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Eine Evatochter

Honoré de Balzac: Eine Evatochter - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie falsche Geliebte
titleEine Evatochter
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204450
translatorOppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080711
modified20171219
projectid61a61b23
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Eine heftige, aber glückliche Leidenschaft nimmt im gewöhnlichen Leben schon viel Raum ein. Galt sie aber einer Frau in der Stellung der Gräfin von Vandenesse, so mußte sie das Leben eines vielbeschäftigten Mannes wie Raoul verzehren. Fast Tag für Tag zwischen 3 und 4 Uhr mußte er sich zu Pferde im Bois de Boulogne zeigen, in der äußeren Erscheinung des unbeschäftigten Gentleman. Dort erfuhr er, in welchem Hause, in welchem Theater er Frau von Vandenesse am Abend sehen würde. Er verließ die Salons erst um Mitternacht, nachdem er ein paar längst ersehnte Worte erhascht, ein paar hastige Zärtlichkeitsbeweise unter dem Tisch, zwischen zwei Türen oder beim Besteigen des Wagens erhascht hatte. Meistenteils sorgte Marie, die ihn in die große Welt gebracht hatte, dafür, daß er in verschiedenen Häusern, wo sie verkehrte, zum Diner eingeladen wurde. War das nicht ganz einfach? Aus Stolz und von seiner Leidenschaft hingerissen, wagte Raoul nicht von seiner Arbeit zu sprechen. Er mußte den launenhaften Wünschen dieser unschuldigen Gebieterin gehorchen und dabei die Parlamentsdebatten, den Strudel der Politik verfolgen, die Zeitung leiten und zwei Stücke auf die Bühne bringen, deren Einnahmen unentbehrlich waren. Frau von Vandenesse brauchte nur etwas zu schmollen, wenn er sich von einem Ball, einem Konzert, einer Spazierfahrt drücken wollte, und er opferte seine Interessen seinem Vergnügen. Kam er zwischen 1 und 2 Uhr früh aus der Gesellschaft zurück, so setzte er sich bis 8 oder 9 Uhr an die Arbeit, schlief etwas, stand dann wieder auf, um die Stellungnahme der Zeitung mit den einflußreichen Leuten zu besprechen, von denen er abhing, und die tausend inneren Geschäfte zu regeln.

Heutzutage hängt der Journalismus ja mit allem zusammen, mit der Industrie, mit den öffentlichen und privaten Interessen, mit neuen Unternehmungen, mit jeder Art von Eigenliebe in der Literatur und ihren Erzeugnissen. War Nathan abgehetzt und erschöpft aus seinem Redaktionsbüro ins Theater geeilt, aus dem Theater in die Kammer, aus der Kammer zu irgendwelchen Gläubigern, so mußte er ruhig und glücklich vor Marie erscheinen und mit der Lässigkeit eines sorglosen Mannes, der keine anderen Anstrengungen kennt, als die, welche sein Glück erheischt, neben ihrem Wagenschlag einhergaloppieren. Und wenn er zum Lohn für so viele ihr unbekannte Opfer nichts erhielt, als die sanftesten Worte und die holdesten Gewißheiten einer ewigen Zuneigung, als leidenschaftliche Händedrücke in ein paar unbeobachteten Augenblicken und glühende Liebesworte, die er mit ihr tauschte, so kam er sich bisweilen recht dumm vor, daß sie nichts von dem ungeheuren Preis erfuhr, mit dem er diese kleinen »Zeichen der Huld« bezahlte, um mit unsern Voreltern zu reden. Die Gelegenheit zu einer Aussprache ließ nicht auf sich warten. An einem schönen Apriltag nahm die Gräfin in einer entlegenen Gegend des Bois de Boulogne Nathans Arm. Sie hatte ihm einen jener reizenden Vorwürfe wegen nichtiger Dinge zu machen, auf die die Frauen Berge zu bauen verstehen. Statt ihn mit einem Lächeln auf den Lippen und mit glückstrahlender Stirn zu begrüßen, statt daß irgendein feiner, lustiger Gedanke ihre Augen belebte, war sie ernst und feierlich.

