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Eine empfindsame Reise im Automobil

Otto Julius Bierbaum: Eine empfindsame Reise im Automobil - Kapitel 17
Quellenangabe
typereport
booktitleEine empfindsame Reise im Automobil
authorOtto Julius Bierbaum
year2000
publisherVerlag Dietmar Klotz
addressEschborn bei Frankfurt am Main
isbn3-88074-732-6
titleEine empfindsame Reise im Automobil
pagesV-XII
created20010113
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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XIV.
Ausflüge von Neapel (Solfatara, Pompeji, Vesuv) und Fahrt nach Sorrent

An Herrn Major Oscar von Chelius, Militärattaché bei der Kaiserlich Deutschen Botschaft in Rom

Cocumella bei Sorrent, den 26. Juni 1902.

Sehr verehrter Herr von Chelius! Hier ist es schwer, in Prosa zu schreiben. Hier würde, glaub ich, selbst Frau Buchholz rhythmisch werden. Dies ist ein Ort, alles Häßliche zu vergessen, alle Sehnsucht zu verlernen, ganz der Gnade des Augenblicks zu leben, aus tiefstem Herzen einer Schönheit froh, die der »schenkenden Tugend« voll ist.

Hier ist der Glanz und die Klarheit, hier ist die ganze ruhige Fülle des Südens. Nur sehen sollte man hier und sollte nicht die köstlichen Gesichte stören mit Gedanken. Einfach in der Sonne liegen und das Glück einer solchen Existenz genießen, – nur dieses ziemt sich hier, und alles andre ist Sünde wider die Götter dieses paradisischen Winkels, wo der große Pan noch lebt.

Aber wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den wir haben sollen.

Zwei Tage lang habe ich mich streng nach den Regeln des Ordens vom heiteren Epikurus gehalten in andächtiger Hingabe an die Schönheit, und kein frevelhafter Gedanke an das Schreibwerk hat mich heimgesucht, – aber schon sitze ich wieder im Gestühl und rühre den Federhalter, ein lebendiger Beweis für die Wahrheit des Satzes, daß wir Menschen von heute unfähig sind der göttlichen Faulheit, die zwar keine Werte schafft, aber in einen Zustand versetzt, in dem man aller anderen Werte entraten kann.

Indessen! Ich schmähe da unsre Zeit, ohne es gar so schlimm zu meinen. Zur rein vegetativen Faulheit sich zurückzusehnen, wäre doch undankbar. Das moderne dolce far niente ist süßer, als das des goldenen Zeitalters, denn sein Honig schmeckt umso besser, weil wir aus Erfahrung das Bittere kennen, das denen, die ewig nur in der Sonne lagen, unbekannt geblieben ist. Hat es solche Sonnenbrüder je gegeben? Die Alten haben es geglaubt, – wir zweifeln daran und wohl mit Fug. Aber eins ist gewiß: die Alten selber waren Meister in jener Art des Müßiggangs, der doppelt angenehm ist, weil er nicht als dauernder Zustand, sondern als Ablösung scharfer Tätigkeit genossen wird. Eine Weile mag er rein vegetativ sein (unsre Ärzte sind manchmal so naiv, uns dies direkt aufzugeben), aber er ist auch dann nicht fatal, wenn er von Gedanken belebt wird. In Muße seinen Gedanken Audienz zu gewähren, ist ein königliches Vergnügen, aber man muß die Möglichkeit haben, sie mit einer gnädigen Handbewegung zu entlassen. Wie Plinius der Jüngere seinem Freunde Minutius Fundanus so hübsch geschrieben hat (dieser Plinius, der einer der feinsten Menschen gewesen ist, die je gelebt haben, und der so entzückende Briefe geschrieben hat, daß es sich schon allein seinetwegen verlohnt, sich mit der lateinischen Grammatik abgequält zu haben): »O süßer, adeliger Müßiggang! Wie weniges, das sich Geschäft nennt, ist wert, dir vorgezogen zu werden! O Meer und Meeresstrand, ihr, die ihr das eigentliche Heiligtum der Musen seid in eurer Abgeschiedenheit von aller Welt, wie wißt ihr zu begnaden! Ich bin in eurer Schuld für mehr als einen guten Einfall. Glaub es mir, mein lieber Fundanus, und mach's wie ich: Nimm die Gelegenheit beim Schopf, wo sie sich Dir bietet, und reiß aus! Reiß aus, Fundanus, und mach Dich fort aus dem Getrubel der Stadt, wo alles wie besessen hin- und herrennt und mit geschäftiger Miene Dinge treibt, die wahrhaftig nicht immer absolut nützlich sind. Reiß aus und rette Dich in den Arm der Ruhe, der Musen! Denn schließlich ist es wirklich, wie unser Attilius ebenso sinnreich wie witzig sagt, immer noch besser, müßig zu gehen, als – nichts zu tun.«

