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Eine empfindsame Reise im Automobil

Otto Julius Bierbaum: Eine empfindsame Reise im Automobil - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
booktitleEine empfindsame Reise im Automobil
authorOtto Julius Bierbaum
year2000
publisherVerlag Dietmar Klotz
addressEschborn bei Frankfurt am Main
isbn3-88074-732-6
titleEine empfindsame Reise im Automobil
pagesV-XII
created20010113
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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VIII.
Von Florenz bis Siena

An Herrn Professor Peter Behrens in Darmstadt

Cortona, den 4. Juni 1902 im Albergo nationale.

Lieber Peter! Ich erinnere mich, wie Du mir vor Jahren von Siena geschwärmt hast, und so soll dieser Teil der Reise Dir gewidmet sein, den ich jetzt besonders gerne an meiner Seite sähe.

Wir fuhren vergangenen Sonnabend, den 31. Mai in Begleitung eines Bruders meiner Frau früh ½9 Uhr von Florenz weg und nahmen unseren Weg über San Miniato, als letztes Wahrzeichen der schönen Stadt die Bronzenachbildung von Michel Angelos David grüßend, die von der Höhe des nach dem gewaltigen Meister benannten Platzes auf dieses Bild einer in lauter Schönheit gebetteten Stadt niederblickt.

So herrlich die Kunst ist, die in dieser Stadt entstanden ist oder ihre zweite Heimat in ihr gefunden hat, – wir verließen sie doch gerne, denn wir sehnten uns wieder in die freie Landschaft.

