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Eine Fahrt nach Pommern und der Insel Rügen

Heinrich Laube: Eine Fahrt nach Pommern und der Insel Rügen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
titleEine Fahrt nach Pommern und der Insel Rügen
authorHeinrich Laube
year1996
publisherEdition Temmen
addressBremen
isbn3-86108-120-2
pages3-163
created19990804
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1837
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5. Nach Rügen

Ein gefälliger Hausgenosse weckte mich mit der Nachricht, es liege ein kleiner Schooner zur Abfahrt nach Rügen bereit, in zehn Minuten gehe er in See. Ich entschloß mich schnell, flog in die Kleider, steckte ein Paar Bücher in die Manteltasche, wie arme Leute ein Stück Brot überall mitnehmen, und sprang an's Bollwerk. Das Dampfschiff ging nicht mehr, eine Privatfahrt auf kleinem raschem Schooner war das einzige Mittel, die gepriesene Insel, Deutschlands Thule , zu sehn, und es wäre mir doch eine Schande für die Abendzeitung gewesen, hätte ich mich an der Ostküste herumgetrieben, und die officielle Insel der Reisenden nicht besucht. Luisa, die dienstbare, stürzte mit zween Buttersemmeln hinter mir drein, denn ich hatte das Frühstück im Stich gelassen, aber wie Ariadne streckte sie erfolglos die Arme nach dem Wasser, wir lavirten bereits aus dem Hafen; wenn Theseus auch gewollt hätte, und er verlangte wirklich nach den Buttersemmeln, das Geschick und Schiffer Ulrich wollten nicht.

Das kleine Fahrzeug war ganz vollgepfropft von Reisenden, kaum fand ich einen bescheidnen Platz, und dachte, zurückgezogen mich in den Mantel hüllen und den Elementen wie dem kleinen Menschenhäuflein ungestört zuschaun zu können. Aber Schriftsteller sind wie Gebrandmarkte oder Lorbeerbekränzte – in diesen Extremen bewegt sich ja auch zumeist ihre Existenz: sie sind nirgends unbekannt. Aus diesem fremden chaotischen Knäul wickelte sich schnell ein muntrer Sachse, dem ich schon einmal begegnet war, und der mich begrüßte. Die Gesellschaft, meist aus Studenten und jungen Gelehrten bestehend, diesen privilegirten Reisenden unsers Vaterlandes, war sehr munter, wenn es auch nur eine angewöhnte Munterkeit war – namentlich die Studenten lärmen vielfach in einer Tradition unächter Lustigkeit – und erklärte, das junge Deutschland sei nur auf dem Lande verboten, und auf der See könnte man's leben lassen. Oeffentliche Personen erkaufen den etwaigen Ruhm, oder die Renommée, wie man das Wort schattirt hat, immer mit verletztem Schamgefühl, die Welt rächt alles Heraustreten auf irgend eine Weise. Das leichtblutige Mädchen bezahlt seine Lust mit Flüstern und Fingerzeigen, was ihr begegnet; die Cavallière fiel darüber in's Kloster und in den Tod, und seit einigen Jahrzehnden behandelt man die kouranten Schriftsteller eben auch wie Maitressen des Publikums. Aber auch das wirkliche, heraustretende Glück findet seinen Neid, findet sein Lob – Lob ist ja auch eine Verletzung, wenn auch mit Blumen.

Indessen früh auf dem Meere gibt's erquickendere Gedanken – die Sonne stieg glänzend über das Wasser empor, frisch und voll blies der Südost in die getheerten kleinen Segel, die pommersche Küste sah grüßend mit dunklem Walde nach uns her, die weißen Häuser von Häringsdorf, was eine Stunde nordwestlich von Swinemünde auf einer Strandhöhe liegt, glänzten und lachten. Dieses kleine Seebadetablissement nimmt die Ruhesuchenden freundlich auf, hier stört kein Gesellschaftshaus, keine eigentliche Saison, das Meer ist im Gegensatze zu Swinemünde dicht dabei, Poeten, die keine bewegte Welt brauchen, die eine halbe Einsamkeit suchen, das Langweiligste für Andere, die Genrebilder wünschen und Sonnenaufgänge nach der Melodie:

