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Eine Fahrt nach Pommern und der Insel Rügen

Heinrich Laube: Eine Fahrt nach Pommern und der Insel Rügen - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
titleEine Fahrt nach Pommern und der Insel Rügen
authorHeinrich Laube
year1996
publisherEdition Temmen
addressBremen
isbn3-86108-120-2
pages3-163
created19990804
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1837
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11. Der Sturm.

Mit dem Zöllner war der Konversationstoff halb zu Ende, die Weiber waren noch aus jener Zeit, wo die Rügensche Frau am Heerde und Spinnrocken saß, die Sprache aber für sie noch nicht erfunden war; den ganzen Zustand einer bleiernen Eilandsstille und Antheilslosigkeit hatte ich übersehen, das einzige Buch im Hause, eine pommersche Broschüre über Vineta und Julin gelesen – was sollt' ich länger hier? Fort! dachte ich am finstern, frühen Morgen, als ich auf Schills Lager erwachte. Die Blitze leuchteten noch im Meere, die Wogen tobten noch, als könnten sie sich nicht erschöpfen, im Hause war's noch grabesstill.

Wenn ein leichtsinniger Bonvivant eine Nacht hierher verschlagen würde, dachte ich im halben Morgenschlummer, und das blonde Mädchen, das neben dir in der Kammer schläft, in einer stürmischen Nachtliebe zu entzünden wüßte, von dannen reis'te und nach mehreren Jahren erst wieder an Ruden gedächte, was müßte das für eine tragische Novellensituation werden! Das blonde Mädchen sitzt bloß mit aufgelös'ten Haaren vor der Hütte und sieht starr in's Meer hinaus, ein halbnackter Bube spielt auf ihren Knieen, Niemand weiß, wie er heißt, auch die Mutter nicht, das benachbarte Lootsenweib, und das Meer, und der gefleckte kniebeinige Haushund sehen scheu nach ihr, sie hat schon viel Aehnlichkeit mit der alten Fretten. –

Ein Sturmschlag an's Fenster weckte mich; es war noch immer ein schwarzgraues Wetter, aber meinen Entschluß, um jeden Preis von dannen zu gehn, hatte ich nicht verschlafen. Der Schooner lag noch hoch geschleudert vor Anker, und mein Wirth gab mir die Versicherung, daß er bei stetem stürmischem Südwinde, der in's Meer hinauswerfe, nicht an einen Versuch nach Swinemünde denken könne. Ich wollte also versuchen, an den nächsten besten Punkt des Festlandes zu kommen; über den Wellenbergen sah man im Süden die Waldspitze von Usedom, und da man darüber hinaus nicht kommen könne, so wollte ich diesseits, wenn möglich, bis Peenemünde gebracht werden. Er schüttelte den Kopf, führte mich aber doch in einige Lootsenwohnungen: die Leute saßen behaglicher als ich erwartet hatte – ihr schlimm Geschäft wird reichlich bezahlt – strickten Netze und zimmerten und hobelten. Auf meine Anfrage kratzte sich der Hauptführer in den Haaren, und ging vor die Thür, um nach Wetter und Wind zu sehen. Als er wieder eintrat, kratzte er noch, sagte aber ja.

Ich nahm also Abschied von meinem Zöllner und den stumpfäugigen Weibern, von den niedrigen, braun- und aschfarbigen Hunden des Eilands, welchen das Klima keine eigentliche Farbe gestattet, ja sogar die Augen mit Grau anstreicht, und watete zum Strande. Puh, das Wetter und Meer war ein Vergnügen! Es mußte aber doch nicht so große Gefahr drohen, da die Lootsen noch ein zweites Boot vom Sande in's Wasser schoben, um nach den Netzen zu sehn: die straffen Kerle in kleinen Glanzhüten, kurzen Jacken und großen Wasserstiefeln wateten bei dieser Gelegenheit bis über die Kniee in's Wasser, der Sturm warf kalten Regen in's Gesicht, es war die unbehaglichste Existenz, die rothbackigen Lootsen trieben das aber, und ruderten in das tobende Element hinein, als wäre das ganz in der Ordnung und ganz scharmant.

