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Eine empfindsame Reise im Automobil

Otto Julius Bierbaum: Eine empfindsame Reise im Automobil - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
booktitleEine empfindsame Reise im Automobil
authorOtto Julius Bierbaum
year2000
publisherVerlag Dietmar Klotz
addressEschborn bei Frankfurt am Main
isbn3-88074-732-6
titleEine empfindsame Reise im Automobil
pagesV-XII
created20010113
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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Prag, den 14. April 1902.

Der Blaue Stern, in dem wir wohnen, ist leider modernisiert und dadurch um seine alte Behaglichkeit gekommen. Es scheint, daß ich doch kein moderner Mensch bin. Nicht einmal der Jugendstil ersetzt mir die Gemütlichkeit. Diese fanden wir dafür im Hause von Hugo Salus und überhaupt bei allen Deutschen, die uns begrüßten. Ach, die Deutschen Prags begrüßen so gerne Deutsche »aus dem Reiche«. Sie sitzen hier auf einer kleinen Insel in einem wilden Meere, und dieses Meer frißt ihnen ihr Inselchen immer kleiner. Bald wird es nur noch ein deutsches Helgoländchen in der tschechischen Mordsee sein. Dabei repräsentiert das deutsche Prag die reifere Bildung, den festeren Reichtum. Aber – das Volk fehlt. Es ist schon fast wie das »englische Viertel« in Dresden, – eine dauernde Ansiedelung von Ausländern. Die gesamte Arbeiterbevölkerung und die dienenden Klassen, – lauter Tschechen. Die Geschäftsinhaber und Handwerksmeister sind wohl noch zum Teil deutsch, arbeiten aber mit tschechischen Kräften. Das Bollwerk der deutschen Universität steht zwar noch fest, wird aber grimmig berannt; doch ist es in tapferen Händen. Die deutschen Studenten sind natürlich treu und fest national gesinnt, desgleichen die deutsche Presse. Auch pflegt man in Prag die deutsche Literatur mit größerer Hingabe, als es sonst unter Deutschen die Regel ist, und die deutsche Literatur Prags weist ein paar Talente von hoher Begabung auf. Salus ist ein Poet, den jeder Deutsche lieben muß, der in der Lyrik nicht bloß auf Virtuosenspezialität erpicht ist, und Rilke ist vielleicht das größte lyrische Formtalent, das wir heute überhaupt besitzen.


Im Hofe des blauen Sterns in Prag
(links Hugo Salus und Frau)

Entschuldigen Sie diese literarischen Bemerkungen. Ich wills nicht wieder tun.

Daß Prag eine der schönsten Städte, und nicht bloß Österreichs, ist, wissen Sie wohl schon. Eine seltsame Stimmung ist hier: deutsche Vergangenheit und tschechische Gegenwart und dann etwas wunderlich orientalisches, das von den vielen Juden herkommen mag. Das alte Ghetto mit dem Judenfriedhof und der uralten, halb unterirdischen Synagoge, – ein Viertel voll Schmutz, Armut und malerischen Reizes. Da gibt es Häuser, die nicht nebeneinander sondern ineinander gebaut zu sein scheinen, ein unsagbares Gewinkel. In der alten Synagoge, diesem ehrwürdigen Kellerloch der Jehowahverehrung, kann man das Gruseln lernen, und ich für mein Teil wurde den Gedanken nicht los: ein Stückchen dieser Düsterheit steckt auch in jeder christlichen Kirche. Oh Zeus von Otriculi!

Beneschau, den 15. April 1902.

Wenn Sie auf der Karte nachsehen wollen, werden Sie finden, daß Beneschau nicht gar weit von Prag entfernt liegt, und Sie werden sich wundern, daß wir heute nur einen so kleinen Weg gemacht haben. Daran ist die Zündung schuld, das einzige an unserem vortrefflichen Motor, das uns zuweilen einen kleinen Ärger bereitet.

Heute war es sogar ein großer. Der Wagen wollte durchaus nicht »angehn«, so sehr sich unser Fahrer im Hof des Blauen Sterns abmühte. Schließlich wurden wir es müde, der Quälerei beizuwohnen, und gingen hinüber in den Zirkus Schumann, wo der Herr Direktor gerade ein neues Pferd in der hohen Schule übte. Das ist eigentlich auch keine kleine Quälerei, aber als Schauspiel war es für uns doch angenehmer, als das erfolglose Bemühen, Benzinexplosionen durch Zündung zu erzeugen, die Gottweiß aus welchen Tücken keine Lust hatten. Erst Nachmittags um zwei Uhr ließ sie sich herbei, zu funktionieren, und so haben wir also nicht, wie wir wollten, Wittingau, sondern nur Beneschau erreicht.