Nach diesem Rezepte lebe ich nun hier, und es läßt sich nicht verhehlen, daß ich auf dem Arm meiner Muse schon einige Rhythmen abgefingert habe, die gar nicht dazu angetan sind, mich in den Ruf eines Menschen zu bringen, der nach Fleißzetteln strebt. Diese Rhythmen handeln von Orangenbäumen, Rebenterrassen, Pinienwipfeln und anderen wollüstigen Dingen der Botanik, – es ist eine durchaus vegetarische Lyrik. Und es ist der alte Tonfall der Griechen und Lateiner. Hier, wo alles die große Linie hat, nichts spitzig zuläuft, nichts sich niedlich und gemütlich absondert, sondern alles in eins geht, fehlt jede Gelegenheit zum Reim: die antiken Versmaße stellen sich ganz von selber ein, und man bedauert nur, daß die deutsche Sprache dieser schönen Ketten allzuoft spottet. Darum, es offen zu gestehen, möchte ich nicht immer hier sein, aber einstweilen fühle ich mich bei dieser rhythmischen Diät sehr wohl.

Aber ich darf nicht bloß von der Wollust des Nichtstuns und von prosodischen Dingen handeln: dort steht der Vesuv und mahnt mich, von ihm zu erzählen. Freilich wäre er der letzte, der mir Vorwürfe über mangelnde Beschäftigung machen dürfte, denn er raucht noch immer nicht, aber eine Sache, von der zu reden es sich lohnt, ist er doch. Er präsentiert sich übrigens, von hier aus gesehen, noch schöner, als von Neapel her. – Ehe wir ihn besuchten, haben wir mit unsrem Adlerwagen eine herrliche Fahrt um den Posilipp gemacht, wobei wir auch die Solfataren besucht haben, den Krater eines Vulkans, der schon längst nicht mehr den Anspruch darauf erhebt, ernst genommen zu werden. Aber selbst er raucht noch ein bißchen; doch muß man etwas nachhelfen, indem man brennendes Reißig in die Dampfquelle hält. Tut man dies, so verstärkt sich nicht nur hier der Rauch, sondern es macht sich sogleich auch ringsum an verschiedenen Stellen ein Aufqualmen bemerkbar. Auch ist es etwas unheimlich, zu gewahren, daß der ganze Boden hier hohl ist. Wirft man einen größeren Stein auf die Erde, so gibt es einen dumpfen, nachhallenden Ton, der deutlich verrät, daß man hier auf zweifelhaftem Grunde wandelt. Es ist also der Besuch der Solfatara eine Art Vorbereitung zum Besuche des Vesuvs. – Die Fahrt zu dem Vulkan a. D. haben wir so gemacht, daß wir erst die wundervolle aussichtreiche Straße über die Höhe nahmen und zurück die schöne Strada nuova am Meere. Eins ist so schön wies andere und beides besonders genußreich für Leute, die im Automobil fahren. In Neapel haben wir den Laufwagen auch für Fahrten in die Stadt benutzt, einmal, weil gerade Kutscherstreik war und man andere Wagen nur schwer bekam, und dann, weil es viel angenehmer war, diese zum Teil sehr steilen Straßen mit Hilfe des Motors zu nehmen, als mit einem abgetriebenen neapler Droschkenpferde, dessen Führer nur den einen Gedanken hegt: Welchen halbwegs glaublichen Grund finde ich, die Taxe zu überschreiten? – Doch ist es auch im Automobil nicht immer ein Vergnügen, durch Neapel zu fahren, denn die Straßen sind entsetzlich und die Bevölkerung hat Eigentümlichkeiten, an die man sich erst gewöhnen muß. Man faßt das gewöhnlich in das Wort zusammen: südliches Temperament, und dieses besteht vornehmlich in außerordentlich viel mehr Spektakel als phonetisch