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Eine empfindsame Reise im Automobil

Otto Julius Bierbaum: Eine empfindsame Reise im Automobil - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
booktitleEine empfindsame Reise im Automobil
authorOtto Julius Bierbaum
year2000
publisherVerlag Dietmar Klotz
addressEschborn bei Frankfurt am Main
isbn3-88074-732-6
titleEine empfindsame Reise im Automobil
pagesV-XII
created20010113
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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XI.
Von Terni bis Frascati

An Herrn Professor Franz Stuck in München

Rom, den 10. Juni 1902.

Lieber Herr Stuck! Ich wollte Ihnen schon gestern schreiben, aber, wie es mir bisher nun immer auf dieser schönen Reise ergangen ist, wenn wir in einer großen Stadt ankamen: mich überfiel eine Erschlaffung. Wir sind durch das tägliche frische Luftbad so verwöhnt, daß die eingesperrte Luft der Städte uns wie Backofentemperatur vorkommt, in der zu leben uns anfänglich unmöglich scheinen will. Ich weiß nicht, ob es wahr ist, daß Fliegen vor Hitze umfallen, wie man sagt, – sicher ist, daß ich hier tatsächlich umgefallen bin und nicht imstande war, die Feder zu rühren.

Das ist kein würdiger Beginn eines römischen Aufenthaltes, und ich schäme mich seiner rechtschaffen. Aber das kommt davon, wenn Hyperboräer wie ich zu einer Zeit nach Rom fahren, wo selbst die Römer die Stadt verlassen und die meisten Hotels geschlossen werden. Saison morte. Selbst die enge Stadt kennt diesen Begriff.

Nun haben wir heute eine Rundfahrt gemacht, und die hat mich elektrisiert. Hitze hin und Hitze her, – in Rom gibt es Dinge, die alles vergessen lassen, selbst 35 Grad Réaumur. Ob ich aber Worte für sie finden werde? Kann man mit wirbelndem Gehirne schreiben? Ich will es versuchen und mit leichten Dingen beginnen.

Die Aussicht von meinem Fenster: Sie wird links von einem Seitenflügel des schönen Palazzo Barberini begrenzt, dessen Garten gerade vor mir liegt. Ein Garten nach unseren Begriffen, mit vielen Bäumen und dichtem Buschwerk, ist das nicht. Der Bäume sind nur wenige, aber es sind seltene Prachtstücke südlicher Art, immergrüne, die auch im Winter nicht kahl werden. Hinter ihnen hohe Häuser mit glatten Dächern (auf dem einen sitzt, der Kleidung nach zu schließen, ein Kammermädchen, und ich bilde mir ein, daß es ein hübsches Kammermädchen ist, denn es wäre sehr ungeschickt, mir ein häßliches einzubilden; deren gibt es genug in den italienischen Hotels, in denen, so scheint es, grundsätzlich nur Matronen vorgerückten Alters angestellt werden), und rechts hinauf, gleichfalls mit platten Dächern, aber außerdem mit vielen luftigen Balkonen (doch ist es leider zu heiß, als daß sich auch nur der Ansatz zu einem Kranze holder Damen auf ihnen präsentierte) die via delle quattro fontane, auf der ein lebhaftes Hin und Her von Menschen zu Fuß und zu Wagen ist. Ich sehe und nenne: Mönche, Carabinieri, ein paar verspätete Engländer, Malermodelle aus den Abbruzzen (denn die »spanische Treppe« ist nicht weit), ein Trupp Bersaglieri (wie Max Schillings mit Recht sagt: die schönsten Soldaten der Welt), ein Zug von Leuten mit Dreimastern und merkwürdigen Uniformröcken, in der Hand Wachskerzen, also wohl eine Begräbnisbrüderschaft, und, siehe da: auch drei »Krebse«. So nenne man nämlich, ihrer roten Soutanen wegen, die deutschen Seminaristen in Rom. An den Straßenecken sitzen junge Burschen, die Kirschen feilhalten, die sie in Form von Trauben zusammengebunden haben. Hinten, wo die via delle quattro fontane von einer andren Straße gekreuzt wird, sehe ich, einen Trupp Kürassiere voran, einen Trupp Kürassiere hinterher, im schnellsten Tempo eine Hofkalesche fahren. Vielleicht ist es der König oder die Königin. Die arme Ellena! Sie ist zwar die Königin, aber sie gilt nicht als solche. Noch immer denkt der Italiener an die blonde Margherita, wenn er la regina sagt. – Im ganzen genommen: das Straßenbild ist lebhaft, bunt, großstädtisch, aber seinethalben würde man kaum hier in der Hitze aushalten. Den Italienern, denen, je nach ihrer politischen Meinung, Rom heilig ist als Wahrzeichen der unita Italia oder des Papsttums, gilt in erster Linie das lebendige Rom, – uns verschwindet dieses vor den Resten des toten, dem wir doch allein die Ewigkeit zuerkennen.