»Flammenhufig erhebt sich das Gespann
Der Sonnengott kommt tönend an«

Solche Poeten, resignirt habende Mädchen, welche deklamiren: »Nur die Natur ist ewig gerecht«, Professoren – Frauen mit vieler Familie, die einer Seewäsche bedarf, Diätetiker mit starken Grundsätzen und andre ehrliche Leute, alle die mit einem Worte, welche nicht in Swinemünde oder sonst wo haben wollen, wohnen in Häringsdorf. Man lasse sich nicht verleiten, den Namen von Wilibald Alexis herzuleiten, weil er im bürgerlichen Leben schlechthin Häring heißt und in Häringsdorf ein Haus besitzt ; dieser Name hat eine andre Geschichte: ein Fürst hat hier gefrühstückt, und man hat ihm als Landesprodukt Häringe vorgesetzt, dafür hat er dem Oertchen solchen Namen verliehen.

Uebrigens ist's einer von den Orten, an welchen sich seit Jahren ein und dieselbe Drohung knüpft, man sagt nämlich in jeder Saison: Häringsdorf wird Swinemünde vernichten. Dies soll ein Hauptgenuß in Häringsdorf sein.

Immer weiter linksab blieb uns die Küste, keck und kühn ging's mitten in See hinein, und die waldigen Uferberge von Usedom wurden ferner und blauer.

Wenn ich in eine unbekannte Gesellschaft trete, so stellt sich mir oft das Bild der blos idealistischen Poesie entgegen, die in ihrer Phrasenunbestimmtheit gar keinen Eindruck gewährt; solch eine Gesellschaft ist ein Chaos, aus welchem sich erst nach und nach die Einzelnheiten absondern, und durch ihre Einzelnheit werden die Gestalten erst Gestalten. Einer spricht viel, der Andre wenig, Einer hat eine große Nase, der Andre rümpft eine kleine, jener zeigt seine Wäsche, Dieser gar keine. Jener sagt Deutschland und seine Bewohner, Dieser »Teutschlands Söhne.« Auch auf dem Schooner sonderten sich mir die Figuren erst, als wir schon auf hohem Meere waren. Zunächst unterschied sich ein Privatdocent als sehr ruhmredig, und das Thörichte wagend, um einen Theil seiner Versprechungen wahr zu machen: er wollte auf allen Meeren gewesen und auf den Schiffen ganz zu Hause sein. Dies zu beweisen kroch er am Hauptmast in die Höhe, die Strickchen benutzend, welche das Segel daran befestigen, und halb saß er denn auch zu Ulrichs kopfschüttelndem Mißbehagen über dem Segel in einer sehr unbequemen Stellung, die er uns als sehr genußreich anpries. Dergleichen erwartet man von einem Schiffsjungen und dem sehen wir ruhig zu, aber ein Privatdocent mit langem schwarzen Rocke nimmt sich ganz schlecht dabei aus, weil es immer eine Gefahr für ihn bleibt, und der Gedanke daran die Zuschauer stört. Wer unnütze Gefahr aufsucht, blos um die Augen auf sich zu ziehen, ohne daß man ihm ein freches, wirklich innerliches Behagen am Gefahrvollen ansieht, der erreicht auch nicht einmal den nächsten Zweck der Prahlerei.

Weil die Spannung zu lang dauerte, vergaß man am Ende den Privatdocenten und sah nicht mehr hinauf; dies bewog ihn, seinen genußreichen Sitz aufzugeben, und am Spiegel des Schiffes mit Ueberbaumeln sein Heil zu verfluchen, welcher Versuch auch nicht die genügende Würdigung fand. Plötzlich wurde der Polytropos von der Seekrankheit überfallen, und verschwand vom Schauplatze, das heißt, er legte sich den Umständen angemessen nieder.

