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Eine Evatochter

Honoré de Balzac: Eine Evatochter - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie falsche Geliebte
titleEine Evatochter
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204450
translatorOppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080711
modified20171219
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Die kleine Rue de Nevers war so schmal, daß der Wagen nicht hineinkonnte. Aber Schmuke wohnte in einem Eckhaus des Quais, und so brauchte die Gräfin nicht durch den Straßenschmutz zu gehen. Sie gelangte vom Trittbrett ihres Wagens fast unmittelbar in den schmutzigen, baufälligen Eingang des alten geschwärzten Hauses, das durch Eisenklammern zusammengehalten war, wie das Steingutgeschirr eines Portiers, und derart überhing, daß es die Passanten bedrohte. Der alte Kapellmeister wohnte im vierten Stock und hatte einen schönen Ausblick auf die Seine, vom Pont Neuf bis zu der Anhöhe von Chaillot. Der gute Mensch war so überrascht, als der Lakai ihm den Besuch seiner alten Schülerin meldete, daß er sie in seiner Bestürzung hereinkommen ließ. Nie hätte die Gräfin dies Dasein geahnt, das sich ihren Blicken darbot, oder es sich auch nur vorgestellt, obwohl sie seit lange Schmukes tiefe Verachtung für die Kleidung und seine geringe Anteilnahme an den Dingen der Welt kannte. Wer hätte dies In-den-Tag-hineinleben, diese völlige Sorglosigkeit für möglich gehalten? Schmuke war ein Diogenes der Musik, er schämte sich seiner Unordnung nicht. Er hätte sie sogar geleugnet, so sehr war er daran gewöhnt. Durch das fortwährende Rauchen aus einer mächtigen deutschen Pfeife hatten die Zimmerdecke und die elenden Tapeten, die an tausend Stellen von einer Katze zerschrammt waren, eine gelbliche Färbung erhalten, die allen Gegenständen das Aussehen reifender Kornfelder gab. Die Katze in ihrem prächtigen Seidenpelz, der den Neid einer Portierfrau erregt hätte, vertrat die Stelle der Hausfrau. Bärtig und ernst saß sie unbesorgt da und thronte meisterlich auf dem guten Wiener Klavier. Sie warf der Gräfin beim Eintreten jenen honigsüßen kalten Blick zu, mit dem jede, über ihre Schönheit erstaunte Frau sie begrüßt hätte. Sie rührte sich nicht, bewegte nur die Silberfäden ihres abstehenden Bartes und blickte dann Schmuke mit ihren Goldaugen an. Das Klavier war von gutem, schwarz und golden bemalten Holze, aber altersschwach und schmutzig. Die Farbe war verblichen und abgeplatzt, die Tasten abgenutzt wie alte Roßzähne und durch die Rußwolken der Pfeife vergilbt. Kleine Aschenhaufen auf dem Deckel verrieten, daß Schmuke Tags zuvor auf dem alten Instrument zu irgendeinem musikalischen Hexensabbat geritten war. Der Fußboden war bedeckt mit trocknem Schmutz, Papierfetzen, Pfeifenasche, undefinierbaren Überresten, wie der Fußboden eines Pensionats, wenn acht Tage nicht ausgekehrt ist, und die Dienste boten einen Haufen von Dingen zusammenfegen, die zwischen Müllhaufen und Lumpen schwanken. Ein geübteres Auge als das der Gräfin hätte darin Spuren von Schmukes Leben entdeckt: Kastanien und Kartoffelschalen, Eierschalen in Scherben von Tellern, die aus Unachtsamkeit zerbrochen und mit Sauerkraut beschmutzt waren. Dieser deutsche Müll bildete einen Teppich staubiger Abfälle, die unter den Schritten knirschten, und vermischte sich mit einem Aschenhaufen, der majestätisch aus einem bemalten Steinkamin herabfiel. In diesem thronte ein großes Stück Kohle, vor dem zwei Holzscheite zu schwelen schienen. Über dem Kamin befand sich ein Wandspiegel, in dem die Gestalten eine Sarabande tanzten; links hing die berühmte Pfeife, rechts ein chinesischer Topf, in dem der Professor seinen Tabak aufhob. Zwei Lehnstühle, die er irgendwo aufgekauft hatte, ebenso eine schmale flache Bettstelle, eine wurmstichige Kommode ohne Marmorplatte und ein lahmer Tisch, auf dem die Überreste eines frugalen Frühstücks standen, vervollständigten diese Einrichtung, die so einfach war wie die eines Wigwams der Mohikaner. Ein Rasierspiegel hing am Drehriegel des gardinenlosen Fensters und darüber ein durch das Reinigen des Rasiermessers streifiger Lappen – die einzigen Opfer, die Schmuke der Welt und den Grazien brachte.

