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Eine Evatochter

Honoré de Balzac: Eine Evatochter - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie falsche Geliebte
titleEine Evatochter
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204450
translatorOppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080711
modified20171219
projectid61a61b23
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Der Dramatiker kannte seinen Shakespeare. Er entrollte ein Bild seiner Leiden, erzählte von seinem Kampf mit Menschen und Dingen, ließ seine ungestützte Größe, sein verkanntes politisches Genie, sein Leben ohne edle Neigung durchblicken. Ohne ein Wort davon zu sagen, suggerierte er der reizenden Frau, daß sie in seinem Leben die erhabene Rolle spielen sollte, die Rebekka in »Ivanhoe« spielt: ihn zu lieben, zu beschützen. Alles vollzog sich in den luftigen Gefilden des Gefühls. Die Vergißmeinnicht sind nicht blauer, die Lilien nicht reiner, die Stirnen der Seraphim nicht weißer als die Bilder, die Darstellungen und die klare, strahlende Stirn dieses Künstlers waren, der sein Gespräch in Druck geben konnte. Er spielte seine Schlangenrolle so gut, ließ den Apfel des Sündenfalls vor den Augen der Gräfin in so leuchtenden Farben prangen, daß Marie, als sie den Ball verließ, von Gewissensbissen gepeinigt wurde, die zugleich holde Hoffnungen waren. Sie fühlte sich durch seine Komplimente bestrickt, die ihrer Eitelkeit schmeichelten, fühlte ihr Herz bis in die tiefsten Falten aufgeregt, fühlte sich an ihren Tugenden gepackt, durch das Mitleid mit seinem Unglück verführt.

Vielleicht hatte Frau von Manerville Vandenesse bis in den Salon geführt, in dem seine Frau mit Nathan plauderte. Vielleicht war er auch von selbst hingekommen, um Marie zu suchen und nach Hause zu fahren. Vielleicht hatte seine Unterhaltung auch entschlafenen Kummer erweckt. Wie dem auch sei: als sie ihn um seinen Arm bat, sah sie, daß seine Stirn umwölkt, sein Ausdruck verträumt war. Die Gräfin fürchtete, daß sie gesehen worden wäre. Sobald sie mit Felix allein im Wagen saß, fragte sie ihn mit ihrem feinsten Lächeln:

»Unterhieltest du dich nicht mit Frau von Manerville, mein Lieber?«

Felix war noch nicht aus dem Dornengestrüpp dieses reizenden ehelichen Streites heraus, als der Wagen vor dem Hause vorfuhr. Das war die erste List der Liebe. Marie war stolz auf ihren Sieg über einen Mann, der ihr bisher so überlegen erschien. Sie genoß die erste Freude, die ein notwendiger Erfolg bereitet.

In einem Durchgang zwischen der Rue basse du Rempart und der Rue Neuve des Mathurins hatte Raoul im dritten Stock eines niedrigen, häßlichen Hauses eine öde, kahle, kalte Wohnung. Hier hauste er für die große Welt der Gleichgültigen, für angehende Literaten, für seine Gläubiger, für lästige Menschen und die verschiedenen Störenfriede, die an der Schwelle des Privatlebens bleiben sollen. Seine wirkliche Wohnung, in der er sein großes repräsentatives Leben führte, befand sich bei Fräulein Florine, einer Schauspielerin zweiten Ranges, die aber seit zehn Jahren von Nathans Freunden, den Zeitungen und einigen Schriftstellern zu einer der ersten Bühnengrößen erhoben wurde. Raoul hatte sich seit zehn Jahren derart an sie gehängt, daß er sein halbes Leben bei ihr verbrachte. Er aß bei ihr, wenn er keinen Freund einzuladen hatte oder in der Stadt essen mußte. Mit völliger Verdorbenheit verband Florine einen sprühenden Geist, den der Umgang mit Künstlern entwickelt hatte, und den ihr Verkehr täglich schliff.