Neben mir arbeitete ein kleiner renommistischer Fuchs aus Halle, welcher wie gewöhnlich seine große Unkultur und große Muthlosigkeit hinter großen Worten zu verbergen suchte. Wollen diese Flegeljahre deutscher Bildung, die Studentenjahre, in späterer Zeit überhaupt nicht mehr gefallen, weil sie sich abgerissen von aller Gesammtheit als eine forcirte Idealistik hinstellen, wo für den Erfahrenern die Illusion abgeht, so macht ein Fuchs unsrer Tage, der bei einigem Verstande gar nicht mehr an die Tradition seiner Freuden glauben kann, den Eindruck einer kompleten Karrikatur. Er erinnert an die jungen Schauspieler oder Schauspielliebhaber, welche pathetisches Deklamiren ungenossener Stellen für poetischen Reiz ausgeben. Dieser Fuchs, dem, wie der Student sich ausdrückt, der Rand nicht stille stand, schwatzte und spektakelte so ununterbrochen, daß ich ihm von Herzen die Seekrankheit an den Hals wünschte. Man hatte ihm gesagt, sie sei dadurch zu vermeiden, daß man fleißig esse und ununterbrochen die Bewegung des Schiffes mitmache: er verzehrte also ein Weißbrod nach dem anderen, und rutschte wie ein Perpendikel an der Banklehne hin und her – je größer die Verhöhnung von seinen Reisegefährten war, desto mehr hielt er seine Tüchtigkeit und Consequenz für gefährdet, desto lebhafter rutschte er, der Schweiß stand ihm auf der Stirn, er schrie aber doch nach Kräften mit, da seine Genossen allerlei Lieder durcheinander sangen – endlich blieb er auf dem Schlachtfelde. Aber er konnte nicht sterben, und noch im tiefsten Jammer schrie er wieder auf: Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust –

Die unermüdlichsten Sänger waren übrigens ein Paar Studenten aus Siebenbürgen – zu Hause, meinten sie, ist nicht vom Singen die Rede, besonders solche Freiheitslieder sind nicht statuiret, da müssen wir uns die Zeit in Deutschland zu nutze machen. Einer von ihnen war ganz bartverwachsen und sah lebensgefährlich aus. Also auf der Ostsee, dachte ich, mußt Du solch einen ganzen Demagogen wiederfinden, der für einen schwülstigen Vers von Follenius Mond und Sonne mit Pulver auseinander sprengt; aber ich hatte mich arg getäuscht: erstens war er ein Theologe, der in Ermangelung einer Dogmatik sich an's Moralprinzip hielt und die Liebe zu einem Mädchen für höchst frevelhaft ansah; zweitens hatte er nicht die allerbürgerlichste Courage, fürchtete sich auf der Ostsee vor'm Gubernium in Siebenbürgen, vor dem Wasser, vor dem Winde und vor allen Elementen, die man etwa noch erfinden möchte; aber er trug einen eisernen Ring, einen eisernen Stock und kein Halstuch, und sang in allen Pausen:

Steig aus der Nacht,
O Hermannsschlacht!

Sein schlankerer, jüngerer Landsmann war etwas frischer, und offenbar ein muthigeres Naturell, aber auch wie die tugendhaften Französinnen auf der einen Seite, und wie die leichtsinnigen auf der andern: jusqu'à un certain point, eine Redensart bekanntlich, ohne welche es in Frankreich keine Unterhaltung, keine Tugend, keine Liebenswürdigkeit, kein Gesetz, keinen Geist, und in Siebenbürgen keine Courage giebt. Wie verkümmertes Haidekraut blühte mir auf Ulrichs Schooner und im weiteren Verlauf der Reise siebenbürgische Nationalität entgegen. Zwischen Armuth, öde, barbarische Nachbarschaft, straffes Regiment von außen und eigne Schwäche eingewürgt, machte mir das Bild dieses Ländchen den traurigsten Eindruck.

Eine Nationalität, die aus den fremdartigsten Elementen zusammengewürfelt ist, und ihre Ehrenstandarte so mit verliert, um welche sich Stolz und Muth stets wieder zusammenfindet, wird immer einschrumpfen in kleine, niedrige Bezügnisse, vor allen Dingen das kleine Bischen Leben und das nothdürftige tägliche Brod zu erhalten suchen. Von Ausgleichung der Nationalität kann immer erst die Rede sein, wenn die edlen und hohen Beziehungen, das stolze innere Lebenselement erst sicher gestellt sind. Unsre Landsleute, Tuchmacher und Krautpflanzer, welche in die siebenbürgischen Berge eingewandert sind, und dort als Sachsen und Schwaben ihre Plätzchen gefunden, haben sicher reichlich dazu beigetragen mit ihren Nothdurftsanforderungen, die Atmosphäre jenes Landes abzuschwächen.