Die Katze, ein schwaches, schutzbedürftiges Wesen, hatte es am besten. Sie erfreute sich eines alten Sofakissens, neben dem eine Tasse und ein weißer Porzellanteller standen. Keine Feder aber vermag zu beschreiben, in welchen Zustand Schmuke, die Katze und die Pfeife, diese lebendige Dreieinigkeit, den Hausrat versetzt hatten. Die Pfeife hatte Löcher in den Tisch gebrannt. Die Katze und Schmukes Kopf hatten den grünen Utrechter Samt der beiden Lehnstühle derart fettig gemacht, daß er seine Rauheit verloren hatte. Ohne den prächtigen Katzenschwanz, der zum Haushalt gehörte, wären die freien Stellen auf dem Klavier und der Kommode nie abgestaubt worden. In einer Ecke standen die Schuhe, die einer epischen Darstellung bedürften. Auf der Kommode und dem Klavier lagen Haufen von Notenbüchern mit abgeschabten, zerrissenen Rücken und ausgebleichten, abgestoßenen Ecken, aus denen die tausend Blätter des Inhalts hervorsahen. An den Wänden waren die Adressen der Schüler mit Oblaten angeklebt. Zahlreiche Oblaten ohne Papierzettel verrieten die früheren Adressen. Auf dem Papier standen Rechnungen in Kreide. Die Kommode schmückten leere Bierkrüge, die tags zuvor ausgetrunken waren; sie sahen inmitten dieses Gerümpels und dieses Papierwusts neu und glänzend aus. Die Körperpflege war durch einen Wasserkrug vertreten, der von einem Handtuch gekrönt war, und durch ein Stück weißer, blau gesprenkelter Küchenseife, die das Holz an mehreren Stellen rosig färbte. Zwei Hüte, einer so alt wie der andre, hingen an einem Kleiderständer neben dem alten Radmantel mit drei Kragen, den die Gräfin bei Schmuke von jeher kannte. Auf dem Fenstersims standen drei Blumentöpfe, jedenfalls deutsche Blumen, und dabei lag ein Stock aus Stechpalmenholz.

Obwohl Gefühl und Geruchsinn der Gräfin unangenehm berührt waren, verhüllte Schmukes Blick und Lächeln ihr diese Armseligkeiten mit himmlischen Strahlen. Er ließ die gelblichen Farben leuchten und belebte dies Chaos. Die Seele dieses göttlichen Mannes, der so viel himmlische Dinge kannte und offenbarte, strahlte wie eine Sonne. Sein so offenes, kindlich frohes Lachen beim Anblick einer seiner heiligen Cäcilien verbreitete den Glanz der Jugend, der Heiterkeit und der Unschuld. Er teilte die holdesten Schätze der Menschheit aus und schuf sich daraus einen Mantel, der seine Armut verhüllte. Der hochmütigste Emporkömmling hätte es vielleicht unvornehm gefunden, an die Umwelt zu denken, in der dieser prächtige Apostel des musikalischen Glaubens sein Leben führte.

»Hé, bar kel hassart, izi, tschère montame la gondesse? Welcher Zufall führt Sie hierher, liebe Frau Gräfin?« fragte er in seinem Kauderwelsch. »Vaudile kè che jande lei gandike te Zimion à mon ache? Soll ich in meinem Alter das Lied Simeons singen?«

Bei diesem Gedanken mußte er noch toller lachen.

»Souis-che en ponne fordine? Habe ich Glück?« fuhr er schalkhaft fort.

Dann lachte er wieder wie ein Kind.

»Vis fennez pir la misik, hai non pir ein baufre ôme. Che lei sais. Sie kommen wegen der Musik, nicht wegen eines armen Mannes. Das weiß ich,« sagte er schwermütig. »Mais fenez per tit ce ke vi foudresse, vis savez qu'ici tit este à visse, corpe, hâme, hai piens. Aber kommen Sie, weswegen es auch sei. Sie wissen, hier steht Ihnen alles zu Diensten, Leib und Seele, nicht wahr?«

Er ergriff die Hand der Gräfin, küßte sie und ließ eine Träne darauf fallen, denn der Biedermann war der erwiesenen Wohltat stets eingedenk. Seine Freude hatte ihm zwar einen Augenblick die Erinnerung geraubt, aber sie kehrte desto stärker zurück. Sofort griff er nach der Kreide, sprang auf den Lehnstuhl vor dem Klavier und schrieb mit der Geschwindigkeit eines Jünglings in großen Buchstaben auf das Papier: »17. Februar 1835«. Diese reizende, naive Bekundung seiner Dankbarkeit erfolgte mit solchem Ungestüm, daß die Gräfin tief bewegt war.

»Meine Schwester kommt auch,« sagte sie zu ihm.

»L' audre auzi? Gand? Gand? Ke cé soid afant qu'il meure! Die andre auch? Wann? Wann? Hoffentlich vor meinem Tode!« sagte er.

»Sie wird herkommen, um Ihnen für einen großen Dienst zu danken, um den ich Sie in ihrem Namen bitte,« fuhr sie fort.

»Fitte, fitte, fitte, fitte! Los! Los! Los! Los!« rief Schmuke. »Ké vaudille vaire? Vaudille hâler au tiaple? Was soll ich tun? Soll ich zum Teufel gehen?«

»Weiter nichts, als unter jeden dieser Zettel schreiben: Akzept für 10 000 Franken,« sagte sie und zog aus ihrem Muff vier Wechselformulare, die nach Nathans Anweisung ausgestellt waren.

»Hâ! ze zera piendotte vaidde! Ha, das ist bald besorgt!« entgegnete der Deutsche mit der Sanftmut eines Lammes. »Seulemente, che neu saite pas i se druffent messes blîmes et mon kangrier. Nur weiß ich nicht, wo meine Federn und mein Tintenfaß stecken. – Fattan te la, mein herr Mirr! Mach, daß du fortkommst, mein Herr Murr!« schrie er die Katze an, die ihn kalt anblickte. »Sei mon châs, das ist mein Kater,« sagte er, auf die Katze weisend. »C'es la baufre hânîmâle ki fit avècque li baufre Schmuke! Ille hai pô! Das ist das arme Tier, das mit dem armen Schmuke lebt! Es ist schön!«

»Ja,« sagte die Gräfin.