Von diesem Orte weiß ich Ihnen nichts zu berichten, als daß es vor 30 Jahren noch deutsch gewesen sein soll, jetzt aber, bis auf einige jüdische Firmen, ganz tschechisch ist.

Außer den Firmen Cohn und Katzenstein erinnert uns noch ein schönes Stück Gotik in Gestalt eines hohen Spitzbogenfensters, das allein von einer alten Kirche übrig geblieben ist, an die deutsche Vergangenheit des Städtchens.

Dafür lebt sich auch hier in allen seinen Prächten der tschechische Jugendstil üppig aus. Das Zimmer, das wir angewiesen erhalten haben (Laufwagenreisende bekommen in kleinen Städtchen stets die Staatszimmer), ist giftgrün-rosa bemalt mit unerhörten Blumen der tschechischen Botanik, halb Lilien, halb Klatschrosen; sämtliche Möbel sind aus moosgrün lackiertem Eisenblech mit ziegelroten Kaldaunenornamenten. Die Biedermeier-Rosen unseres Teeservices erblassen schier vor diesem tumultuarischen Farbengeheul, und ich habe dem Wirt ernstlich ans Herz gelegt, hier nie eine Dame in gesegneten Umständen einzuquartieren, weil eine Frühgeburt die unausbleibliche Folge sein müßte.

Wittingau, den 16. April 1902.

Diese Stadt heißt eigentlich ganz anders, aber ich kann mir den tschechischen Namen durchaus nicht merken. Wittingau hat sie früher geheißen, als sie noch deutsch war. Heute kommt der Name nur noch auf den Plakaten der fürstlich-schwarzenbergischen hiesigen Brauerei vor.

Überhaupt ist die ganze Stadt und alles drum herum fürstlich-schwarzenbergisch. Man kann sagen: es ist eigentlich gar keine Stadt, sondern hundert und ein paar Häuser, die dem schwarzenbergischen Schlosse zur Folie dienen.

Da ist z. B. eine Straße, die vom Schloß zur Kirche führt. Aber die Kirche ist die Schloßkapelle, und die eine Seite der Straße ein verdeckter Gang, der Schloß und Kapelle verbindet.

Das Schloß selber ist ein sehr weitläuftiges Gebäude oder besser: ein Komplex mehrerer ausgedehnter Baulichkeiten, und man müßte taub sein, wollte man nicht hören, was diese Mauern (tschechisch natürlich) laut und vernehmlich predigen. Ich habe es vernommen, lieber Bachmann, und habe es, obwohl es tschechisch war, wohl verstanden. Soll ich es Ihnen aus dem Tschechischen der Schwarzenberger (Sie wissen doch daß die Schwarzenberger Tschechen sind?) übersetzen? Ins Deutsche? Nein: ins Französische. Es ist eine ganz kleine Redensart und heißt: Je m'en fiche!

Diese böhmischen Magnaten, von denen die Schwarzenbergs noch nicht einmal die größten sind, dürften sich diesen Spruch wirklich ins Wappen setzen lassen. Dem Rang und Titel nach sind sie zwar keine Souveräne (obwohl die Schwarzenbergs in ihrer eigentlichen Residenz, denn das hier ist bloß ein pied-à-terre, sogar ein kleines Privatarmeechen haben), aber in Wahrheit sind sie viel souveränere Herren, als irgend ein regierender Fürst. Ein moderner König kann wahrhaftig keine großen Sprünge machen, – die Schleppkugel des Parlaments hängt ihm am Fuß. Kaum daß er noch große Reden im Munde führen darf, und auch das will ihm die Volksstimme schon nicht mehr erlauben. Sein Leben spielt sich noch viel mehr als das gewöhnlicher Menschen zwischen lauter Rücksichten ab, und er ist in der Hauptsache nur durch den Schein einer Machtvollkommenheit ausgezeichnet, deren sich heute in Wirklichkeit nur die wirklich Herrschenden erfreuen, die großen Besitzer, die keine nominellen Potentaten sind. Ein heutiger Souverän ist auf Popularität angewiesen; nur ein Genie dürfte es wagen, Potentat und unpopulär zu sein. Ein gewöhnlicher Souverän, der es riskieren wollte, nach dem Spruch je m'en fiche zu »regieren«, würde bald die Bruchstücke seiner Krone und seines Thrones auf der Straße zusammenlesen können.