Es gibt Menschen der Stadt und Menschen des Landes. Ich gehören zu denen, die sich auf die Dauer nur auf dem Lande wohl fühlen und in den Städten am liebsten nur als Gäste weilen. Vermutlich ist das eine Neigung, die mit dem lyrischen Metier zusammenhängt. Im Horaz findet sich manches schöne Wort darüber, und auch sonst haben die antiken Lyriker (so die in der Anthologie vereinigten) gezeigt, daß sie den Reizen idyllischen Lebens empfänglich waren. Auch was in China und Japan in lyrischen Zungen gedichtet hat, war der grünen Einsamkeit hold (der alte Li-tai-po voran), und unsre lieben deutschen Minnesänger haben desgleichen ihre innigsten und lautersten Töne draußen gefunden, – unter einer Linden in einem Tal. Kein Wunder, denn es läßt sich nirgends so lieben wie auf dem Lande, wo ja auch die Frauen erst ganz köstlich werden und ihr heimlichstes naturnahes Wesen am unmittelbarsten offenbaren. Die Stadt produziert Surrogate, auf dem Lande wird hervorgebracht, was direkt von Gottes Gnaden ist. Ein Weizenfeld ist schöner, als die »bedeutendste« Fabrik, und wenn gar zwischen dem Weizen Öl und Wein, Feigen und Zitronen gedeihen, dann ist der Herrlichkeit gar kein Ende, und den Dichtern fallen die rundesten Reime so voll ins Herz, wie die reifen Früchten den Ernterinnen in die Schürzen fallen. Die einzige passende Nebenbeschäftigung für einen, der in der Hauptsache dazu geschaffen ist, Verse aufzufangen, scheint mir die Landwirtschaft zu sein, soweit sie keine industrielle Nüance angenommen hat. Schnaps und Ziegel brennen, das ginge zu weit für den lyrischen Landwirt, aber ein bißchen Getreide, Wein, Öl, Obst bauen und ernten und dazwischen Rosen ziehen, – per Diana, ich wollte dafür getrost alle Premièren Berlins hingeben und alle Klugredereien über Literatur und Kunst und alles was »Ruhm« heißt »unter dem Strich«. Auch würde mich auf meinem Acker, zwischen meinen Bäumen noch viel weniger als jetzt schon kümmern, was unter dem Vorwande kritischer Belehrung an Gift und Galle hervorgebracht wird, und die Krämpfe des literarischen Neides, die man, ob man will oder nicht, in der Stadt mit ansehen muß, würde ich, hörte ich unter meinen Rosen davon, ins Reich der Sage verweisen und ganz einfach nicht glauben. –Schade, daß ich fürs Erste nur Gast sein darf, wo Milch und Honig fließt, der Weinstock sich um die Ulme windet, das Silbergrau des Ölbaumes über dem Grün der Saaten leuchtet. Indessen ziemt sich mir dieses Bedauern jetzt nicht, wo ich vor allem Dank dafür schulde, daß ich eben doch zu Gaste bei Bacchus und Ceres sein durfte, jetzt, da wir in Bagnano waren, wo eine Tante meiner Frau ein Landgut hat, dem kein Reiz der echten Idylle fehlt. Wir sind durch das Tal der Elsa über Tavernelle, den Geburtsort meiner Frau, dahingefahren inmitten des gesegneten Hügellandes von Toskana, für dessen Landschaft es mir an Worten gebricht. So weit der Blick reicht, eine unabsehbare Folge sanfter Hügel im zartesten Grün, unterbrochen von ebenso zartem Grau und Rosa. Dieses Rosa kommt von den Feldern her, auf denen der hohe toskanische Klee mit den wunderschönen zartrosafarbenen Blüten steht. Das Grau ist die Farbe des Olivenlaubes und der Gebäude. Was sind das für entzückende Villen, für prächtige Schlösser! Alles hat den vornehmen Reiz des Alters, nirgends drängt sich protziges Moderntun hervor, – es ist eine unbeschreibliche Harmonie von Natur und Kultur. In anderen Gegenden Italiens zeigt sich das Alte oft von seiner fataleren Seite: als Verfall. Davon läßt sich hier wenig bemerken. Die Landhäuser der Herrschaften haben im allgemeinen zwar ein bescheidenes Ansehen und zeigen nicht den Luxus überströmenden Reichtums, aber sie sind anständig erhalten, und auch die Bauerhäuser präsentieren sich nicht als malerische Ruinen, sondern als ordentliche, meist groß angelegte Gebäude. – Bei dieser Gelegenheit ist eine Bemerkung über die Art am Platze, wie hier das Verhältnis zwischen Herren und Bauern geregelt ist. Ein eigentlicher bäuerlicher Besitzstand existiert nicht. Alles ist in Herrschaftshänden. Aber der Bauer ist auch nicht direkt Lohnarbeiter oder Pächter. Es ist so: die Herrschaft übergibt einem Bauern einen Teil ihres Besitztums zur Bewirtschaftung gegen die Hälfte des Ertrags. Alle Anschaffungen und Extrakosten trägt die Signoria, und der Bauer hat die Wohnung sowohl wie alles Geräte umsonst. Ist er tüchtig, so entwickelt sich ein durchaus gegenseitig gutes und dauerndes Verhältnis, das unter Umständen über viele Generationen hindauert. So ist z. B. das Landgut der Verwandten meiner Frau schon über 300 Jahre in den Händen der Familie und ebenso lange ist eine bäuerliche Familie im Anteil daran. Das sind sehr unmodern patriarchalische Zustände, aber sie haben sicherlich vieles für sich, so lange nur die Herrschaft sowohl wie der Bauer gerechten und redlichen Sinnes sind. –Ich hatte noch ein gut Teil der Mattigkeit in mit, die ich der Kessellage von Florenz verdanke, in der sich Korpulenzen wie die meine auf die Dauer kaum wohlfühlen können, trotz aller primitiven Madonnen, und so fehlte es mir etwas an der Frische, ohne die es eine volle Empfänglichkeit nicht gibt, aber ich habe doch einen starken Begriff von den Reizen erhalten, die das italienische Landleben bietet. Dieses Leben hat durchaus keinen großen Stil, aber es gibt alles her, was der Freund der Natur und Einfachheit zu seinem Behagen sich nur wünschen kann. Man hat ein hübsches altes Haus mit kühlen wohnlichen Räumen, eine kleine Bibliothek, schönen alten Hausrat, freundliche Dienerschaft, die zur Familie zählt, und rings umher breitet sich die Wirtschaft aus, die nach unsern deutschen Begriffen ein großer Garten ist. Die Küche wird bis auf das Fleisch von dem bestritten, was das eigne Land bringt. Im Keller liegt der rote Chianti und der gelbe Vino santo, und nebenan stehen die großen Tonkübel voll