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Eine Evatochter

Honoré de Balzac: Eine Evatochter - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie falsche Geliebte
titleEine Evatochter
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204450
translatorOppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080711
modified20171219
projectid61a61b23
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Unglücklicherweise war diese Maßnahme schon getroffen, als Florine mit etwa 50 000 Franken zurückkehrte. Statt sich nun eine Reserve zu schaffen, täuschte Raoul sie über seine Lage und veranlaßte sie, sich mit dem Gelde neu einzurichten. Er glaubte an seinen Erfolg, weil er ihn nötig hatte, und es demütigte ihn, daß er das Geld der Schauspielerin angenommen hatte. Er fühlte sich durch seine Liebe innerlich gewachsen und durch die arglistigen Lobreden seiner Schmeichler geblendet. Unter solchen Umständen wurde eine prunkvolle Lebensführung zur Notwendigkeit. Die Schauspielerin, die nicht erst dazu gedrängt zu werden brauchte, machte 30 000 Franken Schulden. Florine bezog ein ganzes Haus in der Rue Pigalle, das reizend eingerichtet wurde, und in dem sich ihre alte Gesellschaft wieder einstellte. Das Haus einer Person vom Range Florines war ein neutraler Boden, sehr vorteilhaft für ehrgeizige Politiker, die, wie Ludwig XIV. in Holland, bei Raoul ohne Raoul verhandelten.

Raoul hatte für die Schauspielerin zu ihrem Wiederauftreten ein Stück reserviert, dessen Hauptrolle ihr vorzüglich lag. Dies Vaudevilledrama sollte Raouls Abschied von der Bühne sein. Die Zeitungen, die ihre Gefälligkeit für Raoul nichts kostete, brachten Florine im voraus eine solche Ovation dar, daß die Comédie Française von einem Engagement sprach. Die Feuilletons feierten Florine als Erbin von Mademoiselle Mars.

Dieser Triumph betäubte die Schauspielerin derart, daß sie es unterließ, Nathans tatsächliche Lage zu sondieren. Sie lebte in einem wahren Festtaumel. Als Königin dieses Hofes voller Bittsteller, die sich um sie drängten, der eine wegen seines Buches, der andere wegen seines Stückes, wegen seiner Tänzerin, wegen seines Unternehmens oder wegen einer Reklame, gab sie sich allen Freuden bin, die die Macht der Presse bereitet, und erblickte darin schon das Morgenrot des ministeriellen Ansehens. Die Leute, die bei ihr verkehrten, erzählten ihr, Nathan sei ein großer Politiker. Nathan hätte Recht mit seinem Unternehmen, er würde Deputierter werden und für eine Weile zweifellos Minister, wie so viele andre. Schauspielerinnen sagen selten nein, wenn ihnen etwas schmeichelt. Florine besaß nach dem Feuilleton zuviel Talent, um der Zeitung und ihren Machern zu mißtrauen. Der Mechanismus der Presse war ihr zu unbekannt, um sich über die Mittel Sorge zu machen. Mädchen vom Schlage Florines sehen immer nur die Ergebnisse.

Was Nathan betraf, so glaubte er seit dieser Zeit, daß er bei der nächsten Sitzungsperiode in die politische Laufbahn gelangen würde, und zwar mit zwei früheren Journalisten, deren einer damals Minister war und sich bemühte, seine Kollegen wegzubeißen, um seine eigene Stellung zu befestigen. Nach sechsmonatlicher Abwesenheit sah Nathan Florine gern wieder und sank nachlässig in seine alten Gewohnheiten zurück. Das schwere Geflecht seines Lebens durchwirkte er mit den schönsten Blumen seiner idealen Liebe und mit den Freuden, die Florine ihm spendete. Seine Briefe an Marie waren Meisterwerke von Liebe, Anmut und Stil. Nathan machte sie zur Leuchte seines Lebens und unternahm nichts, ohne seinen guten Geist zu befragen. Voller Verzweiflung, daß er auf Seiten des Volkes stand, wollte er bisweilen die Partei der Aristokratie ergreifen, aber trotzdem er an Gewaltstreiche gewöhnt war, sah er die völlige Unmöglichkeit ein, von links nach rechts zu schwenken; jetzt wurde er leichter Minister. Maries kostbare Briefe verwahrte er in einer Mappe mit Geheimschloß, wie sie Huret und Fichet liefern, jene beiden Mechaniker, die sich in Paris mit Annoncen und Anschlägen herausforderten, wer die zuverlässigsten Sicherheitsschlösser herstellte. Diese Mappe blieb in Florines neuem Boudoir, in dem Raoul arbeitete. Niemand ist leichter zu täuschen, als eine Frau, der man alles zu sagen pflegt. Sie hegt keinerlei Mißtrauen, glaubt alles zu wissen und zu sehen. Zudem teilte die Schauspielerin seit ihrer Rückkehr ihr Leben mit Nathan und fand keine Unregelmäßigkeit darin. Nie hätte sie geahnt, daß diese Mappe, die sie kaum gesehen hatte, die er unauffällig einschloß, Schätze der Liebe enthielt – die Briefe einer Nebenbuhlerin, die die Gräfin auf Raouls Bitte nach dem Zeitungsbureau sandte. Nathans Lage schien also äußerst glänzend. Er hatte viele Freunde. Zwei Stücke, die er mit anderen zusammen verfaßt hatte, lieferten die Einnahmen für seinen Aufwand und benahmen ihm jede Sorge um die Zukunft. Zudem machte er sich gar keine Gedanken über seine Schuld bei du Tillet, seinem Freund.

»Wie soll man einem Freunde mißtrauen?« sagte er, wenn Blondet bisweilen Zweifel äußerte. Blondet war ja gewöhnt, alles zu zergliedern!

»Aber unseren Feinden brauchen wir doch nicht zu mißtrauen,« bemerkte Florine.