Einen Schwarzenberg dagegen, wie etwa einen Vanderbilt, hindert eigentlich nichts daran, durchaus und immer zu tun, was ihm beliebt. Er hat Macht schlechthin im Umkreise seines Besitzes. Z. B.: Es beliebt den Fürsten Schwarzenberg, daß sich in oder um Wittingau keine Industrie bilde, denn sie wünschen nicht, daß auf ihrem Gebiete der Arbeiter die Wahl habe, seine Kraft dem Fürsten oder einem anderen zu verkaufen, – also bildet sich keine Industrie, denn alles Land hier, meilen-meilenweit ist Schwarzenbergisch – bis zur Grenze von Nieder-Österreich.

Selbständige Bauern gibt es nicht, – nur schwarzenbergische Untertanen, und die im verwegensten Sinne des Wortes. Leibeigen sind sie ja nicht, aber das Land, das sie bebauen, das Gerät, mit dem sie es tun, die Hütte, in der sie wohnen, gehört dem Fürsten. Er hat die Entscheidung über alle Weg- und Kommunikationsfragen, – in seiner Hand liegt es, welcher Art die Kultur sein soll, die sich hier entwickelt.

Schrecklich, lieber Bachmann, nicht wahr? – Ich weiß nicht recht. Nach dem Prinzip der Liberté, Fraternité, Egalité angesehen ist es ja gräulich, und ich für mein Teil würde, ehe ich so hörig wäre, lieber wundfüßig bis ans Ende der Welt laufen, aber es scheint doch, daß es für viele ein ganz erträglicher Zustand ist, wenn es der Herr Fürst nur ein bißchen gnädig treibt. Also wird es fürs Erste wohl noch eine gute Weile so gehen.

Für die Ästhetik der Landschaft ist das feudale Regime sicher günstig. Unter ihm gedeiht die große Linie: Wald, Wiese, Feld. Alles dehnt sich weit, mächtig, schön. Nirgends Fabrikschlöte, überall reine Natur. Und die Hütten der Bauern so schön verfallen malerisch, moosbewachsen, nieder; die Menschen selber ditto malerisch, nämlich zerlumpt. Ein Unterrock und ein zerrissen Hemd: und das Bauernmädl ist fertig angezogen. Sieht hübsch aus, Bachmann, wenn so ein Stück nackter Rücken durchleuchtet. Sehr unsozial gedacht, – ja; aber, wenn's die Fürsten Schwarzenberg nicht geniert, daß ihre Hütten vor lauter malerischer Romantik schier umfallen, was soll ich tun? Mir ist es genug, daß es Stimmung hat. Auch muß ich sagen, daß die Leute ganz vergnügt aussehen. – Übrigens wird die tschechische Sozialdemokratie den Leuten das Vergnügen an ihrem malerischen Elend schon austreiben. Lassen wir die Mächte sich untereinander abraufen! Einstweilen bin ich den Fürsten Schwarzenberg dankbar dafür, daß auf ihren Gebieten die Natur in allen ihren Prächten erhalten bleibt.

Doch ich sage zuviel: Auch die Feudalen bändigen die Natur, damit sie ergiebiger werde. So haben sie aus den Sümpfen dieses Landes Teiche gemacht, in denen Fische gedeihen, die bis Berlin und Hamburg versandt werden: die berühmten Karpfen von Wittingau.

