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Eine Evatochter

Honoré de Balzac: Eine Evatochter - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie falsche Geliebte
titleEine Evatochter
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204450
translatorOppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080711
modified20171219
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Nach den zahlreichen Beschreibungen von Orgien, die diese literarische Phase bezeichneten, in der sehr wenig Orgien in den Dachstuben stattfanden, in denen sie beschrieben wurden, ist es sehr schwer, Florines Orgie zu beschreiben. Nur ein Wort. Um drei Uhr morgens konnte Florine sich auskleiden und zur Ruhe gehen, als wäre sie allein, obwohl niemand fortgegangen war. Die Leuchten des Zeitalters schliefen wie das liebe Vieh. Als am hellen Morgen die Packer, Agenten und Träger erschienen, um den ganzen Luxus der berühmten Schauspielerin fortzuschleppen, mußte sie laut lachen, als sie sah, wie die Leute diese Berühmtheiten wie große Möbelstücke ergriffen und sie auf den Fußboden legten. So gingen alle ihre Herrlichkeiten von dannen. Florine überlieferte alle ihre Erinnerungen den Kaufleuten, in deren Läden kein Vorübergehender ihnen ansehen konnte, wo oder wie diese Blüten des Luxus erstanden worden waren. Nach der Vereinbarung behielt Florine bis zum Abend ihre besonderen Habseligkeiten, ihr Bett, ihren Tisch und ihr Tischgerät, um ihre Gäste zu bewirten. Nachdem die Schöngeister unter den eleganten Vorhängen des Reichtums eingeschlafen waren, erwachten sie zwischen den kahlen, leeren Wänden des Elends mit ihren Nagelspuren und den wunderlichen Häßlichkeiten, die unter den Wandverkleidungen hervorkamen, wie die Strippen hinter den Operndekorationen.

»Florine, die Ärmste, ist ausgepfändet!« rief Bixiou, einer der Gäste. »Die Beutel heraus! Eine Subskription!«

Bei diesen Worten sprang alles auf. Alle Taschen wurden geleert und es kamen bare 37 Franken heraus, die Raoul lachend der lachenden Florine überbrachte. Die glückliche Kurtisane erhob den Kopf von ihrem Kopfkissen und wies auf ihre Bettdecke. Dort lagen Haufen von Banknoten, so dick wie in den Zeiten, wo die Kopfkissen der Kurtisanen jahraus jahrein ebensoviel einbrachten. Raoul rief Blondet.

»Ich verstehe,« sagte dieser. »Der Racker hat alles verramscht, ohne uns was zu sagen. Gut, kleiner Engel!«

Dieser Witz bewirkte, daß die Schauspielerin halb bekleidet von den wenigen Freunden, die noch da waren, im Triumph in das Eßzimmer getragen wurde. Der Advokat und die Bankleute waren fortgegangen. Am Abend hatte Florine im Theater einen rauschenden Erfolg. Das Gerücht von ihrem Opfer hatte sich im Saale verbreitet.

»Beifall für mein Talent wäre mir lieber,« sagte ihre Nebenbuhlerin im Foyer zu ihr.

»Ein natürlicher Wunsch bei einer Künstlerin, die bisher nur für ihre Gefälligkeit Beifall erhielt,« gab sie zurück.

Während des Abends hatte Florines Kammerzofe in der Passage Sandrié, in Raouls Wohnung, Quartier für sie gemacht. Der Journalist mußte in dem Hause nächtigen, in dem das Zeitungsbureau untergebracht war. Das war die Nebenbuhlerin der reinen Frau von Vandenesse. In seiner Phantasie schloß Raoul die Schauspielerin und die Gräfin wie mit einem Ringe zusammen. Ein furchtbarer Knoten, den eine Herzogin unter Ludwig XV. zerschnitten hatte, indem sie die Lecouvreur vergiften ließ; eine sehr begreifliche Rache, wenn man die Größe der Kränkung bedenkt.

Florine legte den ersten Schritten von Raouls Leidenschaften nichts in den Weg. Sie durchschaute die falsche Rechnung bei dem schwierigen Unternehmen, in das er sich stürzte, und wollte sechs Monate Urlaub nehmen, Raoul führte die Verhandlungen mit Nachdruck und führte sie derart zum Ziel, daß er sich bei Florine noch beliebter machte. Mit dem gesunden Verstand des Bauern in der Lafontaineschen Fabel, der für das Essen sorgt, während die Patrizier schwatzen, machte die Schauspielerin in der Provinz und im Ausland Gastspielreisen, um den berühmten Mann auszuhalten, während er nach Macht jagte.

