Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Honoré de Balzac >

Eine Evatochter

Honoré de Balzac: Eine Evatochter - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie falsche Geliebte
titleEine Evatochter
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204450
translatorOppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080711
modified20171219
projectid61a61b23
Schließen

Navigation:

Seit dem Augenblick, wo Raoul Nathan sich nach langem Ringen durchgesetzt hatte, verstand er, sich die plötzliche Vorliebe für das Benehmen der eleganten Anhänger des Mittelalters zunutze zu machen, die man scherzhaft junges Frankreich nennt. Er hatte sich das seltsame Gebaren eines Genies zugelegt, indem er dem Kreis jener Kunstverehrer beitrat, deren Absichten übrigens vortrefflich waren. Ist doch nichts lächerlicher, als die französische Sitte des 19. Jahrhunderts; ihr eine neue Form zu geben, erheischte Mut.

Wir wollen Raoul auch die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß in seiner Persönlichkeit etwas Großes, Phantastisches, Ungewöhnliches liegt, das eines Rahmens bedarf. Seine Freunde oder Feinde – beide sind gleich viel wert – geben zu, daß nichts auf der Welt besser zu seinem Geist paßt als seine Erscheinung. Raoul Nathan wäre vielleicht in seinem natürlichen Wesen noch seltsamer gewesen als in dieser Aufmachung. Sein verwüstetes, zerstörtes Gesicht gibt ihm ein Gepräge, als hätte er mit Engeln oder Teufeln gekämpft. Es gleicht dem Antlitz des toten Heilands, wie ihn die deutschen Meister darstellen: es zeigt tausend Züge eines ständigen Ringens zwischen menschlicher Schwäche und den höheren Mächten. Aber die hohlen Runzeln seiner Wangen, die Höhlungen seines gekrümmten, gefurchten Schädels, seine tiefliegenden Augen und eingefallenen Schläfen lassen seinen Körper nicht schwächlich erscheinen. Seine harten Sehnen, seine vorstehenden Knochen sind von auffallender Festigkeit. Seine durch Ausschweifungen gegerbte Haut spannt sich darüber, wie von inneren Gluten gedörrt, aber das Knochengerüst ist stark. Er ist groß und hager. Sein langes, stets wirres Haar zielt auf Wirkung. Dieser schlecht gekämmte, schlecht gebaute Byron hat die Beine eines Reihers, knotige Knie und eckige Hüften. Seine mit Muskeln bespannten Hände sind fest wie Krabbenfüße, mit hageren, nervösen Fingern. Raoul hat Augen wie Napoleon, blaue Augen, deren Blick die Seele durchbohrt, eine feine gekrümmte Nase, einen reizenden Mund mit dem Schmuck der weißesten Zähne, die eine Frau sich wünschen kann. In diesem Kopf ist Schwung und Feuer, auf dieser Stirn thront Genie. Raoul gehört zu der kleinen Zahl von Menschen, die beim ersten Blick auffallen, die in einem Salon sofort einen Brennpunkt bilden, in dem alle Blicke zusammenlaufen. Er fällt auf durch seine Schlampigkeit, wenn man Molières Eliante dies Wort zur Bezeichnung der Unsauberkeit entlehnen darf. Seine Kleider scheinen stets eigens zerknittert, zerknüllt und verschrumpelt zu sein, um zu seiner Erscheinung zu passen. Gewöhnlich hält er eine Hand in seiner offenen Weste und zwar in der Pose, die durch Chateaubriands Bild von Girodet berühmt geworden ist. Aber er nimmt sie weniger an, um ihm zu ähneln (er will keinem ähneln), als um die regelmäßigen Falten seines Hemdes zu zerknittern. Seine Krawatte schlingt er mit einem Ruck um seinen krampfhaft zuckenden Hals, dessen Bewegungen auffällig lebhaft und heftig sind, wie bei Rassepferden, die in ihren Geschirren unruhig sind und beständig mit dem Kopf schlagen, um Gebiß und Kinnkette loszuwerden. Sein langer Spitzbart ist weder gekämmt noch parfümiert, weder frisiert noch geglättet wie bei den Stutzern, die ihren Bart fächerartig oder spitz tragen; er läßt ihn, wie er ist. Seine Haare, die sich zwischen seinen Rockkragen und seine Halsbinde schieben, fallen üppig auf die Schultern herab und scheuern sie fettig. Seine hageren, sehnigen Hände wissen nichts von der Nagelbürste und dem Luxus der Zitrone. Mehrere Feuilletonschreiber behaupten sogar, daß das reinigende Naß ihre verkalkte Haut nicht oft erfrischte. Kurz, der schreckliche Raoul ist grotesk. Seine Bewegungen sind abgerissen, wie bei einem schlecht funktionierenden Mechanismus. Sein Gang spricht durch seinen aufgeregten Zickzackkurs und sein unvermutetes Stehenbleiben, durch das er die friedlichen Bürger auf den Straßen von Paris anrempelt, jedem Ordnungssinn Hohn. Seine Unterhaltung ist voll beißenden Humors und scharfer Bemerkungen, das Gegenstück zu seiner Körperhaltung. Sie springt vom Ton der Rache plötzlich ab und wird ohne Anlaß einschmeichelnd, poetisch, tröstlich, sanft. Seine unerklärlichen Pausen, seine Geistessprünge ermüden bisweilen. Er bringt in die Gesellschaft ein dreistes Ungeschick, eine Verachtung der Formen, eine Neigung zur Kritik gegen alles dort Geachtete mit und wird dadurch zum Feind der kleinen Geister und aller derer, die sich bemühen, die Lehren der alten Höflichkeit in Kraft zu erhalten. Aber es liegt etwas Originelles darin, wie in den chinesischen Kunstschöpfungen, etwas, das die Damen nicht hassen. Übrigens ist er ihnen gegenüber von gesuchter Höflichkeit. Er scheint sich darin zu gefallen, seine wunderlichen Formen vergessen zu machen, über die Abneigungen einen Sieg davonzutragen, der seiner Eitelkeit, seiner Eigenliebe oder seinem Stolze schmeichelt.