Nathan nahm du Tillet in Schutz. Du Tillet war der beste, der entgegenkommendste, der redlichste Mensch. Dies Dasein eines Seiltänzers ohne Balanzierstange hätte jeden erschreckt, selbst einen Unbeteiligten, hätte er das Geheimnis durchschaut; aber du Tillet betrachtete es mit dem Stoizismus und dem kalten Auge des Emporkömmlings. In der freundschaftlichen, biedermännischen Art, mit der er Nathan behandelte, leistete er sich furchtbare Scherze. Eines Tages, als er von Florine kam und ihn seinen Wagen besteigen sah, drückte er ihm die Hand und sagte zu Lousteau, einem ausgemachten Neidbold:

»Das fährt großartig ins Bois de Boulogne und sitzt in einem halben Jahre vielleicht in Clichy hinter Schloß und Riegel.«

»Er? Nie!« rief Lousteau aus. »Er hat ja Florine.«

»Wer sagt dir denn, mein Junge, daß er sie behält? Du, der tausendmal so viel taugt wie er, wirst in sechs Monaten zweifellos unser Chefredakteur sein.«

Im Oktober war der Wechsel verfallen. Du Tillet verlängerte ihn huldvoll, aber nur auf zwei Monate, um den Diskont und eine neue Anleihe vermehrt. Siegesgewiß lebte Raoul aus dem Vollen. Frau Felix von Vandenesse sollte in ein paar Tagen zurückkehren, einen Monat früher als gewöhnlich. Ein unbezähmbares Verlangen trieb sie, Nathan wiederzusehen, und er wollte nicht in dem Augenblick in Geldverlegenheiten stecken, wo er seinen Minnedienst wieder aufnahm. Der Briefwechsel hatte die Begeisterung der Gräfin aufs höchste gesteigert, denn die Feder ist stets kühner als das Wort, und das in Stilblüten gekleidete Denken wagt sich an alles heran und kann alles sagen. Sie sah also in Raoul einen der schönsten Geister seiner Zeit, ein erlesenes, verkanntes Herz, ohne Makel und anbetungswürdig; sie sah ihn mit kecker Hand nach dem Kranze der Macht langen. Bald sollte seine Sprache, die in der Liebe so schön war, von der Tribüne herabdonnern.

Marie lebte nur noch in den verschlungenen Kreisen einer Sphäre, deren Mitte die Gesellschaft ist. Der stillen Freuden der Ehe überdrüssig, empfing sie die Wogen dieses stürmischen Lebens durch eine gewandte, liebeglühende Feder. Sie küßte seine Briefe, die inmitten der Presseschlachten entstanden und Stunden der Arbeit abgerungen waren. Sie fühlte ihren ganzen Wert, war sicher, allein geliebt zu sein und nur Ruhm und Ehrgeiz zu Nebenbuhlerinnen zu haben. Sie konnte im Schoß ihrer Einsamkeit all ihre Kräfte entfalten und war glücklich, die rechte Wahl getroffen zu haben. Nathan war ein Engel.

Zum Glück hatte ihr Landaufenthalt im Verein mit den Schranken, die zwischen ihr und Raoul bestanden, den gesellschaftlichen Klatsch zum Schweigen gebracht. In den letzten Herbsttagen nahmen also Marie und Raoul ihre Spaziergänge im Bois de Boulogne wieder auf. Konnten sie sich doch bis zur Wiedereröffnung der Salons nur dort sehen. So konnte Raoul die reinen, erlesenen Freuden seines idealen Lebens in größerer Ruhe genießen und sie vor Florine verbergen. Er arbeitete etwas weniger, zumal die Zeitung jetzt im Gange war und jeder Redakteur seine Arbeit kannte. Unwillkürlich zog er Vergleiche, die sämtlich zugunsten der Schauspielerin ausfielen, ohne daß die Gräfin dabei verlor. Abermals rieben ihn die Anstrengungen auf, zu denen ihn seine Herzens- und Verstandesliebe zu einer Dame der großen Welt verdammten, aber mit übermenschlicher Kraft gelang es ihm, auf drei Bühnen zugleich zu spielen: der Gesellschaft, der Zeitung und dem Theater.

Während Florine, die ihm für alles Dank wußte und fast all seine Mühen und Sorgen teilte, im rechten Augenblick kam und verschwand und ihm ein reiches Maß wahren Glückes ohne Phrasen, ohne Begleitmusik von Gewissensbissen bereitete, vergaß die Gräfin mit den unersättlichen Augen und dem keuschen Leibe seine ungeheure Arbeit und die Mühe, die es ihn oft kostete, sie einen Augenblick zu sehen. Statt zu herrschen, ließ Florine sich von ihm besitzen, verlassen und wieder besitzen, mit der Geschmeidigkeit einer Katze, die stets auf die Füße fällt und nur mit den Ohren zuckt. Diese Beweglichkeit der Sitten stimmt vortrefflich zu der ganzen Art der Männer des Gedankens. Jeder Künstler hätte es wie Nathan gemacht und seine schöne himmlische Liebe weiter verfolgt, diese glänzende Leidenschaft, die sein Dichterherz, seine geheime Größe, seine gesellschaftliche Eitelkeit bezauberte. In der Überzeugung, daß eine Indiskretion zur Katastrophe führen müßte, sagte er sich: »Weder die Gräfin noch Florine darf etwas erfahren!« Standen sich doch beide so fern !

Zu Beginn des Winters erschien Raoul wieder in der Gesellschaft. Er stand auf dem Gipfel, war fast eine Persönlichkeit. Rastignac, der mit dem durch de Marsays Tod aufgelösten Ministerium gefallen war, stützte sich auf Raoul und stützte ihn durch seine Lobsprüche. Frau von Vandenesse wollte nun wissen, ob ihr Gatte über Nathan umgelernt hätte. Nach Jahresfrist fragte sie ihn abermals und hoffte auf eine jener glänzenden Genugtuungen, die allen Frauen, auch den edelsten und idealsten, so lieb sind. Denn man kann tausend gegen eins wetten, daß auch die Engel ihre Eigenliebe haben, wenn sie sich im Chor um Gottes Thron stellen.

»Nun ist er auch noch auf ein paar Intriganten hereingefallen,« versetzte der Graf.