angenehm ist, und in einer aufgeregten Beweglichkeit aller Gliedmaßen, die mit der Gemessenheit nordischer Bewegung wenig Verwandtschaft zeigt. Vielleicht würde das Ganze auseinander zappeln, wenn als Kitt nicht das vorhanden wäre, was man in gewählter Sprache Schmutz nennen würde, wenn sich nicht das Wort Dreck (entschuldigen Sie!) als allein zutreffend gebieterisch aufdrängte. Es gibt viele Leute, zumal aus Deutschland, die finden, daß dieses Konglomerat aus allerhand Unappetitlichem ein notwendiger Bestandteil dessen sei, was man übereingekommen ist, im Süden »malerisch« zu finden. Ich lasse das dahingestellt sein, bin aber der Meinung, daß Schmutz im Superlativ auf alle Fälle widerwärtig ist, und ich würde auf alle malerischen Genüsse dieser Art gerne Verzicht leisten. Wir haben in den Vorstädten Neapels an üblen Gerüchen, scheußlichen Anblicken, widerwärtigen Geräuschen allzuviel genossen, als daß wir für jene malerischen Effekte noch genug Sinn übrig gehabt hätten, und wir waren immer froh, wenn wir die Quartiere der Verwahrlosung hinter uns hatten, wenngleich auch uns manches Interessante dabei aufstieß. So erinnere ich mich eines Blicks in einen Metzgerladen, der mir einen ganz antiken Eindruck machte. Diese Metzgerläden sind in der Tat monumental, denn sie bestehen in der Hauptsache aus einer fast altarhaft gehaltenen sehr hohen Fleischbank aus Marmor, zu der, gleichfalls aus Marmor, Stufen hinaufführen. Hinter einem solchen Beefsteakaltar nun thronte ein dicker Fleischhauer in weißem Gewande, der ganz und gar den Kopf eines der fetten Cäsaren hatte, wie wir sie von alten Büsten her kennen. Ein solches Bild von allgemeiner Verfettung und Gelangweiltheit, von Stumpfsinn und Grausamkeit mag der Kaiser gewesen sein, der, nach einem alten Geschichtsschreiber, soviel Leute hinrichten ließ, daß er es regelmäßig zu vergessen pflegte, wen er gerade unters Beil geliefert hatte, wodurch er es denn fertig brachte, Leute, die bereits auf seinen Befehl hingerichtet waren, zur Tafel einzuladen. – Der Weg nach dem Vesuv wird gewöhnlich in Wagen des Herrn Thomas Cook gemacht, unter dessen Aegide bekanntlich Old England reist, billig und herdenweise. Auch davon durften wir uns, dank unserm Laufwagen, emanzipieren, und wir hatten dabei den Vorteil, nur ein Drittel der Zeit bis zu dem Punkte zu brauchen, wo man sich doch Herrn Cook überantworten muß, denn von dort aus kann man nur mit der Cookschen Zahnradbahn zum Gipfel gelangen, da selbst das Hinaufsteigen zu Fuß verboten ist, nicht, weil es etwa gefährlich wäre, sondern weil die Strecke Herrn Cook gehört. Übrigens sei es ferne von mir, den Führer und Berater aller reisenden Briten wegen seiner Vesuv-Entreprise zu schmähen. Die Besteigung des Vesuvs ist durch ihn bequemer geworden und, wie mir kundige versichert haben, auch billiger, – was freilich unwahrscheinlich klingt, da es noch immer ein recht kostspieliges Vergnügen ist. – Man kann sagen, daß man bis fast an den Fuß des Berges immer in der Stadt fährt, denn die Gemeinden, durch die man seinen Weg nehmen muß, hängen so mit Neapel zusammen, daß das ganze den Eindruck einer einzigen Stadt macht. Die Straße muß einmal sehr schön gewesen sein, als sie noch ordentlich gepflegt wurde. Sie ist mit riesigen Quadern gepflastert, die aber leider arg beschädigt sind und offenbar erst dann ausgebessert werden, wenn ganze Ochsenfuhrwerke darin versinken. Wir umfuhren, wo es irgend möglich war, diese Abgründe, hauptsächlich aus Rücksicht auf unsere Achsenfederung. Wo uns dies nicht gelang, hatten wir Gelegenheit, Studien im Fliegen zu macht, so hoch wurden wir emporgeschleudert. Die Straße ist aber nicht bloß reich an Löchern, sondern auch an Unrat. Vorzüglich