Über diese Teiche und ihre Bewirtschaftung habe ich mich von einem Beamten des Fürsten belehren lassen, und Sie sollen von meiner Wissenschaft profitieren. Alle drei Jahre werden, in bestimmter Reihenfolge, einige dieser seeartig großen Wasserflächen abgelassen, die Fische in kleineren Becken sortiert und lebend in Fässern verschickt, und was drei Jahre lang Teich war, wird zum Weizenfeld gemacht. Der Teichboden ist besonders fruchtbar, aber es handelt sich nicht so sehr um seinen Körnerertrag wie darum, daß sich durch die Bebauung im Boden das für die Nahrung der Fische nötige Gewürm entwickelt. Interessant ist auch, daß man geflissentlich zwischen die Karpfen, Welse, Maränen Hechtbrut setzt, um dem zahmen Fischvolk zu heilsamer Bewegung zu verhelfen, damit sein Fleisch fester und schmackhafter werde, – eine Übung, die geeignet ist, zu einem kleinen Gedankenkettenspiel zu veranlassen. Das Ideal der Karpfen besteht sicher darin, daß sie einen Teich ohne Hechte erträumen, aber der Idealismus der Fürsten von Schwarzenberg denkt weiter – an die Muskelvervollkommnung der dicken Idealisten, die ohne diese fürstliche Vorsehung in ihrem Fette ersticken müßten und, was das Wichtigste ist, den Berlinern und Hamburgern nicht entfernt so gut schmecken würden, wären sie nicht drei Jahre lang von den edlen Hechten gehetzt worden. So steht immer ein Ideal auf dem Kopfe des andern, – woraus sich ganz von selbst ergibt, daß die untersten am schwersten zu tragen haben. Ob sich die Karpfen durch irgend welche Gefälligkeit von den Hechten loskaufen können, weiß ich nicht. Daß dies in anderen Verhältnissen möglich ist, beweist die letzte deutsche Aufschrift, die an einem der Tore von Wittingau noch zu lesen ist. Sie lautet: »Fürst – Schwartzenbergisch – befreite Schutzstadt Wittingau« und bedeutet, daß die Wittingauer ehedem nicht sich selber, sondern den Schwartzenbergs gehörten, daß sie aber für gegebene »Darlehen« aus diesem Besitz entlassen und nun im »Schutze« der fürstlichen Hechte geblieben sind. Das ist doch gewiß sehr lehrreich und ein weites Feld für Idealisten, Karpfen, sowohl wie Hechte. – Schade, daß man auf der Reise keine Zeit hat, auf so weiten Feldern zu spazieren. Und zudem: welche Blumen der Lebensweisheit könnte ich dort pflücken, die Sie nicht schon längst im Knopfloch tragen? –

Wien, den 25. April.

Das schnelle Fahren mit der Eisenbahn hat es auch mit sich gebracht, daß man sich daran gewöhnt hat, zu glauben, alle Kulturländer seien einander ganz ähnlich geworden. Es kann dies aber doch wohl in Wahrheit nur von den großen Städten und in ihnen vor allem von den Hotels und den großen Varietetheatern gelten. Fährt man, wie wir, im Laufwagen, aber trotzdem behaglich, so bemerkt man, da die große Kulturwalze doch noch nicht alle Verschiedenheiten ausgeglichen hat.