Geist gilt bei Schauspielern ja als seltene Eigenschaft. Es ist so natürlich zu glauben, daß Leute, die ihr ganzes Leben nach außen projizieren, nichts Innerliches haben! Bedenkt man jedoch die geringe Zahl von Schauspielern und Schauspielerinnen, die in jedem Zeitalter leben, und die Menge von dramatischen Schriftstellern und verführerischen Frauen, die dieselbe Zeit hervorbringt, so darf man diese Ansicht widerlegen, denn sie beruht auf einer ewigen Kritik an den Bühnenkünstlern, denen man vorwirft, ihre persönlichen Empfindungen im plastischen Ausdruck der Leidenschaften zu verlieren, während sie dazu nur die Kräfte des Geistes, des Gedächtnisses und der Phantasie gebrauchen. Die großen Künstler sind Wesen, die nach Napoleons Wort die natürliche Verbindung zwischen Sinnlichkeit und Denken willkürlich aufheben. Molière und Talma waren auf ihre alten Tage verliebter als Durchschnittsmenschen. Florine, die gezwungen war, Journalisten reden zu hören, die alles erraten und berechnen, Schriftsteller, die alles voraussehen und sagen, und gewisse Politiker, die bei ihr verkehrten und sich die Einfälle eines jeden zunutze machten, war selbst ein Gemisch von Engel und Teufel und als solche würdig, diese durchtriebenen Leute zu empfangen. Sie setzte sie durch ihre Kaltblütigkeit in Entzücken.

Ihr Haus, durch galante Spenden verschönt, zeigte den übertriebenen Luxus der Frauen, die wenig nach dem Wert der Dinge fragen und sich nur um diese Dinge selbst kümmern, ja ihnen den Wert ihrer Launen geben, die in einem Wutanfall einen Fächer, eine Räucherschale zerbrechen, die einer Königin würdig sind, und laut aufschreien, wenn man einen Porzellannapf für zehn Franken zerschlägt, aus dem ihre kleinen Hunde trinken. Ihr Speisesaal voll erlesenster Geschenke gibt einen rechten Begriff von dem Durcheinander dieses königlichen, geringschätzigen Luxus. Alle Wände, selbst die Decke, trugen Vertäfelungen aus geschnitztem Eichenholz, die durch matte Goldleisten gehoben waren. Die einzelnen Felder waren von Putten umrahmt, die mit Fabeltieren spielten. Das flirrende Licht fiel hier auf eine Skizze von Descamps, dort auf einen Gipsengel, der ein Weihwasserbecken hielt, eine Gabe von Antonin Moine; weiterhin auf irgendein kokettes Bild von Eugen Deveria, eine düstre spanische Alchymistengestalt von Louis Boulanger, einen eigenhändigen Brief Lord Byrons an Karoline in einem von Elschoet geschnitzten Ebenholzrahmen und als Gegenüber einen Brief Napoleons an Josephine. Das alles war ohne jede Symmetrie, aber mit unauffälliger Kunst gehängt. Der Geist wurde gleichsam überrascht. Es lag Koketterie und Lässigkeit darin, zwei Dinge, die sich nur bei Künstlern vereint finden. Auf dem Kamin, einem reizenden Schnitzwerk, stand nichts als eine seltsame Florentiner Elfenbeinstatue, dem Michelangelo zugeschrieben, ein Faun, der unter dem Fell eines jungen Hirten ein Mädchen findet; das Original befindet sich im Schatze zu Wien; weiterhin auf beiden Seiten eine Pechpfanne von einem Renaissancekünstler. Eine Stutzuhr von Boule auf einem Untersatz von Schildpatt mit eingelegten Arabesken prangte in der Mitte eines Wandfeldes zwischen zwei Statuetten, die aus irgendeiner zerstörten Abtei stammten. In den Ecken glänzten hohe Stehlampen, wahre Prachtstücke, mit denen ein Fabrikant ein paar zugkräftige Reklamen für die Notwendigkeit der Ausstattung der Lampen mit japanischen Becken bezahlt hatte. Auf einem wunderbaren Ständer prunkte kostbares Silberzeug, der Siegespreis eines Kampfes, in dem ein englischer Lord die Überlegenheit der französischen Nation anerkannt hatte, ferner Porzellan mit erhabenen Figuren; kurz, der erlesene Luxus eines Künstlers, der kein andres Kapital hat als seine Einrichtung.

Das violette Schlafzimmer war der Traum einer Tänzerin im Beginn ihrer Laufbahn: mit weißer Seide gefütterte Samtvorhänge, die über einen Tüllschleier drapiert waren; die Decke aus weißem, durch violetten Satin gehobenen Kaschmir; am Bettfuß ein Hermelinteppich; unter dem Betthimmel, der einer umgestülpten Lilie glich, eine Laterne, um Zeitungen vor ihrem Erscheinen zu lesen. Ein Salon in Gelb, durch Ornamente in der Farbe der Florentiner Bronze belebt, stand im Einklang mit all dieser Pracht. Aber jede genaue Beschreibung käme nur einem öffentlichen Anschlag zum Zweck der Versteigerung gleich. Um etwas Vergleichbares für all diese Herrlichkeiten zu finden, hätte man zwei Schritt weiter zu Rothschild gehen müssen.

