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Eine empfindsame Reise im Automobil

Otto Julius Bierbaum: Eine empfindsame Reise im Automobil - Kapitel 20
Quellenangabe
typereport
booktitleEine empfindsame Reise im Automobil
authorOtto Julius Bierbaum
year2000
publisherVerlag Dietmar Klotz
addressEschborn bei Frankfurt am Main
isbn3-88074-732-6
titleEine empfindsame Reise im Automobil
pagesV-XII
created20010113
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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XVII.
Von Rom bis Mailand.

An Herrn Friedrich von Schirach in München

Grosseto, den 5. Juli 1902.

Geehrtester Herr! Haben Sie Schwefel im Hause? Dann zünden Sie ihn an und schwefeln Sie diesen Brief! Er kommt aus dem Hauptquartier der Malaria.

In den Ortschaften vor Grosseto sind alle Fenster mit einem dichten Drahtgeflecht vergittert. Die Regierung hat, wie man uns in Cività vecchia erzählte, große Mengen Chinin an die Bevölkerung verteilen lassen. Sollen wir uns deswegen fürchten? – Wir denken nicht daran. Wir denken nur daran, wie schön auch dieser Tag war. Die Maremma mag sehr ungesund sein, dafür ist sie aber auch sehr schön, wenn ihre Schönheit auch nicht gerade die ist, die man sich für gewöhnlich unter der Schönheit einer italienischen Landschaft vorstellt. – Kurz nach acht Uhr fuhren wir ab, als Wegzehrung einen großen Korb köstlicher Aprikosen und Birnen mit uns führend, die unsre einzige, aber vollkommen ausreichende Mahlzeit während der Fahrt bildeten. Wieder ergriff uns die grandiose Öde der Campagna, die ganz erfüllt war vom Gesange der Hitze, dem Schrillen unzähliger Cicaden. – Wo die Landschaft anfängt, bebaut zu werden, scheint alles den Fürsten Odescalchi zu gehören, deren Wappen wenigstens an allen Gebäuden angebracht sind. Man sieht ganze Zeltlager von Tagelöhnern, und auch die großen Dreschmaschinen verraten, daß hier der Landwirtschaftsbetrieb des Großgrundbesitzes herrscht. – Bald ist man am Meere; ein großer Seeadler hatte es uns schon angezeigt, ehe wir es noch sahen. Hinter Cività vecchia unendliches Weideland voll der riesigsten Rinderherden. Wahre Kolosse, schwarz, schwer, mit ungeheuren Hörnern. Dann Corneto, hoch, von uraltem Aussehen, und nun in die Maremma, in die Einsamkeit der Einsamkeiten, Wald und Sumpf. Korkeichen, kenntlich an dem nackten, der Rinde beraubten Stamm, fallen auf. Ab und an ein Lastwagen, mit ihren Rinden beladen, oder Reiter, die, in der Hand die Hirtenlanze, herangesprengt kommen, uns zu betrachten. In der Ferne Hügel und wieder Wald. Manchmal ein Blick aufs Meer. Vor Albarese wurden wir mit einer Fähre über die Albegna gesetzt, nachdem wir Orbetello umfahren hatten, das wie mitten im Meere zu liegen scheint. Ein schöner Blick auf die Insel Elba. Ein paar Mal konnten wir uns, dank schnurgerader völlig unbelebter Straße, das Vergnügen voller Fahrt leisten, wie das Gewitter einherbrausend. Rechts und links flohen dann im wildesten Galopp ganze Herden weidender Pferde ins Weite, und hinter uns erhob sich der Staub wie ein Wolkengebirge. Nun noch Überfahrt über den Ombrone, und wir sind am Ziele, immerhin froh, die ganz bestaubten Kleider von uns tun und ein Bad nehmen zu können, wenn es auch bloß ein Bad in einer Reisebadewanne aus Gummi ist. Dieser Teil unsrer Reiseausrüstung ist alltäglich ein Gegenstand unsrer Freude, denn kaltes Wasser ist eine Wohltat nach einem heißen Tage. An der vorzüglichen Küche und der sauberen Einrichtung des Hotels merken wir mit Vergnügen, daß wir wieder auf toskanischem Boden sind.

Pisa, den 6. Juli 1902.

Der heutige Tag ist bis jetzt der einzige gewesen, der uns durch unschöne Landstriche geführt hat. Von Follonica an geht es eine lange Weile fast fortwährend zwischen häßlichen Häusern hin. Nur der Blick aufs Meer entschädigt. Das Hübscheste an diesem Tage war ein kleiner Aufenthalt vor einem Bauerngehöfte, dessen Bewohner wir ein paar hundert Meter in unserem Wagen fahren ließen, was ihnen ein unbeschreibliches Vergnügen gewährte.

Spezia, den 7. Juli, im Malteserkreuz.