»Lé voullez-visse? Wollen Sie ihn haben?« fragte er.

»Wo denken Sie hin?« entgegnete sie. »Ist es nicht Ihr Freund?«

Der Kater, der vor dem Tintenfaß saß, merkte, daß er gemeint war, und sprang aufs Bett.

»Il êdre mâline gomme ein zinche. Er ist boshaft wie ein Affe,« fuhr er fort, auf das Bett deutend. »Ché lé nôme Mirr, pir clorivier nodre grand Hoffmann te Perlin, ke ché paugoube gonni. Ich nenne ihn Murr, zu Ehren unsres großen Hoffmann in Berlin, den ich gut gekannt habe.«

Der Biedermann unterschrieb mit der Harmlosigkeit eines Kindes, das dem Befehl seiner Mutter gehorcht, ohne sich etwas dabei zu denken, aber gewiß, etwas Gutes zu tun. Er beschäftigte sich weit mehr damit, den Kater der Gräfin vorzustellen, als die Schriftstücke zu prüfen, durch die er nach den Gesetzen über die Ausländer seine Freiheit zeitlebens verwirken konnte.

»Vis m'assurèze ke cesse bedis babières dimprés . . . Sie versichern mir, daß diese kleinen Stempelpapiere . . .«

»Haben Sie keinerlei Sorge,« sagte die Gräfin.

»Ché ne boind t'einkiétide, ich habe keinerlei Sorge,« wehrte er ab. »Che demande zi zes bedis babières dimprés veront blésir à montame ti Dilet? Ich frage nur, ob diese kleinen Stempelpapiere Frau du Tillet Freude machen werden?«

»O ja,« sagte sie. »Sie leisten ihr einen Dienst, als wären Sie ihr Vater . . .«

»Ché souis ton bien hireux te lui êdre pon à keke chausse. Ich bin also sehr froh, daß ich ihr in etwas dienlich sein kann. Andantez te mon misik! Hören Sie etwas Musik von mir!« sagte er, indem er die Wechsel auf dem Tisch liegen ließ und an sein Klavier sprang.

Schon eilten die Finger dieses Engels über die alten Tasten, schon drang sein Blick durch die Dächer gen Himmel, schon erblühte das holdeste aller Lieder in der Luft und durchdrang die Seele. Aber nur so lange ließ die Gräfin diesen naiven Dolmetscher himmlischer Dinge dem Holz und den Saiten Töne entlocken, wie Raffaels Heilige Caecilie vor den ihr lauschenden Engeln, bis die Unterschrift trocken war. Dann schob sie die Wechselbriefe wieder in ihren Muff und rief ihren strahlenden Lehrer durch einen leichten Schlag auf die Schulter aus den ätherischen Räumen zurück, in denen er schwebte.

»Mein guter Schmuke!« sagte sie.

»Téchâ! Schon!« rief er mit schmerzlicher Unterwerfung aus. »Bourkoi êdes-vis tonc fennie? Warum sind Sie denn gekommen?«

Er murrte nicht. Er richtete sich wie ein treuer Hund auf, um der Gräfin zuzuhören.

»Mein guter Schmuke,« wiederholte sie, »es handelt sich um eine Sache, von der Leben und Tod abhängt. Die Minuten sparen Blut und Tränen.«

»Tuchurs la même, stets die Alte,« sagte er. »Hallèze, anche! zécher les plirs tes audres! Zachèsse ké leu baufre Schmuke gomde fodre viside pir plis ké fos randes! Gehen Sie, Engel, und trocknen Sie anderer Tränen! Glauben Sie mir; dem armen Schmuke gilt Ihr Besuch mehr als Ihre Rente!«

»Wir sehen uns wieder!« sagte sie. »Kommen Sie jeden Sonntag zu mir, um Musik zu treiben und bei mir zu essen, sonst bin ich Ihnen böse. Ich erwarte Sie nächsten Sonntag.«

»Frai? Wirklich?«

»Ich bitte Sie darum. Meine Schwester wird Ihnen sicher auch einen Tag angeben.«

»Ma ponhire zera tonc gomblète. Mein Glück wird also vollkommen sein,« sagte er, »gar che ne vis foyais gaux Champes-Hailyssées, gand vis y bassièze han foidire, pien raremente! Denn ich sah Sie nur bisweilen in den Champs Elysées, wenn Sie im Wagen fuhren, höchst selten!«

Diese Aussicht trocknete die Tränen, die ihm aus den Augen quollen, und er bot seiner schönen Schülerin den Arm. Sie fühlte das Herz des Greises heftig pochen.

»Sie dachten also an uns?« fragte sie ihn.