Sophie Grignoult, mit dem üblichen Theaternamen Florine genannt, hatte trotz ihrer Schönheit auf kleinen Bühnen begonnen. Ihren Erfolg und ihren Wohlstand verdankte sie Raoul Nathan. Die Verknüpfung ihrer beiden Lebensschicksale, in der Literatur- und Theaterwelt keine Seltenheit, tat Raoul keinerlei Abbruch, denn er wahrte als bedeutender Mann den Anstand. Florines Glück stand gleichwohl nicht auf festen Füßen. Ihre Zufallseinkünfte beruhten auf ihren Engagements und Gastspielen und reichten kaum für ihre Toilette und ihren Haushalt aus. Nathan vermehrte sie durch einige Beisteuern, die er neuen Industrieunternehmungen auferlegte. Aber wiewohl er stets galant und ihr Beschützer war, hatte seine Protektion doch nichts Regelmäßiges und Sicheres. Diese Unsicherheit, dies In-den-Tag-hinein-leben erschreckte Florine nicht. Sie glaubte an ihr Talent, glaubte an ihre Schönheit. Dieser robuste Glaube hatte etwas Komisches für alle, die sie ihre Zukunft darauf bauen sahen, wenn man ihr Vorhaltungen machte.

»Ich werde Renten haben, wenn es mir beliebt, welche zu haben,« pflegte sie zu sagen. »Ich habe bereits fünfzig Franken im Staatsschuldbuch.«

Niemand begriff, wie sie bei ihrer Schönheit sieben Jahre verborgen bleiben konnte. In Wahrheit aber wurde Florine schon mit dreizehn Jahren Statistin und trat zwei Jahre später auf einer obskuren Boulevardbühne auf. Mit fünfzehn Jahren ist weder Schönheit noch Talent vorhanden; ein weibliches Wesen ist dann noch ein Wechsel auf die Zukunft. Damals war sie achtundzwanzig Jahre, der Gipfelpunkt der Schönheit der Französinnen. Die Maler sahen bei Florine vor allem den Glanz ihrer weißen Schultern mit dem olivenfarbenen Schimmer in der Nackengegend; aber diese Schultern waren fest und glatt; das Licht spielte darauf wie auf einem Moireestoff. Wandte sie den Kopf, so entstanden an ihrem Halse wundervolle Falten, die Bewunderung der Bildhauer. Auf diesem majestätischen Halse trug sie das Köpfchen einer römischen Kaiserin, den eleganten, feinen, runden, energischen Kopf der Poppäa, mit Zügen von geistreicher Korrektheit und der glatten Stirn der Frauen, die Sorgen und Nachdenken verscheuchen, die leicht nachgeben, aber auch störrisch sein können wie Maulesel und dann nichts mehr hören. Diese wie mit einem Meißelhiebe geformte Stirn krönten schöne aschblonde Haare, die nach römischer Art vorn in zwei gleichen Massen gerafft waren und am Hinterkopf einen Knauf bildeten, der den Kopf verlängerte und durch seine Farbe die Weiße des Nackens unterstrich. Feine schwarze Augenbrauen, wie von einem chinesischen Maler gemalt, umrahmten ihre weichen Lider, durch die ein Netz rosiger Adern schimmerte. Ihre lebhaft strahlenden Augäpfel waren durch braune Streifen gescheckt, die ihrem Blick die grausame Starrheit von Raubtieren gaben und die kalte Bosheit der Kurtisane unterstrichen. Ihre wundervollen Gazellenaugen waren von schönem Grau und von langen schwarzen Wimpern überschattet, ein reizender Gegensatz, der den Ausdruck lauernder, stiller Wollust noch fühlbarer machte. Um die Augen lagen müde Schatten, aber ihr künstlerischer Augenaufschlag oder Seitenblick, um etwas zu beobachten oder nachdenklich zu scheinen, der Bühnenkunstgriff, starr vor sich hinzublicken und ihre Augen dabei hell aufleuchten zu lassen, ohne den Kopf zu bewegen, ohne eine Miene zu verziehen, und die Lebhaftigkeit ihrer Blicke, wenn sie einen ganzen Saal durchmaß, um einen Menschen zu suchen, machten ihre Augen zu den furchtbarsten, sanftesten und eigenartigsten auf der Welt. Die Schminke hatte die holde Durchsichtigkeit ihrer zarten Wangen zerstört, aber wenn sie auch nicht mehr erröten und erblassen konnte, so hatte sie doch ein Näschen mit rosigen, leidenschaftlichen Nasenflügeln, wie geschaffen, um die Ironie und Spottlust der Molièreschen Mägde auszudrücken. Ihr sinnlicher, verschwenderischer Mund, ebenso geschaffen zur Bosheit wie zur Liebe, wurde durch die beiden Ränder der Furche verschönt, die die Oberlippe mit der Nase verbanden. Ihr weißes, etwas starkes Kinn deutete auf ein gewisses Ungestüm in der Liebe. Ihre Hände und Arme waren einer Königin würdig. Aber ihre Füße waren breit und kurz, ein untilgbares Zeichen ihrer niedren Herkunft. Nie hat ein Erbstück gleiche Sorgen verursacht. Florine hatte alles versucht, außer der Amputation, um die Form ihrer Füße zu ändern. Sie blieben widerspenstig wie die Bretonen, denen sie ihr Leben verdankte; sie widerstanden allen Sachverständigen, allen Behandlungen. Florine trug hohe, innen gefütterte Schnürstiefel, um eine Biegung ihres Fußes vorzutäuschen. Sie war mittelgroß, neigte zum Starkwerden und hatte pralle Hüften.