Bisher haben wenige ein Bild von der Liebe gemalt, wie sie in den hohen Gesellschaftsschichten ist, reich an Größe und geheimem Elend, furchtbar in der Unterdrückung des Verlangens durch die dümmsten, gemeinsten Zufälle und oft durch Ermattung gebrochen. Vielleicht bekommt man hier eine Ahnung davon. Seit dem Tage nach dem Balle bei Lady Dudley glaubte Marie, ohne die schüchternste Erklärung gemacht oder erhalten zu haben, sich von Raoul nach dem Programm ihrer Träume geliebt, und Raoul wußte sich als Maries Erwählter. Obwohl keiner von beiden bis zu dem kritischen Punkte gelangt war, wo Männer wie Frauen die Vorbereitungen abkürzen, gingen beide rasch aufs Ziel. Raoul war der Sinnenfreuden überdrüssig; er strebte nach der Welt des Ideals, wogegen Marie, der nicht einmal der Gedanke an einen Fehltritt gekommen war. sich gar nicht vorstellte, daß sie diese Welt verlassen könnte. So war tatsächlich keine Liebe unschuldiger und reiner als die Raouls und Maries, aber keine war in der Vorstellung leidenschaftlicher und köstlicher. Die Gräfin schwelgte in Vorstellungen, die der Ritterzeit würdig, aber völlig modernisiert waren. Im Sinn ihrer Rolle war der Widerwille ihres Gatten gegen Nathan kein Hindernis mehr für ihre Liebe. Je weniger Achtung Raoul verdient hätte, um so größer wäre sie gewesen. Die feurigen Worte des Dichters fanden mehr Widerhall in ihrem Busen als in ihrem Herzen. Beim Rufe der Leidenschaft war das Mitleid in ihr erwacht. Diese Königin der Tugenden heiligte in den Augen der Gräfin ihre Herzenswallungen, ihre Wonnen und die Heftigkeit ihrer Liebe beinahe. Sie fand es schön, eine irdische Vorsehung für Raoul zu sein. Welch schöner Gedanke, mit ihrer weißen, schwachen Hand diesen Koloß zu stützen, dessen tönerne Füße sie nicht sehen wollte, da Leben zu spenden, wo es fehlte, insgeheim die Urheberin einer großen Laufbahn zu sein, einem genialen Menschen im Kampf mit dem Schicksal beizustehen und ihm zum Siege zu verhelfen, ihm seine Schärpe für das Turnier zu sticken, ihm Waffen zu widmen, ihm den Talisman gegen Zauber und den Balsam gegen Wunden zu geben! Bei einer Frau mit Maries Erziehung, fromm und edel wie sie, mußte die Liebe zum wonnigen Mitleid werden. Daher ihre Unbedenklichkeit. Reine Gefühle stellen sich mit einer stolzen Verachtung bloß, die der Schamlosigkeit der Kurtisanen ähnelt. Sobald sie durch eine spitzfindige Auslegung sicher war, die eheliche Treue nicht zu verletzen, gab sich die Gräfin der Freuden ihrer Liebe zu Raoul mit vollem Herzen hin. Die nichtigsten Dinge des Lebens dünkten ihr jetzt reizvoll. Ihr Boudoir, in dem sie an ihn dachte, wurde ihr zum Heiligtum. Selbst ihr hübscher Schreibtisch erweckte in ihrer Seele die tausend Freuden des Briefwechsels. Sie hatte Briefe zu lesen, zu verstecken, zu beantworten. Die Toilette, diese herrliche Dichtung des Frauenlebens, die von ihr erschöpft oder nicht gewürdigt worden war, schien ihr jetzt mit einer bisher unbemerkten Zauberkraft begabt. Die Toilette wurde für sie plötzlich zu dem, was sie für alle Frauen ist, ein beständiger Ausdruck des innersten Denkens, eine Sprache, ein Symbol. Wieviel Genuß lag in einem Putz, den sie anlegte, um ihm zu gefallen, um ihm Ehre zu machen! Höchst naiv überließ sie sich der reizenden Putzsucht, die das Leben der Pariserinnen ausfüllt und die allem, was man an ihnen, in ihnen, bei ihnen sieht, so große Bedeutung verleiht! Es gibt sehr wenig Frauen, die nur um ihrer selbst willen in ein Seidengeschäft, zum Modeladen, zu guten Schneidern gehen. Sind sie alt, so denken sie nicht mehr daran, sich zu schmücken. Sieht man im Vorbeigehen ein Gesicht einen Augenblick vor einem Ladenfenster halt machen, so prüfe man es genau. Die Frage: »Fände er mich wohl schöner damit?« steht auf den hellen Stirnen, in den hoffnungsstrahlenden Augen, in dem auf den Lippen spielenden Lächeln geschrieben.