Öl. Auch das Brot wird selber gebacken. Es schmeckt, besonders geröstet, ausgezeichnet. Enrico, der Vetter meiner Frau, spricht auch von der Jagd, doch ist mir das ein zweifelhafter Punkt, da ich außer einem bißchen Unterholz von Eichen nichts wahrgenommen habe, was man mit einigem Fuge einen Wald nennen könnte. Ich hege den Verdacht, daß man Vogeljagd betreibt, und das wäre dann das einzige mir Unsympathische an der Idylle von Bagnano. –Mit der Kirche lebt man natürlich in Frieden. Man hat seine eigene Kapelle, in der man sich auch einmal begraben lassen kann, und wenn es, wie letzten Sonntag, eine Prozession gibt, so macht man auf dem kleinen Vorplatz dieser Kapelle ein kleines Kunstwerk aus Blättern und Blumen: erst einen Kreis aus roten Rosen, darum ein Band aus gelben Ginster, dann eines aus hellgrünen Akazienblättern, und, damit man merke, daß dies eine Sonne sein soll, läßt man rings herum aus andern Blumen kleine Strahlen hervorgehen. Über das Ganze schreiten dann mit großen Kerzen in den Händen kleine weißgekleidete Mädchen im Kommunikantenschleier, alte Bauern in weißen Kitteln, und, unter dem gelben Baldachin, Mönche und Priester mit dem Sanktissimum. Es versteht sich, daß man davor niederkniet, selbst wenn man, wie wir, gleichzeitig ein paar Momentaufnahmen macht. Ich denke, sie müssen gelungen sein, denn der Priester, weit entfernt, unsere Verbindung von Devotion und Amateurphotographie zu mißbilligen, wandte uns segnend das Sanctissimum zu. – Ich kann nicht sagen, daß ich in Italien an Christentum zunehme, aber ich verstehe den Katholizismus immer besser. Diese Religion ist hier durchaus national und entspricht den Bedürfnissen des Volkes an praktischer Metaphsysik vollkommen. Denken erfordert sie gar nicht; das ist (ohne Ironie gesprochen) ihr Hauptvorzug. Dafür liefert sie alles Notwendige an fertigen Formeln und versäumt keine Gelegenheit, ein Schauspiel zu geben, das, so sehr es auch immer sich an die Sinne wenden mag, doch stets seine deutliche Beziehung zum Übersinnlichen hat. Diese Religion unterbricht die Werktagsreihe nicht bloß einmal in der Woche, sondern umrankt mit ihren Blüten, seien es Rosen oder Passionsblumen, das ganze graue Gerüst der dreihundertfünfundsechzig Tage des Jahres. Was wir als Neues erstreben und wozu wir kaum Ansätze fertig gebracht haben, hat diese Religion, die das alte Heidentum beerbte, indem sie es ablöste, längst erreicht: sie hat dem Alltage Kunst gegeben. Es muß freilich gleich hinzugefügt werden, daß sie sich darin ausgegeben hat. Eine lebendige katholische Kunst gibt es seit langem nicht mehr, und es kann einem heute in Italien begegnen, daß man, wie wir heute in der Kirche des heiligen Domenicus zu Cortona, ein unsäglich schönes altes Meisterwerk ohne Rahmen an die Wand gelehnt findet, während auf den Altären scheußliche Öldrucke aufgestellt sind, das Stück zu 15–20 Franken. Wie man es wenden möge: ob man sage, daß die Kunst sich von der Religion abgewendet oder daß die Religion nicht mehr die Kraft hat, die Kunst zu befruchten, – eins ist sicher, die beiden gehen nicht mehr zusammen. Kein »Verein für christliche Kunst« wird daran Wesentliches ändern, denn die Religion durchdringt nicht mehr alles Schichten des Volkes, ist nicht mehr das Herz des ganzen Lebens. Daß sie in den unteren Schichten und in einzelnen Herzen noch überaus mächtig ist, ändert daran nichts. – Ich komme nicht von ungefähr auf dieses Thema (das sich übrigens hier in Italien jedem aufdrängt, der nachdenklichen Gemütes ist), sondern es ist eine Begegnung der letzten Tage, die mir die Frage der Religion näher gebracht hat. Ich habe vergangenen Sonntag zum ersten Male Gelegenheit gehabt, eine Nonne kennen zu lernen, die von ganzer Seele und aus innerster Bestimmung Nonne ist und so vollkommen den Eindruck beglückten Friedens, reinster Seelenruhe macht, wie ich es noch nie an einem Menschen bemerkt habe. Es ist eine ältere Schwester meiner Frau, jetzt fünfunddreißig Jahre alt und seit mehr als zwanzig Jahren im Kloster, aber ich hatte die Empfindung, einem jungen Mädchen gegenüber zu stehen, das kaum die Zwanzig überschritten hat. Nur Menschen des innersten Glückes könne sich so jung erhalten. Es war für mich eine der größten Überraschungen, die ich je erlebt habe, denn ich hatte mir eine Verwelkte, Strenge, erwartet, und was ich sah, war der Inbegriff stillen Blühens, seligen Daseins. Eine unbeschreibliche Güte in jedem Blick, jedem Wort, die lieblichste Grazie in jeder Bewegung, nichts, durchaus nichts, was verriet, daß dieses Wesen auch nur das geringste an innerem Lebenswerte verloren hätte durch die Aufgabe der Welt. Suor Luigia, wie Antonietta im Kloster heißt, hat den Weg zum reinsten Glück gefunden, indem sie, ein halbes Kind noch, das es von früh auf dahin verlangte, ins Kloster ging, und ich sage mir: eine Institution, die, wenn auch vielleicht nur in seltenen Fällen, dies vermag, beweist dadurch, daß sie nicht durchaus die Verirrung des menschlichen Geistes ist, als welche sie den meisten im Geiste Luthers, des ausgesprungenen Mönches, aufgewachsenen Deutschen und auch vielen Katholiken erscheint. Es ist vielmehr wohl so, daß der vollkommene und ganze Christ nur im Kloster gedeihen, nur im Kloster sein volles Glück erfahren kann. Woraus denn freilich hervorgeht, daß das reine und ganze Christentum eine Sache ist, die sich nur für wenige schickt. Wie könnte es auch anders sein bei einer so extravagant idealistischen Lehre, für die das Leben mit der Todsünde beginnt. Unsre protestantischen Pietisten sind schlechte Dilettanten dieses reinen Christentums, und es wäre unbegreiflich, daß ihnen ihr Stümpertum nicht zum Ekel wird, wüßte man nicht, daß alle Dilettanten ein so unbeirrbares Vergnügen an ihren Stümpereien haben. Ein Vergnügen in Gott, wie das selige Leben einer reichen Nonne, ist es nun aber doch nicht.