Felix, dem seine Weltkenntnis und seine politische Erfahrung den Blick geschärft hatte, durchschaute Raouls Lage. Er erklärte seiner Frau in aller Ruhe, daß Fieschis Anschlag dahin geführt hatte, daß viele Leute, die in ihrer Gesinnung noch schwankten, für die in der Person König Louis Philippes bedrohten Interessen gewonnen worden seien. Die Zeitungen ohne ausgesprochene Farbe würden ihre Abonnenten verlieren, denn das Zeitungswesen würde sich mit der Politik vereinfachen. Hätte Nathan sein Vermögen in diese Zeitung gesteckt, so ginge er bald zugrunde. Dieser richtige und klare Blick, die in kurze Worte gefaßte Erkenntnis, die der Graf nur aussprach, um eine ihm gleichgültige Frage zu vertiefen, erschreckte Frau von Vandenesse, zumal bei einem Manne, der die Aussichten aller Parteien richtig einzuschätzen wußte.

»Du nimmst also großen Anteil an ihm?« fragte Felix seine Frau.

»Weil er ein Mann ist, dessen Geist mich belustigt, dessen Unterhaltung mir zusagt.«

Sie sagte es mit so natürlicher Miene, daß der Graf keinen Argwohn schöpfte.

Am nächsten Tage um 4 Uhr, bei Frau von Espard, hatte Marie mit Raoul eine lange, leise Unterredung. Die Gräfin äußerte Besorgnisse, aber Raoul zerstreute sie. Es kam ihm sehr gelegen, das Ansehen, in dem ihr Gatte bei ihr stand, durch boshafte Bemerkungen zu erschüttern. Nathan konnte sein Mütchen an ihm kühlen. Er stellte den Grafen als kleinen Geist dar, als rückständigen Menschen, der die Julirevolution mit dem Maße der Restaurationszeit messen wollte, der den Sieg des Mittelstandes, die neue soziale Macht nicht erkennen wollte, die, ob vorübergehend oder bleibend, jedenfalls vorhanden war. Die Zeit der vornehmen Herrschaften war vorüber; die Herrschaft der wahrhaft Tüchtigen begann. Statt den mittelbaren, unparteiischen Rat eines Politikers, der ohne Leidenschaft gesprochen hatte, zu beherzigen, setzte Raoul sich aufs hohe Pferd, warf sich in die Brust und hüllte sich in den Purpur seiner Erfolge. Welche Frau glaubt ihrem Liebhaber nicht mehr als ihrem Gatten?

Frau von Vandenesse fühlte sich also beruhigt und setzte das Leben der unterdrückten Wallungen, der kleinen heimlichen Freuden, der verstohlenen Händedrücke fort, das im letzten Winter ihre Nahrung gewesen war. Aber dies Leben reißt eine Frau schließlich über die Schranken hinaus, wenn der geliebte Mann einige Energie hat und der Hemmnisse überdrüssig wird. Zu ihrem Glück hatte Raoul in Florine ein Gegengewicht und wurde ihr daher nicht gefährlich. Zudem war er in Interessen verstrickt, die ihn sein Glück nicht voll auskosten ließen. Immerhin konnte ein plötzliches Unglück, das Nathan zustieß, konnten erneute Hindernisse, wenn ihm die Geduld riß, die Gräfin in einen Abgrund stürzen.

Diese Möglichkeit erkannte Raoul bei Marie, als du Tillet gegen Ende Dezember sein Geld haben wollte. Der reiche Bankier behauptete, in Schwierigkeiten zu sein, und riet Raoul, die Summe auf vierzehn Tage bei einem Wucherer namens Gigormet zu leihen, einem Schutzengel zu 25 Prozent für junge Leute, die in Geldverlegenheit waren. In einigen Tagen sollte die Zeitung ihren neuen Jahrgang beginnen, und es mußte Geld in der Kasse sein. Du Tillet sollte etwas erleben! Und warum sollte Nathan nicht noch ein Stück schreiben? Aus Stolz wollte er um jeden Preis bezahlen. Du Tillet gab Nathan einen Brief an den Wucherer mit, auf den hin Gigonnet ihm das Geld für zwanzig Tage gegen Wechsel auf den Tisch legte. Statt nun nach den Gründen für diese Gefälligkeit zu forschen, war Raoul ärgerlich, daß er nicht mehr verlangt hatte. So lassen sich die bedeutendsten Leute von ihren Ideen nasführen. In einer ernsten Sache sehen sie Anlaß zu Scherzen, scheinen ihren Geist für ihre Werke aufzusparen und benutzen ihn nicht in den Dingen des praktischen Lebens, aus Angst, ihn zu vermindern. Raoul erzählte die Szene Florine und Blondet. Er schilderte ihnen Gigonnet, wie er leibte und lebte, den ruppigen Zettel mit seinem Namen, seine Treppe, seine asthmatische Klingel, seinen Türkratzer, seine kleine schäbige Strohmatte, seinen Ofen, der so kalt war, wie sein Blick. Er brachte sie zum Lachen über den neuen »Onkel«, und sie machten sich keine Sorgen, weder über du Tillet, der angeblich kein Geld hatte, noch über den Wucherer, der so anstandslos zahlte. Nichts als Possen!

»Er hat dir nur 15 Prozent abgenommen,« sagte Blondet. »Du hättest ihm danken müssen. Bei 25 Prozent grüßt man dies Pack nicht mehr. Der Wucher beginnt bei 50 Prozent. Dafür zeigt man Verachtung.«

»Verachtung?« wiederholte Florine. »Welcher von deinen Freunden liehe dir dafür Geld, ohne sich als Wohltäter aufzuspielen?«

»Sie hat recht,« versetzte Raoul. »Ich bin froh, daß ich du Tillet nichts mehr schuldig bin.«

Woher dieser Mangel an Scharfblick in den eigenen Geschäften bei Leuten, die gewohnt sind, alles zu ergründen? Vielleicht hat der Geist seine Lücken. Vielleicht leben die Künstler zu sehr in der Gegenwart, um die Zukunft zu ergründen. Vielleicht haftet ihr Blick zu sehr an den Lächerlichkeiten, um eine Falle zu sehen, und sie glauben, man würde es nicht wagen . . . Die Zukunft ließ nicht auf sich warten. Nach zwanzig Tagen wurden die Wechsel protestiert. Aber Florine erbat und erhielt beim Handelsgericht einen Aufschub von 25 Tagen. Nun untersuchte Raoul seine Lage und verlangte eine Übersicht. Es ergab sich, daß die Einnahmen der Zeitung nur zwei Drittel der Unkosten deckten und daß die Abonnements abnahmen. Da wurde der große Mann unruhig und finster, aber nur Florine gegenüber, der er sich anvertraute. Florine riet ihm, Geld auf seine künftigen Theaterstücke zu leihen, indem er sie im ganzen verkaufte und die späteren Einnahmen veräußerte. Auf diese Weise brachte Nathan 20 000 Franken auf und verringerte seine Schuld auf 40 000 Franken.