Niederösterreichische Jugend interessiert sich für den Adlerwagen

Böhmen und Niederösterreich z. B. – welch ein Unterschied! Hier vereinigen sich allerdings besonders viele Umstände dazu, die Nachbarn unterschiedlich zu gestalten. Vor allem sicherlich die Verschiedenheit der Rassen, und dann die Verschiedenheit der Wirtschaftsart. Das hier ganz slavische Böhmen mit seiner ausgeprägten Latifundienwirtschaft muß sich notwendig von dem ganz deutschen Niederösterreich mit seiner Kleinwirtschaft unterscheiden. Böhmen, so däucht mir, ist schöner, großartiger als Natur, Niederösterreich sieht, wenn ich so sagen darf, gemütlicher aus. Besonders wohl gefallen hat es uns nicht, und auch unsere Rasseverwandten haben uns nicht eben den angenehmsten Eindruck gemacht. Die Tschechen zeigten ein etwas tumultuarisches Temperament, wenn sie den Wagen ohne Pferde sahen, die niederösterreichischen Bauern schienen darob zu Stein zu werden, zu Statuen mit aufgerissenen Mäulern, – wenn sie nicht gerade Pferde zu regieren hatten. In diesem Falle fluchten sie auf eine ganz greuliche Manier und benahmen sich weder sehr christlich, noch sehr intelligent. An Armut und Verkommenheit scheint es hier auch nicht zu fehlen, obwohl keine Feudalen da sind, denen man die Verantwortung dafür aufbürden könnte. Zwei Typen: der Bauer, nicht so fett und breit, wie unser guter Freund von der Öd oder Sankt Heinrich, aber immerhin wohlgenährt und »foascht«, dazu mit einem paradox differenzierten Gesichtsausdrucke: halb pfiffig, halb stupide; und der Tagelöhner: ein mageres Bündel Elend in Lumpen, knechtischen Blicks und fuselduftig. – Die Straßen in Niederösterreich sind infam schlecht; auch die »Kaiserstraße« macht keine Ausnahme davon. Man könnte sagen, daß sie eine ausgedehnte Verlockung zu Majestätsbeleidigungen vorstellt. – In der Nähe von Wien bemerkt man ab und an alte Edelsitze unfern der Landstraße, meist mit Resten des Zopfgeschmacks. Wir nahmen uns nicht Zeit, sie genauer zu betrachten, denn es ging schon gegen Abend, und die Stadt schien immer noch fern. – Als wir in Floridsdorf einfuhren, das eigentlich schon eine Vorstadt Wiens ist, war es schon dunkel. Das machte uns kein großes Vergnügen, denn bei Dunkelheit kommt der Laufwagenreisende nicht gern in einer großen Stadt an, weil es gar kein Amüsement bereitet, sich durch so und soviel Vorstadtstraßen durchzufragen. Denn der Pöbel, der in den Vorstädten der Metropole gedeiht, gehört nicht zu den holdesten Blüten am Baume der Menschheit. Vielleicht würden alle diese Menschen, wenn es ihnen gut ginge, manierlicher sein, als mancher Geheimrat; das kann wohl sein; in der Tat aber sind sie meist in einem Grade roh und übel, daß man nicht gerne in Berührung mit ihnen kommt. Muß man aber, wie wir in Floridsdorf, mitten unter ihnen Halt machen, weil das Benzin zu Ende gegangen ist, so läßt sich die Berührung schon deshalb nicht vermeiden, weil sie in Massen herbeiströmen und mit Begierde die Gelegenheit ergreifen, sich unangenehm zu machen. In erster Linie haben sie das Bestreben, zu zeigen, wie so gar nicht sie sich imponieren lassen. »A Automobüll? Alsdann, – was bedeit' das? Gornix! Bei uns im Hof steht ans, wann mir nur fahren wolltn!« oder: »Sie! Ham's ka Gölt nüt zum Eisenbahnfohrn?« Nur ein Betrunkener produzierte etwas wie Witz, indem er rief: »Da sollte der Tierschutzverein a Wörtl dreinredn. Alsdann, was geschieht denn mit dene Gäul, wenn ma mit solche Zeugln fahrt? Müssen alle geschlachtet werden! Und überhaupt: Was saufts denn nöt lieber den Spiritus, statt an Gestank daraus zu machen?« Der Kerl roch aber selber nicht gut. – Wir waren froh, als wir die Elite von Floridsdorf hinter uns hatten und bei voller Dunkelheit über die Franz-Josefs-Brücke nach Wien hineinrollten, wo wir im Hotel Continental abstiegen, einem alten, früher als Goldenes Lamm berühmten, aber noch jetzt recht guten Hause der Leopoldstadt, wo unser Adlerwagen nun der verdienten Ruhe im Hof genießt. Wir benutzen ihn hier fast gar nicht, denn in Wien muß man Fiaker fahren. – Meine Frau wollte es anfangs durchaus nicht glauben, daß diese eleganten Wagen keine Privatequipagen seien. Man findet auch kaum in einer anderen Stadt so schöne Mietswagen mit so prächtigen Pferden in so schmuckem Geschirr und so sicher gelenkt von Kutschern, die, wenigstens von weitem, sich von den Kavalieren, den Herrgöttern dieser Stadt, kaum unterscheiden. Aber die breite Trinkgeldhand zeigt dann um so deutlicher, daß die Elegants im Sportpaletot nicht zur guten Gesellschaft gehören, in der bekanntlich das Trinkgeldnehmen nur in Formen geübt wird, die sehr kompliziert und schwer zu erlernen sind. – Bei der Rückfahrt von einem Rennen in der Freudenau, wo wir aber keinen Tag erster Güte hatten, lernten wir die einzigartige Geschicklichkeit dieser besten Mietskutscher der Welt gut kennen. Da fuhren in endloser Kette sechs Reihen von Fiakern nebeneinander, und alles ging glatt und ruhig her, obwohl die reitenden Schutzleute sich nur ornamental betätigten. Denken Sie sich, bitte, mal sechs Reihen von münchner Droschken nebeneinander in schneller Fahrt. Ein Débâcle würde die Folge sein. –