Foligno, den 6. Juni 1902, Albergo La Posta.

Ich sehe mit Schrecken, wie ich mich in Allgemeinheiten verloren habe, statt Dir von meiner Reise zu erzählen. Suor Luigia gehört freilich zu meinen Reiseerlebnissen, und zu den schönsten, – was aber gehen mich hier in Italien die deutschen Pietisten an? Ich muß mich beeilen, hinter mir herzukommen. Man sieht, daß ich im Automobil reise, – nicht einmal mit der Feder komme ich nach. – Das Kloster, in dem Antonietta Pruneti-Lotti als Suor Luigia lebt, steht in Certaldo allo neben dem alten Schlosse, das, als es monumento nazionale wurde, der Familie Pruneti-Lotti gehört hat. Schade, daß dem nicht mehr so ist. Ich würde gewiß jedes Jahr auf ein paar Wochen in ihm zu Gaste sein, und das wäre herrlich. Es ist ein schöner, ernster Herrenbau, aufs Reichste mit alten Fresken und Wappen geschmückt, darunter ein paar schöne della Robbias. Besonders der Hof ist schön in seiner scheinbar launenhaften Form mit Treppen und Säulen. Ich machte mir sogleich ein Bild, wie man den alten Freskenschmuck unmittelbar einer für uns heutige behaglichen Möbeleinrichtung am besten zur Geltung bringen könnte. Man müßte, so dachte ich mir, die Wände überall dort, wo die Bemalung verloren gegangen ist, mit schweren, auf den Ton der Freskenreste gestimmten Stoffen verkleiden und die kostbaren Überbleibsel der alten Malereien mit alten Goldborden einsäumen. Das sollte, meine ich, heimlich und prächtig zugleich lassen, doch wäre es freilich schwer, Stoffe zu finden, die würdig wären, diesen alten Herrlichkeiten benachbart zu werden. – Im Kloster der heiligen Dorothea verbrachte ich, während meine Frau mit Antonietta in deren Zelle war, eine halbe Stunde voll reinster Stimmung zwischen den Obstbäumen und Blumenbeeten des Nonnengartens, von dem aus man eine wundervolle Aussicht über dieses gesegnete Hügelland genießt. Es war um die Stunde des Ave-Läutens, und ich empfand einen innigen Frieden, ein Gefühl der vollkommensten Beruhigung und Klarheit. Ich mußte an Angelus Silesius denken, diesen Fra Angelico der Lyrik, der mir aber lieber ist als dieser, weil er tiefer und weil er so grunddeutsch ist. Es ist ein großes Verdienst Hartlebens, daß er auf diesen deutschen Dichter-Mönch wieder aufmerksam gemacht hat. – Montag, den 2. Juli haben wir von Bagnano Abschied genommen, wo wir so wohl aufgenommen waren und wo es auch unseren getreuen Führer und Helfer in allen Automobildingen, dem trefflichen Riegel, so gut gefallen hatte, daß er seinem neuesten italienischen Freunde, dem witzigen Geschichtenerzähler und brillanten Bocciaspieler Pietro, eine Adlernadel verehrte, will sagen eine Shlipsnadel mit dem Fabrikzeichen der Adlerfahrradwerke. Louis Riegel hat nur dieses Ordens- und Ehrenzeichen zu verleihen, und ich glaube, daß er sparsamer damit umgeht, als irgend ein Fürst mit seinem Hausorden. Verleiht er es also einmal, so zeigt dies an, daß er von den angenehmsten Gefühlen aufrichtiger Zuneigung erfüllt ist. Im allgemeinen gibt er sich solchen Zuneigungen Italienern gegenüber nicht schnell hin, schon deshalb nicht, weil er im Grunde einige Voreingenommenheit gegen alle Leute hegt, die kein deutsch verstehen. Er findet das ungebildet. Es ist merkwürdig, wie schnell er sich trotzdem überall verständlich macht. Selbst Reparaturdetails gibt er aufs genaueste an, und es ist noch nie passiert, daß er darin falsch verstanden worden wäre. Sein Hauptinteresse gilt den Dingen, die mit seinem ursprünglichen Handwerk, der Schlosserei, zusammenhängen. Begleitet er uns in alte Kirchen oder Schlösser, so bleibt er sofort in Betrachtung vor irgend welchem Eisenwerk versunken stehen und kargt nicht mit Ausdrücken der Anerkennung. Er hat sich auch schon manches abgezeichnet oder aufnotiert, und oft macht er mich auf interessante Dinge dieser Art aufmerksam, die mir sonst entgehen würden. So erregte in Bagnano sein Interesse das Handwerkzeug der Bauern, besonders ein Gerät, das gleichzeitig Rundmesser und Hacke ist, und eine Leiter, die aus einem gespaltenen Stamm besteht, in