Vor diesem tritt in mir jetzt alles andere zurück, aber ich bin froh, daß ich vorher noch von anderem zu handeln habe, denn ich würde (s. o.!) noch nicht imstande sein, Worte darüber zu finden. Ich frage mich wieder: werde ich es später? Das Ziemlichste wäre hier, zu schweigen oder Goethe zu zitieren. –

Einstweilen zurück nach Terni! Eine merkwürdige Stadt, –: sie hat keine Sehenswürdigkeiten. Wenigstens nicht innerhalb ihres Burgfriedens. Doch ist sie trotzdem viel besucht als Ausgangsort für die berühmten Wasserfälle le marmore. Es versteht sich, daß wir unsern Adlerwagen zu ihnen lenkten, und wir haben sehr wohl daran getan, denn sie sind ein herrlicher Anblick. Man muß aber nicht an das denken, was in der Schweiz oder Tirol ein Wasserfall heißt. Es ist nicht der gewisse Gießbach, der senkrecht eine hohe Schlucht herabfällt, sondern es ist ein Terrassensturz. Erst, in drei Strängen, eine hohe Wand herab, in einen mittleren Kessel, von wo aus sich die Gewässer als flüchtiger Staub bis fast zur halben Höhe der Wand wieder erheben, dann in wilden Strudeln zu einer zerrissenen Felsenstufe, und nun im gewaltigsten Schwalle herunter zum eigentlichen Bette des Flusses, wo dann der übermütige Springer bald ruhiger wird. Das ganze hat Majestät und Würde und sieht sich fast wie Kunst an, – wobei man aber an das denken muß, was man sich unter antiker Kunst vorstellt. Es ist wie eine Bändigung des Elements: erst hierher, daß sich deine Kraft im wildesten bricht, nun hier, wo sie sich nochmals abmühen mag, den alten Trotz zu gewinnen, und jetzt, kräftig noch, aber machtvoll geregelt, hinab zu gelassener Ruhe. Man nimmt einen großen Eindruck für immer mit sich. – Von Terni an führt die Straße immer aufwärts, wieder über einen Ast des Apennin, und wieder fiel es uns auf, wie öde dieses Gebirge ist und wie groß der Unterschied zwischen den Landschaften, die es trennt. Der Übergang selber ist nicht entfernt so schwierig wie der zwischen Faenza und Florenz; auch ist er viel kürzer. Die Campagna, in die wir nun eintraten, enttäuschte mich, weil ich unwillkürlich gehofft hatte, einen so überwältigenden Eindruck zu erhalten, wie er mir damals beschert war, als sich zum ersten Male Toskana dem Blicke auftat. Im Vergleiche dazu wirkt die Campagna arm. Sie ist kein Garten, wie Toskana, sondern in der Hauptsache Wiesen- und Weideland, nur spärlich unterbrochen von einzelnen Eichen. Keine Villen, wenig Dörfer, nur ärmliche Farmen und Viehhürden. Wir sahen viele Schafherden und eine große Anzahl von ungebührlich belasteten Eseln. Fast daß die Tiere darunter verschwinden, sind sie mit Heu bepackt, und man sieht die braven kleinen Burschen häufig genug zwei Reiter tragen. Die Frauen sitzen auf ihnen nach Männerart, was sich recht wunderlich ausnimmt. An ihnen bemerkten wir zum ersten Male die Miedertracht (nicht Niedertracht zu lesen!), d. h. das Korsett als Kleidungsstück ohne nochmalige Verhüllung durch