Am 10. Februar waren die fünfundzwanzig Tage abgelaufen. Du Tillet veranlaßte Gigonnet, Raoul unbarmherzig zu verfolgen. Er wünschte ihn nicht als Nebenbuhler in dem Wahlkreis, in dem er sich aufstellen lassen wollte. Dem Advokaten Massol hatte er einen anderen Wahlkreis überlassen, der dem Ministerium sicher war. Ein Mann, der in Schuldhaft saß, konnte nicht kandidieren. Das Gefängnis von Clichy konnte den künftigen Minister verschlingen. Florine lag in ewigem Kampf mit den Gerichtsvollziehern wegen ihrer eigenen Schulden, und in dieser Krisis blieb ihr nichts als das »Ich!« der Medea, denn ihre Einrichtung war verpfändet. Der Ehrgeizige hörte sein junges Gebäude, das ohne Grundmauern war, in allen Fugen krachen. Schon fühlte er sich ohnmächtig, ein so großes Unternehmen durchzuführen, wieviel mehr also, es von neuem zu beginnen. So sollte er unter den Trümmern seines Luftschlosses begraben werden. Seine Liebe zu der Gräfin gab ihm noch einigen Lebensmut. Er trug eine heitere Maske zur Schau, aber darunter war die Hoffnung tot. Auf du Tillet hatte er keinen Verdacht, er sah nur den Wucherer. Rastignac, Blondet, Lousteau, Vernou, Finot und Massol hüteten sich wohl, einen Mann von so gefährlichem Tatendrang aufzuklären. Rastignac, der die Macht wieder an sich reißen wollte, machte gemeinsame Sache mit du Tillet und Nucingen. Die anderen sahen dem Todeskampf eines Gleichstehenden, der sich erdreistet hatte, ihr Herr zu sein, mit unendlichem Behagen zu. Keiner von ihnen hätte Florine ein Wort gesagt; im Gegenteil, sie rühmten Raoul vor ihr: »Nathan hat Schultern, um die ganze Welt zu tragen; er wird sich schon herausziehen; alles wird glänzend gehen!«

»Gestern haben wir zwei Abonnenten bekommen,« sagte Blondet ernst. »Raoul wird Deputierter. Ist das Budget bewilligt, so erscheint das Dekret, das die Kammer auflöst.«

Nathan, der wegen Schulden verfolgt wurde, konnte nicht mehr auf einen Wucherer rechnen. Florine, die gepfändet war, konnte nur noch auf eine zufällige Liebschaft mit irgendeinem Gimpel zählen, der sich nicht immer nach Bedarf einstellt. Nathans Freunde waren Leute ohne Geld und Kredit. Eine Verhaftung vernichtete seine Aussichten auf eine politische Laufbahn. Um das Unglück vollzumachen, steckte er tief in der Arbeit für die im voraus verkauften Stücke. Der Abgrund, der sich vor ihm auftat, schien bodenlos. Angesichts so vieler Gefahren verließ ihn sein Wagemut. Würde die Gräfin von Vandenesse ihr Los mit ihm teilen, mit ihm fliehen? In diesen Abgrund reißt die Frauen nur restlose Liebe, und ihrer beider Leidenschaft hatte sie nicht durch die geheimnisvollen Bande des Glücks aneinandergekettet. Aber selbst wenn die Gräfin ihm in die Fremde folgte, war sie ohne Vermögen, aller Mittel bar und vergrößerte nur seine Verlegenheit. Ein Geist zweiten Ranges, ein hochmütiger Mensch wie Nathan konnte jetzt kein anderes Schwert sehen, das diesen gordischen Knoten zerhieb, als den Selbstmord. Und er sah ihn. Der Gedanke, vor den Augen der Gesellschaft zu fallen, in die er eingedrungen war, die er hatte beherrschen wollen, die siegreiche Gräfin dort zu lassen und selbst wieder zu Fuße im Dreck zu laufen, war ihm unerträglich. Der Wahnsinn tanzte mit klingenden Schellen vor dem Tor des Luftschlosses, in dem der Dichter hauste. In dieser höchsten Not wartete Nathan auf einen Zufall und wollte erst im letzten Moment seinem Leben ein Ende machen.

In den letzten Tagen, die mit der Verkündung des Urteils, dem Erlaß und der Veröffentlichung des Haftbefehls hingingen, erschien Raoul überall mit der ungewollt kalten, finsteren Miene, die der Beobachter bei allen Selbstmördern oder bei denen feststellt, die an Selbstmord denken. Die düsteren Gedanken, die sie wälzen, legen graue Wolkenschatten auf ihre Stirn. Ihr Lächeln hat etwas Fatalistisches, ihre Bewegungen sind feierlich. Diese Unglücklichen scheinen die goldenen Früchte des Lebens bis zur Schale aussaugen zu wollen. Ihre Blicke richten sich immerfort aufs Herz; sie hören ihr Grabgeläut in der Luft und sind unaufmerksam. Diese schrecklichen Symptome erkannte Marie eines Abends bei Lady Dudley an Raoul. Er war allein auf einem Divan in dem Boudoir sitzen geblieben, während die ganze Gesellschaft im Salon plauderte. Die Gräfin kam an die Tür; er blickte nicht auf, hörte weder Maries Atem noch das Rauschen ihres Seidenkleides. Er starrte mit schmerzverstörten Blicken auf eine Blume im Teppich; er wollte lieber sterben als abdanken. Nicht jeder hat den Sockel von St. Helena. Zudem grassierte der Selbstmord damals in Paris: muß er nicht das letzte Wort aller ungläubigen Gesellschaften sein? Raoul hatte den Entschluß gefaßt zu sterben. Verzweiflung ist stärker als Hoffnungen, und Raouls Verzweiflung sah keinen anderen Ausweg als das Grab.

