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Eine empfindsame Reise im Automobil

Otto Julius Bierbaum: Eine empfindsame Reise im Automobil - Kapitel 21
Quellenangabe
typereport
booktitleEine empfindsame Reise im Automobil
authorOtto Julius Bierbaum
year2000
publisherVerlag Dietmar Klotz
addressEschborn bei Frankfurt am Main
isbn3-88074-732-6
titleEine empfindsame Reise im Automobil
pagesV-XII
created20010113
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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XVIII.
Von Mailand bis Stein am Rhein

An Herrn Dr. August Smith in Wangen am Bodensee

Bellinzona, den 13. Juli, im Hirschen.

Gerettet, lieber Doktor! Wir sind dem feurigen Ofen entronnen; den Bergen nahe erfreuen wir uns kühler Winde und segnen die frische Schweiz. Italien ist ein anbetungswürdiges Land; man soll es das ganze Jahr lang anbeten, aber mit Ausnahme der Hundstage. Meine Frau will das zwar nicht zugeben, aber in diesem Falle muß ich sie als befangen ablehnen, und, wenn sie auch plötzlich recht traurig wurde, wie wir die Grenze ihres Landes hinter uns ließen, – im Grunde, glaube ich, ist selbst sie nicht traurig darüber, daß die Temperatur beginnt, erträglich zu werden, und auch sie hat das frischere Grün der Schweizer Fluren gerne gesehen. Ich für mein Teil hätte vor Vergnügen schreien mögen. – Übrigens entließ uns Italien nicht so schnell. Es dauerte beträchtlich lange, bis wir unsre zu Zolldepot gegebenen 110 Franken zurückbekamen. Schneller wurden wir sie wieder los, denn auch die schweizerische Eidgenossenschaft legt Wert darauf, ein solches Depot zu erhalten.

Morgen über den Gotthard! Dort liegt noch Schnee! Welch herrliche Aussicht!