»Was haben Sie?« fragte Nathan.

»Geben Sie sich nicht mit diesen Nichtigkeiten ab,« antwortete sie. »Sie müssen doch wissen, daß die Frauen Kinder sind.«

»Habe ich Ihr Mißfallen erregt?«

»Wäre ich dann hier?«

»Aber Sie lächelten mir nicht zu. Sie schienen nicht glücklich, mich zu sehen.«

»Ich bin Ihnen böse, nicht wahr?« sagte sie und blickte ihn mit der unterwürfigen Miene an, mit der die Frauen sich als Opfer hinstellen.

Nathan ging ein paar Schritte weiter. Eine Befürchtung schnürte sein Herz zusammen und stimmte ihn traurig.

»Es ist«, sagte er nach kurzem Schweigen, »wohl eine jener nichtigen Befürchtungen, jener luftigen Verdachtsgründe, die Ihnen über die größten Dinge des Lebens gehen. Sie verstehen sich darauf, die Welt zu gängeln, indem Sie einen Strohhalm hineinwerfen!«

»Ironie? . . . Darauf war ich gefaßt,« sagte sie, den Kopf senkend.

»Marie, mein Engel, siehst du nicht, daß ich das sagte, um dir dein Geheimnis zu entlocken?«

»Mein Geheimnis bleibt ein Geheimnis, selbst wenn ich es dir anvertraut habe.«

»Also sprich . . .«

»Ich werde nicht geliebt,« versetzte sie mit jenem listigen Seitenblick, mit dem die Frauen den Mann, den sie quälen wollen, so boshaft ausfragen.

»Nicht geliebt? . . .« rief Nathan.

»Ja, Sie geben sich mit zu viel Dingen ab. Was bin ich inmitten dieses ganzen Wirrwarrs? Bei jeder Gelegenheit vergessen. Gestern kam ich ins Bois. Ich erwartete Sie . . .«

»Aber . . .«

»Ich hatte für Sie ein neues Kleid angezogen, und Sie kamen nicht. Wo waren Sie?«

»Aber . . .«

»Ich wußte es nicht. Ich ging zu Frau von Espard und fand Sie nicht.«

»Aber . . .«

»Abends, in der Oper habe ich unverwandt nach dem Balkon geblickt. Jedesmal, wenn die Tür aufging, klopfte mein Herz zum Zerspringen.«

»Aber . . .«

»Welch ein Abend! Von diesen Stürmen des Herzens ahnen Sie nichts.«

»Aber . . .«

»Man reibt sich in solchen Aufregungen auf . . .«

»Aber . . .«

»Nun?« fragte sie.

»Ja,« sagte Nathan, »man reibt sich auf, und Sie werden in ein paar Monaten mein Leben aufgerieben haben. Ihre sinnlosen Vorwürfe entreißen mir nun auch mein Geheimnis . . . Ach! Sie werden nicht geliebt? . . . Zu sehr werden Sie geliebt.«

Nun schilderte er seine Lage in lebhaften Farben, erzählte von seiner Nachtarbeit, gab ihr seinen Tageslauf im einzelnen an, sprach von dem Zwange, Erfolge zu erringen, von den unersättlichen Ansprüchen einer Zeitung, deren Leiter die Ereignisse im voraus einschätzen müsse, wolle er nicht seinen Einfluß verlieren, kurz von all den hastigen Erörterungen von Fragen, die in dieser rasenden Zeit im Wolkenfluge vorübereilten.

Raoul war gleich wieder im Unrecht. Die Marquise von Espard hatte es ihm richtig gesagt: nichts ist so harmlos wie eine erste Liebe. Es fand sich bald, daß die Gräfin einer zu großen Liebe schuldig war. Eine liebende Frau beantwortet alles mit einer Freude, einem Geständnis oder einem Vergnügen. Als die Gräfin dies gewaltige Lebensbild vor sich aufgerollt sah, wurde sie von Bewunderung ergriffen. Sie hatte Nathan sehr groß gemacht, sie fand ihn erhaben. Sie klagte sich an, ihn zu sehr zu lieben, bat ihn, nur zu kommen, wenn er Zeit hätte, erniedrigte dies Ringen der Ehrsucht durch einen Blick gen Himmel. Sie wollte also warten! Künftig wollte sie ihre Freuden opfern. Sie hatte nur ein Sprungbrett sein wollen und war ein Hindernis! . . . Sie weinte vor Verzweiflung.