»Was ist dir?« fragte Marie, zu ihm eilend.

»Nichts,« antwortete er.

Unter Liebenden gibt es eine Art, Nichts zu sagen, die genau das Gegenteil bedeutet. Marie zuckte die Achseln.

»Du bist ein Kind!« sagte sie. »Steht dir ein Unglück bevor?«

»Mir nicht,« entgegnete er. »Außerdem wirst du es immer noch zu früh erfahren, Marie,« fuhr er liebevoll fort.

»Woran dachtest du, als ich hereinkam?« fragte sie gemessen.

»Willst du die Wahrheit wissen?«

Sie nickte.

»Ich dachte an dich. Ich sagte mir, an meiner Stelle hätte mancher gewünscht, rückhaltlos geliebt zu werden. Das werde ich doch?«

»Ja,« sagte sie.

»Und,« fuhr Raoul fort, indem er ihre Taille umschlang und sie an sich zog, um ihr die Stirn zu küssen, auf die Gefahr hin, überrascht zu werden, »ich lasse dich rein und ohne Reue zurück. Ich kann dich in den Abgrund mitreißen, und du bleibst am Rande stehen, ohne Flecken, in all deinem Glanze. Nur ein einziger Gedanke beunruhigt mich . . .«

»Welcher?«

»Du wirst mich verachten.«

Sie lächelte stolz.

»Ja, du wirst es nie glauben, daß du heilig geliebt wurdest. Dann wird man mich schmähen, ich weiß es. Die Frauen können sich nicht vorstellen, daß wir aus der Tiefe unsres Schlammes zum Himmel aufblicken, um dort ganz allein eine Maria anzubeten. Sie verquicken diese heilige Liebe mit traurigen Fragen; sie begreifen nicht, daß Männer von hohem Verstande und von tiefer Poesie ihre Seele dem Genuß entreißen können, um sie auf einem teuren Altar zu weihen. Und doch, Marie, ist der Kultus des Ideals bei uns leidenschaftlicher als bei Euch: wir finden ihn in der Frau, die ihn in uns nicht mal sucht.«

»Warum dieser Aufsatz?«

»Ich verlasse Frankreich. Morgen wirst du erfahren, warum und wie. Mein Diener wird dir einen Brief bringen. Leb wohl, Marie!«

Raoul drückte die Gräfin mit wilder Gewalt an sein Herz und ging. Sie blieb schmerzbetäubt zurück.

»Was ist Ihnen denn, meine Liebe?« fragte die Marquise von Espard, die sich nach ihr umsah. »Was hat Nathan Ihnen gesagt? Er hat uns in melodramatischer Weise verlassen. Sie sind vielleicht zu verständig, oder zu unverständig?«

Die Gräfin ergriff Frau von Espards Arm und ging mit ihr in den Salon zurück. Kurz darauf verabschiedete sie sich.

»Sie geht vielleicht zu ihrem ersten Stelldichein,« sagte Lady Dudley zu der Marquise.

»Das werde ich erfahren,« entgegnete Frau von Espard. Sie ging gleichfalls und folgte dem Wagen der Gräfin.

Aber das Kupee der Frau von Vandenesse schlug den Weg nach dem Faubourg Saint-Honoré ein. Als Frau von Espard umkehrte, sah sie die Gräfin nach dem Faubourg weiterfahren, um nach der Rue de Rocher zu gelangen. Marie legte sich zur Ruhe, fand aber keinen Schlaf und verbrachte die Nacht mit der Lektüre einer Nordpolreise, ohne das mindeste zu verstehen. Um halb neun Uhr erhielt sie einen Brief von Raoul und erbrach ihn hastig. Der Brief begann mit den klassischen Worten:

»Meine teure Geliebte, wenn Du diese Zeilen erhältst, bin ich nicht mehr . . .«

Sie las nicht weiter, zerknitterte den Brief mit krampfhafter Nervosität, schellte nach ihrer Kammerzofe, zog hastig ein Morgenkleid an, fuhr in die ersten besten Stiefel, warf einen Schal um und nahm einen Hut. Dann trug sie der Kammerzofe auf, ihrem Gatten zu sagen, sie sei bei ihrer Schwester, Frau du Tillet.

»Wo haben Sie Ihren Herrn verlassen?« fragte sie Raouls Diener.

»Im Zeitungsbureau.«

»Hin,« gebot sie.

Zum großen Erstaunen des ganzen Hauses ging sie um neun Uhr zu Fuß aus, mit sichtbaren Zeichen von Verstörtheit. Zu ihrem Glück sagte die Kammerzofe dem Grafen, die Gnädige hätte einen Brief von Frau du Tillet erhalten, der sie außer Fassung gebracht hätte, und sie wäre zu ihrer Schwester geeilt, in Begleitung des Dieners, der ihr den Brief überbracht hätte. Vandenesse wartete die Rückkehr seiner Frau ab, um Näheres zu erfahren. Die Gräfin nahm eine Droschke und war bald in der Redaktion. Zu dieser Zeit waren die weiten Räume des Zeitungsbureaus leer, das in einem alten Privathaus in der Rue Feydeau lag. Nur ein Bureaudiener war da. Er war sehr erstaunt, als eine junge hübsche Dame ganz verstört durch das Haus gelaufen kam und ihn fragte, wo Herr Nathan sei.

»Er ist jedenfalls bei Fräulein Florine,« antwortete er. Er hielt die Gräfin für eine Nebenbuhlerin, die ihm eine Eifersuchtsszene machen wollte.