Der Ball bei Lady Dudley war an einem Sonnabend gewesen. Am Montag fuhr die Gräfin in die Oper, von der Gewißheit getrieben, Raoul dort zu sehen. Er hatte sich in der Tat auf einer der Treppen postiert, die zu den Proszeniumslogen herabführen. Mit welcher Wonne bemerkte sie die neue Sorgfalt, die ihr Geliebter auf seinen Anzug verwandt hatte! Dieser Verächter der Gesetze der Eleganz hatte eine wohlgepflegte Frisur, in deren tausend Lockenringen Parfüms glänzten. Seine Weste folgte der Mode, sein Kragen war gut gebunden, sein Hemd zeigte tadellose Falten. Unter dem gelben Handschuh, dem Gebot der Stunde, schienen seine Hände schneeweiß. Raoul hielt die Arme über der Brust verschränkt, als stände er für eine Porträtaufnahme. Er war voll großartiger Gleichgültigkeit gegen das ganze Theater, voll kaum bezähmter Ungeduld. Seine Augen, wiewohl niedergeschlagen, schienen die rote Samtbrüstung zu suchen, auf die Marie ihren Arm gelegt hatte. Felix saß in der andern Ecke der Loge und wandte Raoul den Rücken. Die kluge Gräfin hatte sich so gesetzt, daß sie auf die Säule herabblickte, an die Raoul sich lehnte. Marie hatte diesen geistreichen Menschen also im Handumdrehen dahin gebracht, seinen Zynismus in Dingen der Kleidung abzuschwören. Die gewöhnlichste und die vornehmste Frau ist gleich berauscht, wenn sie den ersten Ausdruck ihrer Macht in einer solchen Metamorphose erblickt. Jede Wandlung ist ein Geständnis der Hörigkeit.

»Sie hatten recht,« sagte sie im Gedanken an ihre abscheulichen Ratgeberinnen. »Verstanden zu werden, bringt Glück.«

Als die beiden Liebenden den Theaterraum mit jenem raschen Blick überflogen hatten, der alles sieht, wechselten sie einen Blick des Einverständnisses. Beiden war dabei zumute, als hätte ein himmlischer Tau ihre vor Erwartung brennenden Herzen erquickt. »Ich bin seit einer Stunde in der Hölle, und nun tut sich der Himmel auf,« sagten Raouls Augen. »Ich wußte, daß du da warst, aber bin ich frei?« sagten die Augen der Gräfin. Nur Diebe, Spione, Liebende, Diplomaten, kurz, alle Sklaven, kennen die Hilfsmittel und die Wonnen des Blicks. Nur sie wissen, wie viel Verständnis, Sanftmut, Geist, Zorn und Verbrechen im Wechselspiel dieses beseelten Lichtes liegt. Raoul fühlte, wie seine Liebe sich unter den Sporen des Zwanges bäumte, aber auch, wie sie beim Anblick der Hindernisse wuchs. Zwischen der Stufe, auf der er stand, und der Loge der Gräfin Felix von Vandenesse waren kaum dreißig Schritte, und doch konnte er diesen Abstand nicht aus der Welt schaffen. Dieser unüberschreitbare Abgrund, vor dem er festen Fußes stand, flößte einem leidenschaftlichen Manne wie er, der bisher zwischen Begierde und Genuß nur wenig Abstand gekannt hatte, das Verlangen ein, mit einem Tigersatz zu der Gräfin zu springen. In einem Anfall von Wut suchte er das Gelände zu erkunden. Er verbeugte sich sichtlich vor der Gräfin, die mit jenem leichten, geringschätzigen Kopfnicken antwortete, mit dem die Damen ihren Anbetern die Lust zu einer Wiederholung benehmen. Graf Felix drehte sich um, um zu sehen, wer seine Frau grüßte. Er bemerkte Nathan, grüßte nicht, drehte sich langsam wieder um und murmelte ein paar Worte, mit denen er zweifellos die gespielte Verachtung seiner Frau billigte. Die Logentür blieb Nathan offenbar verschlossen, und dieser warf Felix einen furchtbaren Blick zu. Diesen Blick hätte jedermann mit einem Wort Florines gedeutet: »Du, bald wirst du den Kopf nicht mehr hoch tragen!« Frau von Espard, eine der unverschämtesten Damen der Zeit, hatte aus ihrer Loge alles gesehen; sie rief laut ein paarmal Bravo. Raoul, der unter ihr stand, drehte sich schließlich um, grüßte sie und erhielt von ihr ein anmutiges Lächeln, das deutlich zu sagen schien: »Wenn Sie dort vertrieben werden, kommen Sie hierher.« Raoul verließ also seine Säule und kam zu Frau von Espard. Er hatte das Bedürfnis, sich dort zu zeigen, um dem kleinen Herrn von Vandenesse zu beweisen, daß Berühmtheit soviel wert ist wie Adel, und daß sich vor Nathan alle wappengeschmückten Türen in ihren Angeln drehten. Die Marquise nötigte ihn, ihr gegenüber, in der Vorderreihe der Loge Platz zu nehmen. Sie wollte ihn aushorchen.