den die Sprossen eingefügt sind. In Venedig konnte er sich nicht satt sehen an dem schönen schmiedeeisernen Gitterwerk der Palastfenster. Es ist eine Freude, ihn zu beobachten, und auch das ist angenehm, zu sehen, wie alle Leute seines Standes, die hier mit ihm zu tun bekommen, sich ihm vertraulich anschließen. Sie verstehen einander mit Worten gar nicht, aber sie kommen vortrefflich miteinander aus, und wo Riegel ist, hat Lachen und fröhliches Gehabe kein Ende. Nur die Gassenjungen kann er nicht leiden, die sich immer, wo der Wagen Halt macht, um ihn versammeln, lärmend und gestikulierend und alles anfassend. Da wird er wild, weil er bei jedem die Absicht voraussetzt, die Laufmäntel zu zerschlitzen. Die Mädchen finden den stattlichen Deutschen offenbar überall sehr nett, er aber läßt sich durchaus nicht mit ihnen ein, denn er hat sein »Käthche« in Frankfurt und hält es mit dem Liede: »Nur in Deutschland, ja nur in Deutschland, da soll mein Schätzlein wohnen.« (Worin er sich sehr wesentlich von mir unterscheidet.) Ein grundbraver, geschickter und tüchtiger Mensch, dessen Begleitung uns noch nie einen Augenblick lästig war, abgesehen davon, daß er sein Geschäft bis ins Letzte versteht. Er ist unsre Zuversicht für und für, und, was auch am Wagen passieren mag, er wird sicher immer Rat wissen. Ich wünsche jedem, der sich einen Laufwagen anschafft, einen Maschinisten wie unsern Riegel dazu, denn das beste Automobil ist ein unvollkommenes Ding, wenn ihm nicht ein Besorger und Lenker beigegeben ist, der es bis in die Einzelheiten kennt und Liebe zu ihm hat. Wir machten mit unserm verhältnismäßig leichten Adlerwagen, dessen einzylindriger Motor nur acht Pferdestärken besitzt, mehr, als manches Automobil mit zwei und mehr Zylindern von doppelter und dreifacher Kraft, und dies verdanken wir, neben der sehr zweckmäßigen Konstruktion unsres Wagens, doch in erster Linie der Tüchtigkeit unsres Führers. Es ist notwendig, darauf hinzuweisen, denn es scheint mir, daß diesem wesentlichen Punkte nicht überall die Wichtigkeit beigemessen wird, die er hat. Wer sich einen Laufwagen anschafft, um mit ihm längere Reisen zu unternehmen, der soll sich seinen Maschinisten in der Fabrik, der er sein Vehikel entnimmt, mindestens anderthalb Monate anlernen lassen, und dann möge er sich selber bei ihm in die Lehre begeben. – Wenn wir kein so festes Vertrauen auf unsern Wagen und seinen Führer hätten, würden wir es von Bagnano aus nicht unternommen haben, nach dem steil hoch gelegenen alten San Gimignano zu fahren, das, wie wir freilich erst später erfuhren, selbst dem Automobil des Herzogs von Aosta große Schwierigkeiten bereitet hat. es wurde uns erzählt, daß der Wagen des Herzogs nach rückwärts ins Rollen gekommen und ein Unglück nur dadurch verhütet worden sei, daß die ganze Volksmenge sich ihm entgegengestemmt habe. Derlei wird uns mit unserem Adlerwagen und Riegel gewiß nie passieren, doch sind auch wir nicht ohne Zwischenfall, dem ersten dieser Art, auf die Höhe von San Gimignano gelangt. Die Straße da hinauf, von Anfang an steil, nahm kurz vor der Stadt solche Steigungsprozente an, daß erst ich, dann meine Frau und schließlich auch Riegel absteigen mußte, nun neben seinem Wagen einherschreitend das Lenkrad in der Hand, wie jener schwäbische Ritter im gelobten Lande das Halfterband seines Schlachtrosses. Plötzlich aber, kaum zehn Meter von der Höhe, blieb der Wagen stehen, und Riegel erklärte sofort, daß jetzt kein Zureden mehr helfen werde. Die Grenze der Leistungsfähigkeit unserer acht Pferdekräfte war überschritten. Schon nahten Bauern, die Ochsen anboten, aber sie machten ihre Vorspannrechnung zu früh. Wir luden sie einfach ein, den großen Reisekoffer hinaufzutragen, und der Wagen bequemte sich sofort, seinen alten guten Viertakt wieder anzunehmen, als er sich dieser Last entledigt fühlte. Auf der Höhe schnallten wir ihm den Koffer wieder auf, nahmen alle drei unsre Sitze ein und fuhren, als wäre uns nicht das Geringste passiert gleichmütig und gelassen in das alte Turmnest ein.