»Tuchurs en manchant mon bain. Stets, wenn ich mein Brot aß,« entgegnete er. »T'aport gomme hà mes pienfaidrices, et puis gomme au teusse bremières cheunes files tignes t'armur ké chaie fies! Zuerst an meine Wohltäterinnen und dann an die zwei ersten jungen Mädchen, die ich sah, die der Liebe würdig sind.«

Die Gräfin wagte nichts mehr zu sagen. In diesen Worten lag eine unsägliche, ehrerbietige, treue und religiöse Feierlichkeit. Dies verräucherte Stübchen voll alten Gerümpels war ein Tempel, in dem zwei Gottheiten wohnten. Das Gefühl wuchs darin mit jeder Stunde, denen unbewußt, die es einflößten.

»Dort,« sagte sie sich, »werden wir also geliebt, wirklich geliebt.«

Die innere Erregung, mit der der alte Schmuke die Gräfin ihren Wagen besteigen sah, hatte auch sie ergriffen. Sie warf ihm mit den Fingerspitzen eine jener zierlichen Kußhände zu, mit denen die Damen sich aus der Entfernung guten Tag zuwinken. Bei diesem Zeichen blieb Schmuke lange wie angewurzelt stehen, auch nachdem der Wagen verschwunden war. Kurz darauf fuhr die Gräfin in den Hof des Hauses Nucingen ein. Die Baronin war noch nicht aufgestanden; um aber eine Dame von Stand nicht warten zu lassen, warf sie einen Morgenrock und einen Schal um.

»Es handelt sich um ein gutes Werk, Frau Baronin,« sagte die Gräfin. »Geschwindigkeit ist in diesem Falle eine Gnade. Sonst hätte ich Sie nicht so früh gestört.«

»Wieso! Ich bin ja hoch erfreut,« versetzte die Bankiersgattin und nahm die vier Wechselbriefe und die Bürgschaft der Gräfin in Empfang. Dann schellte sie nach ihrer Kammerzofe.

»Therese, sagen Sie dem Kassierer, er soll mir persönlich sofort 40 000 Franken heraufbringen.«

Dann versiegelte sie das Schriftstück der Frau von Vandenesse und legte es in eine Geheimschublade ihres Tisches.

»Sie haben ein reizendes Zimmer,« versetzte die Gräfin.

»Mein Gatte will es mir fortnehmen; er läßt ein neues Haus bauen.«

»Dies Haus bekommt dann wohl Ihr Fräulein Tochter? Man spricht ja von ihrer Ehe mit Rastignac.«

Der Kassierer erschien, als Frau von Nucingen antworten wollte. Sie nahm die Banknoten und gab ihm die vier Wechselbriefe.

»Das gleicht sich aus,« sagte sie zu dem Kassierer. »Sauve l'esgomde, ohne den Diskont,« sagte der Kassierer. »Sti Schmuke, il êdre ein misicien te Ansbach. Sieh da, Schmuke, das ist ein Musiker aus Ansbach,« setzte er hinzu, als er die Unterschrift erkannte. Die Gräfin erblaßte.

»Mache ich denn Geschäfte?« fragte Frau von Nucingen und schalt den Kassierer mit einem hochmütigen Blick. »Das ist meine Sache.«

Umsonst schielte der Kassierer abwechselnd die Gräfin und die Baronin an; ihre Mienen blieben unbeweglich.

»Gehen Sie, lassen Sie uns,« sagte Frau von Nucingen. Und zu Frau von Vandenesse: »Seien Sie so freundlich, noch ein Weilchen zu bleiben, damit die Leute nicht denken, daß Sie an der Sache beteiligt sind.«

»Ich möchte Sie bitten,« fügte die Gräfin hinzu, »mir nach so vielen Gefälligkeiten auch noch die zu erweisen, das Geheimnis zu wahren.«

»Bei einem guten Werk ist das selbstverständlich,« antwortete die Baronin lächelnd. »Ich lasse Ihren Wagen ans Ende des Gartens schicken; er fährt ohne Sie ab. Wir gehen dann zusammen durch den Garten, niemand sieht Sie das Haus verlassen. So bleibt alles völlig unerklärlich.«

»Sie haben die Grazie einer Frau, die viel gelitten hat,« versetzte die Gräfin.

»Ich weiß nicht, ob ich Grazie besitze, aber viel gelitten habe ich,« sagte die Baronin. »Sie haben die Ihre hoffentlich billiger erworben.«

Die Baronin ließ sich Pelzpantoffeln und einen Pelz bringen und geleitete die Gräfin zu der kleinen Gartenpforte.

Wenn ein Mann einen Plan gesponnen hat, wie du Tillet gegen Nathan, so vertraut er ihn niemanden an. Nucingen wußte zwar darum, aber seine Frau stand diesen machiavellistischen Berechnungen völlig fern. Allerdings ließ sich die Baronin, die von Raouls Verlegenheit wußte, von den beiden Schwestern nicht irreführen. Sie hatte wohl erraten, in welche Hände dies Geld kommen sollte. Es war ihr aber sehr lieb, die Gräfin zu Dank zu verpflichten; zudem hatte sie tiefes Mitgefühl mit derartigen Verlegenheiten. Rastignac, der die Machenschaften der beiden Bankiers zu durchschauen vermochte, kam zum Frühstück zu Frau von Nucingen. Delphine und Rastignac hatten vor einander keine Geheimnisse; sie erzählte ihm den Vorfall mit der Gräfin. Rastignac konnte sich nicht vorstellen, daß die Baronin je in diese Sache hätte verwickelt sein können, die übrigens in seinen Augen nur eine Nebensache war, ein Mittel unter vielen andern. Er erklärte sie ihr also. Delphine hatte vielleicht du Tillets Wahlaussichten zerstört, die Irreführungen und Opfer eines ganzen Jahres vereitelt. Rastignac weihte die Baronin also ein und empfahl ihr, den begangenen Fehler geheim zu halten.