»Frau Felix von Vandenesse ist heute abend reizend,« begann sie mit einem Kompliment auf ihre Toilette, als handelte es sich um ein Buch, das er gestern veröffentlicht hatte.

»Ja,« sagte Raoul gleichgültig. »Die Marabus stehen ihr ausgezeichnet. Aber sie ist ihnen sehr treu. Sie trug sie schon vorgestern,« setzte er etwas wegwerfend hinzu, um durch diese Kritik die holde Mitschuld zu entkräften, deren die Marquise ihn zieh.

»Kennen Sie das Sprichwort?« fragte sie. »Ein rechtes Fest dauert zwei Tage.«

Im Spiel geistreicher Dialoge sind die literarischen Berühmtheiten nicht immer so gewandt wie die Marquisen. Raoul beschloß, sich dumm zu stellen, der letzte Ausweg der geistreichen Leute.

»Das Sprichwort trifft für mich zu,« sagte er, die Marquise galant anblickend.

»Mein Lieber, Ihre Antwort kommt zu spät, als daß ich sie noch annähme,« entgegnete sie lachend. »Tun Sie nicht so spröde. Gehen Sie! Sie haben Frau von Vandenesse gestern morgen auf dem Ball in ihren Marabus reizend gefunden; sie weiß es, sie hat sie für Sie wieder angelegt. Sie liebt Sie: Sie beten sie an. Das geht zwar etwas rasch, aber ich finde das nur zu natürlich. Wenn ich mich irrte, so würden Sie Ihren einen Handschuh nicht drehn wie einer, der voller Wut neben mir sitzt, statt in der Loge seines Idols zu sein, wo er allerdings offiziell abgeblitzt ist, und der sich nun ärgert, daß er sich etwas zuflüstern lassen muß, was er gern laut hörte.«

In der Tat drehte Raoul einen Handschuh in seinen Fingern und zeigte dabei eine auffällig weiße Hand. Frau von Espard blickte diese Hand mit der größten Unverfrorenheit starr an und versetzte:

»Sie hat Ihnen Opfer abgerungen, die Sie der Gesellschaft nicht gebracht haben. Sie muß von ihrem Erfolg entzückt sein und wird sich gewiß etwas darauf einbilden, aber an ihrer Stelle wäre ich noch eingebildeter. Sie war nur eine geistreiche Frau, jetzt wird sie zur genialen Frau werden. Sie werden sie uns in einem köstlichen Buche schildern, wie Sie sie zu schreiben verstehen. Mein Lieber, vergessen Sie Vandenesse nicht dabei; tun Sie's mir zu Liebe. Wahrhaftig, er ist zu selbstgewiß. Diese strahlende Miene verziehe ich selbst dem olympischen Zeus nicht, dem einzigen mythologischen Gotte, der kein Pech gehabt haben soll.«

»Meine Gnädigste,« rief Raoul aus, »Sie schreiben mir eine recht niedrige Seele zu, wenn Sie mich für fähig halten, mit meinen Gefühlen, meiner Liebe Schacher zu treiben. Lieber als diese literarische Feigheit wäre mir noch der türkische Brauch, einer Frau einen Strick um den Hals zu werfen und sie zum Markte zu führen.«

»Aber ich kenne Marie doch, sie wird Sie selbst darum bitten.«

»Dazu ist sie unfähig,« sagte Raoul leidenschaftlich.

»Sie kennen sie also gut?«

Nathan mußte über sich selbst lachen, über sich, den Komödienspieler, der selbst einer Komödie zum Opfer gefallen war.