Gemüsereste in etwas angegangenem Zustande garnieren sie aufs Verschwenderischste, und die Straßenjugend findet ihr Vergnügen daran, diese Gegenstände, wenn sie noch etwas Consistenz haben, ballistisch zu verwerten. Was wäre aber eine bessere Zielscheibe für alle Kohl- und Salatköpfe, als ein Automobil? Doch sind mir die Gassenjungen von Neapel und Umgebung immer noch lieber, wenn sie aus der Entfernung mit altem Gemüse schießen, als wenn sie sich zu dutzenden an den Wagen hängen. Am allerliebsten aber sind sie mir, wenn ich ihnen entrückt bin. Hauptstädtischer Pöbelnachwuchs ist überall wenig angenehm, aber nirgends hat er so üble Manieren wie hier, wobei ich aber doch nicht verschweigen will, daß selbst diese üblen Manieren den Vorzug einer guten Geste haben. – Ist man den Schmeißfliegenschwärmen von Jung-Neapel entronnen, so führt der Weg fortwährend durch die üppigsten Wein- und Obstgärten, und bald überschreitet man die erste Lavarunst. Trotz dieser steinigen Garnierung ist dieser ganze vulkanische Boden überaus fruchtbar, und dies besonders für Hervorbringung fetter Rebsorten. Der berühmte Lacrimae-Christiwein stammt von hier. Es ist ein Gedanke, würdig eines Mystikers, einen süßen, schweren, berauschenden Wein auf den Namen Christustränen zu taufen. Ein richtiger Protestant muß das als Blasphemie empfinden, aber der naive italienische Katholizismus, der inwendig voller Heidentum steckt, macht sich nicht das mindeste daraus; saugt er ja doch überhaupt alles Süße aus dieser grundbitteren Wurzel. – Die Lava ist eine schlackige Masse, in deren Windungen man noch genau erkennen kann, welchen Weg der verderbliche Strom genommen hat. Übrigens ist sie ein sehr brauchbares Baumaterial, das mit der Säge zu paßlichen Formen, wie man sie eben braucht, geschnitten werden kann, aber doch die wünschenswerte Festigkeit hat. So triumphiert der Mensch immer wieder über die Materie und zwingt, was erst zerstörend über ihn gekommen, wieder zum Dienste des Aufbaus. Dies alles hat heroische Größe hier; man läßt sich nicht imponieren von diesem riesigen Speiteufel; mag er auch immer wieder feuerflüssig verqualstern, was auf seine Flanken geklebt wird, man nimmt seinen hartgewordenen Schleim und überklebt die Epidermis des Unholds aufs neue. Dabei beobachtet man den unheimlichen Gesellen exakt wissenschaftlich wie einen geisteskranken Riesen, und keiner seiner Atemstöße bleibt unregistriert. Auf dem königlichen Observatorium wird gewissenhaft Buch darüber geführt, und ist man auch noch nicht hinter alle seine Mucken gekommen, vieles weiß man doch schon. Ungern sieht man es, wenn er, wie eben jetzt, sich gar so still verhält. Man hat es viel lieber, wenn er ordentlich raucht; nur für die Besucher ist es ein Vorteil, wenn die Rauchsäule fehlt, denn auch diese Weise ist ihnen ein unbehinderter Blick in seinen Schlund gestattet. – Diese Wissenschaft wurde uns oben von dem Inspektor Cooks mitgeteilt, einem deutschen Ingenieur, der in der Hauptsache den Betrieb der Drahtseil- und Fahrradbahn unter sich hat. Von ihm erfuhren wir auch, daß unser Automobil erst das vierte war, das hier heraufgekommen ist. Dies ist begreiflich, denn dem Motor wird durch eine Vesuvfahrt ziemlich viel zugemutet. Größer noch sind aber, meiner Meinung nach, die Zumutungen, die der Weg von der Endstation der Cookschen Bahn bis zum Rande des Kraters an die Beinmuskeln derer stellt, die so fürwitzig sind, dem Vesuv in den Schlund sehen zu wollen. Ich finde, daß in den Reisebüchern die Anstrengungen, die dieser Weg bereitet, ein bißchen zu gelinde dargestellt werden. Fünfzehn Minuten lang durch ganz lose Asche und rollende Schlacken steilauf rennen zu müssen (denn die Führer geben das Tempo