»Die Frauen«, sagte sie mit Tränen in den Augen, »haben also nichts als die Liebe. Die Männer haben tausend Möglichkeiten zu handeln. Wir Frauen können nur denken, beten, anbeten.«

Soviel Liebe erheischte Lohn. Wie eine Nachtigall, die von einem Zweige zur Quelle herabhüpfen will, blickte sie sich um, ob sie allein in der Einsamkeit war, ob die Stille keinen Zeugen verbarg. Dann blickte sie zu Raoul auf, der sich niederbeugte, und erlaubte ihm einen Kuß, den ersten, einzigen, den sie heimlich geben durfte. In diesem Augenblick fühlte sie sich glücklicher, als sie in fünf Jahren gewesen war. Raoul fühlte alle seine Mühen bezahlt. Beide gingen, ohne recht zu wissen, wohin, auf dem Weg von Auteuil nach Boulogne. Sie mußten umkehren, um wieder zu ihren Wagen zu gelangen. Sie gingen in dem wiegenden Gleichschritt, den die Liebenden kennen. Raoul glaubte an diesen Kuß, den sie mit der sittsamen Freiwilligkeit gegeben hatte, die die Heiligkeit des Gefühls verleiht. Alles Böse kam von der Welt und nicht von dieser Frau, die so ganz die Seine war. Raoul bereute die Qualen seines gehetzten Lebens nicht mehr; Marie mußte sie in der Glut ihres ersten Verlangens vergessen, wie alle Frauen, denen die schrecklichen Kämpfe solcher Ausnahmeexistenzen nicht jederzeit vor Augen stehen. Im Bann dieser dankbaren Bewunderung, die die Leidenschaft der Frau auszeichnet, ging Marie festen, leichten Schrittes über den feinen Sand einer Querallee. Beide sprachen wenig, aber was sie sagten, war tief gefühlt und zutreffend. Der Himmel war rein, die hohen Bäume knospten. Einige grüne Spitzen belebten bereits ihre braunen Rutenbündel. Die Sträucher, die Birken, die Weiden und Pappeln zeigten bereits ihr erstes, zartes, noch durchsichtiges Blattwerk. Keine Seele widersteht solchen Harmonien. Die Liebe erklärte der Gräfin die Natur, wie sie ihr die Gesellschaft erklärt hatte.

»Ich wollte, du hättest immer nur mich geliebt!« sagte sie.

»Dein Wunsch ist erfüllt,« entgegnete Raoul. »Wir haben einander die wahre Liebe offenbart.«

Er sagte die Wahrheit. Indem Raoul sich vor diesem jungen Herzen als reiner Mann hinstellte, hatte er sich von seinen eignen, mit schönen Gefühlen verbrämten Phrasen gefangennehmen lassen. Seine anfangs rein auf Berechnung und Eitelkeit fußende Leidenschaft war ehrlich geworden. Mit der Lüge hatte er begonnen, um mit der Wahrheit zu enden. Überdies lebt in jedem Schriftsteller ein schwer unterdrückbares Gefühl, das ihn zur Bewunderung der inneren Schönheit treibt. Kurz, je mehr Opfer ein Mann bringt, desto mehr Anteil nimmt er an dem Wesen, das diese Opfer erheischt. Die Weltdamen fühlen diese Wahrheit instinktiv, so gut wie die Kurtisanen; vielleicht wenden sie sie sogar unbewußt an. So ging es auch der Gräfin. Nach der ersten Wallung der Dankbarkeit und Überraschung war sie bezaubert, daß er für sie so viel Opfer gebracht, so viele Schwierigkeiten überwunden hatte. Der Mann, den sie liebte, war ihrer Liebe würdig. Raoul wußte nicht, wozu ihn seine falsche Größe noch verpflichten sollte; denn die Frauen gestatten ihren Liebhabern nicht, von ihrem Sockel herabzusteigen. Einem Gotte wird auch die kleinste Schwäche nicht verziehen. Marie kannte des Rätsels Lösung nicht, die Raoul seinen Freunden bei dem Souper bei Véry offenbart hatte. Der Kampf dieses Schriftstellers aus den unteren Volksschichten hatte die ersten zehn Jahre seiner Jugend erfüllt; er wollte von einer der Königinnen der schönen Welt geliebt sein. Die Eitelkeit, ohne die die Liebe nach Chamforts Wort sehr schwach ist, nährte seine Leidenschaft und mußte sie von Tag zu Tag steigern.