eine »Taille«. Also eine Schale weniger, was zu begrüßen wäre, wenn die Korsetts sauberer aussähen. – Noch Seume erzählt von der Unsicherheit dieser Gegend; jetzt gibt es hier wohl kaum Räuber. Sie hätten dreimal leichte Arbeit mit uns gehabt, denn 25 Meilen vor Rom begann dasselbe Geduldspiel mit den Pneumatiks, das bereits unserm ersten Apenninübergang beschieden gewesen war: wir mußten dreimal »abmanteln«. Gelassenen Sinnes, wie man wird, wenn man seit acht Wochen im Laufwagen reist, haben wir uns nicht viel daraus gemacht und uns während dessen genauer in die Campagna vertieft, wobei es uns denn aufging, daß diese Öde einen Zug von Größe hat, – zumal, wenn man im Hintergrunde die Peterskuppel gewahr wird. – Die Straße, die man befährt, ist die alte via flaminia; es tut mir leid, zu sagen, daß wir sie als die schlechteste erfanden, die uns bisher auf italienischem Boden beschieden war. Im Altertum ist sie gewiß so vortrefflich gewesen, wie alles, was der antike Staat für die Öffentlichkeit baute (z. B. die schöne Brücke über den Tiber, hinter Otricoli), und sie hat sich nur noch nicht von der Zeit des Kirchenstaates her erholt, denk ich mir, da ich der Partei der »Königlichen« recht gebe, die auf Plakaten ihren Wahlspruch hier so formulieren: In Roma siamo e ci rimaniamo. (Meine Frau belehrt mich eben, daß das ein Ausspruch Viktor Emanuels II. ist). »Liebt der Signor den König oder den Papst?« fragte uns ein Mann, der bei uns Halt machte, als wir unserm braven Führer beim Reparieren zusahen, und er war sehr unzufrieden, als wir ihm darauf keinen bestimmten Bescheid gaben. Für den heutigen Römer muß das wohl, wenn er nicht gerade Sozialdemokrat ist, politisch die Hauptfrage sein, und diese Frage drängt sich mit der ganzen Wucht der Peterskuppel auf. Auch dem Fremden wird erst hier die Wunderlichkeit des Zustandes recht auffällig, die darin liegt, daß der einstmalige Souverän des Landes depossediert in seiner ehemaligen Residenz sitzt. Man versteht, überlegt man sich dies, die Redensart von der Gefangenschaft des Papstes, – es ist der Aufenthalt im Vatikan für ihn in der Tat wenigstens eine Art relativer Gefangenschaft, und für ein Temperament wie das des Kardinals Rampolla muß dieser Zustand eine arge Pein sein. Der gegenwärtige Papst selber mag ihn persönlich eher erträglich finden, da er körperlich ohnehin kaum die Kraft hätte, die Grenzen des Vatikans zu überschreiten, und da er geistig seinen Trost im vornehmsten aller geistigen Sports findet: in der lateinischen Poesie. Das gläubige Volk ist hier übrigens überzeugt, daß er körperlich gar nicht mehr lebt, und daß es nur sein Geist ist, dem die Engel für die Augenblicke, wo er sich öffentlich zeigen muß, zur Materialisierung verhelfen. – Mich kümmert diese Frage wenig; mag der Papst leben oder tot, gefangen oder souverän sein: die Hauptsache ist für mich in Rom, daß ich mit Augen sehen kann, was von der Antike noch lebt.