»Vorausgesetzt,« sagte sie, »daß der Kassierer meinem Gatten nichts sagt.«

Kurz vor Mittag, als du Tillet frühstückte, wurde Gigonnet gemeldet.

»Er soll hereinkommen,« entschied der Bankier, obwohl seine Frau bei Tische saß. »Na, alter Shylock, ist unser Mann eingesperrt?«

»Nein.«

»Wieso? sagte ich Ihnen nicht: Rue du Mail, Hotel . . .«

»Er hat bezahlt,« versetzte Gigonnet und zog vier Banknoten aus seiner Tasche.

Du Tillet machte eine verzweifelte Miene.

»Man soll die Taler nie unfreundlich empfangen,« sagte du Tillets Helfershelfer kaltblütig. »Das kann Unglück bringen.«

»Wo haben Sie das Geld her, Madame?« fragte der Bankier und warf seiner Frau einen Blick zu, bei dem sie bis in die Haarwurzeln errötete.

»Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen,« entgegnete sie.

»Ich werde schon hinter dies Geheimnis kommen,« antwortete er und stand wütend auf. »Sie haben meine schönsten Pläne umgeworfen«

»Sie werden Ihr Frühstück umwerfen,« sagte Gigonnet und hielt das Tischtuch fest, das sich in den Zipfel von du Tillets Schlafrock verwickelt hatte.

Frau du Tillet stand kalt auf, um hinauszugehen; dies Wort hatte ihr Schrecken eingejagt. Sie klingelte. Ein Kammerdiener erschien.

»Meinen Wagen,« sagte sie zu ihm. »Rufen Sie Virginie, ich will mich ankleiden.«

»Wohin fahren Sie?« fragte du Tillet.

»Ein wohlerzogener Gatte fragt seine Frau nicht,« antwortete sie, »und Sie beanspruchen doch, sich als Gentleman zu benehmen.«

»Ich erkenne Sie seit den zwei Tagen nicht wieder, wo Sie Ihre unverschämte Schwester zweimal gesehen haben.«

»Sie haben mich gelehrt, unverschämt zu sein,« sagte sie. »Ich folge Ihrem Rat.«

»Ihr Diener, gnädige Frau,« sagte Gigonnet, den diese eheliche Szene wenig reizte.

Du Tillet blickte seine Frau starr an. Sie blickte ihn ebenso an, ohne die Augen niederzuschlagen.

»Was bedeutet das?« fragte er.

»Daß ich kein kleines Kind mehr bin, dem Sie Angst machen können!« erwiderte sie. »Ich bin gegen Sie eine treue und gute Frau und werde es zeitlebens sein. Sie können mein Herr sein, wenn Sie wollen, aber ein Tyrann – nein!«

Du Tillet ging. Nach dieser Kraftanstrengung kehrte Marie Eugenie niedergeschlagen in ihr Zimmer zurück.

»Ohne die Gefahr, in der meine Schwester schwebt,« sagte sie sich, »hätte ich ihm nie zu trotzen gewagt. Aber wie das Sprichwort sagt: Jedes Unglück hat auch sein Gutes.«

In der Nacht überdachte Frau du Tillet noch einmal die Anvertrauungen ihrer Schwester. Da sie Raoul gerettet wußte, stand ihr Geist nicht mehr unter dem Druck dieser drohenden Gefahr. Sie erinnerte sich an die furchtbare Entschlossenheit der Gräfin, als sie sagte, sie wollte mit Nathan fliehen, um ihn über sein Unglück zu trösten, wenn sie es nicht verhindern könnte. Sie begriff, daß dieser Mann ihre Schwester durch ein Übermaß von Dankbarkeit und Liebe bestimmen konnte, etwas zu tun, was die verständige Eugenie für eine Wahnsinnstat hielt. In den höchsten Gesellschaftskreisen waren solche Entführungen neuerdings mehrfach vorgekommen, und der Lohn für ihre ungewissen Freuden bestand in Reue, in der Mißachtung, die jede schiefe gesellschaftliche Stellung mit sich bringt. Eugenie gedachte dieser schrecklichen Folgen. Du Tillets Wort hatte ihren Schrecken bis zum äußersten gesteigert. Sie fürchtete, daß alles herauskäme, sah die Unterschrift der Gräfin von Vandenesse in der Brieftasche des Hauses Nucingen, wollte ihre Schwester anflehen, ihrem Gatten alles zu beichten.

Frau du Tillet traf die Gräfin nicht zu Hause. Nur Felix war da. Eine innere Stimme rief ihr zu, ihre Schwester zu retten. Vielleicht war es morgen zu spät. Sie nahm viel auf sich, aber sie entschloß sich, dem Grafen alles zu sagen. Würde er keine Nachsicht üben, da seine Ehre noch unangetastet war? Die Gräfin hatte sich doch nur verirrt, sie war nicht verdorben. Eugenie fürchtete zwar, feige und verräterisch zu sein, indem sie diese Geheimnisse preisgab, die von der gesamten Gesellschaft mit seltner Einmütigkeit gehütet werden. Aber schließlich dachte sie an die Zukunft ihrer Schwester. Sie zitterte, sie eines Tages verlassen zu sehen, von Nathan zugrunde gerichtet, arm, leidend, unglücklich, verzweifelt. Da zauderte sie nicht länger und bat den Grafen, sie zu empfangen. Felix war über ihren Besuch erstaunt. Er hatte mit seiner Schwägerin eine lange Unterredung, in der er so ruhig, so voller Selbstbeherrschung blieb, daß sie zitterte, er möchte einen furchtbaren Entschluß fassen.