»Wo arbeitet er hier?«

»In einem Zimmer, dessen Schlüssel er in der Tasche hat.«

»Ich will hin.«

Der Bureaudiener führte sie nach einem düsteren Stübchen, das auf einen Hinterhof ging. Es war früher ein Ankleidezimmer neben einem großen Schlafzimmer gewesen, dessen Alkoven nicht beseitigt war. Das Stübchen lag seitlich dahinter. Die Gräfin riß das Fenster des Schlafzimmers auf und konnte durch das Fenster des Stübchens sehen, was darin vorging: Nathan saß röchelnd auf seinem Redakteursessel.

»Brechen Sie die Tür auf und halten Sie reinen Mund. Ich will Sie bezahlen,« gebot sie. »Sehen Sie denn nicht, daß Herr Nathan stirbt?«

Der Diener holte aus der Druckerei einen eisernen Rahmen, mit dem er die Tür aufbrechen konnte. Raoul suchte den Tod durch Einatmen von Kohlendampf aus einer Wärmepfanne, wie eine kleine Näherin. Er hatte eben einen Brief an Blondet beendet, worin er ihn bat, seinen Selbstmord als Schlaganfall auszugeben. Die Gräfin kam noch zur Zeit. Sie ließ Raoul in die Droschke tragen, und da sie nicht wußte, wo sie ihn pflegen sollte, fuhr sie nach einem Hotel, nahm ein Zimmer und schickte den Bureaudiener nach einem Arzte. Nach ein paar Stunden war Raoul außer Gefahr, aber die Gräfin wich nicht von seinem Lager, bevor er eine Generalbeichte abgelegt hatte. Nachdem der gestürzte Ehrgeizige ihr die furchtbaren Elegien seines Schmerzes ins Herz gegossen hatte, kehrte sie nach Hause zurück. Nun fiel sie all den Qualen, all den Gedanken zum Opfer, die tags zuvor Nathans Stirn verdüstert hatten.

»Ich bringe alles in Ordnung,« hatte sie zu ihm gesagt, um ihn ins Leben zurückzurufen.

»Nun, was ist denn mit deiner Schwester?« fragte Felix seine Frau, als er sie zurückkehren sah. »Ich finde dich sehr verändert.«

»Es ist eine furchtbare Geschichte, über die ich das tiefste Schweigen bewahren muß,« antwortete sie, ihre Kraft wiederfindend, um Ruhe zu heucheln.

Um allein zu sein und ihren Gedanken freien Lauf zu lassen, war sie am Abend ins italienische Theater gegangen; dann fuhr sie zu ihrer Schwester und schüttete ihr das Herz aus. Sie erzählte ihr die furchtbare Szene am Morgen, ging sie um Rat und Hilfe an. Weder sie noch ihre Schwester konnten damals wissen, daß es du Tillet gewesen war, der die gemeine Kohlenpfanne angezündet hatte, deren Anblick die Gräfin von Vandenesse entsetzt hatte.

»Er hat nur mich auf der Welt,« sagte Marie zu ihrer Schwester, »und ich werde ihn nicht im Stiche lassen.«

Dies Wort birgt das Rätsel aller Frauen. Sie sind Heldinnen, sobald sie gewiß sind, daß sie für einen großen Mann ohne Makel alles sind.

Du Tillet hatte von der mehr oder minder wahrscheinlichen Neigung seiner Schwägerin zu Nathan gehört, war aber einer von denen, die sie abstritten oder sie mit Raouls Verhältnis zu Florine für unvereinbar hielten. Die Schauspielerin mußte die Gräfin verdrängen und umgekehrt. Als er jedoch an diesem Abend heimkehrte und seine Schwägerin erblickte, die schon im Theater sehr verstört ausgesehen hatte, erriet er, daß Raoul der Gräfin seine Verlegenheit gebeichtet hatte. Sie liebte ihn also, sie war also zu Marie Eugenie gekommen, um sie um das Geld zu bitten, das der alte Gigonnet verlangte. Frau du Tillet, der die Geheimnisse dieses schier übernatürlichen Scharfblickes verborgen blieben, hatte sich so bestürzt gezeigt, daß der Argwohn ihres Gatten zur Gewißheit wurde. Der Bankier glaubte den Faden von Nathans Ränken in Händen zu haben.

Niemand wußte, daß der Unglückliche in einem Hotel garni in der Rue du Mail zu Bette lag, und zwar unter dem Namen des Bureaudieners, dem die Gräfin 500 Franken versprochen hatte, wenn er über die Ereignisse der Nacht und des Morgens den Mund hielt. Daher war François Quillet so klug gewesen, der Portierfrau zu sagen, Nathan sei infolge von Überarbeitung unwohl. Du Tillet wunderte sich nicht, Nathan nicht zu sehen. Es war nur natürlich, daß der Journalist sich vor den Leuten verbarg, die ihn verhaften wollten. Als die Spione sich erkundigten, erfuhren sie, daß am Morgen eine Dame den Chefredakteur abgeholt hatte. Zwei Tage vergingen, bis sie die Nummer der Droschke heraushatten, den Kutscher ausfragten, das Hotel erfuhren, in dem der Schuldner zum Leben zurückkehrte, und dort Nachforschungen anstellten. So hatten Maries kluge Maßregeln Nathan einen Aufschub von drei Tagen verschafft.

Beide Schwestern verbrachten also eine furchtbare Nacht. Eine derartige Katastrophe wirft ihre Glut auf das ganze Leben und beleuchtet die Klippen und Hintergründe mehr als die Gipfel, die bis dahin den Blick auf sich lenkten. Erschüttert von dem furchtbaren Schauspiel eines noch jungen Mannes, der in seinem Lehnstuhl vor seiner Zeitung stirbt und wie ein Römer seine letzten Gedanken aufzeichnet, hatte die arme Frau du Tillet keinen anderen Gedanken, als ihm Hilfe zu bringen und die Seele zu retten, durch die ihre Schwester lebte. Es liegt in unserer Geistesart, daß wir die Wirkungen betrachten, bevor wir die Ursachen ergründen. Eugenie kam wieder auf ihr Vorhaben zurück, sich an die Baronin Delphine von Nucingen zu wenden, bei der sie speiste. Der Erfolg erschien ihr außer Zweifel. Hochherzig wie alle, die nicht von den glatten Stahlrädern der modernen Gesellschaft erfaßt worden sind, beschloß Frau du Tillet, alles auf sich zu nehmen.