Das Automobil auf der antiken Tiberbrücke hinter Otricoli

Frascati, den 13. Juni 1903.

Dies ist einer der Orte, wohin die Römer fliehen, wenn es ihnen in ihrer Capitale zu heiß wird; der König selber, so heißt es, lenkt täglich sein Automobil hierher. Uns trieb nicht nur die Hitze aus Rom, sondern auch ein Gefühl der Unruhe, wie es sich einstellt, wenn man seiner Empfindungen nicht Herr werden kann, und wenn man eine Aufgabe vor sich sieht, die zu bewältigen man nicht imstande ist. Rom in fünf Tagen, – das erzeugt einen Wirbel der Seele, und ich sage mir heute, es wäre doch besser gewesen, sofort nach der ersten Umfahrt weiter zu reisen. Und wenn wir statt fünf Tagen fünfzehn geblieben wären oder auch fünfzig, – es wäre nichts anderes herausgekommen. Ein Deutscher braucht für Rom mindestens ein halbes Jahr. – Es gilt ja hier nicht, eine fremde Stadt kennen zu lernen; hier handelt es sich um vielmehr: es stellen sich hier leibhaftig alle die Probleme vor der erschauernden Seele auf, die uns im Eigensten angehen. Dieses Rom ist ja unsre Hauptstadt ebenso gut, wie die der Italiener. Von hierher stammt unsre Gesittung, unser Recht; hier wurde uns die Schönheit, die Religion gelehrt. Es ist die Hauptstadt der europäischen Kultur. Ob wir darüber froh sein sollen, oder ob wir Anlaß haben, darüber zu klagen, – gleichviel: es ist so. Unsre Vorfahren haben, und wir haben keine Ursache, darauf stolz zu sein, das antike Rom, diese ungeheure Herrlichkeit, in Trümmer geschlagen, aber der Geist war mächtiger als die mächtigen Steine, und er rächte sich an den Wilden, indem er ihnen alles nahm, was sie an eigenem Geiste besaßen. Ihre Götter, – was sind sie uns, die wir doch ihres Blutes sind, vielmehr als indianische Ungetüme? Im besten Falle Figuren der Phantasie Richard Wagners. Wir haben in ein paar Märchen Spuren davon gerettet, das ist alles. Die Antike setzte sich, ob sie auch niedergetrümmert war, ästhetisch im Christentume fort, und unser Schönheitskodex stammt nicht weniger aus Rom, als der Kodex unsres Rechtes. Und das Christentum selber ist uns auf römisch beigebracht worden. Hier läuft alles in einem Punkte zusammen, was Jahrhunderte lang fast ausschließlich auf uns gewirkt hat und noch heute fort wirkt, so oder so. Welcher Deutsche müßte hier nicht nachdenklich werden? – Zuerst ist es ein Gefühl ratlosen Staunens. Man sieht diese wunderbaren Reste der Antike, die alles übertrafen, was man sich davon vorgestellt hat, und man fühlt sich ganz Barbar. Das ist alles so unerhört gewaltig, Zeuge einer ästhetischen Kultur, neben der das, was wir selbst hervorgebracht haben, vollkommen verschwindet. Und dann fragt man sich: Wie konnte das geschehen? Wie war es möglich, daß dies unterging? Alles dies war im eigentlichsten Sinne auf die Ewigkeit berechnet, und nun stehen Ruinen. Man wird von Zorn ergriffen und ist töricht genug, mit dem Schicksal hadern zu wollen. Was die christliche Zeit an die Stelle des alten gesetzt hat, erscheint Einem kümmerlich, und nur der eine Michel Angelo findet Gnade vor den empörten Augen. Ja, was man Holdseliges und Erhabenes von christlicher Kunst früher mit Entzückung gesehen hat, droht zu verschwinden, will klein, belanglos erscheinen. Man fühlt sich wie entwurzelt. Etwas übermächtiges ist vor die Seele getreten, und diese Seele wird von einem Überschwange ergriffen, um nur dieses Eine ganz zu haben: die Antike. Indessen, es zeigt sich doch, daß diese Seele nicht mehr imstande ist, all das aufzugeben, wovon sie