Was ihren Charakter betraf, so kannte sie alle Zierereien und Neckereien, alle Würzen und Schäkereien ihres Handwerks in- und auswendig. Sie gab ihnen sogar einen besonderen Reiz, indem sie die Kindliche spielte und aus den philosophischen Bosheiten in ein harmloses Lachen hinüberglitt. Anscheinend unwissend und unbesonnen, war sie im Rechnen und in der geschäftlichen Rechtskunde sehr stark. Hatte sie doch Elend genug durchgekostet, bevor sie die Höhe ihrer zweifelhaften Erfolge erklommen hatte! Durch wieviel Abenteuer war sie von Stockwerk zu Stockwerk bis zum ersten hinabgelangt! Sie kannte das Leben, von der Stufe, wo man mit Brie-Käse beginnt, bis zu der, wo man nachlässig Ananasbeignets schlürft, von der Stufe, wo man sich im Winkel eines Dachstübchens auf einem irdenen Herd wäscht und kocht, bis zu der, wo man den Heerbann der dickbäuchigen Kochkünstler und der frechen Soßenbereiter aufbietet. Sie hatte den Kredit in Anspruch genommen, ohne ihn zu überspannen. Sie wußte alles, was die anständigen Frauen nicht wissen, sprach alle Sprachen, war ein Kind des Volkes aus Erfahrung und adlig durch ihre Schönheit. Sie war schwer zu überraschen und setzte alles voraus, wie ein Spion, ein Richter oder ein alter Staatsmann, und so konnte sie alles herausfinden. Sie kannte die Kniffe, die man den Lieferanten gegenüber anwendet, und deren Kniffe, kannte den Preis aller Dinge wie ein Taxator. Wenn sie auf ihrer Chaiselongue hingegossen lag, wie eine weiße, frische, jung verheiratete Frau, in der Hand eine Rolle, die sie lernte, so konnte man sie für ein sechzehnjähriges Kind halten, naiv, unwissend, schwach, ohne andre Waffen als ihre Unschuld. Kam aber ein lästiger Gläubiger herbei, so richtete sie sich auf wie ein überraschtes junges Wild und stieß einen richtigen Fluch aus.

»Nun, mein Lieber, Ihre Unverschämtheiten sind Zinsen genug für das Geld, das ich Ihnen schulde,« sagte sie dann. »Ich hab' es satt, Sie zu sehen. Schicken Sie mir einen Gerichtsvollzieher, den seh' ich lieber als Ihr blödes Gesicht.«