Kurz vor dem Sankt Gotthard-Hospiz

Der Gotthard war uns als der einzige schweizer Gebirgspaß bezeichnet worden, dessen Überschreitung mit Motorwagen gestattet sei, und in Bellinzona bestätigte man uns dies mit dem Hinzufügen, dieses Erlaubnis sei allerjüngsten Datums, übrigens aber nicht viel wert, weil es sich von selber verbiete. Wenigstens sei ein Herr, des es kürzlich versucht habe, unverrichteter Dinge zurückgekehrt. – Durch solche Erzählungen muß man sich nicht irre machen lassen. Immerhin waren wir, als wir abfuhren, nicht gerade felsenfest überzeugt, daß wir über die 2111 Meter hinüber gelangen würden, und wir dachten schon daran, ob wir nicht wenigstens das schwere Gepäck mit der Bahn befördern lassen sollten. Aber die Zuversicht siegte, und der Adlerwagen hat sie nicht zuschanden werden lassen. Wir sind um 10 in Bellinzona abgefahren und um 7 in Brunnen angekommen, ohne daß uns der alte Sankt Gotthard auch nur ein einziges Mal Veranlassung gegeben hätte, kleinmütig zu werden; wir haben ihn »glatt genommen«. Allerdings nach der Melodie »Immer langsam voran«, – sonst hätte wir zu 136,4 Kilometer nicht neun Stunden gebraucht. Aber es bleibt für einen einzylindrigen achtpferdigen Motor eine sehr respektable Leistung, einen großen Wagen mit drei Personen und schwerem Gepäck, im ganzen eine Last von 22 Zentnern, über diesen Berg zu schleppen. Bis Airolo geht es ja im allgemeinen ohne allzuscharfe Steigung ab; zwar erhebt sich der Weg von 232 Metern auf 1178 Meter, aber diese Steigung verteilt sich auf 57 Kilometer. Dafür muß dann die Steigung bis zur Paßhöhe, also von 1178 Meter bis zu 2111 Meter innerhalb sechzehn Kilometer genommen werden. Das läßt sich nicht im Galopp machen. Und wenn es sich machen ließe, ich weiß nicht, ob mans täte. Die Fahrt ist so wunderbar schön, daß man durchaus nicht den Wunsch hegt, sie abzukürzen. – Es ist vielleicht die abwechslungsreichste Fahrt gewesen, die wir überhaupt gemacht haben. Sie begann im Bereiche fast südlicher Vegetation in einem üppigen Rebenlande mit Edelkastanien und Feigenbäumen und führte in kahle Höhen, wo noch meterdicke Schichten eisig verhärteten Schnees lagen, senkte sich dann in eine nördliche Gebirgslandschaft mit wunderbaren Nadelholzwäldern und führte schließlich durch das herrliche Seegelände, das die Heimat der Tell-Sage ist. Erst heute haben wir Italien eigentlich verlassen, denn das Land südlich des Gotthards ist italienische Erde, wenn seine italienischen Bewohner auch schweizerische Eidgenossen sind. Doch hat die Zugehörigkeit zur Schweiz in der Tat den Typus etwas verändert. Sie sind schwerfälliger, als ihre Brüder jenseits der rot-weiß-grünen Grenzpfähle. Auch fielen mir die vielen blauen Augen auf, und aus dem Ausdruck dieser Augen, wenn sie unsern Wagen sahen, bildete sich mir das Wort kuhäugiges Erstaunen. Auch war uns auffällig, wie ganz anders sich diese schweizerischen Menschen, die Italiener sowohl wie die Deutschen, unserm Wagen gegenüber verhielten, als alle übrigen Menschen bisher. Wo wir sonst hielten, um Wasser nachzufüllen oder aus sonst einem mit dem Wagen zusammenhängenden Grunde, kamen die Leute von allen Seiten herbei und trachteten, den Motor so nahe und so genau wie möglich anzusehen, wobei sie es nicht unterließen, Fragen an Meister Riegel zu richten, mehr oder weniger lebhaft, ja nach dem Temperament. Hier, in der Schweiz, nichts von alledem, obwohl gerade in dieser Gegend Laufwagen noch so gut wie unbekannt sind. Vielleicht, daß sich ein paar ganz junge Leute in fünf, sechs Schritt Entfernung aufstellen und das Ding mit äußerster Befremdung betrachten; das ist aber auch alles. Die anderen gehen mit einem Ausdruck vorüber, als wollten sie sagen: Gottlob, daß wir Engel des Tell davon entfernt sind, derlei Unfug mitzumachen. Und, fährt man auch noch so langsam durch ein Dorf, stets finden sich einige, die mit Amtsmiene gebieten: Langsam fahren! Es scheint, als ob jeder einzelne sich des Umstandes bewußt wäre, daß es von seiner Stimmabgabe mit abhängt, ob künftig solche Maschinen auf diesem, ihrem Grund und Boden verkehren dürfen. Einen besonderen liebenswürdigen Eindruck macht dies nicht, und es verrät auch nicht übermäßig viel Intelligenz. Wir sollten es aber auch noch ganz direkt erfahren, von welcher Art die Freiheit sein kann, wenn Bauern von ihr schrankenlos Gebrauch machen dürfen. – Vorher ein paar Bemerkungen über die Gotthardstraße. Den Eindruck alter großer Kultur, wie er von der Brennerstraße ausgeht, macht sie nicht. Sie hat ja auch längst nicht deren Alter. Sie ist viel wilder, rauher, und sie erhält in ihren oberen Partien auf dem südlichen Teil noch etwas drohendes durch die Forts, mit denen die Schweiz den Berg gegen Italien befestigt hat. Diese Forts sind nicht etwa malerische Festungsbauten im alten Sinne, sondern höchst typische Erzeugnisse jener modernsten Festungsbaukunst, die mit lauter Faktoren zu rechnen hat, die es ihr geradezu verbieten, malerisch zu sein. Alles ist darauf angelegt, möglichst wenig bemerkt zu werden. Nur daß hie und da eine breite, flache, überaus mächtige Kuppel sichtbar wird, oder in kolossaler Höhe eine wir mit dem Felsen verschmolzene Bastion. Einen wunderlich idyllischen Gegensatz zu diesen ins Gebirge eingelassenen Verteidigungswerken bildete ein schweizer Gotthardsoldat, der, im vollen Waffenschmuck des Kriegers, Helm auf, Säbel um, dasaß und die Umgebung mit Wasserfarben abmalte. Ein andrer aber, der, wie es schien, dazu