Geschäftsgang kennt und in Tellsons Vertrauen steht, nach unserem dortigen zu senden. Was dann die Länge und Unsicherheit der Reise und das rauhe Wetter betrifft, wer soll sich denn solchen Unbequemlichkeiten unterziehen, wenn nicht ich um Tellsons willen es tue, denen ich so viele Jahre gedient habe?«

»Ich wollte, ich könnte selbst auch gehen«, sagte Charles Darnay etwas unruhig und wie in lauten Gedanken.

»Wirklich? Ihr seid mir der Rechte, der da Einwendungen erheben und Rat erteilen kann!« rief Mr. Lorry. »Möchtet selbst hingehen? Und Ihr, ein geborener Franzose? Ihr seid ein weiser Ratgeber.«

»Mein lieber Mr. Lorry, eben weil ich ein geborener Franzose bin, ist mir dieser Gedanke, den ich übrigens hier nicht laut werden zu lassen beabsichtigte, schon oft in den Sinn gekommen. Wenn man fühlt für dieses unglückliche Volk und ihm etwas gelassen hat (er sprach wieder in der früheren gedankenvollen Weise), so kann man sich der Vorstellung nicht erwehren, daß man vielleicht Gehör finden und so viel Macht gewinnen dürfte, es zu überreden, daß es sich mehr mäßige. Erst gestern abend, nachdem Ihr uns verlassen hattet, sprach ich mit Lucie –«

»So, Ihr spracht mit ihr?« wiederholte Mr. Lorry. »Ja. Ich wundere mich, daß Ihr Euch nicht schämt, Lucies Namen zu nennen! Möchte in einer solchen Zeit nach Frankreich gehen!«

»Aber ich gehe ja nicht«, sagte Charles Darnay lächelnd. »Es ist sachgemäßer, daß Ihr sagt, Ihr wollet es tun.«

»Allerdings. Die Sache verhält sich nämlich so, mein lieber Charles« – Mr. Lorry blickte nach dem fernen Hause hin und dämpfte seine Stimme: »Ihr habt gar keine Vorstellung, wie schwer uns gegenwärtig das Geschäft gemacht wird, und wie sehr dort drüben unsere Bücher und Papiere gefährdet sind. Der Himmel weiß, welche unglückseligen Folgen für viele daraus erwüchsen, wenn einige von unseren Dokumenten weggenommen oder zerstört würden; und Ihr begreift wohl, daß dies jeden Tag geschehen kann; denn wer vermag zu sagen, ob nicht Paris heute in Brand gesteckt oder morgen geplündert wird? Es muß daher so schnell wie möglich eine sorgfältige Auswahl getroffen werden, und niemand wird dies so hurtig besorgen und die Papiere vergraben oder sonst in Sicherheit bringen können als ich. Soll ich Bedenklichkeiten erheben, wenn Tellson dies weiß und es mir sagt – Tellson, dessen Brot ich seit sechzig Jahren gegessen habe –, weil meine Gelenke ein bißchen steif geworden sind? Ha, gegen ein halbes Dutzend von den alten Burschen hier bin ich noch ein Knabe, Sir.«

»Wie bewundere ich die Rüstigkeit Eures jugendlichen Geistes, Mr. Lorry.«

»Pst, Unsinn, Sir! Und, mein lieber Charles«, sagte Mr. Lorry, wieder nach dem Hause hinsehend, »Ihr müßt bedenken, daß es an die Unmöglichkeit grenzt, Dinge, welcher Art sie auch sein mögen, jetzt aus Paris fortzubringen. Im strengsten Vertrauen (denn es ist nicht geschäftsmäßig, es sogar Euch zuzuraunen) will ich Euch mitteilen, daß täglich Papiere und Geld durch die seltsamsten Vermittler, die Ihr Euch nur denken könnt, zu uns hergebracht werden, durch Leute, deren Leben beim Überschreiten der Barrieren an einem Faden hing. Zu anderen Zeiten gingen unsere Pakete so ungehindert ab und zu wie in dem geschäftsmäßigen alten England; aber jetzt wird alles angehalten.«