»Beunruhigen Sie sich nicht,« sagte Vandenesse zu ihr. »Ich werde mich so benehmen, daß die Gräfin Sie noch einmal segnen wird. So sehr es Ihnen widerstreben mag, ihr gegenüber zu schweigen, nachdem Sie mich aufgeklärt haben, geben Sie mir ein paar Tage Zeit. Ich brauche ein paar Tage, um hinter Geheimnisse zu kommen, die Sie nicht bemerken, und vor allem, um mit Umsicht zu handeln. Vielleicht erfahre ich alles auf einmal! Schuldig bin ich allein, Schwägerin. Alle Verliebten spielen ihr Spiel, aber nicht alle Frauen haben das Glück, das Leben so zu sehen, wie es ist.«

Frau du Tillet verließ ihn beruhigt. Felix von Vandenesse hob sofort 40 000 Franken bei der Bank von Frankreich ab und fuhr zu Frau von Nucingen. Er traf sie, dankte ihr für das Vertrauen, das sie seiner Frau bewiesen hatte, und gab ihr das Geld zurück. Der Graf erklärte diese geheimnisvolle Anleihe mit den Torheiten eines Wohltätigkeitsdranges, dem er Schranken setzen wollte.

»Geben Sie mir keine Erklärungen, Herr Graf,« sagte die Baronin von Nucingen, »denn Ihre Gattin hat Ihnen ja alles gestanden.«

»Sie weiß alles,« sagte sich Vandenesse.

Die Baronin gab ihm die Bürgschaft zurück und ließ die vier Wechselbriefe holen. Währenddessen schaute Vandenesse die Baronin mit dem feinen Blick des Staatsmannes an, der sie fast beunruhigte. Ihm schien die Stunde für Verhandlungen günstig. »Wir leben in einer Zeit, Frau Baronin, wo nichts sicher ist,« begann er. »Die Throne erheben sich und verschwinden in Frankreich mit erschreckender Schnelligkeit. Fünfzehn Jahre genügen für ein großes Kaiserreich, eine Monarchie und eine Revolution. Niemand könnte es wagen, für die Zukunft zu bürgen. Sie wissen, ich bin Legitimist. Diese Worte haben in meinem Munde nichts Sonderbares. Nehmen Sie eine Katastrophe an: wären Sie nicht froh, einen Freund in der siegreichen Partei zu haben?«

»Gewiß,« lächelte sie.

»Nun wohl, wollen Sie in mir einen Mann haben, der Ihnen insgeheim verpflichtet ist und der Ihrem Gemahl unter Umständen zu dem verhilft, wonach er strebt, zum Pair von Frankreich?«

»Was wollen Sie von mir?« rief sie aus.

»Wenig,« antwortete er. »Alles, was Sie über Nathan wissen.«

Die Baronin wiederholte ihm, was sie am Morgen mit Rastignac gesprochen hatte. Als sie dem früheren Pair von Frankreich die vier Wechselbriefe zurückgab, die der Kassierer ihr gebracht hatte, sagte sie:

»Vergessen Sie Ihre Zusage nicht.«

Vandenesse vergaß diese blendende Zusage so wenig, daß er sie auch vor dem Baron von Rastignac leuchten ließ, um ein paar andre Auskünfte zu erhalten.

Als er ihn verließ, diktierte er einem Straßenschreiber einen Brief an Florine.

»Wenn Fräulein Florine die erste Rolle wissen will, die sie spielen wird, so wird sie gebeten, zum nächsten Opernball zu kommen und Herrn Nathan mitzubringen.«

Als er den Brief zur Post gegeben hatte, ging er zu seinem Agenten, einem geriebenen und gewandten, aber ehrlichen Burschen. Ihn bat er, die Rolle eines Freundes zu spielen, dem Schmuke den Besuch der Frau von Vandenesse anvertraut hatte, weil er sich nachträglich über die Bedeutung der viermal geschriebenen Worte Akzept für 10 000 Franken Sorgen gemacht hätte. Er sollte Herrn Nathan um einen Wechselbrief von 40 000 Franken als Gegenwert bitten. Das hieß ein hohes Spiel spielen. Nathan konnte schon erfahren haben, wie die Dinge verlaufen waren, aber hier galt es, etwas zu wagen, um viel zu gewinnen. Marie konnte in ihrer Verwirrung wohl vergessen haben, ihren Raoul um einen Gegenwert für Schmuke zu bitten. Der Geschäftsmann ging sofort zur Zeitung und kehrte um 5 Uhr triumphierend mit einem Gegenwert von 40 000 Franken zurück. Schon bei den ersten Worten, die er mit Nathan wechselte, hatte er sich als Abgesandter der Gräfin hinstellen können.