bisher erfüllt war, und daß sie nicht mehr imstande ist, jenen Riesengast aus gewaltigerer Zeit zu beherbergen, und so kommt die Umstimmung. Aus der Empörung wird Resignation und, dank der Kunst, die, wenn auch in anderem Geiste, immer weiter das Schöne als Trost in die Welt gesetzt hat, aus der Resignation ein Gefühl der Zuversicht, daß, wenn auch nichts, was Menschen schaffen, ewigen Bestand hat, doch unverwüstlich die Lust und die Kraft in den Menschen bleibt, Schönes zu gestalten. Wer von sich mit Fug sagen dürfte, daß er einer Kultur wie der antiken gewachsen wäre, der mag mit Nietzsche, der wohl aus sich ein Recht dazu hatte, eine Wiederkunft jenes römischen Geistes heraufbeschwören wollen, – uns anderen ziemt eine bescheidenere Pose, und wir wollen es nur ruhig gestehen, daß wir jene Gesundheit der alten Welt nicht ertragen könnten. Wir können nichts, als bewundern, aber wir sind differenziert genug geworden, daß wir auch für alles das, was hinterher gekommen ist, Organe besitzen, und wir tun gut daran, diese Organe zu nützen. Wir sind auf eine Bahn gekommen, die von der Antike wegführt, denn unsere Gesittung ist im Grunde sentimentaler Natur. Man denke an das, was Klinger mit seinem Christus im Olymp hat ausdrücken wollen: der Schatten des Kreuzes zwischen den genießenden Göttern und Psyche, die sich dem Heiland zu Füßen wirft. Aber dann sind die Naturwissenschaften auf den Plan getreten und die Erkenntnisse, deren großer Schlußfolgerer Nietzsche ist: damit tut sich eine Perspektive auf, die vielleicht doch wieder zur Bahn der Antike führt. In unsrer jüngsten Generation kann man Anzeichen dafür gewahren, doch ist einige Vorsicht wohl geboten, denn es ist nicht alles Nietzsche, was glänzt. – So führt Rom zu allen Wegen hin, wie alle Wege nach Rom führen. Eine Stadt, die dazu verlockt, leichte Sprünge zu machen, ist es durchaus nicht, und wer nur eine Spur Ernst in sich hat, der wird dessen hier gewahr. Oder ist es nur unser schweres deutsches Blut? Die Römer von heute glaub ich, nehmen die Sache leichter. Mit Recht, denn sie würden sonst von ihrer Stadt erdrückt werden. – Übrigens die Römer oder vielmehr die Römerinnen. Ich hatte mir in diesem Punkte allerhand Einbildungen gemacht, die sich, wie ich bekennen muß, wahrscheinlich auf Goethes römische Elegien zurückführen. Mag es daher gekommen sein, daß ich für nichts Augen hatte, als für die alten Steine, oder waren alle die schönen Damen und Nicht-Damen verreist, – kurz, ich habe meine Einbildungen nicht bestätigt gefunden. Außer ein paar hübschen Modellmädchen, denen man aber auch in München an der Akademietreppe begegnen kann, ist mir nichts aufgefallen, was einen besonderen Eindruck auf mich gemacht hätte. Doch muß man wohl auch hierfür länger als fünf Tage in Rom bleiben. Und dann, glaube ich, hat dies auch noch einen anderen Grund: die besondere Schönheit der italienischen Frau stimmt im allgemeinen nicht zu der modernen Mode; es gehört Kostüm dazu. Und die Kostüme sind in Italien bis auf wenige Gegenden fast völlig verschwunden. Für die Mode aber ist heute der Norden tonangebend, und der Süden, indem er sich darein schickt, verliert darunter. Südländer und zumal Südländerinnen, die sich nach den Gesetzen kleiden zu müssen glauben, die King Edward im nebligen London erfunden hat, wo alles auf Nebel und Ruß berechnet werden muß, während hier die Sonne Farbe, Farbe, Farbe heischt, treiben eigentlich eine Maskerade, und eine recht unvernünftige, nämlich unlustige, dazu.