Von ihnen stammte auch der Ostseebramarbas, und das Obige fand eine traurige Bestätigung darin, daß ein Paar Ungarn auf dem Schiffe waren, und zornig die Frage zurückwiesen, ob sie auch Siebenbürgner seien – Sind wir Ungarn, ächte Ungarn sagten sie, stolz sich aufrichtend im schwersten Seejammer. Der Bramarbas flüsterte uns zu, daß diese Ungarn, unter denen oft der Schweinehirt ein Edelmann sei, sich immer übermüthig appart hielten – dabei sah er sich aber ängstlich um, ob ihn der kranke Ungar etwa am Kragen packe.

Alles Mögliche bei Seite gesetzt, bewiesen die Ungarn offenbar einen vollen inneren Kern neben diesem holen, muthlosen Gesellen.

Es darf nicht in Verwunderung setzen, daß auf ein scheinbar so Alltägliches, wie der ordinaire Muth, solcher Werth gelegt sei – in dem Worte Muth liegt eine ganze Welt, eine Welt des Willens, der Fähigkeit und schöpferischen Kraft. Zugestanden, daß diese moralische Thätigkeit, welche mit dem Namen Muth benannt wird, oft nur der Instinkt eines starken Körpers, oft wirklich nur ein materielles Häuflein Sehnen und Muskeln sei; zugestanden, daß zwei Drittheile der Muthigen nur darum vorwärts gehen, weil sie durch die Nebenleute, die Redensarten, die Terminologie des Lebens so gewöhnt worden sind; zugestanden also, daß der Muth großen Theils eine Sache des Körpers und eine des Herkommens, der Sitte ist – läge darin ein Vorwurf? Ist unser Leib nicht ein Bedingendes für das Außerordentliche selbst, was ein Mensch leisten kann? und wo hört er auf, wo fängt er an, wo stehen die weißen Grenzfarben des reinen Geistes? Eine schlechte Leber, eine verstopfte Milz, welche Gedanken und Gefühlsrichtungen können sie in Bewegung setzen, wenn sie sich bei einem sonst gewaltigen Menschen und mit diesem an einem gewaltigen Ort vorfinden! Werdet Ihr deßhalb das Recht haben, eine welthistorische Epoche leber- oder milzkrank zu nennen, weil diese körperlichen Organe auf den Urheber der Epoche einen starken Einfluß geäußert? Alle Leute, die an der Leber leiden, zum Beispiel, sind leicht grillig, hypochondrisch, in diesem übeln Zustande gehen sie allen Dingen mehr an die Spitze, die Anfänge, auf diese Weise erfinden sie – ist das Verdienst des Erfinders geringer, weil er durch Leberkrankheit dazu gekommen ist? Eine frische Lunge und Leber unterstützen den Muth, das ist wahr, wer Beides schlecht hat, wird doppelten Aufwand nöthig haben, um eben so viel Muth zu gewinnen – thut dies der Absolutheit des Muthes etwas? Gewiß nicht – bei Beurtheilung der Personen mögen wir darauf Rücksicht nehmen, der Muth an sich bleibt uns ein außerordentliches Moment, und seine Zeitigung im Menschen bleibt etwas Nothwendiges und Verdienstliches. Was haben wir denn ursprünglich? Anlagen. Alles muß gelernt werden, und auch der Muth läßt sich lernen. In jedem Helden steckt ein Hundsfott; daß der nie zum Vorschein komme, ist eben Sache des Helden. –

Daß Herkommen und Sitte ein Theil des Muthes sind, ist gewiß wahr. Verschiedene Völkerschaften haben sehr verschiedene Aeußerungen des Muths, was diesen für Feigheit gilt, ist es Anderen nicht – ist der Muth darum ein Geringeres, weil er ein Uebereinkommen menschlicher Gemeinschaftlichkeit ist? ruht nicht in Sitten und Gebräuchen das Wesentlichste gemeinschaftlicher Seele?

Eine tiefe Bedeutung liegt darin, daß ihr bei den ordinairsten Menschen, welche nicht durch Nahrungssorgen entmannt sind, allen Bezug der Achtung und des Werthes auf den Muth koncentrirt findet, daß der Muth beim einfachsten Mädchen zuerst und am sichersten die Liebe zum Manne weckt.