»Die Komödie wird nicht mehr dort gespielt,« sagte er, auf die Bühne deutend, »sondern bei Ihnen.«

Er nahm sein Opernglas und begann im Theater umherzublicken, um sich eine Haltung zu geben. »Sind Sie mir böse?« fragte die Marquise, ihn von der Seite anblickend. »Hätte ich nicht stets Ihr Geheimnis erfahren? Wir werden uns leicht vertragen. Kommen Sie zu mir; ich habe jeden Mittwoch Empfang. Die teure Gräfin wird nicht einen Tag fehlen, wenn sie Sie dort trifft. Ich gewinne dabei. Bisweilen sehe ich sie zwischen 4 und 5 Uhr. Ich werde nett sein und Sie zu der kleinen Zahl von Bevorzugten zählen, die ich um diese Zeit empfange.«

»Nun ja,« sagte Raoul. »So ist die Welt! Man nennt Sie boshaft!«

»Mich?« sagte sie. »Ich bin es nur bei Gelegenheit. Muß man sich nicht seiner Haut wehren? Aber Ihre Gräfin bete ich an. Sie werden zufrieden mit ihr sein, sie ist reizend. Sie werden der erste sein, dessen Name in ihr Herz geschrieben ist, mit jener kindlichen Freude, mit der alle Verliebten, selbst die Unteroffiziere, ihren Namenszug in die Rinde der Bäume eingraben. Die erste Liebe einer Frau ist eine köstliche Blüte. Sehen Sie, später ist unsre Zärtlichkeit, unsre Fürsorge zu bewußt. Eine alte Frau wie ich kann alles sagen, sie fürchtet nichts mehr, selbst einen Journalisten nicht. Nun also, im Herbst des Lebens können wir Sie glücklich machen, aber wenn wir das erstemal lieben, sind wir glücklich und bereiten Ihnen damit tausend Freuden des Stolzes. Bei uns ist dann alles von reizender Unverhofftheit, das Herz voller Unbefangenheit. Sie sind zu sehr Dichter, um die Blüte der Frucht nicht vorzuziehen. Wir sprechen uns wieder in einem halben Jahre.«

Wie alle Verbrecher legte sich Raoul aufs Leugnen, aber damit lieferte er dieser zähen Kämpferin nur neue Waffen. Er war bald in die fließenden Knoten der gefährlichsten und geistreichsten Unterhaltung verstrickt, in der die Pariserinnen Meisterinnen sind, und er fürchtete, sich Geständnisse ablocken zu lassen, die die Marquise in ihren Spöttereien gleich ausgenutzt hätte. Er zog sich also weislich zurück, als er Lady Dudley eintreten sah.

»Nun?« fragte die Engländerin, »wie weit sind sie?«

»Sie lieben sich bis zum Wahnsinn. Nathan hat es mir eben gesagt.«

»Schade, daß er nicht häßlicher ist,« sagte Lady Dudley und warf dem Grafen Felix einen Vipernblick zu. »Übrigens ist er das, was ich wollte, der Sohn eines Trödeljuden, der in den ersten Jahren seiner Ehe bankrott wurde und starb. Aber seine Mutter war katholisch; sie hat ihn leider zum Christen gemacht.«

Diese Herkunft, die Nathan so sorgfältig verbarg, hatte Lady Dudley soeben erfahren. Sie schwelgte im voraus in der Wonne, ein paar schreckliche Epigramme auf Vandenesse daraus zu machen.

»Und ich habe ihn eben eingeladen, zu mir zu kommen!« versetzte die Marquise.

»Habe ich ihn nicht gestern empfangen?« entgegnete Lady Dudley. »Es gibt Freuden, mein Engel, die uns teuer zu stehen kommen.«

Die Kunde von der gegenseitigen Leidenschaft Raouls und der Gräfin von Vandenesse machte während der Vorstellung die Runde in der Gesellschaft, nicht ohne auf Proteste und Unglauben zu stoßen. Aber die Gräfin wurde von ihren Freundinnen, Lady Dudley, Frau von Espard und Frau von Manerville, mit einer ungeschickten Heftigkeit verteidigt, die dem Gerücht vorteilhaft war.

Durch den Zwang besiegt, ging Raoul am Mittwoch abend zur Marquise von Espard und traf dort die gute Gesellschaft, die im Hause verkehrte. Da Felix seine Gattin nicht begleitete, konnte Raoul mit Marie einige Worte wechseln, die mehr durch ihren Tonfall als durch ihre Gedanken bedeutungsvoll waren. Durch Frau Octave de Camps vor Klatsch gewarnt, hatte die Gräfin die Bedeutung ihrer Lage gegenüber der Gesellschaft erkannt und wies auch Raoul darauf hin.