Und nun liegt Rom denn hinter uns, oder nein: es liegt vor mir, da unten, in der nächtigen Campagna, von der nichts sichtbar ist, und von Rom selber leuchten nur die vielen Lichter des Bahnhofs bis hier herauf. Hier aber in Frascati, ist es wunderschön, weil es sehr schön frisch ist. Ich begreife den Ré vollkommen, daß er täglich sein Automobil hierher lenkt, wo es zudem nicht so viele Klerikale gibt, wie in der ewigen Stadt, die doch noch vielen Römern mehr die Residenz des Papstes, als des Königs gilt. Diese Konkurrenz von zwei Souveränen an einem Ort ist die größte moderne Kuriosität Roms. Nach der Meinung der liberalen Italiener ist für den Papst-König nicht das Mindeste mehr zu hoffen, aber die Klerikalen sind natürlich anderer Meinung. Sicher ist, daß Rom in dieser Hinsicht aus zwei feindlichen Lagern besteht und daß man den Vatikan eine Insel nennen kann, der es an Brandung nicht fehlt. Die braven Schweizer in ihren etwas an Maskenvergnügungen erinnernden Wämsern sehen übrigens, wenn sie auch sehr friedlich ihre schweizer Zeitungen lesen, während sie auf der Bank des Haupteinganges zum Vatikan sitzen, ganz wie Leute aus, die sich, wenn es notwendig sein sollte, für ihren Soldgeber totschlagen lassen. Es sind fast ausnahmslos gewaltige Gesellen, denen nur etwas mehr Bewegung not täte. Es scheint nicht, daß sie viel langsamen Schritt üben, denn der Fettansatz ist bei den meisten beträchtlich. – Es war uns angenehm, daß unsere Ausfahrt aus Rom uns noch einmal direkt an der Peterskirche vorbeiführte. Dieser Bau repräsentiert die ecclesia triumphans wirklich imposant, doch wird man die gewaltigen Raumverhältnisse ganz nur im Innern gewahr. Da aber ist der Eindruck überwältigend, und nicht etwa bloß wegen der ungeheuren Maße, sondern vornehmlich infolge der wunderbaren Maßabwägung. Alles drückt aufs Vollkommenste Erhabenheit aus, alles geht aufs Ganze. Es mag wunderbare Einzelheiten darin geben, aber ich wüßte nicht, wer Neigung dafür empfinden sollte, sich hier mit ihnen zu beschäftigen; man steht nur und empfindet ein intensives Raumwohlgefühl. – Wir mußten an Sankt Peter vorüber, weil wir noch den Katakomben des heiligen Calixtus einen Besuch abstatten wollten, und wir wollten diese gesehen haben, weil uns dies der passendste Abschluß unsres kurzen römischen Aufenthaltes zu sein schien: ein Blick in die versteckten Grabkammern des frühen Christentums, das bald aus der Erde emporschreiten und in die Erde niedertreten sollte, was vordem auf ihm gelastet hatte. Die Katakomben, die wir sahen, stehen unter der Obhut von Trappistenmönchen, zu deren Ordensgelübden bekanntlich das der Schweigsamkeit gehört. Demnach war der Frate, der uns herumführte, kein Trappist, denn der sprach sehr viel und geläufig, und man hatte die Wahl, ihn italienisch, französisch oder deutsch sprechen zu hören. Wir entschieden uns natürlich für Deutsch und waren erstaunt, unsre Sprache mit deutlichem niederdeutschem Klange zu vernehmen, als ob es ein als Mönch verkleideter Matrose von unserer Wasserkante wäre, der hier sprach. Es war aber der Mönch ein Holländer, und mir scheint, das ist nun Kuriosität genug: ein katholischer Holländer, der als Mönch die Fremden in den römischen Katakomben herumführt. Er tat dies ohne jede Feierlichkeit, vielmehr mit einem Anfluge von niederdeutschem Humor. Sein Hauptbestreben war, meine Frau gruseln zu machen, und er schien es für sehr wichtig zu halten, ihr vor Augen zu führen, daß auch von uns einmal nichts weiter übrig sein werde, als ein bißchen Asche. »Hier liegen vornehme Leute begraben, – auch bloß Asche; – wollen Sie vielleicht mit in den Gang hier kommen? Kommen Sie nur! So werden Sie auch einmal aussehen. Asche! Asche! Weiter bleibt nichts übrig!« Und dazu lachte er sehr vergnüglich. »Es riecht ein bißchen schlecht hier unten; aber es sind ja die Katakomben und kein Parfümerieladen. Dort hinten riecht es noch schlechter. Wollen Sie mit dort hinter kommen? Kommen Sie nur! Dies steht uns allen bevor.