Ich ward dann auch in ein nasses Fahrzeug gewiesen, und konnte mich wie ein Huhn auf die Latte flüchten, um nicht ganz in Sauce eingetaucht zu sein. So erfreulich situirt winkte ich dem Zöllner und seinem aschgrauen Hunde Abschied, und das donnernde Bergauf, Bergauf des sturmbewegten Meeres nahm mich auf. Zum Regen gesellten sich jetzt die Sprüh- und Sturzwellen, welche sich meinem Antlitz und Mantel zugethan bewiesen, der Wind brüllte, das Segel ward alle fünf Minuten anders geworfen, weil wir fast direkten Gegenwind hatten, und dies nöthigte zu immerwährendem Sitzwechsel – der Zustand war äußerst heiter, und wenn man ein Liebespaar in Seenoth schildern und ihnen dabei allerlei sentimentale Zärtlichkeit beilegen hört von unsern Romantikern, so mögen diese es hinter ihrem warmen Ofen verantworten.

Maria Stuart hätte in ihrer Blüthezeit neben mir sitzen können, es wäre mir etwas ganz Anderes wünschenswerth gewesen, als zärtliche Beschäftigung mit ihr.

Ulrichs Schooner lag etwa einen halben Büchsenschuß von dem Punkte entfernt, wo ich mit den Lootsen in See ging, und nachdem unser Fahrzeug eine volle Stunde gegen Sturm und Wogen gearbeitet hatte, waren wir noch nicht in der Linie des Schooners. Dabei waren wir ununterbrochen tüchtig gesegelt, halb scharf rechts, halb scharf links, so klein ist der objektive Gewinn beim Laviren.

Plötzlich schrien meine Lootsen »Westsüdwest!« – sie bemerkten das so schnell als wir den Regen entdecken, wenn er uns auf die Nase fällt. Das war ein brauchbarer Wind nach Swinemünde, ich drang also darauf, bei meinem Schooner angelegt zu werden. Die Arbeit begann, und nach Verlauf einer zweiten Stunde drückte Ulrich unsern Bord an den seinen, und ich mußte in dem Unwetter so und so viel Thaler und Groschen zusammen suchen – der Geldverkehr ist mir nie so gemein vorgekommen: in einer Situation, wo jeder Fehlgriff oder Fehltritt das Bischen Leben kosten kann, muß nach Geld gesucht werden; der natürliche Bezug zwischen Menschen ist dem feindlichen Elemente gegenüber so dringend heraus gestellt; sie bezahlen sich aber selbst die Lebensgefahr, in welche sie für einander gehen. Und Papiergeld ist noch viel ärger, und ich hatte blos solches zur Hand, das erinnert an ein noch künstlicheres Verhältnis – aber der Staatskredit schwankte im Sturme nicht, wir einigten uns schnell, ich kletterte in den Schooner, die Lootsen flogen davon.

Erich sah blaß aus, und war mit dem heiligen Jakob sehr unzufrieden, und der Uhrmacher, ach, wie äußerst alterirt sah dies kleine Gesicht aus, welches er wehmuthsvoll-neugierig aus der Kajüte steckte. »Mir blüht kein Frühling, mir lacht keine Sonne,« dieser beliebte Vers eines Guitarrenliedes, was von anfänglichen Dilettanten besonders geschätzt wird, lag mit schwarzen Buchstaben auf der Augenpartie des Putbussers. Er litt sehr, besonders am Magen und an der Trostlosigkeit, noch mehr aber, wie er sich ausdrückte, an der unzarten Behandlung.

Der Schooner selbst hatte sein gut Theil Schuld daran, er hatte sich sehr unruhig verhalten, der Sturm hatte während der Nacht eigenmächtig den Anker gelichtet, und Ulrich war sehr eilig nach dem zweiten geeilt – »Sie glauben gar nicht, was das für'ne Behandlung bei dem Nachtlager war! Zwei kleine Bänkchen, wie Sie sehn, und ein Stückchen Fußboden sind nur disponibel, und ich wünschte mich als Passagier natürlicherweise die Bank, dat ewige Hin- und Hergeschmeiße brachte mir aber immer wieder auf den Fußboden, und der unangenehme Ulrich äußerte endlich, ich sollte doch liegen bleiben, wo mir – ach!