an, damit man sich genötigt sehen soll, ihre Schlepperdienste in Anspruch zu nehmen) ist mehr als hart für einen Stadtmenschen, und vielen Damen dürfte es unmöglich sein. Für sie stehen zwar Tragsessel bereit, aber wer sich denen anvertraut, muß völlig schwindelfrei sein; sonst ist eine solche Chaisenpartie auf den Schultern dahin galoppierender Männer ein etwas bängliches Vergnügen. Ich für meine Person gewahrte bald, daß ich das Rennen ohne Hilfe aufgeben mußte, und so ließ ich mich denn schleppen, indem ich mich an ein Seil hängte, das ein Mann vor mir zog, während einer hinter mir mich vorwärts schob. Trotzdem kam ich völlig außer Atem oben an und mit so schlotternden Knien, daß ich sehr bald rückwärts begehrte. Indessen bereue ich doch nicht, diese Parforcetour gemacht zu haben, denn wenn ich auch nur einen Blick in den Schlund des Vesuvs getan habe, so war der kurze Augenblick doch die Anstrengungen wert. Meine Frivolitäten, gerichtet an die Adresse Thomas Cook und Sohn, bat ich da oben sofort ab. Herr Cook ist ein betriebsamer Herr, aber der Vesuv ist doch, auch wenn er nicht raucht, ein Elementargewaltiger, der sich den Spekulationen selbst des spekulativsten Engländers entzieht. Zum Spaßen ist das nicht dort oben. Es ist ein grausiger Blick in die Tiefen des Verhängnisses, und, wenn er auch nur eine Minute währt, man wird doch im tiefsten davon ergriffen. Man versteht den Gedanken der Hölle, und Meister Beelzebub gewinnt Gestalt in einem. Wenn es noch Hexen gibt (und manchmal möchte man glauben, es gibt welche, wenn sie auch bei Tage pariser Toiletten tragen und nach Houbigants Parfum Ideal riechen), so halten sie ihre Tanzvergnügen ganz gewiß nicht auf dem harmlosen Blocksberg ab, sondern hier, wo ihr Kessel brodelt und die Schwefelschwaden direkt aus den Gedärmen der Erde kommen. Ich möchte doch einmal in der Nacht auf den Vesuv steigen. Es muß, bei Vollmond, ein Schauspiel von unerhört furchtbarer Macht und einer schauerlichen Schönheit sein. – Und da liegt nun rings umher die lichte Fülle des Südens, und es ist, von oben, ein Anblick des vollkommensten, in alle Sicherheit eingebetteten Friedens; alle Engel des Himmels halten, so sieht es aus, ihre Hände über die Werke der Menschen, und Hunderttausende haben dort ihre Freuden und Leiden, in jedem Kopfe tausend Vorsätze und Pläne, jedes Herz voll Sehnsucht, jeder Blutstropfen erfüllt von dem einen Triebe: Leben! Und inmitten dem allen siedet der große Unheilsbrei immerfort, immerzu, steigt auf, schwillt ab, kocht wieder hoch, – bis er plötzlich wieder einmal überläuft und Bahn frei macht für die wütenden Gewalten der Tiefe, denen das alles, was ringsum nach Glück atmet, so gleichgiltig ist, wie uns ein Insekt, das wir zerdrücken. – Gemeinplätze? Ja! Aber es ist ganz heilsam, einmal an sie erinnert zu werden. Nur muß man nichts ganz gemeines darauf folgern. Diese urgroßen Gegenstände dürfen uns nicht bange machen, sondern fröhlich. Auch der Schauer, den sie uns bereiten, erhöht schließlich unser Lebensgefühl. Sursum corda! Die Herzen hoch! Noch regnet es nicht Asche! Was geht uns das Feuer an, das da unten brennt? Oben, seht, glüht die Flamme unsres Lebens, die große Sonne! Dem Leben wollen wir gut sein und dem Tod nicht böse, denn, wie fragwürdig auch alle unsre Schlüsse sein mögen, der eine Schluß stimmt doch wohl, daß beide zueinander gehören und eins ohne das andre nicht zu denken ist. – Solcherlei Gedanken gibt ein Besuch des Vesuvs ein; – will man sie bestärkt finden, braucht man nur noch eine Station weiter zu fahren, nach Pompeji. Doch wird, wer die Kunst liebt, hier doch auf andre Gedanken kommen. Hier tut sich uns, wenn auch nicht ein Tor, so doch ein Seitentürchen ins Leben