« Eigentlich paßt diese Art von Kommentar ganz gut in diese Maulwurfsgänge des Todes, in diese unterirdische Stadt der Verwesung, wo die Straßen nicht bloß neben-, sondern auch übereinander hinlaufen, und wo rechts und links nichts zu sehen ist, als Grabkammer an Grabkammer. Das etruskische Familiengrab hinter Perugia war weihevoller, muß ich sagen, und auch vornehmer, und der antike Genius des Todes mit der umgekehrten Fackel ist ein schöneres Symbol für das Ende alles Lebendigen, als die Symbole, die man hier zu sehen bekommt, obgleich sie alle die Unsterblichkeit der Seele betonen. In diesem Sonne wird die Geschichte des Jonas symbolisch aufgefaßt und dargestellt, der ins Meer geworfen, von einem Fisch verschluckt und wieder ausgespieen wurde. Die Art der Darstellung ist ganz antik, aber unbeholfen. Diesen Künstlern, wenn man sie so nennen darf, kam es offenbar mehr auf den Glauben, als auf die Schönheit an. Christus, als guter Hirte dargestellt, erscheint ohne Bart, wie immer in den frühesten Zeiten (z. B. auf den ältesten Mosaiken). – Im ganzen ist so ein Besuch bei den Toten nicht gerade eine lustige Sache, wenn man auch, wie wir, einen schnurrigen Mönch zum Führer und ein Gemüt hat, das sich nicht leicht bange machen läßt. Man begrüßt das Licht des Tages, die reine Luft der Oberwelt doch mit Vergnügen und freut sich, daß man von dem großen Fische noch nicht verschlungen, und daß selbst nicht der Leichenwagen mit dem Zeichen des Kreuzes ist, der auf einen wartet, sondern der Laufwagen mit dem Fabrikzeichen des Adlers. Ehe wir ihn bestiegen, ließen wir uns von den Mönchen noch ein Paket selbstfabrizierter Schokolade verkaufen, und wir haben im Laufe des Tages gefunden, daß diese römische Trappistenschokolade zu den besten gehört, die man essen kann. Wie denn überhaupt alles vorzüglich ist, was die Mönche am Eß- und Trinkbarem hervorbringen, – man denke an die berühmten Karthäuserschnäpse! (Wie tut es mir leid, fällt mir eben ein, daß ich mir in der Certosa bei Florenz keine Schildkrötensuppe habe servieren lassen können, weil just an dem Tage unsres Besuches die Pforte geschlossen war. Eine real turtle soup, die nichts kostet, als ein Vergelts Gott, – das ist doch wohl ein vornehmes Almosen und ein gutes Argument für den Ultramontanismus!) – Wir fuhren nun eine Weile immer dicht an der römischen Stadtmauer entlang, links die zerbröckelnde, aber aus allen Ritzen Pflanzenwuchs treibende Mauer, rechts einen Wassergraben mit geradezu ungeheuer hohem Schilf. Dann einer ganz herrlichen Lorbeerallee vorüber. Der Lorbeerbaum ist der wundervollste Schattenspender von der Welt; auch nicht ein Kringelchen Sonne kommt durch dieses dichte, dunkle, glänzende Blattwerk, das aber doch genug Luft durchläßt. Nun durch die Campagna, deren grandiose Öde gleich hinter der Stadt beginnt. Ein paar Reste der schönen alten Aquädukte ragen auf; da und dort lädt eine Osteria zum Verweilen ein (doch möchte ich persönlich solcher Einladung nicht gerade gerne folgen); manchmal ein schöner großer Baum, Eiche oder Pinie, – sonst Alles weite Leere mit Viehherden und den unglaublich primitiven Hütten aus schwarz verwittertem Schilf. Aber vor uns zeigt sich die schöne Linie des Gebirgs von Frascati mit vielen Ortschaften und Lustsitzen, – fast zu nahe für uns, die wir lieber noch ein paar Stunden länger den Genuß der Laufwagenfahrt im frischen Windzuge hätten nach diesen Tagen der brütenden Schwüle in Rom. Indessen, schon sind wir da. Es ist gerade Feierabend, und die Leute ziehen von der Arbeit in der heißen Niederung hinauf in die kühle Stadt. Die Straße ist herrlich: von schönen großen Akazien eingefaßt und zwischen Gärten. Ein unbeschreiblicher Abendfrieden, und die ganze Campagna wie in einem Meer von Gold. Ob wir nicht Rom in der Abendsonne liegen sehen können, vielleicht die steinerne Papstkrone der Peterskuppel allein herausleuchtend als letzten Gruß? Nein, von dem Geflimmer des Abendgoldes ist alles überwogt und verwischt: Michel Angelos erhabene Kuppel sowohl wie die dürftigen Schilfhütten der Campagnahirten.

So habe ich Ihnen von Rom also wirklich nichts gegeben, als das Bekenntnis, von ihm bis zur Wortlosigkeit ergriffen zu sein. Ein Schelm, der mehr sagt, als er selber klar empfindet. Ich würde mir erbärmlich, ein kleiner, dreister Lügner vorkommen, wollte ich große Worte einer Bewunderung übereinander türmen, die viel größer ist, als daß ich unter ihrem fast drückendem Banne Worte dafür fände. Ich weiß nur eines: Ich werde wieder einmal nach Rom fahren, und dann auf ein Jahr. Dann werde ich aber klüglich mit der christlichen Kunst anfangen und über Michel Angelo hinweg mich erst spät an die Antike wagen.

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