befohlen war, verfolgte uns wohl eine halbe Stunde lang, bald vor, bald hinter uns auftauchend, indem er Abkürzungswege benutzte. Im übrigen begegneten wir oben keiner menschlichen Seele, hatten dafür aber Gelegenheit, eine ganze Rindviehprozession über ein Schneefeld zu beobachten. Schnee und Eis gab es überhaupt genug, aber in der Hauptsache nur über den Wasserläufen, nicht mehr auf der Straße selbst. An dem berühmten Hospiz fuhren wir ohne Einkehr vorüber, froh, daß es nun im beschleunigten Tempo bergab gehen durfte. Die Bremsen bekamen jetzt scharfe Arbeit, denn das Gefällt nach Norden ist sehr streng. Wir begegneten auf dieser Seite vielen Touristen, während wir auf der Südseite keinen einzigen Rucksack erblickt hatten. Bald erschienen auch Wagen (hinter Andermatt sogar sehr viele), und, was schlimmer war, solche mit schweizer Kutschern, die es für wichtiger halten, ausgiebig und laut zu schimpfen, statt sich um ihre Pferde zu kümmern. Zum Glück verstanden wir den Sinn ihrer wütenden Expektorationen nicht, da sie urnerdeutsch fluchten, also in einem Dialekt, der dem ans Hochdeutsche gewöhnten Ohre mehr wie eine unbegreifliche Anhäufung von Rachenlauten, denn als eine Abart deutscher Sprache erscheint. Wir beantworteten diese Konglomerate aus Ch-Lauten aufs freundlichste mit dem Gruße: Leben Sie wohl, mein Herr! und gaben uns im übrigen dem Anblick der hier wahrhaft grandiosen Natur hin. So gelangten wir glücklich, ohne irgend ein Pferd des Kantons Uri in ernstliche Verlegenheit gesetzt zu haben, über die Teufelsbrücke und schließlich nach Göschenen. Hier aber ereilte uns unser Geschick. Es hatte die Gestalt eines überlebensgroßen Polizisten, der sich wie ein Turm breitbeinig vor uns aufpflanzte, indem er abwechselnd äußerst laut und mächtig rief: Anhalte! Usschtiege! – Nun bin ich zwar ein Mensch voller Respekt vor der Polizei, zumal, wenn sie in überlebensgroßen Exemplaren auftritt, aber ich lege einigen Wert auf höfliche Behandlung. Und so sagte ich meinesteils: Sehr schön! Aber, bitte, schreien Sie nicht so und erklären Sie mir ruhig und sachlich den Grund Ihrer Aufregung. – Anhalte! Usschtiege! brüllte der Turm. – Wenn Sie so freundlich sein wollen und ruhig die Sachlage betrachten, erwiderte ich mit himmlischer Gelassenheit, so werden Sie unschwer bemerken, daß wir bereits halten, und ich kann Ihnen versichern, daß wir auch aussteigen werden, wenn Sie nur eine Andeutung darüber machen wollten, warum wir hier aussteigen sollen, wo wir keineswegs die Absicht haben, Station zu machen. – Diese längere und wohlgesetzte Rede besänftigte den Riesen von Uri, und er versicherte uns nun, unter deutlichem Ringen nach Höflichkeit, wir hätten nichts von ihm zu befürchten und möchten ihm auf die benachbarte Polizeiwache folgen, wo sich alles schnell schlichten werde. – Meine Frau sah sich schon in Kerkersbanden, Riegel meinte, das Gescheideste wäre, den Turm umzufahren, ich aber war gerührt von dem Streben des Enaksohnes nach Urbanität und folgte ihm mutigen Schrittes in die Heimstätte der urner Sicherheitsbehörde (wie meine Frau behauptet, hat es ausgesehen, als würde ein Klippschüler von seinem Lehrer in die Schule geschleppt). Was mir dort eröffnet wurde war dies: Die Polizei von Andermatt hat hierher telegraphiert: »Automobil hier durchgefahren; unmöglich es aufzuhalten« (Aha, dachte ich mir, die Andermatter haben keinen Riesen!) »Stellt es und verfügt nach dem Gesetze.« – Wieso? fragte ich; ist es nicht erlaubt, über den Gotthard zu fahren? – Doch, antwortete der Gewaltige, das ist erlaubt, und es ist auch erlaubt, im Kanton Uri zu fahren. – Na also! – Ja, aber es ist nicht erlaubt, von Andermatt nach Göschenen zu fahren. – Jetzt fängt der Riese an, Witze zu machen, dachte ich mir, denn das sah doch nicht anders, als wie ein Witz aus: Man darf zwar über den Gotthard fahren, muß aber in Andermatt wieder umkehren. Und ich entwickelte diesen Gedankengang ebenso logisch wie bescheiden. Aber weder meine Logik noch meine Bescheidenheit rührte den Mann des bewaffneten Gesetzes. Er sprach, und der Sinn seiner Rede war dies: Das mögen Sie mit dem Kanton Tessin ausmachen, der es erlaubt hat, über den Gotthard zu fahren. Wir in Uri erlauben eben bloß, von Göschenen weiter zu fahren. – Demnach hätte ich, fuhr ich unter andauernder Logik und Bescheidenheit fort, von Andermatt aus, da ja dort keine Eisenbahn ist, ein Ochsengespann mieten und meinen Wagen bis hierher durch die Tiere befördern lassen müssen, deren Kopf das Wappen dieses Freistaates ist? – Das hätten Sie allerdings müssen, antwortete der Turm, der mich selbst sitzend weit überragte, wenn Sie den Gesetzen hätten gehorsam sein wollen. Da Sie es aber nicht getan haben, müssen Sie nach dem Gesetze bestraft werden. – Wieviel kostet es? fragte ich mit schnellem Verständnis. – Zwanzig Fränkli antwortete prompt der Übermensch. – Wie, rief ich, und wegen 20 Fränkli muß ich aussteigen? Das hätten wir doch auch draußen machen können? – Nein, erwiderte der Riese, ich muß Ihnen eine Quittung ausstellen. – Und tats. – Ich empfing meine Quittung, überreichte ihm, zur Einverleibung in das Archiv von Uri, meine Visitenkarte, nahm Stellung, machte kehrt und begab mich in den Wagen, um, so lange wir auf urner Boden fuhren, Meister Riegel beharrlich zur Langsamkeit zu mahnen, denn diesen Rat hatte mir das riesige Organ der Sicherheit von Uri noch mit auf den Weg gegeben: Schritt fahren, oder in jedem Falle sechs Franken Buße.