»Warum sind Sie eigentlich so?« fragte ihn die Marquise von Vandenesse eines Tages.

»Sind die Perlen nicht in rauhen Schalen?« entgegnete er pomphaft.

Einem andern, der die gleiche Frage an ihn richtete, gab er zur Antwort:

»Wenn ich jedermann gefiele, wie könnte ich da einer unter allen, einer Erwählten, gefallen?«

Raoul Nathan zeigt in seinem Geistesleben die gleiche Unordnung, die er zur Schau trägt. Sein Aushängeschild trügt nicht. Sein Talent gleicht dem der armen Mädchen für alles, die in Bürgerhäusern dienen. Er war zunächst Kritiker, und zwar ein großer Kritiker, aber er fand, daß er sich mit diesem Handwerk selbst im Lichte stand. Seine Aufsätze wären so viel wert wie Bücher, sagte er. Die Theatereinkünfte hatten es ihm angetan. Da er aber zu ruhiger, stetiger Arbeit unfähig war, wie die Bühnenfähigkeit eines Werkes sie erheischt, so hatte er sich mit einem Komödienschreiber du Bruel zusammentun müssen, der seine Ideen ausführte und sie in einträgliche, geistvolle, kleine Stücke umsetzte, die stets Rollen für Schauspieler und Schauspielerinnen enthielten. So hatten sie gemeinsam Florine aufgebracht, eine Schauspielerin für das Rollenfach. Aber Nathan fühlte sich durch dies Kompaniegeschäft, das ihn zum siamesischen Zwilling machte, gedemütigt und versuchte es nun allein im Théâtre français mit einem großen Stücke, das mit allen kriegerischen Ehren, unter den Salven niederschmetternder Artikel, durchfiel. Schon in seiner Jugend hatte er es mit dem großen, edlen französischen Theater versucht und ein prachtvolles, romantisches Stück im Stil von »Pinto« geschrieben, zu einer Zeit, wo der Klassizismus noch unumschränkt herrschte. Das Odeontheater war infolgedessen drei Abende lang der Schauplatz so wilder Tumulte, daß das Stück verboten wurde. In den Augen vieler galt dies zweite Drama ebenso wie das erste für ein Meisterwerk und brachte ihm mehr Ruhm, als all die einträglichen Stücke, die er mit anderen zusammen verfaßt hatte, aber nur in der wenig beachteten Welt der Kenner und der Leute von Geschmack. »Noch ein solcher Durchfall,« sagte Emil Blondet zu ihm, »und du bist unsterblich.«

Anstatt aber auf dieser schwierigen Bahn fortzuschreiten, war Nathan notgedrungen in die Vaudevillestücke des Rokoko mit Puder und Schönheitspflästerchen zurückgesunken, in das Kostümstück und den szenischen Neudruck erfolgreicher Bücher. Trotzdem galt er für einen großen Geist, der sein letztes Wort noch nicht gesprochen hatte. Außerdem hatte er sich an die hohe Literatur gewagt und drei Romane veröffentlicht, ganz abgesehen von denen, die er unter der Presse hielt, wie die Fische im Fischbehälter. Das eine dieser drei Bücher und zwar das erste, hatte, wie bei manchen Schriftstellern, die es nur zu einem ersten Werke bringen, den glänzendsten Erfolg errungen. Dies Werk, das damals unklug an die erste Stelle gerückt wurde, dies Artistenwerk ließ er bei jeder Gelegenheit als schönstes Buch des Zeitalters, als einzigen Roman des Jahrhunderts bezeichnen. Trotzdem klagte er viel über die hohen Ansprüche der Kunst. Er gehörte zu denen, die am meisten dazu beitrugen, alle Kunstwerke, Gemälde, Statuen, Bücher und Bauwerke allein unter dem Gesichtspunkt der Kunst zu werten. Begonnen hatte er mit einem Gedichtband, der ihm einen Platz in der Plejade der zeitgenössischen Dichter sicherte; darin befand sich ein verschwommenes Gedicht, das reichlich bewundert wurde. Da er bei seinem Mangel an Vermögen weiter schreiben mußte, ging er vom Theater zur Presse und von der Presse zum Theater über, verzettelte und verausgabte sich und glaubte doch immer noch an seinen Stern. Sein Ruhm war also nicht unveröffentlicht, wie bei mehreren in den letzten Zügen liegenden Berühmtheiten, die sich durch die Titel künftiger Werke hochhalten, obwohl diese Werke dann nicht soviel Auflagen erleben, als Verhandlungen ihretwegen geführt werden mußten.