Torni, den 7. Juni, Albergo Europa.

Ich setze meine gestern unterbrochenen Aufzeichnungen hier fort, wo wir Station gemacht haben, um morgen die berühmten Wasserfälle zu besuchen. Leider geht unser Zimmer direkt auf die Piazza hinaus, und so bin ich gezwungen, inmitten eines Lärmes zu schreiben, der zweifellos bis um Mitternacht anhalten wird und meinen Ohren keineswegs angenehm ist. Ich glaubt nicht, daß ich mich jemals an den abendlichen Spektakel auf den Hauptplätzen der kleinen italienischen Städte gewöhnen werde. Das Stimmengesumme der Promenierenden möchte noch hingehen, obwohl die guten Leute lauter reden, als es einem Deutschen anständig zu sein scheint, aber die Zeitungsausrufer und Leierklaviere sind schlechthin unerträglich. Ich möchte wohl wissen, ob die alten Römer auch schon so gebrüllt haben. Jedenfalls hatten die Vornehmen ihre Wohnungen fern dem Lärm der Straße und waren dem plebejischen Geschrei und Getrubel entrückt. Ich, der ich der Stille bedarf wie der reinen Luft, bin hier übel daran und muß meine ganze Philosophie aufbieten, dabei gelassen zu bleiben. Ich habe mir einen Spruch im Tonfalle des Angelus Silesius gemacht, den ich mir sofort zitiere, wenn mir ärgerliche Gefühle bei dem Getobe kommen. Er hat mir bisher immer geholfen und heißt so:

Sei Du nur still in Dir
Und laß den Pöbel schrein,
Dann wirst Du allem Lärm
Taub und enthoben sein.

Im Garten Gottes wird
Der Lärm der Welt Gesang,
Und Gottes Garten wird
Ein Herz, das sich bezwang.