Im Kreise dieser schönen Gesellschaft hatten also beide kein andres Vergnügen als die so tief genossenen Eindrücke, die die Gedanken, die Stimme, die Gebärden, das Benehmen eines geliebten Wesens erwecken. Die Seele klammert sich heftig an Nichtigkeiten. Bisweilen richten sich die Blicke beider Liebender auf den gleichen Gegenstand und verbergen darin gleichsam einen Gedanken, den sie gefaßt, erwidert und ausgetauscht haben. Bei einer Unterhaltung bewundert man den leicht vorgestellten Fuß, die zitternde Hand, die Finger, die nach irgendeinem Schmuckstück greifen, es wieder loslassen oder es in bedeutsamer Weise hin und her drehen. Nicht die Gedanken, noch die Sprache, sondern die Dinge selbst sprechen; sie sprechen so viel, daß ein Verliebter es oft anderen überläßt, eine Tasse Tee, die Zuckerdose, ich weiß nicht welchen Gegenstand herbeizubringen, den die geliebte Frau verlangt, alles aus Angst, seine Verwirrung vor Blicken zu verraten, die nichts zu sehen scheinen und doch alles sehen. Zahllose Sehnsüchte, sinnlose Wünsche, heftige Gedanken, die unterdrückt werden, entladen sich nur im Blick. Hier sind die Händedrücke, die vor tausend Argusaugen verborgen werden, so beredt wie ein langer Brief und wonnevoll wie ein Kuß. Die Liebe nährt sich von allem, was ihr versagt wird, stützt sich auf alle Hindernisse, um größer zu werden. Schließlich werden diese öfter verfluchten als überschrittenen Schranken zerbrochen und ins Feuer geworfen, um die Glut zu nähren. Hier können die Frauen den Umfang ihrer Macht an der Beschränkung messen, zu der eine unendliche, aber zurückgedrängte Liebe gelangt, die sich in einem erregten Blick, einem nervösen Zucken hinter einer banalen Höflichkeitsformel verbirgt. Wie oft wird auf der letzten Stufe einer Treppe die unbekannte Qual und das nichtssagende Gerede eines ganzen Abends mit einem einzigen Worte belohnt! Raoul, der wenig nach der Gesellschaft fragte, entlud seinen Zorn in Worten und war blendend. Jedermann hörte das Murren gegen den Zwang, den die Künstler so schwer zu ertragen vermögen. Dieser Grimm im Stil von Roland, dieser Geist, der alles zerbrach und zerschlug, der das Epigramm wie eine Keule schwang, berauschte Marie und unterhielt den ganzen Kreis, wie der Anblick eines mit Bändern geschmückten Stiers, der in einer spanischen Arena einhertobt.

»Und wenn du alles entzweischlägst,« sagte Blondet zu ihm, »du schaffst dir doch keine Einsamkeit um dich her.«

Dies Wort gab Raoul seine Besinnung wieder. Er hörte auf, seine Gereiztheit zur Schau zu tragen. Die Marquise brachte ihm eine Tasse Tee und sagte so laut, daß Frau von Vandenesse es hören konnte: »Sie sind wirklich sehr amüsant. Kommen Sie doch bisweilen um vier Uhr her.«

Raoul nahm an dem Wort amüsant Anstoß, obwohl es als Vorwand für die Einladung gemeint war. Er begann zuzuhören, wie ein Schauspieler, der in den Zuschauerraum blickt, anstatt auf der Bühne zu sein. Blondet hatte Mitleid mit ihm.

»Mein Lieber,« sagte er, ihn in eine Ecke ziehend, »du benimmst dich in Gesellschaft, als ob du bei Florine wärest. Hier läßt man sich nie gehen. Man läßt keine langen Artikel los, sondern sagt von Zeit zu Zeit etwas Geistreiches. Man nimmt eine ruhige Miene an, wenn man das lebhafte Bedürfnis verspürt, die Leute zum Fenster hinauszuwerfen. Man spottet sanft, man tut, als sagte man der angebeteten Frau Artigkeiten, und man wälzt sich nicht wie ein Esel mitten auf der Straße. Hier, Verehrtester, liebt man, wie es sich gehört. Entweder entführe Frau von Vandenesse oder zeige dich als Gentleman. Du bist zu sehr der Liebhaber aus einem deiner Bücher.«

Nathan hörte ihm gesenkten Hauptes zu. Er war wie ein Löwe, der sich in ein Garn verstrickt hat.