Nathan glich einem Genie. Wäre er zum Schafott geschritten, wie er es manchmal wünschte, er hätte sich wie André Chénier an die Stirn schlagen können. Politischer Ehrgeiz ergriff ihn, als er ein Dutzend Schriftsteller, Professoren, Metaphysiker und Historiker zur Macht kommen sah, Leute, die sich während der Unruhen von 1830 bis 1833 in der Staatsmaschine einnisteten. Nun bedauerte er, daß er statt literarischer Artikel nicht politische geschrieben hatte. Er gehörte zu jenen Geistern, die auf alles eifersüchtig, zu allem fähig sind, denen man alle Erfolge wegnimmt, die tausend Brennpunkte berühren, ohne sich auf einen fest einzustellen, und die stets den Willen des Nachbars entkräften. Zu jener Zeit ging er vom Saint-Simonismus zum Republikanismus über, um vielleicht zum Ministerialismus zurückzukehren. In allen Ecken spähte er nach einem Knochen, an dem er nagen wollte, und suchte nach einem sicheren Orte, von wo aus er, vor Schlägen sicher, bellen und bedrohlich erscheinen konnte. Aber zu seiner Schande bemerkte er, daß ihn der berühmte de Marsay, das damalige Haupt der Regierung, nicht ernst nahm. De Marsay hatte keinerlei Achtung vor Schriftstellern, bei denen er das vermißte, was Richelieu den Geist der Folgerichtigkeit nannte. Zudem hätte jedes Ministerium mit der dauernden Unordnung in Raouls Geschäften rechnen müssen. Früher oder später mußte die Not ihn zwingen, Bedingungen anzunehmen, statt sie zu diktieren.

Raouls wahrer, aber sorgfältig verborgener Charakter stimmt mit seinem öffentlichen Charakter überein. Er ist ein unbewußter Schauspieler, selbstsüchtig, als wäre er der Staat selbst, und ein sehr geschickter Deklamator. Niemand versteht es besser, Gefühle zu spielen, sich mit falscher Größe zu brüsten, sich mit moralischen Schönheiten zu schmücken, sich in seinen Worten selbst zu achten und sich wie Molières Alceste zu gebärden, während er wie Philinte handelt. Seine Selbstsucht schreitet unter diesem Panzer aus gemalter Pappe und erreicht oft das geheime Ziel, das sie sich gesteckt hat. Träge bis zum Übermaß, hat er stets nur dann etwas getan, wenn die Hellebarden der Not ihn stachen. Die beharrliche Arbeit bei der Schöpfung eines Werkes kennt er nicht, aber in der Raserei der Wut, in die ihn seine verletzte Eitelkeit versetzt, oder in dem kritischen Augenblick, wo ein Gläubiger ihn bedrängt, überspringt er den Eurotas und triumphiert über die schwierigsten Berechnungen. Dann sinkt er, erschöpft und erstaunt, etwas geschaffen zu haben, in den Sumpf der Pariser Zerstreuungen zurück. Die Not erscheint abermals, bedrohlich: er ist kraftlos, würdigt sich herab und stellt sich bloß. Von der falschen Vorstellung seiner Größe und seiner Zukunft beherrscht, für die er sich ein Muster an der großen Laufbahn eines seiner früheren Kollegen nimmt, eines jener seltenen ministeriellen Talente, das die Julirevolution ans Licht gebracht hat, erlaubt er sich bei denen, die ihn lieben, Barbareien des Gewissens, die in den Geheimnissen des Privatlebens begraben werden, von denen niemand spricht, und über die niemand klagt. Die Banalität seines Herzens, die Schamlosigkeit, mit der er jedem Laster, jedem Unglück, jedem Verrat, jeder Meinung die Hand schüttelt, haben ihn unverletzlich gemacht, wie einen konstitutionellen König. Die verzeihliche Sünde, die bei einem großen Charakter ein Zetergeschrei hervorriefe, existiert für ihn nicht. Sein wenig feinfühliges Benehmen wird ihm kaum angerechnet; jedermann entschuldigt ihn und damit sich selbst. Selbst wer versucht wäre, ihn zu verachten, reicht ihm die Hand, denn er fürchtet, ihn einmal nötig zu haben. Diese scheinbare Gutmütigkeit, die Neulinge besticht und vor keinem Verrat schützt, die sich alles erlaubt und alles rechtfertigt, die bei einer Verletzung laut aufschreit und sie vergibt, ist eins der Hauptkennzeichen des Journalisten. Diese Kameraderie, ein Wort, das ein geistreicher Mann erfunden hat, nagt die schönsten Seelen an. Sie macht ihren Stolz rostig, vernichtet die Grundlage aller großen Werke und heiligt die geistige Feigheit. Indem gewisse Leute diese Schlaffheit des Gewissens bei allen fordern, sichern sie sich Vergebung für ihre Verräterei und für ihren Parteiwechsel. So wird der aufgeklärteste Teil eines Volkes zum wenigst achtbaren.