Ein paar Gedanken machte ich mir aber doch. Es ist begreiflich, sagte ich mir, daß das souveräne Volk von Uri, das zum größten Teile aus Pferdehaltern besteht, den Automobilen nicht grün ist; es ist ferner begreiflich, daß diese Pferdehalter den Wunsch hegen, man möge, wenn man schon keinen Wagen nimmt, dafür wenigstens an seinem Beutel bestraft werden; – warum aber dann nicht gleich eine Tafel aufstellen mit der Aufschrift: Das Fahren im Automobil von Andermatt bis Göschenen kostet 20 Franken, zahlbar an den Riesen X? – Wenn man nun Eile hätte? Nicht jeder ist so verschwenderisch mit der Zeit wie ich. Aber freilich: Eile darf man hier im Automobil überhaupt nicht betätigen. Die Urner haben es sich vorgenommen, den Automobilisten den Schnelligkeitskitzel auszutreiben. Herr de Knyff, der schon ein Tempo von achtzig Kilometern in der Stunde ein »Schrittfahren« nennt, »bei dem man nervös wird«, sollte um Gotteswillen den Kanton Uri meiden; er würde hier der Verzweiflung anheimfallen. Wir sind übrigens ganz gerne, und auch außerhalb Uris, langsam gefahren, denn es wäre Sünde, sich hier zu beeilen. Die ganze Strecke ist eine große Herrlichkeit, das schönste an ihr aber die Fahrt auf der Axenstraße. Doch es hieße, Touristen nach der Schweiz bringen, wollte ich das noch ausführlich behandeln.