»Und Ihr wollt wirklich heute abend aufbrechen?«

»Ja, heute abend. Die Sache ist zu dringlich geworden, als daß eine längere Zögerung zulässig wäre.«

»Ihr nehmt niemand mit Euch?«

»Man hat mir alle Arten von Leuten vorgeschlagen: aber ich möchte keinen davon darum angehen, sondern gedenke nur den Jerry mitzunehmen. Er ist schon geraume Zeit an Sonntagabenden meine Leibwache gewesen, und ich bin an ihn gewöhnt. Niemand wird in Jerry etwas anderes vermuten als einen englischen Bullenbeißer, der für nichts einen Sinn hat als für die Waden anderer Leute, wenn sie seinem Herrn etwas anhaben wollten.«

»Ich muß wiederholen, daß mich Eure Rüstigkeit und Euer Jugendmut in Erstaunen setzen.«

»Und ich sage wieder: Unsinn, Unsinn! Wenn ich diesen kleinen Auftrag erfüllt habe, nehme ich vielleicht Tellsons Vorschlag an, mich in den Ruhestand zu begeben und meiner Muße zu leben. Dann ist's Zeit genug, ans Altwerden zu denken.«

Dieses Zwiegespräch hatte an Mr. Lorrys gewöhnlichem Pulte stattgefunden, während Monseigneur sich einen oder zwei Schritte davon umhertrieb und großsprecherisch erklärte, wie er in Bälde an dem schurkischen Volk Rache nehmen wolle. Es lag zu sehr in der Art von Monseigneur in seiner Verbannung und Not, auch zu sehr in der Art der eingeborenen britischen Orthodoxie, jene schreckliche Revolution im Lichte der einzigen Ernte unter dem Himmel zu beurteilen, der keine entsprechende Saat vorausging – als ob nie durch Tat oder Unterlassung dafür vorgearbeitet worden sei und die Beobachter der unglücklichen Millionen in Frankreich, die wußten, wie kläglich die Hilfsquellen, die letzteren zustatten kommen sollten, mißbraucht und vergeudet worden waren, nicht schon seit Jahren vorausgesehen und in dürren Worten prophezeit hätten, was notwendig kommen mußte. Solches windige Wesen in Verbindung mit den überspannten Anschlägen Monseigneurs, den Zustand von Dingen wiederherzustellen, die sich völlig überlebt hatten, konnte ein Mann von gesundem Urteil, der von dem wahren Sachverhalte unterrichtet war, kaum mit anhören und dazu schweigen. Auch schwirrten diese Prahlereien Charles Darnay so verwirrend um die Ohren und trieben ihm das Blut dermaßen zu Kopfe, daß die geheime Unruhe seines Innern noch erhöht und nachhaltiger gemacht wurde. Unter den Schwätzern befand sich auch Stryver von dem Kingsbench, der auf dem Wege der Beförderung zum Staatsdienst schon weit vorangeschritten war. Er ließ sich besonders laut über den Gegenstand vernehmen, indem er Monseigneur anspornte in seinen Plänen, das Volk in die Luft zu sprengen, vom Angesicht der Erde zu vertilgen und sich ohne dieses Pack zu behelfen, und erteilte dabei Ratschläge, ziemlich demjenigen ähnlich, der zu Ausrottung der Sperlinge empfiehlt, ihnen Salz auf die Schwänze zu streuen. Seine Ergießungen erschienen Darnay besonders widerlich; und der junge Mann war unschlüssig mit sich, ob er, um nicht weiter zu hören, fortgehen oder bleiben und ein Wörtchen darein reden sollte, als ein Umstand eintrat, der bei seiner Wahl den Ausschlag gab.