Florine gab reizende Diners, regelrechte Konzerte und Abendgesellschaften, bei denen höllisch gespielt wurde. Ihre Freundinnen waren samt und sonders schön. Nie erschien eine alte Frau bei ihr; Eifersucht war ihr unbekannt, vielmehr sah sie darin ein Geständnis eigner Minderwertigkeit. Sie hatte mit Coralie und der Torpille verkehrt; sie verkehrte mit Tullia, Euphrasia, Aquilina, Madame du Val-Noble und Mariette – all den Frauen, die wie Sommerfäden durch Paris ziehen, und von denen man nicht weiß, woher sie kommen und wohin sie gehen, heute Königinnen, morgen Sklavinnen – daneben mit den Schauspielerinnen, ihren Nebenbuhlerinnen, mit Sängerinnen, kurz mit der ganzen weiblichen Halbwelt, die so wohltuend, so anmutig in ihrer Sorglosigkeit ist und deren Zigeunerleben alle mitreißt, die sich in den wirren Tanz ihres schwungvollen, leidenschaftlichen, zukunftverachtenden Daseins verstricken lassen. Obwohl das Zigeunerleben sich in ihrem Hause in seiner ganzen Regellosigkeit austobte und die Künstlerin aus voller Kehle darüber lachte, hatte sie doch ihre zehn Finger und konnte so gut rechnen wie keiner ihrer Gäste. Hier wurden die geheimen Saturnalien der Literatur und Kunst im Verein mit Politik und Finanz begangen. Hier herrschte die Begierde als unumschränkte Herrin; hier waren Spleen und Laune ebenso geheiligt, wie bei einer Bürgerfrau Ehre und Tugend. Hier erschienen Blondet, Finot, Etienne Lousteau, ihr siebenter Liebhaber, der für den ersten galt, der Feuilletonist Felicien Vernou, Couture, Bixiou, früher Rastignac, der Kritiker Claude Vignon, der Bankier Nucingen, du Tillet, der Komponist Conti, kurz, die verteufelte Schar der wildesten Rechner auf allen Gebieten, ferner die Freunde der Sängerinnen, Tänzerinnen und Schauspielerinnen, mit denen Florine verkehrte. Diese ganze Gesellschaft liebte oder haßte sich, je nach den Umständen. Diese banale Stätte, zu der jede Berühmtheit Zutritt hatte, war gewissermaßen das verrufene Haus des Geistes und das Bagno der Intelligenz. Man betrat es nur, wenn man regelrecht sein Glück gemacht, zehn Jahre im Elend gelebt, zwei oder drei Leidenschaften erwürgt, irgendeine Berühmtheit erlangt hatte, sei es durch Bücher oder Westen, durch Dramen oder eine schöne Equipage. Hier beschloß man die schlechten Streiche, die gespielt werden sollten, ergründete die Mittel, wie man sein Glück macht, spottete der Aufstände, die man tags zuvor erregt hatte, wog die Hausse und Baisse ab. Beim Fortgehen legte ein jeder wieder die Livree seiner öffentlichen Meinung an; hier konnte er, ohne sich bloßzustellen, seine eigne Partei kritisieren, die Kenntnis und das gute Spiel seiner Gegner zugeben, Gedanken aussprechen, die niemand eingesteht, kurz alles sagen, wie Leute, die alles tun können. Paris ist der einzige Ort auf der Welt mit solchen neutralen Häusern, wo alle Neigungen, alle Laster, alle Meinungen unter Wahrung der Form Zutritt finden. Und darum ist es noch nicht gesagt, daß Florine eine Schauspielerin zweiten Ranges bleibt.

Florines Leben ist zudem weder müßig noch beneidenswert. Viele werden durch das prächtige Piedestal bestochen, das die Bühne einer Frau bietet, und sie wähnen, sie lebte in einem ewigen Karnevalstaumel. In vielen Portierslogen, unter dem Ziegeldach mancher Dachkammer träumen arme Geschöpfe nach der Rückkehr vom Theater von Perlen und Diamanten, von goldgestreiften Kleidern und prachtvollen Halsketten. Sie sehen sich mit lichtumstrahlten Haaren, wähnen sich beklatscht, gekauft, angebetet, entführt, aber nicht eine kennt das Leben eines Zirkuspferdes, das die Schauspielerin führt, die Proben, zu denen sie erscheinen muß, will sie keine Strafe bezahlen, die Vorlesungen von Stücken, das dauernde Einstudieren neuer Rollen in einer Zeit, wo man in Paris alljährlich zwei- bis dreihundert Stücke spielt. Während jeder Vorstellung wechselt Florine zwei-, dreimal das Kostüm und kehrt oft erschöpft und halbtot in ihre Garderobe zurück. Sie muß sich dann mit großem Aufgebot von kosmetischen Mitteln abschminken und abpudern, wenn sie eine Rolle aus dem 18. Jahrhundert gespielt hat. Kaum hat sie Zeit zum Essen. Wenn eine Schauspielerin spielt, darf sie sich weder schnüren, noch essen, noch reden. Florine hat keine Zeit mehr zum Soupieren. Wenn sie aus solchen Vorstellungen heimkehrt, die heutzutage bis in den nächsten Tag hinein dauern, muß sie dann nicht ihre Nachttoilette machen und Anweisungen geben? Liegt sie dann um 1 oder 2 Uhr zu Bett, so muß sie ziemlich früh wieder heraus, um ihre Rollen zu lernen, die Kostüme anzugeben, sie zu erklären und zu probieren, muß dann frühstücken, Liebesbriefe lesen und beantworten, mit den Leitern der Claque arbeiten, damit ihr Auftreten und Abtreten recht zur Geltung kommt, die Triumphe des vergangenen Monats damit bezahlen, daß sie die des laufenden Monats im voraus kauft. Zur Zeit des heiligen Genest, eines heilig gesprochenen Schauspielers, der seine frommen Pflichten erfüllte und ein Büßerhemd trug, muß das Theater wohl keine so wilde Tatkraft erheischt haben. Oft muß Florine sich krank melden, wenn sie das spießbürgerliche Vergnügen genießen will, Blumen auf dem Lande zu pflücken.