Die Gräfin war ihrerseits schon glücklich, Nathans Leben gerettet zu haben. Sie grübelte die Nacht durch über Kriegslisten nach, wie sie sich 40 000 Franken verschaffen könnte. In solchen Krisen sind die Frauen erhaben. Indem sie sich durch ihr Gefühl leiten lassen, gelangen sie zu Kombinationen, die die Diebe, die Geschäftsleute und die Wucherer verblüffen würden, ließen sich diese drei Arten von mehr oder minder anerkannten Geschäftsleuten durch irgend etwas verblüffen. Die Gräfin wollte ihre Diamanten verkaufen und dafür falsche tragen. Sie wollte ihren Mann bitten, ihr die Summe für ihre Schwester zu leihen, die sie ja schon in die Sache hineingezogen hatte, aber sie war zu vornehm, um zu solchen entehrenden Mitteln zu greifen. Sie faßte den Gedanken und gab ihn wieder auf. Das Geld ihres Gatten für Nathan! Sie fuhr in ihrem Bette hoch, über ihre verbrecherische Absicht entsetzt. Falsche Diamanten einsetzen – das würde ihr Mann schließlich merken. Sie wollte die Rothschilds um die Summe bitten, sie schwammen ja in Gold, oder den Erzbischof von Paris, der den Armen helfen mußte. Derart ging sie von einer Religion zur andern über und flehte überall um Hilfe. Sie bedauerte, daß sie nicht mehr zur Regierung gehörte. Früher hätte sie in der Umgebung des Thrones Geld gefunden. Sie verfiel auf ihren Vater. Aber der alte Jurist hatte einen Abscheu vor allem Ungesetzlichen; seine Kinder hatten schließlich erfahren, wie wenig er für unglückliche Liebschaften übrig hatte. Er wollte gar nichts davon hören, war ein Menschenfeind geworden und hatte einen Abscheu vor jeder Liebelei. Die Gräfin Granville schließlich lebte zurückgezogen in der Normandie auf einem ihrer Güter, sparte und betete und beschloß ihre Tage zwischen Priestern und Geldsäcken, kalt bis zum letzten Augenblick. Hätte Marie auch Zeit gehabt, nach Bayeux zu reisen, hätte ihre Mutter ihr doch schwerlich soviel Geld gegeben, wenn sie nicht wußte, wofür? Schulden vorschützen? Ja, vielleicht ließ sie sich von ihrer Lieblingstochter rühren. Also im Fall des Mißerfolges wollte die Gräfin nach der Normandie reisen. Graf Granville würde sich nicht weigern, ihr einen Vorwand für die Reise zu liefern, etwa die falsche Nachricht, daß seine Frau schwer erkrankt wäre.

Der trostlose Anblick, der sie am Morgen entsetzt hatte, Nathans Pflege, die Stunden, die sie an seinem Krankenbette verbracht hatte, seine abgerissenen Erzählungen, dieser Todeskampf eines großen Geistes, der Flug des Genius, den ein gemeines, niedriges Hindernis hemmte, alles kam ihr wieder zu Bewußtsein und spornte ihre Liebe an. Sie ging ihre Empfindungen noch einmal durch und fand sich durch Nathans Unglück noch mehr verliebt, als durch seine Größe. Hätte sie diese Stirn geküßt, wenn sie erfolggekrönt war? Nein. In den letzten Worten, die Nathan im Boudoir der Lady Dudley zu ihr gesagt hatte, fand sie etwas unendlich Vornehmes. Welche Heiligkeit in seinem Lebewohl! Welche Vornehmheit in der Preisgabe eines Glückes, das ihr zur Qual geworden wäre! Die Gräfin hatte sich Gefühlswallungen in ihrem Leben gewünscht. Nun hatte sie sie, überreich, furchtbar, grausam, aber sie liebte sie. Sie lebte stärker im Schmerz als im Genuß. Mit welcher Wonne sagte sie sich: »Ich habe ihn schon gerettet, ich werde ihn weiter retten!« Und sie hörte ihn wieder ausrufen: »Nur Unglückliche wissen, wie weit die Liebe geht!« als er die Lippen seiner Marie auf seiner Stirn gefühlt hatte.

»Bist du krank?« fragte ihr Gatte sie, als er in ihr Schlafzimmer trat, um sie zum Frühstück zu holen.

»Ich leide entsetzlich unter dem Drama, das sich bei meiner Schwester abspielt,« sagte sie, ohne die Unwahrheit zu sagen.

»Sie ist in recht schlechte Hände geraten. Es ist eine Schande für eine Familie, einen du Tillet zum Verwandten zu haben, einen Mann ohne Adel. Stieße deiner Schwester ein Unglück zu, so fände sie bei ihm kein Mitleid.«

»Welche Frau will etwas von Mitleid wissen?« sagte die Gräfin mit krampfhafter Bewegung. »Ihr Unbarmherzigen, eure Härte ist eine Gnade für uns.«

»Daß du ein edles Herz hast, weiß ich nicht erst seit heute,« sagte Felix und küßte seiner Frau die Hand. Er war tief bewegt von ihrem Stolze. »Eine Frau, die so denkt, braucht man nicht zu bewachen.«

»Bewachen?« wiederholte sie. »Noch eine Schande, die auf euch fällt.«

Felix lächelte, aber Marie wurde rot. Wenn eine Frau sich heimlich vergangen hat, trägt sie den weiblichen Stolz besonders zur Schau. Das ist eine geistige Verstellung, für die man den Frauen dankbar sein muß. Der Betrug ist dann voller Würde, ja voller Größe. Marie schrieb ein paar Zeilen an Nathan unter dem Namen Quillet, um ihm zu sagen, daß alles gut ginge, und schickte sie durch einen Dienstmann nach dem Hotel du Mail. Abends in der Oper hatte die Gräfin den Vorteil von ihrer Lüge, denn ihr Gatte fand es ganz in der Ordnung, daß sie ihre Loge verließ, um zu ihrer Schwester zu gehen. Felix wartete, bis du Tillet seine Frau verlassen hatte, und ging dann hin, um sie abzuholen. Welche Empfindungen durchtobten Maries Herz, als sie über den Korridor ging, die Loge ihrer Schwester betrat und dort vor aller Welt mit ruhiger und heitrer Stirn Platz nahm! Man wunderte sich, sie beisammen zu sehen.