Das Haus näherte sich Mr. Lorry und schob ihm einen beschmutzten, unerbrochenen Brief zu mit der Frage, ob er von der Person, die in der Adresse bezeichnet war, noch keine Spuren aufgefunden habe. Dies geschah in einer Weise, daß Darnay die Überschrift lesen konnte, und seine Aufmerksamkeit wurde um so lebhafter gefesselt, als die Adresse auf seinen eigenen wahren Namen lautete. Sie war englisch geschrieben und als »sehr dringlich« bezeichnet, »An den weiland Marquis St. Evrémonde aus Frankreich, zur Besorgung empfohlen den Herren Tellson und Kompanie, Bankiers in London, England.«

Am Hochzeitmorgen hatte Doktor Manette an Charles Darnay das einzige dringende und ausdrückliche Ersuchen gestellt, daß das Geheimnis seines wahren Namens streng bewahrt bleiben solle, wenn nicht er, der Doktor, seinen Schwiegersohn dieser Verpflichtung enthebe. Niemand wußte daher, wie er eigentlich hieß; seine eigene Gattin hatte keine Ahnung davon, und noch viel weniger konnte Mr. Lorry es wissen.

»Nein«, erwiderte Mr. Lorry auf die Frage des Hauses: »ich habe, glaub' ich, bei allen, die hier sind, Umfrage gehalten; aber niemand konnte mir sagen, wo dieser Gentleman zu finden ist.«

Da der Minutenzeiger der Uhr sich dem Augenblick des Bankschlusses näherte, so strömten jetzt allgemein die Leute ab und zu ein, und die Schwatzenden fegten an dem Pulte des Mr. Lorry vorbei. Letzerer hielt den Brief fragend in die Höhe, und Monseigneur in der Person dieses oder jenes ränkeschmiedenden entrüsteten Flüchtlings betrachtete sich ihn, hatte aber dies, jenes und weiß Gott was sonst noch, kurz, in französischer oder englischer Sprache stets etwas Herabwürdigendes über den Marquis zu bemerken, der nicht aufzufinden war.

»Neffe, glaube ich, aber jedenfalls ein sehr entarteter Nachfolger des feinen Marquis, der ermordet wurde«, sagte der eine. »Gottlob, ich hab' ihn nie gekannt.«

»Ein Hundsfott, der vor Jahren von seinem Posten wich«, erklärte ein anderer, der in einen Heubündel gepackt, mit den Füßen nach oben und halb erstickt, aus Paris entkommen war.

»Von den neuen Lehren angesteckt«, bemerkte ein dritter, die Adresse lorgnettierend; »machte Opposition gegen den verstorbenen Marquis, verließ sein Familienerbe und gab es dem spitzbübischen Haufen preis. Man wird's ihm jetzt hoffentlich lohnen, wie er's verdient.«

»Wie?« blökte Stryver. »Hat er wirklich dies getan und ist er ein Kerl von solchem Schlag? Wie heißt der ehrlose Bursche? Zum Henker mit dem Menschen!«

Darnay, der sich nicht länger halten konnte, berührte Mr. Stryver an der Schulter und sagte:

»Ich kenne den Menschen.«

»Wirklich? Ha, beim Jupiter, das tut mir leid«, versetzte Stryver.

»Warum?«

»Warum, Mr. Darnay? Hört Ihr nicht, was er getan hat? Wer wird auch so fragen in solchen Zeiten!«

»Dennoch frage ich.«

»Dann will ich Euch wiederholt sagen, Mr. Darnay, daß es mir leid tut. Ich bedaure, aus Eurem Munde solche außerordentliche Fragen vernehmen zu müssen. Wir haben da einen Kerl, der, angesteckt von dem pestilenzialischsten und gotteslästerlichsten Gesetz, das je der Teufel ersann, sein Familiengut dem schändlichsten Abschaum der Erde preisgab, der je im großen mordete, und Ihr fragt mich, warum ich bedaure, daß ein Mann ihn kennt, der die Jugend unterrichtet? Gut! Ihr sollt meine Antwort haben. Es tut mir leid, weil ich glaube, daß der Umgang mit einem solchen Wicht ansteckend ist. Da habt Ihr das Warum.«