Vom literarischen Standpunkt fehlt es Nathan an Stil und Bildung. Wie die meisten ehrgeizigen Jungen in der Literatur, gibt er heute zum besten, was er gestern gelernt hat. Er hat weder Zeit noch Geduld zum Schreiben; er hat nicht beobachtet, aber er hört zu. Unfähig, einen soliden Plan zu zimmern, rettet er sich vielleicht durch den Schwung seiner Zeichnung. Er macht in Leidenschaft, wie es in der Literatursprache heißt, denn in Dingen der Leidenschaft ist alles wahr; der Genius dagegen hat die Aufgabe, aus dem zufällig Wahren das auszuwählen, was allen wahrscheinlich erscheinen muß. Statt Ideen zu erwecken, sind seine Helden vergrößerte Individuen, die nur flüchtige Sympathie erregen. Sie sind nicht mit den großen Fragen des Lebens verknüpft, und somit stellen sie nichts vor; er behauptet sich aber durch seinen raschen Geist, durch jene glücklichen Würfe, die man im Billardspiel »Füchse« nennt. Er ist der geschickteste Schütze, der die auf Paris herabflatternden oder aus ihm aufsteigenden Ideen im Fluge erlegt. Seine Fruchtbarkeit liegt nicht in ihm, sondern in der Zeit; er lebt von den Umständen, und um sie zu beherrschen, übertreibt er ihre Bedeutung. Kurz, er ist unwahr, seine Phrasen sind verlogen; in ihm steckt, wie Graf Felix sagte, ein Taschenspieler. Seine Feder nimmt ihre Tinte aus dem Zimmer einer Schauspielerin; das merkt man.

Nathan ist ein Abbild der heutigen literarischen Jugend mit ihrer falschen Größe und ihrem wirklichen Elend. Er verkörpert sie durch seine regellosen Schönheiten und sein tiefes Herabsinken, durch sein Leben voll schäumender Kaskaden, mit plötzlichen Rückschlägen und unverhofften Triumphen. Er ist ein rechtes Kind dieses von Eifersucht verzehrten Jahrhunderts, wo tausend Nebenbuhlerschaften, in Systeme gekleidet, die Hydra der Anarchie zum eigenen Nutzen mit ihren Enttäuschungen füttern, weil sie Erfolg ohne Arbeit, Ruhm ohne Talent, Gelingen ohne Anstrengung fordert, bis schließlich nach vielen Aufständen, vielen Kämpfen ihre Laster zum Bankrott ihrer Rechnung und zur Unterwerfung unter die Macht führen. Wenn soviel junge Ehrgeizige sich zu gleicher Zeit aufgemacht haben und sich sämtlich ein Stelldichein am selben Fleck geben, so entsteht ein Wettkampf zwischen den verschiedenen Willen, und es kommt zu unsäglichem Elend und erbittertem Ringen. In diesem furchtbaren Kampfe behält die gewalttätigste oder geschickteste Selbstsucht den Sieg. Das Beispiel wird beneidet: es findet Nachahmung.

Als Raoul wegen seiner Feindschaft gegen die neue Dynastie Aufnahme im Salon der Frau von Montcornet fand, blühte sein scheinbares Glück. Er fand Zutritt als der politische Kritiker der de Marsay, Rastignac, La Roche-Hugon, die zur Macht gelangt waren. Der Mann, der ihn eingeführt hatte, Emil Blondet, ein Opfer seines verhängnisvollen Zauderns, seiner Abneigung gegen eine persönliche Leistung, spielte seine Rolle als Spottvogel weiter, nahm für niemand Partei und hielt es mit jedermann. Er war der Freund Raouls, der Freund Rastignacs, der Freund Montcornets.