Aber diese rein mechanischen Beschäftigungen sind nichts im Vergleich zu den Intrigen, die zu spinnen sind, den Kümmernissen der verletzten Eitelkeit, den Bevorzugungen durch die Autoren, den weggenommenen oder wegzunehmenden Rollen, den Ansprüchen der Schauspieler, den Bosheiten einer Nebenbuhlerin, den Schikanen der Direktoren und Journalisten, die das Tagewerk verdoppeln. Soweit handelt es sich immer noch nicht um Kunst, um die Verkörperung von Leidenschaften, die Einzelheiten der Mimik, die Anforderungen der Bühne, auf der tausend Operngläser die Flecken in jeder Sonne entdecken, lauter Dinge, die das Leben und Denken der Talma, Lekain, Baron, Contat, der Clairon und Champsmeslé ausfüllten. In der höllischen Kulissenwelt ist die Eigenliebe geschlechtlos: der Künstler oder die Künstlerin, die Erfolge erringen, haben Männer und Frauen gegen sich. Was die wirtschaftliche Lage betrifft, so deckten Florines Engagements, so beträchtlich sie sein mochten, nicht die Ausgaben für die Theatergarderobe, die, von den Kostümen ganz abgesehen, eine Unmenge langer Handschuhe und Schuhe erfordert und weder die Abendtoilette noch die Stadtkleidung ausschließt. Ein Drittel dieses Daseins vergeht mit Betteln, das zweite damit, sich zu behaupten, das dritte, sich zu verteidigen: alles ist Arbeit. Das Glück wird so leidenschaftlich genossen, weil es gleichsam geraubt, selten, lange ersehnt ist und sich zufällig inmitten abscheulicher unumgänglicher Vergnügungen und des Lächelns für die Zuschauer einfindet.

Für Florine war Raouls Macht wie ein schützendes Zepter. Er ersparte ihr viel Sorge und Verdruß, wie ehedem die vornehmen Herren ihren Mätressen, wie heutzutage manche Greise, die zu den Journalisten laufen und sie beschwören, wenn ein Wort in einem Winkelblättchen ihr Idol erschreckt hat. Sie hing an ihm mehr als an einem Liebhaber, vielmehr wie an einer Stütze. Sie sorgte für ihn wie für einen Vater und betrog ihn wie einen Gatten, aber sie hätte ihm alles geopfert. Raoul vermochte alles für ihre Künstlereitelkeit, für die Ungestörtheit ihrer Eigenliebe, für ihre Bühnenzukunft. Ohne Einmischung eines großen Autors gibt es ja keine große Schauspielerin. Die Champsmeslé verdankt man Racine, Mademoiselle Mars einem Monvel und Andrieux. Florine hingegen vermochte nichts für Raoul zu tun, und doch wäre sie ihm gern nützlich oder nötig gewesen. Sie rechnete auf die Lockungen der Gewohnheit, war stets bereit, ihre Salons zu öffnen, den Luxus ihrer Tafel für seine Pläne, seine Freunde zu entfalten. Kurz, sie wollte für ihn das sein, was die Pompadour für Ludwig XV. war. Die Schauspielerinnen beneideten Florine um ihre Stellung, wie einige Journalisten Raoul um die seine. Nun werden alle, die die Neigung des Menschengeistes zum Gegensatz und Widerspruch kennen, wohl begreifen, daß Raoul nach zehn Jahren dieses zügellosen Zigeunerlebens voller Höhen und Tiefen, Feste und Pfändungen, Nüchternheit und Orgien sich nach einer reinen und keuschen Liebe sehnte, nach dem sanften und harmonischen Heim einer vornehmen Dame, ebenso wie die Gräfin Felix von Vandenesse die Eintönigkeit ihres Glückes durch die Qualen der Leidenschaft zu beleben wünschte. Dies Gesetz des Lebens ist auch das aller Künste, die nur von Gegensätzen leben. Ein Werk, das ohne dies Hilfsmittel entstanden ist, ist der höchste Ausdruck des Genius, wie das Kloster die größte Kraftleistung des Christentums ist.

