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Eine Fahrt nach Pommern und der Insel Rügen

Heinrich Laube: Eine Fahrt nach Pommern und der Insel Rügen - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
titleEine Fahrt nach Pommern und der Insel Rügen
authorHeinrich Laube
year1996
publisherEdition Temmen
addressBremen
isbn3-86108-120-2
pages3-163
created19990804
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1837
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10. Schill

»Es zog aus Berlin ein tapfrer Held!«

»Das Bett, in welchem Sie da liegen, sagte der Zöllner später, ist dasselbe, und es steht noch auf dem alten Flecke, wo Schill damals gelegen hat, als er hier in Ruden war mit seinem verwundeten Arm. O, das war ein hitziger Herr, um den es schade war; – ich hab' ihm manchmal den Arm verbunden!«

Was ist für hohes Gras über jene Zeit gewachsen, Schill in der schwarzen Husarenjacke ist nur hie und da noch auf einem Pfeifenkopfe zu sehn; es berührte mich wunderbar, hier in der Meer- und Sturmeseinsamkeit in solchen Bezug zu dem kühnen Partisan zu treten, der über den großen Geschichtsstrichen mehr und mehr vergessen wird.

Nicht einmal in unsre Jugend reicht er herein, da sein Leben noch ein Paar Jahre vor den russischen Feldzug zurückging, bis wohin höchstens unsre Kindeserinnerungen reichen. Aber die schwarzen Husaren, die Todtenköpfe, welche der Braunschweiger Herzog berühmt machte, galten uns immer für übermenschlich tapfer, und bei den schwarzen Husaren wurde denn Schill auch mitgenannt. Ein schwarzer Reiter mit einem Todtenkopfe sei er auch gewesen, so viel wußten wir. Noch weniger ahnten wir, daß er gar unser schlesischer Landsmann sei, im Jahr 1775 ist er in Schlesien geboren worden, und mit seinem Vater, der preußischer Obrist-Lieunant war, später nach Pommern gekommen.

Pommern war denn auch seine eigentliche Soldatenwiege und sein Soldatengrab.

Bei Jena ward er verwundet, kam nach Colberg, und unternahm von hier seine militairischen Streifzüge, die etwas so Romanhaftes an sich tragen, wie man's der soliden Provinz Pommern gar nicht ansehn sollte. Aber die Pommern sind einer der tapfersten Stämme, Tapferkeit ist Schwertpoesie und immer blutverwandt mit einer Gattung von Romantik. Mit zwei Dragonern von seinem Regimente begann Ferdinand von Schill seinen Privatkrieg gegen Napoleon. Der Kommandant von Colberg, dem für den Krieg die Romantik weniger empfehlenswerth schien, ließ Schill's Mannschaft auch nicht leicht über fünfzig bis sechzig Mann wachsen, damit schlug er eine kleine Schlacht bei Neugardt, und nahm den General Victor gefangen, der zur Auslösung Blüchers benutzt wurde.

Der Tilsiter Friede unterbrach seine streifende Ritterschaft. Die preußische Regierung war nicht so betäubt von ihrem ungeheuren Verluste, – das Wort Tilsit bedeutete den Verlust von halb Preußen – daß sie nicht Schill gewürdigt und belohnt hätte: er bekam ein Husarenregiment und sonstige Ehren.

Außerdem war er der norddeutsche Volksheld geworden, und lebte in jungen Liedern, in den hoffnungsbedürftigen Herzen, auf den Leierkasten, besonders in Berlin; hier hat er denn auch einen Moment des Ruhmes erlebt, der ein ganzes Leben von Bestrebungen aufwiegt – Ruhm ist ja immer nur ein Symptom von wenig Punkten, der Hauch einer Atmosphäre, der nur in einzelnen Augenblicken genossen werden kann, darum existirt er nicht für grobe Materialisten, welche Speisen vorzugsweise lieben, an welchen man lange kaut, und von denen man lange satt bleibt. Jener Hauch, der edle Naturen entzückt, wurde ihm, als er 1808 an der Spitze seines Regimentes in Berlin einrückte; dieser Tag war der Glanzpunkt seines Lebens. Obwohl man mitten im traurigen Frieden war, stürzte ihm doch Alles entgegen, Groß und Klein, Jung und Alt, Vornehm und Gering, aus den Fenstern wehten die Flaggen der Weiber. Hoch lebe Schill! rief man von allen Seiten. Die Thränen der Freude und Rührung, welche Ferdinand Schill damals weinte, sind der größte Genuß, welchen sein Vaterland zahlen konnte; Thränen sind ja immer das Höchste und Beste von Leid und Freude. Damals fand man den Husarendegen in allen Salons, schöne Frauen, Officiere und Gesandte machten ihm den Hof, in schöne Seide gewickelt ward ihm der Lohn seines barschen Reiterlebens.

Als nun im Jahre 9 der schwere Krieg Oesterreichs mit Napoleon ausbrach, hofften die Preußen, sie würden ebenfalls zu Kampf und Auswetzen der jüngsten Scharte kommen, und er ward von Vielen zu einer Expedition gedrängt, weil sie hofften, sein Losschlagen werde eine Nothwendigkeit des allgemeinen Losschlagens werden. »Schill muß fort, damit wir Alle fort müssen« war damals in Berlin die Loosung.