Eingedenk des Geheimnisses hielt Darnay mit Mühe an sich und erwiderte:

»Möglich, daß Ihr den Gentleman nicht versteht.«

»Jedenfalls verstehe ich Euch in die Enge zu treiben, Mr. Darnay«, sagte Stryver trotzig, »und das soll geschehen. Wie dieser Kerl ein Gentleman sein soll, begreife, wer da will. Ihr könnt ihm dies mit meinem Respekt vermelden und ihm zugleich von mir aus sagen, es wundere mich nur, daß er nicht an der Spitze des mordbrennerischen Pöbels steht, nachdem er ihm seine zeitlichen Güter und seine Stellung überlassen hat. Doch nein, meine Herren«, fügte Stryver bei, indem er in die Runde umherschaute und mit den Fingern schnippte, »ich verstehe mich auf die Menschennatur und sage euch, ihr werdet nie bei einem Kerl von seinem Schlag finden, daß er sich der Gnade solcher kostbaren Schützlinge anvertraut. Nein, meine Herren, ihr dürft darauf zählen, daß er ihnen gleich im Anfang des Kampfes ein sauberes Paar Fersen zeigte und sich dann davonschlich.«

Mit diesen Worten und einem schließlichen Fingerschnalzen schulterte sich Mr. Stryver unter dem allgemeinen Beifall seiner Zuhörer in die Fleetstraße hinaus. Nach dem allgemeinen Aufbruch der Bank blieben bloß noch Mr. Lorry und Charles Darnay an dem Pult zurück.

»Wollt Ihr den Brief besorgen?« sagte Mr. Lorry. »Ihr werdet wissen, wo man ihn abliefern muß.«

»Ja.«

»Wollt Ihr den Adressaten auch wissen lassen, daß wir vermuten, er sei in der Voraussetzung hierher gesandt worden, daß wir vielleicht die Besorgung vermitteln können, und habe schon einige Zeit hier gelegen?«

»Soll geschehen. Tretet Ihr von hier aus die Reise nach Paris an?«

»Von hier aus, um acht Uhr.«

»Ich komme wieder her, um Euch Adieu zu sagen.«

Sehr unruhig in seinem Innern und aufgebracht gegen Stryver und so viele andere, zog sich Darnay in die Stille des Temple zurück, erbrach den Brief und las. Der Inhalt lautete, wie folgt:

Abteigefängnis, Paris, den 21. Juni 1792.

»Weiland Herr Marquis!

Nachdem ich lange Zeit unter der Bevölkerung des Dorfes in Lebensgefahr geschwebt habe, bin ich gewaltsam und in höchst unwürdiger Weise zu Fuß den weiten Weg nach Paris transportiert worden. Auf dem Marsche hatte ich viel zu leiden. Aber dies ist nicht alles. Mein Haus wurde zerstört und von dem Erdboden vertilgt.

Das Verbrechen, um dessetwillen ich im Gefängnis sitze, vor Gericht gestellt werden soll und ohne Eure großmütige Hilfe, weiland Herr Marquis, der Todesstrafe entgegensehe, wird als Verrat an der Majestät des Volkes bezeichnet, gegen die ich mich durch mein Handeln für einen Emigranten versündigt haben soll. Vergeblich verteidigte ich mich damit, daß ich Euren Befehlen gemäß für das Volk und nicht gegen dasselbe handelte. Vergeblich stellte ich vor, daß ich schon vor Sequestration des Emigranteneigentums die rückständigen Abgaben erlassen, keine Grundrente erhoben und nach keiner Seite hin einen Prozeß angefangen habe. Die stetige Erwiderung lautet, ich habe für einen Emigranten gehandelt, und man wollte wissen, wo dieser Emigrant sei.