der Alten auf, und darüber vergißt ein rechtschaffener Adorant der Schönheit Tod und Teufel. – Eine Stadt des Todes, sagt man ja wohl, und stellt Betrachtungen darüber an, wie gräßlich es gewesen sein muß, wie es damals erst Bimsstein und dann Asche geregnet hat, bis alles schön eben bis etwa zum ersten Stockwerk bedeckt war. Gewiß, das ist sehr schrecklich gewesen, aber es ist nur natürlich, daß uns heute das Schicksal der vor achtzehnhundert Jahren auf grausame Weise ums Leben gekommenen weniger interessant ist, als der Einblick in antikes Leben, den wir diesem traurigen Ereignis verdanken. Was in Rom noch steht, sind in der Hauptsache Reste öffentlicher oder solcher Gebäude, die den Mächtigen zur Wohnung gedient haben; in Pompeji sind auch Einblicke bei Gevatter Schneider und Handschuhmacher erlaubt. Und eben darin liegt der Hauptreiz dieser Ruinenstadt. Sie läßt uns vom römischen Altertum ein Stückchen Werkeltag sehen, die wir sonst, wenn wir keine Mommsen sind, von ihm nur die Staatsaktionen kennen. Das ist ja das überaus Seltsame, daß uns vom Leben eines Volkes, auf dessen Sitten und Institutionen die unseren beruhen, dessen Geschichte und Weltanschauung uns bis in Einzelheiten vertraut sind, von dessen Kunst und Literatur wir die bedeutsamsten Reste besitzen, –daß uns vom realen Leben dieses Volkes ein halbwegs klarer Begriff im allgemeinen nur aus spärlichen Stellen seiner von uns studierten Schriftsteller hervorgeht. Welch' ein Glücksfall also, in diesen Sinne, der Untergang Pompejis! Er hat uns eine Stadt konserviert, die sonst zweifellos wie alle andern von Grund aus zerstört worden wäre, während von ihr nur die Teile diesem Schicksale verfallen sind, die aus der Asche und dem Bimsstein hervorragten. Damit ist gesagt, daß uns, im allgemeinen, nur das Parterre der Stadt übrig geblieben ist. Daher rührt wohl auch zum Teil der Eindruck des Niedlichen, den diese Stadt macht. Es ist, so möchte man sagen, eine Puppenstubenstadt: lauter niedliche Häuschen, vorn und oben offen. Kein Zweifel, die Privatarchitektur der Alten, wie sie sich uns hier zeigt, hat sich streng auf kleine Maße beschränkt, gemäß jenem Prinzipe, das uns schon aus den Gesetzen der ältesten griechischen Kolonien in Italien bekannt ist, daß nur dem öffentlichen Gebäude Größe erlaubt war. Wie winzig die Zimmerchen, Höfchen, Gärtchen, wie nippessachenhaft die Statuen, soweit sie sich nicht auf öffentlichen Plätzen oder in Tempeln finden, – aber alles, was dem öffentlichen Gebrauche dient, der Markt, die Gerichtshalle, die Bäder: groß, weit, monumental. Wo sich noch Malereien an den Wänden finden, wo überhaupt alles mehr beisammen gelassen ist, hatte ich für mein Teil einen Eindruck, der mich an das erinnerte, was ich aus Bildern und Beschreibungen vom japanischen Privathause weiß. Bemalt ist jedes Fleckchen und so, daß man spürt: Angst vor der Farbe haben die Pompejianer nicht gehabt. Das pompejianische Rot kennt man ja allgemein; es muß damals die Modefarbe gewesen sein, doch begegnet man auch Häusern, deren Besitzer die Mode nicht mitgemacht haben. Den besten Geschmack hat nach meinem Gefühle der Besitzer des Hauses gehabt, in dem der Farbendreiklang Schwarz-Rot-Gelb vorherrschend ist. – Erstaunlich ist, wie diese Farben heute noch leuchten, zumal in Häusern, die eben erst aufgedeckt wurden. Wir hatten Gelegenheit, ein paar ganz neue Ausgrabungen zu sehen, und da kamen die bunten Wände unter der Stein- und Aschenschicht hervor, als seien sie gestern erst bemalt worden. Leider waren es sehr rohe Bemalungen, aus denen man nur ersehen konnte, daß es auch damals schon »Patzer« gegeben hat, die nichts konnten, als wild darauflos schmieren, – was immerhin ein Trost für uns