Schill war bereit: statt zum Exerciren führte er sein Regiment in einem Zuge von Berlin bis über die Grenze. Man hat in dieser Aktion die Wirksamkeit des »Jugendbundes« sehen wollen, und so viel man auch jetzt seit einiger Zeit dagegen gesagt hat, eine lebhafte Einwirkung dessen ist schwer abzuläugnen. Mitglieder des Bundes waren in seinem Zuge, wenn auch leicht zu glauben, daß der hitzige Partisan selbst nicht dazu gehörte, daß er den Eintritt mit den bekannten Worten abgelehnt: »ich bin ein Hitzkopf, und könnte leicht einen dummen Streich machen, was ich thun will, werd' ich allein thun, aber auch allein verantworten.«

Das Wagniß ward aber schnell durch den Schlag bei Regensburg ein verlornes, Napoleon drang nach Oesterreich hinein, Preußen trat nicht feindlich heraus, und mußte in die Achtserklärung Schills willigen, der allein den Krieg gegen den siegreichen Kaiser führte. Jérome, der König von Westphalen, in dessen Gebiet der Husar zunächst drang, setzte einen Preis von 10,000 Franken auf seinen Kopf, Napoleon ließ schonungslos jeden Gefangenen von Schills Truppen erschießen. Ein norddeutscher Aufstand in Masse war nicht reif; er focht an der Elbe umher, schlug das Treffen bei Dodendorf, mußte sich aber, obwohl sein Corps auf 6000 Mann angewachsen war, über Mecklenburg nach Pommern zurückziehen. Hier warf er sich nach Stralsund, und befestigte und schützte seine Reiter, so gut es für Reiter gehen konnte.

Napoleon mochte keine so herumfliegende Lunte um keinen Preis dulden, zehntausend Dänen und Holländer unter Gratien und Ewald legten sich vor Stralsund; Schill wollte sich und seine Leute der günstigeren Zeit oder einem günstigeren Terrain aufsparen, er trat unter sie, und schlug ihnen vor, in See zu gehn. Aber die Reiter hielten nichts vom Meere, das war ihnen ein fremdes unheimliches Element, auch mochten sie, die aus rein deutschem Patriotismus zu Pferd gestiegen waren, nur in Deutschland sich am Ort glauben, kurz entweder in Bornirtheit oder tollkühnem Muthe riefen sie ihm zu: so weit die Erde fest und der deutsche Himmel über uns ist, wollen wir ziehn, aber nie zu Schiffe!

So mußte denn Stralsund ein großes Reitergrab werden, die übermächtigen Feinde drangen nach wüthendem Kanonen- und Gewehrfeuer in die Stadt, und es entstand ein verzweiflungsvolles Säbelgemetzel in den alten pommerschen Straßen. Schill war hoch zu Roß mitten im Getümmel, und sein Säbel arbeitete wie der Spaten des Gärtners, den holländischen General Carteret hieb er zusammen, und gab ihm unter dem Schießen, Säbelklirren und Pferdetrampeln die Worte mit auf die letzte Reise: »Hundsfott, bestell' mir Quartier!«

Er brauchte es schnell, mein Zöllner erzählte Schills Tod specieller dahin: ein Landsmann habe unvorsichtig, erfreut über den Anblick des Tapfern, als dieser mit wenigen Reitern auf eine Lichtung der Straßen herausgesprengt sei, ausgerufen: »Sieh da, Schill, Schill!« es sei die Ueberzahl auf ihn eingestürzt, und unter den zahlreichen Säbeln sei er gefallen.

Ein stampfender Reitertod, der in den Demagogenliedern von Anno 17 mit dem alten, unheilsvollen »Stralesund!« noch heut von den Studenten gesungen wird.

Der Rudner Zöllner sagte: »Er war gar nicht besonders groß und stark, der Herr Major, sondern ein blasser, schmächtiger Herr, aber rasch und ungeduldig, und Säbelhiebe hatt' er überall. Als er damals hier auf Ihrem Bette lag, o, da war er manchmal böse, daß er den Arm nicht brauchen, und den Säbel nicht halten und nicht reiten könne. Jetzt ist's stille auf der Ostsee gegen damals.«

In jener Zeit erwarteten Viele in Schill einen patriotischen Helden in großem Stile, und Manche sagen es wohl heute noch – das heißt aber Schill's Wesenheit völlig verkennen.

Mittelmäßige Leute pflegen sich bei historischen Erscheinungen immer an diejenigen Personen zu halten, welche in einem kleinen Verhältnisse sich auszeichnen und früh sterben. Sie ergehen sich dann in Möglichkeiten, was Alles daraus hätte werden können, diese Möglichkeiten rechnen sie sich selbst mit an, weil sie ihre Erfindung sind, und so haben sie nicht nöthig, etwas Anderes anzuerkennen, als was halb ihr eigenes Machwerk ist. Diese Classe pries Moreau über Alles, der für seinen Ruhm zu lange lebte, sie sagt, Joubert und Désaix, die in Italien fielen, wären größer als Napoleon geworden, Theodor Körner hätte der größte deutsche Dichter werden können, Schill ein moderner Arminius.

Für sie existirt keine charakteristische Größe, die in ihrem Kreise beurtheilt und geschätzt werden kann, weil sie darin eine Mahnung finden, im eigenen Kreise mehr zu leisten, weil das Hinausschweifen in unklare, phantastische Möglichkeit keine Forderung an sie macht.

Schill hat sich selbst am Besten charakterisirt, als er bei Arneburg seine Soldaten mit den Worten anredete: Kameraden! Insurgenten sind wir nicht, wir wollen blos für unser Vaterland streiten, und unserm Könige die verlornen Länder wieder gewinnen; und wenn er das letzte Dorf hat, dann gehen wir alle nach Hause, und ich schwöre bei meiner Ehre, ich will nie mehr werden als preußischer Officier!

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