Wir sind heute nicht bis Genua gekommen, weil wir erst um 4 Uhr von Pisa weggefahren sind, das wir uns doch etwas genauer ansehen wollten. Die Stadt hat für Reisende einen großen Vorteil: alle Sehenswürdigkeiten liegen auf einem Platze. Dieser Platz ist aber dadurch einer der eindrucksvollsten, den man sich nur denken kann. Zuerst lenkt natürlich der schiefe Turm den Blick auf sich. In der Tat: er ist sehr schief, bedenklich schief, absolut schief, so schief, als ein Turm nur sein kann, wenn er nicht direkt die Absicht hat, umzufallen. Und man wundert sich, daß er nicht umfällt. Mir war es direkt unangenehm, hinaufzusteigen, und der Hinunterblick war mir sehr fatal. Türme haben die Pflicht, gerade zu sein, und ich kann durchaus nicht glauben, daß die Baumeister von Anfang an die Absicht gehabt haben, diesen Turm schief aufzuführen, denn diese Absicht wäre der Beweis einer so unkünstlerischen Originalitätswut, wie wir sie jenen gesund künstlerischen Zeiten nicht zutrauen können. – Sehr schön, außen und innen, ist der Dom. Ein riesiger Christus in Mosaik wirkt gewaltig. Die berühmte Lampe, deren Schwingungen Galilei auf das Studium des Pendels geführt haben sollen, ist jetzt elektrisch montiert, was sich bei einer Galileilampe wohl verstehen läßt, wenn es ihr auch nicht eben gut steht. – Das Schönste an Pisa ist aber der alte Campo santo, wo die Fresken der alten Toskaner, Benozzo Gozzoli voran, keinen Gedanken an den Tod aufkommen lassen, wenn sich auch einige bemühen, dessen Schrecken sehr anschaulich darzustellen. An den Novellen, die Benozzo Gozzoli aus dem alten Testament heraus und in das Gewand seiner Zeit hineingedichtet hat, kann man sich kaum satt sehen. Man möchte sie stehenden Fußes in Verse bringen, die das alte Testament gänzlich beiseite lassen könnten, da die biblischen Geschichten diesem prächtigen Fabulisten nur als Unterlage für die köstlichsten Einfälle und entzückendsten Gestalten gedient haben. Was für Kerle diese alten Maler-Dichter doch waren, was für frohmütige freie Mannsleute, die sich den Teufel um Heiligkeit und Tradition scheerten, wenn es sie juckte, den Schalk loszulassen, der ihnen im Nacken saß. Kennen Sie la vergognosa die Pisa, die geschämige Pisanerin? Das ist eine schöne Dame, die zufällig, d. h. weil es Meister Benozzo so gefiel, dabei zugegen war, wie der alte Noah, der bekanntlich der beste Bruder auch nicht war, öffentliches Ärgernis gab. Aoh shoking! sagt die schöne Dame, wie sie den aufgedeckten alten Herrn liegen sieht, und schlägt die Hand vors Gesicht, – aber mit auseinandergespreitzten Fingern.

Bald hinter Pisa durften wir uns am Anblick eines ganz wundervollen Pinienwaldes erfreuen, des schönsten, der uns bisher begegnet ist. Im übrigen wechselten auf dieser Fahrt schönste Natur mit Strecken, die durch Industrie um ihre Schönheit gebracht sind. Auch lernten wir eine neue Art Staub kennen: den Marmorstaub. Wir kamen hier durch das Gebiet des berühmten Steines von Carrara, wenngleich wir die eigentlichen großen Brüche nicht passierten. Aber alles steht hier im Zeichen dieses Marmors. Überall Steinschneidereien, und auf kolossalen Wagen werden riesige Blöcke von Ochsenviergespannen fortbewegt. Überall aber auch liegt der Staub dieses Steines, von dem die ganze Landschaft wie überzogen erscheint. Selbst die Schweine, deren man hier ganzen Herden begegnet, haben sich dieser Lokalfarbe angepaßt. (Im allgemeinen haben wir die Bemerkung gemacht, daß, wie das deutsche Schwein blond, so das italienische schwarz ist.) – Kurz vor Spezia wird die Landschaft wieder sehr schön: üppig bewachsene grüne Hügel, im Hintergrund hohe Berge. – Nun sitzen wir hier am Hauptkriegshafen Italiens, den wir ganz übersehen können, obwohl es Nacht ist, denn von Zeit zu Zeit wird er durch Scheinwerfer erleuchtet. Spezia selbst macht einen merkwürdig »ordentlichen« Eindruck. Das kommt wohl daher, weil es der Sitz vieler Behörden ist.

Genua, den 8. Juli, im Eden-Hotel.

Heute hatte unser Adlermotor wieder einmal Gelegenheit, seine Tüchtigkeit im Bergsteigen zu beweisen. Gleich hinter Spezia beginnt ein Apenninbrocken von beträchtlichen Graden. Es ist aber eine sehr schöne Fahrt, besonders auch deshalb, weil es hier Wald gibt. Wald heißt aber auch Frische, – und dafür waren wir besonders dankbar, denn die Hitze fängt an, auch beträchtliche Grade anzunehmen. In dem Rivierastrich, den wir durchfuhren, hatten wir Gelegenheit, sie zu spüren, und jeder auch noch so kurze Aufenthalt war uns äußerst unerwünscht, denn die Sonne, die hier ein Stück Süden unter Breiten entstehen läßt, die eigentlich kein Anrecht auf südliche Vegetation haben, meint es übermäßig gut. In Sorrent haben wir es längst nicht so heißt gehabt. Man begreift es, daß die Fremden im Winter hierhergehen. Wir sind sehr abgespannt und froh, in einem Hotel abgestiegen zu sein, das in einem Garten liegt.