Wunderlich berührt den, der den sagenhaften Charakter der Tell-Geschichte kennt, der Umstand, wie diese Figur hier allenthalben historisch genommen wird. Vielleicht an keinem Beispiel wird so klar, wie an diesem, welche gewaltige Bedeutung der Phantasie oder, wenn man will, der Kunst, schön zu lügen, auch für das Völkerleben innewohnt. Die Schweiz ohne Tell, – es ist kaum zu denken, und dennoch ist dieser Nationalheld nichts als ein Gebilde der Lust am Fabulieren, wie sie in jedem Volke steckt wie in jedem aufgeweckten Kinde. Aber wehe, wer das einem Schweizer aus dem Durchschnitte sagen wollte! Ich für meinen Teil würde es jedenfalls nicht gegenüber dem Goliat von Uri riskieren.

Stein am Rhein im Sankt Georgen-Kloster, den 17. Juli 1902.

Wenn man aus den Bauernkantonen heraus ist, darf man schon wieder ein bißchen zufahren, und so haben wir bis Zürich und von Zürich weiter bisher das Ochsenwagentempo aufgegeben, ohne doch ins Eilen zu geraten. Das Land ist zu schön dazu. Das schönste Stück des Weges war das, das dicht am Zuger See hinführte, dessen Ufer ein großer, unendlich sauber gehaltner Obstgarten sind. Wo es nicht die Großartigkeit ist, ist Nettigkeit das Gepräge der Schweiz. Die Bauernhäuser sehen aus, wie aus der Spielwarenschachtel gepackt, und jedes kleine Bauernkind könnte man, wie es ist, zur Ausstellung in eines der künstlichen Schweizerdörfer schicken, die in Paris oder Chicago so beliebt als Schaustellungsobjekte sind. Und »gebildet« sind dies Schweizer Bauern! Es ist nicht zu sagen! Ein Bauernjunge am Zuger See bestand darauf, französisch mit uns zu reden. Es kam aber doch auch ein bißchen rachig heraus.

Außer den Bergen, der Verschwendung in Rachenlauten und einer gewissen Wüstheit der Mädchen ist eine Hauptspezialität der Schweiz die gute Schokolade. Doch hat sich deren Süßigkeit dem Volkscharakter nicht mitgeteilt. Es scheint, daß die republikanische Staatsform mit Höflichkeit unvereinbar ist in diesem Lande. In Sachsen nennt man es »rungsig«, was die meisten Schweizer im Verkehr mit Fremden auszeichnet. Ausgenommen natürlich die Wirte. Doch ich will die Schweizer nicht schmähen. Was ihnen an äußerer Liebenswürdigkeit abgeht, ersetzen sie durch Biederkeit, – ein Wort, das man hier nicht mit Gänsefüßchen zu eskortieren braucht.

In Schaffhausen sahen wir uns natürlich den Rheinfall an, der sehr gut bei Wasser war und daher ein imposantes Schauspiel bot. Ein Herr neben uns erklärte freilich, der Niagarafall sei »bedeutender«, aber wir ließen uns dadurch in unserer Bewunderung für diese vaterländische Herrlichkeit nicht stören. »Vaterländisch«, – um Gotteswillen: wenn das ein Schweizer hörte! Aber es ist nun so: beim Worte Rhein denken wir, auch in der Schweiz, an Deutschland, auch wenn wir im übrigen eine Annektierung der Eidgenossenschaft durch das Reich nicht im Schild führen.

Die Schönheiten des jungen Rheins oberhalb Schaffhausen brauche ich Ihnen am wenigsten zu schildern, und es genügt, ganz kurz zu berichten, daß diese Landschaft von uns, auch von meiner Frau, mit als eine der schönsten empfunden wurde, deren Genuß uns diese ganze, herrliche Reise bescheert hat. Ewig unvergeßlich wird uns zumal die kurze Fahrt durch das kleine Wäldchen kurz vor Stein am Rhein bleiben.