»Du bist ein politisches Dreieck,« sagte de Marsay lachend zu ihm, wenn er ihn in der Oper traf. »Dies geometrische Gebilde steht nur Gott zu, der nichts zu tun hat. Die Ehrgeizigen aber müssen krumme Bahnen gehen; das ist in der Politik die kürzeste Linie.«

In gewissem Abstand erschien Raoul Nathan als sehr schöner Meteor. Die Mode rechtfertigte seine Manieren und seine ganze Haltung. Sein erborgtes Republikanertum gab ihm augenblicklich jene jansenistische Strenge, die die Verteidiger der Sache des Volkes annehmen, obwohl er sich innerlich über sie lustig machte. Aber diese Strenge ist nicht ohne Reiz für die Frauen. Sie tun ja gern Wunder, sprengen Felsen und schmelzen Charaktere, die von Erz zu sein scheinen. Der innerliche Anzug stand bei Raoul damals also in Übereinstimmung mit seiner Kleidung. Für die Eva, die ihres Paradieses in der Rue du Rocher überdrüssig war, mußte er die schillernde, bunte, wortgewandte Schlange mit den magnetischen Augen und den harmonischen Bewegungen sein, die die erste Frau verdarb. Und er war es.

Sobald die Gräfin Marie Raoul erblickte, empfand sie jene innere Wallung, deren Heftigkeit eine Art Schrecken hervorruft. Der angebliche große Mann übte durch seinen Blick einen körperlichen Einfluß auf sie aus, der bis in ihr Herz strahlte und es verwirrte. Diese Verwirrung machte ihr Freude. Der Purpurmantel der Berühmtheit, der Nathans Schultern im Augenblick umkleidete, blendete die harmlose Frau. Zur Teestunde verließ Marie den Kreis plaudernder Damen, in dem sie stumm gesessen hatte, als sie dies außerordentliche Wesen erblickte. Ihr Schweigen war ihren falschen Freundinnen aufgefallen.

Die Gräfin näherte sich dem viereckigen Diwan in der Mitte des Salons, wo Raoul hochtrabend redete. Sie trat vor ihn hin und legte ihren Arm in den der Frau Octave de Camps, einer trefflichen Frau, die das ungewollte Zittern, das Maries heftige Gemütsbewegung verriet, als Geheimnis bewahrte. Obwohl der Blick einer verliebten oder überraschten Frau unendliche Sanftheit verrät, brannte Raoul in diesem Moment ein wahres Feuerwerk ab. Er war zu vertieft in seine Satiren, die wie Raketen aufsprühten, in seine Anklagen, die wie Feuerwerksräder abrollten, in seine Flammenporträts, die er mit Feuerstrichen zeichnete, um die naive Bewunderung einer armen kleinen Eva zu bemerken, die in der Gruppe der Damen um ihn her verschwand. Diese Neugier, die die Pariser nach dem Zoologischen Garten locken würde, um dort ein Einhorn zu sehen, wenn man eins dieser Tiere in den berühmten Mondgebirgen auftriebe, die noch kein Europäer betreten hat, berauscht die Geister zweiten Ranges ebensosehr, wie sie die wirklich hohen Seelen betrübt. Aber sie entzückte Raoul: er gehörte also zu sehr allen Frauen, um einer einzigen zu gehören.

»Vorsicht, meine Liebe,« sagte Maries anmutige und reizende Gefährtin ihr ins Ohr, »gehen Sie fort!«

Die Gräfin blickte ihren Gatten an, damit er ihr den Arm reichte. Die Ehemänner verstehen solche Blicke nicht immer: Felix führte sie fort.

»Mein Lieber,« sagte Frau von Espard Raoul ins Ohr, »Sie sind ein glücklicher Schelm. Sie haben heute abend mehr als eine Eroberung gemacht, unter anderm die der reizenden Frau, die uns so plötzlich verlassen hat.«

»Weißt du, was die Marquise von Espard mir sagen wollte?« fragte Raoul seinen Freund Blondet, als sie zwischen ein und zwei Uhr morgens fast allein waren. Und er wiederholte ihm, was die vornehme Dame zu ihm gesagt hatte.

»Nun, ich höre, die Gräfin von Vandenesse hat sich toll in dich verliebt. Du bist nicht zu beklagen.«

»Ich habe sie gar nicht gesehen,« sagte Raoul.

»Oh! Du wirst sie schon sehen, Halunke,« entgegnete Blondet herausplatzend. »Lady Dudley lädt dich zu ihrem großen Ball ein und zwar eigens, damit du sie dort triffst.«

Raoul und Blondet gingen mit Rastignac fort. Er bot ihnen seinen Wagen an. Alle drei lachten über diese Gesellschaft eines opportunistischen Unterstaatssekretärs, eines wilden Republikaners und eines politischen Atheisten.

»Wollen wir auf Kosten der gegenwärtigen Verhältnisse soupieren?« schlug Blondet vor, der die Soupers wieder zu Ehren bringen wollte.