Mailand, den 10. Juli, im Albergo Europa.

In Genua haben wir, der Hitze halber, während unsres Reisetages kaum das Hotel verlassen, und hier, fürcht ich, wird es kaum anders werden. Die Hitze ist ganz unglaublich (40 Grad Celsius im Schatten); verhältnismäßig erträglich haben wir es nur während der Fahrt unter unserem Sonnendach, für dessen Konstruktion wir alle Ursache haben, den Adlerwerken dankbar zu sein. – Die Ausfahrt aus Genua war überaus unangenehm, weil sie durch äußerst belebte Viertel führte, die, was Schmutz und Bevölkerung betrifft, an Neapel erinnerten. Im Anfang hatten wir dann eine schöne Fahrt durch gebirgiges Land, bis wir in die lombardische Ebene gelangten. Hier klagten selbst die Bauern, die doch daran gewöhnt sein müssen, über die Hitze, und es wurden uns Fälle erzählt, daß Leute bei der Feldarbeit bewußtlos umgefallen waren. – Den sehr breiten Po überschritten wir auf einer Schiffsbrücke, deren Verwaltung bereits für Automobile eine besondere Taxe eingeführt hat, wie die ausdrücklich auf Motorwagen lautenden Passierbillets bewiesen. – Von Pavia bis Mailand sind wir, auf der brillanten, den Kanal entlang führenden Straße, in vollster Fahrt dahingesaust, schneller, als der Zug der Sekundärbahn, den wir, sportmäßig zu reden, schlugen »wie wir wollten«.

Mailand, den 12. Juli.

Nein, ein Land für die Hundstagsferien ist Italien nicht, zum mindesten dann nicht, wenn die Hitze, wie heuer, exzessiv ist. Wir haben das wirklich schlecht getroffen. Die Mailänder selber sind außer sich und bekennen, daß eine derartige Hitze noch nicht da war. Wer irgendwie kann, flieht aufs Land. Auch wir flöhen gerne, wenn Meister Riegel, unser vorsichtiger Führer, nicht darauf bestünde, dem Wagen eine eingehende Behandlung angedeihen zu lassen, wozu der Umstand günstig ist, daß sich hier eine Filiale der Adlerwerke befindet. – Wir haben es versucht, uns wenigstens an der Kunst zu erfrischen, aber selbst sie ist machtlos gegen diese Temperatur. Ich vermochte mich zwischen den Herrlichkeiten der Brera nur gerade von Sitzbank zu Sitzbank zu schleppen, und dabei sind Dinge hier, die, wie die ausgesägten Fresken, zu jeder andren Zeit elektrisierend wirken müssen. Aber diese Hitze lähmt alle Spannkraft. O, wie verstehe ich Meister Canova, daß er den ersten Napoleon hier splitterfasernackt in den Hof des Brera-Palastes gestellt hat. – Der einzige kühle Platz in ganz Mailand ist jetzt, wenn man den Platz unter einer kalten Douche ausnimmt, der Dom. Ich wundre mich, daß er nicht fortwährend bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Heil den alten Meistern vom Bau! Sie haben es nicht bloß fromm, sondern auch gut gemeint. Hier zwischen den herrlichen gotischen Säulen wandelt man wie im Walde und möchte pfeifen wie ein Handwerksbursch, wenn es die Heiligkeit des Ortes zuließe. Aber auf das Dach des Domes bringt mich jetzt kein Mensch, obwohl Herr Bädeker beteuert, daß man es durchaus nicht versäumen dürfe, da hinauf zu steigen. Lieber Herr Bädeker! Bezahlen Sie meine Stiefelsohlen, wenn sie da oben versengen? Bestreiten Sie die Doktorkosten, wenn ich, vom Hitzschlag getroffen, einem der marmornen Heiligen, die dort in der Sonne glühen, in die Arme sinke? Können Sie es vor der Literaturgeschichte verantworten, wenn ich in der Blüte meiner Jahre vor Sonnenglut wahnsinnig werde? Nein, alles was recht ist, – aber diese Hitze ist ein Unrecht. – Auch in der berühmten Galleria Vittorio Emmanuele ist es nicht zum aushalten. Es ist nirgends zum Aushalten, als im Adlerwagen, während er fährt. – Also fahren wir! Und, bei den drei Eismännern des Kalenders, nach Norden, nach Norden, nach Norden! Ich habe Heimweh nach weniger als 20 Grad Celsius. Meine hyperboräische Konstitution sehnt sich nach kühlen Winden. Ich möchte nicht zum Backpflaumenmann werden.

Morgen fahren wir, und wenn es Tinte regnet!

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