»Kannst du mir schwören,« fragte Marie, »daß du keiner andern angehörst und nie angehören wirst?«

»In meinem Leben wäre kein Raum für eine andre und kein Platz in meinem Herzen,« antwortete er wahrheitsgetreu; so sehr verachtete er Florine.

»Ich glaube es dir,« sagte sie.

In der Allee, in der die Wagen hielten, ließ Marie Nathans Arm los, und er nahm eine ehrerbietige Haltung an, als wäre er ihr begegnet. Er begleitete sie mit dem Hut in der Hand zu ihrem Wagen, dann folgte er ihr durch die Allee Charles X., sog den Staub ein, den ihr Wagen aufwirbelte, und sah die Federn auf ihrem Hute zum Wagen hinausflattern.

Trotz Maries edler Entsagung erschien Raoul, von seiner Leidenschaft hingerissen, überall, wo sie war. Er bewunderte die unzufriedene und doch glückstrahlende Miene, mit der sie ihn tadeln wollte und es doch nicht vermochte, weil er seine kostbare Zeit so vergeudete. Marie übernahm nun die Leitung seiner Tätigkeit, gab ihm bestimmte Weisungen für seine Tageseinteilung, blieb zu Hause, um ihm jeden Vorwand zur Ablenkung zu nehmen. Jeden Morgen las sie die Zeitung und machte sich zum Herold des Ruhmes von Etienne Lousteau, dem Feuilletonschreiber, den sie entzückend fand, von Felicien Vernou, Claude Vignon und allen Redakteuren. Sie riet Raoul, de Marsay Gerechtigkeit zu erweisen, als er starb, und las voller Entzücken die große, schöne Lobrede, die Raoul dem verstorbenen Minister widmete, obwohl er seinen Machiavellismus und seinen Haß auf die Menge tadelte. Natürlich saß sie im Proszenium des Gymnasetheaters bei der Uraufführung des Stückes, auf das Nathan rechnete, um sein Unternehmen über Wasser zu halten. Der Erfolg schien gewaltig. Sie fiel auf den bezahlten Beifall herein.

»Sie sind nicht in die Abschiedsvorstellung zu den Italienern gekommen,« sagte Lady Dudley, zu der sie nach dieser Vorstellung fuhr.

»Nein, ich war im Gymnase. Es war eine Premiere.«

»Ich mag das Vaudeville nicht. Mir geht es dabei, wie Ludwig XIV. bei den Bildern von Teniers.«

»Ich,« entgegnete Frau von Espard, »ich finde, daß die Bühnenschriftsteller Fortschritte machen. Die Vaudevillestücke sind heute reizende, geistsprühende Lustspiele, die viel Talent fordern, und ich amüsiere mich köstlich dabei.«

»Die Schauspieler sind auch vorzüglich,« sagte Marie. »Im Gymnase spielten sie heute abend sehr gut. Das Stück lag ihnen; der Dialog ist fein, geistreich.«

»Wie bei Beaumarchais,« bemerkte Lady Dudley.

»Herr Nathan ist noch kein Molière, aber« . . . sagte Frau von Espard und blickte die Gräfin an.