Ach, gnädigster weiland Herr Marquis, wo ist dieser Emigrant? Ich rufe in meinem Schlafe nach ihm und flehe zum Himmel, daß er komme und mich befreie. Keine Antwort. Ach, weiland Herr Marquis, ich sende meinen trostlosen Schrei über das Meer in der Hoffnung, er könnte durch die große, auch in Paris bekannte Bank von Tellson Euch zu Ohren kommen.

Um Gottes, um der Gerechtigkeit, um der Ehre Eures edlen Namens willen flehe ich Euch an, großmütigster weiland Herr Marquis, mir beizuspringen und mich zu erlösen. Mein Verbrechen ist, daß ich Euch treu war. Oh, weiland Herr Marquis, handelt Ihr nun auch treu an mir.

Von meinem schrecklichen Gefängnis aus, das mich in jeder Stunde mehr und mehr aufreibt, versichere ich Euch, weiland Herr Marquis, meiner schmerzvollen, unglücklichen Dienstbeflissenheit

Dero tiefbetrübter

Gabelle

Die geheime Unruhe in Darnays Innern wurde durch diesen Brief recht kräftig wachgerüttelt. Die Gefahr eines alten Dieners und wackeren Mannes, dessen einziges Verbrechen die Treue gegen ihn und seine Familie war, wurde ihm zu einer so vorwurfsvollen Mahnung, daß er, während er in Betrachtungen über die tunlichen Schritte in dem Temple auf und ab ging, vor den Vorüberwandelnden fast sein Gesicht verhüllte.

Er wußte sehr wohl, daß er in seinem Abscheu vor der Tat, durch die den Verbrechen und dem schlechten Ruf der alten Familie die Krone aufgesetzt wurde, unter dem hämischen Argwohn seines Onkels und in dem Widerwillen, den sein Gewissen gegen das morsche Gebäude hegte, dem er zur Stütze hätte dienen sollen, nur mit Halbheit gehandelt hatte. Durch seine Liebe für Lucie war der Verzicht auf seine gesellschaftliche Stellung, obschon er sich oft schon mit ähnlichen Gedanken getragen hatte, mit einer übereilten Hast und nur unvollständig geschehen. Die Sache hätte wohl geprüft und systematisch ausgeführt werden sollen; und obschon dies eigentlich in seiner Absicht gelegen, so war er doch nie dazu gekommen.

Das Glück seiner neugewählten englischen Heimat, die Notwendigkeit eines eifrigen Geschäftsbetriebs, der Umschwung und die Wirren der Zeit, die so rasch aufeinander folgten, daß die Ereignisse der nächsten Woche die unreifen Pläne der letzten wieder vernichteten und einen ganz neuen Zustand ins Leben riefen – dies waren die Momente, deren Gewalt er gewichen war, allerdings nicht ohne Unruhe, aber doch ohne einen nachhaltigen und kräftigen Widerstand. Daß die Zeitläufte, während er zusah, um einen passenden Augenblick zum Handeln zu finden, wieder und wieder umschlugen, bis dieser Augenblick vorüber war, der Adel auf allen Land- und Nebenstraßen scharenweise Frankreich verließ, seine Güter der Beschlagnahme und Zerstörung anheimfielen und seine Namen aus der Liste des Volkes gestrichen wurden, war ihm so gut bekannt wie der nächsten besten Behörde in Frankreich, die ihn vielleicht für sein Säumen verantwortlich machte.

Doch er hatte sich nie als Bedrücker erwiesen, nie einen Menschen seiner Freiheit beraubt und, statt die ihm gebührenden Zahlungen mit Härte einzutreiben, lieber freiwillig sein Eigentum verlassen, sich der Ungunst der Welt anheimgegeben und darin ein Plätzchen errungen, das ihm das tägliche Brot abwarf. Monsieur Gabelle, der laut schriftlicher Vollmacht die verarmten und mit Schulden belasteten Güter verwaltete, war der gemessene Befehl hinterlassen worden, die Leute zu schonen und ihnen das bißchen zu geben, was noch übrigblieb – das Holz, das den harten Gläubigern für den Winter, die Felderzeugnisse, die denselben gierigen Klauen während des Sommers abzuringen waren; und ohne Zweifel hatte er, um der eigenen Sicherheit willen, diesen Umstand gehörig ins Licht gestellt, so daß er jetzt kein Geheimnis mehr sein konnte.