»Ich setze keinen Fuß mehr in das Haus,« sagte er. »Diese Marquise aus Pappe verkauft mir ihren Tee zu teuer. Sie findet mich amüsant! Ich verstehe nun, warum Saint-Just diese ganze Gesellschaft guillotinierte.«

»Du kommst ja morgen doch wieder.«

Blondet sprach wahr. Die Leidenschaften sind ebenso feig wie grausam. Am nächsten Tage nach langem Schwanken zwischen »ich gehe« und »ich gehe nicht,« verließ Raoul seine Teilhaber inmitten einer wichtigen Konferenz und fuhr nach dem Faubourg St. Honoré zu Frau von Espard. Als er Rastignac in elegantem Kupee ankommen sah, während er seinen Kutscher am Tor bezahlte, fühlte er sich in seiner Eitelkeit verletzt. Er beschloß, sich ein elegantes Kupee und den obligaten Diener zuzulegen. Der Wagen der Gräfin stand im Hofe. Bei diesem Anblick schwoll Raouls Herz vor Wonne. Marie gehorchte dem Druck seines Verlangens mit der Regelmäßigkeit einer Uhr, die von ihrer Feder getrieben wird. Sie saß in dem kleinen Salon in der Kaminecke, in einen Lehnstuhl hingegossen. Anstatt Nathan anzusehen, als er gemeldet wurde, betrachtete sie ihn im Spiegel, da sie sicher war, daß die Hausfrau ihn begrüßen würde. Da die Liebe in der Welt verfolgt wird, muß sie ihre Zuflucht zu solchen kleinen Listen nehmen. Sie verleiht den Spiegeln, den Muffs und Fächern, kurz einer Menge von Dingen Leben, deren Nutzen nicht von vornherein feststeht und die viele Frauen gebrauchen, ohne sie zu benutzen.

»Der Herr Minister«, sagte Frau von Espard, zu Nathan gewandt, mit einem Blick auf de Marsay, »verfocht in dem Augenblick, wo Sie kamen, die Ansicht, daß die Royalisten und die Republikaner einander verstehen. Sie müssen ja darüber Bescheid wissen!«

»Und wenn schon,« sagte Raoul, »was kann es schaden? Wir sind uns einig im Haß und in der Liebe verschieden. Das ist alles.«

»Dies Bündnis ist zum mindesten wunderlich,« bemerkte de Marsay, die Gräfin Felix und Raoul mit einem Blick umspannend.

»Es wird nicht lange dauern,« sagte Rastignac, der wie alle Neulinge zu sehr an die Politik dachte.

»Was meinen Sie dazu, liebe Freundin?« fragte Frau von Espard die Gräfin.

»Ich verstehe nichts von der Politik.«

»Sie werden es schon lernen, Frau Gräfin,« sagte de Marsay, »und dann sind Sie doppelt unsre Feindin.«

Nathan und Marie begriffen seine Bemerkung erst, als de Marsay fort war. Rastignac folgte ihm, und Frau von Espard gab ihnen bis zur Tür ihres ersten Salons das Geleit. Die beiden Liebenden dachten nicht mehr an die spitzen Bemerkungen des Ministers und fühlten sich reich – hatten sie doch ein paar Minuten für sich! Marie zog hastig den Handschuh aus und reichte Raoul die Hand. Er ergriff sie und küßte sie wie ein Achtzehnjähriger. Die Augen der Gräfin drückten eine so schrankenlose edle Zärtlichkeit aus, daß eine Träne in Raouls Augen trat, die Träne, die alle nervösen Männer stets zur Verfügung haben.

»Wo kann ich Sie sehen? Wo mit Ihnen sprechen?« fragte er. »Ich stürbe, müßte ich stets meine Stimme, meinen Blick, mein Herz, meine Liebe verstellen.«

Durch diese Träne gerührt, versprach Marie, jederzeit ins Bois zu kommen, wenn das Wetter nicht zu schlecht wäre. Dies Versprechen machte Raoul mehr Freude, als Florine ihm in fünf Jahren bereitet hatte.

»Ich habe Ihnen so viel zu sagen! Ich leide so unter dem Schweigen, zu dem wir verurteilt sind.«

Die Gräfin blickte ihn berauscht an. Sie war keiner Antwort fähig. Die Marquise kam zurück.

»Wie! Sie haben de Marsay keine Antwort gegeben!« sagte sie.