So will ich also fortfahren und jetzt von San Gimignano erzählen. Es ist die Stadt, die früher die schöntürmige hieß und, so klein sie war, gegen siebzig Türme gehabt haben soll. Man ersieht aus alten Städtebildern (z. B. in Siena), daß die italienischen Städte des Mittelalters überhaupt voller Türme gewesen sind. Das kam von den vielen Zwistigkeiten der edlen Geschlechter untereinander, deren Paläste zugleich Burgen sein mußten. Auch in einzelnen Städten Deutschlands, so in Regensburg, finden sich noch Wahrzeichen dieser streitbaren Privatarchitektur. San Gimignano scheint aber in Türmen alle übrigen Städte des Landes übertroffen zu haben. Auf alten Bildern sieht es aus, wie ein großer Igel mit gesträubten Stacheln. Selbst jetzt zählt es noch dreizehn Türme, und da es hoch auf einem Berge gelegen ist, macht es schon von weit her einen recht grimmigen Eindruck. Durchwandert man seine Straßen, so bedarf man nicht vieler Phantasie, sich in die Zeit zurückzuversetzen, als Dante hier als Gesandter von Florenz gewirkt hat. Die Straßen eng, die Häuser hoch und düster, – aber in den Kirchen leuchten die brünstigen Farben einer starken Frömmigkeit. So wirkt das Innere des Domes, wie wenn es mit köstlichen Gobelins behängt wäre, und wir erhielten hier zum ersten Male einen Eindruck davon, welcher Wirkung die Innendekoration al fresco fähig gewesen ist. Gegen das Mosaik der frühesten christlichen Kunst gehalten, ist auch diese Wirkung matt, aber es bleibt doch ein köstlicher Schmuck, und an den Einzelheiten kann man sich kaum satt sehen. Domenico Ghirlandajo hat in zwei Fresken die heilige Fina verherrlicht, die eine Gimignanerin gewesen ist; es sind Malereien von einer ergreifenden Schönheit, und so innig empfunden, wie alles, was wir sonst von diesem Meister bisher gesehen haben. Benozzo Gozzoli, der in der Kirche San Agostino das Leben des heiligen Augustin al fresco erzählt, zeigt sich als anmutiger Novellist und ich delikater Zeichner gleichzeitig. Uns gefiel besonders das Bild, auf dem dargestellt wird, wie der kleine Augustin von seinen Eltern dem Grammatikprofessor in Tagaste überantwortet wird. Man sieht schon hier dem artigen Bengel an, daß er einmal ein großer Heiliger werden will, aber das übrige kleine Volk ist nicht minder hübsch anzusehen. – Von San Gimignano sind wir bei ziemlicher Hitze nach Siena gefahren, an vielen alten mauerumgürteten Ortschaften und den echten sieneser Strohhüten vorbei, die sich auf hübschen Bauernmädchenköpfen allerliebst ausnehmen, aber durch einen modischen Aufputz aus falschen Blumen und Federn nicht gerade gewinnen. Diese Hüte sind von der einfachsten alten Form: ein sehr niederer platter Kopf mit enormer biegsamer Krempe. Legt man um den Kopf einen schlichten Kranz von Rosen oder Mohnblumen, so ist es der ideale Strohhut für junge Mädchen und Frauen. Aber was sage ich das Dir, dessen Frau einen solchen Hut trägt? Auf Siena war ich etwas vorbereitet durch das, was Du mir darüber früher erzählt hast, und so machte ich mich nicht ohne große Erwartungen ans Schauen. Das hat zuweilen böse Folgen, denn die Wirklichkeit bleibt oft hinter schrankenlosen Einbildungen zurück, und niemand ist ärgerlicher als einer, der mit aller Kraft der Phantasie sich ein Bild von einer Sache gemacht hat und dann findet, daß die Sacht nicht hält, was die Phantasie versprach. So ist es mir als jungem Studenten mit den Bergen der Schweiz ergangen. Ich hatte mir so unsinnig hohe und dermaßen »pittoreske« Felsen gedacht, daß mir das Berner Oberland wie eine Reihe von Hügeln vorkam, für die ich ein mitleidiges Lächeln hatte. Mittlerweile habe ich mich dieses knabenhaften Überschwangs der Phantasie glücklich entwöhnt und lasse mir von der Realität gern imponieren. So auch hier. Und nun verzeihe, wenn ich Dir von Dingen berichte, die Du mit Deinen Maleraugen noch besser gesehen haben wirst, als ich. Nimm es als einen Versuch, Dich an Schönheiten zu erinnern, von denen ich zuerst durch Dich erfahren habe, und wenn Du sie deutlicher in der Erinnerung hast, als meine Worte sie Dir machen können, so denke daran, daß Worte das schlechteste Mittel sind, Schönheiten, die das Auge genossen hat, leibhaft wieder erstehen zu lassen. Man kann um die Dinge immer nur herumreden. Der Palazzo Publico ist ein prächtiges Stück alter Trutzarchitektur, und sein Inneres reich an eindrucksvollem Schmuck. Ambrosio