Bei seiner Rückkehr fand Raoul ein Billett von Florine vor, das ihre Kammerzofe gebracht hatte. Aber der Schlaf übermannte ihn und er konnte es nicht mehr lesen. Er entschlief in den ersten Wonnen der holden Liebe, die seinem Leben gefehlt hatte. Ein paar Stunden später las er den Brief. Er enthielt wichtige Nachrichten, die weder Rastignac noch de Marsay hatten durchsickern lassen. Dank einer Indiskretion hatte die Schauspielerin erfahren, daß die Kammer nach der Sitzungsperiode aufgelöst würde. Sofort ging Raoul zu Florine und schickte nach Blondet. In dem Boudoir der Schauspielerin erörterten Emil und Raoul, die Füße am Kaminfeuer, die politische Lage Frankreichs im Jahre 1834. Auf welcher Seite lagen die besten Aussichten auf Erfolg? Sie gingen alle durch, die reinen Republikaner, die Präsidentschaftsrepublikaner, die Republikaner ohne Republik, die Konstitutionellen ohne Monarchie, die konstitutionellen Monarchisten, die konservativen Ministeriellen, die absolutistischen Ministeriellen, dann die Rechte, die zu Konzessionen bereit ist, die aristokratische, legitimistische, karlistische und die Heinrich V. huldigende Rechte. Zwischen den Parteien des Rückschritts und des Fortschritts gab es keine Wahl: ebensogut konnte man über Leben und Tod streiten.

Eine Fülle von Zeitungen, die damals für alle diese Schattierungen entstanden waren, lieferte den Beweis für den furchtbaren politischen Wirrwarr der Zeit, den Brei, wie ein Soldat es nannte. Blondet, der urteilsfähigste Geist der Zeit, aber urteilsfähig für die andern, nie für sich, wie jene Advokaten, die ihre eigenen Geschäfte schlecht besorgen, war bei diesen privaten Erörterungen hervorragend. Er gab Nathan also den Rat, nicht plötzlich umzuschwenken.

»Junge Republiken, hat Napoleon gesagt, macht man nie aus alten Monarchien. Also, mein Lieber, werde du zum Helden, zur Stütze, zum Schöpfer des linken Zentrums der nächsten Kammer, und du wirst in der Politik dein Glück machen. Ist man erst mal am Ruder, in der Regierung, so stellt man sich wie man will und geht mit allen siegreichen Richtungen.«

Nathan beschloß die Gründung einer politischen Tageszeitung, deren unumschränkter Herr er sein wollte. Die Zeitung sollte mit kleinen Blättern, von denen es in der Presse wimmelte, verschmolzen werden und Beziehungen zu einer Zeitschrift aufnehmen. Durch die Presse waren so viele ringsum emporgekommen, daß Nathan nicht auf Blondets Rat hörte, der ihn warnte, sich nicht darauf zu verlassen. Blondet bewies ihm das Verkehrte seiner Spekulation. Die Zahl der Zeitungen, die sich um die Abonnenten stritten, war übergroß; die ganze Presse schien ihm überlebt. Aber Raoul vertraute auf seine angeblichen Beziehungen und seinen Mut. Er stürzte sich voller Wagemut hinein. In hochmütiger Regung stand er auf und sagte:

»Es wird mir gelingen!«

»Du hast keinen Groschen!«

»Ich schreibe ein Drama!«

»Es wird durchfallen.«

»Nun schön, laß es durchfallen,« sagte Nathan.

Er raste mit Blondet, der ihn für verrückt hielt, durch Florines Wohnung; dann warf er gierige Blicke auf die darin angehäuften Schätze: nun verstand ihn Blondet.

»Das sind etwas über hunderttausend Franken,« sagte Emil.

»Ja,« seufzte Raoul vor dem Prunkbett Florines. »Aber lieber verkaufte ich für den Rest meines Lebens Sicherheitsketten auf den Boulevards und lebte von Bratkartoffeln, als daß ich einen Nagel von dieser Einrichtung verkaufte.«

»Keinen Nagel,« sagte Blondet, »aber alles. Der Ehrgeiz ist wie der Tod, er muß seine Hand auf alles legen; er weiß, daß das Leben ihm auf den Fersen sitzt.«

»Nein! hundertmal nein! Von der Gräfin von gestern nähme ich alles, aber Florine ihr Heim wegnehmen . . .«

»Ihre Münzstätte umstürzen,« sagte Blondet mit tragischer Miene, »die Wage zerbrechen, den Münzstempel zerschlagen, das ist schwer.«

»Soviel ich verstanden habe, willst du dich auf die Politik werfen, statt aufs Theater,« bemerkte Florine, die plötzlich dazukam.

