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Eine Geschichte von zwei Städten

Charles Dickens: Eine Geschichte von zwei Städten - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleEine Geschichte von zwei Städten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorManfred Hahn
senderwww.gaga.net
created20060829
projectidadd1f50d
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Achtes Kapitel. Ein vornehmer Herr auf dem Lande.

Eine schöne Landschaft und das Getreide darauf am Reifen, aber nicht im Überfluß gebaut. Striche mageren Roggens, wo Hafer hätte stehen sollen, Streifen ärmlicher Bohnen und Erbsen oder rauhen Gemüses statt des Weizens. Auch in der seelenlosen Natur wie in den Männern und Weibern, die sie pflegten, die vorherrschende Neigung, nur ungern zu vegetieren, ein kleinmütiger Hang, zu verzagen und hinzuwelken.

Monsieur le Marquis schleppte sich in seinem von vier Postpferden und zwei Postknechten geführten Reisewagen, der wohl hätte leichter sein können, einen steilen Berg hinan. Das Rot auf dem Gesicht von Monsieur le Marquis tat seiner hohen Bildung keinen Abtrag; es kam nicht von innen, sondern wurde durch einen äußerlichen Umstand veranlaßt, über den er keine Gewalt hatte – durch die untergehende Sonne.

Die Strahlen der letzteren trafen den Reisewagen, als dieser die Höhe des Berges erreicht hatte, mit so vollem Glanz, daß sein Insasse in Purpur getaucht zu sein schien. »Es wird bald vorüber sein«, sagte Monsieur le Marquis, seine Hände ansehend.

In der Tat stand die Sonne schon so tief, daß sie im nächsten Augenblick untergehen konnte. Als dem Rad der schwere Hemmschuh angepaßt wurde und der Wagen mit einem Brandgeruch und in einer Wolke von Staub bergab rutschte, schwand die purpurne Glut rasch dahin; die Sonne und der Marquis gingen zusammen hinunter, und beim Abnehmen des Radschuhs war auch kein Hauch von Rot mehr vorhanden.

Dagegen war noch da eine unebene Landschaft, schön und offen, ein kleines Dorf am Fuße des Berges, jenseits wieder eine Anhöhe, ein Kirchturm, eine Windmühle, ein Forst für die Jagd und ein Felsen mit einer Feste darauf, die als Gefängnis diente. Der Marquis überschaute diese im Abendschatten mehr und mehr sich verdüsternden Gegenstände mit der Miene eines Mannes, der sich seinem Heimwesen nähert.

Das Dorf hatte seine einzige ärmliche Straße mit einem ärmlichen Brauhaus, einer ärmlichen Gerberei, einer ärmlichen Schenke, einem ärmlichen Poststall, einem ärmlichen Brunnen, kurz, lauter ärmlichen Zugehörnissen. Aber auch die Bevölkerung war arm, und viele von den Einwohnern saßen vor den Türen und schnitzelten Zwiebel oder etwas Ähnliches zum Nachtessen, während andere an dem Brunnen standen und Blätter, Gras und sonstige kleine Erderzeugnisse wuschen, die sich essen ließen. Auch fehlte es nicht an ausdrucksvollen Zeichen über den Grund ihrer Verarmung, denn feierliche Inschriften, die anzeigten, daß man hier die Staatssteuer, die Kirchensteuer, die grundherrliche Steuer, den Gemeindeschaden und die Akzise einziehe, waren in so reichlicher Anzahl vorhanden, daß man sich nur wundern mußte, wenn das Dörflein überhaupt noch unverschluckt dastand.

Auch einige Kinder ließen sich blicken, aber keine Hunde. Was die Männer und Weiber betraf, so hatten sie in Beziehung auf ihre Erdenverhältnisse eine geringe Wahl – entweder drunten im Dörflein hinter der Mühle ein Leben für Hungersterben, oder droben auf dem Felsen im Gefängnis Haft und Tod.

Durch einen Vorreiter und das Knallen der Peitschen angekündigt, die wie hurtige Schlangen über den Köpfen der Postknechte durch die Abendluft zuckten, fuhr Monsieur le Marquis, wie von Furien begleitet, mit seinem Reisewagen vor dem Tor des Posthofes an. Dieser befand sich in der Nähe des Brunnens, und die Bauernweiber unterbrachen ihre Arbeit, um nach ihm hinzusehen. Auch er schaute zu ihnen hinüber und bemerkte auf allen Gesichtern das Gepräge jener Magerkeit, durch die die Franzosen auf ein Jahrhundert hindurch sprichwörtlich geworden sind.

Monsieur le Marquis warf eben seine Blicke auf die unterwürfigen Gestalten, die sich vor ihm beugten, wie er selbst bei Hof vor Monseigneur sich gebeugt hatte, nur mit dem Unterschied, daß jene bloß zu leiden, aber keine Gnaden auszuteilen hatten – als sich ein grauköpfiger Knecht der Gruppe anschloß.