Von Wien selbst lernten wir in den wenigen Tagen das eine kennen, daß es eine sehr schöne Stadt von durchaus eigenem Charakter ist, in der es an Gelegenheiten, sich zu vergnügen, nach keiner Richtung fehlt, und wo besonders für die körperlichen Bedürfnisse ausgezeichnet gesorgt wird. Hier ist die hohe Schule der Mehlspeisküche, und die Kunst des Speisens überhaupt braucht hier keine Sezession. Auf diesem Gebiet herrscht in Wien durchaus die alte Richtung, und es wäre verrucht, sie durch eine neue ablösen zu wollen. In der bildenden Kunst dagegen ist die Revolution im vollen Gange. Nirgends, auch in München nicht, lebt und wirkt die Sezession wie hier. Ich war etwas bange davor, denn ich bin nachgerade ein bißchen bedenklich in diesem Punkte geworden, aber ich muß gestehen, daß meine schlimmen Ahnungen sich nicht erfüllt haben. – Von der Umgebung Wiens lernten wir ein besonders schönes Stück im Laufwagen kennen: die Gegend oberhalb Grinzings, die den schönen Namen »Am Himmel« nicht mit Unrecht führt. Welche große Stadt hätte derlei in unmittelbarer Nähe! Wald und Wiese in unberührter Schönheit, Berg an Berg mit den köstlichsten Ausblicken über die ganz nahe sich ausbreitende Stadt –eine Mittelgebirgslandschaft mit allen Reizen reichster Abwechselung, unterbrochen von alten schönen Herrensitzen, die noch nicht Hotels oder Pensionen geworden sind. – So mag denn Wien ein wunderschöner Aufenthalt sein, und die Wiener selbst werden nicht müde, es zu preisen, obwohl es nun nicht mehr »die« Kaiserstadt ist. Zum Schluß eine Probe von Wiener Lebensweisheit in einem Verse, der augenblicklich hier grassiert:

Drahn m'r um und drahn m'r auf,
Es liegt nix dran,
Weil ma's Göld auf derer Welt
Nicht fress'n kann.

Haben Sie was dagegen einzuwenden?

Nachschrift: Fast hätte ich das Schönste vergessen, das Wien an neuer Kunst aufzuweisen hat: das Goethedenkmal von Hellmer. – Gegenwärtig werden der Bildhauerei, zumal in Deutschland, meist insofern schwierige Aufgaben gestellt, als sie entweder Persönlichkeiten von im Grunde recht unwesentlicher Bedeutung monumentalisieren soll, oder gezwungen ist, wirklich mächtige Erscheinungen, wie Bismarck, nach einer gewissen Konvention aufzufassen, als gewissermaßen zu demonumentalisieren. Irgend ein gleichgültiger Vorfahre eines jetzt regierenden Fürsten, so gleichgültig, daß die Geschichte an ihm nichts Auszeichnendes fand, als etwa eine ungewöhnliche Wohlbeleibtheit, weshalb sie ihm dann den Beinamen Der Dicke verlieh, ein fürstlicher Guidam also, von Zufalls Gnaden Kronenträger geworden, statt etwa Packträger, soll, allein um dieses Zufalls willens, fürstlich dargestellt werden, fürstlich, d. h. als ein Vornehmer unter den Vornehmen, als eine Höhenerscheinung unter den Menschen. Er, der vielleicht lediglich durch seinen Bauch hervorragte, soll in Marmor Seelengröße, Geisteskraft und jederlei Adel des Herzens, Hirns und der Sinne überhaupt an den Tag legen. Bismarck hingegen, der ein überragendes Genie und im alleroffenbarsten Sinne ein Fürst unter den Menschen war, darf im Grunde doch immer nur wieder sub specie des Herrn Anton von Werner dargestellt werden, nämlich als schnauzbärtiges, brauenbuschiges, nüsternblähendes Zubehör zu ein Paar Kürassierstiefeln, welches Gebilde man dann den Eisernen Kanzler nennt. Unsre Nachkommen werden in diesen Kümmerlichkeiten ganz gewiß keine Monumente Bismarcks, sondern Denkmäler des kümmerlichen Verhältnisses erblicken, in dem unsre bestimmenden Kreise zu diesem Gewaltigen stehen. Wie denn überhaupt unsre Gegenwart von dem heißen Bemühen erfüllt zu sein scheint, sich vor der Zukunft monumental zu blamieren, indem sie ihr in ihren Denkmälern eine wahre Galerie von Mittelmäßigkeiten hinterläßt, sei es hinsichtlich des Dargestellten oder der Darstellungsart oder in beiden Hinsichten gleichzeitig.