»Er schreibt Vaudevillestücke,« sagte Frau Charles von Vandenesse.

»Und stürzt Minister,« setzte Frau von Manerville hinzu.

Die Gräfin schwieg. Sie wollte mit scharfen Bemerkungen antworten; sie fühlte, wie es ihr im Herzen kochte, aber ihr fiel nichts Besseres ein, als:

»Er wird vielleicht noch Minister machen.«

Alle Damen wechselten einen Blick geheimnisvollen Einverständnisses. Als Marie von Vandenesse ging, rief Moïna von Saint-Héren:

»Sie betet Nathan an!«

»Sie hält nichts von Heimlichkeiten,« versetzte Frau von Espard.

Der Mai kam und Vandenesse reiste mit seiner Frau auf sein Landgut. Hier fand sie allein Trost in Raouls leidenschaftlichen Briefen, die sie täglich beantwortete.

Ihr Fernsein hätte Raoul vor dem Abgrund retten können, an dessen Rande er stand, wäre Florine bei ihm gewesen. Aber er war allein, umgeben von Freunden, die zu heimlichen Feinden geworden waren, seit er die Absicht verriet, sie zu beherrschen. Seine Mitarbeiter haßten ihn jetzt, waren aber bereit, ihm im Fall seines Sturzes die Hand zu reichen und ihn zu trösten, oder ihn im Fall seines Sieges anzubeten. So geht es in der Schriftstellerwelt. Man liebt dort nur Leute, die unter einem stehen. Jeder ist des Emporstrebenden Feind. Dieser allgemeine Neid verzehnfacht die Aussichten der Mittelmäßigkeiten, die weder Neid noch Argwohn erregen, die wie Maulwürfe ihren Weg gehen und bei all ihrer Dummheit drei bis vier Stellen im »Moniteur« erhalten, während die Talente sich noch vor der Tür herumprügeln, um einander den Eintritt zu verwehren. Diese dumpfe Feindseligkeit seiner angeblichen Freunde hatte Florine in ihrem Kurtisaneninstinkt, der das Wahre aus tausend Möglichkeiten herausfühlte, richtig erraten, aber sie war nicht die größte Gefahr für Raoul. Seine beiden Teilhaber, der Advokat Massot und der Bankier du Tillet, hatten die Absicht, ihn als Arbeitspferd vor den Wagen zu spannen, in dem sie sich breit machten, und ihn an die Luft zu setzen, sobald er außerstande war, die Zeitung zu halten, oder ihm diese große Macht in dem Augenblick zu nehmen, wo sie selbst sie brauchen wollten. Für sie war Nathan eine bestimmte Summe, die aufgebraucht werden sollte, eine literarische Kraft von der Leistungsfähigkeit von zehn Federn, die ausgenutzt werden mußte. Massot war einer der Advokaten, die sich darauf verstehen, aus Schönrednerei endlos über eine Sache zu reden und die Leute zu langweilen, indem sie alles sagen. Sie sind die Pest der Versammlungen, in denen sie alles herabsetzen, und wollen um jeden Preis große Leute werden. Ihm lag nichts mehr daran, Justizminister zu werden. Er hatte in vier Jahren fünf bis sechs Justizminister erlebt und hatte genug von der Juristerei. Er wollte eine einträgliche Staatsstellung haben, einen Platz im öffentlichen Unterrichtswesen oder im Staatsrat, und als Beigabe das Kreuz der Ehrenlegion. Du Tillet und der Baron von Nucingen hatten ihm das Kreuz und den Posten als Beisitzer im Staatsrat zugesichert, wenn er auf ihre Absichten einging. Er fand sie mehr in der Lage, ihre Zusagen zu erfüllen als Nathan, und er gehorchte blindlings.