Wenn's nur das eine Mal vorüber wäre, keinen Fuß wollte er wieder aufs Wasser setzen, für einen gebildeten Menschen sei doch das gar keine schickliche Reisemanier. –

Aber wie wollen Sie denn ohne Wasser auf die Insel Rügen zurückkommen?

Ach Herr, das weiß ich jetzt noch nicht, aber ich geh' nicht mehr aufs Wasser, und dieser Kaffee, den der abergläubische Erich kocht! Dieser Kaffee! Sehn Sie, ich halte viel aus, aber Kaffee mit Syrup in solcher Witterung, und bei der Sorte Geschmack, wie ich seit gestern habe, oh, ich leichtsinniger Mensch! Und mein schöner Schlafrock, wie sieht der aus! und das Schöpsenfleisch kocht er noch immer nicht – ach, und das Gefühl, was in mir ist, mein Lebtag ist mir's nicht vorgekommen, regulären Hunger kann man's nicht nennen, aber wenn der Kerl nur Schöpsenfleisch kochte, Kartoffeln sind noch da. –

Zu meinem Schrecken erfuhr ich von Ulrich, daß er sich jetzt trotz des günstigeren Windes nicht hinauswagen könne, und zwar aus folgenden Gründen: das sei kein Wind, sondern Sturm, in der See draußen wären so viel Wellen, daß an ein Strichhalten nicht zu denken sei, und weil wir wegen des Peenemünder Hakens tief in See hinaus müßten, so könnten wir leicht nach Schweden verschlagen werden. Außer andern Gründen sei dies aber schon darum nicht zu wagen, weil wir nur zwei Pfund Schöpsenfleisch an Proviant besaßen.

Das war nun zum Verzweifeln; das wissend wäre ich mit meinen Lootsen weiter gegangen. Ich äußerte mich denn auch sehr ungeduldig, denn hungernd und auf den verstörten Uhrmacher beschränkt, wurde mir Stunde auf Stunde immer langweiliger; Herr von Raumers Beiträge zur Geschichte Friedrich's des Großen, die ich in der Manteltasche entdeckte, erhöhten mein Mißbehagen, weil ich eitel bekannte Dinge fand, und mich ärgerte, daß ein Historiker dergleichen dreist und selbstgenügsam für Neues ausgeben könne; ich stachelte und turbirte Ulrich, und warf ihm vor, er habe wie der Siebenbürgner keine Kourage.

Ulrich aber erwiderte, ich sollte ihn nicht tücksch machen, das müsse er besser verstehn, wie er denn das vor mir verantworten solle, und was ich denn dazu sagen würde, wenn wir in Sünden versöffen?

So war es über Mittag geworden, der Wind war noch sehr heftig, aber nicht mehr eigentlicher Sturm, und zu meinem Erstaunen lichtete Ulrich den Anker. Nach mir sich wendend stieß er einige Vorwürfe aus, und ich sollte es nun vertreten, wenn uns ein Unheil passirte, jetzt gingen wir direkt über den Haken. Er brauchte wohl, wie die meisten Menschen, auch nur den Schein einer fremden Verantwortlichkeit im Hintergrunde; mir war indessen damit gar nicht gedient, da ich fürchten konnte, er ließe sich zu einer Gefahr durch mein Stacheln verleiten, der wir am Ende nicht gewachsen seien. Ich fühlte auch nicht den mindesten Beruf, in diesem kalten, unbehaglichen Wasser unterzugehen. Wenn sich Einer das Leben nehmen will, so kann er nicht vorsichtig genug zu Werke gehn, wenn man aber am Leben bleiben will, noch mehr; ich ermahnte Ulrich dringend, den »Siebenbürgner« nicht so genau zu nehmen, umsonst, er hatte etwas Stierartiges: wenn der Kopf einmal zum Anlauf gesenkt ist, dann sieht er nichts mehr, der Refrain war: 's geht über den Haken. Der Anker wich, wie eine Nußschale flogen wir in die stürzenden Wogen hinein, Erich arbeitete mit höchst sorgenschwerem Antlitze, der Uhrmacher öffnetet den Mund.