Rastignac fuhr mit ihnen zu Véry, schickte seinen Wagen fort, und alle drei setzten sich zu Tische. Sie zogen über die gegenwärtige Gesellschaft her und lachten mit rabelaisischem Lachen. Mitten in dem Souper rieten Rastignac und Blondet ihrem unechten Feinde, ein so großes Glück, das sich ihm bot, nicht auszuschlagen. Die beiden durchtriebenen Gesellen trugen die Lebensgeschichte der Gräfin Marie von Vandenesse in satirischem Stil vor und machten sich mit dem Seziermesser des Spottes und der spitzen Pointe des Witzwortes über diese kindliche Unschuld und diese glückliche Ehe her. Blondet gratulierte Raoul zu einer Frau, die noch nichts verbrochen hatte, außer schlechten Rötelzeichnungen, mageren Aquarellandschaften, Pantoffeln für ihren Gatten und Sonaten, die sie mit keuschester Inbrunst spielte. Sie hatte bis zum achtzehnten Jahr an den Rockschößen ihrer Mutter gehangen, war von religiösen Pflichten durchtränkt, von Vandenesse erzogen und durch die Ehe richtig zubereitet, um ein guter Bissen für die Liebe zu werden. Bei der dritten Flasche Champagner wurde Raoul Nathan offner, als er es je einem Menschen gegenüber gewesen.

»Meine Freunde,« sagte er zu ihnen, »ihr kennt meine Beziehungen zu Florine, kennt meine Vergangenheit und werdet euch nicht wundern, wenn ich euch gestehe: die Farbe der Liebe einer Gräfin ist mir völlig unbekannt. Mich hat oft der Gedanke gedemütigt, daß ich mir keine Laura, keine Beatrix zulegen könnte, außer in der Poesie! Eine vornehme und keusche Frau ist wie ein fleckenloses Gewissen, das uns unser Selbst in schöner Form darstellt. Anderswo können wir uns besudeln; hier aber bleiben wir groß, stolz, makellos. Anderswo können wir ein wildes Leben führen; hier atmet die Ruhe, die Frische und das Grün einer Oase!«

»Ei geh, alter Junge!« sagte Rastignac, »spiele auf der vierten Saite das Gebet Mosis, wie Paganini.«

Raoul blieb stumm, mit starren, blöden Augen.

»Dieser elende Ministergehilfe versteht mich nicht,« sagte er nach kurzem Schweigen.

So trampelten die drei schamlosen Gesellen auf den weißen, zarten Blüten einer entstehenden Liebe herum, während die arme Eva in der Rue du Rocher sich in die Windeln der Scham hüllte und voller Entsetzen über das große Vergnügen, mit dem sie dem vermeintlichen großen Dichter gelauscht hatte, zwischen der strengen Mahnung ihrer Dankbarkeit gegen Vandenesse und den güldenen Worten der Schlange hin und her schwankte. Ach! kennten die Frauen das zynische Gebaren der Männer, die, wenn sie vor ihnen stehen, so geduldig sind und so süß tun! Wüßten sie, wie sie aus der Entfernung über das herziehen, was sie anbeten! Wie entkleidete und zergliederte der skurrile Witz dies frische, anmutige, schamhafte Geschöpf! Aber auch: welch ein Triumph! Je mehr Schleier von ihr abfielen, um so schöner erschien sie.

Marie verglich in diesem Moment Raoul mit Felix, ohne sich der Gefahr bewußt zu sein, die in solchen Vergleichen liegt. Nichts auf der Welt bildete einen größeren Gegensatz als der unordentliche, kraftvolle Raoul und der wie ein Modedämchen geschniegelte Felix von Vandenesse in seinen eng anliegenden Kleidern, mit seiner reizenden disinvoltura, ein Anhänger der englischen Eleganz, die ihm einst Lady Dudley beigebracht hatte. Solch ein Gegensatz behagt der weiblichen Phantasie, die gern von einem Extrem ins andre springt. Als anständige, fromme Frau verbot sich die Gräfin an Raoul zu denken; sie fühlte sich am nächsten Morgen als schändlich Undankbare in ihrem Paradies.

»Was hältst du von Raoul Nathan?« fragte sie ihren Gatten beim Frühstück.

»Ein Taschenspieler,« entgegnete der Gatte, »einer jener Vulkane, die sich mit etwas Goldpulver beruhigen lassen. Es war falsch von der Gräfin von Montcornet, ihn bei sich zu empfangen.«

Diese Antwort verletzte Marie um so mehr, als Felix, der die Schriftstellerwelt kannte, sein Urteil durch Beweise erhärtete. Er erzählte ihr nämlich, was er von Raoul Nathans Leben wußte, einem unsicheren Dasein, das mit dem Florines, einer bekannten Schauspielerin, verknüpft war.

»Hat dieser Mann Genie,« schloß er, »so hat er doch weder die Beständigkeit noch die Geduld, durch die es heilig und göttlich wird. Er will der Welt imponieren, indem er sich einen Rang anmaßt, den er nicht behaupten kann. Die wahren Talente, die emsigen, ehrbaren Leute verfahren nicht so: sie gehen tapfer ihren Weg, nehmen ihr Elend auf sich und behängen sich nicht mit Flittern.«

Das Denken einer Frau ist von unglaublicher Biegsamkeit. Erhält es einen Keulenschlag, so knickt es zusammen, scheint vernichtet und richtet sich nach einer gewissen Zeit wieder auf.