Um Raoul besser zu täuschen, ließen sie ihm völlig freie Hand. Du Tillet benutzte die Zeitung nur zu seinen Börsengeschäften, von denen Raoul nichts verstand, aber er hatte Rastignac durch den Baron von Nucingen bereits wissen lassen, daß das Blatt der Regierung im stillen gefällig sein wollte, unter der einzigen Bedingung, seine Kandidatur an Stelle von Nucingen, dem künftigen Pair von Frankreich, zu unterstützen. Dieser war in einem kleinen Wahlkreise aufgestellt, in dem es nur wenige Wähler gab, und die Zeitung wurde dorthin in großen Mengen unentgeltlich versandt. So wurde Raoul von dem Bankier wie von dem Advokaten hinters Licht geführt, und beide sahen ihn mit unendlichem Vergnügen in der Redaktion thronen und alle Vorteile davon ausnutzen, alle Früchte der Eigenliebe und sonstigen Früchte genießen. Nathan war begeistert von ihnen. Er fand sie, wie bei seiner Bitte um Wagen und Pferde, höchst entgegenkommend und wähnte sie an der Nase herumzuführen. Phantasiemenschen, deren Lebensnerv die Hoffnung ist, wollen sich ja nie sagen, daß in Geschäften der kritischste Augenblick der ist, wo alles nach Wunsch geht.

Es war ein Augenblick des Triumphs für Nathan, den er übrigens voll ausnutzte. Er zeigte sich damals in der politischen und Finanzwelt; du Tillet führte ihn bei Nucingen ein, und Frau von Nucingen nahm Raoul gut auf, weniger um seinetwillen, als wegen Frau von Vandenesse. Als sie aber ein paar Worte über die Gräfin fallen ließ, glaubte er etwas sehr Schlaues zu tun, indem er sich hinter Florine verschanzte. Mit gönnerhafter Dünkelhaftigkeit ging er auf seine Beziehungen zu der Schauspielerin ein, die er unmöglich abbrechen könnte. Gibt man wohl ein sicheres Glück preis, um im Faubourg St. Germain zu liebäugeln? So lieh Nathan, der von Nucingen und Rastignac, von du Tillet und Blondet hinters Licht geführt wurde, den Doktrinären pomphaft seinen Beistand, um ihnen zu einem ihrer kurzlebigen Kabinette zu verhelfen. Um aber auch mit reiner Hand zur Macht zu kommen, verschmähte er es ostentativ, sich bei einigen Unternehmungen, die mit Hilfe seines Blattes zustande kamen, Vorteile sichern zu lassen, – er, der sich sonst so wenig bedachte, seine Freunde bloßzustellen und sich in gewissen kritischen Augenblicken gegen ein paar Industrielle wenig anständig zu benehmen.

Solche Gegensätze, das Ergebnis seiner Eitelkeit und seines Ehrgeizes, findet man bei derartigen Existenzen häufig. Der Mantel muß nach außen hin prunkvoll sein; man nimmt sich das Tuch von seinen Freunden, um die Löcher zu stopfen. Trotzdem erlebte Raoul zwei Monate nach der Abreise der Gräfin Rabelais' sprichwörtliche »Viertelstunde«, die ihm inmitten seines Triumphes rechte Sorgen bereitete. Du Tillet war mit 100 000 Franken im Vorschuß. Das Geld von Florine, ein Drittel der Gründungskosten, war durch die Steuern und die sehr kostspieligen ersten Aufwendungen verbraucht. Man mußte an die Zukunft denken. Der Bankier kam dem Schriftsteller entgegen, indem er 50 000 Franken auf einen Viermonatswechsel nahm. So hielt du Tillet Raoul durch den Wechsel am Zügel. Dank diesem Zuschuß war die Zeitung für ein halbes Jahr gesichert. In den Augen mancher Schriftsteller ist ein halbes Jahr eine Ewigkeit. Zudem hatte man durch Annoncen, durch Reisende, durch Scheinvorteile, die man den Abonnenten bot, 2000 zusammengebracht. Dieser halbe Erfolg ermutigte dazu, Banknoten in diese Kohlenpfanne zu werfen. Noch etwas Talent, ein politischer Prozeß, eine augenscheinliche Verfolgung, und Raoul wurde zu einem der modernen Condottieri, deren Tinte heute soviel gilt, wie ehemals das Schießpulver.

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