Die Oesterreicher haben seit einiger Zeit die Erlaubniß, in Deutschland die Berliner Universität besuchen zu dürfen. Von dort bekommen sie denn auch wohl die Erlaubniß zu kleinen Reisen in Preußen; wenn nun diese zum Beispiele in die Nähe von Hamburg führen, so ist wohl auch bei einem Siebenbürgner das Verlangen natürlich, und nicht so ganz strafwürdig, Hamburg zu sehen, besonders wenn sich der Siebenbürgner so innig seiner Unbedeutendheit und des bloßen Verlangens bewußt ist, den Jungfernstieg betrachten zu wollen, und einmal Austern in der Nähe zu sehn. Der Bärtige hielt aber diesen Wunsch für unmoralisch und frevelhaft, weil er die österreichische Studienfreiheit kompromittiren könne.

Die Nothwendigkeit eines Passes hat nur dies Bedenken, daß guterzogene Menschen am Ende noch weniger und noch papierner werden können als ein Paß.

Mein Heimathsstolz ward durch das Schicksal eines andern Reisegenossen sehr verletzt; ich halte es aber doch für meine Schuldigkeit, nicht darüber hinwegzugehn: ein kleiner Breslauer nämlich, mit einem kleinen blauen Röckchen angethan, ward viel gehänselt, er trug unter dem kleinen Röckchen einen kleinen Ueberfluß auf dem Rücken, fror immerwährend, und rauchte trotz Seebeschwerden unermüdet aus einer kleinen Pfeife Tabak. Sein Accent war mit all den kleinen, behenden Breslau'schen Worten eingefleischt schlesisch, und weil er alle Maasstäbe von der Breslauer Oder und den Breslauer Bierbrauern hernahm, übrigens auch in stetem Frost und Tabakrauchen nicht den kleinsten Reisegenuß dokumentirte, so war er wirklich wie ein kleiner Ableger des Dr. Syntax, eine komische Figur; ein Reisender quand même, der unter allerlei Unbehaglichkeit doch reis'te, obwohl er nicht das geringste Vergnügen davon hatte, dem es anzusehen war, wie er von den Reizen seiner großen Reise erzählen und rühmen werde, sobald er erst wieder das warme Stübchen »auf der Hummorei« in Breslau erreicht hätte. Gott schütze die Reisenden, die um jeden Preis reisen, sie haben's nöthig.

Ich sehnte mich sehr nach dem offnen Meere, das heißt nach einem Meere, wo nichts zu sehen ist, als Himmel und Wasser. Unsre Illusion ist noch eigensinniger als ein Frauenzimmer: ein Frauenzimmer ist zufrieden, wenn sie keine Nebenbuhlerin der Liebenswürdigkeit sieht, die Illusion aber ist zerstört, sobald eine Grenze geahnt werden kann; ein schlechtes Auge, was nichts als Himmel und Wasser sieht, bringt doch keine Illusion, sobald der Schiffer sagt: Bei gutem Wetter sieht man in Südost diese Küste, in Nordwest jenes Eiland; und nach Rügen hin wird selbst ein mittelmäßig Gesicht die brutalsten Störungen nicht los. Rückwärts verläßt Einen der blaue Streif und die Spitze von Usedom nicht, heillose Spitze, wo ich später einen direkten Blick in den Acheron thun mußte, und rückwärts erhoben sich halb aus den Wogen zwei Eilande, Ruden und die Die, genannt die Greifswalder Die, zwischen welchen hindurch die Fahrt sich wendet. Hinter ihnen erblickt man bereits den blauen Punkt von Mönchgut, dem südlichen Theile Rügens.