»Felix hat zweifellos recht,« sagte sich die Gräfin anfangs.

Aber nach drei Tagen dachte sie wieder an die Schlange, dank dem holden und zugleich schrecklichen Eindruck, den Raoul ihr gemacht und den Vandenesse ihr leider nicht erklärt hatte. Das gräfliche Paar ging zu dem großen Ball der Lady Dudley, auf dem de Marsay zum letztenmal in Gesellschaft erschien, denn er starb zwei Monate später und hinterließ den Ruf eines großen Staatsmannes, dessen Bedeutung nach Blondets Wort unbegreiflich war. Vandenesse und seine Gattin trafen Raoul Nathan in dieser Gesellschaft wieder, die ihr Gepräge durch die Begegnung mehrerer Mitspieler des politischen Dramas erhielt, die ob dieses Zusammentreffens sehr erstaunt waren.

Es war eine der ersten Festlichkeiten der großen Welt. Die Salons boten dem Auge ein magisches, Bild dar: Blumen, Diamanten, glänzende Frisuren. Alle Schmuckkästen waren geleert, alle Kunstmittel der Toilette ins Werk gesetzt. Der Salon glich einem jener koketten Treibhäuser, in dem die reichen Gartenliebhaber die prächtigsten Seltenheiten vereinigen. Der gleiche Glanz, die gleiche Feinheit in den Stoffen. Der menschliche Gewerbfleiß schien mit den lebenden Geschöpfen um den Vorrang zu streiten. Überall weiße oder bunte Gaze in den Farben der schönsten Libellenflügel, Krepp, Spitzen, Blonden und Tüll in der launischen Mannigfaltigkeit der Insektenwelt, durchbrochen, gewellt oder gezahnt, goldne und silberne Spinneweben, Nebelwolken von Seide, Blumen, die von Feenhand gestickt oder von verzauberten Geistern gewirkt schienen, Federn, von der Glut der Tropensonne gefärbt und gleich Trauerweiden auf stolze Köpfe herabwallend, gewundene Perlenschnüre, glatte, gerippte, durchbrochene Stoffe, als hätte der Geist der Arabesken den französischen Gewerbfleiß beraten.

Dieser Luxus stand im Einklang mit den dort versammelten Schönheiten, als sollte ein Album der Schönheit zusammengestellt werden. Der Blick schweifte über die weißesten Schultern, teils von bernsteinfarbenem Schimmer, teils von atlasartigem Glanze, teils seidig, teils matt und fleischig, als hätte Rubens den Teig geknetet, kurz alle Spielarten, die der Mensch im Weiß erblickt. Da waren Augen, die wie Onyx oder Türkis strahlten, mit schwarzem Samt oder blonden Fransen umsäumt; Gesichter von verschiedenstem Schnitt, die an die anmutigsten Typen aller Länder gemahnten; erhabene und majestätische Stirnen, wie von der Fülle der Gedanken sanft gewölbt oder flach, wie von unbezähmtem Widerstand, und schließlich das, was diesen Schaustellungen so hohen Reiz verleiht, Busenhügel, die sich zusammendrängten, wie Georg IV. es liebte, oder getrennt waren, wie die Mode des 18. Jahrhunderts es wollte, oder sich einander näherten, wie es Ludwig XV. liebte, aber immer sichtbar, in kecker Hüllenlosigkeit oder unter den hübschen gefältelten Busenlätzen von Raffaels Bildern, dem Triumph seiner geduldigen Schüler. Reizende Füße, die sich im Tanzschritt spannten, Taillen, die sich im Schwunge des Walzers bogen, riefen auch die Aufmerksamkeit der Gleichgültigsten wach. Das Murmeln der sanftesten Stimmen, das Rauschen der Kleider, das Gleiten des Tanzes, die heftigen Bewegungen des Walzers bildeten eine phantastische Begleitung der Musik. Es war, als hätte eine Fee mit ihrem Zauberstabe diese betäubende Magie, diese Melodie von Düften, diese schillernden Lichter in den Kristallkronen, in denen die Kerzen flackerten, diese von den Spiegeln vervielfältigten Bilder dirigiert.

Dieser Kranz der reizendsten Frauen in den schönsten Toiletten hob sich wirkungsvoll ab von der dunklen Masse der Männer, unter denen die eleganten, feinen, korrekten Profile der Edelleute, die hellblonden Schnurrbärte und ernsten Gesichter der Engländer sich mit den anmutigen Gesichtern der französischen Aristokratie mischten. Alle Orden Europas blinkten auf ihrer Brust, am Band um den Hals oder an der Hüfte getragen. Dem Beobachter zeigte diese Gesellschaft nicht nur die glänzenden Farben des Schmuckes, sie hatte eine Seele, lebte, dachte und fühlte. Verhehlte Leidenschaften gaben ihr das Gepräge. Man konnte den Austausch boshafter Blicke auffangen, das Verlangen, das weiß gekleidete, unbesonnene Mädchen verrieten, konnte die Bosheiten belauschen, die eifersüchtige Frauen sich hinter dem Fächer sagten, und die übertriebenen Komplimente, die sie einander machten.