Angesichts dieses Zustandes ist es erklärlich, daß Künstler von starker Eigenart, wie Max Klinger, mit höchstem Ehrgeiz ihr ganzes Können an die Aufgabe setzen, in einem höheren Sinne monumental zu schaffen, indem sie sich resolut besonders von jener biedermeierhaften Art pseudorealistischer Auffassung einer Persönlichkeit abwenden. Der Beethoven Klingers, den wir hier, von der Sezession mit fast religiöser Verehrung zu dem Mittelpunkt einer schöpferischen Huldigung gemacht, sahen, verdient als Ausdruck eines so edlen Strebens zweifellos hohe Anerkennung, – als Leistung aber ist er höchst unerfreulich. Die Auffassung des großen Musikers als eine Art Jupiter tonans der klingenden Kunst erforderte vor allem Überlebensgröße und Verzichtleistung auf jedes kleinliche, wenn auch im Material noch so kostbare Beiwerk. In einfacher Lebensgröße dargestellt und umgeben von allerhand kleinplastischen Kommentaren seines Wesens wirkt dieser grübelnde Donnergott wie eine Nippesfigur, und spätere Geschlechter mögen glauben, das Denkmal sei, trotz der Signierung Klingers, eine verkleinerte Kopie des Originals. Aber auch wenn man über diesen Grundfehler hinweg sieht, bleibt wenig übrig, woran man seine Freude haben kann. Wer je einen Rodin gesehen hat, wird schmerzlich empfinden, wie wenig Fluß diese Linien haben, wie kleinlich im Grunde das Ganze auch innerlich ist, wie wenig Reiz dem Material abgewonnen wurde. Die Engelsköpfchen an dem großen Sessel sind direkt Backfischsgeschmack; wirklich gut ist nur der Adler.

Ich begreife es vollkommen, daß Wien es abgelehnt hat, diese zwar sehr prätensiöse aber hinter ihren Prätensionen unendlich weit zurückbleibende Arbeit zu erwerben. Eine Stadt, die den Hellmerschen Goethe ihr eigen nennt, kann auf ein Werk wie dieses verzichten, ja muß es in einem gewissen Sinne. Hellmers Goethe ist, neben Hildebrands Brunnen in München, die stärkste monumentale Leistung der gegenwärtigen deutschen Bildhauerkunst. Dieses Werk sucht nicht durch »neuartige« Auffassung zu verblüffen, indem es etwa den »Olympier« von Weimar nach dem Vorgange Bettinas nackt darstellt (was eine recht billige Gymnasialprofessoren-Kühnheit wäre), es sieht auch von allem Schmuckhaften in Nebendingen ab und verschmäht jede plastische Zoologie, die es zumal in der Begasschule zu einer Konkurrenz mit Hagenbeckschen Unternehmungen gebracht hat. Dieser Künstler erwies seine Größe, wie es die Art jedes wirklichen Plastikers ist, zuvörderst durch die große und edel einfache Auffassung. Er sagte sich: wie auf einem Denkmal Goethes nur das eine Wort Goethe stehen darf und nicht etwa ein langes oder kurzes Gepreise des Herrlichen nach einer Richtung hin, so darf es auch plastisch auf ihm nichts geben, das von der Gestalt und Haltung dieses Vollkommenen, vor allem seines Kopfes, ablenkt. Dieser Kopf und dann die Haltung, – das ist alles, was zu leisten ist. Freilich: welch eine Aufgabe! Goethe: d. h. höchste Schönheit deutscher Art und vollster Ausdruck deutschen, weltumfassenden Geistes, aber auch tiefstes Fühlen und klarstes Gestalten, Zusammenklang aller Menschengaben in eine Harmonie von sonst nie dagewesener Fülle, und dennoch: Menschlichkeit, kein »Gott«. Dem Wiener Meister ist es gelungen, diesen Komplex höchster Menschheitskräfte so darzustellen, daß man vor seinem Bildwerk wirklich empfindet: Goethe.

Daß gerade Wien diese herrliche Schöpfung besitzt, ist doppelt erfreulich, – Wien, das es, wie mir scheint, besonders nötig hat, immer wieder an deutsche Höhenart erinnert zu werden.

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