Und nun ist heute Meister Riegel mit dem Adlerwagen gen Frankfurt gefahren, und wir fühlen uns wie verwaist. Kein Wunder, denn man mag ein Objekt wohl liebgewinnen, dem man drei Monate lang die reinsten Genüsse verdankt hat. Dies steht fest für uns: eine Reise, die uns vergnügen soll, werden wir nie mehr anders als im Laufwagen unternehmen. Was ich mir, als ich den Gedanken dieser Reise faßte, mit der Einbildungskraft vorstellte, hat sich mehr als erfüllt, und ich habe die Probe auf das Exempel gemacht: Das Reisen im Laufwagen ist das ideale Reisen. Stellt man mir die Wahl zwischen einem fürstlichen Salonwagen in einem Extrazug, allen Komfort, dessen die Eisenbahn fähig ist, garantiert, an jeder Station festlichen Empfang mit Ehrenjungfrauen und Böllerschüssen, in jeder Residenz Überreichung des gesuchtesten Ordens mit dem Prädikate Freiherr von, und einem gutmontierten, bequem eingerichteten Automobil, das die Qualität des diesmal von uns benutzten Adlerwagens und einen Führer von der Gewissenhaftigkeit und Tüchtigkeit unseres Louis Riegel hätte, so würde ich mich nicht eine Sekunde besinnen, und schon säße ich im Laufwagen. Alles andere Reisen ist Dilettantismus.

Daß es am Automobil noch allerhand zu verbessern gibt, versteht sich bei einer Sache, die noch im Anfang ihrer Entwicklung steht, von selbst. Ich selber habe mancherlei Wünsche auf dem Herzen, sowohl in der Richtung des ästhetischen wie praktischen, und ich bin überzeugt, daß im Wettstreit der großen Fabriken dieses Gebietes Laufwagen entstehen werden, neben denen sich die heutigen Typen ausnehmen werden, wie die erste Lokomotive neben einer von heute. Aber der Grund ist heute schon festgelegt; die Zeit des bloßen Experimentierens ist vorüber; ein gutes Automobil von heute ist ein Ding, dem man sich getrost anvertrauen kann, und bei dessen Erwerb man nicht jene fatale Zugabe gratis erhält: den Ärger am Unfertigen. Das Maschinelle ist bis auf Kleinigkeiten eigentlich schon tadellos. Wesentlich fehlts noch am Ästhetischen und am Komfort. – Die Ästhetik des Automobils steckt noch im Anfangsstadium. Man kann sagen: seine Schönheit leidet augenblicklich daran, daß seine Konstrukteure noch nicht völlig das Pferd vergessen haben – nämlich das Pferd vor dem Wagen. Unsere Automobile sind ästhetisch noch keine Laufwagen – das ist ihr Geschmacksmanko. Sie sehen aus, wie Zugwagen ohne Zugtiere. Ein Laufwagen soll aber Selbstgefühl genug haben, auszusehen wie eine Maschine. Und die kann schön sein. Ich will nicht sagen: schön wie ein Pferd. So was Schönes bringt nur der liebe Gott fertig. Aber ein Laufwagen könnte wenigstens so schön sein wie ein Dampfschiff. An dem vermißt man keine Flossen oder vorgespannte Seeungeheuer, ja nicht einmal das volle Segelwerk.

Wer wird uns diesen Laufwagen bescheren? Hier ist eine ästhetisch-konstruktive Aufgabe zu erledigen, der nur ein wahrhaft schöpferischer Künstler gewachsen ist, dem etwas mehr einfällt, als Schnörkel im Jugendstil und »sezessionistischer« Zierat. Organisch aus dem Mechanismus und Chassis heraus muß das wachsen, und dennoch bis in die kleinste Biegung ästhetisch empfunden, aber auch praktisch und bequem sein. Peter Behrens wäre unter den Deutschen der rechte Mann dazu, uns das zu leisten. Ich bin mir sicher: vor einem richtigen Laufwagen in diesem Sinne werden auch die Gäule nicht weiter so fatal scheu werden, denen es offenbar nur auf die Nerven geht, keine Pferde vor einem Wagen zu sehen, der doch im übrigen ganz den Anschein eines Zugwagens hat.