»Nun?« fragte sie.

Marie Eugenies Gesicht gab die Antwort. Eine naive Freude glänzte darauf, von vielen für befriedigte Eitelkeit gehalten.

»Er wird gerettet, Liebste, aber nur für drei Monate. Inzwischen werden wir zusehen, wie wir ihm wirksamer helfen. Frau von Nucingen verlangt vier Wechselbriefe auf je 10 000 Franken, von irgendwem unterschrieben, um dich nicht bloßzustellen. Sie hat mir erklärt, wie sie sein müssen. Ich habe nichts davon verstanden, aber Herr Nathan wird sie dir ausstellen. Ich hatte nun den Einfall, daß Schmuke, unser alter Musiklehrer, uns dabei sehr nützlich sein kann. Er würde sie unterschreiben. Wenn du diesen vier Wechseln einen Brief von dir beifügst, mit dem du Frau von Nucingen gegenüber Bürgschaft leistest, kannst du das Geld morgen haben. Mach alles selbst, vertraue dich niemandem an. Ich glaube, Schmuke wird dir nichts abschlagen. Um allen Verdacht zu zerstreuen, habe ich gesagt, du wolltest unsern alten Musiklehrer, einen Deutschen, dem es schlecht geht, zu Dank verpflichten. Ich konnte also um tiefste Verschwiegenheit bitten.«

»Du bist klug wie ein Engel! Wenn nur die Baronin von Nucingen nicht schwatzt, nachdem sie das Geld hergegeben hat!« sagte die Gräfin und blickte gen Himmel, wie um Gott anzuflehen, obwohl sie in der Oper war.

»Schmuke wohnt in der kleinen Rue de Nevers am Quai Conti. Vergiß es nicht, gehe selbst hin.«

»Danke!« sagte die Gräfin und drückte ihrer Schwester die Hand. »Ach, ich gäbe zehn Jahre meines Lebens hin . . .«

»Wenn du alt bist . . .«

»Wenn ich damit solche Ängste für immer verbannen könnte,« schloß die Gräfin, über die Einschaltung lächelnd.

Alle, die ihre Gläser in diesem Moment auf die beiden Schwestern richteten, konnten angesichts ihres harmlosen Lächelns meinen, daß sie sich über irgendwelche Nichtigkeiten aufhielten. Aber einer der Müßiggänger, die weniger zu ihrem Vergnügen in die Oper gehen, als um die Toiletten und Gesichter auszuspionieren, hätte das Geheimnis der Gräfin wohl erraten können, wenn er die heftige Erregung beobachtete, die die Freude aus diesen zwei reizenden Gesichtern verscheuchte. Raoul, der zur Nachtzeit die Gerichtsbeamten nicht fürchtete, erschien bleich, mit unruhigen Blicken und trüber Stirn auf der Treppenstufe, auf der er gewöhnlich stand. Er suchte die Gräfin in ihrer Loge, fand sie leer und vergrub sein Gesicht in den Händen, während er sich gegen die Brüstung lehnte. »Kann sie in der Oper sein?« fragte er sich.

»Sieh uns doch an, armer großer Mann,« sagte Frau du Tillet leise.

Marie dagegen starrte ihn, auf die Gefahr hin, sich bloßzustellen, mit jenem heftigen Blick an, der den Willen ins Auge verlegt, wie die Sonne ihre Lichtstrahlen aussendet, jenem Blick, der nach den Magnetiseuren die Person durchdringt, auf die er gerichtet ist. Raoul fühlte sich wie von einem Zauberstabe berührt. Er blickte auf und seine Augen trafen plötzlich die Blicke der beiden Schwestern. Mit der wunderbaren Geistesgegenwart, die die Frauen nie verläßt, griff Frau von Vandenesse nach einem Kreuz, das auf ihrem Busen spielte, und zeigte es ihm mit einem raschen, bedeutsamen Lächeln. Das Juwel strahlte bis auf Raouls Stirn, und er antwortete mit einem freudigen Ausdruck: er hatte verstanden.

»Ist das gar nichts, Eugenie,« sagte die Gräfin zu ihrer Schwester, »wenn man derart die Toten wieder auferweckt?«

»Du kannst Mitglied der Gesellschaft für Schiffbrüchige werden,« antwortete Eugenie lächelnd.

»Wie traurig und niedergeschlagen ist er gekommen, und wie zufrieden wird er gehen!«

»Na, wie geht's dir, mein Lieber?« fragte du Tillet Raoul und drückte ihm die Hand. Er sprach ihn mit allen Zeichen der Freundschaft an.

»Wie einem, der die besten Nachrichten über die Wahlen erhalten hat,« antwortete Raoul strahlend. »Ich werde gewählt werden.«

»Entzückt,« entgegnete du Tillet. »Wir brauchen aber Geld für die Zeitung.«

»Das findet sich,« sagte Raoul.

»Die Frauen haben den Teufel für sich!« sagte du Tillet, ohne weiter auf Raouls Worte einzugehen.

»Wieso?«

»Meine Schwägerin ist bei meiner Frau,« sagte der Bankier. »Da wird irgendeine Intrige gesponnen. Es scheint, daß die Gräfin für dich schwärmt; sie grüßt dich durchs ganze Theater.«

»Schau,« sagte Frau du Tillet zu ihrer Schwester. »Uns nennt man falsch. Mein Gatte tut schön mit Nathan und will ihn doch ins Gefängnis bringen!«

»Und da klagen die Männer uns an!« rief die. Gräfin. »Ich will ihm ein Licht aufstecken.«

Sie stand auf, nahm den Arm ihres Gatten, der sie auf dem Gange erwartete, und kehrte strahlend in ihre Loge zurück. Dann verließ sie die Oper, bestellte ihren Wagen für den nächsten Morgen vor 8 Uhr und war um ½9 Uhr am Quai Conti, nachdem sie in der Rue du Mail vorgesprochen hatte.

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