Dies ermutigte Charles Darnay in seinem verzweifelten Gedanken, selbst nach Paris zu gehen.

Ja. Die Winde und Strömungen hatten ihn wie den Matrosen des alten Märchens in den Bereich des Magnetfelsens gebracht, der ihn anzog, und er mußte folgen. Alles, was in seinem Innern auftauchte, trieb ihn schneller und schneller, stetiger und stetiger nach dem schrecklichen Ziel hin. Seine geheime Unruhe hatte dem Umstand gegolten, daß in seinem unglücklichen Vaterland durch schlechte Werkzeuge schlechten Zwecken nachgestrebt werde, und er machte sich Vorwürfe, daß er, der besser war als sie, sich nicht dort befand und seine Kräfte aufbot, um dem Blutvergießen Einhalt zu tun und der Gnade und Menschlichkeit das Wort zu reden. In dieser Unruhe wurde er auf eine beschämende Weise bestärkt durch die Vergleichung seines Benehmens mit dem des wackeren alten Lorry, dem sein Pflichtgefühl keine Ruhe ließ; und unmittelbar darauf folgten die Hohnreden von Monseigneur, deren Stachel tief in seine Seele drang, und die rohen Bemerkungen Stryvers, der sich aus alten Gründen zu einer geringschätzigen Behandlung für berechtigt hielt; dann noch Gabelles Brief – der Appell eines unschuldigen, mit dem Tode bedrohten Gefangenen an seine Gerechtigkeit, seine Ehre und seinen guten Namen.

Sein Entschluß war gefaßt. Er mußte nach Paris.

Ja. Der Magnetfelsen machte seinen Einfluß geltend; er mußte auf ihn zusegeln, bis er auf dem Strand saß. Allerdings dachte er nicht an eine Klippe und kaum an eine Gefahr. Die Absicht seines früheren Handelns, obschon es nur ein halbes gewesen, erschien ihm in einem Licht, daß sie von Frankreich dankbar anerkannt werden mußte, wenn er dort erschien und sie auseinandersetzte. Dann tauchten Gesichte von wohltätigem Wirken, die Fata Morgana so vieler sanguinischer edler Gemüter, vor ihm auf, und er sah in sich schon den Mann, der Einfluß gewann, um die tobende Revolution zu leiten, die einen so fürchterlich schnellen Gang nahm.

Während er unter solchen Gedanken auf und ab ging, erschien es auch als zweckmäßig, daß weder Lucie noch ihr Vater von seinem Entschluß etwas erfahre, bis er fort war. Lucien wurde dadurch der Schmerz der Trennung erspart, und ihr Vater, der nie an den gefährlichen früheren Boden zurückdenken mochte, erfuhr dann von dem Schritt als von etwas Geschehenem und war somit des Schwebens zwischen Ungewißheit und Zweifel enthoben. Wieviel von der Halbheit seiner Lage eben auf Rechnung des alten Doktors kam, weil er in dessen Geiste keine schmerzlichen Erinnerungen an Frankreich wachrufen wollte, mochte er nicht weiter in Betracht ziehen, obschon auch dieser Umstand Einfluß auf sein Verhalten geübt hatte.

So ging er gedankenvoll hin und her, bis es Zeit war, zu Tellsons zurückzukehren und sich von Mr. Lorry zu verabschieden. Sobald er in Paris anlangte, wollte er diesen alten Freund wieder aufsuchen, vorläufig aber auch gegen ihn von seinem Vorhaben schweigen.