Mit dem Peenemünder Haken hat es aber folgende Bewandniß: Von der Spitze Usedoms geht eine Sandbank unter der Wasserfläche weit in See hinaus, die schon ziemlich weit im Meere außen von nicht mehr als zwei Fuß Wasser bedeckt ist. Dieser Strich ist natürlich sehr gefürchtet; eine Landphantasie denkt sich das weniger bedenklich, und ein Lohnkutscher würde sagen: Wenn wir auffahren, machen wir uns wieder flott, oder wir waten nach dem Lande, was man ja in weiter Ferne sieht, und was nicht viel über eine Meile entfernt sein kann.

Das ist aber ein wenig anders: sitzt das Schiff fest, so sind einige Keulenschläge der Wogen, wie sie eben in schönster Ausgabe vorhanden waren, vollkommen genügend, um den nicht mehr nachgiebigen und weichenden Holzkasten in Trümmer zu schlagen; kommt nun obenein der Wind, oder gar ein halber Sturm vom Lande her, so gelingt kein Schritt nach dem Lande zu, sondern man wird unrettbar nach dem offnen Meere hinausgeschleudert, wo jeder nach seiner Weise ertrinken kann – selbst wenn man glauben wolle, daß der Sandstrich ganz regelmäßig wie ein Exempel immer auf zwei Fuß eingerichtet wäre. Zwei Fuß im Meere sind auch mit gutem, bäumendem Wellenschlage vier Fuß; ist man aber erst einmal ohne Schiff im Meere draußen, so rettet wohl ein Romanschreiher gewöhnlich, aber die Wirklichkeit nicht; ohne Planke oder Balken geht's mit dem besten Schwimmen eine ganz kleine Strecke und mit solchem Anhalt auch nur ein Weilchen länger, da das Wasser für keine menschliche Gliedmaaße, am wenigsten im September auf die Länge brauchbar ist.

Dies Alles erwägend sah ich wehmüthig nach dem immer ferner versinkenden Ruden zurück; da gab's wohl Langeweile, aber doch keine Lebensgefahr. Ich habe meine Manschetten wie jeder Andere, besonders wenn ich mit der Leber brouillirt bin, aber ich fand es doch wirklich wünschenswerther, den Weg selbst durch eine Gefahr aus diesen unzulänglichen Zuständen aufzusuchen. Ueber den Ruden öffnete sich mir jetzt ein kleiner Gedächtnißkasten, dessen Existenz mir bisher völlig entgangen war, wie es ja überhaupt mit einzelnen Dingen geht, die als Notiz einmal in unsern Sinn geprägt worden sind, und gestorben scheinen, bis sie just von diesem oder jenem Worte oder Gedankengange aufgeweckt werden. Ich erinnerte mich plötzlich klar, daß Gustav Adolph, als er mit dem schwedischen Heere nach Deutschland segelte, auf dem Ruden gelandet und niedergekniet ist. Das hätte mir um so weniger entgehen sollen, da Gustav Adolph einer meiner intimsten Blutsverwandten ist, den ich zu Breslau im ersten Dichtungsdrange für eine fünfaktige Tragödie binnen zehn Tagen verarbeitet hatte. So vergißt man seine nächsten Angehörigen, weil das Leben stürzend weiter geht und Neues heischt, und die Leute hören doch nicht auf zu klagen über das Vergessenwerden. 's ist unser Loos unter einer Sonne, die täglich untergeht.

Das war sehr passend, der brausende Wind trieb uns heftig in die Gefahr hinein, die Ostsee konnte halb meinen Leib und Namen bedecken.

Ulrich drückte das Steuer halb rechts, halb links, er kam nicht zur Entscheidung, ob die Meereströmungen, die uns hinaus gen Schweden werfen konnten, wünschenswerther seien, als die seichten Stellen des Hakens, die nach dem Lande zu bedenklicher waren. Erich maß die zwei ein halb Fuß, die unerläßliche Tiefe, welche der Schooner brauchte, an einer Stange ab, und bezeichnete sie durch ein umgebundnes Strickchen; der Haken war nahe; er schickte sich mit bebenden Lippen an, die Tiefe zu messen, und dem steuernden Ulrich zuzurufen.