Dieser Erfolg zwang Felix, seine Frau daran zu hindern, Raoul bis zu dem Opernball zu sehen. Er wollte selbst mit ihr hingehen und ihr Gelegenheit geben, sich aus eigener Anschauung ein Bild von Raouls Beziehungen zu Florine zu machen. Kannte er doch den eifersüchtigen Stolz der Gräfin. Sie selbst sollte auf ihre Liebe verzichten und nicht vor seinen Augen zu erröten brauchen. Auch wollte er ihr zur gegebenen Zeit ihre Briefe an Nathan zeigen, die er Florine abzukaufen hoffte. Dieser klug angelegte, rasch entworfene und teils schon ausgeführte Plan konnte durch ein Spiel des Zufalls scheitern, der auf Erden alles vereitelt.

Nach der Hauptmahlzeit brachte Felix das Gespräch auf den Opernball und bemerkte, daß Marie ihn noch nie besucht hatte. Er schlug ihr also diese Zerstreuung für den nächsten Tag vor.

»Ich werde dir jemand zum Necken geben,« sagte er.

»Oh, das wird mir viel Spaß machen.«

»Damit der Scherz recht gut wird, muß eine Frau sich eine schöne Beute auswählen, eine Berühmtheit, einen geistreichen Mann, und ihn zum Teufel schicken. Soll ich dir Nathan ausliefern? Ich erfahre durch einen, der Florine kennt, Geheimnisse, die ihn rasend machen werden.«

»Florine?« fragte die Gräfin. »Die Schauspielerin?«

Marie hatte den Namen schon von Quillet gehört, dem Bureaudiener der Zeitung; er durchfuhr ihre Seele wie ein Blitz.

»Nun ja, seine Geliebte,« antwortete der Graf. »Ist das so wunderbar?«

»Ich dachte, Herr Nathan wäre viel zu beschäftigt, um eine Geliebte zu haben. Haben die Schriftsteller überhaupt Zeit zum Lieben?«

»Ich sage nicht, daß sie lieben, Verehrteste. Aber sie müssen doch irgendwo wohnen, wie jeder Sterbliche, und wenn sie keine eigene Häuslichkeit haben, wenn sie von Gerichtsbeamten verfolgt werden, wohnen sie bei ihren Geliebten. Das mag dir locker erscheinen, ist aber ungleich angenehmer, als im Gefängnis zu wohnen.«

Das Feuer war nicht so heiß, wie die Wangen der Gräfin.

»Willst du ihn zum Opfer haben? Du wirst ihm einen Schrecken einjagen,« fuhr der Graf fort, ohne auf den Ausdruck seiner Gattin zu achten. »Ich werde dich in den Stand setzen, ihm zu beweisen, daß dein Schwager du Tillet ihn wie ein Kind an der Nase herumführt. Der Elende will ihn ins Gefängnis bringen, um ihn in dem Wahlkreise unmöglich zu machen, in dem Nucingen aufgestellt ist. Ich weiß durch einen Freund von Florine, was der Verkauf ihrer Einrichtung eingebracht hat. Dies Geld hat sie ihm zur Gründung seiner Zeitung gegeben. Ich weiß auch, was sie ihm von den Summen geschickt hat, die sie dies Jahr auf ihren Gastspielreisen in der Provinz und in Belgien eingeheimst hat. Dies Geld kommt letzten Endes du Tillet, Nucingen und Massol zugute. Alle drei haben die Zeitung im voraus dem Ministerium verkauft, so sicher sind sie, diesen großen Mann hinauszudrängen.«

»Herr Nathan ist unfähig, von einer Schauspielerin Geld anzunehmen.«

»Du kennst diese Art Leute nicht, Liebste,« sagte der Graf. »Er wird dir die Tatsache nicht abstreiten.«

»Ich werde bestimmt auf den Ball gehen.«

»Du wirst dich amüsieren,« fuhr Vandenesse fort. »Mit solchen Waffen wirst du Nathans Eigenliebe einen harten Schlag versetzen und ihm einen Dienst erweisen. Du wirst sehen, wie er in Wut gerät, sich beruhigt, unter deinen spitzen Bemerkungen hochfährt! Ganz im Scherze wirst du einen geistreichen Mann über die Gefahr aufklären, in der er schwebt, und du wirst die Freude haben, die Pferde der goldnen Mittelstraße in ihrem Stall toben zu lassen . . . Du hörst mir nicht mehr zu, liebes Kind.«

»Im Gegenteil, ich höre dir zu sehr zu,« entgegnete sie. »Ich werde dir später sagen, warum mir daran liegt, Gewißheit über das alles zu erlangen.«

»Gewißheit?« wiederholte Vandenesse. »Bleib maskiert. Ich werde es so einrichten, daß du mit Nathan und Florine soupierst. Es wird für eine Frau deines Ranges recht spaßhaft sein, eine Schauspielerin zu ängstigen, nachdem du den Geist eines berühmten Mannes um so wichtige Geheimnisse herumgehetzt hast. Du spannst beide an die gleiche Mystifikation an. Ich werde mich auf die Spur von Nathans Untreue begeben. Kann ich Einzelheiten über ein Abenteuer neuen Datums erfahren, so wirst du den Zorn einer Kurtisane genießen, eine prächtige Sache! Florines Zorn wird wie ein Gießbach in den Alpen sein. Sie betet Nathan an; er ist ihr ein und alles. Sie hängt an ihm, wie das Fleisch an den Knochen, die Löwin an ihren Jungen. Ich entsinne mich aus meiner Jugend einer berühmten Schauspielerin, die wie eine Köchin schrieb und von einem meiner Freunde ihre Briefe zurückverlangte. Seitdem habe ich einen solchen Auftritt nicht mehr erlebt, solche stille Wut, solche unverschämte Majestät, solch indianerhaftes Benehmen. Ist dir nicht wohl, Marie?«

»Nein, das Feuer ist zu stark.«

Die Gräfin warf sich auf ein Sofa. Plötzlich wurde sie von einer jener Regungen ergriffen, die sich unmöglich voraussehen lassen, einer Folge des verzehrenden Schmerzes der Eifersucht. Sie richtete sich auf ihren zitternden Beinen empor, verschränkte die Arme und schritt langsam auf ihren Gatten zu.