Vor der Tür des Bankhauses stand ein Wagen mit Postpferden bereit und Jerry gestiefelt und in Reisekleidung daneben.

»Ich habe jenen Brief abgeliefert«, sagte Charles Darnay zu Mr. Lorry. »Ich wollte nicht darauf eingehen, daß Euch eine schriftliche Antwort mitgegeben werde; aber vielleicht richtet Ihr eine mündliche aus?«

»Recht gerne, wenn es nicht gefährlich ist«, antwortete Mr. Lorry.

»Durchaus nicht, obschon sie einem Gefangenen in dem Abteigefängnis gilt.«

»Wie heißt er?« fragte Mr. Lorry, das Taschenbuch öffnend, das er in der Hand hielt.

»Gabelle.«

»Gabelle. Und was soll ich diesem unglücklichen Gabelle im Gefängnis sagen?«

»Einfach, er habe den Brief erhalten und werde kommen.«

»Keine Zeit genannt?«

»Er will morgen abend die Reise antreten.«

»Kein Name?«

»Nein.«

Er half Mr. Lorry sich in einige Röcke und Mäntel hüllen und trat mit ihm aus der warmen Atmosphäre der alten Bank in die neblige Luft der Fleetstraße hinaus, »Meine Grüße an Lucie und die kleine Lucie«, sagte Mr. Lorry beim Abschiede, »und nehmt mir sie fein in acht, bis ich wieder zurückkomme.« Charles Darnay schüttelte zweifelnd den Kopf und lächelte, als der Wagen dahinrollte.

Selbige Nacht – es war die des vierzehnten August – saß er noch spät an seinem Pult und schrieb zwei glühende Briefe. In dem einen setzte er Lucien auseinander, welche heilige Pflicht ihn nach Paris rufe, und welche guten Gründe er habe, bei dem Unternehmen keine Gefährdung seiner Person zu fürchten. Dem Doktor dagegen empfahl er Weib und Kind zu liebevoller Fürsorge, indem er ihm zugleich in Bezug auf sich dieselben tröstlichen Versicherungen gab, man werde sich aus den Briefen, die er unmittelbar nach seiner Ankunft in Paris schreiben wolle, von der Richtigkeit seiner Voraussetzungen überzeugen.

Es war ein schwerer Tag für ihn, der erste Tag, an dem er unter ihnen weilte mit einem Geheimnis auf seiner Seele, und es wurde ihm schwer, den ahnungslosen Wesen gegenüber die wohlmeinende Täuschung durchzuführen. Doch ein liebevoller Blick auf seine Gattin, die so glücklich und emsig war, kräftigte seinen Entschluß, ihr zu verschweigen, was ihr bevorstand. Er war in allen seinen Handlungen so sehr an ihre ruhige Beihilfe gewöhnt, daß er es kaum verwinden konnte, derselben jetzt entbehren zu sollen. So entschwand der Tag rasch. Früh am Abend umarmte er sie und sein ihm nicht minder teures Töchterlein, schützte eine Bestellung vor, von der er bald wieder zurückkommen werde, nahm heimlich seinen mit Kleidern gefüllten Reisesack unter den Mantel und trat in den schweren Straßennebel mit noch schwererem Herzen hinaus.

Die unsichtbare Gewalt hatte ihn schon in ihrem Bereich, und Flut und Winde wirkten zusammen, um ihn rasch und schnurstracks nach dem Ausgangspunkt hinzutreiben. Er übergab seine beiden Briefe einem zuverlässigen Portier mit der Weisung, sie eine halbe Stunde vor Mitternacht, nicht früher, abzuliefern, nahm ein Pferd nach Dover und trat seine Reise an. »Um Gottes, um der Gerechtigkeit, um der Ehre Eures edlen Namens willen!« lautete der Ruf des armen Gefangenen. Mit ihm ermunterte er sein ganzes Herz, ließ alles hinter sich, was ihm auf Erden teuer war, und schwamm auf den Magnetfelsen zu.

*

 

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