ist. – Meister Riegel, unser Maschinist, der uns auch hier begleitete, machte verschiedene zutreffende Beobachtungen. So die, daß das Automobilfahren im alten Pompeji seine Schwierigkeiten gehabt haben möchte. Denn, abgesehen davon, daß die ganz aus Quadern hergestellten Fahrdämme schauderhaft zerfahren sind (die Wagenspuren sind schon mehr Schluchten als Gleise) befanden sich auch in gewissen Zwischenräumen zur bequemeren Überschreitung für Fußgänger große steinerne Erhöhungen, an denen die halbe Maschine eines modernen Laufwagens hängen bleiben würde. Auch sind die Straßen in der Hauptsache sehr schmal. Es war, das darf man nie vergessen, eine kleine Provinzstadt, deren Reste wir hier vor uns haben. Noch ist längst nicht alles ausgegraben, und es ist noch für etwa hundert Jahre Arbeit übrig. – Die drei Stunden, während deren wir die tote Stadt durchwandert hatten, waren eben so heiß, wie interessant gewesen, und wir waren doch froh, als wir wieder die frische Zugluft genossen, in unserem Adlerwagen sitzend, diesem Symbol lebendigen modernen Lebens, das, mag es auch immerhin dem Vergangenen Interesse, Pietät, Studium entgegenbringen, doch unaufhaltsam nach vorwärts strebt. Steht man vor Resten der antiken Kultur, die eine ästhetische Kultur ist, so mag man leicht Anwandlungen spüren, unsre Zeit zu schelten, die neben dieser mächtigen Vergangenheit an Schönheitswerten bettelarm ist, aber, sitzt man im Automobil, wunderbar dahin getragen von einer aufs sinnreichste verwandten Kraft, so bittet man dieser Zeit gerne alles ab, was man gegen sie glaubte vorbringen zu müssen, und sagt sich: sie hat ihr Teil auf anderem Gebiete nicht minder voll geleistet, sodaß ihr nicht weniger Bewunderung ziemt. Nur muß sie nun auch auf Schönheit bedacht sein. Die Wunder der Technik müssen nun eine ihrer würdige Fassung erhalten. Und es wird geschehen. Der Zeitpunkt ist gekommen. Die technische Arbeit ist im großen wohl beendet, die ästhetische beginnt. – Wir fuhren im flottesten Tempo durch ununterbrochenes üppigstes Gartenland nach Castellamare und dann auf der großartig schönen Straße, die zur Rechten fast durchweg freien Blick auf das Meer bietet, über Vico Ecquense und Meta, zum hohen Sorrent hinan. Indessen sind wir froh, daß wir vor der eigentlichen Stadt hier in dem ehemaligen Jesuitenkloster Cocumella Station gemacht haben. Wir wurden mit Glockenläuten und Böllerschüssen empfangen, doch galt dieser festliche Lärm nicht uns, sondern einem Heiligen, dessen Statue eben in Prozession aus der Kirche von Cocumella gebracht wurde. Vorn schritt ein wunderhübscher Junge von etwa acht Jahren, der, nur mit einem Trikot bekleidet, die Ehre hatte, einen Engel vorzustellen. Aber auch er vergaß ganz sein himmlisches Amt und schenkte wie alle übrigen, die hinter ihm herschritten, seine ganze Aufmerksamkeit unserm Adlerwagen. – Daß wir etwas müde waren, läßt sich begreifen. Trotz unsrer vielen Rasttage in Neapel haben wir doch wieder das Bedürfnis, uns auszuruhen. Der Süden macht faul, und, da sie Schönheit ruhend am besten genießt, gibt man diesem Gesetze der Trägheit gerne nach. Dazu kommt, daß wir fühlen: wir werden es nirgends besser treffen. Ein Hotel, das kein Hotel ist, aber doch alles bietet, was zur Behaglichkeit dient, das ist etwas seltenes. Hier ist es zu finden. Das ehemalige Jesuitenkloster Cocumella ist eine wahre Dichterherberge, in der der Freund der Ruhe und Schönheit sich wohl geborgen fühlt, zumal wenn er wie wir, das Glück hat, die schönste Terrasse des Hausees zu besitzen.

Der zweite Akt unserer »Vernarrten Prinzeß« könnte hier spielen, weshalb ich keinen besseren Ort wußte, Sie zu grüßen, als diesen.

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