Daß es noch am Komfort fehlt, liegt an der einseitigen Bevorzugung des Rennwagentyps seitens der Fabrikanten. Wirkliche Reisewagen mit Motorbetrieb gibt es noch nicht, wenigstens keine solchen, die einen Vergleich mit jenen alten Reisewagen aushalten könnten, wie sie kurz vor der Erfindung der Eisenbahn gebaut worden sind. Es ist aber natürlich nicht nur möglich, diese zu erreichen, sondern sie auch noch zu übertreffen. Die Fabrikanten müßten nur einmal aufhören, ausschließlich das Ziel im Auge zu haben, den letzten Rekord an Schnelligkeit zu schlagen, und sie sollten sich nicht bloß der erfinderischen Phantasie erfahrener Maschineningenieure, sondern auch der praktisch-ästhetischen Phantasie konstruktiv begabter Künstler bedienen, um nicht bloß tadellos arbeitende Maschinen, sondern wirkliche Reisewagen zu erhalten, in denen sich Schönheit und Bequemlichkeit vereinigten. Der unter ihnen, dem der große Wurf gelingt, die neue, aber nicht fremdartig, sondern wie selbstverständlich wirkende Form des Automobilreisewagens zu finden, in dem das Strapaziöse einer Laufwagenreise auf sein Mindestmaß beschränkt erscheint, der zuerst wird es an seinen Kassenbüchern ganz erfahren, welcher Ausdehnung diese zukunftsreiche Industrie fähig ist.

Aber das klingt nun freilich, als sähe ich jetzt hinter mir nichts als eine lange Reihe von Unbequemlichkeiten, während ich doch, wenn ich an diese wundervolle Reise zurückdenke, die Empfindung habe, ein reines Glück genossen zu haben. Indessen der moderne Mensch ist nun einmal vom Dämon des Fortschrittes besessen, und der läßt sich am wenigsten dort unterdrücken, wo es gilt, eine neue Erfindung auszugestalten.

Ich begann meine Reise unter dem Einfluße von rein phantastischen Einbildungen; während ich sie machte, erkannte ich, daß die Wirklichkeit das Zeug dazu hat, das wesentliche dieser Einbildungen zu Tatsachen zu machen; und am Schlusse der Reise bin ich schon wieder dabei, mir neue Möglichkeiten einzubilden. Kann man es mir verdenken, daß ich auch ihnen die Erfüllung erhoffe? Statt von dem Idealautomobil abzukommen, das ich mir, ehe ich jemals in einem Laufwagen gefahren war, eingebildet habe, haben mich meine Erfahrungen ihm näher gebracht, und ich glaube sogar, daß ich ihn noch erleben werde.

Wer so verwegen glauben kann, nicht wahr, lieber Doktor, der ist gesund, dessen Lebensgefühl ist gesteigert und voll Spannkraft. Wem anderen aber verdanke ich das, als dieser höchst gelungenen Reisekur? Alle Lebenskräfte sind aufgewacht, alles Verhockte, Verstockte, Faule, Grämliche ist weggeblasen, alle guten Geister der Kraft und Gesundheit sind mobil. Bewegung, Kraft- und Saftumsatz, Rhythmus und Raumüberwindung, – das hats getan. Wer die Wollust dieses Dahinrollens kennt, ersehnt sich nicht mehr die Kunst des Fliegens. Fest auf der Erde, aber wie im Sturme dahin. Jede Falte des Geländes benützend, Hügel hurtig hinauf und brausend hinab, jetzt zwischen Wiesen und junger Saat, nun durch Wälder, Flüssen entlang, über Brücken hin, Felsentore hindurch, hinter davontrabenden Herden her, in das Gassenwinklicht einer alten Stadt hinein, über Märkte weg voll Buden und Gewimmel, Schlössern, Burgen, Parks vorüber und vorbei an Pfügern und Hirten – immer den Bergen zu und plötzlich vor ihnen, da man sie doch vor wenigen Stunden grau und verschwommen, wie in einer Ferne sah, die sich dem Hinstrebenden nur immer weiter zu entziehen schien . . . Wem ich gut bin, dem wünsch ich diesen Genuß, dieses Glück. – Leben Sie wohl!

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