»Bring' mir jenen Kerl her«, sagte der Marquis zu dem Vorreiter.

Der Kerl wurde, die Mütze in der Hand, hergebracht, und die andern Kerle schlossen sich ihm an, um zu sehen und zu hören, in der Art, wie's die Leute auch an den Pariser Brunnen zu halten pflegten.

»Ich kam auf dem Herweg an dir vorbei?«

»Monseigneur, es ist wahr; ich hatte auf der Straße die Ehre der Begegnung.«

»Beim Bergauffahren und auf der Höhe des Berges?«

»Ja, Monseigneur.«

»Nach was hast du so aufmerksam geschaut?« »Monseigneur, ich schaute nach dem Manne.«

Er beugte sich ein wenig und deutete mit seiner zerlumpten Mütze unter den Wagen. Alle seine Kameraden beugten sich gleichfalls, um unter den Wagen zu sehen.

»Welchen Mann, Schwein? Und warum schautest du nach ihm?«

»Verzeihung, Monseigneur, er hing in der Kette des Radschuhs.«

»Wer?« fragte der Reisende.

»Monseigneur, der Mann.«

»Hole der Teufel alle diese Dummköpfe! Hast du keinen Namen für diesen Mann? Du kennst alle Leute in der ganzen Gegend. Wer war er?«

»Monseigneur halten zu Gnaden, er war nicht aus der Gegend. Ich hab' ihn Tag meines Lebens nicht gesehen.«

»Und er hing in der Kette – erdrosselt?«

»Mit Eurer Gnaden Erlaubnis, das war eben das Wunder, Monseigneur. Sein Kopf hing über – so!«

Er wandte sich seitwärts gegen den Wagen und kehrte sich zurück, das Gesicht himmelwärts gedreht und den Kopf niederhängend; dann richtete er sich wieder auf, fuchtelte mit seiner Mütze und machte eine Verbeugung.

»Wie sah er aus?«

»Monseigneur, er war weißer als ein Müller. Ganz mit Staub bedeckt, weiß wie ein Gespenst und so lang wie ein Gespenst.«

Die Beschreibung machte ungemeines Aufsehen unter dem kleinen Haufen; aber aller Augen schauten auf Monsieur le Marquis. Vielleicht um zu sehen, ob er nicht ein Gespenst auf seinem Gewissen hatte.

»Das hast du wahrhaftig gut gemacht«, sagte der Marquis, der sich glücklicherweise besann, daß ein solcher Wurm ihn nicht aufbringen konnte; »du siehst, wie ein Dieb meinen Wagen begleitet, tust aber dein großes Maul nicht auf. Pah! Schafft ihn beiseite, Monsieur Gabelle.«

Monsieur Gabelle war der Postmeister und nebenbei Einzieher einer der verschiedenen Steuersorten. Er war mit großer Diensteifrigkeit herausgekommen, um an dem Verhör mitzuhelfen, und hatte in amtlicher Weise den zu Verhörenden am Wamsärmel festgehalten.

»Fort jetzt!« sagte Monsieur Gabelle.

»Versichert Euch des Fremden, wenn er im Dorf eine Nachtherberge sucht, und überzeugt Euch, ob sein Gewerbe ein ehrliches ist, Gabelle.«

»Monseigneur, es ist mir ungemein schmeichelhaft, dero Befehle ausführen zu dürfen.«

»Ist er davongelaufen, Kerl? Wo ist der verfluchte Hund?«

Der verfluchte Hund stak bereits mit einem halben Dutzend besonderer Freunde unter dem Wagen und deutete mit seiner blauen Mütze auf die Kette. Ein anderes halbes Dutzend besonderer Freunde holte ihn geschickt wieder hervor und präsentierte ihn atemlos dem Herrn Marquis.

»Ist der Mann davongelaufen, Schafskopf, als man den Radschuh brauchte?«

»Monseigneur, er stürzte sich den Berghang hinunter, den Kopf voran, wie man tut, wenn man sich in den Fluß wirft.«

»Sorgt für die Sache, Gabelle. Vorwärts!«

Das Halbdutzend stak noch gleich Schafen zwischen den Rädern und sah nach der Kette; die Räder aber drehten sich so plötzlich, daß sie von Glück sagen konnten, wenn sie ihre Haut und ihre Knochen retteten. Außerdem hatten sie freilich sehr wenig zu retten, da es ihnen sonst kaum so gut gelungen wäre.