Sechs Foot! (Fuß) sechs Foot, fünf ein halb Foot! Das hatte gute Wege, und wir kamen in den guten Glauben, uns weit genug hinaus nach dem Meere gehalten zu haben. Vier Foot! vier Foot! knappe vier Foot! drei ein halb Foot! drei Foot! Ulrich drückte stark am Steuer, um das Schiff weiter hinaus zu halten, es wurde keine Sylbe gesprochen – knappe drei Foot! zwei ein halb Foot! Der Uhrmacher hielt sich den Kopf und stürzte in die Kajüte, er hielt es wie der Strauß für hinreichend, den Feind nicht zu sehen. Der Schooner schrammte bereits den Meeresgrund, und hinter ihm her zog ein breiter brauner Strich im Meere von dem aufgewühlten Boden; mit einer wirklichen, kalten Grabesstimmung sah ich dem bleichen Erich zu, ob das Wasser einen Finger breit unter die zwei ein halb Foot treten werde, dann half uns selbst der brausende Wind nicht mehr, welcher uns jetzt durchschleuderte, Ulrich drückte aus Leibeskräften mit dem Steuer hinaus.

Die drohende Spannung dauerte eine ganze Weile – es schien mir etwas Verhöhnendes darin zu liegen, auf dem Meere den Mangel an Wasser fürchten zu müssen, so weit man sah Wassers in Hülle und Fülle, um ganze Nationen zu verschlingen, Wasser just wegen seiner Ausdehnung und Tiefe dem Menschenleben gefährlich, und hier gerade nicht genug, um ein kleines Fahrzeug zu tragen. –

Knappe zwei ein halb Foot! Aufs Hintertheil Alles! Her an's Steuer! schrieen die Schiffer. Ich mußte den halb ohnmächtigen Uhrmacher aus der Kajüte reißen, er begriff nichts mehr, und es handelte sich jetzt darum, die Spitze des Schooners so flott und hochgehend zu machen, wie nur möglich.

Der Wind war á propos, er warf uns wie ein konsequenter Freund in der Noth hindurch, der Haken ging zu Ende, wir fanden tieferes Wasser, und nach überstandener Gefahr kam wie immer die beste Lustigkeit. Erich kochte nun endlich sein Schöpsenfleisch und der Uhrmacher mußte Kartoffeln dazu schaben; entschlossener Seehunger würzte das kleine Mahl, was türkisch mit den Fingern genossen wurde.

Gegen Abend hatte sich der stürmische Wind zu einem artigen Fahrwinde besänftigt; das Dampfboot Dronning Maria strich mit seiner fliegenden Rauchsäule nach Copenhagen an uns vorüber; bei tieferem Dunkel leuchtete uns der Swinemünder Leuchtthurm; das Meer nahm Abschied von uns, als wären wir ununterbrochen die besten Freunde gewesen.

Das erste Wort des Uhrmachers auf festem Boden war ein herzhafter Fluch, er hatte seine ganze Person wieder, und schnaubte rachedurstig nach einem Stück gebrat'nen Fleisches – o Torgau, Torgau! hätte ich deinen schwarzen Bären in der Nähe!

Ich setze voraus, daß in Torgau ein schwarzer Bär ist, obgleich man sich in keiner Weise auf den Uhrmacher verlassen konnte. Er schied mit einer Rede von mir.

Im Gesellschaftshause war glänzende Erleuchtung; bei näherem Zusehn fand sich ein Ball; ich eilte nach Hause, Luisa schlug die Hände über'm Kopfe zusammen, und wußte nicht genug von den vergessenen Buttersemmeln zu sagen, und sich zu verwundern, daß ich Frack und Schuhe heischen könnte, Abends um halb Neun.

Ein schönes Mädchen im Tanzsaale trug rothe Schleifen und tanzte vortrefflich Galopp; sie fragte, warum ich so spät käme? Mein Fräulein, der Peenemünder Haken hat meine Toilette verzögert, und der gemeinste Hunger nach einem Beefsteak hat mich im Nebenzimmer aufgehalten.

's ist erschrecklich heiß im Saale. – Draußen auf der Ostsee war's sehr kalt.

So stürzen die Menschenleben in einander, und wenn man's nicht aufschreibt, vergißt man's und Viele wissen's gar nicht, was sie Alles erlebt haben. Namentlich denken die Leute, in Pommern sei nichts zu erleben; die Thörichten! –

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