»Ja, mein Kind, ja,« sagte Raoul in gutmütigem Tone, umschlang ihren Hals und küßte sie auf die Stirn. »Du schmollst? Verlierst du dabei etwas? Wird der Minister der Königin der Bretter kein besseres Engagement verschaffen als der Journalist? Wirst du keine Rollen und Gastspiele kriegen?«

»Wo willst du das Geld hernehmen?« fragte sie.

»Von meinem Onkel.«

Florine kannte Raouls Onkel. Er meinte damit den Wucherer, wie man im Volksmunde von der Tante spricht, wenn man das Leihhaus meint.

»Beunruhige dich nicht, kleiner Schatz,« sagte Blondet zu Florine, indem er ihr auf die Schulter klopfte. »Ich werde ihm die Unterstützung von Massol verschaffen. Das ist ein Advokat, der wie alle Advokaten einmal Justizminister werden möchte. Und den Beistand von du Tillet, der Abgeordneter werden möchte, von Finot, der noch hinter einer kleinen Zeitung steht, von Plantin, der Beisitzer im Staatsrat werden möchte und Verbindung mit einer Zeitschrift hat. Jawohl, ich werde ihn vor ihm selbst retten. Wir werden Etienne Lousteau hierher zitieren, der das Feuilleton schreiben wird, Claude Vignon, der die hohe Kritik machen soll. Felicien Vernou wird die Haushälterin der Zeitung sein, der Advokat wird arbeiten, du Tillet wird sich der Börse und der Industrie annehmen, und wir werden sehen, wozu sie es mit vereinigtem Willen im gemeinsamen Joche bringen.«

»Zum Armenhaus oder zum Ministerium,« sagte Raoul, »wohin die geistig und leiblich ruinierten Menschen gelangen.«

»Wann verhandelt Ihr mit ihnen?«

»Hier, in fünf Tagen,« sagte Raoul.

»Du wirst mir sagen, wieviel Geld dazu nötig ist,« sagte Florine schlicht.

»Aber der Advokat, du Tillet und Raoul können die Sache nicht anfangen, ohne jeder etwa 100 000 Franken zu haben,« wandte Blondet ein. »Dann hält sich das Blatt anderthalb Jahre, solange wie es in Paris braucht, um sich durchzusetzen oder einzugehen.«

Florine machte ein Mäulchen, das Ja bedeutete. Die beiden Freunde nahmen sich einen Wagen, um die Gäste, die Federn, die Ideen und die Interessen zusammenzubringen. Die schöne Schauspielerin ließ vier reiche Geschäftsleute kommen, die mit Möbeln, Antiquitäten, Gemälden und Schmucksachen handelten. Diese Leute betraten ihr Heiligtum und nahmen das Inventar auf, als wäre Florine gestorben. Sie drohte mit einem öffentlichen Verkauf, falls sie ihr Gewissen einschnürten und auf eine bessere Gelegenheit warteten. Wie sie sagte, hatte sie einem englischen Lord in einer mittelalterlichen Rolle gefallen und wollte ihre ganze Einrichtung zu Geld machen, um arm zu erscheinen und ein prächtiges Privathaus zu bekommen, vor dessen Einrichtung Rothschild erblassen sollte. Was sie aber auch versuchte, um die Kaufleute einzuwickeln, sie boten nur 70 000 Franken für den ganzen Plunder, der 150 000 wert war. Florine, der nicht das mindeste daran lag, versprach das ganze nach sieben Tagen für 80 000 Franken herzugeben.

»Ja oder nein?« sagte sie.

Der Handel wurde geschlossen. Als die Kaufleute fort waren, hüpfte die Schauspielerin vor Freude, wie die Hügel des Königs David. Sie beging tausend Torheiten: für so reich hatte sie sich nicht gehalten. Als Raoul kam, spielte sie ihm gegenüber die Gekränkte. Er hätte sie verlassen, sagte sie. Sie hätte es sich überlegt: die Männer gingen nicht ohne Grund von einer Partei zur andern, noch vom Theater zur Kammer über. Sie hätte eine Nebenbuhlerin! Was ist doch der Instinkt! Sie ließ sich ewige Liebe schwören. Fünf Tage darauf gab sie das glänzendste Diner auf der Welt. Die Zeitung wurde bei ihr in Strömen von Wein und Scherzen, in Schwüren von Treue, guter Kameradschaft und festem Zusammenhalten getauft. Ihr Name, der heute vergessen ist, wie der »Liberal«, der »Communal«, der »Départemental«, der »Garde national«, der »Fédéral«, der »Impartial«, war etwas auf al, das zu Fall kommen sollte.

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