»Man muß die Toten ehren,« entgegnete Raoul. »Sehen Sie nicht, daß er in den letzten Zügen liegt? Rastignac ist sein Krankenwärter; er hofft; im Testament bedacht zu werden.«

Die Gräfin behauptete, Besuche machen zu müssen, und wollte gehen, um sich nicht bloßzustellen. Für diese Viertelstunde hatte Raoul seine kostbarste Zeit und seine brennendsten Interessen geopfert. Marie wußte noch nichts von den Einzelheiten dieses Zugvogel-Daseins, diesem Gemisch von höchst verwickelten Geschäften und anstrengendster Arbeit. Wenn zwei Menschen, die eine ewige Liebe vereint, ein Dasein führen, das durch Anvertrauungen, durch gemeinsame Prüfung der überwundenen Hindernisse täglich fester geknüpft wird, wenn zwei Herzen am Morgen oder Abend ihren Kummer austauschen, wie der Mund die Seufzer austauscht, wenn sie in den gleichen Ängsten schweben und beim Anblick eines Hindernisses gemeinsam erbeben, dann zählt alles mit. Eine Frau weiß dann, wie viel Liebe in einem nicht ausgetauschten Blick, wie viel Anstrengung in einer raschen Fahrt liegt. Sie nimmt Teil am Leben des beschäftigten, gehetzten Mannes, kommt, geht, hofft und rührt sich mit ihm. Ihre Klagen richtet sie an die Dinge. Sie zweifelt nicht mehr, sie kennt die Einzelheiten des Lebens und würdigt sie. Im Anfang einer Leidenschaft dagegen, wo so viel Glut, Mißtrauen und Ansprüche entstehen, wo keiner den andern kennt, zudem bei unbeschäftigten Damen, an deren Tür die Liebe stets Posten stehen muß, bei Damen, die eine übertriebene Vorstellung von ihrer eignen Würde haben und in allem und jedem Gehorsam fordern, selbst wenn sie etwas Falsches gebieten, das den Mann zugrunde richtet, stellt die Liebe heutzutage in Paris unmögliche Anforderungen.

Die vornehmen Damen leben noch im Bann der Traditionen des 18. Jahrhunderts, wo jedermann eine sichre, bestimmte Stellung hatte. Wenige Frauen kennen die Schwierigkeiten im Dasein der meisten Männer, die sich alle erst eine Stellung zu erkämpfen, Ruhm zu erwerben, ihr Glück zu machen haben. Heutzutage sind die Leute in gesicherter Lage zu zählen. Nur die Greise haben Zeit zum Lieben. Die Jungen rudern auf den Galeeren des Ehrgeizes, wie es Nathan tat. Die Frauen haben sich in diesen Wechsel der Sitten noch nicht recht gefunden. Sie widmen ihre überflüssige Zeit denen, die zu wenig Zeit haben. Sie stellen sich keine andre Beschäftigung, kein andres Ziel vor, als sie selbst haben. Besiegt der Liebhaber die lernäische Hydra, um sein Glück zu machen, so hat er nicht das mindeste Verdienst; alles verblaßt vor dem Glück, sie zu sehen. Die Frauen wissen ihm nur Dank für ihre eignen Gemütserregungen und fragen nicht, was sie kosten. Haben sie in ihren müßigen Stunden eine jener Kriegslisten ersonnen, die ihnen zu Gebote stehen, so lassen sie sie wie ein Juwel leuchten. Während ihr die Eisenstangen irgendeines Zwanges biegt, haben sie Handschuhe angezogen, den Mantel einer List angelegt. Ihnen gebührt die Palme, macht sie ihnen nicht streitig! Übrigens haben sie recht: warum nicht alles für eine Frau preisgeben, die alles für einen Mann preisgibt? Sie verlangen soviel als sie geben. Bei der Heimkehr wurde Raoul sich inne, wie schwer es für ihn sein würde, eine Liebschaft in der Gesellschaft, einen zehnspännigen Redaktionskarren, seine Theaterstücke und seine verfahrenen Geschäfte am Zügel zu führen.

»Die Zeitung fällt heute abend abscheulich aus,« sagte er sich im Fortgehen; »es ist kein Aufsatz von mir drin, und in der nächsten Nummer auch nicht.«

Frau Felix von Vandenesse fuhr dreimal ins Bois, ohne Raoul zu treffen. Sie kehrte verzweifelt und voller Sorge zurück. Nathan wollte sich dort nur im Glanz eines Pressekönigs zeigen. Er verbrachte die ganze Woche damit, nach zwei Pferden, einem Wagen und einem anständigen Diener zu suchen und seine Teilhaber davon zu überzeugen, daß er seine kostbare Zeit sparen müsse und daß die Kosten für den Wagen auf die Gesamtkosten der Zeitung verbucht werden müßten. Seine Teilhaber Massol und du Tillet erfüllten seinen Wunsch so gefällig, daß sie ihm als die besten Menschen auf Erden erschienen. Ohne diese Hilfe wäre das Leben für Raoul unmöglich geworden. Ohnedies wurde sein Dasein trotz der zartesten Freuden idealer Liebe so hart, daß viele, selbst die stärksten Naturen, so vielen Anforderungen nicht gewachsen wären.

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