Lorenzetti hat den Machthabern seiner Stadt in großen Fresken vorgehalten, was eine gute und was eine schlechte Regierung ist. Allzuviel ist davon nicht zu sehen, und gute und schlechte Regierung sind nur noch ein schön zusammengewachsenes Stück reicher Farbe, aber einiges hebt sich noch heraus und macht viel Vergnügen, so die angenehme Fülle des Mädchens, das den Frieden vorstellt. Doch ist dies wenig gegen zwei Fresken von Taddeo di Bartolo, die den Leichenzug und die Himmelfahrt Mariä vorstellen. Es ist nicht zu sagen, mit welchem Geschmack auf diesen Bildern das aufgelegte Gold verwendet ist. So wie die Stadt auf dem Hintergrunde der Himmelfahrt mag San Gimignano früher ausgesehen haben. Der Hintergrund des andren Bildes zeigt, wie sich der Maler das alte Jerusalem vorgestellt hat. Er wäre gewiß enttäuscht gewesen, wenn er in das wirkliche gekommen wäre. Vom holdesten Liebreiz ist eine Freske von Matteo di Giovanni da Siena. Aber solcher Madonnen und Engel gibt es hier gar viele. Schildern läßt sich ihre Lieblichkeit nicht; man muß sie sehen (meist in der Academia), und ich habe mir zur Erinnerung einige in Photographien mitgenommen. Wenn man sich die Farben dazu vorstellen will, so darf man ja nicht mit zartestem Rosa, Blaßgrün, Blaßblau und hingehauchtem Golde sparen. Doch fehlte es auch nicht an solchen mit tiefen, satten Farben. Diese muß man sich z. B. bei der Madonna und dem Erzengel von Neroccio Landi und bei der Madonna des Sano del Pietro denken. Den holdesten Ausdruck von allen hat wohl die Maria des Neroccio, die in halber Figur dargestellt ist. Soll man darüber noch Worte machen? Es ist besser, dieses Antlitz recht lange zu betrachten und von Herzen froh des Anblickes zu sein. Der Maler muß, während ihm dies gelang, ein vollkommenes Glück empfunden haben, – das spürt man heute noch. – Der Dom von Siena hat eine kostbare Fassade aus rotem, weißem und schwarzem Marmor; steht das im hellen Sonnenlichte da, in allen Einzelheiten der reichen Meißelarbeit scharf beleuchtet, so wirkt es wie ein riesiges Schnitzwerk aus einem Stücke, und man mag gar nicht auf Einzelheiten achten. Es ist herrlich. Tritt man dann ins Innere, jenen Glanz noch in den Augen, so hat man die Empfindung, als seien diese Mauern durchscheinend und es ruhe hier dasselbe Licht, doch gedämpft. Ein stilles Leuchten erfüllt den wundervollen Raum. So schön er aber als Ganzes ist, man wendet sich sofort an Einzelnes, sobald man den Fußboden betrachtet hat. Dieser ist etwas höchst merkwürdiges und einzig in seiner Art. Er ist mit Platten bedeckt, die wie riesige Holzschnitte wirken: mit schwarzem Stuck ausgegossene Umrisse in weißem Marmor. Ich kann nur von denen reden, die den Boden der Seitenschiffe bedecken und antike Sibyllen darstellen, denn die Platten des Mittelschiffes waren verdeckt, aber was ich sehen durfte, ist ganz herrlich. Die eine Photographie, die ich davon beilege, ist nach einer Kopie gemacht, die nicht entfernt den Reiz der strengen und doch höchst eleganten Linie wiedergibt. Die Darstellungen im Mittelschiff müssen, nach Photographien zu urteilen, sehr interessant sein, doch kann ich mir nicht denken, daß sie stärkere Wirkung zu machen vermögen als diese köstlichen Sibyllen. – Die Bibliothek ist prachtvoll durch Fresken Pinturicchios und enthält als Kleinod die antike Gruppe der drei Grazien, der Canova die seine nachempfunden hat. – Zum Schluß haben wir der heiligen Katharina einen Besuch gemacht, der wundertätigen Färberstochter von Siena. Ich bin doch zu sehr Protestant, um von wundertätigen Jungfrauen besondere Eindrücke zu empfangen, es sei denn, sie treten mir in schönen Malereien gegenüber, wie Sankta Fina von Ghirlandajos Gnaden. Aber das Gebet Katharinens hat eine schöne Inbrunst. Deutsch möchte es so lauten: »O heiliger Geist, o ewige Gottheit, Liebe, Christus, kehr ein in mein Herz; zieh es zu Dir, o mein Gott, durch deine Macht und erfüll es mit Güte voller Bangen. Behüte mich, ewige Liebe, vor jedem bösen Gedanken, laß mich warm werden und erglühen in Deiner süßen Liebe, auf daß mir alles Schwere leicht werde. O mein heiliger Vater und süßer Herr, hilf meinem Dienste. Christus, Liebe, Christus, Liebe, – Amen!« – Das ist nicht bloß das Gebet Katharinens, das ist auch das Gebet all dieser holden Madonnen von Siena. – Lebe wohl!

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