Der rasche Anlauf, den der Wagen vom Dorf aus genommen hatte, wurde bald gehemmt durch die jenseits gelegene steile Anhöhe. Die Bewegung ging allmählich in Schritt über, und der Wagen pendelte und holperte zwischen den vielen süßen Düften der Sommernacht bergan. Die Postknechte, die jetzt statt der Furien von tausend sommerfadigen Schnaken umkreist wurden, flochten ruhig die zerfaserten Endschlingen ihrer Peitschen wieder zusammen; der Kammerdiener ging neben den Pferden her, und den Vorreiter hörte man aus grauer Ferne voraustraben.

An der steilsten Stelle der Anhöhe befand sich ein kleiner Friedhof mit einem Kreuz und einem neuen großen Christusbild daran. Es war eine ärmliche Bildhauerarbeit, ausgeführt von einem ungeübten Dorfschnitzer; aber er hatte sein Werk nach dem Leben ausgeführt – nach seinem eigenen vielleicht – denn die Figur war schrecklich mager und abgezehrt.

Vor diesem traurigen Sinnbild einer Not, die seit lange immer größer wurde und den höchsten Grad noch nicht erreicht hatte, kniete ein Weib. Sie wandte sich um, als der Wagen auf sie zukam, stand rasch auf und trat an den Kutschenschlag.

»Sind Sie es, Monseigneur? Monseigneur, eine Bitte.«

Mit einem Ausruf der Ungeduld, aber unverändertem Gesicht sah Monseigneur hinaus.

»Was ist schon wieder? Was soll's? Immer Bitten!«

»Monseigneur, um des barmherzigen Gottes willen, mein Mann, der Waldhüter.«

»Was ist mit deinem Mann, dem Waldhüter? Immer dasselbe mit euch Leuten. Er kann wohl nicht zahlen?«

»Er hat alles bezahlt, Monseigneur. Er ist tot.«

»Nun, dann hat er Ruhe. Kann ich ihn dir zurückgeben?«

»Leider nein, Monseigneur. Aber er liegt dort unter einem Häuflein armseligen Grases.«

»Was weiter?«

»Monseigneur, der Häuflein armseligen Grases sind so viele.«

»Nun, und dann?«

Sie sah alt aus, obschon sie jung war. Ihr Benehmen verriet den tiefsten Kummer. Sie schlug wiederholt mit wildem Schmerz ihre dürren, dickadrigen Hände zusammen und legte dann eine derselben auf den Kutschenschlag – zart und liebkosend, als sei er eine Menschenbrust, von der sich Gefühl für die flehentliche Berührung erwarten ließ.

»Monseigneur, hört mich! Monseigneur, hört meine Bitte! Mein Mann ist aus Mangel gestorben; so viele sterben aus Not, und noch viele werden vor Mangel zugrunde gehen.«

»Was willst du von mir? Kann ich sie füttern?«

»Monseigneur, das weiß der liebe Gott; aber ich verlange dies nicht. Meine Bitte beschränkt sich nur darauf, daß ein Stückchen Stein oder Holz mit meines Mannes Namen darauf an die Stelle gesetzt werde, wo er liegt. Der Platz wird sonst bald vergessen und nicht mehr aufzufinden sein, wenn ich gestorben bin an derselben Krankheit und ich gleichfalls mein Bett finden soll unter einem Häuflein ärmlichen Grases. Monseigneur, es sind ihrer so viele; sie vermehren sich so schnell; es gibt so viel Not. Monseigneur! Monseigneur!«

Der Kammerdiener schob sie von dem Schlag zurück; der Wagen war in einen raschen Trab übergegangen, und die Postknechte trieben vorwärts, daß sie bald zurückblieb. Monseigneur aber verminderte, wieder von den Furien begleitet, rasch den Abstand von einer oder zwei Wegstunden, der ihn noch von seinem Schlosse trennte.

Die süßen Düfte der Sommernacht verbreiteten sich über alles um ihn her und umhüllten auch unparteiisch wie der fallende Regen die staubige, zerlumpte, von Arbeit erschöpfte Gruppe an dem nicht fern gelegenen Brunnen, der der Knecht unter Beihilfe der blauen Mütze, ohne die er nichts war, eines breiten feinen gespenstischen Mann beschrieb, solange sie zuhören wollte. Da sie jedoch endlich auch dieses satt bekam, so verschwand allmählich einer nach dem andern, und aus den kleinen Fenstern begannen Lichter zu flimmern, die, als die Fenster wieder dunkel wurden und mehr Sterne herauskamen, statt ausgelöscht zu werden, an den Himmel hinaufgeschossen zu sein schienen.

Um diese Zeit breitete sich der Schatten eines großen Hauses mit hohem Dach und vielen breitkronigen Bäumen über den Marquis. Und der Schatten wurde gegen das Licht einer Fackel vertauscht, als sein Wagen haltmachte und das Portal seines Schlosses für ihn geöffnet wurde.

»Ich erwarte Monsieur Charles; ist er aus England angelangt?«

»Noch nicht, Monseigneur.«

*

 

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