»Was weißt du?« fragte sie ihn. »Du bist nicht der Mann, mich zu quälen. Du brächtest mich um, ohne mich leiden zu lassen, falls ich schuldig wäre.«

»Was soll ich denn wissen, Marie?«

»Nun, Nathan?«

»Du glaubst ihn zu lieben,« entgegnete er. »Aber du liebst ein Hirngespinst, das aus Phrasen besteht.«

»Du weißt also . . .?«

»Alles,« sagte er.

Dies Wort fiel wie ein Keulenschlag auf Maries Haupt.

»Wenn du willst,« fuhr er fort, »will ich nie etwas wissen. Du bist in einen Abgrund geraten, mein Kind. Ich muß dich herausziehen. Ich habe bereits daran gedacht.«

Er zog die Bürgschaft und die vier Wechselbriefe von Schmuke aus der Tasche. Die Gräfin erkannte sie. Er warf sie ins Feuer.

»Was wäre aus dir in drei Monaten geworden, arme Marie? Du wärest von den Gerichtsdienern vor die Schranken gezerrt worden. Blicke nicht nieder, demütige dich nicht. Du warst ein Opfer der schönsten Gefühle. Du hast mit der Poesie geliebäugelt, nicht mit einem Manne. Alle Frauen, alle, verstehst du, Marie, wären an deiner Stelle verführt worden. Wir Männer, die wir in zwanzig Jahren tausend Torheiten begangen haben, wären recht töricht, zu verlangen, daß ihr kein einziges Mal in eurem Leben unvernünftig seid! Gott behüte mich, über dich zu triumphieren, oder dich mit einem Mitleid zu demütigen, das du neulich so heftig zurückwiesest. Vielleicht meinte der Unglücksmann es ehrlich, als er dir schrieb, ehrlich, als er Selbstmord beging, ehrlich, als er am selben Abend zu Florine zurückkehrte. Wir sind weniger wert als ihr. Ich rede hier nicht für mich; sondern für dich. Ich bin nachsichtig, aber die Gesellschaft ist es nicht, sie meidet eine Frau, die Aufsehen erregt hat. Sie will nicht, daß sich vollkommenes Glück mit Achtung paart. Ob das recht ist, weiß ich nicht. Die Welt ist grausam, das ist alles. Vielleicht ist sie im ganzen neidischer, als im einzelnen. Ein Dieb, der im Theater sitzt, klatscht beim Siege der Unschuld Beifall und nimmt ihr beim Hinausgehen ihre Schmucksachen ab. Die Gesellschaft weigert sich, die Übel zu lindern, die sie selbst erzeugt. Sie erweist dem geschickten Betrüger alle Ehren und hat keinen Lohn für die unbekannte Hingebung. Ich kenne und sehe das alles. Aber ich kann die Welt nicht verbessern. Zum mindesten aber steht es in meiner Macht, dich vor dir selbst zu schützen. Es handelt sich hier um einen Mann, der dir nichts als Unglück bringt, nicht um jene heilige, weihevolle Liebe, die uns bisweilen Entsagung gebietet und ihre Entschuldigung in sich trägt. Vielleicht war es unrecht von mir, dein Glück nicht abwechslungsreicher zu gestalten und den stillen Freuden keine unruhigen Vergnügungen, Reisen und Zerstreuungen entgegenzusetzen. Ich kann mir übrigens sehr wohl erklären, was dich einem berühmten Manne entgegengetrieben hat. Es war der Neid, den du bei einigen Damen erregtest. Lady Dudley, Frau von Espard, Frau von Manerville und meine Schwägerin Emilie sind mitschuldig daran. Die Damen, vor denen ich dich gewarnt hatte, haben deine Neugier bestärkt, mehr, um mir Kummer zu machen, als um dich in die Stürme hineinzustoßen, die hoffentlich über dich hingebraust sind, ohne dich zu berühren.«

Bei diesen gütigen Worten wurde die Gräfin von tausend widersprechenden Empfindungen ergriffen. Aber den Sturm überglänzte eine lebhafte Bewunderung für Felix. Edle und stolze Seelen erkennen sofort das Zartgefühl, mit dem man sie behandelt. Dieser Takt ist für die Seelen das gleiche, wie die Anmut für den Leib. Marie würdigte diese Hochherzigkeit, die sich bemühte, sich vor einer strauchelnden Frau zu demütigen, um ihr das Erröten zu ersparen. Sie lief wie wahnsinnig fort und kehrte wieder um, in dem Gedanken, dies Benehmen könnte ihren Gatten besorgt machen. »Warte einen Augenblick,« sagte sie und verschwand.

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