Diese geschmückte, frisierte, parfümierte Gesellschaft gab sich einem Festtaumel hin, der zu Kopfe stieg, wie ein berauschender Dunst. Es war, als stiegen von allen Stirnen und aus allen Herzen Gefühle und Gedanken empor, die sich verdichteten und durch ihre geballte Masse auch die Kältesten betörten. Als dieser berauschende Abend seinen Höhepunkt erreichte, zog es Frau Felix von Vandenesse unwiderstehlich, mit Nathan zu plaudern. Er stand in einer Ecke des vergoldeten Salons, in dem ein bis zwei Bankiers, Gesandte, frühere Minister und der alte unmoralische Lord Dudley, der zufällig dazu kam, beim Spiel saßen. Vielleicht gab Frau von Vandenesse jenem Rausch nach, der auch den Verschwiegensten oft ihre Geheimnisse entlockt.

Beim Anblick dieses Festes und des Glanzes einer Welt, zu der er bisher keinen Zutritt gehabt hatte, wurde Nathans Herz von doppeltem Ehrgeiz gequält. Er sah Rastignac, dessen jüngerer Bruder mit 27 Jahren Bischof geworden war, dessen Schwager, Martial de la Roche-Hugon, Minister war, während er selbst Unterstaatssekretär war und, wie es hieß, die einzige Tochter des Barons von Nucingen heiraten sollte. Er sah als Mitglied des Diplomatischen Korps einen unbekannten Schriftsteller, der für eine seit 1830 zum Regierungsblatt gewordene Zeitung die ausländische Presse übersetzte, sah Artikelschreiber im Staatsrat, Professoren als Pairs von Frankreich und erkannte mit Schmerzen, daß er auf dem Holzwege war, wenn er den Umsturz dieser glänzenden Aristokratie predigte, in der die Talente, die Glück hatten, die erfolggekrönte Geschicklichkeit und die wahre Überlegenheit glänzten. Blondet, der so viel Unglück gehabt, der im Journalismus so wenig erreicht hatte, aber hier lieb Kind war, konnte, wenn er nur wollte, durch seine Beziehungen zur Gräfin Montcornet noch den Pfad des Erfolges beschreiten. Er war in Nathans Augen ein schlagendes Beispiel für die Macht gesellschaftlicher Beziehungen. Im Herzensgrunde beschloß er, auf Überzeugungen zu pfeifen, genau wie de Marsay, Rastignac, Blondet und Talleyrand, das Haupt dieser Sekte, nur mit Tatsachen zu rechnen, sie zu seinem Vorteil zu wenden, in jedem System eine Waffe zu sehen und eine so gut eingerichtete, so schöne, so natürliche Gesellschaft nicht zu erschüttern.

»Meine Zukunft,« sagte er sich, »hängt von einer Frau ab, die zu dieser Gesellschaft gehört.«

Dieser, in der Glut eines wilden Verlangens erzeugte Gedanke erfüllte ihn, als er sich auf die Gräfin von Vandenesse stürzte, wie ein Sperber auf seine Beute. Das holde Geschöpf in seinem Schmuck von Marabufedern, der die reizvolle Weichheit Lawrencescher Porträts hervorrief, wurde durch die kochende Energie des vor Ehrgeiz rasenden Dichters betört. Lady Dudley, der nichts entging, begünstigte dies Zwiegespräch, indem sie den Grafen von Vandenesse mit Frau von Manerville zusammenbrachte. Diese zog Felix kraft ihres alten Einflusses in die Schlingen eines Disputs voll herausfordernder Worte und Anvertrauungen, die sie durch Rotwerden verschönte, voll bedauernder Anspielungen, die sie ihm wie Blumen zu Füßen warf, und voller Anschuldigungen, bei denen sie sich ins Recht setzte, um Unrecht zu erhalten. Es war das erstemal seit ihrem Bruch, daß die beiden sich unter vier Augen sprachen. Während die alte Geliebte ihres Gatten in der Asche ihrer erloschenen Freuden nach ein paar Funken wühlte, verspürte Frau Felix von Vandenesse jenes heftige Herzklopfen, das bei jeder Frau die Gewißheit hervorruft, etwas Unrechtes zu tun und auf verbotenen Wegen zu wandeln. Solche Wallungen sind nicht ohne Reiz und erwecken so viele schlummernde Kräfte. Noch heute, wie im Märchen von Blaubart, greifen alle Frauen gern nach dem blutbefleckten Schlüssel – eine prachtvolle mythologische Vorstellung, ein Ruhmesblatt Perraults.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.