Diese östliche Meersküste Usedoms, aus welcher wir herausgesteuert waren, hat den pommerschen Historikern viel zu schaffen gemacht mit den Geheimnissen der Unterwelt. Da sollen versunkene Städte schlafen von wunderbarer Pracht und Herrlichkeit, mit goldnen Thoren und silbernen Thürmen, die sollen in Handelsverkehr gewesen sein mit den Griechen, das heißt mit den ordentlichen Griechen, mit den Häusern Solon, Cimon und Comp., aus welcher Zeit der klassische Hauch noch stammen soll, der über Pommern, respektive Hinterpommern lagert. So tief liegt der Autoritätstrieb in uns, daß Länder, sonst so unbefangen und genügsam wie Pommern, in den Meeresgrund steigen, um Gewährniß zu holen für alte, historische Verbindung. Man wird mich im Verlauf dieser Reise schiffbrüchig, in großen Filzschuhen, den Mantel statt des gewünschten Schlafrocks umschlagend, auf einem sandigen Eilande liegen sehn, wo ich nichts zu genießen finde als etwas Rauchfleisch und eine von Fliegen beleidigte pommersche Monatsschrift. In dieser stehen alle Nachrichten, Sagen, Scholien und Glossen von den versunkenen Städten Vineta und Julia, welche Städte auch eine Stadt gewesen sein können, da es an Taufzeugnissen aus jener heidnischen Zeit fehlt und Saxo Grammatikus nicht vereidigt und klar genug geschrieben hat. Kurz: an hellen, stillen Sonnentagen will man die Glocken von Vineta unter'm Meere läuten hören und die Thurm- und Kirchendächer durch das Wasser leuchten sehn; die größte Handelsstadt des Nordens von außerordentlichem Umfange und Reichthume sei dort von den Fluthen verschlungen worden, und wenn heutiges Tags ein Schiffer drüber fahre, der gottlos und schlechtdenkend sei, da passire ihm dort das größte Unglück.

Wenn ihm zum Exempel seine Liebste nicht mehr gefallen, und er sie verlassen habe, so finde er sie dort wieder – dies erzählte Ulrich, der Schiffer und sagte Brr! dabei, schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck aus der Strohflasche.

Wie überall hin, haben denn auch hier in's Meer die Stationalisten ihre Laternen gesteckt und die unterirdische, wie sonst die überirdische Welt vernichten wollen mit der Bemerkung, die goldnen und silbernen Mauern, Thore und Thürme der klassischen Handelsstadt Vineta seien einfache Felsenriffe, die man bei gutem Sonnenscheine sehen könne. Als ob die wichtigsten Dinge mit einer Bemerkung zu erledigen wären – das Wort Bemerkung ist überhaupt schon ein naseweises Wort. Ferner: als ob an einer Küste, wo mit vortrefflichstem Auge gar kein Felsencharakter, sondern nur Sand, Düne, Sandbank zu entdecken ist, als ob an solcher Küste eigensinnig allein Felsen etablirt sein würden, lediglich, um den Leuten eine klassische Anknüpfung zu rauben! O, pfui! Wenn man artig wäre, gäben die Pommern sicherlich die alten Griechen drein, und begnügten sich mit einer überschwemmten Wendenstadt, Heide ist Heide, indessen, ich will kein historisches Recht vergeben, und fahre mit Ulrich weiter.

Artig braun und blau hob sich die Küste von Mönchgut immer deutlicher vor uns aus den Fluthen; unser Südost war stetig und frisch, und legte sich mit vollen Armen in die Segel; die bebuschte Insel Vilm, welche in der Bucht von Puttbus liegt, stieg ebenfalls aus der See, und bei einer kleinen Wendung nach Rechts sahen wir auf der Strandhöhe hinter dem Vilm die weißen Punkte, welche in der Nähe die weißen Häuser von Puttbus sind. Es liegt eine kleine halbe Stunde vom Strande, und hat mit den schneeweißen, in einzelnen Partieen etwas kahl sich bietenden Häusern ein wunderlich Ansehn von frischer Wäsche, die auf's Plätten wartet.

Die Küste, zwischen welcher und dem Vilm zum Landungsplatze gesteuert wird, ist schön bewaldet, im Meere stehen bunt wie stille Pagoden die Badehütten, durch die Büsche winkt lockend ein stattlich weißes Badehaus.

Ich verhandelte mit Ulrich, daß er drei Tage und drei Nächte auf mich warten soll, unverführt von etwaigem günstigem Nordwest, der eintreten könne, und wendete mich zu Fuße mit dem muntern Sachsen, einem jungen rüstigen Pommer und den trübseligen Siebenbürgern rechts nach dem Badehause, um in der See zu baden. Die Ungarn und der Bruder Breslauer, dessen Pfeife noch brannte, ließen sich vom Privatdocenten gen Puttbus leiten. Er hatte wie Columbus und Wilhelm Tell einige unbequeme Begrüßungsversuche mit dem Rügenschen Erdboden vorgenommen, und sich den schwarzen Rock dabei beschmutzt, sonst schien ihm der ganze Meeresmuth wieder gekommen zu sein, wir hörten ihn noch weithin lärmen.

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